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fftoriitTT of
^ß wt^\/ßliUUll
\ 1817 ^ ^ djP" ^
AHTBS SCIENTIA VER.ITAS
Neue
JAHRBOGHER
für
Philologie und Paedagoglk.
Begründet
von
M. Johann Christian Jahn.
Gegenwärtig herausgegeben
von
Reinhold Klotz Radolph Dietsch
Professor in Leipzig Professor iu Grimma
und
Alfred FleckeiseD
Gymnasiallehrer in Dresden.
ZWfillJMDZWAMZieSTESR JAHRGAM«.
Fünfundsechszigster Band.
Leipzig 1852
Druck und Verlag von B. G. Tcubner.
A
Vorwort.
Mehr als sechsundzwanzig Jahre sind verflossen , seit die Jahr-
bücher für Philologie undPaedagogik ins Leben traten. War in diesem
langen Zeiträume auch manche bittere Erfahrung zu verschmerzen,
mancher schwere Kampf zu bestehn , so können wir doch mit dank-
barer Freude auf denselben zurückblicken, da sich die Zeitschrift stets
gütiger Theilnahme zu erfreuen hatte und in Folge davon eine nicht
unerspriessliche Wirksamkeit auszuüben vermochte. In der lieber-
zeugjing, dass sie ihre Dankbarkeit gegen die Mitarbeiter und Leser
und ihr Interesse für die Wissenschaft und das höhere Schulwesen
nicht besser an den Tag legen könnten als durch erhöhte und
erneute Anstrengungen, um möglichst allen gerechten Anforderungen
zu genügen, berathschlagten Redaction und Verlagshandlung unter sich
und mit Freunden , was in dieser Hinsicht zu thun räthlich und nöthig
sei , und glaubten mit der Ausführung dessen, was sich als wttnschens-
werth ergeben hatte, nicht erst bis zur Beendigung eines Jahrgangs
zögern zu dürfen , sondern dieselbe sofort ins Werk setzen zu müssen.
Freudig erfüllt die Redaction die Pflicht, von den Veränderungen,
welche mit Beginn des fünfundsechzigsten Bandes eintreten , Rechen-
schaft abzulegen.
Da alle Erfahrungen die Ueberzeugung begründen , dass die aus
des genialen Passow Geiste entsprungene, durch den unvergesslichen
Jahn praktisch ausgebildete und von seinen Nachfolgern festgehaltene
Idee der Zeitschrift noch immer fruchtbar sei , und dass die Humanität
mit Ernst verbindende unparteiische Haltung derselben sich bei der über-
wiegenden Mehrzahl ihrer Leser voller Anerkennung erfreue , so er-
schien die Festhaltung der bisher befolgten Grundsätze
und der ursprünglichen Tendenz als Pflicht, dagegen stellte
sich bei dem von Jahr zu Jahr mehr anwachsenden Reichthum der Litte-
ratur eine Erweiterung des der Zeitschrift zugemessenen
Raumes als Bedürfniss heraus. Die Verlagshandlung, welche ihren
Eifer für die Wissenschaft immer bewiesen, entschloss sich bereit-
willig, eine solche Druckeinrichtung zu treffen, dass ohne Ver-
mehrung der Bogenzahl und ohne gänzliche Umgestaltung ein
grösserer Raum gewonnen würde. Das hier vorliegende Heft gibt
davon Zeugniss, dass dabei die Eleganz der Ausstattafi^u»d.^\ft.^^^Q!v.-
4 Vorwort.
lichkeit des Drucks eher gewonnen als verloren hat. Welch bedeuten«
des Opfer dabei gebracht werde, da von einerErhöhung desPrei-
ses gänzlich abgesehn w i r d , wird jeder Einsichtige ermessen.
Um die Geschäfte besser besorgen und grössere Thätigkeit ent-
wickeln zu können , erkannten die beiden bisherigen Redactoren eine
Vermehrung ihrer Kräfte für nothwendig. Sie haben die Freude , in
dem mitunterzeichneten A. Fleckeisen, Lehrer am Vitzthumschen
Geschlechtsgymnasium und Blochmann-Bezzenbergerschen Erziehungs-
haus in Dresden, ihrem Leserkreis einen Collegen vorstellen zu kön~
nen, dessen litterarische Leistungen und bewiesener Eifer für die
Wissenschaft eine tüchtige Förderung unserer Zeitschrift verbürgt.
Beide Veränderungen werden es möglich machen , von allen be-
deutenden Leistungen aus den Gebieten der Wissenschaften, welche
im Kreise der Zeitschrift liegen, wie bisher ausführliche und einge-
hende Beurtheilungen zu geben , zugleich aber das Ganze der Lit-
teratur schneller und vollständiger in kürzeren Anzeigen
und Uebersichten zur Kenntniss zu bringen. Die uns bereits
zugesagte oder in Aussicht gestellte Mitwirkung von namhaften Ge-
lehrten lässt uns die Erreichung dieses Zieles trotz der entgegen-
stehenden Schwierigkeiten hoffen.
Liegt es im Interesse der Wissenschaft und des höhern Schul-
wesens , dass von den an den einzelnen Anstalten vorgegangenen Ver-
änderungen, von deren äusseren und inneren Verhältnissen , namentlich
aber auch von den durch sie ausgegebenen Gelegenheitsschriften, die
selten im Buchhandel zu haben sind und auf dem Wege des Program-
mentausches erst später und in grosser, schwer zu übersehender
Masse den einzelnen Anstalten zukommen , möglichst vollständig und
schnell genaue Kenntniss verbreitet werde , so hoffen wir beifällige
Zustimmung auch für die Einrichtung , welche uns um grössere Voll-
ständigkeit, Praecision und Schnelligkeit (namentlich in den statisti-
schen Mittheilungen) zu erreichen räthlich schien, dass nämlich in
Zukunft die Personal- und Schulnachrichten für sich
gegeben, die Programme und Dissertationen aber nach
Fächern zusammengestellt zur Anzeige und Beurthei-
lung gebracht werden. Wie weit wir unsere Absicht erreichen
können , hängt freilich davon ab , ob wir durch freundliche Zusendung
von Notizen und durch gütige Erfüllung der von uns vor kurzem wie-
derholt an die Directionen der Gymnasien Deutschlands gerichteten
Bitte unterstützt werden.
Vorwort. 5
Wenn wir ferner auch A u s z ü g e und In ti'alts angaben aus
den bedeutendsten Zeitschriften geben werden, so glauben
wir damit den Wünschen vieler unserer Leser entgegenzukommen.
Eine wesentliche Veränderung schien das mit den Jahrbüchern ver-
bundene Archiv erfahren zu müssen. Dieses war bisher dadurch, dass
in Folge des dem Publicum gegebenen Versprechens jährlich eine be-
stimmte Bogenzahl geliefert werden musste , seiner ursprünglichen Be-
stimmung, den Mitarbeitern Gelegenheit zu bieten, sich über interessante
Gegenstände ausführlicher, als es deren Zwecke gemäss in einer Recen-
sion geschehn könnte, auszusprechen, entfremdet worden. Jene Bestim-
mung in Zukunft mit Strenge festzuhalten, ist unser Eutschluss, dazu aber
die Verwandlung der Supplemente in zwanglose Hefte
nothwendig. Wenn dieselben dann auch nicht zunächst mit Recensio-
nen in Verbindung stehende, aber die Wissenschaft und das Unter-
richtswesen wahrhaft fördernde Abhandlungen und ausführliche Mit-
iheilungen erschienener Gesetze und Verordnungen enthalten werden,
so wird dies gewiss weder dem Zweck der Supplementhefte noch den
Wünschen der Leser widersprechen.
Welcher Einsichtige sollte verkennen, dass die Anbauuug und
Verbreitung eines echt wissenschaftlichen Geistes eine der wichtig-
sten Aufgaben sei, von deren Erfüllung wesentlich das Glück der
Zukunft abhängt? Der Kampf, den die Humanitätswissenschaften und
die auf sie gegründeten Anstalten gegen viele Gegner zu führen haben,
ist noch nicht beendet. Niemand möge augenblickliche Ruhe für Frie-
den oder Sieg nehmen! Gerade hierin liegt die Aufforderung, das
eigne Haus auszubauen und zu befestigen, damit es künftigem An-
dränge zu widerstehn geeigneter werde. Ohne Anmassung dürfen
wir aussprechen, dass die Jahrbücher für Philologie und Paedagogik
unter den dazu bestimmten Zeitschriften einen ehrenvollen Platz ein-
genommen haben. Redaction und Verlagshandlung glauben den Be-
weis geliefert zu haben, wie sie Opfer und Anstrengungen nicht scheuen,
um die Zeitschrift auf dem Höhepunkte der Wissenschaft zu erhalten.
So dürfen sie auch wohl die sichere Erwartung hegen , dass ihren Be-
mühungen der Erfolg und die diesen allein verbürgende Mitwirkung
Aller, denen die Erreichung des genannten Zieles am Herzen liegt, nicht
fehlen werde.
Leipzig, Grimma und Dresden 1. Mai 1852.
Die Redaction :
Prof. Dr. R. Klotz, Prof. Dr. E R. Difitaok^ i^^^l^lssaM^
8 Griechische Litteratar.
Schwager, und dieser Argwohn zu grosser Härte verleitet. Den Ver-
dacht, ein Verwandter von ihm könne den Mord des Vorgangers ver-
anlasst haben , lässt Oedipus 249 blicken , und eine Spur davon ent-
hält schon die Vermuthung 124 sq.; späterhin richtet er denselben
zuversichtlich auf Kreon , sobald, wie Sehn, treffend bemerkt, Ti-
resias den Apollo als den bezeichnet, der ihn zu Fall bringen werde.
Dieses plötzliche Ergreifen eines Verdachts , welchen er sofort hart-
näckig festhält, beweist das Gegentheil der Eigenschaften, welche die
Note zu 949 an Oedipus wahrnimmt, wenn sie ihn ^vorsichtig und
gründlich' nennt. Einen Widerspruch schliesst das Urtheil p. 13 ein,
wo Oedipus klu^ heisst und dabei stets unklug reflectirend. In ande-
rer Weise ist er 969 zu nachsichtig beurtheilt: *die Worte ei' xi fiij
T(0(i^ Ttod'G) enthalten einen selbst spitzfindelnden Versuch des from-
men Gemüths, das Wort des Gottes in Ehren zu halten.' Er sucht
sich vielmehr mittelst einer solchen Erklärung über die Furchtbarkeit
des ihm gewordenen Orakels zu täuschen. Ueberhaupt stellt sich
Sehn, ihn besser vor, als es die Intention des Dichters zu erlauben
scheint, wie wenn er p. 19 sagt: *mit wahrhaft ängstlicher Sorge
wird sein Aufbrausen aus edlen Motiven hergeleitet.' Oedipus stellt
natürlich die edelsten Beweggründe voran, aber nicht zu verkennen
ist sein beleidigtes Selbstgefühl, welches ihn so sehr verblendet,
dass er in ruhmredigster Weise von sich spricht (380 sqq.) und sich
für einen bessern Mantis als Tiresias selbst erklärt , obgleich er ihn in
der Erwartung etwas von ihm noch nicht Geahntes zu vernehmen^ be-
stellt hatte. Bei dieser Gelegenheit durfte ihm nicht das Praedicat ^des
sonst bescheidenen' beigelegt werden, wie p. 8 geschieht; erst im
Oedipus Col. hat er sich in der Schule der Leiden (Vs. 7) diese Tu-
gend angeeignet. Selbst sein erstes Auftreten ist ein Gemisch von
Mitleid mit dem Unglück des Volks und übergrossem Vertrauen (ccv-
^aöla^ wie es Kreon 549 nennt) auf seine persönliche Kraft; auch
kann er das stolze Gefühl seiner hohen Stellung nicht unterdrücken
(8). Am weitesten geht in der Ueberschätzung dieses Charakters der
Satz : Vor nichts bebt der starke Held zurück , der vor allen Dingen
die volle Wahrheit lernen will.' Das Verlangen , seine wahre Her-
kunft zu erforschen, ist'so natürlich, dass es keiner Seelengrösse be-
darf , um ihm nachzugeben. In Beziehung auf Laios ist es eine ge-
wagte Behauptung, ^dieser habe auch in der Schiste beabsichtigt, den
unerkannt zu tödten, welchen er als Knaben wissentlich aus dem Wege
zu schaffen gesucht hatte' (p. 18). Sehr schlimm kömmt besonders lo-
kaste weg. Den Gipfel der Abneigung gegen sie erreicht Sehn,
in dem Ausspruch p. 21 : ^ihr widerfährt nicht mehr als sie verdient,
wenn sie nach Durchschauung verschuldeter Greuel sich erhängt.'
Man muss sich erinnern, wie mild die Alten den pjtQi,6(i6g beurtheil-
ten. Zu viel ist auch auf ihre Rechnung geschoben, wenn erzählt wird
(ib.): ^das mit Laios, den sie bethört, erzeugte Kind hatte sie aus
Angst ohne weiteres aus den Augen geschafft.' Die Frivolität, wel-
ch^ sie im Lauf der Handlung verräth, findet jedesfalls darin einige
Schneidewin: Sophokles. Zweites a. drittes Bandchen. 9
Entschuldigung, dass sie bemuht ist, denOedipus zu beruhigen, wel-
cher ja selbst bei der Nachricht von Polybos Tod Aehnliches vor-
bringt (971 sq.).
Verdienstlich ist die Yergleichung von Sophokles Drama mit der
Bearbeitung früherer und späterer Dichter p. 22 — 26 zusammenge-
fasst in dem Ueberblick: ^das Hinausrücken der Entdeckung nach
langer Zeit ; der Aulass zu derselben durch die allgemeine Landesnoth,
welche Oedipus Edelsinn ins hellste Licht stellt; der ungestüme Eifer,
dem Gott zu dienen, der ihn stets von sich gestossen *} — das Alles
ist Erfindung des Sophokles, der die Fäden zu seinem kunstreichen
Gewebe auf eben so tief berechnete wie natürlich scheinende Weise
geschlungen hat.'
Daher ist in der Erklärung dieser Tragoedie ganz besonders die
Bezüglichkeit ins Auge zu fassen , das Streben jedes Wortes zu dem
Mittelpunkte hin, d. h. dem unseligen Abirren des Oedipus, der in
immer tieferes Dunkel geräth, je mehr er sich der Wahrheit nahe
glaubt. Es ist die von dem Herausgeber allenthalben angedeutete
Ironie, der Gegensatz zwischen dem, was der Held erstrebt und dem,
was das Schicksal verhängt : wie wenn er , der gefeierte Herrscher,
zwar der Pest ^ dem Anlass der Erkenntniss des Wahren ' ein Ende
macht, aber nur durch seinen eignen Sturz in namenlosen Jammer.
Dieser Contrast tritt vorzüglich im Chorgesang 1220 am Schluss in
den Worten hervor: x6 6^ ogd'ov eljcstv ccninvsviSa t in (Sid'ev xal
%cn:BKol^iri(Sct rov^iov oiifia, womit die treuen Anhänger einen wehmü-
thigen Rückblick auf den Eingang des Dramas werfen, vergl. Vs. 49.
Es dürfte nun schwer fallen, alle die treffenden Bemerkun-
gen anzuführen, in welchen frühere und spätere Theile des Dramas
hier zueinander in Relation gebracht werden , doch möge es gestattet
sein, wenigstens Einiges auszuheben, wie zu Vs. 124, dass Oedi-
pus zu Anfang der Tragoedie (139. 225. 231. 236. 246) immer im Sin-
gular , von ^inem Räuber spreche , aber 842 sqq. durch die Lage der
Dinge veranlasst werde, umgekehrt auf die Blehrzahl von Räubern
alle seine Hoffnung zu setzen; zu 297 von dem hohen Vertrauen des
Chors auf Tiresias (ov^sXiy%Giv avtov) , damit die Anhänglichkeit der
Thebaner an den ehemaligen Retter die härteste Probe bestehe; zu
350 von der Verblendung des Oedipus , der nicht einmal durch Tire-
sias wunderbares Wissen von dem 238 ausgesprochenen TtrJQvyiia an
seiner Sicherheit irre wird; zu 672, wo Oedipus voraussetzt, Kreon
werde aus Theben fliehen, was am Ende sein eignes Schicksal ist;
zu 827 , dass er , wie ehedem , nochmals durch das Orakel irre geführt
wird, denn gerade in seiner korinthischen Umgebung, welche er so
ängstlich jetzt noch meidet, würde er ayvog geblieben sein; zu 1146
über die triumphirende Sprache des Korinthiers, der von Oed. Her-
kunft noch nichts ahnt, während der Thebaner besorgt das Weitere
*) Es ist oben bemerkt, weshalb wir letzterem Satz nicht beipflich-
ten konnenr
10 Griechische Litteratur.
abbrechen möchle; zu 1484 wird an Tiresias Worte 415 erinnert, zu
1520 an den schon 569 ausgesprochenen Grundsatz Kreons. Häufig hat
Sehn, auch auf die absichtlose Zweideutigkeit mancher Worte liin-
gedeutet, wie 264. 365. 397. 572. 928. 930.
Freilich kann man hier im eifrigen Bemühen , Alles der Art auf-
zuspüren, leicht zu weit gehn: auch Sehn, scheint uns mehrere-
male in den Worten des Dichters versteckte Beziehungen gesucht zu
haben , welche dieser schwerlich beabsichtigt hat. Er entdeckt z. B.
eine Zweideutigkeit in 101 ^reeJe, das vom Gott gemeinte (offfia), wie
aus dem Gesagten zu entnehmen war. Zugleich konnte aber von den
Zuschauern rod' alfia auf Oedipus, den Sohn des Laios, gedeutet
werden, wie auch 102r^v<j£ rv%rjv auf den Redenden selbst bezogen
werden konnte.' Desgleichen zu 113 *die Zuschauer konnten wie-
der rmÖ€ q)6v(p öviiit, ganz anders verstehn: trifft mit diesem Mör-
der (9?6vog, wie Medea bei Pindar heisst cc TLeXlcco cpovog) zusammen,
zumal q>6v(p TCegucsöstv das Gewöhnliche ist.' Besonders auffallend
ist die Bemerkung unter 397 6 iitjöev slömg OlölTtovg: Vielleicht deu-
tet Sophokles auch auf den in Oldl — Ttovg enthaltenen Stamm ^U hin,
wodurch ein spitzes Oxymoron entstände : ich, der (durch euch) nichts
wissende und doch wissende Oed.' Ebenso wenig wird man beistim-
men können, wenn die Note 605 erklärt ^ rsQaaxoTtov nennt Kreon den
Tiresias mit Anspielung auf die Namensbedeutung o ta xelqea (>9co~
nmv^ der Wundermann, indem er in Oedipus Sinne höhnend redet.'
Abgesehn von der Unzweckmässigkeit des Etymologisirens in die-
ser Situation kann dem Kreon gar nicht einfallen, von dem Seher in
Oed. Sinne höhnisch zu sprechen , und der Zuschauer konnte es auch
nicht vermuthen, weil Kreon sonst die eignen Worte des Oedipus
wiederholen müsste ; Sophokles wollte gewiss nur in der Bezeichnung
derselben Person den Ausdruck wechseln, vergl. 483. 526. 556. Un-
gegründet erscheint ferner die Ansicht, dass in 889 ein Bezug auf
Laios (den längst Verstorbenen) und lokaste liege, als die ^ ihrem
Vortheil durch ungerechtes Handeln nachgiengen.' Noch weniger
dürfte die Auffassung von 879 dem Sinne dieser Worte (xo %cil^g d'
^lov Ttolsi Ttockcciöfia ^rftoxB Xv6cci Q'eov aitovfiaL) entsprechen : * der
Gedanke an den Abgrund, in welchen lokaste stürzen werde, erin-
nert den Chor an ihr nahes Verhältniss zu Oedipus (579), weshalb
er die Gottheit bittet, das dem Staat heilsame ncckai(S(ici^ die Befrei-
ung von der Sphinx, nimmer zu vernichten, vergl. 506 f. 694 f.' Das
nalatöfia soll demnach Oedipus selbst sein als 6 TiccrccTtakalöag triv
Zfplyyal Vielmehr wird das Ringen ''), welches dem Staate Vortheil
bringt, aufgehoben durch das Verdrängen Anderer, welche das Recht
haben, daran sich zu betheiligen. Oedipus hebt es auf, der sich ge-
gen Tiresias und Kreon herrisch benahm und zu tyrannischer Will-
*) Das Bild des Ringkampfes findet Sehn, auch 386 in dem Xa-
&Qa (i vnsWoov inßcclsLV tfistgSTai, wo eher das der still heranschlei-
chenden Schlange zu Grunde liegt, wie Ant. 531.
Schneidewin: Sophokles. Zweites u. drittes Bandchen. 11
kür hinreissen liess. Das stimmt zwar nicht zu der früher vom Chor
(an den citirlen Stellen 506. 694) ausgesprochenen Verehrung, indess
muss man sich erinnern, dass der Dichter bisweilen dem Chor seine eignen
Ansichten in den Mund legt, und dieser, wie Sehn, in der Einleitung
zum Oed. Col. p. 27 selbst bemerkt, ^mitunter unbewusst doppel-
sinnig spricht.'
Zu künstlichen Interpretationen verleiten vorzüglich die dunkeln
und aenigmatischen Reden des Tiresias. Der Art ist 337, wo Sehn.,
das T^v örjv d oiiov valovöav (oQyrjv) ov TcatEtSeg ausführlich
commentirt: ^mit gesuchter Undeutlichkeit spricht Tiresias von ogyri
i[ii^^ indem er scheinbar auf ogyccvetag 335 zurückweist. In der Ttiat
hat er aber den Vorwurf Kcc7ic5v xax. im Sinne : meine Gemüthsart
tadelst du, als sei ich xc^xcov 7iciM(Stog; deine OQyrj aber, die der
mir vorgeworfenen nahe wohnt , d. h. die zugleich (in Kanmv xa-
%L(Sxs) ausgesprochen ist, die erschautest du (eben beim Aussprechen)
nicht. (Doch kann o^iov vaCovöav auch heissen sollen: deine Ge-
müthsart, die deiner Beurtheilung der meinigen gleich ist. Dieser
Doppelsinn geht verloren, wenn man mit Dindorf ti^v öol 6 6. v.
schreibt.) Musste Oed. dies auf sein zorniges Auffahren beziehen,
wie er in der That nur das Hörfälligste auffasst und 339. 344. 45 von
OQyi^EG^cii redet, so will doch Tiresias nur andeuten, dem Oed. selbst
komme das Praedicat jca^ccSv ^i^KStog zu.' Aber die OQyr] desOedipus
wohnt nicht der dem Tiresias vorgeworfenen nahe, noch ist die Ge-
müthsart des Oedipus seiner Beurtheilung von Tiresias Gemüthsart
gleich , sondern sie wohnt mit Oedipus zusammen , sie ist es zugleich,
die Anlass zu der oqyi] des Tiresias gibt, und diese besteht eben,
darin, dass sie die des Oedipus erregt; d. h. ohne den Jähzorn, wel-
chen Oedipus gerade in dieser Scene an den Tag legt, würde er den
Laios nicht erschlagen haben und dadurch jetzt nicht den Seher nö-
thigcn, seine Frage nach dem Mörder jenes unbeantwortet zu lassen,
durch diese scheinbare Verstocktheit aber sich dem schlimmsten Ver-
dacht auszusetzen. Die oqyri ist also hier in Beziehung auf Tiresias
causativer, in der auf Oedipus passiver Bedeutung. Eine andere
nicht genug aufgeklärte Stelle ist 425. In der langen Anmerkung dazu
vermisst man eine deutliche Exegese ; wenn Tiresias von xaxa redet,
S (J i^L^döei öol re aal rotg öolg xii^voig^ ist das ^dich dir und dei-
nen Kindern Gleichmachen' keineswegs nur so viel, dass er durch Ent-
hüllung jener schlimmen Dinge als Bruder seiner Kinder erscheinen
wird, wenn auch Sehn, hinzusetzt: ^nach der sprachlichen Eigen-
heit der Griechen zu sagen l^tJog, Y,oivog i^ol ts nal ßoi (zu 0. C.808),
(xoLvav TtoUÖGiv TiOLvcc 261 ), um das Gleichsein als beiden verschiede-
nen Theilcn gemeinsam scharf auszuprägen, reicht obige Erklärung
aus, indem der Dichter den natürlichen Gegensatz zwischen Vater und
Kindern, der in Oed. Lage aufgehoben ist, recht scharf markirt.'
Damit ist ja nur der eine Theil erklärt, wie er den Kindern gleich
wird , keineswegs aber der andere , wie er sich selbst gleich wird.
Näher kömmt zwar dem eigentlichen Sinn die^e^K \S^^xV& -^ "^^^ "«ss^
i
12 Griechische Litteratar.
Schluss der Note gesagt ist: ^doch konnte der Hörer auch in cc ö*
i^LiStoösi <Soi den Gedanken finden, den Oed. würde die Erkennung
des unseligen Verhältnisses als kcckcSv nciKiarov (337) in sein von An-
fang an ihm bestimmtes Elend zurückversetzen', doch ist so noch
nicht die wahre Beziehung derselben angedeutet. Denn Tiresias
meint, Oedipus wisse noch nicht, wer er sei, er halle sich noch für
einen Korinther und den Sohn des Polybos. Es liegt in der Natur
der Sache , dass der Aufschluss über Alles ihm zu gleicher Zeit ge-
geben wird, aber der Dichter weiss den tragischen Eindruck dadurch
zu verstärken , dass er das Schlimme getheilt aufzählt. Die Sprache
des Tiresias musste etwas Geheimnissvolles haben, um durch die von
ihm gemachten Enthüllungen nicht sofort die Katastrophe herbeizu-
führen ; auch war es nöthig , dass der Prophet selbst aufgebracht und
gereizt schien, um die Vorstellung zu bewirken, dass er so Arges
nur im Zorn, in leidenschaftlicher, unzurechnungsfähiger Aufregung
vorbringe: daher auch der Chor unentschieden bleibt und weder zu-
zustimmen noch zu leugnen vermag. Auf ihn nämlich geht das ovrs
öoKOvv X ovx aTtoqxxöKOvd" (483), was Sehn, nicht mit nee affirman-
tia nee negantia übersetzen durfte, sondern mit nee approhantem
(vergl. Ant. 1103) nee neganlem , wie Ref. schon früher in den Acta
Sem. phil. Heidelb. p. 81 bemerkte.
Der Chor ist noch nach dem Abgang der Ipkaste geneigt, den
Oedipus für ein Götterkind zu halten, nachdem er sich selbst einen
Sohn der Tvxrj genannt, übrigens ausgesprochen hat, er werde nicht
ablassen sein Geschlecht zu erforschen : xoi6(S8b ^ ixqnjg ovx Sv i^ik-
^01(1 hl Ttox aXXogj cißxs firj ^fiad-siv xovfiov yivog (lOM sq.). Was
bedeutet dieses aXXog? Sehn, sagt in der Note: ^mit Döderlein
habe ich akkod statt ükkog geschrieben, da dieses sich nicht genügend
erklären lässt.' Gut, aber wie ist älXods zu erklären? Will Oedipus
damit aussprechen, er werde keine anderen Wege einschlagen als
die zum Ziel führenden? Können das die Textesworte in dieser Form
bedeuten? Bei der nahen Aussicht auf Entdeckung seiner Abkunft
muss Oed. in zuversichtlichster Weise über das Aufhören seiner bis-
herigen Ungewissheit sich äussern. Darauf leitet das abschliessende
äiSxe fifi^fice&stv r. y. Das *ein Anderer werden' kann nur darin
bestehn, dass er sein Geschlecht endlich erkennt, sonst bliebe er
derselbe. Der Text spricht also das Gegentheil von dem aus , was er
sagen sollte. Dem alXog in der Bedeutung von aklotog musste wenig-
stens ein folgendes d-ikeiv oder iTti&vfisiv entsprechen. Schreibt man
aber akaog , so ist der Folgesatz gehörig erklärt , und zugleich eine
Hinweisung auf die nächste Zukunft, eine bedeutungsvolle Beziehung,
eine unbewusste Weissagung gewonnen, denn erst, wenn Oedipus
sich aus Abscheu vor seinem Geschlecht, seinen Eltern und Kindern
blendet, hat er die wahre Beschaffenheit seines yivog erkannt, er ist
dann geistig hellsehend, aber am leiblichen Auge blind, vorher war
es umgekehrt, vergl. 413, wo diese Zusammenstellung des eigentlichen
//ad metaphorischen Ausdrucks von Sehn, aus Aesch. Prom. 445
Schneiderin : Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. X3
und Ag. 1606 belegt wird. Auch Aeschylus kennt den tropischen Ge-
brauch von akaog^ Prom. 550.
Die Erzählung vom Vorgang des Mordes 798 — 813 wird, wie
die Leser des Philologus (1849. S. 175 ff., 751 ff.) sich erinnern, auf
sehr verschiedene Weise von Firnhaber und von Schneidewin verstanden.
Da nothwendig einige Zeit verstreicht, ehe Oedipus von dem Wagen-
lenker (oder Herold) zu dem König gelangt, scheint Ref. die Ansicht
Firnhabers die natürlichere zu sein, dass jener sich nicht auf dem
Wagen befunden habe, sondern vor demselben hergeschritten sei. Das
besonders schwierige oxov jtaQccarelxovra (808) glaubt Schneidewin
durch Verbindungen wie ifißccteveiv ncexQiöog^ iivai rijg o^ow erklä-
ren zu können und übersetzt ^ den des Wagens vorbeigehenden , im
Bereich des Wagens beim Vorüberziehn begriffen , wo er dem Laios
schlaggerecht war.' Diese Exposition ist offenbar gezwungen und
wohl auch unrichtig, da das Bereich des Wagens nicht ausserhalb
desselben liegen kann. Obgleich Sehn, kurzweg behauptet , die
Gonjeetur o%ovg (von Döderlein) sei grob , lassen wir uns dadurch
doch nicht abschrecken, sie zu billigen, da auch Firnhabers Aushilfe,
welcher o%ov (liöov verbindet (*als er an der Mitte des Wagens vorüber-
gieng'), nicht haltbar scheint; er beruft sich smf (litSrig inr^g — ix-
xvUvdetcctj wodurch aber nur die Stärke des Stosses geschildert wird,
welcher den Laios von seinem sichern Sitz auf den Boden herab-
stürzte. Die Interpunction endlich, nach oQa und vor (lidov^ welcher
beide sonst in Allem uneinigen Kritiker den Vorzug gegeben haben,
kann Ref. nicht für richtig halten; Laios hatte vielmehr,* nachdem Oe-
dipus seinen Herold geschlagen, auf sein Vorübergehn gewartet,
und wie er ihm nahe genug war, die Misshandlung seines Dieners
erwiedert.
An folgenden Stellen des Dialogs wollen wir ausserdem unsern
Dissens nicht verschweigen. Zu 88 erklärt Sehn.: *die gewöhn-
liche Interpunction hinter dv<Sq>OQ ist falsch , da dv<Sq>OQa nicht mit
evtvxBtv verbunden werden darf.' Er bezieht evtvxetv nämlich zu
q>riiifi als Subject. Was ist aber gegen diesen Gedanken einzuwenden :
schwierig ist die Erforschung des Mörders nach langer Zeit; ehe er
gefunden ist, hört die Pest nicht auf, dann aber ist auch die Ent-
deckung in jedem Betracht glückbringend? Schn.'^s Interpunction
gibt eine schwerfällige Constrnction ; vergl. dagegen auch El. 945.
In 116 ist Sehn, an xamd' angestossen, er hat auch wegen des
mangelnden Objects mit Recht die Lesart verdächtigt, doch wird man
den Sinn: ^ auch kein Bote, kein Begleiter auf der Reise ist z urück-
gekommen' darum nicht ausgedrückt wünschen, weil er schon in
ayysXog liegt. Dem Mangel des Objects ist leicht abgeholfen durch
die Aenderung rcc^ el^ otov oder rcc^ sldsv ov . und es bedarf nicht
des in der Note vorgeschlagenen raKetd'sv oder des von Sintenis con-
jicirten (Philol. 1850. S. 745) %arBi<s. Denn bIöb kehrt in der Antwort
Kreons wieder , womit auf das Vorhergehende zurückgewiesen ist ;
auch 293 sagt Oedipus tov d' l^ivt ovde^ 6q^« 1^\l^% 12«^^K^ ^^
14 Griechische Litteratur.
• will Sehn, freilich in slxs verwandeln , indess wird es seine Stelle
wohl behaupten müssen. Auch die Aenderung rolg alvlotg (251) für
toiad^ aQticog werden nicht Alle für so unzweifelhaft halten wie ihr
Urheber. Soll roiads nicht auf die Mörder bezogen werden dürfen,
nachdem Oedipus doch von mehreren gesprochen hat: ehe 7tXei6v(ov
(ihal Wenn er aber vorzugsweise nur 6inen im Sinn hat, wird es
hinreichen t(pd zu setzen, womit deutlich genug der Mörder bezeich-
net ist, welchen man auch 241 unter rovöe zu verstehn hat, und
fdccöfia als Praedicat dazu, mit Bezug auf 97. Es bleibt derselbe, ob
Verwandter des Oedipus oder nicht, ot aXrioi würden aber von ihm
als Leute anderer Gattung unterschieden werden. Statt des 2ä4 für
xa'O'io^ vorgeschlagenen nayoviog könnte eher na^Xi^og eintreten, wie
umgekehrt Elmsley aO'Xiog durch ad^eog ersetzt hat. Die Vertauschung
mag das vorhergehende ^eov veranlasst haben. Uebrigens ist El. 1181
einer Aenderung entgegen. Gelegentlich erinnert Ref. an die Les-
art xr](s6iyeyrig^ die auch im La. die ursprüngliche gewesen zu sein
scheint und eines guten Sinnes keineswegs ermangelt : euch trage ich
es auf in meinem und des Gottes Namen zu erfüllen , da das Land so
fruchtlos und elendiglich umkömmt. In 294 liest man jetzt et — öelfia-
zog cxiyet (liqog für ei — delfioctog y e%ei, ^iqog^ doch passt jenes Ver-
bum (reconditam secum servat übersetzt es die Note) nicht zum Ob-
ject; das y aber, welches der Pal. beibehält, war nicht zu verwerfen.
Das 297 von den besten codd. gebotene ov^ekiy^fov ist als Ausdruck
grösster Sicherheit dem Futur wohl vorzuziehn ; warum für letzteres
cevtbv spreche, wie Sehn, behauptet, vermag Rec. nicht zu er-
rathen. Eine andere mit Unrecht hintangesetzte Variante von La.
(pr. manu) Lc. und Pal. ist 315 Tcovog^ wodurch ein hier nicht gefälliges
Uomoeoteleuton vermieden wird. Müssig wäre 349 ßgorviv mit Auslas-
sung von elvat^ welches in den Handschriften nach k'(pr}v leicht weg-
fiel, und unnütz 355 Kano rovSe zu vermuthen, auch hat Sehn,
die herkömmliche Lesart genügend erklärt, indem tovto zugleich den
Inhalt des kühnen Wortes und die daraus hervorgehende Strafe ein-
schliesst. Ganz unrichtig ist 368 der Vorschlag tavx für Tavr , denn
Tiresias sagt gerade hier etwas Neues , was er vorher noch nicht be-
rührte, wie die vorkündigende Frage 364 zu verstehn gibt. Nach
dem hxere; (567) ist auch wieder k'öxofiev zu erwarten, aber für Tta^
würden wir nicht mit Sehn. aX}L oder ccq schreiben , sondern , was
näher liegt , kccqt k'axofiev, Dindorfs hier aufgenommenes cciKciXXovöc
(597) ist eine mehr speciöse als sichere Conjectur; für iK7iciXov(St
spricht, dass die Leute, welche etwas von Oedipus zu erhalten wünsch-
ten, den Kreon zu einer Besprechung einluden, welche im Palast
selbst nicht vor sich gehn durfte. An IVO-' av y (672) ist nichts
auszusetzen , also der Vorschlag ear av rj entbehrlich. Eben so un-
nöthig wird 740, wie aus der eignen Note hervorgeht, elQTte für elxe
vorgeschlagen; jenes wäre etwas geziert. Was 749 Sehn, lesen
will, oxvfp [lev für oxva (lev^ scheint durch die ähnliche Stelle Ant.
1105 fiokig fihvy xaQÖlccg d' i^latafiai ro ÖQciv nicht genügend gerecht-
Schneidewin : Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. 15
fertigt zu werden: wenn lokaste aach jetzt zagt, weiss sie doch nicht
voraus, ob sie die ihr noch unbekannte Frage des Gemahls ebenfalls
mit Zagen beantworten wird. Für die Ausstossung von 815 dürfte die
Bedeutungslosigkeit desselben, namentlich in den stark accentuirten
Wörtchen vvv hi allerdings sprechen. Wir verstehn übrigens nicht,
warum Sehn, nicht lieber 816 ivriQ in iiiov verwandeln als die
Wiederholung avÖQog — ivrjQ dulden mag. In 1463 wird bezweifelt,
dass CCV6V xovS ccvöqog nach dem vorhergehenden tKirj XQccTte^oc %CDQlg
iarcc^ri noch folgen konnte, als wenn solche poetische Tautologien
bei Sophokles und Andern nicht in Menge vorkämen. Es bedarf daher
nicht der Aenderung ovnot oicciv^ eben so wenig der auch nur in
der Note zu 1456 gemachten %aLv^ für öbw&.
Als vorzügliche Verbesserungen in diesen Partien betrachtet
Ref. 13 ^i] xaroiKtelgcov ^ wie 221 avrog ovn i'xcav (über letzteres
vergl. die ausführlichen Erörterungen von Schneidewin selbst, Philol.
1850. S. 370 ff. u. Sintenis S. 743), 1280 (lovm^ wodurch der folgende
oft verurtheilte Vers gerettet wird, 1463 rra^' für tavd^ und 1494
roi<sSe toig^ denn durch roig ifioig würde sehr ungeschickt Oedipus
selbst ausgeschlossen. Richtig ist Neues von Hermann und Wunder
gebilligte Correctur 230^' '§ aXXrjg xsQog widerlegt, da die Angabe
eines andern Mörders schon in 224 enthalten ist und i^ akkrig x^o-
vog insofern auf Oedipus passt, als er sich für einen Fremden hält.
Aus dem cod. Pal. ist zum erstenmale 18 otös 6* yMa>v aufgenommen
und 229 a<sq>aX'i]gy was auch F hat.
In den Chorgesängen sind nicht alle Correcturen so glücklich wie die
Ergänzung rZvOo^^^TjöT« 906, wenn anders hier nicht ein zweiter Epitrit
erforderlich ist; für minder gelungen halten wir die mittelst der
volleren Form iyXacmiöi 214 versuchte Ausfüllung, wodurch eine
Responsion zu dem hier verkürzten strophischen Verse (aötQOTtav
KQaxfj vific3v) gewonnen werden sollte ; dass aber in der Antistrophe
nach dem Epitheton ccylaoTCi nichts ausgefallen sein könne , wird man
mit eben so wenig Sicherheit behaupten, als dass co Z€v (202) die
Abschreiber aus Homerischer Reminiscenz zugesetzt hätten; denn
wenn alle Götter bei ihrem Namen angerufen werden , sieht man nicht
ein, weshalb nur Zeus einfach 7rcirr7|f^heisst. Lässt man aber co Zfv, wie
billig, stehn, so sind auch die übrigen von Sehn, beliebten Ab>
änderungen , wie TtvQtpoQCiyv (200) statt tccv nvqfpoqiov und nXaO'iivai
(213) für 7t6lccad"¥Jvai nicht weiter nöthig. Keine Neuerung, sondern
Rückkehr zum Alten , lange Aufgegebenen ist es , wenn 189 e^coTTcr,
welches man sonst mit ccXkciv verband, als Epitheton der Athena be-
trachtet wird; Sophokles soll damit auf Pallas ykcivTiciTttg oder yo^-
ywTtig deuten , wie sie als scharfblickendste Göttin in Lakonika als
Ophthalmitis , Optilitis , Ptillia, in Argos als ^O^vdeQKca verehrt wurde.
Während Sehn, diese Bemerkung niederschrieb, scheint es dass
ihm der Vers der Antigone 536 xiyyovd «vcött« Ttaqeiiv^ woraus der
Sophokleische Gebrauch des Wortes nach Sinn und Form erhellt,
nicht gegenwärtig war ; einen Beleg zu dem als F^m^Kco^Q^Q^ %<^^%».^^-
16 Griechische Litteratur.
ten evcmrig zu geben, hat er ebenfalls unterlassen und sich begnügt
hinzuzusetzen : ^mit Lobeck Paralipp. I, 269 das Femininum evcmt. zu
setzen (Callimach. OvTti avaiSiS^ ev^i) widerrathen ähnliche Dichter-
stellen, in welchen die masculinische Endung im Vocativ communi
gen. gebraucht erscheint.' Nimmt man überdies mit Dindorf an,
dass dem dact. tetr. das svoTta Tti^iiffov aX%iv als iambisches Glied
sich anschliesse, eine Verbindung, für welche die Analogie vieler
Stellen spricht, vergl. Oed. Col. 234. El. 126. 162. 170. 211. Phil. 142.
861. 1093. 1130. 1207, gewissermassen auch Phil. 1133, so ist das
Herüberziehn des Epitheton in den contrastirenden Rhythmus ofifen-
bar auch eine Härte ; endlich missfälit das Nachschleppen desselben,
da die allgemeinere und ehrenvollere Bezeichnung %qvfiia ^yccxe^
^log vorausgegangen ist. Ein Verkennen der Bildersprache des Dich-
ters finden wir 196 in der Aufnahme von Döderleins Conjectur OQfiaw,
denn der aTto^evog oQfiog ähnlich dem viiivaiog uvoq^og (422) soll
dem ^eyccg d-akccfiog Afiq>tt^rag entsprechen ; auch für das unendlich
wßite Meer ist der Begriff ^akcefiog Gegensatz. Diesen absichtlichen
Widerspruch haben beide nicht verstehn wollen. Döderlein, dessen
Argumente Sehn, wiederholt, sagt Minut. Sophocl. 1846. p. 5: *ut
nunc haec leguntur, verba &Qy»iov kIvöcovcc pro appositione accusa-
tivi OQ(iov habenda sunt. Id per se incredibile; tam diversae sunthae
notiones , ac ne illud quidem aptum , quod malum illud ablegatur in
portum aliquem ubi quiescat, ac non in ipsum mare, ubi pereat.'
Hiergegen muss bemerkt werden , dass der aito^svog OQfiog vielmehr
Apposition zu dem nachgeschickten &Qi^Kiog xXvdcav ist. Dem schwung-
vollen Rhythmus IdO^Agsd te xov ficeksQOv og hat Sophokles schwer-
lich in der Gegenstrophe mit einem unaufgelösten lambus geantwortet,
nahe lag hier AvKii % ava^^ rd ze aa %q. Im zweiten Chor ist sehr
zu bezweifeln , ob der durch Felsen und Holen umirrende Stier 476
selbst in der kühnsten Lyrik Tterqcciog heissen könne ; das wäre eher
ein versteinerter Stier, wie Ant. 827 von einer Tuxqatcc ßldötcc ge-
sprochen wird. Sehn, hätte bei Dindorfs %ixqag me tavqog sich
beruhigen sollen : der ''£^00^ ime^owMg Ant. 785 beweist natürlich
gar nichts für den TCstQaiog ravQog. lieber die schwierige Stelle 666
bemerkt Sehn, mit Recht, man vermisse ungern das »al %a^ der
Handschriften; es kann in der That gar nicht fehlen, da zwei ganz
verschiedene Uebelstände besprochen werden, die Pest und der
Zwist der Herrscher. Deshalb war ^%av^ welches der Scholiast
noch nicht gelesen zu haben scheint, zu tilgen und nach G. Hermanns
Rath zu lesen ickki (i cc dvöfiOQog yä q>d'lvov<Sa TQv%ec %ccl xa^ tl %.
X., dies alles in einem Vers. Viel Mühe machte bisher jedem Her-
ausgeber 892; Sehn, schreibt von den früheren ebenfalls abwei-
chend : xlg Irt ^ox iv xolisS' dvrjQ ^vfi^v ßikri ev^sxcct ilw%äg afiv-
ve^v; und bemerkt dazu: ^der Chor, über die Freimüthigkeit seiner
Aeusserungen betroffen , rechtfertigt sich durch den Gedanken : wel-
cher Mensch nur wird ferner noch bei solchen Verhältnissen (Ant. 39
ei xiS iv xwxotg) sich rühmen können , des Zornes Pfeile fernzu-
Schneidewin : Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. 17
halten von seiner Seele ? Es wandelt den Chor an , in seinem from-
men Eifer die Langmuth der Götter zu tadeln, wenn sie die verdiente
Strafe nicht eintreten lassen. -O-vficov ^kht\ die ffegen die Frevler 887
ausgesprochene Verwünschung , wie man sagt t^<püvai aQag Ant. 1085
aq>7JKa &vfim xccQÖlag ro^ev[icacc. Die Handschriften d'viia^ wofür ich,
da ßikri 'iffvxäg nicht wohl verbunden werden kann , d-viicSv gesetzt
habe: der Plur. hat intensive Bedeutung, hoher Zorn, wie (iT^vieg^
d'ccvatoiy östitva und ähnl. — ev^srat Musgrave statt des irrthümlich
wiederholten iq^ercci : Aesch. Ag. 1314 rlg Sv av^atto' ßQorog av aai-
vec'öaliiovc q>vvai xctS c^xovcov;' Die Einführung des sonst nicht vor-
kommenden gen. pl. von %vyi,og ist gewagt. Vielleicht aber ist sie
durch die Nothwendigkeit, den Begriff heftigen Unwillens anzubrin-
gen, entschuldigt? Uns scheint der Chor nichts von dem sagen zu
wollen, was ihm Sehn, und Andere beigelegt haben, sondern den
Gedanken auszusprechen, der im folgenden Satz d ya^ — yp^ziuv
eine Parallele erhält: wenn solches ungestraft hingeht, ist die Ver-
suchung der Begierde, weil die göttliche Züchtigung ausbleibt, zu
gross. In diesem Sinn ist es ganz passend von Geschossen der Lust
zu sprechen, welche jeder von der eignen Seele abwehren müsse;
durchaus anderer Art sind die Kccgölag to^6V[iccr(Xf welche von dem
Gegner auf uns gerichtet werden. Man sieht, dass es, wenn diese Auf-
fassung richtig ist, genügt &v(iov zu corrigiren. Eine ganz ähnliche
Verbindung der Sittenreinheit und Frömmigkeit, deren Erhaltung da^
von abhängig gemacht wird, dass die Götter das Unrecht strafen,
finden wir El. 249. Für Musgraves «vgfrat, welches mit dem Prae-
sens c[(Avv£iv schlecht harmonirt (daher die Aeschylische Stelle nichts
beweist) schreibe man öi^erat und hebe die asyndetische Fassung des
Satzes durch Einschieben von dh nach tlg. Zu 1197 theilt Sehn, die
in den Acta Sem. phil. Heidelb. 96 von Ebner und Ref. vorgetragene
Ansicht, dass Oedipus nicht erst apostrophirt und dann sogleich von
ihm in der dritten Person gesprochen werden könne, vielmehr avi-
Cxccg und xaXet geschrieben werden mdsse. Man Hess sich durch eine
metrische Schwierigkeit bewegen, in der ganzen Antistrophe die
dritte Person einzuführen, nämlich durch den spondeischen Schluss
des Glyconeus mit iKQccrriGag tov. Diesen hat jetzt Schneidewin be-
seitigt , indem er iKQcltsig TtQOtov in den Text setzte ; das Imperfect,
glaubt er, vergegenwärtige lebendig die vom Chor erlebten Begeben-
heiten, neben dem Aor. wie 1202 nalst^ weil Oedipus noch König
sei. Ref. kann jedoch nicht zugeben , dass auf diese Weise die mo-
mentane Besitznahme des evöccl^onv okßog zu bezeichnen möglich war ;
überdies ist tt^otoi; ein etwas prosaischer Zusatz, und wenn etwas
corrigirt werden soll , würden wir noch lieber ig %avx oder ^^-jtag
lesen, halten aber für wahrscheinlicher, dass Sophokles sich auch
hier, wie an zwei Stellen im Philoktet (176. 1151) die Vertretung des
lambus durch den Spondeus erlaubte. Weiterhin, 1212, scheint
AcCCaysvig tinvov eine zu starke Aenderung der Vulgata Aatuov ti%-
vov zu sein, leichter wäre durch ein vor t^xvov ' eia^<QX«^c&j^<«» ^ ^u^
iV. Jahrb. f. PMl. u. Paed. Bd. LXV. Hft, \. '^
18 Griechische Liilcratar.
helfen. Ein unmetrischer Vers ist 1350 stehn gebiiehen. Das Schema
davon , p. 157 ^Cl^C^-l^C^ ^ Zi^L stimmt damit gar nicht
überein, es ist übrigens auch sonderbar genug ausgefallen, da der
strophische Vers (1330) sich auf den ersten Blick als dochmius dime-
ter zu erkennen gibt. Vergleicht man mit diesem nun die Worte
vonccöog htiitodlaq Skvi fi ano re q>6voVf so ergibt sich sogleich in
iitmoölctg der Ueberschuss einer mora; auch abgesehn vom Vers ist
dies Epitheton neben 'jtidag verdächtig. Das ?Ai;€, vi^ofür die meisten
Handschriften ikvcs geben, istSchn.'^s Aenderung, die er aber weder
durch , seine eigne Emendation iüQoreig (1192) noch durch iSixov 1391
stützen kann. Einzig richtig ist was La. hat SXaßi fi , worüber sich
Schneidewin folgendermassen auslässt : * die Quellen Hvöi ft , IkvCev,
ausser Laur. A pr. eXcißi fi', das man des Metrums halber aufgenom-
men hat. Allein cctco (so wäre aus dem zweiten Gliede zu ergänzen,
wie 734) Ttidag (ovror, Ivd-ivra) ekccße, tne solutum vinculis secum
asportamt^ würde die Hauptsache , das Entfesseln, als Nebensache be-
handeln : ausserdem ist der Gedanke der Rettung in ?qvxo xavidoiaev
kräftig ausgedrückt. Daher scheint ekaße Schreibfehler, zumal es
nach dem Schol. oöt tg ano rijg TtiSrjg rijg äiavefiofiivrig tovg TCodag
(lov h'kaße Kai öi,i(S<p<si [le Glosse von e^o zu sein scheint. Folglich
ist — elvi fi zu schreiben, schon wegen 1034 Xvon c k'^ovra dioTO-
Qovg Ttoäotv a%yLag.^ Diese Folgerung ist aber übereilt. Man erin-
nere sich, wie oft vorher im Drama die Rede davon gewesen ist, dass
der Korinther den kleinen Oedipus von jemand erhalten habe (1039.
1142. 1156). Darauf geht ^laße^ was Sehn, falsch mWniäag verbindet,
um es als irrthümliche Lesart los zu werden. Glossem ist, glauben
wir , ein Wort , das noch nicht verdächtigt worden, aber durch die ab-
weichende Form des Dochmius von 1329 einiges Bedenken erregt,
ayqlag. Es sollte das in der vom Scboliasten erkannten Bedeutung
seltene voiiaöog verdeutlichen ; htntoöLag aber kann kaum etwas an-
deres sein als Corruptel für vno niöag^ wodurch dasselbe Wort im
vorhergehenden Vers wegfiele , der Dochmius aber im zweiten eine
1330 ganz entsprechende Gestalt erhielte. Die in 1349 entstandene
Lücke muss nun ein Verbum ausfüllen, das dem vofiaöog vtco niöag
sich sinn- und sprachgemäss verbände, etwa igjd'aQfiivov. Da ava-
aci(^<a bei Sophokles, soweit wir uns erinnern, nicht vorkömmt, wird
das (iB nach akaßev eine geeignetere Stelle vor hcoösvy welches so
auch besser mit dem einfachen igvxo stimmt, finden. Demnach schla-
gen wir vor zu schreiben: oloid^ oarig lyv, og itp^aQ^ivov vo^ddog
VTto Ttidag eXaßsv a%d re g)6vov i^o xdfi liSqxSev. In 1360 endlich
wird man lieber Elmsleys ad'sog beibehalten als Schneidewin'^s Vor-
schlag aXt^ZQog aufnehmen, da einem mit dem a privativum anhebenden
Worte ein gleiches zu entsprechen pflegt.
Neuer Zusatz in diesem und dem folgenden Bändchen ist die am
Schluss hinzugefügte Analyse der Metra, an der wir ausser dem
schon Bemerkten keine Ausstellung zu machen wissen , als dass daf
Schneidewin : Sophokles. Zweites u. drittes Bandchen. 19
Schema der Verse 173 sqq. nicht mit der richtigen Andeutung in der
Note zu 173 übereinstimmt.
Viel Treffliches enthält die Einleitung zum Oedipus aufKolo-
n o s , nur hat Sehn, die unsres Erachtens nicht gegründete Vorstellung
vom Hasse der Götter, welcher den Oedipus verfolge, auch auf die-
ses Drama angewandt, und ein gewagter Ausspruch eröffnet die Ab-
handlung: moralische wie poetische Gerechtigkeit habe Sophokles ge-
trieben, den Oedipus auf Kolonos als Ergänzung des Oedipus Tyran-
nos zu dichten. Da nun Sehn., man sieht nicht recht warum, die
Abfassung des ersten Drama sehr früh ansetzt — Einleitung zu Oed.
Tyr. p.28: *es liegt der Ol. 84, 3 gegebenen Antigone wahrscheinlich
noch voraus, was obenein Rückbeziehungen in diesem Drama zu be-
stätigen scheinen ' — so müsste , da Oedipus auf Kol. in die letzten
Jahre des Tragikers fällt, der drückende Gedanke, er sei dem ge-
mishandelten Helden eine Satisfaction schuldig, sehr lange auf ihm
gelastet haben. Uebrigens steht diese Ansicht nicht recht im Einklang
mit dem p. 1 aufgestellten Satze , dass die Götter durch Leiden den
Menschen zur Einsicht führen und Barmherzigkeit üben, wenn der
Mensch durch edle Ergebung ihren Willen ehre. Leiden aber, welche
zur Besserung über die Menschen verhängt werden , sind keine Ver-
folgungen. Daher auch p. 2 in den Worten, welche die Idee des
Dramas umfassen sollen , der Ausdruck nicht ganz passend gewählt zu
sein scheint: ^die gerechte Vergeltung' heisst es *der nun abge-
büssten und schweren Leiden des edlen Dulders durch einen erwünsch-
ten Tod', aber Leiden werden ja weder abgebüsst noch vergolten.
Was den Mythus betrifft, so sollen diesen als * hieratische Sage' in
Verbindung mit dem Cult der chthonischen Götter nach Zerstörung
der Stadt durch die Epigonen die Kadmeier nach Attika getragen ha-
ben. Sollte sie so früh schon ausgebildet worden sein? In die dich-
terische Behandlung derselben hat Sehn, tiefe Blicke geworfen.
Er macht darauf aufmerksam, dass das Orakel, von welchem Oedipus
90 sqq. spricht, mit dem früher ertheilten (Oed. T. 790 sq.) identisch
sei , aber dort nicht vollständig mitgetheilt werden konnte , ohne der
dramatischen Wirkung Abbruch zu thun, dass ferner Apollo durch
sein den Thebanern gegebenes Orakel diese belehrt, die spät er-
folgte Verbannung des Oedipus sei, nachdem sie sein Gebot nicht un-
mittelbar nach der Entdeckung vollzogen hatten, ein eigenmächtiger
Schritt gewesen, indem er sie jetzt nöthigt, sich um den mishandel-
ten zu bemühn, so dass nun eine völlige Umkehrung eintritt. Be-
sonderes Gewicht legt Sehn, auf den Contrast der beiden ersten
Reden, mit welchen Oedipus beide Tragoedien eröffnet, und weist die
Steigerung des zweiten Dramas in Oedipus Zusammentreffen mit dem
Fremden, dem Chor, dem Theseus, so wie darin nach, dass Oedipus
sich bei dem Chor mehr im allgemeinen rechtfertigt, vollständiger
aber gegen Kreon (p. 18) ; denn derselbe , der eben noch ihn gebeten
hatte, seine Greuel vor der Welt zu verbergen, weil er glaubte ihn
durch erheucheltes Wohlwollen zu gewinnen, zieht in dei: V^\V^^v^-
20 Griechische LitteraturT
gung seines Verfahrens vor Theseus schamlos jede Hülle von Oedi-
pus Thaten weg und veranlasst ihn auf diese Weise , sich ausführlich
über seine Schicksale auszusprechen. Ferner wird aufgedeckt, wie
Kreon durchaus es vermeide , den Eteokles '*') , welcher zunächst bei
Oedipus Fortfuhrung ans Attika betheiligt war , in Gegenwart dessel-
ben zu nennen und dafür den Auftrag von ganz Theben unterschiebe ;
desgleichen wie er mittelst der Behauptung, den Athenern müsse der
Aufenthalt des Oedipus bei ihnen unwillkommen sein, schlau das den
Thebanern von Oed. auswärtiger Niederlassung geweissagte Unheil
ignorirt. Sehr wohl ist hinsichtlich des Polyneikes bemerkt, dass Oe-
dipus, hätte er dem bedrängten Sohn vergeben und sich auf seine
Seite gestellt, nur dessen Rachsucht behilflich gewesen wäre, da die
erklärte Absicht, gegen den Bruder Alles aufs Spiel zu setzen, die
Ruchlosigkeit des dem Vater nur im Drang der Noth nahenden Soh-
nes offenbare.
Auch im einzelnen ist vieles zum erstenmal hier hervorgehoben,
was zu innerlicherer Auffassung des Dramas gehört, wie, dass 89 Oe-
dipus mit dem Ausdruck des Orakels (Ssiivcov einen weitern und nnr
bestimmten Begriff verband , welcher sich ihm in seiner wahren und
concreten Bedeutung erst da erschliesst, wo er bei den Eumeniden
eine Zuflucht gefunden hat, bei den nüchternen, vi^(pmv aolvoigj wie
der Dichter (100) mit sinnvoller Vergleichung sagt; dass 392 sqq. die
Worte der Ismene ganz orakelartig lauten, wo sie im Gespräch mit
ihrem Vater diesem den Inhalt von Apollos neuestem Spruch mittheilt ;
dass der zwischen 72 und 587 scheinbar obwaltende Widerspruch durch
die jetzt erst nach Ismenes Meldungen mögliche Einsicht in die Ab-
sichten der Thebaner aufgehoben wird; dass 646 Oedipus anderes im
Sinne hat, als Theseus vorsteht, denn dieser glaubt demnächst gegen
Oedipus Verfolger einem glücklichen Kampfe sich unterziehn zu
müssen, während Oedipus von einem in später Zukunft erfolgenden
Sieg Athens über Theben spricht, nächstens aber arges zu leiden be-
fürchtet, wenn Theseus sich entferne; dass 931 Theseus unbewusst
Kreons Vorwurf, den dieser 804 dem Oedipus machte, auf ihn selbst
anwendet und dieser 855 dem Oedipus vorwirft, was er nachher 957
zu seiner eignen Entschuldigung benutzen muss. Richtig ist zu 1076
(gegen Wunder) behauptet, dass daselbst nur Antigone bezeichnet zu
werden brauchte, welche vor den Augen des Chors fortgerissen wor-
den war, während Ismenes Entführung der Chor bloss durch Kreons
Geständniss erfuhr. In der Scene des Polyneikes weist die Note dar-
auf hin , wie schonend jenen die Schwester bei Oedipus einführt, dann
zu 1301 , wie Polyneikes mit sichtbarem Behagen seine mächtige Bun-
desgenossenschaft schildert. Er kömmt noch einmal (1310) darauf zu-
rück, wo er eigentlich nur Bitten an den Vater richten wollte. Aber
*) Dieser, meint Schneidewin p. 16, sei bei Aeschylus 'ein dem So-
phokleischen Oedipus Tyr. sehr ähnlicher Charakter.' Das mochte ihm
doch schwer fallen nachzuweisen.
Schneidewifl : Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. 21
Oedipos hält der von dem ungerathenen Sohne angerufenen Alö(6g
die ÄlitTi entgegen , welche nicht weniger als jene naQeÖQog des höch>
sten Gottes sei, und gibt ihm zu bedenken, dass er vergesse, wie
er selbst des Vaters unglückliches Umherirren verschuldet habe, wenn
er , um sein Mitleid rege zu machen , die eigne Lage der des Vaters
vergleiche. Von dem Solin ins Elend gestossen zu sein war mehr,
als einem Menschen mit Gleichmuth zu ertragen zugemuthet werden
durfte ; darauf gebt die von Theseus an Oedipus gerichtete Frage (598) :
. r/ yccQ xo /xetf ov ij xar avd'Qomov voöeig ;
Sorgfältige Berücksichtigung des den Tragikern und insbeson-
dere dem Sophokles eigenthümlichen Stils hat auch hier manche un-
nütze Correctur abgewendet. Den Charakter der Situationen weiss
Sophokles , je nachdem sie ruhiger oder bewegter sind , vortrefQich
durch den regelmässigen oder ungeordneten , ja verwirrten Gang der
Rede zu zeichnen, daher wer bloss nach den Gesetzen strenger Logik den
Ausdruck prüfen will , Gefahr läuft das Schönste zu zerstören. Der
Art ist z. B. Dindorfs gewaltsame Aenderung reif ovv ^vvulg^ wel-
che Wunder etwas voreilig in den Text gebracht hat, für ßQOtmvy ^vv
otg. Denn ^ifv olg verbindet sich mit dem freilich etwas fernstehenden
^ov, dazwischen ist aber, um der Ermahnung des Oedipus mehr
Nachdruck zu geben, die negative Antithese fitj nahmxe xrl. ge-
schoben. Vergebens hält Wunder 453 Cwvoav ts ra| iftov TtaXaC-
ffccra für corrupt, das Hyperbaton gesetzt statt c, t. i^ ifiov xct %. ist
durch ähnliche Stellen gesichert. Demselben misfiel auch %atiiSXBt-
'ipccg 467, und er zog die Lesart Kctxäöxeijjov vor (aperta emendatio ali-
cuius grammatici nach G. Hermanns treffendem Urtheil); jenes recht-
fertigt Schneidewin, indem er erinnert, wie die abergläubische Scheu
des Chors durch das kühne Betreten des Eumenidenhains tief verletzt
war. Richtig ist 230 a>v hergestellt, wo Wunder av schrieb, und
wohl bemerkt, dass x6 xCvhv Accusativ sei; nur war es nicht nöthig,
den Genitiv von dem im Sinne von xiveod'at gefassten xlveiv abhängen
zu lassen, da xIvbiv == ajtoÖLÖovcci ist und als Substantiv gefasst
mit jenem Casus unbedenklich verbunden werden kann.
Wo die Erklärung nicht ausreicht, hat Sehn, mehreremal mit
gutem Erfolg zur Emendation gegriffen. Hierzu rechnen wir 204, wo
Reisig die Wiederholung derselben Frage in xlg ^<pvg ßqoxmv and
xig noXvTCovog SyBi nicht glücklich mittelst der Lesung xL il o noXv-
Ttovog ayti zu vermeiden suchte. Man muss mit Sehn, xov S(pvg
schreiben, so dass der Chor erst nach dem Namen von Oedipus
Vater, dann nach dessen eignem sich erkundigt. Merkwürdig, dass
Wunder glauben konnte, xCg igyvg sei so viel als xlg 6e Sgnxse. Weiter-
hin , 227, entspricht Kcctcc&rjöet besser als naxa^rjaeig dem usus. Sehr
einfach und gut ist 458 geholfen, wo Hermann (Svv jtQOiSxaxatg aefivcctatj
Lobeck övv 7tqo(Sxa<Svv öB^vaidt und Dindorf ^ilrfi^ ofiov ^QfxSxaxusi
xatg a£(AVcct(St unnöthigerweise schrieben, indem jeder von ihnen über-
sah, dass La. nicht övv xatöi tcrrg, sondern TtQog xatöt xatg hat und
das öirv nur zur Erklärung des in dieser Bedeutung seltnetea ic^<^
22 Griechische Litteratar.
darübergeschrieben ist. Es bedarf nun keiner weitern Correctur als
ratööe fürtatfSt. Wo dem Oedipus die bei dem Trankopfer zu beobach-
tenden Ceremonien angegeben werden, ist die Vorschrift, dreimal
Krüge mit Quellwasser auszugiessen , den dritten Krug aber durchaus
mit Wasser und Honig, sehr ungereimt, denn das olov schliesst den
Gedanken an Unvermischtheit ein. Vortrefflich dagegen erscheint
Schneidewin^s nur in der Note vorgebrachte Emendation Susaotg ye ti^-
yag* rov tskevratov ^ iXav — . Die beiden ersten Ausgüsse sind
nicht Wasser und Honig, sondern einfach Wasser, wenn die Beleh-
rung in 481 Sipn haben soll. Nicht zu bezweifeln ist wohl auch die
Richtigkeit von 500 iv ra%ei reo statt iv tccxbi ti, von 861 tovr avto
vvv TteTCQci^stat für mg rovto v. TT., wie die Vulgata nach Triklinius
hat , besonders noch 1231 , hier ist tlg nkdyxd'ri jtoXvfiox^og Igen ei-
gentlich gar nicht zu verstehn und der Gegensatz tlg ov xa^unanf
EVI verlangt den durch Schnei dewin^s Emendation tlg %, noxe (A6%d^
^ce> gebotenen Gedanken. Sehr scharfsintaig wird 1595 für Soqi,x£ov
vorgesmagen TQinoQwpov zu schreiben , wobei Schneidewin auf die
vom Scholiasten zu Vs. 57 geretteten Verse verweist, in denen ein
kC^og XQixaQccvog vorkömmt '*') ; nur bleibt die Sache problematisch, da
wir von den übrigen hier angegebenen Localitäten auch nichts weite-
res wissen und eine Relation von Thorikos zu Kolonos nicht durchaus un-
denkbar ist. Für die Verwerfung von y^ t^^ (^5)» welches Döderlein
de brachylogia p. 6 zu vertheidigen sucht, wird richtig bemerkt, dass es
sich nicht um einen Sitz im Lande überhaupt handle; die Verbesse-
rung ix rrfi^ mit Bezug auf 36 scheint keinem Zweifel zu unterliegen.
Allerdings ist auch einigemal zu rasch das Bestehende ver-
worfen, wie ebenfalls 45 cStfre mit mg zu vertauschen unnöthig war,
denn nehmen die Erinyen den Oedipus freundlich auf, so geschieht
das im Einklang mit Apollos Willen. . Desgleichen ist 61 die Ver-^
muthung ^vvovüCa leci entbehrlich; zu koyotg hat man nur mit Bezie-
hung auf ^wovalcc nliov einen restrictiven Ausdruck hinzuzudenken :
nicht sowohl durch die (dichterische) Sage, aber mehr durch münd-
liche Fortpflanzung an Ort und Stelle. Für 113 wird die Parallele mit
Eur. Hec. 812 ausreichen , um der Bestreitung des <S%i]iia xa^ oXov
xal (liQog^ weil bei dem Wegführen der Gebrauch der Füsse sich von
selbst verstehe, zu begegnen. Was Sehn, an die Stelle bringen
will, nsQcc für Ttoöa^ verbindet sich schlecht mit xQvilmv. Als sehr
sicher (vergl. die Note zu 891) betrachtet er seine Correctur gHntvifv
yccQ 0Qd> für gjmvrj y. o. (138) , aber Oedipus will nur andeuten , dass
das Gehör ihm das Gesicht ersetze, er bedient sich einer Metonymie,
denn qxavfj steht für cexofj^ mit dem Ohr bemisst er die Entfernungen.
In 148 hat zwar La. das hier gebilligte und aufgenommene aS^/xov, was
schon Andern gefiel , die iicl öfiix^ig mit propter parvas res über-
setzten ; diese Erklärung vereinigt sich jedoch nicht mit (liyag , wel-
ches der Chor bloss von körperlicher Grösse verstehn kann, denn ihm
*) Vgl. Schneidewin im Philologas V. S. 240. 384. Die Red,
Schneidewin: Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. 23
ist noch unbekannt , wer der Fremde ist und ob bedeutend oder nicht.
Gegen ihn erscheint Antigone klein. Wir sehen in Sq^iow nur irrige
Uebertragung der ältesten Schrift und halten ä^fiow allein einer na-
türlichen Erklärung fähig: Oedipus, die hohe Heldengestalt, würde
sich nicht auf Kleines stützen , nicht abhängig sein von der Hand sei-
ner jungen Tochter, wäre er. ein evdcir/ficov. Die Bedeutung von 6^-
fiav =^ !(f7tHv^ welche voraussetzend Schneidewin die Version gibt:
^ich starker Mann würde nicht auf schwachem Stabe meines Weges
ziehen', ist erst noch zu erweisen. An der Stelle des * seltsamen
ccTta^ keyofuvov' 7Ccefi(io(f (165) sähe Sehn, lieber das Homerische
xaii(iOQ\ und doch ist jenes kräftiger und bedeutender. In 278 hätte
er besser die Triklinische Lesart (lotQav Ttoutöd's^ welche Schäfer und
Hermann hinreichend vertheidigt haben , beibehalten , als (ao^q^ ^(iTtoi-
«rcrO'e geschrieben, wofür wenigstens Oed. T. 175 SXlov ^ Sv äXXip
7t^l6(Hg nichts beweisen kann ; in 339 muss Svaa&ktai oder vielmehr
övöad'Xioi bleiben, öufdd'Xuci verwirft Sehn, mit Recht wegen des
folgenden TQCzrig,, aber eben dies Wort mnsste ihn auch abhalten,
t^iaa&Xwi vorzuschlagen. In der ersten Parodos misfällt ihm cr%e/-
qanov^ weil es dem Gedanken von 702 unpassend vorgreife. Aber ab-
gesehn von der zweifelhaften Formation des dafür proponirten a%e/-
^fftov^ was am Ende nur eine Erklärung des dabeistehenden avtinoiov
wäre , mfisste dann auch 711 getadelt werden , wo die später folgende
Entwicklung ebenfalls summarisch angekündigt ist Zu '854 lautet
die Note: ^ die gewöhnliche Lesart ßC^ q>CX(ov müsste auf Oed. Be-
nehmen bei der Enthüllung seiner Herkunft, zumal auf die Blendung
gehen , worauf namentlich OQyi^ ^ ri (f asl kv(iccCvetat deutet. Da aber
nirgend die q>Ckot dem Oedipus in jener Zeit zureden , sondern er im
^dXafwg allein sich blendet , so scheint q>lXmv unerklärlich. Ich habe
daheiw^/tf tpQevmv geschrieben, vgl. 659. 805.' Hier übersieht Sehn., dass
ßl^ q>lXmf mit 0{fy^ %iqtv Sovq verbunden werden muss : hätte Oed. ge-
gen Kreon (denn der ist vorzüglich unter 9/A0& zu verstehn) freundlicher
und milder sich benommen, so würde er nach Entdeckung seiner Abkunft
nicht mitsolcherHeftigkeitgegensichgewüthet haben. Aber die Beschä-
mung im Gefühl des gegen ihn begangenen Unrechts steigerte seine Lei-
denschaft. Die zur Bestätigung von ßla g>Q8vmv aus Aesch. Choeph. 76 an-
gezogene Stelle ist übrigens unbrauchbar, da dort ßlcf g>8Qoiiiv(xyv
gelesen wird. Zu streng scheint die Verwerfung von Xiyoov in 939.
wofür vifuov an den Platz gebracht worden ist; denn wer etwas
denkt, kann es auch aussprechen, diese Vertauschung beider Begriffe
darf keinem Leser Homers auffallen. Wenn 1024 Theseus einen So-
loecismus begienge, wollte er sagen ovg ov firi ywve — qyvyovxeg —
l3rev%oi^ff£, werden wir lieber fi^ stehn lassen und, wie schon von
Andern geschehn ist, inev^ayinai schreiben, als mit Sehn, ov dti
itorcB^ was für den Augenblick, in welchem es ausgesprochen werden
soll, unpassend wäre. Seltsam sind die zu 1522 geäusserten Beden-
ken: ^ unter tovvov den x&qog ov yfyv d'aveiv zu verstehn geht
nicht an , da vielmehr Oedipus Ruhestätte nicht verralhen wecd&vv
24 Griechische LiUeratur.
sollte. Da es eben so unstatthaft ist zu ravrov den Begriff vinvg, aus
ov (le x^ ^dcvBiv zu entnehmen , wie roikov im Sinne von ifAi zu fas-
sen, so zweifle ich nicht, dass Soph. TV(ißov de geschrieben hat, vgl.
1540 — 45^, als wenn das Pronomen nicht eben so gut mit Beziehung
auf x^Qov gesetzt, die Grabesstätte bedeuten könnte. In 1573 wird
nicht jedermann mit Schneidewin das auf g)a(Sl folgende Xoyog s%h
^ sehr befremdlich' finden; die durch seinen Vorschlag TCaQ *At6a
ka%og aiev l%£(v entstehende Häufung der Infinitive wäre wohl eine
noch grössere Härte.
Ein Verkennen der poetischen Metonymie , welche sich mehr er-
lauben darf als die prosaische, verräth sich in der Correctur von 658,
über deren Sicherheit Schneid, sich starke Illusionen macht: dort
sagt Theseus Jtolkal d* aTteilal nollcc 6ii (larrjv Mtcvi dv(im wurrpcsl"
Ivfiav , wo die Drohungen in derselben Weise drohen , wie 267 die
l^a als ÖBd^cc^OTcc aufgeführt werden. Die richtige Auffassung, wel-
che an der frühem Stelle Sehn, vorträgt, hat er zu 658 ausser
Acht gelassen, wenn er behauptet: ^es streitet gegen den Geschmack
des Sophokles, den aitaikal ein nccxcateiXetv vieler IVci;, einen ^^g
und vovg und schliesslich ein Abhandenkommen der von den aTtatkcil
xaraTCStlfj^ivta ajtsiXiqiicna beizulegen.' Die ccTCBtXal scheinen ihm
von den Abschreibern aus 656. 59. 60 geholt, nachdem Jtollotg we>
gen der Aehnlichkeit der Schriftzüge ausgefallen sei , er glaubt sie
mit vollem Recht verbannt und eine dem Sarkasmus besonders zusa-
gende Parechese (jtoXXoi 6i noXkoig nolla) hergestellt zu haben, denn
Sophokles lege dem Theseus diese ironischen Worte nicht ohne Be-
zug auf seine Zeit in den Mund. Schliesslich weist er die Zusammen-
stellung selbst dreier Casus desselben Wortes nach, wie aus Gorgias
100 ed. Rsk. jtoXka TtoXXotg tcoXXwv Sgcata iQycc^etai, Der Autor aber,
aus dem wir Sehn, widerlegen können, ist kein anderer als er
selbst: er spricht in der Einleitung zum Oed. Col. p. 10 von einer
Rede, die mit Salbung dem Chor zum Herzen redet! Darf sich der-
gleichen die Prosa erlauben , warum nicht in viel höherem Grade die
Poesie? Der d^fiog und vovg wird natürlich nicht den aitBi^Xal^ son-
dern dem Drohenden beigelegt.
Mitunter haben die Verbesserungen Anderer nicht die Billigung
gefunden , welche sie verdienten. Nach unserm Gefühl musste z. B.
159 öa iTtsiKuacci den Vorzug vor toy htemitSai erhalten. Die Hand-
schriften geben (locKQalav t ^d^ «og, was durch ein ausgeschriebenes
t£ (welches Wort auch nicht aufzugeben) und ein misverstandenes
unciales o (Correctur von g>) entstanden sein könnte. Das od ijt,
geht auf aXaav 6(inat(ov rjtSd'a g>vraX(iu>g zurück , und dvdaCfov fioc-
XQaCov ist nicht, wie Schneid, glaubt, ein allgemeiner Satz (wel-
chem er Toy ijt. anschliesst), sondern auf Oedipus allein zu beziehn.
In 367 TtQLv (i8v yccQ cdrotg f^v igig Kqiovxl te d'Qovovg ici(S^ai xrA.
deutet Sehn, in Hinblick auf Hesiod Op. 1 und Aesch. Eum. 962
BQig auf edlen Wetteifer im Gegensatz des schlimmen, abei^ von einem
Wetteifer im Resigniren wird mansich keine klare Vorstellung machen
Schneidewin: Sophokles. Zweites und drittes Bändchen. 25
können '*') , eben so wenig von einem Ijpog, dem Verlangen nach Re>
signation. Einzig richtig ist Bergks i^Qetssv (vergl. Ei. 409 rooi rovr
flQ6<sev), Näher als die von Früheren vorgeschlagenen Aenderungen
vetOQOv^ veaXovg^ vsoyvijg lag 475 Bergks vacdqag^ was Schneidewin
ebenfalls unberücksichtigt gelassen hat; übrigens durfte auch Her-
manns ye vBaqäg zu beachten sein. Was 616 bisher nach Gonjectur
gelesen wurde xaiUog xa ^Qog <si^ ist gewiss ungezwungener als
Schn.'^s ra X^ara tc, tf., wenn ihm auch xaAco^ svrjfieQSi misfällt.
Dasselbe gilt von Hermanns ^xo 'für rifimv 1021 ; viel schwerfälliger
ist, wie Sehn, lesen will, rci TCatd^ odtjymv^ wodurch der Begriff
des naraQXSLV rijg odov (vergl. 1019) nach seiner Meinung mit Nach-
druck wiederholt würde. In 1098 wird man sich nicht lange besin-
nen mit Bergk TtQOdTtcolovfiivag zu setzen und sehr bezweifeln, dass
TtQOiSTtolovfiivag heisse ^ von nQoöTColoL den oncioveg des Theseus treu
behütet.' Zwei Correcturen liegen (1190) für das corrupte xct tav
iMcnUsxfßv övöoeßeöxazGiv ^ tzccxsq vor: die von Dawes, welche
Sehn, befolgt , xa xäv 7iaiU(Sx(ov dvdiSeßiaxax o TtaxBQ^ und die von
Toup xct rcSv xaxttfra dvööeßecxaxtov ^ TtdxsQ. Letztere, welche zu-
gleich weniger ändert, trägt als eigenthümliches Hyperbaton mehr
den Charakter der Echtheit an sich , überdies wird logischer xcc xa-
nusxcc xmv öviSG. gesagt, da xaKUSxa der allgemeine Begriff ist, wel-
cher jede einzelne schlimme Qualität steigert. In 1^7 passt i^sikri^
xixeg besser zu dalfiov als i^6tkriq>6xEg ^ auch liegt es im Interesse
des Polyneikes, mehr das blinde Schalten des Schicksals, das den
Oedipus verfolge, als persönliches ihm widerfahrenes Unrecht her-
vorzuheben. Eine starke -Corruption zeigt 1375 iQsT r^, wofür
Sehn, lieber mit Döderlein iQeiiteig als mit Turnebus iqBLt\>eig schrieb,
weil das Praesens zu dem prophetischen Ton des Oedipus sehr gut
stimme. Dann müsste aber auch Ttlvcxsig folgen , und nicht TcetSst. In
1584 durfte wohl Hermanns %€iv6v y idatsl ßUnov aufgenommen wer-
den, da o ael ßUnog nur *das ewige Leben' heissenkann. Mit Recht
aber ist Eldikes <S7tevdet dem sonst aufgenommenen ?^7tei (307) vor-
gezogen , da es nicht nur dem handschriftlichen &iösi (welches Reisig
vergebens zu halten suchte) näher kömmt, sondern auch die offen-
bare Anspielung auf das dTtevÖB ßQccöioag bewahrt. Sonderbar , dass
man gerade darum die Gonjectur verwarf, als sei es unter der Würde
der Tragoedie, Sprichwörtliches anzubringen!
Von einigen Versen nimmt Schneid, an, dass sie überflüssig
seien , also dem Dichter nicht gehören. * Verdächtig klingt' ihm 926,
^ zumal neben 927 sq.' Doch können beide ganz gut nebeneinander
stehn; 927 drückt mehr einen Tadel von Kreons Verfahren als das
aus, was Theseus in ähnlicher Lage gethan haben würde; 926 aber,
'*') Wenn auch Schneidewin in der Einleitung p. 17 berichtet, die Bru-
der hätten 'nach Sophokles Umdichtung nach der Verbannung des Vaters
in dem verständigen Entschiasse gewetteifert, der Herrschaft ganz zu
entsagen/
26 Griechische Litteratur.
dass Kreon durch sein unwürdiges Treiben die gebührende Achtung '
vor dem Herrscher des Landes ausser Augen gesetzt habe. Zu 1142
wird kurz bemerkt : ^ diesen Vers würde niemand vermissen.' Doch
ist auch er nicht unnütz; Theseus meint, es befremde ihn nicht, dass
Oedipus früher mit seinen Kindern als mit ihm spreche, da er nicht
in Worten, nur in Thaten den Glanz seines Lebens suche. So bildet
der Satz ßaQog — l%a den Uebergang zu dem folgenden Ausspruch.
Warum 1308 — 1312 Einschiebsel der Schauspieler sein sollen, ist
nicht zu begreifen, indem zwischen 1307 und 1313 keine Verbindung
besteht. Oder ist 1308 Druckfehler statt 1305? Das würde allerdings
keine Schwierigkeit machen und dadurch der etwas auffallende Satz
6vv imcc ta^söt xrA. (1311 sq.) beseitigt werden ; vielleicht genügt es
aber nur diese beiden Verse zu streichen. Mit gutem Grunde verthei-
digt aber Sehn. 614 sq. gegen Nauck, der (Philol. 1849. S. 192) in die-
sen Versen einen Euripideischen Charakter finden wollte; sie sind
vielmehr die Pointe der Darstellung von der Veränderlichkeit alles
Irdischen ; gerade daraus , dass verfeindete Freunde später sich wie-
der liebgewinnen, geht das Schwankende menschlicher Verhältnisse
am deutlichsten hervor. Noch ein bezweifelter Vers ist in dieser Tra-
goedie übrig, 1436 : ^avivx\ htel ov (loi ^äwCy oiv^ig ci|£rov, welchen G.
Hermann dadurch erhalten zu können glaubte, dass er den Ausfall
eines andern vorausgehenden annahm, etwa des Inhaltes: t^% (le
itqog (Sq>mv rijg utgoötiKOvörig xv%bIv^ den Schneidewin aber durch eine
leichte Emendation von dem Vorwurf der Sinnlosigkeit befreit: ovx^
^mvn für ov fioi iwirsi^ sonst müsste ja tiem Lebenden ein Grab be-
reitet werden können. Da indes der Schlusssatz ov yaq f* ht ßki-
iwvx iao^sd^ av&ig im wesentlichen dasselbe ausspricht, und die
ganze Stelle durch den Ausfall der sentimentalen Worte des Verses
1436 runder und kräftiger wird , treten wir auf die Seite derer , die
den Vers ohne weiteres tilgen. Gelegentlich sei erlaubt zu bemerken,
dass in Bezug auf 1432 die ursprüngliche Lesart svodoiri (wofür Bur-
gess und Andere et; Sidolri corrigirten , was auch Schneidewin aufge-
nommen hat) als durchaus nothwendig erscheint, natürlich mit der
Aenderung (ygxo, sodanii, dass xaÖB mit absichtlicher schonender Unbe-
stimmtheit gesetzt ist, indem Polyneikes auch so verstanden wird, was
diejenigen nicht fühlten, die 1436 hinzufügten.
Schliesslich wollen wir einige Stellen berühren, die noch einer
Verbesserung bedürftig scheinen. In der ersten Unterredung des The-
seus mit Oedipus fragt jener, nachdem Oed. von Kämpfen gespro-
chen hat, die des Herrschers von Athen warten: noxeqa tcc rmv Cmv
inyovGiv rj^fiov UyBLg; (588). Von den Zerwürfnissen im Haus des
Oedipus erfährt Theseus erst 601, hier kann er sich also nicht darauf
beziehn. Diese Unmöglichkeit hat erst Schneidewin aufgedeckt'*'), dem
'*') Reisig in seiner Enarratio p. LXXXIX lässt den Theseus gerade-
zu fragen: *nuni liberorum tnorum causam agendam dicis an meam?^
uad H ermann spricht in der Note zn dem Verae ebenfalls von einem be-
^^llbenden Kampfe mit den Söhnen des Oedipus.
Schneidewin: Sophokles. Zweites a. drittes Bandchen. 27
wir übrigens nicht beistimmen können, wenn er ivvoüv schreibt statt
B%y6vmv\ denn so ist nicht deutlich, wer unter den ot Col verstanden
werden müsse. Theseus schliesst natürlich aus den Worten des Oe>
dipus auf einen Kampf mit Theben , der ihm bevorstehe. Daher Ref.
iyysvcav vorschlagt. Ausserdem war es nicht vorsichtig Ka(iov in den
Text zu bringen , denn die Disjunctivpartikel kann hier eben so gut
stehen wie im Oed. T. 492 tl yciq ij Actßöaidöaig tj reo üolvßov vbC-
xog insiro. Dem Theseus gibt Oedipus zur Autwort: xetvoi xo(jU^€tv
%€t(i avayua^ovcl fi€, Aeusserst hart wird hier entweder ce oder
toifg M%ovxag zu dem Hauptverbum supplirt, oder ^u zu im^I^blv^ oder
wie Reisig und Sehn, wollen, ava7xa£'oi;0£ intransitiv genommen und
KOfil^siv als Folge davon behandelt: ^jene gehn mit Zwangsmaass-
regeln um, so dass sie mich dorthin schaffen.' Auch in der Einlei-
tung p. 19 ist mit Beziehung auf diesen Vers die Rede von den The-
banern , welche kommen würden , um die Heimführung des Oedipus
zu erzwingen. Gegen einen solchen Zwang musste aber Theseus je-
desfalls protestiren, er konnte nur den Rath dem Flüchtigen geben,
freundlicher Einladung zur Heimkehr nicht zu widerstreben. Der Ge-
danke der Nöthigung liegt der Situation fern und muss hier beseitigt
werden , wenn die Erwiederung des Theseus im nächsten Verse irgend
welchen Sinn haben soll. Gedanke wie sprachlicher Ausdruck wird
natürlich und klar, wenn man für avayTca^ovai setzt ava^, XQV^^^^^'
Auf letzteres Verbum kann sich dann in 690 ^ikowag (die Hand-
schriften ^iXovx av) zurückbeziehn. Schneidewin schreibt aXX Sv
Q'BkcvxQuv und fügt hinzu : ^die Handschriften fehlerhaft akÜ d &ikovv
av y Qv6i dol tp, x. Die Vermuthungen Reisigs akÜ sl ^ikovtag y
(nämlich eMlvovg üe xo^U^iv q>evy6ig^^ ovöi xrl. nnd Hermanns akk ü
bikovxag y ovdh 0ol g>. x. (^uid autem st, cum te eolunt recipere^
ne tibi quidem decorum est exulem esse ?) sind unverständlich und
schwerfällig. Meine Emendation beruht auf der Voraussetzung, dass
eine Glosse ei d'ikouv av zum Theil in den Text gedrungen ist. Die Stel-
lung des av wie Ant. 466 aki av — xoixoig av i]kyovv, Sinn : aber
wenn die Thebaner bereit sind dich zurückzuholen , so ist^s auch dei-
nerseits (ovdh wie 591) nicht schön , im Auslande zu bleiben.' Man
versteht nur nicht, was das av hier soll, wo Oedipus bestimmt er-
klärt hat, dass die Thebaner seine Rückkehr wünschen. In der Stelle
der Antigone hat av denselben Platz wie hier, kann aber auch,
was hier _ unmöglich ist, grammatisch gerechtfertigt werden., Eher
werden wir mit Benutzung von El. 233 aki! ovv evvola y avöia %xk,
corrigiren dürfen aki ovv d'ikovrdg y ovdh xtk. Wo Theseus dem
Kreon gebietet, ihn zu der Stelle zu führen, an welcher er die Jung-
frauen untergebracht hat, sagt er ihm unter anderem; »ovk akkov
e^eig elg xa^ (1028). Hierin vermag man wohl nicht den Sinn zu ent-
decken, welchen Sehn, hineinträgt: ^auch wirst du nicht einen An-
dern als Beistand für diesen Zweck haben , d. h. verlässt du dich etwa
auf versteckte Bewaffnete, ohne welche du sicher dich nicht erfrecht
haben würdest , dein Beginnen auszuführen , so werden die dv^ vn&^
28 Griechische Litteratur.
helfen, da auch ich nicht ohne meine nQoaitolot mich mit dir zur Stelle
begeben werde.' Hat sich nämlich Kreon far solche Fälle vorge-
sehn, dann stehn ihm ja wirklicji Andere zu Gebot, welche die
Mädchen entweder schon in die Ferne entfuhrt haben oder noch in
der Nähe bewachen , und Theseus vermuthet das auch in den Worten :
©ff i^otdd (Se ov fffikov — ig to<Sriv^ vßqiv ^xovra. Als Pendant zu
dem oif ^dov muss er also etwas entsprechendes von sich selbst an>
kündigen : er sehe sich so gut vor , wie jener auf seine Sicherheit be-
dacht gewesen sein möge , also etwa xov^' äorclog S^cd a. Sehn,
gibt dem Kreon ein zu grosses Maass von Unbesonnenheit,- wenn er
glaubt, das xovx alXov ^ weise wohl sarkastisch auf die aXloi des
Theseus 1023, welche dem Kreon abgiengen.' Uebrigens scheint das
e^eig so gebraucht kaum griechisch zu sein. Gegen den Polyneikes
ruft Oedipus 1390 ro Tccqxocqov (Sxvyvov naxqmov iqeßog an. Hier ge-
nügen die zwei bisher gangbaren Erklärungen nicht, denn bei Tea-
xQaov an Laios zu denken fehlt jeder Anlass , und warum soll Ere-
bos Kind des Tartaros heissen, oder, was naxq^ov eigentlich bedeu-
ten müsste, das dem Tartaros vom Vater vererbte? Sehn, ver-
muthet daher %iX(oqov oder aqtayov^ was dann noch metri causa die
Aenderung axvyiov nach sich ziehn müsste. Ist aber 7til(Qqov auf
eine unendliche Leere anwendbar? Die andere Conjectur befriedigt
darum nicht, weil man eher ein Epitheton erwartet, welches den Ein-
druck von (Sxvyvov verstärkte , wie öKOxetvov, Unerklärlich ist uns
1534 ce£ 6h ficoQlai Jtoketg (für a[ öh [ivQlai 7t6k€i,g) , wie Schneidewin
mit Fröhlich geschrieben hat, ohne eine Aufklärung über diese (iah-
qIcci zu geben. Es scheint hier ein unverkennbarer Gegensatz von dem
Wissen des einzelnen und dem vieler vorzuliegen , letzteres ist schon
im coUectiven noXtg enthalten ; Oedipus würde dann die Ansicht aus-
sprechen , dass eine Bürgerschaft die Sache leichter nehmen und eher
gegen das heilige arcanum freveln werde , darum dürfe dieses immer
nur Einer, das Haupt des Staates, bewahren. Ist dies Sophokles Ge-
danke, so kann er geschrieben haben el de hvqCcc nolig — Ka^ßQt- .
0SV. In Zusammenhang steht damit, wie schon yocQ beweist, der näch-
ste Satz: d-sol yocQ ev ftiv, otph (f slöOQ^a\ oxav xa &sf ag>eCg xig dg
xo (icclvsöd-ai, xQaTtrj^ von welchem Schneidewin die sonderbare Erklä-
rung gibt: ^Oedipus scheint hiermit nicht sowohl auf seinen eignen
Sturz als auf Laios und lokaste hinzudeuten.' An einen solchen Rück-
blick ist hier nicht von ferne zu denken, Sophokles will vielmehr
sagen, der Frevel greife darum leichter um sich, weil die Götter ihre
Strafen spät eintreten Hessen.
Am Schluss des ersten Kommos ergänzt Schneidewin nach ßQOxov
den fehlenden Daktylus durch ovdiv Sv. Eher mag ovdafiov ausge-
fallen sein. Im zweiten Kommos machten bisher die Worte fjvsyxov
xaxoraT, w §ivot, ^vsyKOv axcov (ihv^ &€og töxcD^ xovxoav d' avd'oU-
Q£xov ovdiv (521) besonders grosse Schwierigkeiten, wo sowohl
«fxcov als der ganze zweite Vers dem Metrum der Strophe wider-
spricht. Für rjvsyKOv cctkou hat Schneidewin Martins i^vsyyi aixcDV auf-
Schneidewin: Sophokles. Zweites u. drittes Bändchen. 29
genommen und will, um den Wechsel der Formen fjvsyoiov — iqvByna
zu rechtfertigen, geltend machen, dass ähnliches bei dem Gebrauch
der Anaphora sich hie und da finde , z. B. Find. Fyth. I, 26 ^). Aesch.
Cho. 407. From. 197. Eur. Med. 1252. Man wird aber nicht leugnen
können, dass die Kraft des Ausdrucks hier durch jenen Wechsel etwas
verliere und daher eine Emendation, welche die Gleichförmigkeit
rettet, den Vorzug haben müsse. Der Art wäre G. Hermanns frühe-
rer Vorschlag avoyv (statt axcoi/), welcher indes die weiterhin sich
erhebenden Anstösse nicht beseitigt, auch wenn man mit Hermann im
folgenden Verse xövxoiv id'eXrj[cov ovSiv schreibt. Späterhin emendirte
derselbe, aber auch nicht sinngemäss (wie Sehn, urtheilt), ixtav
(lev ^. L rovtmv anXccxricog ovdiv. Aber selbst Schn.^s xovxcdv d'
oTtccvalvoii ovöiv^ was er in der Note zu 523 empfiehlt: *dann wird
die That ebenso nachdrucksvoll zugestanden, wie 547, um sie durch
die Umstände desto überzeugender zu rechtfertigen. Die Bildung des
Satzes wäre ganz analog der Stelle 0. R. 337 sq. Denn indem sich
ay^oiv (liv gleich vorandrängt, als ob folgen sollte rjvBynov ^' Ofimg,
aiiuli quidem certe , so lässt die Rede ofxoov (liv hinterdrein ganz aus
den Augen und wiederholt kräftigst den Gedanken ijvsyxov xaxorcera
in Form eines negativen Gegensatzes zu aixayif fiiv' passt weder zu
dem vorhergehenden, da der Gedanke Mch habe es zwar ohne zu
wollen angestiftet, leugne es aber nicht' keinen Gegensatz bildet,
noch zu der folgenden Frage ccXJl ig r/, welche unserer Ansicht nach
das Regulativ für die Emendation von 523 und somit auch von 521
darbieten musste. Unmöglich, obwohl es bisher und auch von
Sehn, geschehn, kann man anoßkinaiv suppliren, das ig xi weist
nothwendig auf ein ig ovdiv zurück , und dieses muss von einem Far-
ticipium, welches mit in&v sich verbindet und das Begehen der Ver-
brechen ausdrückt, abhängen, etwa von iXticccg (vergl. Herod. 11,
124). Darauf müsste regelrecht Oedipus fortfahren : ivÖBd'slg öh Kaxä
siva^ aber die dazwischentretende Frage des Chors ixi ig xl gibt
seinem Satz eine andere Wendung. Schneidewin^s Interpretation von
r^veyxov^ welches er als reines Activum fasst: ich habe Unheil ge-
stiftet (er vergleicht dazu II. ft, 332 n^og Tcvqyov töav KccKoxrfta tpi-
qovxeg) dürfte wohl so wenig wie in 962 sich bewähren; an beiden
Stellen muss es = Mitcc^ov sein; in der letztern beweisen wenig-
stens die q>6vot und ya^ioi, nichts, da ^v^MpOQug beigefügt ist, worauf
das Verbum zunächst geht; überdies hat er die yainoi, nicht ange-
stiftet, ja nicht einmal die g)6voi>^ alles ist an ihn gebracht und er zur
That getrieben worden, ohne zu wissen, an wem er sie begieng, fii^
öiv ^vuig (977) , was hier = ofxcov.
In dem ersten Stasimon denkt Sehn, das Praedicat der Nach-
'*') Dies d'avfidaiov ngoatdia^ai , d'cev(uc dh nal naQiovxmv ditov-
aat unterliegt gegründeten Bedenken. In den übrigen Stellen scheint
bei der Variation eine Steigerung oder sonst ein fififect beabsichtigt
zu sein.
so Griechische Litteratur.
tigaU TOI/ olvwji ivt%ov(Sa kusöov (675) durch die Zasammenstellnng
mit Ai. 212 lixog dovQtalanov öxiQ^ag avixei AXaq halten zu können.
Es wäre aber mehr als Kühnheit, wenn ein in Bezug auf den Sing-
TOgel ganz und gar fehlender nexus der Bedeutungen ^stützen' und
Mieben' dem Verbum aufgenöthigt würde. Mehrere Handschriften
geben eine andere Silbenverbindung olvdTtctv Sxovca^ woraus wie
von selbst das allein mögliche olvamov i%ov0a hervorgeht. In 693
wird Aphrodite vom Chor apostrophirt ovdh 0v %QVifccvtog ^Atp^dha;
diese Anrede wird so zu sehr iv nciqodtp abgethan^ was in den von
Schneidewin deshalb angezogenen Stellen 712. 1557. Oed. T. 159 nicht
der Fall ist; bis auf weiteres wird man daher lieber bei Hermanns
oidi iicfv stehn bleiben. Ueber die schwierige Stelle im zweiten
Stasimon 1054 sqq. ist Sehn, gleicher Ansicht mit Hermann, wel-
cher die Lesarten OQStßdrccv (Par. a) und iyQ€iia%av (La.) combinirt,
also Brfiiu Kai ausstösst und iyqs^i%civ als Attribut zu jenem In-
trachtet. Dass von Theseus hier keine Rede sein darf, ist nicht za
bezweifeln ; dass aber der fehlende Choriambus durch die freilich un-
metrische Variante von oqeißixav ausgefüllt werden könne , ist keine
so ausgemachte Sache. Sollen etwa die Jungfrauen selbst in die
Schlacht verwickelt werden und ist das ^ in ausreichenden Kampf ver-
flechten' einerlei mit einem Befreien aus den Händen der Feinde?
Der Accusativ tag diörolovg scheint vielmehr von leinem jetzt verlor-
nen Verbum (uQvvfisvovf) regiert zu sein, ififit^ai aber reflexiv ge-
fasst werden zu müssen. Durch avöcpöstv 1076 ist der richtige Sinn
getroffen , ob aber das Wort nach Form und Bedeutung aus Sophokles
selbst belegt werden kann, wagt Ref. im Augenblick nicht zu ent-
scheiden; sicherer wäre gewiss inöciösiv^ vergl. unten 1123 0v yccq
viv i^i(SG}6ag^ ferner 1367 und Aias 187. Ebenso befriedigt uns mehr
dem Sinne als der Form nach wtiad'sv statt des offenbar corrupten
IttcI (liv in 1454, wo htuxev eine leichtere Aenderung wäre, ist es
anders erlaubt dem Tragiker eine Pindarische Flexion zu leihn (Find.
Pyth. IV, 211). In dergleichen ist allerdings Vorsicht rathsam ; einen
Aeolismus wie o^ofv/€if(1466) anzubringen, halten wir selbst nach Dindorfs
Vorgang für zu gewagt, können aber auch auf Schneidewins Autorität
hin ovQcnda nicht als richtige Lesart betrachten, er versichert näm-
lich: ^ovQccvla ist, da es dem Sinne vortrefflich entspricht und nach
dioßolog ganz natürlich klingt, trotz des Anapaesten im lyrischen Tri-
meter beizubehalten : ux kann auch mit Synekphonesis einsilbig ge-
lesen werden. * Weder das eine noch das andre wird man einem
Künstler wie Sophokles zutrauen wollen , sondern lieber nach einem
andern Wort sich umsehn: der Blitz, welcher aus hellem Himmel
herabfahrend den Chor erschreckt, konnte alQ'qUt genannt werden.
Wenn 1494 Sehn. yvaXtov zu lesen vorschlägt, darf im Dochmius
nicht anqiov htl vorhergehn; liegt hier die Corruptel nicht tiefer, so
könnte der Singular a%qov inl yviXov helfen. Dem Vers widerstrebt
auch no0€tdcc(ovlco , hiess es vielleicht bvccUod ^ea üoiSsidcDvlGyl
Ueber den letzten lyrischen Theil der Tragoedie , den Wechsel-
Schneidewin: Sophokles. Zweites a. drittes Bändchen. 31
gesang der Schwestern und des Chors sind noch in neuester Zeit kri«
tische Erörterungen erschienen , vergl. Philol. 1849. S. 172 ff. (ron
Düntser) und 1850. S. 157 (von Firnhaber). Es ist keine Frage , dass
diese Partie besonders stark gelitten hat; Lücken sind durch Nichts«
sagendes, ja Verkehrtes ausgefüllt, wie 1690, oder durch Wieder-
holungen der echte Text verdrängt, wie 1716 avd'tg coJ' ^Qi^(Mg ano-
Qog aus 1735. Dass aber Ys. 1691 durchaus den Eindruck der Echt-
heit macht: raXairav Sg S(ioiy b (UXlcov ßlog ov ßtanog^ mithin
G. Hermanns Restitution des antistrophischen Verses hta^^ihzi ai
X (o ^>Lku tag TCcrcQog coö^ i^C^g wenigstens die richtige metrische
Form herstellt, scheint . keinem Zweifel zu unterliegen. Zwar hat
Düntzer ^Atöag ?Aot tdXccivav a}g ifwty b zu einem Vers verbunden,
aber das zerstört den schönen Rhythmus, tilgt die Uebereinstimmung
der Choriamben 1691 mit 1695 , und bringt einen schroffen Uebergang
vo» troch. trim. zu chor. dim. cat. (mit Anakruse) hervor. In Betreff
des Ttcergl ^vvd'cevetv yEqai^ ist zweierlei denkbar: entweder stand
in altern Handschriften das alles nicht , oder nur naxql. War letzte-
res der Fall, so erklärt sich das weitere ll;vvQ'tiVHv ye^tcp aus
dem Bedttrfniss , die Construction wohl oder übel zu ergänzen ; denn
noch Firnhaber 1. c. p. 161 bemerkt : ^ ohne den Zusatz ^w^ctvstv ^s-
qai,^ würde der Dativ 9rcirr(»Z keineswegs verständlich genug sein.' Er
würde es gar nicht isein; das beweist aber noch nichts für die Echt-
heit der ganzen Phrase, die eigentlich einen unmöglichen Wunsch
enthält: möge Hades jetzt mich erfassen, um mit dem alten Vater zn
sterben : das konnte sie vernünftigerweise nur sagen , so lang der Va-
ter noch lebte. Rührt auch TtcttQl von dem Interpolator her, so müsste
aus dem Gefühl, dass der lückenhafte Text einer Nachhilfe bedürftig
sei , die Ergänzung erklärt werden. Der Metriker hätte dann nnr ver-
gessen, auch die entsprecheqde Stelle der Gegenstrophe auszubes-
sern, was G. Hermann nachholt mit der Emendation ccv^ig hf ^hw
X&ovl TtrcDjpv ^d' aoLzov, Daraus dürfen wir die erste Hälfte bis
' x&ovl dankbar acceptiren ; von dem Ithyphallicus aber ist, wenn ncetqi
^w&cevstv yeqam aufgegeben wird , Umgang zu nehmen. Denn nicht
mit^cnr^l, sondern einem .andern zweisilbigen Schlusswort .muss der
Vers ergänzt werden; Ref. räth zu tti%ct^ welches bei der Aehnlieh-
keit von % und h leicht als Dittographie vor xiXmvtiv ausgelassen
werden konnte, oder taifv. Auf diese Weise würden die beiden letzten
Verse der Ismene mit den beiden Sehlussversen des Chors in der zwei-
ten Strophe fibereinstimmen. Für unsicher gilt femer am Schluss der
-ersten Antistrophe 1713, indem er dem Vers 1706 so ähnlich ist, dass
der Verdacht einer Verfälschung sich von mehrern Seiten erheben
konnte. Dindorf stiess ihn ohne weiteres aus, ihm folgt, wenn auch
nicht mit voller Entschiedenheit Sehn., indem er in der Note dazu sagt:
^die Handschrr. Ig> (iri ySg iitl ^ivag^avetv ^XQ^t^S^ <xXk iqri(Aog
i&avsg taSi (loi. Da nach Dindorfs Bemerkung die Stelle aus 1705 in-
terpolirt ist, so darf man kaum eine Vermuthung auf jene Worte grün-
den. Dem Gedanken angemessen versucht Arndt: tf& ^<i\^«t.(^^s^^^^^
32 Griechische Litteratur.
^avetv ix^rpf a\ Itp ccg y l^fiog S^avsg adi (wi^ darum (weil ich dich
stets beklagen werde) hättest du nicht in fremdem Lande sterben sol-
len , in welchem du so vereinsamt mir gestorben bist.' Mit weniger
Bedenklichkeit tritt Düntzer Dindorfs Urtheil bei ; er beschenkt zu-
gleich den Sophokles mit einem neuen Vers : (ivxol 6e yäg Suke^iffav
c5 tXccficav^ ^co, worauf folgt iQrifiog S&aveg codi ftot, und da er yäv
in der Strophe zum vorhergehenden Vers zieht, muss er hier, was
sich übel ausnimmt, ein g>ev hineinstopfen. Firnhaber nimmt sich der
Vulgata an , in welcher ihm nur d'eol nöthige Aenderung scheint statt
ta , er interpungirt vor BXQrjSsg und übersetzt : ^ ach , ihr Götter , nicht
sterben in der Fremde ! Du wolltest es , aber nun liegst du so einsam
mir!' Doch die Parallele mit Aesch. Sept. 233 d'sol itoXixcti^ fi^ \u
dovXslag %v%bIv ist auf unsere Stelle nicht anwendbar, wo Antigone
keinen Wunsch für ihr eignes Grab ausspricht. Es bedarf auch nicht
der Arndtschen Emendation , in welcher der Uebergang mittelst des
Relativs und die Restriction durch ye den lyrischen Schwung gar
sehr lähmt; man stelle nur &^oi oder oX^oi an die Spitze des Verses,
um die ungezwungene und natürliche Ideenverbindung zu erhalten:
^ du ^wolltest auf fremdem Boden sterben , aber mir starbst du so ein-
sam!' Uebrigens sehn wir nicht ein, warum der Dichter denselben
Gedanken nicht mit denselben Worten^ wiederholen durfte , wenn er
sonst gut angebracht war. Auch in dem, was Antigone 1697 — 1701
vorträgt , scheint noch nicht alles im reinen zu sein. Sie betheuert,
ihr sei selbst das lieb geworden im Dienst des Vaters , was sonst je-
dem lästig falle : hieher kann %o (plXov als das ^ absolut liebe ' nicht
passen, (itjöuficc drjroefplkov wäre matt, eher konnte Antigone sagen
liflödu iÖQäxo q>tXov. In 1701 scheint Sehn, durch Hermanns ovöl
yaq cav befriedigt, das hiesse: ^denn auch nicht bei Lebzeiten warst
du mir jemals ungeliebt.' Widerspricht aber so nicht cSi/ dem ovdl?
und soll Ttcni auf Vergangenheit oder Zukunft sich beziehn? Düntzer
wollte mit ovdh neqctv helfen , das würde aber eher in einer christ-
lichen Predigt, wo von ^dem Jenseits' oft die Rede ist, als in einer
antiken Tragoedie am Platz sein. Wir vermuthen , Sophokles schrieb
(yvdi yaq a>V, auch so, nach deinem Tod werde ich nicht aufhören,
dich zu lieben. In 1745 würde ^stqsg das in aitoqa und nikayog aus-
geführte Bild vorbereiten.
Die Behandlung des Metrischen anlangend haben wir nach dem
Obenbemerkten wenig mehr nachzutragen. Im ersten Kommos zu
Ende scheint die paromonostrophische Form von 207 an unbeachtet
geblieben zu sein, wenigstens ist in den Noten nicht ausdrücklich
darauf hingewiesen , dass 207 — ^209 mit 237 — 239 ; 235 — ^237 mit 252
— 254 stimmen; dem vorhergehenden System von daktylischen Tetra-
metern 243 — ^248 entspricht, wenn auch nicht in der Zahl der Füsse,
229 — ^234. Hier sind aber von Sehn., um Wortbrechungen zu ver-
meiden, theilweise ganz verschiedene Verse angebracht: 230 ist ka-
talektischer daktylischer Pentameter , 231 sq. sind anapaestische aka-
talektische Dimeter , 233 ist gar ein katalektischer anapaestischer Di-
Halm : Cicero» ausgeMrählte Reden. Bd. ^ und 5. S3
meter von sonst unerhörter Form, denn die Katalexe ist zwei-
silbig. Im Gegensatz dazu werden mittelst Wortbrechong 668 sqq.
mehrei^e Kolenpaare zu einem Vers verbunden, wo der in Strophe
und Antistrophe immer auf die gleiche Stelle fallende Wortausgang
verräth , dass der Dichter die cantilena der Glykoneen nicht so lang
fortsetzen wollte, als es hier geschieht: wie in der Strophe mit ^oo^a^,
ai^öoiv ^ KUSöov ^ ßax%uat(xg geschlossen wird, so in der Antistrophe
mit Sxvug^ &vnvoi^ ^ei&Qciw, Movöiiv, Vor den Anakrusen, welche
dadurch hervorgerufen werden, zeigt Sehn, grosse Scheu, daher auch
1045 durch Verknüpfung dreier Verse zu einem : sitip — "ui^ die Sym-
metrie lieber aufgehoben als jene geduldet, ebenso 1213 mit dem fol-
genden unnöthiger Weise verbunden wird. Die genaue Responsion
in dem dritten Kommos verlangt, dass 882 zufolge der Dindorfschen
Ausfüllung der Lücke si Zeig hi Zsvg dem Kreon eine Silbe weniger
zagetheilt werde: Zwg Sv iidslri statt Zevg tavt S. e. In 1085 end-
lich brauchte nur das Zet; vor jtavtwna zu treten, um den ischiorrho-
gischen lambus ebenso leicht durchzuführen wie in der Strophe mit-
telst der geringen Aenderungen \iiUjovii und (qSovciv mg. Hermanns
n€cvTaq%ixa ^ welches Sehn, au^enommen hat, muss der Vulgata Trai'-
Tcr^of weichen.
Heidelberg. Kdiyser,
Ciceros ausgewähiie Reden. Erklärt von Karl Halm. III. Band-
chen. Die Reden gegen L. Sergins Caülina und fSr P. CorneliuB
Sulla. Leipzig, Weidmannsche Buchhandlung. 1851. VIII und 175 S.
V. Bändchen. Die Reden fSr T. Annius Mllo, für Q. Ligarins und
für den Konig Dejotarus. 1850. VI und 151 S. 8.
[Schluss.]
Aus der dritten Rede, um nicht allzu viel Raum zu bean-
spruchen, nur einige Stellen. Zu c. 1. §. 2 nascendi condicio war * das
Loos der Geburt' zu tilgen; denn dies führt den Schüler zur Ver-
wechslung des Wortes mit sors. — Statt e. 5. $. 10 zu sagen: *re-
cepisseni^ synonymer Gegensatz von conßrmassei*^ was der Schüler
von selbst finden muss , hätte es bloss des Wortes * recipere , ver-
sprechen' bedurft. Dies gibt Denkstoff zur Auffindung des Uebrigen.
Dagegen c. 7. %, 16 möchte eine Note wie : ^ ornntum aditus ienebatj
hatte die Zugänge zu Allen inne , d. i. wusste sich zu Allen Zugang zu
verschaffen ' nicht überflüssig sein^ Nebenbei erwähne ich , dass mir
an mehrern Stellen der innere Grund für die Interpunction nicht klar
ist, und dass ich darüber vom Verfasser «ine Aufklärung wünschte.
So hier: nihil erat quod n&n ipse obiret occitrrerei^ eigilaret labo-
rarel wegen des Komma nach oceurreret, wie auch I. §. 32 inter-
pungirt ist: «I . . . omnia patefaeta iUusiraia^ oppreua «iiiidx^aVk
^. Jakrb. f,.PhU. u. Paed. Bd. LXV. Hft. K ^
92 Griechische LiUeratur.
^avetv ix^ijv a , i<p ag y l^fiog id'aveg codi fioi^ daram (weil ich dich
stets beklagen werde) hättest da nicht in fremdem Lande sterben sol-
len , in welchem du so vereinsamt mir gestorben bist.' Mit weni^r
Bedenklichkeit tritt Düntzer Dindorfs Urtheil bei; er beschenkl zu-
gleich den Sophokles mit einem neuen Vers : [ivxol 0b yäg inXeilKev
CO rXccficDV^ ^co, worauf folgt S^fiog S&avsg codi fiot^ und da er yäv
in der Strophe zum vorhergehenden Vers zieht, muss er. hier, was
sich übel ausnimmt, ein g)ev hineinstopfen. Fimhaber nimmt sich der
Vulgata an , in welcher ihm nur &£oi nöthige Aenderung scheint statt
t(a , er interpungirt vor e%Qri^eg und übersetzt : * ach , ihr Götter , nicht
sterben in der Fremde! Du wolltest es, aber nun liegst du so einsam
mir!' Doch die Parallele mit Aesch. Sept. 233 d'sol nolZtui^ fiij \u
SovXelag rv%stv ist auf unsere Stelle nicht anwendbar , wo Antigone
keinen Wunsch für ihr eignes Grab ausspricht. Es bedarf auch nicht
der Arndtschen Emendation , in welcher der Uebergang mittelst des
Relativs und die Restriction durch ye den lyrischen Schwang gar
sehr lähmt ; man stelle nur äfioi> oder otfioi an die Spitze des Verses,
um die ungezwungene und natürliche Ideenverbindung zu erhalten:
^ du vvolltest auf fremdem Boden sterben , aber mir starbst du so ein-
sam!' Uebrigens sehn wir nicht ein, warum der Dichter denselben
Gedanken nicht mit denselben Worten^ wiederholen durfte , wenn er
sonst gut augebracht war. Auch in dem , was Antigone 1697 — 1701
vorträgt, scheint noch nicht alles im reinen zu sein. Sie betheuert,
ihr sei selbst das lieb geworden im Dienst des Vaters , was sonst je-
dem lästig falle: hieher kanu ro tplXov als das ^absolut liebe' nicht
passen, (irjöccficc dijratplXov wäre matt, eher konnte Antigone sagen
(ifjöda iÖQoito g>lXov. In 1701 scheint Sehn, durch Hermanns ovda
yuq cov befriedigt, das Messe: ^denn auch nicht bei Lebzeiten warst
du mir jemals ungeliebt.' Widerspricht aber so nicht äv dem ovdel
und soll Ttoti auf Vergangenheit oder Zukunft sich beziehn? Düntzer
wollte mit ovdh niqctv helfen , das würde aber eher in einer christ-
lichen Predigt, wo von *dem Jenseits' oft die Rede ist, als in einer
aiitiken Tragoedie am Platz sein. Wir vermuthen, Sophokles schrieb
ovdiyaq äg, auch so, nach deinem Tod werde ich nicht aufhören,
dich zu lieben. In 1745 würde InsiQSg das in aitoqa und niXayog aus-
geführte Bild vorbereiten.
Die Behandlung des Metrischen anlangend haben wir nach dem
Obenbemerkten wenig mehr nachzutragen. Im ersten Kommos zu
Ende scheint die paromonostrophische Form von 207 an unbeachtet
geblieben zu sein, wenigstens ist in den Noten nicht ausdrücklich
darauf hingewiesen , dass 207 — ^209 mit 237 — ^239 ; 235 — ^237 mit 252
— 254 stimmen; dem vorhergehenden System von daktylischen Tetra-
metern 243 — 248 entspricht, wenn auch nicht in der Zahl der Füsse,
229 — ^234. Hier sind aber von Sehn., um Wortbrechungen zu ver-
meiden, theilweise ganz verschiedene Verse angebracht: 230 ist ka-
talektischer daktylischer Pentameter , 231 sq. sind anapaestische aka-
talektische Dimeter, 233 ist gar ein katalektischer anapaestischer Di<
Halm : Ciceros ausgeMrfihlte Reden. Bd. ^ und 5. 38
meter von sonst unerhörter Form, denn die Katalexe ist zwei-
silbig. Im Gegensatz dazu werden mittelst Wortbrechung 668 sqq.
mehrei^e Kolenpaare zu einem Vers verbunden, wo der in Strophe
und Antistrophe immer auf die gleiche Stelle fallende Wortausgang
verräth , dass der Dichter die cantilena der Glykoneen nicht so lang
fortsetzen wollte, als es hier geschieht: wie in der Strophe mit %(o^a$,
ar^ddv^ kusöov^ ßcexxiüotag geschlossen wird, so in der Antistrophe
mit S%vug^ avnvoi^ ^si&Qcw^ Mov0av, Vor den Anakrusen, welche
dadurch hervorgerufen werden , zeigt Sehn, grosse Scheu , daher auch
1045 durch Verknüpfung dreier Verse zu einem : iXri[v--^A^ die Sym-
metrie lieber aufgehoben als jene geduldet, ebenso 1213 mit dem fol-
genden unnöthiger Weise verbunden wird. Die genaue Responsion
in dem dritten Kommos verlangt, dass 882 zufolge der Dindorfschen
Ausfallung der Lücke d Zeig ht Zsvg dem Kreon eine Silbe weniger
zngetheilt werde : Zwg Sv ildslri statt Zevg xavt S. e. In 1085 end-
lich brauchte nur das Zev vor JtavtOTnee zu treten, um den ischiorrho-
gischen lambus ebenso leicht durchzufahren wie in der Strophe mit-
telst der geringen Aenderungen \iikkovii und (qöovctv mg. Hermanns
TtcevraQxiva ^ welches Sehn, aufgenommen hat, muss derVulgata Ttav-
Tcr^flf weichen.
Heidelberg. Kapser,
Ciceros ausgewählte Reden. Erklärt von Karl Halm. III. Band-
chen. Die Reden gegen L. Sergius Catilina und fSr P. CorneliuB
Sulla. Leipzig, Weidmannsche Buchhandlung. 1851. Vlll und 175 8.
V. Bändchen. Die Reden für T. Annius Mllo, für Q. Ligarins und
für den Konig Dejotarus. 1850. VI und 151 S. 8.
[Schluss.]
Aus der dritten Rede, um nicht allzu viel Raum zu bean-
spruchen, nur einige Stellen. Zu c. 1. §. 2 nascendi condicio war * das
Loos der Geburt' zu tilgen; denn dies ftthrt den Schüler zur Ver-
wechslung des Wortes mit sors, — Statt e. 5. $. 10 zu sagen: ^re-
cepisseni^ synonymer Gegensatz von conßrmassei*^ was der Schüler
von selbst finden muss , hätte es bloss des Wortes ^ recipere , ver-
sprechen ' bedurft. Dies gibt Denkstoff zur Auffindung des Uebrigen.
Dagegen c. 7. %. 16 möchte eine Note wie: ^omnium aditus tenebat,
hatte die Zugänge zu Allen inne , d. i. wusste sich zu Allen Zugang zu
verschaffen ' nicht überflüssig sein> Nebenbei erwähne ich , dass mir
an mehrern Stellen der innere Grund für die Interpunction nicht klar
ist, und dass ich darüber vom Verfasser «ine Aufklärung wünschte.
So hier: nihil erat quod n&n ipse obiret occurrerei, eigüaret labo-
raret wegen des Komma nach oceurreret^ wie auch I. §. 32 inter-
pnngirt ist: «/ . . . omnia patefaeia iUusfrataj oppressa «iudicata
^. Jakrb, f.^a, u. Paed, Bd, LXV. Hfi,\. ^
92 Griechische Litteratur.
^avetv ix(^v a , itp ag y l^fiog i'^aveg oodi (loi^ daram (weil ich dich
stets beklagen werde) hättest da nicht in fremdem Lande sterben sol-
len , in welchem du so vereinsamt mir gestorben bist.' Mit weniger
Bedenklichkeit tritt Düntzer Dindorfs Urtheil bei ; er beschenkt zu-
gleich den Sophokles mit einem neuen Vers : [ivxol öe yäg Mnkef^/av
m rXccfiGW^ ^co, worauf folgt SQfifiog Sd'avsg codi fiot^ und da er yäv
in der Strophe zum vorhergehenden Vers zieht, muss er hier, was
sich übel ausnimmt, ein q)ev hineinstopfen. Firnhaber nimmt sich der
Yulgata an , in welcher ihm nur &eol nöthige Aenderung scheint statt
ta , er interpungirt vor exQfif^sg und übersetzt : ^ ach , ihr Götter , nicht
sterben in der Fremde ! Du wolltest es , aber nun liegst du so einsam
mir!' Doch die Parallele mit Aesch. Sept. 233 d-sol noXitai^ fii} f&c
dovXelag xv%bIv ist auf unsere Stelle nicht anwendbar , wo Antigone
keinen Wunsch für ihr eignes Grab ausspricht. Es bedarf auch nicht
der Arndtschen Emendation , in welcher der Uebergang mittelst des
Relativs und die Restriction durch ye den lyrischen Schwang gar
sehr lähmt; man stelle nur (0|xo( oder oI^loi an die Spitze des Verses,
am die ungezwungene und natürliche Ideenverbindung zu erhalten:
^ du :w^olltest auf fremdem Boden sterben , aber mir starbst du so ein-
sam!' Uebrigens sehn wir nicht ein, warum der Dichter denselben
Gedanken nicht mit denselben Worten^ wiederholen durfte , wenn er
sonst gut angebracht war. Auch in dem, was Antigone 1697 — 1701
vorträgt, scheint noch nicht alles im reinen zu sein. Sie beth'euert,
ihr sei selbst das lieb geworden im Dienst des Vaters , was sonst je-
dem lästig falle: hieher kann %o (plXov als das ^absolut liebe' nicht
passen, (irjöaficc öijratpllov wäre matt, eher konnte Antigone sagen
fiflöccu idgäto tpLXov. In 1701 scheint Sehn, durch Hermanns ov8l
yaq cov befriedigt, das hiesse: ^denn auch nicht bei Lebzeiten warst
du mir jemals ungeliebt.' Widerspricht aber so nicht cSi/ dem oidll
und soll TTore auf Vergangenheit oder Zukunft sich beziehn? Düntzer
wollte mit ovdi niquv helfen , das würde aber eher in einer christ-
lichen Predigt, wo von ^dem Jenseits' oft die Rede ist, als in einer
antiken Tragoedie am Platz sein. Wir vermuthen, Sophokles schrieb
ovdiyitq &g^ auch so, nach deinem Tod werde ich nicht aufhören,
dich zu lieben. In 1745 würde Ineiqsg das in aitoqa und jtiXayog aus-
geführte Bild vorbereiten.
Die Behandlung des Metrischen anlangend haben wir nach dem
Obenbemerkten wenig mehr nachzutragen. Im ersten Kommos zu
Ende scheint die paromonostrophische Form von 207 an unbeachtet
geblieben zu sein, wenigstens ist in den Noten nicht ausdrücklich
darauf hingewiesen , dass 207 — ^209 mit 237 — ^239 ; 235 — ^237 mit 252
— 254 stimmen ; dem vorhergehenden System von daktylischen Tetra-
metern 243 — 248 entspricht, wenn auch nicht in der Zahl der Füsse,
229 — ^234. Hier sind aber von Sehn., um Wortbrechungen zu ver-
meiden, theilweise ganz verschiedene Verse angebracht: 230 ist ka-
talektischer daktylischer Pentameter , 231 sq. sind anapaestische aka-
talektische Dimeter, 233 ist gar ein katalektischer anapaestischer Di-
Halm : Ciceros ausgeMrfihlte Reden. Bd. ^ und 5. 38
meter von sonst unerhörter Form, denn die Katalexe ist zwei-
silbig. Im Gegensatz dazu werden mittelst Wortbrechungr 668 sqq.
mehrei^e Kolenpaare zu einem Vers verbunden, wo der in Strophe
und Antistrophe immer auf die gleiche Stelle fallende Wortausgang
verrfith , dass der Dichter die cantilena der Glykoneen nicht so lang
fortsetzen wollte, als es hier geschieht: wie in der Strophe mit %(o^a$,
ai^öciv ^ Kusaov ^ ßcexxiüotag geschlossen wird, so in der Antistrophe
mit S%vug^ &vnvoL^ ^ei&QCWy Movöiiv. Vor den Anakrusen, welche
dadurch hervorgerufen werden , zeigt Sehn, grosse Scheu , daher auch
1045 durch Verknüpfung dreier Verse zu einem : iiri[v--^A^ die Sym-
metrie lieber aufgehoben als jene geduldet, ebenso 1213 mit dem fol-
genden unnöthiger Weise verbunden wird. Die genaue Responsion
in dem dritten Kommos verlangt, dass 882 zufolge der Dindorfschen
Ausfüllung der Lücke d Zev^ hi Zsvq dem Kreon eine Silbe weniger
zugetheilt werde : Zwg Sv ildslri statt Zevg tavt S. e. In 1085 end-
lich brauchte nur das Zev vor jtavtOTtva zu treten, um den ischiorrho-
gischen lambus ebenso leicht durchzuführen wie in der Strophe mit-
telst der geringen Aenderungen fiikXovii und (QÖovatv ag. Hermanns
nccvToeQxiva ^ welches Sehn, aufgenommen hat, muss der Vulgata rnnv-
Tcr^flf weichen.
Heidelberg. Kapser.
Ciceros ausgewählie Reden. Erklärt von Karl Holm. III. Band-
chen. Die Reden gegen L. Sergins Catilina und für P. CorneliuB
Sulla. Leipzig, Weidmannscfae Buohbandinng. 1851. VIII und 175 8.
V. Bändchen. Die Reden fSr T. Annius Milo, für Q. Ligarins und
für den Konig Dejotarus. 1850. VI und 151 S. 8.
[Schluss.]
Aus der dritten Rede, um nicht allzu viel Raum zu bean-
spruchen, nur einige Stellen. Zu c. 1. §. 2 nascendi eondicio war * das
Loos der Geburt' zu tilgen; denn dies fahrt den Schüler zur Ver-
wechslung des Wortes mit sors. — Statt e, 5. %. 10 zu sagen: ^re-
cepüseni^ synonymer Gegensatz von conßrmassei*^ was der Schüler
von selbst finden muss , hätte es bloss des Wortes ^ rectpere , ver-
sprechen ' bedurft. Dies gibt Denkstoff zur Auffindung des Uebrigen.
Dagegen c. 7. %. 16 möchte eine Note wie : * omnium adtius ienebatj
hatte die Zugänge zu Allen inne , d. i. wusste sich zu Allen Zugang zu
verschaffen ' nicht überflüssig sein^ Nebenbei erwähne ich , dass mir
an mehrern Stellen der innere Grund für die Interpunction nicht klar
ist, und dass ich darftber vom Verfasser «ine Aufklärung wünschte.
So hier: iit4t/ erat quod n&n ipse obirei occurrerei, eigilaret labo-
ratet wegen des Komma nach oceurreret^ wie auch I. §. 32 inter-
pungirt ist: «1 . . . omn4a patefaeta iUusiraia, oppressa «tndi^aCa
^. Jahrb. f.^a. u. Paed. Bd. LXV. Hft.\. %
S4 Lateinische Litterntur.
esse videatiS. Aehalich anderwärts. Auch in Stellen wie II. %. 17:
nequBy id quare fieri non possit^ si me audire voleni^ inielligo igt
mir die nach neque stehende Interpunction bedenklich, weil bei den
Alten zwischen dem Object des regierenden und dem Subject des re-
gierten Satzes die engste Beziehung herrscht, aas deren Beachtung
so manche Structur erst ihre richtige Erläuterung findet. — Nach der
Erklärung c. 9. $.21: ^ui^ cum; ui von iliud abhängig, was kurz
gesagt ist für iUud quod factum est' würde der Schüler zu einem
seltsamen, ja im Grunde unlateinischen Satz verleitet werden. Warum
soll denn dieses ut als explicativ nicht von factum esse abhängig sein ?
Der Anstoss, den Hr. H. an Ernestis Erklärung von praesens ninunt,
scheint mir nicht nöthig zu sein. Ich habe den Gedanken des Redners
immer nur so verstanden : * ist nicht jenes (d. h. die Verwaltung und
Rettung des Staats durch die Götter) so leibhaftig vor Angen ge-
stellt, da SS man sieht, es sei auf den Wink des gütigsten und er-
habensten Juppiter geschehn, dass' etc. — In der verzweifelten
Stelle §. 22 wie in mancher andern bin ich auf den vollständigen kri-
tischen Apparat gespannt, den Hr. Halm in der Orellischen Gesammt-
ausgabe zu liefern verspricht. Hier hält er die Stelle für lückenhaft
und versucht eine Ergänzung. Ich habe , nach den bis jetzt bekannten
Varianten und nach der emphatischen Wortstellung des Schlusses
numquam essent profecto zu urtheilen , hier folgenden Gedanken ver-
muthet: ^ iam vero illa Allobrogum sollicitatio tentata ah Lentuio
ceterisque domesticis hostihus^ tarn dementer tantae res creditae et
ignotis et harbaris commissaeque Htterae numquam essent profecto^
um' etc. — C. 10. §. 24 hat Hr. H. nach eiecit ex «rbe Kolon ge-
setzt und die Worte zum Vorhergehenden gezogen. Aber da scheint
es mir noch schwerer zu sein, sich von der Echtheit der Worte zu
überzeugen. Nach der herkömmlichen Interpunction durch Komma
nach oppressit und urbis hat man doch wenigstens eine tripartitio in
einer Art von Chiasmus. Das restitisset von restare mit dem Dativ
(ohne anderweitige Belege) wäre mir doch zu bedenklich und dem
Sinne nach zu tautologisch , als dass ich nicht mit Matthiae ein ^caedi
resistere^ i. e. non succumbere', ergo caedem effugere^ soviel Bür-
ger, 4ils dem Blutbade entronnen wären, für erträglicher
halten sollte. — Die Stelle c. 11. §. 26: eamdemque diem mtetligo^
quam spero aeternam fore^ propagatam esse et ad saluiem urbis ei
ad memoriam consulatus me*, funoque tempore in hac re
publica du OS eines extitisse^ quorum alter etc. hat wieder
zu einer längern Bemerkung geführt. Die Meinung derer, welche den
Acc. c. inf. entweder von inielligo oder von propagaiam esse abhän>
gig machen, wird natürlich, wie es von einem Halm nicht anders zu
erwarten ist, schlagend widerlegt. Er selbst hält die Stelle für lücken-
haft und erwähnt Madvigs Ergänzung, in welcher mir indessen weder
das omnique tempore noch das praedicatum iri besonders gefallen
würde. Mir hat sich , so oft ich zu dieser Stelle zurückgekehrt bin,
immer die Ansicht aufgedrängt, dass unoque tempore . , • extiiisse
Halm : Cicero» ausgewahlie Reden. Bd. 3 uhd 5. 85
fiur ein Erklärungssatz sei statt des einfachen duorumqne eieium.
Weil nämlich Cicero diesen Begriff mit Emphase hervorheben wollte,
so hat er den einfachen Genitiv in einen vollständigen Satz verwan-
delt, der ebenso wie consulaius mei von ad memoriam abhängt.
Daher haben wir hier, nur in anderer Sprachform, denselben Gedan-
ken, den Cicero IV. §. 2S kürzer mit hui« 8 t empor is iotiusque
mei consuUUus memoriam poshtlo aasgedrückt hat. Auf diese Weise
habe ich stets geglaubt die Stelle meinen Schülern am besten verdent-
liehen zu können.
In der vierten Rede c. 1. §. 1 kehrt die Note zurück: ^con-
dicio^ Bestimmung, Loos^, die ich schon oben gemisbilligt habe.
Ich sehe an dieser Stelle weiter nichts als gewähltere Sprache des
Redners statt des gewöhnlichen: *wenn mir das Consulat unter die-
ser Bedingung gegeben worden ist.' — Warum c. 3. §. 5: ^eos
muUis iam iudiciis iudicavisiis^ ihr habt schon durch viele Aeusse-
rungen eures Urtheils entschieden' das iudiciis ein stärkeres Wort
statt decreiis sein soll, wird dem Schüler nicht einleuchten. Nelken
* diligentia = vigilanHa* ist der Secundaner* noch mehr verlegen,
wie er das dabeistehende mea eirtute wiedergeben solle. Ich würde
daher für dieses Wort etwa: patriotischer Eifer hinzusetzen,
in §. 6 heisst eine Note: ^numquam putavi. Wir sagen: ich hätte
niemals geglaubt.' Müsste man für diesen Sinn im Lateinischen nicht
non puiaram erwarten? Zu den Worten id opprimi tusientando aui
prolaiando nulio pacto poiest heisst die Note : * iusieniando , durch
Einhaltthun, dadurch, dass man einem weitern Umsichgreifen des
malum vorzubeugen sucht, was dem Redner ohne Anwendung von
strengen Strafen unmöglich scheint.' Hier ist mir nicht klar, wie
diese Erklärung in den Zusammenhang passe. Denn erstens ist doch
nicht davon die Rede, dass dem * weitem Umsichgreifen' vorgebeugt
werden soll, weil ja schon iaiius opinione disseminatum est ma-
lum; manaf>ii etc.; zweitens ist der Gegensatz wohl nicht die
^Strenge der Strafe', sondern die Schnelligkeit ihrer Anwen-
dung: celeriter tobis vindicandum est» Darauf liegt der Hauptbe-
griff. Daher kann ich nur der einfachen Deutung: ^ durch Hinhal-
te n , d. h. durch Verzögerung nnd Aufschub ' folgen , wobei ich
freilich nicht weiss, ob das dabei unschickliche aui statt ae auf der
Attctorität sämmtlicher Handschriften beruhe. Sollte nach den Urkun-
den out nothwendig sein, so wäre sustentando wohl eher: * durch
Ertragung oder Unterstützung.' — In der schönen, aber für
den Schulzweck zu langen Erörterung c. 4. %. 7 über die exquisite
Strafe der ewigen Haft, die Caesar beantragte, bemerkt Hr. Halm am
Schluss: ^Auffallend mnss es erscheinen, dass der Redner den
Vorwurf des noeum geuus peenas nicht gegen den Antrag des Caesar
zurückgewendet hat.' loh erkläre mir die Sache also: Weil Cicero
selbst hie und da aus rhetorischen Gründen sich ein novum erlaubte,
so hat er absichtlich diesen Vorwarf nicht stärker hervorgehohen.
Aber leise hat er ihn angedentet, und zwar in den Wortem «udL
86 Lateinische Litteratur.
siugularem poenam inventa suni^ wo es dem Zuhörer nicht
schwer sein konnte , den Gemeinplatz zugleich mit einem a Caesare
im Gedanken zu verschmelzen. Auch dies gehört zur feinen Ironie
dieser Stelle. — C. 5. $. 10 : ^ se iaciare , den Volksfreund spielen.'
Dies liegt erst im folgenden papularü esse; das erstere heisst nur
sich rühmen oder gros^sthun. — Für c. 6. §. 11 sepulia in
pairia liess sich neben Tacitus wohl auch Giceronianisches verglei-
chen, wie de imp. Cn. Pomp. %. 30: bellum sepultum; in Pis. §. 11:
haec sunt in gremio sepulia consulaius iui. In §. 11 wird gesagt:
^imporiunus^ gefühllos', was hier wohl im dabeistehenden ferreus
liegt, d. i. omnis sensus humani expers^ während imporiunus etwa
unserm unausstehlich entspricht. — ^ Zu c. 7. §. 14 ist mir die
Note , welche an der wegen exaudio citirten Stelle gegeben wird, un-
verstandlich , wofern es dort nicht etwa heissen soll: ^wenn kein
Hindemiss in dem Wege steht, weder in der leisem Stimme, noch
in der Entfernung des Sprechenden.' Indes ist dies unwahrscheinlich,
da pro Milone §. 67 dieselbe Erklärung in ahnlicher Form wieder-
kehrt, wo aber der in exaudire gesuchte Begriff im dabeistehenden
ea voce liegt. *— Die Deutung c. 8. §. 17 : ^ instrumenium , alles was
zum Betrieb eines Gewerbes gehört' scheint mir nicht recht zu passen,
weil es dazu keiner frequentia civium bedürfte. Ich möchte daher
lieber erklären: ^die Mittel sich zu erhalten.' — Die c. 10.
$. 21 aber Pompejus gewählte Redeform : ^ seinem Siegeslauf haben
nur die Grenzen des Erdkreises und der Sonnenlaufbahn ein Ziel ge-
steckt' klingt im Deutschen schroffer als im Lateinischen. Daher
würde ich dafür setzen: ^ seine Heldenthaten erfüllen den ganzen
Erdkreis.'
So viel über die Catilinarien. Um nun das andere Händchen , das
früher erschienen ist, nicht ganz unbeachtet zu lassen, so möge noch
Einiges hinzukommen. Alles was oben vom dritten Bändchen ge-
sagt worden ist gilt auch vom fünften, nur dass hier noch ausser-
dem das erste Gesetz des Programms : * die Sprache der Anmerkungen
ist deutsch ' in ziemlichem Umfange durchlöchert wird. Denn es sind
nicht wenige , zum Theil längere Erläuterungen von den Scholiasten,
besonders von Ascouius, und aus Garatonis Nachlasse wörtlich ent-
lehnt worden, wie S. 26. 27. 28. SO. 31. 32. 34. 36. 37. 38 n. s. f.
Dadurch mag sich Hr. H., worauf er im Vorworte hofft, allerdings
*den Dank der Freunde des römischen Redners erworben
haben', aber über den Gesichtskreis des Secundaners ist hier-
durch, wie in anderer Beziehung, seine Leistung hinansgerückt. So
ist ferner das Argumentum Asconii zur Miloniana , dass Hr. H. statt
einer kurzen deutschen Einleitung aufgenommen hat, ein treffliches
Denkmal alter Interpretation für die W i s s e n s c h a f t , aber für S c h ü-
1 e r ist dasselbe — man täusche sich nicht ! — eine trockne und
langweilige Leetüre. Was der Schüler daraus wirklich braucht, um
Ciceros Rede zu verstehn, das lässt sich auf zwei bis drei Seiten zu-
sammenziehu. Wenn nun aber dafür das ganze Product in seiner Aus-
Halm: Ciceros ausgewählte Reden. Bd. 3 ond 5. 37
dehnung gegeben und dieses, wie hier geschieht, noch mit kriti-
schen und exegetischen Noten versehn wird, so heisst dies
nichts anderes als : specifisehe Philologie an die Stelle der Paedagogik
setzen; aber der im Vorworte ausgesprochne Hauptzweck 'eine ra-
schere Lectfire dieser Reden in den Schulen anzubahnen' ist auf
diesem Wege nicht zu erreichen. Glaubt man die Erreichung dieses
Zwecks überhaupt durch Ausgaben mit Noten befördern zu können, so
müssen die Verfasser derselben wenigstens ans wirklicher Praxis ein
klares Bewusstsein darüber haben, was bei dem zu erklärenden Au-
tor den Schülern gerade Noth thut, d. h. wo die Mehrzahl in der
Classe anstösst oder in der Wahl des entsprechenden Ausdrucks ver-
legen ist. Hier mnss ein Wink oder eine kurze Andeutung eintreten,
aber keine verfrühte Gelehrsamkeit. Diese Kenntniss kann nur in der
Schule durch lebendigste Wechselwirkung zwischen Lehrer und Schü-
ler gewonnen werden. Aber gerade von diesem praktischen, echt
paedagogi sehen Sinne vermag ich — ich gestehe es ohne Rück-
halt — in sehr vielen Bändchen der Weidmannschen Sammlung kaum
eine Spur zu entdecken. Philologische Gelehrsamkeit und eigne For-
schungen in Hülle und Fülle , aber keine weise Beschränkung , keine
maassvolle Einfachheit, keine praktische Verwerthung derselben für
die Schule, um wirkliche Resultate erzielen zu können! So weit
es erlaubt sein dürfte, vom geschriebnen Wort auf lebendige Praxis
des Lehrers einen Schluss zu ziehen, so finde ich den meisten paeda-
gogischen und praktischen Sinn in den Leistungen von Rauchen-
stein, Sintenis, Ladewig, Lhardy und Schneidewin (be-
sonders im ersten Bändchen). Ich werde den Faden dieses Themas,
weil er mit der Methodik und dem Umfange altclassischer Leetüre zu-
sammenhängt , an passender Stelle weiterspinnen , zugleich in der Ab-
sicht, meinem verehrten Freunde, Herrn Dietsch, auf seinen zwar
würdevoll gehaltenen, aber etwas provocirenden Angriff (in diesen
N. Jahrb. LXIl. S. 438 f.) Satz für Satz zu antworten.
Jetzt kehre ich zu Hrn. Halm zurück , um über dessen Bearbei-
tung der M i 1 o n i a n a noch einige Kleinigkeiten vorzubringen. Als
Stellen, wo der Schüler mit ehrlichen Hilfsmitteln anstösst oder wegen
des Ausdrucks verlegen ist, erwähne ich folgende: im Argumentum
§. 2 summe studebai Hypsaeo et Sctpioni und §. 31 manet illa
quoque excepia eins oratio. Beide Stellen bedurften einer kurzen
Andeutung, dergleichen ich nunmehr zum Texte unmassgeblich bei-
fügen will. In §. 5: ^exercitum^ geplagt.' %: 8: ^recte ac inre^ er-
laubt und rechtmässig, wie unterschieden?' und ^eariatis^ getheilt.'
§. 12: ^caedem^ der mörderische Kampf; cotttra rem pubNcam^ d. i.
gegen die Sicherheit des Staates.' Auch ^studiis comprohavit^
durch Beifallsbezeugnngen ', und ein kurzer Hinweis auf den Gebrauch
des anl . . . aut^ das hier nicht den aussch liessenden factischen
Gegensatz bezeichne. In §. 18: ^ tragoedias^ tragische Aeusserungen.'
%. 21: ^ ipsa lumina^ die erleuchtetsten Männer' und ^ conmetudines
»tcitfs, geselliger Umgang.' §. 24: ^ sese transtulU^ w «^näVVr, %x^
S8 Lateinische LiUeratur.
hinüber.' §. 25 : * ifiancam ac debilem^ unvollkommen und kraftlos.
Was bedeuten diese Worte eigentlich? Bei Cicero steht anderwärts
Seaevola maucus^ und bei den Athenern o£ idvvatoi die Invaliden.'
Ferner: * eonvtüescebat ^ d. i. verstärkte sich.' §. 34: ^usiialis tarn
rebus y durch die gewöhnlichen Hilfsmittel.' §.38: ^quantae occa-
siones^ welche auffordernden Gelegenheiten.' In §. 46 ist wegen
Interanmae nichts bemerkt, da sonst alle geographischen Namen kurz
erläutert werden. §. 48 : * animam efßaniem^ in seinen letzten ZQgen',
mit Beifügung der griechischen Wendungen, die bei Osenbrüggen
stehn. §. S3: ^hominum valeniium, geschickter Leute.' §. 55:
^Graeculi^ leichtes Griechenvolk.' §. 58: ^constanier, folgerichtig.'
§. 60: * iniegriusj weniger mangelhaft. Was ist die eigentliche Be-
deutung?' §. 67: ^ conquisilores ^ Werber' und ^excubiae^ die Po-
sten, wie vom folgenden vigiliae unterschieden?' §. 69: ^vaga volu-
bilisque forluna^ unstät und wandelbar.' %, 72: ^magisiraium per
sediiionem abrogavit^ vermittelst eines Aufruhrs ihn des Amtes ent~
setzte.' §. 74: ^ca$tri$^ exercilu^ signis inferendis^ durch Kriegs-
gewalt, bewaffnete Schaaren und feindliche Angriffe.' Die Worte
§. 75 : qua ineidia huic esset tali viro conßagrandum versteht kein
Secundaner, wenn man ihm nicht eine Andeutung gibt, wie etwa:
* conßagrandum z= infamandum' oder ^vom bösen Ruf.' §. 93: ^^i-
bus iniersum^ von denen ich Zeuge bin', weil Secundaner bei derar-
tigem deutschen Dictate gleich mit iestem esse bei der Hand sind.
Ebendaselbst: ^carebomala^ mit einem schlechten werde ich nichts
zu thun haben. Wie ist diese Uebersetzung von carebo zu rechtfer-
tigen?' §. 100: ^me supplicem abieci^ ich habe mich zu demuthigen
Bitten erniedrigt.'
In dieser Weise ungefähr müsste eine kleine Erweiterung des
Lexicalischen eintreten, und die Gründlichkeit der kritischen, juristi-
schen und antiquarischen Erörterungen müsste auf das äusserste Haass
beschränkt werden , wenn die Ausgabe wirklich dem Bedürfnis» einer
Secunda dienen und vor allem den Zweck *eine raschere Leetüre
dieser Reden anzubahnen' erreichen wollte. Freilich sind alle diese
Forschungen, wie gleich Anfangs gesagt wurde, ausgezeichnet zu
nennen; aber sie gehören in diesem Umfange und in dieser Form
nicht hierher.
Von dem, was mir hie und da im Einzelnen auffällig oder be-
denklich erschienen ist, will ich noch Einiges zur Miloniana anführen,
aber nur in der Hoffnung auf weitere Belehrung. Uebergehn werde
ich das, was schon Jordan in einer einsichtsvollen Beurtheilung
dieses fünften Bändchens (imFebruarheftl851 d. Hützellschen Zeitschr.)
vorgetragen hat. Im Argumentum Asconii §. 8 vermuthet Hr. IL, dass
statt deinde^ was nicht passt, sed inde zu lesen sei. Sollte nicht
quae inde näher liegen ? Die §. 12 nach quod Milo sie se def enderei
vermuthete Lücke dürfte zweifelhaft sein , wenn man das sie nur em-
phatisch so versteht , wie §. 20 tanto studio beigesetzt ist. Das vor
Clodium siehende et ist wohl bloss durch Versehn aus der Endsilbe
Halm : Ciceros ansgewählle Reden. Bd. 3 und 5. S9
von defenderei entstanden. In §. 16 ist mir stets das idqme ipsnm
in superiorihus nicht recht verst&ndlieh grewesen ; leh erwartete dafür
ein idque poiiSBimum oder praesertim, Zn §. 30 ist mit Manu-
tius inpidiosas statt des handschriftlichen ineidiam anfgenommen
worden, was mir zu eiiam nicht recht kü passen scheint. Daher
dürfte die Conjectar inHdi tarn wohl ansprechender sein. Der Ge-
nitiv in §. 23: aliorum quoque iudicum. . . Pompeiut iaies pro-
posuit lässt sich schwerlich vertheidigen. Vielleicht ist ntieKiudicum
wegen der Aehnlichkeit mit dem folgenden qni de ea das Wort fiMis-
dam ausgefallen, wodurch zugleich das nachstehende Urtheil tri nti m-
guam neque ciariores eU.^ das von Allen gesagt etwas aufffillig
ist, eine Beschrinknng erhielte. Zu §. 24 konnte wegen der Bedeu^
tung von noH respondere noch auf §. 35 verwiesen werden. Der
Satz in §. 30: sed iia conUiM^ ui dtximüs^ neuirius consüio pvgna-
tum esse eo die^ verum ei forte occur risse; ex ea rixa servarum ad
caedem pervenium ist schwerlich anverdorben. Denn erstens muss
das et, wenn es auf Milo gehn soll, nach vorhergehendem neuirius
auffallen, und zweitens scheint das ex ea rixa hier anzudeuten, dass
das Wort rixa unmittelbar vorausgegangen sei. Vielleicht lasst sich
mit Versetzung von servorum vermuthen: verum rix am forie or-
tarn esse servarum^ ex ea rixa iandem ad caedem pereentum.
Statt amoreri in §. 32 dürfte aeerii den handschri filichen Zügen nä-
her liegen. In den Worten: ditmnatum auiem opera maxime Appii
Claudii pronuniiatum est ist Hr. Halm geneigt, vor profwniiaium est
eine kleine Lücke anzunehmen. Steckt in dem letztern Worte etwa
prioris nuniiaium est? Vorausgesetzt, dass Appius Claudius prior
in dem Sinne gesagt sei, wie %, 25 maior Appius gelesen wird.
In der Rede selbst c. J. §. 2 wird bei consilium eine Kürze der
Rede angenommen, die mir noch gezwungener erschiene als die §. 50
bei f^i bestrittene Brachylogie. Warum soll hier consilium nicht ein-
fach die Einsicht bedeuten? Zu c. 2. §. 4 heisst eine Erklärung:
^t>estrae auciorilaii dediti^ der Auct. der boni cives^ der Optimalen^
denen Cicero sich stets unterordnet.' Aber wie lässt sich beweisen,
dass Cicero unter boni ciees nur die Optimaten verstanden habe?
Sodann ist deditus wohl nicht gleich subiectus^ untergeordnet.
Ich kann die Worte des Redners nur bildlich verstehn : ^ die wir eurem
Willen und Ralhe stets gehorcht haben, d. h. die wir immer für euer
Wohl thätig gewesen sind.' — In den Worten c. 4. $. 11: quapro-
pter hoc maneat in causa wird hoc auf die Schlussworte des Satzes
bezogen. Aber dies wäre in einer Rede theils hart, weil die bezüg-
lichen Worte erst nachfolgen und durch bedeutsame Zwischensätze
unterbrochen sind, theils wäre es nicht logisch, erst von einem ma-
iwat zu reden , sodann in demselben Athem dieselbe Sache noch ein-
mal mit einem si' id meminerilts, quod oblivisci nvn polesUs anzu-
schliessen; ferner schiene mir dafür auch hoc nicht passend, indem
man in diesem Sinne das einfache maneat erwartete; endlich würde
der Redner seine Worte wohl ähnlich gestellt haben ^ wie in dAc «a-
40 Lateinische Litleratur.
gefährten Parallele. Demnach wird einfach zu erklaren sein : * daher
soll dieses in der Rechtssache feststehn', d. h. diese Unterschei-
dung , die er eben angefahrt hat. — In c. 5. §. 12 war bei mtermor-
iuae doch richtiger zu sagen : * vom Tode wieder aufgelebt.' — C. 8-
§. 30: ^manmelum^ harmlos' möchte unpassend sein statt mild. —
Bei c. 9. §. 25 würde ich zu Anfang der Note von se imierpouebai
unsern Aasdruck *er sagte gut fttr sie oder verpfändete
sich' hinzugefflgt haben. In §. 26 sehe ich keinen Grund, warum
man agresies ei barbaros als ethische Bezeichnung zu verstehn
habe und nicht vielmehr dem ersten Blicke * Sklaven vom Lande und
Ausländer' folgen dürfe, da im Zusammenhang und in der Sache kein
Hinderniss. liegt. — In c. 10. $. 28 wird bei puerorum gewarnt: ^man
hüte sich vor der Uebersetzung Sklaven oder Bursche, die mit
den Epitheta muliebris und delieaius in Widerspruch stehn würde. '
Aber wie soll man die pueri symphoniaci anders als * musikalische
Sklaven' übersetzen? Und worin soll der * Widerspruch' liegen?
Ich denke, man werde zur Ausübung der Musik nicht die starkner-
vigen und robusten Sklaven ausgewählt haben , sondern gerade die
delicaU^ d. h. Personen von zarterem Körperbau, die deshalb
auch zartere Speise genossen. Dagegen durfte das ntoUe cimcubina'
T»m spadonumque agmen des Fabius Valens bei Tacitus Hist. III, 40
von Hrn. H. nicht herbeigezogen werden. Das ist ganz anderer Natur.
Denn wenn Cicero hier an einen so sittenlosen comitalus und an
so lüderliches Gesindel gedacht hätte, so würde er ja den Milo und
dessen Gattin geradezu compromittirt haben. Der Redner will vieU
mehr nur den friedlichen und gemüthlichen Reisezug schil-
dern, der kein kriegerisches Ansehn habe und nicht im Entfern-
testen an einen insidiaior denken lasse. Man hat demnach die gegen-
wärtige Stelle etwa zu übersetzen: 'mit grossem Reisegepäck and
mit weiblicher Begleitung and Personen von zartem Körper , Sklavin-
nen und Sklaven.' — Der c. 13. §. M zu conslringere angeführte
Grundsatz : par maiorve poieslas plus ealeto ist dem Cic. hier schwer-
lich in den Sinn gekommen. Denn im Vordergrunde seiner Darstel-
lung steht nicht das Amt, sondern die Person: ^$$ cansul^ qui
eam änderet posseique constringere ^ der den Math und die
Kraft hätte.' — Auffällig ist mir c. 16. §. 42 die Interpunction in
fabulam fictam^ levem. Denn wenn Cic. beide Adjectiva getrennt
gedacht wissen wollte, so würde er wohl die Copula dazwischen
gesetzt haben. So aber scheint mir fabtUam ßetam nur ^inen Be-
griff zu bilden und ledern das dazu gehörige Adjeotiv zu sein, so dasa
das Ganze anserm Meere Erdichtung' entspricht. Gleich wei-
ter wird von der wankelmüthigen Neigung der Bürger gesagt: qui
nan modo improbÜaH irascuniur candidatorum^ sed etiam in rede
f actis fastidiunt^ wozu Hr. H. bemerkt: ^ fastidiuni >, ohne Ob-
ject , einen Widerwillen empfinden. Man erinnere sieh an das Beispiel
des Aristides.' Das scheint mir ein Irrthum zu sein , der durch den
Zusammenhang dieser Stelle widerlegt wird. Wenn nämlich wirklich
Halm : Ciceros ausgewählte Reden. Bd. 3 und 5. 41
jene Antwort: $e i^arare ArisUdem^ sed Hbi nan placere quodprae^
ier caeieros lusius appellaHu eisei hier eine passende Parallele sein
sollte, so hätte Cic. wenigstens reete facta saepe fasiidiuni schrei-
ben müssen. Denn faUidire aliquid heisst bekanntlich ^ das Ganze
mit Verachtung und Widerwillen zurückweisen ', wie es am Aristides
geschah; aber fasiidire in aliquare^ wo man nicht nöthig hat von
einem Fehlen des Objects zu reden , hat partitiven Begriff: nur Einiges
zurückweisen, so dass es dann in den Sinn von fastidiosum esse über-
geht. Demnach sagt der Redner: *die— - auch bei guten Hand-
lungen oft noch etwas auszusetzen wissen.' In §. 43 wird ge-
sagt: ^Dtttiebai = ve^iurus eraL* Das ist eine gefährliche Note,
weil hierdurch die enallage temporum von den Todten zurückkehrt.
Ich denke, dass man derartige Stellen richtiger etwa so zu erläutern
habe: Die alten Griechen und Römer setzen bisweilen im Anfang oder
am Schluss der Sätze mit einer gewissen emphatischen Praegnanz die
blosse Yerbalform , wo wir Modernen nach unserm Gefühl noch ein
Hilfsverbum dazunehmen. So hier : * diesen gehofften und erwünsch-
ten Tag des Marsfeldes sich vorstellend wagte Milo — zu kom-
men?' Auf ähnliche Weise §. 65 : laudabam , wo wir sagen : ich
musste loben u. s. w. Aber c. 36. §. 99 würde ich nicht sagen : * ri-
xero =z eidebor eixisse^ (wohl mihi videbor)^ weil damit der Ge-
danke noch nicht klar wird, sondern ich würde , wenn lateinisch er-
klärt werden soll, dafür setzen: ^praeclare vixero, i. e. felicem me
praedicavero ', oder in einer Schulausgabe : * ich würde mich glück-
lich preisen. Warum das futurum exactum ? ' — Das bei quod ca-
pui est in allen Handschriften stehende audaciae wird geradezu eine
* unlateinische Wendung' genannt. Warum soll man aber für unser
* was die Hauptsache beimWagenist' lateinisch niemals so sagen
dürfen? — Statt c. 17. §. 45: ^antevertii^ seil, profieisci* wäre
wohl ein deutsches *er kam ihm zuvor' besser gewesen. Das
folgende: ^fuit^ i. e. habita est* kann misverstanden werden, indem
nunmehr ein angehender Secundaner leicht übersetzt : * die Versamm-
lung wurde für sehr unsinnig gehalten ; ' darum wäre auch hier ein
deutsches ^stattfand' besser gewesen. — Zu c. 18. §.48 fasst
Hr. H. das ^occurrit^ in seltner Bedeutung für obsistit^ obici potest.'
Sollte hier nicht wegen des nam die herkömmliche Deutung: ^denn
es fällt mir ein, was die Gegner sagen' die einfachere
sein? — Zu c. 21. §. 57: occideritne? occidit nimmt Hr. H. als Sub-
ject an : is ex quo quaerebatur. Aber dann müsste beim Redner oc-
ciderisne? occidisti stehn; bei der dritten Person dagegen war is de
quo quaerebatur zu sagen. — Bei c. 23. §. 63: CatiUnam atque illa
portenta haben römische Leser höchstwahrscheinlich nur an per-
sönliche Bezeichnung gedacht, theils wegen der Concinnität, theils
weil ihnen aus den Catilinarien das a monstro ilio atque prodigio^
die sentina und Aehnliches vorschwebte. Bei der directen Rede
in c. 24. §.64: domus — scutis referta sollen dem Redner schon die fol-
genden Worte delata etc. vorgeschwebt haben. Aber kann devvak^^<^^
42 Lateinische Litteratnr.
dem Hörer, für den jede Rede berechnet sein muss, schon etwas
vorschweben , was erst nachfolgt ? Naher liegt jcdesfalls , dass Cic.
hier an das vorhergehende indicatur gedacht habe , woza er in der
Construction zurückkehrt — Ich zweifle, ob c. 25. §. 68 in den
Worten ne isle kaud dubie cessisset patria das dafür aufgenommene
nie nothwendig sei. Denn das isle scheint mit absichtlicher Feinheit
gesetzt zu sein: * wahrlich so wäre er (der vermeintliche Feind) aus
dem Staate gewichen.' Die zu aniesiarelnr gegebene Ergänzung ist
mir nicht verständlich genug. — Statt der Ausdrücke * Epithel' S.68;
* Correclio in Form' und * do lose r Todtschlager' S. 71 doch lieber
deutsche Wörter ! — Wenn c. 29. §. 79 mit Nägelsbach gedeutet
wird: ^ condicionis^ Vorschlag', so scheint mir nichts anderes ge-
schehn zu sein, als dass ein specielier Begriff untergeschoben ist,
während der römische Redner den allgemein ern Ausdruck * L a g e '
gebraucht hat. — In c. 30. §. 81: in ea confessione hat Hr. H. nach
der Vermuthung von Heumann und Zumpt das in in Klammern einge-
schlossen. Nun, dann heisst es: * durch dieses Geständniss ', wäh>
rend Cicero nach den Handschriften *bei diesem Geständniss' sagt,
was hier eben so passend erscheint wie §. 100 zu Ende. — Zu c. 32.
§. 86: ^ sine ftiitere, überhaupt ohne feierliches Leichenbegängniss'
die Frage : wo steht das überhaupt, da die Worte nicht das letzte
Praedicat enthalten , das erst mit spoliatus iliius supremi diei ceiebri-
tate nachfolgt? Das funus ist einfach pompa funebris^ wie %. 33
dafür gesetzt ist. — Das blosse haec ohne beigefügtes arma c. 35.
§. 96 schiene mir in dieser Verbindung allzu dunkel gesagt zu sein.
— In den Schlussworten von c. 36. §. 100: non abnuo^ non recuso^
eosque obsecro ^ iudices^ ui vestra beneficia^ quae in me contulisiis^
aut in hfiius saluie augeatis aul in eiusdem exitio occasufa esse H-
deatis hat Hr. H. der Erörterung von Nägelsbach tat. Stil. S. 311 sei-
nen Beifall gegeben, wozu ich mir eine allgemeinere Bemerkung er-
lauben will. Der treffliche Nagels b ach besitzt eine grosse Virtuo-
sität, lateinische Wendungen im Deutschen schlagend wiederzugeben.
Aber er hat sich bisweilen durch seine Combinationsgabe über die
Grenze der Möglichkeit hinausführen lassen, indem er theils in ein-
zelne Wörter hineinlegt, was nur in Verbindung des gan-
zen Satzes liegt , theils einen zu deutschen Standpunkt einnimmt,
wodurch gerade das Wesen der lateinischen Struclur, die dem Schüler
zum Bewusstsein kommen soll, verloren geht. Das Letztere ist der
Fall, wie ich meine, bei Beurtheilung der vorliegenden Stelle. Wenn
wir nämlich mit Nägelsbach sagen : ^ der Lateiner gebrauche zuweilen
aui . . . aufm einer Verbindung, in welcher wir das zweite Glied
nur mit wenn nicht subordiniren können' und demnach die obige
Stelle dem Sinne nach deuten: Mch beschwöre euch, ihr Richter, die
mir erzeigten Wohlthaten durch Erhaltung Milos zu vermehren, wenn
ihr sie nicht mit dessen Verderben ebenfalls zu Grunde gehn sehn
wollt'; so schieben wir eine ganz andere Gedanken form unter,
an welche der Römer auch nicht im Entferntesten gedacht^ hat. Denn
Halm : Cicero8 ausgewählte Reden. Bd. 3 und 5. 43
um dies annehmen zu können , mässte diese AUraction bei den Römern
die regelmässige Construction sein. Nun aber findet sich die Subor-
dination mit wenn nicht, wo dieser Gedanke wirklich bezeichnet
werden soll , im Lateinischen eben so häufig wie im Deutschen ; die
wenigen Ausnahmen müssen daher , weil sie anders gedacht sind, auch
anders erklärt werden. Noch weniger durfte es statthaft sein , Home-
rische Stellen , wie hier mit U. x^ 108 — 110 geschieht, damit in Ver-
gleichnng zu stellen , weil Homerische Parataxe für lateinische Syn-
taxis nichts beweisen kann. Sodann ist sowohl bei der obigen Deu-
tung als auch bei den Worten: ^ Cicero beschwört die Richter um das
augere, nicht um das occasura esse videre* unbeachtet geblieben,
dass der Redner seinen Gedanken nicht bloss von eos obsecro abhän-
gig macht, sondern zugleich durch das vorhergehende non abnuOy
non recuso *ich erklare mich mit Worten und Mienen bereitwillig
dazu' 'näher motivirt hat, ja dass er vielleicht ohne diese Worte eine
andere Redeform gebraucht haben würde, was auch daraus erhellen
möchte, dass er nicht augeri^ sondern augeatis gesagt hat. Nach
dem allen hat Cic. im zweiten Theile offenbar nur folgenden Gedanken
ausdrücken wollen : ^oder dass ihr erleben (erkennen) sollt,
dass beim Untergang des Milo das Andenken an eure Wohltbaten in
meiner Seele verschwinden werde.' Und diese Gedankenform darf
man ilun durch keine moderne Umformung wegwischen wollen. Dies
geschieht aber bisweilen an den Stellen , wo Nägelsbach den Faden
seiner gelehrten und geistreichen Erörterung zu Nebenpartien hinüber-
spinnt. Von etwas Anderer Art ist das Beispiel , welches Hr. H. mit
den Worten : ^ eine ähnliche Atlraction hatteu wir §. 84 in vincere-
iurque^ hinzugefügt hat. Denn dort wird die Folge vom Eingeben
des Gedankens mit gue angeschlossen und von dem Herausgeber selbst
zu der Stelle ganz richtig erläutert.
Ich hätte noch Manches im Einzelnen vorzutragen , was mir Be-
denken oder Zweifel erregt, wenn nicht der Umfang, zu welchem
meine kleinen Bemerkungen schon angewachsen sind , einen Stillstand
geböte. Möge die Ausführlichkeit in dem Urtheile Entschuldigung
finden, dass man diese Forschungen in wissenschaftlicher
Hinsicht nicht hoch genug anschlagen könne. In dieser Bezie-
hung ist nur der Wunsch beizufügen, es möchten sich in dem An-
geführten einige Kleinigkeiten finden, die dem berühmten Philologen
zu erneuerter Prüfung Veranlassung würden. Wenn ich aber über die
paedagogische Einrichtung dieser Ausgabe mein Urtheil un-
umwunden hingestellt habe, so kann sich Hr. Halm in voller Berechti-
gung mit dem Bewusstsein trösten, dass es die Stimme eines Einzel-
nen sei, von der ungewiss bleibt, ob Andere aus selbständiger Prü-
fung und eigner Erfahrung ihr beistimmen können. Denn auf grössern
Einfluss darf keine Beurtheilung in unseru Tagen Anspruch machen.
Es bleibt mir jedoch die Gewissheit , dass ich mich der Hauptsa-
che nach in Uebereinstimmuug mit dem fühle, was die Hrn. Rauchen-
stein , Bäumlein , Jordan und Wendt über einzelne Bände det W^v5i.-
44 Litteraturgeschichte.
mannschen Sammlung an verschiedenen Orten geiirlheilt haben , wenn
ich anch ans eigner Erfahrung der praktischen Ueberzeugung lebe, mün
mflsse hier und da im Interesse der Schüler noch einen Schritt weiter
gehn. Ob aber Hr. Halm seine Methodik in den folgenden Bandchen
andern werde , das wird ohne Zweifal nach nochmaliger Prüfung nur
davon abhängen, wie weit er das obige Urtheil mit seiner lieber-
Zeugung vereinbar findet. Jedesfalls darf er das sichere Bewusst-
sein nähren, dass man dem weitem Fortgange seiner Bearbeitung
mit Verlangen entgegensieht.
Mühlhausen. Ameis.
Demostfienes der Staatsmann und Redner von Dr. Solu, k. Pro-
fessor an der Universität zu München. Wien 1853. Wilh. Brau-
muUer. 8. VJH und 212 8.
*In den fieberhaften politischen Zerwürfnissen der Gegenwart'
sagt Hr. Söltl in dem Vorworte * da so viele das gemeinsame Heil
nur in dem gänzlichen Umstürze des Bestehenden und von der Grün-
dung einer Republik erwarteten, da beinahe jeder Tag einen andern
Staatsmann werden und vergehen sah; in dieser Zeit einen gefeierten
Staatsmann des Alterthums betrachten, seine Ansichten, Plane nnd
Bestrebungen , sein vielbewegtes Leben und endlich seinen Tod vor-
überführen, und dabei die inneren traurigen zerrissenen Zustände
der vielgepriesenen Hellenischen Republiken offen darlegen: dies
könnte, schien mir, den einen zur angenehmen Erholung, den an-
dern zur Warnung und Belehrung dienen.' Kürzer fasst der Ver-
fasser am Schlüsse seine Aufgabe dahin zusammen: *ich wollte einen
Staatsmann zeigen — dessen Leben und Tod eine glänzende Lobrede
auf die Monarchie sind.'
Wer das Leben eines Staatsmanns schreiben will , dessen eigne
Zeugnisse über sein Streben und seine Thaten uns noch vorliegen,
während wir auf der andern Seite seine wirklichen oder angeblichen
Schwächen und Fehler in den Reden seiner politischen Gegner scho-
nungslos aufgedeckt finden , kann auf verschiedene Art zu Werke ge-
hen und verschiedene Zwecke bei seiner Darstellung verfolgen. Ent-
weder sucht er vor allem aus dem Streite der Parteien und wider-
sprechenden oder unsichern Berichte die Wahrheit zu ermitteln und
schlägt zu dem Ende das kritische Verfahren ein. Er wird dann die
Uebcrlieferung Schritt vor Schritt untersuchen, er wird sich bemü-
hen zweifelhafte und dunkle Partien aufzuhellen, bestrittene Fragen
zur Lösung zu bringen, und wird so einen sichern Grund legen, um
ein Gesammtbild des Mannes, seiner Gedanken und seiner Thaten zu
entwerfen. Wer diesen Weg geht, setzt die mitforschenden in den
Söltl : Demosthenes der Staatomann und Redner. 45
SUnd ihm fiberall nachznfolgeD und seine Behanptung^n an den Quel-
len selbst zu prüfen. Auf diese Weise trägt er das seine zur Förde-
rung der Wissenschaft bei , sieht sich aber allerdings genöthigt, oft-
mals stille SU stehn und auf Umwegen dem Ziele zusustenem: er
muss auf Leser rechnen, welche um die Frucht zu gemessen die
Mühe, mit der sie gewounen wird, nicht scheuen. Ein andrer Weg ist
der , dass man dem Leser das gewonnene Resultat allein gibt, wäh-
rend man ihm die Mühe erspart nach demselben mitzuringen: man
stellt ihm das vollendete Bild vor Augen, ohne ihn in die Werkstatt
blicken zu lassen: man lädt ihn ein sich an dem Ganzen zu erfreun,
ohne dass er den einzelnen Pinselstrichen zu folgen braucht. In die-
sem Falle , denke ich , ist der Geschichtschreiber eher zu einer grös-
sern Gewissenhaftigkeit verpflichtet, als dass er glauben dürfte ein
leichtes Spiel zu haben, denn er steht allein mit seinem Namen für
seine Darstellung ein. Er darf es sich also nicht ersparen, wenn er
einen Staatsmann und Redner schildern will, mag dieser-dem Alterthum
oder der neuem Zeit angehören , seine Reden selber zu lesen , dazu
die gegen ihn gehaltenen, und endlich sich mit dem bekannt zu machen,
was sonst noch über sein Leben gemeldet wird. Nur so wird er Fleiss
und Treue, die ersten Pflichten des Historikers, bewiesen haben.
Hr. Söltl hat den historisch-kritischen Weg nicht betreten wol-
len. 'Die Alterthnmsforscher ' sagt er selbst * welche das unnenn«
bare Vergnügen gemessen aus der Quelle selbst zu schöpfen, ver-
weise ich $in diese. Mir war es nicht darum zu thnn, die vie-
len langen und gelehrten Abhandlungen über einzelne Reden, Per-
sonen und ZeitverhüUnisse zu vermehren.' Er wollte ein Gesammt-
bild der Zeit und des Mannes geben, und zu dieser Aufgabe hat er
schon längst sich gerüstet: ^schon früher, da ich meinen Schülern ein-
zelne Reden des grossen Meisters erklärte, suchte ich in den Geist
desselben einzudringen und sammelte Vieles über ihn und seine Zeit.
Jetzt ordnete ich die zerstreuten Blätter, nachdem ich die neuesten
Forschungen benützt hatte , und gestaltete daraus ein Ganzes.' Wir
müssen gestehn , dass uns in diesen Worten nicht alles klar ist. Hat
Hr. Söltl nicht das Glück gehabt aus der Quelle zu schöpfen, wegen
dessen er die Alterthnmsforscher preist? Hat er nur aus einzelnen
Reden des Meisters den Hauch seines Geistes verspürt? Wir können
nicht glauben, dass er den Historiker und Biographen , welcher seinen
Stoff aus dem Alterthume wählt, von einer Pflicht entbinden will, die
ihm nicht minder obliegt als dem Alterthnmsforscher: und doch
scheint es fast so. Wenn wir das Buch selbst aufschlagen , müssen
wir uns überzeugen, dass Hr. Söltl Demosthenes als Staatsmann und
Redner hat darstellen wollen , ohne ihn nur durchgelesen zu haben.
Ein schlagender Beweis ist gleich auf der dritten Seite. Hr. Söltl hat
gesagt, Demosthenes Geburtsjahr (385 oder 381 ?) könne nicht genau
bestimmt werden. Darüber rechten wir mit ihm nicht. Weiter aber
heisst es von dem Vater des Redners, der als ein angesehener Bürger
*ana der Gemeinde Päania bei Athen' bezeichnet wird.^ ev %^\ \&^^&c^^
46 , Litteraturgeschichte.
erkrankt, *da sein Sohn erst sieben Jahr alt war', und in der Rand-
uote ' ist hinzugefügt : * Nach der Annahme , Demosthenes sei 385
geboren.' Wenn Hr. Söltl nur die ersten beiden Seiten der Reden
des Demostheues gegen seine Vormünder hätte nachsehn wollen , bo
würde er gelesen haben , dass Demosthenes mit ausdrücklichen Wor-
ten sagt, er sei beim Tode seines Vaters sieben Jahre alt gewesen.
Das also steht fest; nur der Tod des Vaters wird je nach der Bestim-
mung von Demosthenes Geburtsjahr verschiedenen Jahren zngetheilt:
darauf aber hat sich Hr. Söltl gar nicht eingelassen. Es Usst sich
denken , dass Hr. Söltl sich um die Gegner des Demosthenes nicht viel
mehr gekümmert haben wird. Bei den Verhandlungen über die Ge-
sandtschaft zu König Philipp schildert er (S. IIO) den Aeschines als
den geschickten Redekünstler — *der dabei häufig wie ein echter
Lügner sich widerspricht, der nicht mehr weiss was er gesagt hat.
So entschuldigt er die freche Behandlung einer Freien als eine in der
Trunkenheit verübte Mishandlung, und später sagt er, die ganze Er-
zählung sei eine von Demosthenes erdichtete Lüge.' Wunderbar! die-
ser gewandte Künstler, der alle möglichen Listen Übt, um seinem
wohlgerüsteten Gegner sich zu entwinden , ist auf einmal so täppisch
und unbeholfen, dass er selber nicht mehr weiss was er gesagt hat?
Wir schlagen Aeschines Rede gegen Demosthenes selber auf und le-
sen gleich in der Einleitung (§. 4 f. S. 190 f. R.): Mch gerieth ausser
mir und mich empörte die Anklage, als Demosthenes mir in trunke-
nem Muthe verübten Frevel gegen ein freies Weib von olynthischer
Abkunft vorwarf; aber es war mir eine Freude , als ihr ihn bei die-
ser Anklage unterbracht, und ich glaube damit den Lohn für meinen
unbescholtenen Wandel empfangen zu haben. Euch also gebührt
mein Lob und meine besondere Liebe, dass ihr auf den Lebenswan-
del der vor Gericht stehenden mehr gebt als auf die Anklage ihrer
Feinde: deunoch aber glaube ich von der Vertheidigung dagegen
nicht abstehen zu dürfen. Denn wenn irgend einer aus der Mitte der
Zuschauer oder unter euch, die ihr zu Gericht sitzt, sich für
überzeugt hält, dass ich irgend etwas der Art verübt habe nicht nur
gegen eine freie Person , sondern gegen irgend wen , so ist es mir
unerträglich länger zu leben : und wenn ich nicht im Fortgang mei-
ner Vertheidigung beweise, dass die Anklage eine Lüge ist und der
sie zu erheben wagte ein gottloser Mensch und ein Sykophant: mag*
ich auch in allen andern Stücken völlig gerechtfertigt dastehn , ich
erkläre mich dennoch für des Todes schuldig.' Den versprochenen
Beweis , dass Demosthenes Lügen ersonnen habe , sucht Aeschines ge-
gen Ende seiner Rede (§. 163 ff. S. 319 f. R.) zu führen : nichts aber
liegt ihm ferner als die Mishandlung einer Freien einzugestehn und
mit seinem trunkenen Zustande entschuldigen zu wollen.
Wir haben an zwei Beispielen gezeigt, dass Hr. Söltl die Reden,
über welche er schreibt, entweder nicht einmal angesehn oder das
Gegentheil von dem was sie besagen herausgelesen hat. Als letztes
Beispiel von seiner Kenntaiss der Vorgänge, von denen er handelt,
SöUl: Demosthenes als Staalgmatin und Redner. 47
wählen wir den Harpalischen Process. Wir haben darüber eine Klag-
schrift, welche unter Dinarchs Reden steht, und seit dem J. 1848 sind
wichtige Bruchstücke von der Rede, welche Hyperides in dieser Sache
als Ankläger gegen Demosthenes hielt, aus den aegyptischen Katakom-
ben ans Licht getreten. Hr. Söltl aber hat es nicht der Mühe werth
gehalten sich darum zu kümmern; statt dessen hält er sich an die
Briefe des Demosthenes, an deren Echtheit ihm kein Zweifel beige-
kommen zu sein scheint. Am Schluss des Buchs aber kommt er noch
einmal auf diese Sache zurück mit folgenden Worten : ^ Selbst seine
Unschuld wegeu der angeblichen Bestechung wurde einer Sage zu-
folge noch offenbar; denn bald nachdem Harpalos ans Athen ent-
wichen, wurde er von einem Makedonier meuchlings ermordet, sein
Schatzmeister aber, gedrängt zur Angabe über die Verwendung der
Gelder , nannte in einem Briefe nach Athen die Namen Aller und die
Summen, welche Jeder erhalten hatte, des Demosthenes aber ge-
dachte er nicht.' Wir begreifen nicht, welche Gründe Hrn. Söltl be-
wogen haben das von Pausanias (2, 33, 4) aufbewahrte Zeugniss für
eine Sage zu halten : aber selbst eine Sage durfte nicht in ihrem we-
sentlichsten Punkte verwischt werden. Die Sache ist nämlich diese.
Als Harpalos ermordet war (wir lassen die Frage durch wen ? ganz
bei Seite), kamen seine Diener in die Hände des Philoxenos, der als
Finanzbeamter Alexanders in Kleinasien öfters genannt wird; er war
es auch der im Namen des Königs die Auslieferung des Harpalos und
seiner Schätze von den Athenern gefordert hatte. Philoxenos ruhte
nicht eher, als bis er aus -den Dienern und namentlich dem Schatzmei-
ster herausgebracht hatte, wer alles von den Geldern des Harpalos be-
kommen habe. Alsdann sandte Philoxenos ein Schreiben nach Athen,
in welchem er die Namen derer , welche von Harpalos Geld empfangen
hatten, und die Summen , welche jeder erhalten , aufführte : des De-
mosthenes aber gedachte er nicht einmal , obgleich dieser dem Alexan-
der am meisten verfeindet war und Philoxenos ihn persönlich hasste.
Also handelt es sich nicht um den Brief eines Sklaven , dem keine Be-
weiskraft beizulegen wäre , sondern um ein amtliches Schreiben, wel-
ches von dem Bevollmächtigten des Königs in der Harpalischen Sache
auf Grund der angestellten Untersuchung an die athenischen Behörden
erlassen wurde. — Wir glauben nicht nöthig zu haben an weitern Bei-
spielen nachzuweisen, wie es mit Hrn. Söltls Kenntniss der Reden
des Demosthenes und der urkundlichen Zeugnisse zur Geschichte sei-
ner Zeit bestellt ist. Da darf es uns nicht wundern, wenn er auf ^die
langen und gelehrten Abhandlungen über einzelne Reden, Personen
und Zeitverhältnisse' herabsieht, doch bedauern wir, dass er die
neuesten Forschungen , welche er zu seinem Buche benutzt haben will,
nicht näher bezeichnet hat. Angeführt wird bloss auf S. .120 ^ der
Verfasser des Art. Demosthenes in Paulys Realencyclopaedie', aber
sorgfältig benutzt ist dieser von Westermann gelehrt und ieissig be-
arbeitete Artikel nicht ; dagegen finden wir nicht erwähnt die von Fr.
Jacobs verfasste Uebersetznng von Demosthenes Staatsred&vi^ ^^^^ ^^
48 Litteratttrgeschichte.
ganze Stacke mit geringen Abänderungen abgedruckt sind; man yergl.
z. B. S. 114 f. mit Jacobs Uebersetzung 2. Ausg. S. 273 f. Was Nie-
buhr, Böckh, K. F. Hermann, Winiewski, Vömel, Böhnecke, Droy-
sen u. a. zur Kenntniss von Demosthenes und seiner Zeit beigetragen
haben, ist von Hrn. Söltl, so viel wir haben wahrnehmen können,
nirgends zu Rathe gezogen worden.
Doch fordern wir nicht zu viel von einem Buche , das zunächst
keinen andern Zweck hat, als die traurigen Zustände der hellenischen
Republiken offen darzulegen, unserer Gegenwart die Vergangenheit
als Spiegel vorzuhalten ? Gewiss ist dies eine lohnende Aufgabe und
in dieser Beziehung bietet das Demosthenische Zeitalter reichen Stoff
zur Belehrung dar. Wir wollen nur 6ine Seite berühren , die heillose
Finanzwirthschaft , welche wesentlich zu dem sittlichen und politi-
schen Untergange des athenischen Volkes beigetragen hat. Und wie
hatBöckhs Meisterwerk von der Staatshaushaltung der Athener auf die-
sem Gebiete die Wege geebnet und alles zusammengefasst, was zur
Kenntniss und zur Würdigung dieser Dinge erforderlich ist; wie
trefflich hat Böckh namentlich die Vertheilung öffentlicher Gelder un-
ter das Volk zu Spielen und Festmahlzeiten, diesen ^Krebs der öffent-
lichen Wohlfahrt' geschildert! Vergleiche man damit wie Hr. Söltl
dergleichen abthut. S. 66 lesen wir folgendes : * Seit dem Jahre 452
V. Chr. waren alljährlich Tausend Talente in den Schatz zurückgelegt
worden mit der Bestimmung, ihn nur bei dringender Gefahr zu ver-
wenden. Ferikles aber Hess von diesem für den Krieg bestimmten
Gelde an jeden Bürger zweiObolen als Theatergeld vertheilen, um den
schaulustigen Athenern diesen Genuss für einen Obol zu verschaffen und
den andern Obol zur Entschädigung für den Zeitverlust; doch sollte
damit die anfangliche Bestimmung des Geldes nicht aufgehoben wer-
den. So wurde aber das Volk an den Genuss dieses Einkommens ge-
wöhnt, und so lange Friede blieb, fühlte man den dadurch der
Kriegskasse erwachsenen Schaden nicht' u. s. w. Wer dieser Dar-
stellung folgt , wird auf keinen andern Gedanken kommen können, als
dass der athenische Staat glücklich zu preisen sei, dessen Verwal-
tung Mittel fand jährlich 1000 Talente , d. i. etwa anderthalb Millionen
Thaler unseres Geldes zurückzulegen, und wer wird es der attischen
Volksgemeiude verargen, wenn sie davon 25 bis 30 Talente, oder auch
das doppelte, auf die Festspiele für sich verwendete? denn auf so viel
kann man nach Böckh a. a. 0. N. A. 1, 315 die jährliche Ausgabe für
das einfache Theatergeld veranschlagen. Aber es steht allerdings
ganz anders damit. Was nämlich jene 1000 Talente betrifft, die Hr.
Söltl hier hereinmischt, so wurden diese von dem vorräthigen Schatze
abgesondert zurückgelegt im ersten Jahre des peloponnesischen Krie-
ges (431), mit der Bestimmung, dass sie nur in dem Falle angegrif-
fen werden sollten , wenn die Stadt Athen selbst von der See her an-
gegriffen würde. Daran band man sich allerdings nicht, sondern es
wurde jene Summe gegen die ursprüngliche Anordnung zum Kriege
ausser Landes verwandt, als die Seeherrschaft der Athener überall
Seyffert: Palaestra Ciceroniana. 49
bedroht war. Aber die Theatergelder haben mit Jenen 1000 Talenten
gar nichts zu thun, sondern sie wurden von den UeberschOssen be-
stritten, welche dem Gesetze nach ungeschmälert der Kriegscasse zu-
fliessen sollten , und je zerrütteter der Staat wurde und je weniger Ein-
kaufte er von aussen her bezog, um so gieriger war das Volk nach
dem Solde für Theater und Festgelage und setzte, um dem Simien-
genuss zu fröhnen , Freiheit und Selbständigkeit aufs Spiel. Von die-
sem Abgrunde suchte Demosthenes die Athener zurflckzureissen , und
zum Theil ist es ihm gelungen: er hat, wie Niebuhr mit Recht sagt,
ein von Demagogen verdorbenes und von Schmeichlern verführtes
Volk durch die Kraft seiner Rede und seinen sittlichen Ernst gebildet
und erzogen, er hat sie für alles grosse und herrliche empfänglicher
gemacht. So konnte er das drohende Verderben aufhalten, aber es
abzuwenden gieng über seine Macht.
Wir haben angedeutet, auf welche Weise das Leben des De-
mosthenes und die Schäden der athenischen Demokratie, mit denen
dieser grosse Staatsmann den Kampf unternahm, unserer Zeit zur
Lehre und zur Warnung vorgehalten werden können , müssen uns aber
entschieden dagegen verwahren, dass monarchische Gesinnung zur
Schau getragen werde als Aushängeschild leichtfertiger Buchmacherei.
Grimma. Arnold Sckaefer.
Palaestra Ciceroniana. Materialien zu lateinisdien Stilubungen für
die oberste Bildungsstufe der Gymnasien. Von Dr. M, L. Sef[fferif
Professor am Joachimsthalschen Gymnasium zu Berlin. Zweite ver-
besserte und vermehrte Auflage. Brandenburg 18^7. Druck und
Veriag von Adolph MuUer. XV n. 328 8. gr. 8.
Mit herzlicher Freude begrüsst Rec. die zweite Auflage dieses
trefflichen, in seiner Art ausgezeichneten Schulbuchs, in welchem mit
praktischer Einsicht und ausnehmender Geschicklichkeit sich alles gar
zweckmässig vereinigt, besorgt und zngerfistet findet, was zur Kunst
eines echt lateinischen Stils anleitet und verhilft und welchem eben-
deshalb, aller ihm noch anhaftenden Fehler und Schwächen ungeachtet,
die gegen die hervorragenden Tugenden desselben von geringem Be-
lang sind, die weiteste Verbreitung und fleissigste Benutzung ge-
wünscht werden muss. Das Titelblatt nennt diese zweite Auflage der
Palaestra Ciceron. eine verbesserte und vermehrte, und in dem
Vorwort zu derselben wird das Verdienst der Verbesserung zum
grössten Theil den Herren Recensenten der ersten Auflage, vor allen
Nauck, nächst diesem Moser und Schultz zugeeignet, die
ausser der allgemeinen Beurtheilung des Werkes einer genauen und
sorgfaltigen Prüfung des Einzelnen sich unterzogen haben. Vcc-
iV. Jahrb. f, PhU, u. Paed. Bd, LXV. Bfl. l. ^
dO Lateinische Spracinvissenschaft.
mehrt wurde die neue Auflag^e nur um einige Materialien, nämlich
Hat. VI. Cap. 27: lieber Augustus letzte Worte von Fr. Jacobs;
Cap. 28: Zur Charakteristik Tibulls von Fr. Haase; Cap. 29; Die
Nemesis der Griechen von K.Zell; Cap. 30 : Der Zweck der Gelehrten-
schnle von LDöderlein. Mat.XllI. Cap. 1 — 18: lieber jlen Ursprung
der Opfer von Fr. A. Wolf und Hat. XIV: Parallele zwischen
Achilleus, Patroklos und Hektor von K. Zell. Wenn der Herr
Verf. am Schlüsse des Vorworts bekennt, dass er der Materialien
gern mehr gegeben hatte , wenn es ihm seine veränderten Verhältnisse
möglich gemacht hätten , so kam es einmal auf einen recht ernstlichen,
durch keine Schwierigkeit einzuschüchternden Versuch an, der preis-
würdigen Maxime des Aristippus (Horat. Epist. I, 1, 19) treulich
nachzuleben , was dem sonst mit so grosser , ausdauernder Liebe ge-
pflegten Buche zu erheblichem Vortheil ausgeschlagen sein würde.
Uebrigens ist bei Aufnahme der neuen Materialiev einer logisch < ge-
ordneten , schönen und periodisch in sich geordneten Darstellung des
Inhalts, der obendrein steilenweise ein irriger ist, bedauerlicher
Weise nicht die gebührende Rücksicht zugewendet und somit eine
correcte, praecise und geschmackvolle Latinisirung desselben mehrfach
hintertrieben worden. So ist es anstössig und seltsam, wenn Mat. VL
Cap. 27 Wieland den Schlüssel zu der, wie er meint, uner-
klärlichen Verwandlung in dem Charakter des Augustus findet, wo
Hr. S. im Commentar nachhelfend wendet: tUud intelUgi exisiimatj
quod explicari vixposse videatur; wenn ebendaselbst statt des
Auffälligen Bewunderungswürdiges genannt und bemerkt
wird, dass in jenem Ausdruck des sterbenden Kaisers
das gewöhnliche Bild des menschlichen Lebens enthal-
ten sei, dann wieder von dem Schlüssel zu dem Geheimniss
geredet und am Schlüsse gesagt wird :*dieselbe Lehre gibt £pi-
Htet' tt.s.w. da vorhergeht: *Der Weise, sagt Aristo bei Diog. Laert,'
VII, 160, ist dem guten Schauspieler gleich, der jede übernommene
Rolle gehörig (jtqo<Srjfii6vxG)g) spielt.' Wie incorrect und in seiner
Form verabsäumt ist Cap. 28 der Satz: *Das Land liebt er (Ti-
bull) nicht etwa aus einem tiefen Sinn für Naturschönheiten, der
überhaupt bei den Alten nicht zu finden ist, sondern es ist das
Leben auf dem Lande, seine Einfachheit,, seine leiden-
schaftslosen Geschäfte, seine unschuldigen Freuden
und fröhlichen Feste, seine Frömmigkeit ist es, was er liebt'
n. s. w. Etwas weiter hinab heisst es : ^Delia , seine erste und beste
Geliebte, war ein Mädchen von niedrer Herkunft, und so lange ihre
Schönheit keine Verführer anlockte, treu und von reinen, unschul-
digen Sitten, fern von Verschwendung, Habsucht und Hochmuth.' Nun
das konnte sie ja auch füglich immerfort bleiben, selbst wenn ihre
Schönheit Verführer massenweise herbeilockte. Gleich darauf stossen
wir auf folgende Passage: ^Gewiss erschienen dem verliebten Dichter
die sonstigen geistigen und körperlichen Vorzüge seiner Delia voll-
kommen genügend, um sie sich als eine auch dem Messala angeneh-
SeyiTert: Palaestra Ciceroniaiia. 51
me Wirthin zu denken, der doch, obwohl ein vornehmer und
gebildeter Mann, ohne Zweifel fttr Schönheit und freundliche
Anmuth so viel Sinn hatte, daas er darüber nach andrer Bildung
zu fragen vergass.' Ferner: *Wie dem Tibull das stille, einfache
Landleben zusagt, so ist auch seine Liebe still und einfach: Ruhe
von Sorgen und glücklicher Genuss mit dem sichern Bewusstsein ge-
genseitiger Treue sind die Ansprüche, welche er daran macht.'
Woran? an seine Liebe? wie drollig! Weiter: *Ein solches Ge-
müth, wenn gleich leicht zu entzünden (I, 3, 37), verlangt doch
ebensosehr ein dauerndes Verhältniss' u. s. f.
Gap. 30 lautet folgendermasseu :^Noch heutzutage (dieGegen-
wart ist ja aber vorzugsweise in realistisch-materialistischen Bestre-
bungen befangen. Uebrigens lauten die Worte bei Döderlein: *Ich
spreche hier nicht vor Männern, von denen ein Einspruch zuyerwarten
wäre, als werde die Schule zweckmässiger durch solche Beschäfti-
gungen zu dem künftigen Lebensberuf bilden^) hört man Stimmen,
dass die Schule (laut der Ueberschrift soll vom Zweck der Ge-
lehrtenschule die Rede sein) zweckmässiger durch solche Be-
schäftigungen zu dem künftigen Lebensberuf bilde, die diesem am
meisten dienen und ihm verwandt sind, wie der Arzt durch
möglichst frühzeitige Naturkunde. Aber die Vernunft ha(
es prophezeiht (warum doch p r o p h e z e i h I?), die Erfahrung hat
es erfüllt (bestätigt, bewiesen, dargethan, gelehrt),
dass diese Art der Erziehung (von einer Art war noch gar
nicht und vorher vom Bilden die Rede), deren Unfehlbarkeit
(Erspriesslichkeit,Zweokmä8sigkeit, Vortrefflichkeit)
gerade dem beschränktesten Geist am schnellsten einleuchtet und dem
Oberflächlichsten als der einzige Weg zur Gründlichkeit erscheint (die
Unfehlbarkeit? — ^ jede geistigere Berufsart zu einem vorneh-
men (warum gerade vornehmen? Im Commentar dafür die Wen-
dung: liberalissima studio iftgeni* non mulium a sordido quo-
dam opificio abkorrere (disiare) eidenlur; schnurrig genug für die
Ausdrucksweise des Originals) Handwerk herabwürdigt. Darum
halten also Gymnasien (einige? gewisse? vielleicht gar
Real- Gymnasien ? — } , wenn sie sich nicht selbst verkennen , als
unerschütterlichen Grundsatz fest, dass die Gelehrtenschule
zwar einen geistigen Lebensberuf bei ihren Zöglingen voraussetzt,
aber nicht weiter fragt noch sorgt, von welcher Art er sei. Den
künftigen Arzt und (oder) Staatsmann, wie den künfti-
gen Geistlichen und Lehrer (der Geistliche ist ja auch
Lehrer), so verschieden das Wesen ihres Amtes ist, bearbeitet sie
auf gleiche Weise, das was ihnen gemeinschaftlich ist, allein ins Auge
fassend, nämlich, dass ihre dereinstige Thätigkeit die geübtesten Gei-
steskräfte fordert. (Richtiger: sie verfolgt bei allen ihr zum Unter-
richt und zur Unterweisung übergebnen Zöglingen ausschliesslich den
einen Zweck idealer, rein menschlicher Bildung, ohne Rücksicht auf
das Be^ürfniss des praktischen Lebens und den in demselben dereinst
52 Lateinische Sprachwi^senschafl.
etwa zu übernehmenden Beruf). Drum (sie!) schaudert den
Lehrer nicht (was in aller Welt gibts denn hier zu schaudern?),
wenn er voraussieht, dass so manches, was er unter Müh und Arbeit
gab und der Schaler im Sohweisse seines Angesichts em-
pfing (warum und woher nun im Schweisse seines Angesichts ?), von
so manchem nur gelernt wird, um einst vergessen zu werden. Wie der
bildende Künstler (ein solcher ist auch der Bildhauer, auf welchen
das Folgende gar nicht passt) seine Form, das mühsamste Werk zer-
schlagt, wenn das Kunstwerk daraus hervorgegangen (die Form
muss ja erst zerschlagen werden, damit das Kunstwerk ans Licht
trete), so kann der Mann einst das Gelernte verlieren
oder wegwerfen; die unsichtbaren Früchte (zu diesen lisst sich
ja aber audi das mit Ernst und Fleiss Gelernte rechnen) vermag er
nur zu verkennen, nicht zu vertilgen: denn der Geist erstarkt im
Lernen und Denken, wie der Leib auf dem Ringplatz.'
Eine derartige , der Logik ins Gesicht schlagende Darstellung
sperrt sich in Wahrheit gleichsam mit Händen und Füssen gegen den
Versuch, sie in correctem und elegantem Latein zu reproduciren, der
nur durch ein Wunder gelingen dürfte. Wie leicht las st sich aber eine
Aufgabe stellen, die mit richtiger und schöner Form einen der Bil-
dungsstufe des gereiftem Schülers entsprechenden, belehrenden und
anziehenden Inhalt verbindet, ein Gesichtspunkt, der bei der Wahl
von Stilübungen nach Süpfles sehr richtiger Bemerkung (s. das
Vorwort zu dessen Aufgaben S. III) vorzugsweise festgehalten wer-
den muss. Ein Uebnngspensum, wie das in Rede stehende, ist ganz
dazu angethan, selbst einem sonst unverdrossenen, freudig streben-
den Schüler die lateinischen Stilübungen zu verleiden.
Eine Glanzperiode der Palaestra Ciceroniana bildet ohne Wider-
rede der Commentar zu den Materialien, welcher auch in Bezug auf
die neu hinzugekommenen Abschnitte den gelehrten und geschmack-
vollen Kenner classischer Latinität bewährt, der mit feinem und sich-
rem Takt, mit grosser Gewandtheit und meisterlichem Kunstgeschick
aus dem reichen ihm zu Gebote stehenden Sprachschatz das Gehörige
und Angemessene auszuwählen und in eindringender, fruchtbarer Me-
thode den Schüler zur Vergleichung und richtigen Unterscheidung
deutscher und lateinischer Denk-, Anschauungs- und Darstellungs-
weise anzuleiten versteht. Es ist wahrhaft ergötzlich und genussreich
EU beobachten, mit welcher geistigen Frische und Regsamkeit, mit
wie grosser Besonnenheit, Sorgfalt, Umsicht und Schärfe der Hr.
Verf. das Satz- und Gedankengefüge des Uebungspensums durchdringt,
mit welchem das Kleinste und scheinbar Unbedeutendste beachtenden
Ueberblick, mit welcher Leichtigkeit, gründlicher und umfassender
Sprachkenntniss er aus demselben heraus Alles , je nach Erforderniss
logischer, idiomatischer, syntaktischer und lexikalischer Verhältnisse
und Bezüge, anordnet, zurechtlegt und vermittelt, was den Schüler
befähigt, ein correctes Latein in elegantem Colorit zu erzielen. Wir
begegnen in dem Commentar einer Fülle feiner und scharfsinniger
Seyifert: Palaesira Ciceroniana. 53
^ammatischer, namentlich in die sogenannte syntaxis ornata einschla-
gender Bemerkungen und Erörterungen, gelegentlich auch Berichti-
gungen nnd Bereicherungen der Zumptschen Grammatik, auf deren
Paragraphen meistens verwiesen wird. Auf Synonymik und Lexikolo-
gie hatte in Betracht ihrer entscheidenden Wichtigkeit für correct-
schöne, die feinsten Begriffsnüancen und Schattirungen treu wieder-
spiegelnde Sprachdarstellung ungleich mehr Räcksicht genommen und
namentlich D öder le ins gediegne Arbeiten fleissiger benutzt wer-
den sollen. Nach den synonymischen Bestimmungen zu schliessen,
welche der Hr. Verf. je zuweilen vorlegt, ist er insonders berufen
und geschickt, an dem Fort- und Ausbau dieser wie wichtigen, so
schwierigen Wissenschaft mitzuwirken. Als tüchtigen Methodiker er-
weist sich der Hr. Verf. durch die eingestreuten, die Aufmerksamkeit
uiid das Nachdenken anregenden oder zur Vorsicht mahnenden Fragen,
die Grammatik, Synonymik und Phraseologie anlangend, durch fleis-
sige Bezugnahme auf bereits dagewesenes und besprochnes, wobei
das bekannte ^repetitio est mater' cet. guten Vorschub erhält, durch
wiederholentliche Verwarnung vor unclassischen, nachclassischen, aus-
schliessend dichterischen oder geradezu fehlerhaften Ausdrücken und
Wendungen, wie sie in dem sogenannten Neu- und Notenlatein, wel-
ches denn nicht selten zugleich auch baares Unlatein ist, im Schwange
gehn, durch treffende Winke und Fingerzeige für gehörige Wortstel-
lung, folgerichtige Anreihung, Gliederung, Verknüpfung und Inein-
anderarbeitung oder durch die Eigenthümlichkeit der lateinischen
Sprachdarstellung bedingte Trennung der Satztheile, behufs einer
kunstgemässen , echt lateinischen Periodisirung derselben, bei welcher
Gelegenheit hin und wieder mit zum Theil lateinisch, zum Theil deutsch
ausgedrückten Sätzen , z. B. S. 42: ^Aique ipsi belli magis quam pacis
artibus dediii^ quum iacereni lilierarum studio exsulaniibus MusiSy
hielten so wenig auf die Latinität, dass n. s. w.' wohl auch mit einem
wunderlichen Gemengsei von Deutsch und Latein dem Uebungsschüler
in die Hände gearbeitet wird, z. B. S. 206: *ohne Rücksicht auf die
Winke (adhoriatio^ 9ox) derer , die , da sie exemplo ei aucloriiaie
praeire konnten, sich mit einer gelinden Erinnerung begnügten, öfters
per summas asperitaies niii musste', durch beigebrachte, insonderheit
aus Cicero und andern mustergiltigen Schriftstellern mit feinem Ken-
nerblick und glücklichem Takte ausgewählte Stellen zu zweckmässiger
Verwendung bei schwierigeren, namentlich in Bildern und Gleichnis-
sen gehaltnen Partien des Uebungspensums , um denselben ein antikes
Gepräge und Colorit anzugewinnen. Ein auszeichnendes Lob darf der
Hr. Verf. noch beanspruchen auf Grund der äusserst fleissigen, ein-
und umsichtigen Benutzung der schätzbaren , durch Scharfsinn , ein-
dringende Sprachforschung und Sprachgelehrsamkeit hervorragenden
Arbeiten unserer bedeutendsten Latinisten.
Die nun folgenden Mittheilungen, die der Natur der Sache nach
noch reichlich vermehrt werden könnten, wolle der Hr. Verf. als einen
freilich nur schwachen Beweis der TheilnAbmit «»S?ft!^tft»^^^^^^'^«
54 Lateinische Sprachwissenschaft
der Palaestra Ciceron. widmel, von welcher er im Interesse der guten
Sache , die sie fördern will und kann , aufrichtig und ernstlich wün-
schen muss, dass zu ihren Thoren alle nach der Fertigkeit in Hand-
habung echter, classischer Latinität ringenden Schüler eingehn mögen ;
keiner von denen, die sich den in ihr angeordneten Uebungen mit
Lust und Liebe , mit beharrlicher Treue und Gewissenhaftigkeit unter-
siehen, wird sie unter dem Seufzer der Klage : ^operam et oleum per-
didü' verlassen.
Mat. VI. cap. 27. §. 1 ist neben in exiremo viiae [besser mit Zusatz,
und zwar allgemeiner tempore^ specieller die etc.] noch moriens^ vita
decedens und bei Schlüssel das bildliche recludi zu bemerken.
Von der die Geschichte der Menschheit kein andres Bei-
spiel kenne, post hominum memoriam in suo genere prorsus sin-
gularis. §.3. Generalbeichte auf dem Todtenbette, /am-
quam communi quadam scelerum fraudumque per iotam vitam com-
missorum confessione. Der gewünschte Schlüssel zu dem
Geheimniss, occuUam eius et quasi involutam tnentem aperirL
Auch Hesse sich S c h I ü s s ^1 durch index geben.
Cap. 38. §. 1. Dem öffentlichen Leben fremd, a ne-
go tiis publicia , forensihus aversus , eine lebhafte Neigung ge-
habt zu haben, appeientissimus, Ingredienzien, ex quibus
conßaiur et efficifur, %, 2. nich t etwa aus einem tiefen Sinn
fürNaturschonheiten, derüberhauptbei denAlten nicht
zu finden ist, fto» quod vehementer commotus esset eius (ruris)
amoenitatihus ^ quarutn sensu veterea omnino caruisse eensendi sunt^
quarum sensum teter es omnino nan habuerunt. Mit den reizend-
sten Farben, mirifica colorttm »uavitate cum varietate dtscrimi-
fi«m, quae eitam urbanam inter atque rusticam sunt. §. 7. ange«
nehm gratus et iueundus^ freundliche Anmuth, eomOas^ fad-
Utas, %, 8. werden Deliavon selbst gehoben u. s< w. Deliae
animus ad cultum atque eam humanitatem excitatur^ qua cet. §. 10.
dauerndes Verbältniss, constantia amoris. Die Gemeinheit
sucht, nequitia expetit , caplat , eenatur.
Cap. 29. $. !• tiefer empfunden, intimis sensibus per-
ceptus (haustus) ^ altiorem praebens inteüectum^ ad sensum altior ;
klarer ausgesprochen, act intellectum apertior (expressior^ il-
lustrior) ; reicher ausgeführt^ ad argumentorum vim copiosior
{amplior^ plenior et über ior^; welche den Uebermuth straft
(vindex) der sich nicht selbst mässigt, sibi temperare (im-
perare);\n die Schranken — zurückdrängt,/am^tj;a0tti»^r«m
rationis ac disciplinae compeliit,
§.4. eingeschlossen in menschliche Formen, induH
specie humana^ forma hominum induti; so vollKraftundErha-
b e n h e i t , viribus et praeslantia excellentes, DiesesMaass schuf
ihre K ü h s t , pareiis es/, ortum debere^ proficisci, /ülil weiser
Enthaltsamkeit, perite (scienter^ prudenter) et moderate. In
den Lebren ihrer Philosophen, decreta. Welche die riok-
verbeck : Gallerie heroischer Bildwerke. 55
fig gemessne u. s. w.^ aequaMüas inira iusios rerum fines iem^
peraia (tusiis rerum ßnibus ei terminis circumscripta). Dasselbe
Maass u. s. w. Nee aliunde repeiendum est iUud in nimiam poien-
iiam cet. suscepium odium , oder mit fons ei cauaa esi,
Cap. 30. §.1. hörtman Stimmen, iacianlur eoees censen-
tium (dictantium). Zu dem künftigen Lebensberuf, ad obeuti'
da eitae munera institui. Am meisten dienen, omnium maxime
conducere, §.2. gerade dem beschränktesten Geiste, ab in-
telUgentia minime instrucius. Zu einem vornehmen Handwerk
herabwürdigt, adhanestiorem qu'endam quaesium mercenariorum
detrudere^ ad artißcii quaestusque genus quoddam paulo liberalius
abücere, §. 3. Darum halten also u. s. w. Quod quum ita sit cet.;
wenn sie sich nicht selbst verkennen^ aseipso discedere se-
cumque discordare^ a se disBentire^ sibi non cpnsiare, a se desciscerCj
a se dissidere. Als unerschütterlichen Grundsatz fest,
arte (ariissime) mordicus ienere quod ipsis propositum est, ui cet.
Dass die Gelehrtenschule zwar u. s. w. ut sibi in disciplinam
iradiios liUeris ac siudiis doctrinae idoneon reddani ad illud, quod
aliquando suscepturi sunt vitae munus (genus) , quod cuiusmodi sU
nihil curant {curare omittunt). §.5. Der Zweck der Gelehr-
te nsc hui e u. s. w. Quae in ludis litterariis instituitur disciplina
hoc maxime spectat, ut ingenia subigantur (praepareniur) ad con-
cipienda cet.
Die Correctur des Drucks ist mit auffallender Nachlässigkeit be-
schafft, so dass die Zahl der nicht namhaft gemachten Druckfehler die
der aufgeführten leichtlich um das dreifache übersteigt; zudem steht
die äussere Ausstattung dieser zweiten Auflage an Lettern namentlich
in Bezug auf den Druck der Materialien wie an Papier der der.ersten
entschieden nach *),
Neustreiitz. Eggert,
Gallerie heroischer Bildwerke der alten Kunst, bearbeitet von Dr.
Joh, Overbeekf Privatdocenten an der Universität zu Bonn. Er-
stes Heft. Halle 1852. C. A. Schwetschke und Sohn. 8. 1—80
gr. 8. und 2 [Steindruck-] Tafeln Fol.
Dies erste Heft, dem nur die Widmung an F. G. Welcher vor-
gedruckt ist, gibt weder Vorrede, die ja gewöhnlich bei nach und
nach erscheinenden Werken, am Ende des ersten Bandes gegeben wird,
och eine Uebersicht, aus der wir Plan und Umfang des Werks er-
'*') Einer Ankündigung der Yerlagshandlung zufolge befindet sich
gegenwärtig die dritte Auflage der Palaestra Ciceroniana unter der
Presse. ÖV« 1^»^*
56 Archaeologie.
sehn können. Der Titel bietet ziemlich weiten Raum nnd vielleichl
wird die Ausdehnung von der Aufnahme abhängen *). Es ist indes
keine willkfirliche, planlose Auswahl von Mythen oder Bildern, son*
dern dies erste Heft bietet in geordnetem Zusammenhang Darstellun>
gen aus dem thebanischen Sagenkreise und zeigt, dass es innerhalb
der gesteckten Grenzen auf eine gewisse Vollständigkeit angelegt sei.
Ganz in Uebereinstimmung mit dem Titel ist der Text zur Erklärung
der Bilder bestimmt: es sind aber nicht bloss die hier zuerst gege-
benen oder wiederholten, sondern alle auch in andern Werken ab-
gebildeten und selbst die in den Schriftstellern erwähnten bildlichen
Darstellungen beschrieben , besprochen oder erwähnt.
Der Kreis der Oidipodia ist im ersten Heft vollständig gegeben,
der Kreis der Thebais angefangen. Jedem Kreise ist eine Uebersicht
der poetischen Bearbeitungen im Alterthum vorangesciiickt, über wel-
che, sofern sie nicht vollständig erhalten sind, in den Anmerkungen
die weitern Nachweisungen gegeben werden. — Weshalb der Verf.
über die Behandlung der Oidipodia in Komoedien nur auf Hermann
zu Soph. Oed. Col. 1377 verweist, ist nicht wohl einzusehn, da we-
nigstens der Chrysippos des Strattis, der mehrfach erwähnt wird,
doch wohl hieher gehört. Vergl. Meineke Fragm. Com. Graec. I.
p. m II. p. 783.
Nicht mit dem Kadmos und seinen nächsten Nachkommen anzu-
fangen, wird der Verf. gewiss triftige Gründe gehabt haben, über
die wir in der Vorrede Auskunft erwarten dürfen. Im ersten Ab-
schnitt werden vom *Raub des Chrysippos durch Laios'
als *der ersten Quelle des durch Frevel fortgezeugten Unglücks im
Labdakidenhause ' drei Darstellungen nachgewiesen, von denen zwei
abgebildet sind und zwar die zweite hier zuerst. Forchhammer in
*^ Ein dem ersten Heft beigegebener Prospectus spricht sich aller-
dings über Plan und Umfang des Werkes aus und zwar in folgenden
Worten: 'Die Gallerie heroischer Bildwerke soll den gesamraten Stoff
ihres Kreises nach der strengsten Prüfung kritisch gesichtet, nach
festen , aus der Poesie entnommenen Principien angeordnet in der mög-
lichst vollständigen vergleichenden Zusammenstellung umfassen. Da
aber innerhalb dieses fast unermesslichen Stoffes eine Gliederung nnd
Abgrenzung nothwendig erschienen ist, so ist die Sammlung ^^ ohne
irgendwelche Verzichtleistung auf die Fortsetzung, zunächst mit den
beiden von der alten Poesie am meisten durchgearbeiteten nnd von der
alten Kunst, mit Ausnahme etwa des herakleischen Mythenkreises, am
meisten dargestellten Heldenkreisen, dem thebanischen und dem
troischen, begonnen worden, welche zugleich den Kern und Stamm
des epischen Cyclus bildeten/ Das Werk ist auf circa 30 Bogen
Text m gr. 8 und ebenso viele Steindrucktafeln in Folio (auszugeben
in 8 Heften) berechnet uiid wird vollständig folgende Mythenkreise
enthalten: 1) der Oidipodia, 2) der Thebais und der Epigonen, 3) der
Kypria, 4) der Ilias, 5) der Aithiopis, 6) der kleinen Ilias und der
Iliupertiis, 7) der Nosten, 8) der Odysseia und der Telegonia.
Die Red.
Orerbeck: Gallerie heroischer Bildwerke. 57
der Allg. Monatsschrift März 1852. S. 214 erhebt, wie Ref. scheint,
nicht hinreichend begründete Zweifel gegen die Beziehung des Bildes
auf Chrysippos. Ref. wird unten darauf zurückkommen.
Im zweiten Abschnitt sind drei Abbildungen von *Oedipns
als Kind' erklärt, ein Vasenbild und zwei Gemmen. Das Vasen-
bild, auf welchem der Knabe von einem reisenden Hirten getragen
wird, dem der Name Euphorbos beigeschrieben steht, wird mit Wahr-
scheinlichkeit auf den Hirten des Polybos bezogen und das Epos als
wahrscheinliche Quelle angegeben.
Von den Bildern, welche die Sphinx im Kampf mit Jünglingen
darstellen , hat Hr. 0. diejenigen , in denen der Jüngling im entschie-
denen Vdrtheil erscheint, abweichend von Jahn auf Oedipus bezogen,
der, wie nachgewiesen wird, nach einer andern Sage die Sphinx
nicht durch Lösung des Rathsels, sondern durch Waffengewalt be-
siegt hat.
Der dritte Abschnitt behandelt in 16 Darstellungen *die Sphinx
und thebanische Junglinge, nebst Haimon', die von der-
selben getödtet werden, Bildwerke, in denen die Jünglinge über-
wunden werden. Es sind zwei nur bei alten Schriftstellern erwähnte
Darstellungen , dreizehn Gemmen und ein Terracottarelief. Fünf die-
ser Darstellungen sind abgebildet und darunter zwei hier zum erstenmal.
Dann folgen (4) Darstellungen *von Oedipus und der
Sphinx% 47 an der Zahl (Nr. 24 — 71) und zwar 20 Vasengemälde,
7 mit schwarzen, 13 mit rothen Figuren, 18 Gemmen und Pasten,
6 Reliefs auf Vasen, Lampen u. s. w., 2 Wandgemälde und ein Spiegel.
Von den 14 beigefügten Abbildungen sind 10 wiederholt, aber aus
Werken, die zum Theil selten sind, 4 ersbheinen hier zuerst. Dazu
kommt nun nach Gerhard Denkmäler 1851 im archaeol. Anzeiger S. 102
das Gemmenbild der Sammlung von Herz in London , es sei denn dass
dies schon früher aus andern Sammlungen bekannt wäre. Ferner ge-
bort hieher eine neu entdeckte Vase mit der Leichenfeier des Patro-
klos , an deren Hals sich die Sphinx umgeben von verschiedenen Figu-
ren befindet, ebenda S. 91.
Dass die Sphinx so häufig auf Gemmen (und die Bilder, Gem-
men oder andre , auf denen sich die Sphinx allein findet , sind nicht
berücksichtigt) vorkommt, ist sehr erklärlich, da der Vergleich eines
verschlossenen Briefs mit dem Räthsel, dessen Symbol die Sphinx ist,
nahe liegt; fand doch Augustus unter den Siegelringen seiner Mutter
zwei mit der Sphinx. Auf den Vasen ist wohl die sepulcrale Bedeu-
tung mit Jahn und dem Verf. gegen Braun festzuhalten , und das nicht
bloss, wo die Sphinx auf eiuer Säule sitzt, sondern auf allen, wo sie
mit Oed. zusammen vorkommt; denn Oedipus ist es ja, der, und wohl
nicht zuerst im Oedipus Coloneus des Sophokles , das Räthsel des
Lebens in der Hinfälligkeit des Menschen löst und durch sein eignes
Beispiel gezeigt hat, dass erst der Tod alle Kämpfe endet und die
letzte Versöhnung bringt. Die sepulcrale Bedeutung tritt allerdings
am deutlichsten hervor, wenn die Sphinx abweichend vqvl 4%\ ^%si^
58 Arehaeologie«
auf einer Säule und zwar meistens von ionischer Ordnung dargestellt
wird: denn es soll damit ohne Zweifel ein Grabmal gemeint sein.
Auch ist wohl kaum in zweifeln, dass auf wirklichen Grabmälern der
Griechen öfters eine Sphinx gestanden hat, wenn auch bisher weder
Zeugniss noch Denkmal nachgewiesen ist. Bestätigt wird diese Be-
deutung durch zwei etruskische Aschenkisten , wo die Sphinx ken-
taurenartig aufgefasst ist. Die abweichende Form kann hier um so
weniger auffallen, wenn wir erwägen, dass es noch manche andre
abweichende Art der Darstellung auch bei den Griechen gab, wie
die Stellen der Alten zeigen, die Pauly in der Encycl. V. S. 1377 ange-
führt hat.
Bei spätem italischen Vasenbildern, die manches eigenthüm-
liche haben und sich besonders durch zahlreicheres Personal auszeich-
nen, wie Nr. 43, ist eine grössere Freiheit der Künstler nicht un-
wahrscheinlich. Doch ist mitunter eine ganz andre Bedeutung anzu-
nehmen, wie bei Nr. 44 (T. I. 2), von welcher Hr. 0. eine anspre-
chende Erklärung gibt. Hier erscheint die Sphinx unter mehrerea
Jünglingen in meist nachdenklicher Stellung, aber weder auf einem
Felsen noch auf einer Säule , sondern auf dem Knie des einen Jüng-
lings. Der Verf. nimmt an, dass eine Gesellschaft von Jünglingen
dargestellt sei, die einander Räthsel aufgeben, und dass diese Art
der Unterhaltung symbolisch durch die Sphinx ausgedrückt sei.
Es folgt (6) ^Oedipus und Teiresias', die auf einem Va-
senbilde erkannt werden , das oben die Götter Athene, ApoUon und
Aphrodite darstellt, unten einen König thronend, vor welchem ein
priesterlicher Seher von einem Knaben geführt steht, hinter dem
König eine Frau mit einem Spiegel in der Hand, an einem Bade-
becken stehend, welche als lokaste genommen wird.
Auch von ^Oedipus Blendung' (7) ist nur eine einzige Dar-
stellung Nr. 70 auf einer etruskischen Aschenkiste nachgewiesen, die
von der gewöhnlichen Sage abweichend den Oedipus von den Die-
nern des Laios blenden lässt, was übrigens auch aus einer verlornen
Tragoedie nachgewiesen wird.
Die Oedipodie schliesst (8) mit ^Oedipus Grabe % das auf
einer Vase in einer einfachen Grabstele zwischen zwei Mantelfiguren
dargestellt , als solches durch ein Distichon bezeichnet wird.
Die Besprechung der Thebais, von der nur die Einleitung im
ersten Heft gegeben ist, wollen wir aufschieben, bis das zweite Heft
uns Veranlassung gibt darauf zurückzukommen.
Der Verf. hat sich auf die Vergleichung der Kunstdarstellungen
mit den Ueberlieferungen der Schriftsteller beschränkt und sich nicht
auf Erklärung der Mythen selbst eingelassen. Das Recht dieser Be-
schränkung muss wohl, zumal da die Principien der Erklärung so
verschieden voneinander sind, zugegeben werden und Ref. könnte
seine Aufgabe für gelöst halten mit der Bemerkung, dass er wenig
nachzutraben gehabt, dass der Verf. sich einer zweckmässigen Kurze
befleissigt habe, ohne etwas wesentliches zu übergehn, dass er, wo-
Overbeck : Gallerie heroischer Bildwerke. 59
fern er nicht alle Darstellungen wiedergeben konnte oder wollte, eine
angemessene Auswahl getroffen habe, und dass endlich mit Recht das
Werk als besonders für Gymnasialbibliotheken geeignet bezeichnet sei,
damit es den Schülern bei der Leetüre der Tragiker in die Hand ge-
geben werde. Denn nur durch diese Verbindung der Kunstwerke mit
den Schriftstellern wird eine vollständige Kenntniss des mythischen
Stoffs ermöglicht, die nothwendig ist, um über die Kunst der alten
Tragiker ein begründetes Urtheil zu fällen, die sich nicht in der Er-
findung, sondern in der Auswahl unter verschiedenen Wendungen des
Mythos und in der Ausführung zeigt.
Obgleich der Verf. nirgends auf die Erklärung, d. h. auf Ur-
sprung und Bedeutung des Mythos eingegangen ist, hat er doch in
der Klage über die Dunkelheit der monströsen Sphinxbildung und
mancher Beiwerke, wie wenn auf der zweiten Chrysipposvase ein
Hund eine Schlange verzehrt, die Nothwendigkeit der Erklärung,
wenn sie möglich ist, anerkannt. Dies hat Forchhammer in der Mo-
natsschrift (Märzheft 1852. S. 208 unter der Ueberschrift * Sphinx')
Veranlassung gegeben, an dem Beispiel der Sphinx nicht nur diese
Nothwendigkeit, sondern, auch die Möglichkeit nachzuweisen. Der-
selbe macht Hoffnung auf eine umfassende Erklärung der thebanischen
Sagen , obgleich er den Mythos vom Raube des Chrysippos noch nicht
zu deuten wagt. Die Sphinx soll ein Symbol der Kälte sein, wie
besonders nach Vasengemälden aus dem Mythos gezeigt und durch
die Bedeutung deß Wortes ütpfyyca bestätigt wird. Die Deutung ist
scharfsinnig und geistreich. Aber erklärt sie alles? Die Kälte ist
doch in Boeotien schwerlich für Menschen tödtlich? — Das könnte
bildlich zu verstehn sein , weil die Kälte überhaupt allem Leben feind-
lich ist. Weshalb aber kommt sie aus Aethiopien? Wie kann Ares
die Sphinx senden, wenn sie Kälte ist? Und wie hängt das Räthsel
mit dem Frost zusammen? Allerdings passt nach Forchhammers Er-
klärung gar manches gut zusammen, indes Ref. weiss nicht alle Ein-
wendungen zu beseitigen und will die von ihm bisher versuchte Deu-
tung der Prüfung nicht vorenthalten. Er hat bei der Sphinx an die
durch Verschluss der unterirdischen Kanäle , welche die Gewässer des
thebaischen Thalkessels ableiten , entstandene Ueberschwemmung mit
ihren unmittelbaren und durch die stärkere Verdunstung vermittelten
verderblichen Folgen gedacht. Ein solches Verschliessen konnte durch
Erdbeben veranlasst werden: wofür die Abstammung von Typhon
spricht, und zu dieser Erklärung passt die Chimaira so gut wie die
Echidna , die übrigens wohl nicht beim Hesiodos als Mutter bezeich-
net wird, wie denn auch für Orthros auch Orthos gelesen wird. Die
Verwandtschaft mit dem Nemeischen Löwen und der eigne Löweu-
körper sprechen ebenfalls für die Ueberschwemmung, zu der denn
auch als Folge die Pest stimmt und die Lösung des Räthsels durch
pedipus, insofern, nachdem das Wasser abgeflossen und verdunstet ist,
der Boden noch lange von Wasser durchdrungen bleibt. Erklärt nicht
Forchliammer selbst den Löwen für einen mythischew K^sk^x^^ ^^^
€0 Archaeologie.
Ueberschwemmung? Die Beflttgelung bezeichnet die dadarch in grös-
serer Masse schwebenden Dünste. Das Jungfranangesicht, wenn nicht
bloss Ausdruck des sprachlich gegebenen Geschlechts, ist ihr mit
Echidna, Sirenen und Harpyien gemein und mag mit dem Stamme
fciq^m (verderben) zusammenhängen. Wie freilich die Jungfrau zu
diesem Namen gekommen, bedarf noch einer weitern Untersuchung.
Doch wollen wir Forchhammers und Wieselers (s. Philologus VI.
S. 343) angekündigte Erklärungen des Einzelnen und des ganzen Ziv-
sammenhangs erwarten, bevor wir eine Entscheidung wagen, denn
durch eigne Anschauung des Landes ist F. im Vorzüge.
Dagegen trägt Ref. kein Bedenken vom Raube des Chrysippos
durch Laios auf einem Viergespann seine Ansicht auszusprechen, ob-
gleich ihn Forchhammers Zweifel bedenklich machen könnte. Chry-
sippos ist die Regenquelle, welche vom Steinbach (Laios) im wogen-
den Strom (dem Viergespann) entführt wird. Dazu passt der Hund,
welcher die Schlange verzehrt, ganz gut, denn der schlängelnde
Bach verliert sich im schwellenden Boden des Waldes. Deshalb em-
pfängt ihn ein Satyr, ein Ausdruck für das üppige Dickicht des Wal-
des , wie Ref. bisher angenommen hat und noch nicht widerlegt findet.
Scheint doch auch der Zweig dafür zu sprechen. Dass Pothos die
Pferde lenkt und Himeros die Binde darreicht, lässt sich sowohl phy-
sisch als ethisch verstehn. Die in der Ferne sitzende Frau für Aphro-
dite zu erklären, wie der Verf. vorschlägt, widerspricht dem Begriff
der Knabenliebe. Peitho Hesse sich allerdings annehmen. Allein
sollte nicht in ihr vielleicht die Palaistra selbst personificirt sein
(vergl. Welcher alte Denkmäler L S. 488), die ursprünglich auch
eine physische Bedeutung gehabt haben kann: denn eine Quelle kann
wohl als ringend bezeichnet werden und dem ursprünglichen Mythos
möchte selbst der Paedagog nicht fremd gewesen sein, dessen Name
vielleicht durch die unter ihm stehende Blume angedeutet ist.
Die Bestätigung, welche Forchhammer für seine Ansicht von
der Sphinx aus dem Bilde Taf. IL 3 entnimmt, scheint uns gewaltsam,
denn erstlich ist es kein Satyr, sondern ein Silen, wie er nur auf
Bildern vorkommt, die Scenen aus satyrischen Dramen darstellen.
Auch legt F. besondres Gewicht auf das schneeige Gewand, und es
ist doch nach Anm. 25 ausser dem Pantherfell roth. Auch ist die
Schlange nicht steif erfroren, sondern springend dargestellt.
Die Frage, wie sonst selbst spätere Vasen, wie mehrere der
hier und von Forchhammer besprochenen benutzt werden dürfen , den
Ursprung eines Mythos zu finden, ausführlich zu beantworten ist
hier nicht der Ort: man braucht deshalb nicht ein überliefertes Be-
wusstsein anzunehmen, sondern nur ein enges Anschliessen an alte
Vorbilder. Auch Tempelsagen und Dichter, die (wie Ovid) gewiss
kein Bewusstsein von der ursprünglichen Bedeutung der Mythen mehr
gehabt haben , lassen doch häufig Einzelheiten aus der ältesten Ue-
berlieferung wieder erkennen , nur weil sie aus alten Quellen schö-
Overbeck: Gallerie heroischer Bildwerke. 61
pfend dem Ursprang näher geblieben sind als ofl ältere Epen und ly-
rische Gedichte.
Schliesslich wird es nicht angeeignet sein, hier eine Frage,
wenn auch nicht xar Entscheidung, doch zur Sprache zu bringen:
nämlich wie die griechische Sphinx sich zu ähnlichen Wesen des
Auslandes, namentlich Aegyptens, verhalte. Man ist wegen des hö-
heren Alters aegyptischer Kunst nur zu leicht geneigt, eine Entleh-
nung von dorther anzunehmen; allein die Art der Darstellung bei
den Griechen weicht von der aegyptischen und, wie man jetzt hinzu-
fügen kann , auch von der assyrischen so ab , dass man nicht wohl an
eine unmittelbare Uebernahme der Gestalt von diesen Völkern denken
kann. Da die aegyptischen Sphinxe ungeflügelt sind, so wäre eher
anzunehmen, dass die assyrischen geflügelten Löwen den Griechen
zum Vorbild gedient. Aber die assyrischen Wesen ähnlicher Art sind
immer männlich, die griechischen Sphinxe nie. Eine äusserliche An-
nahme setzt auch eine unveränderte Nachahmung voraus. Und es ist
ein griechischer Name für ein fremdes fabelhaftes Wesen nur denkbar,
wenn der Grieche selbst schon ein ähnliches Wesen kannte, obgleich
wir weit entfernt sind in Abrede zu stellen , dass fremde Vorstellun-
gen der Art besonders auf Teppichen durch den Handel früh nach
Griechenland gekommen sind, aber gewiss eher aus Asien, nament-
lich aus Assyrien und Babylon, als aus Aegypten, und dass diesel-
ben auf die bildlichen Darstellungen der Griechen Einfluss gehabt ha~
ben. Doch selbst ein mittelbarer Einfluss der Art auf die Symbolik
hat grosse Schwierigkeiten, da mit den fremden Figuren schwerlich
auch die Bedeutung überliefert wurde, und wenn das, so fragt es
sich, wie passte die Bedeutung in die eigenthümlichen Mythen der
Griechen? Die griechische Sphinx ist ein fast allein stehendes Wesen,
während es in Aegypten und Assyrien vielerlei verwandte und ähn-
liche Gestalten gab.
Wie alt die ältesten bildlichen Darstellungen der Griechen seien
(und das sind bekanntlich die Thiervasen , auf denen sich auch häufig
Sphinxe finden), ist noch nicht ausgemacht. Ref. erlaubt sich darüber
Folgendes auszusprechen. Jünger als die Vasen mit ornamentartig
verbundenen Thierfiguren sind zunächst die Jagden, Kampfspiele und
andere Darstellungen aus dem Leben, aber auch diese sind älter als
die mythologischen Bilder. Dieselbe Folge der Vorstellungen finden
wir in den drei ältesten Beschreibungen von Kunstwerken bei Schrift-
stellern, von dem Schilde des Achilleus, der, wie alle bei Homer
vorkommenden bildlichen Darstellungen, nur Vorstellungen aus dem
Leben hat, dem Schilde des Herakles, der «chon mythische Bilder
daneben zeigt, und dem Kasten des Kypselos , auf dem nur mytholo-
gische Bilder sich finden. Die ältesten Vasen mit mythologischen Bil-
dern sind also gewiss nicht viel älter als der Schild des Herakles.
Die Vasen mit Bildern aus dem menschlichen Leben oder wenigstens
diese Gegenstände der Malerei sind ungefähr so alt wie die Beschrei-
bung des Schildes des Achilleus, die Thiervasen oder diese Art der
62 Höhere Paedagogik.
Malerei, also die ältesten. Diesen ältesten Bildern seheint auch die
Malerei bei den Griechen (J^wyqctfpUi) ihren Namen zu verdanken.
Die griechische Vorstellung der Sphinx gehört also den ältesten Zei-
ten Griechenlands an, d. h. sie ist älter als die Homerischen Gedichte
oder vielmehr als die Beschreibung des Schildes des Achillens und
kann viel, viel älter sein. Assyrien und Babylon aber waren damals
und früher mächtige Reiche, in denen auch die Künste blühten und
deren Kunstwerke durch phoenikische Kaufleute auch im Westen ver-
breitet wurden. Wenn aber diese Vorbilder Einfluss gewannen auf
die Gestaltung der Sphinx, so bleibt diese dennoch in ihrem ganzen
Wesen griechisch. Mag diese Schlussfolge nicht unantastbar sein,
sie ist aber so wahrscheinlich wie nur irgend eine andere in Betreff
dieses hohen Alterthums.
Hamburg. Chr. Petersen,
Deutsche Briefe Über englische Erziehung nebst einem Anhang
über belgische Schulen von Dn L. fFieae, Prof. am königl.
Joachimsthal. Gymnasium. Berlin 1852. 211 S. '*').
Professor Wiese in Berlin , der im Jahre 1850 eine Reise nach
England machte , hat seine paedagogischen Beobachtungen in England,
die er ursprünglich nur für einen kleinen Kreis von Freunden aufge-
schrieben hatte , auf Veranlassung seiner Freunde unter dem vorste-
henden Titel der Oeffentlichkeit übergeben. Je weniger bei dem Man-
gel an officiellen Nachrichten und an englischen Werken über die
dortigen Verhältnisse des Unterrichts- und Erziehungswesens Kennt-
niss desselben sich bei uns findet, desto willkommner muss dem Pae-
dagogen und Lehrer eine Schrift sein, die diesen wichtigen Gegen-
stand berührt. Der Verf. hat in den an einen Freund geschriebenen
Briefen, wie er in dem Vorworte sagt, wenig geändert, nur hat er
das meiste ganz persönliche getilgt. Sie enthalten eine Zusammen-
stellung dessen , was dem Verf. aus eigner Anschauung , aus Gesprä-
chen und aus früherer Leetüre gegenwärtig geblieben, nebst Auf-
zeiehnnugen, die er sich an Ort und Stelle und gewöhnlich im ersten
Eindruck des Erlebten und Gesehenen gemacht hatte. Eine eigentlich
systematische Anordnung des Inhalts ist bei der losen Form, welche
die ursprüngliche Bestimmung entschuldigt, nicht bezweckt, aber
doch ist eine bestimmte Reihenfolge der abgehandelten Gegenstände
nicht zu verkennen und die Briefe bilden ein wohlgeordnetes Ganze.
^) Rücksichtlich der hier beurtheilten Schrift verweisen wir auch
auf die im Archiv erscheinende Abhandlung von Dr. Breitenbach 'die
englischen public schools und die deutschen Gymnasien.*
Die Rtd,
Wiese : dealsche Briefe über englische EriKiehaiig. OS
Des Verfassers Absicht war nicht, einen statistischen Bericht
über das englische Schulwesen zu geben, noch eine Darstellung der
englischen Familienerziehung, sondern die Erziehungsgr^ind-
sätze, welche man in den höheren öffentlichen Schulen, die unsern
Gymnasien entsprechen, und in den Alumnaten befolgt, darzulegen
und über mehrere der wichtigsten Schul fragen, welche jetzt in
England verhandelt werden, Rechenschaft zu geben. Trotz der Schwie-
rigkeiten, die jedem Fremden entgegentreten, der das englische Schnl-
und Unterrichtswesen kennen zu lernen wünscht, ist es dem Verf.
doch durch seine Bekanntschaft und seine Empfehlungen gelungen
viel zu sehn tind zu erfahren.
Das Ganze zerfällt in 14 Briefe; in den 9 ersten handelt der
Verf. hauptsächlich von den Anstalten, die unsern Gymnasien ent-
sprechen, S. 1 — 106, im 10. und 11. von den Universitäten, S. 107 —
143, im 12. und 13. von den Elementarschulen, S. 144 — 175, im 14.
von dem Zusammenhang des Lehrstandes mit der Kirche, von zwei Bil-
dungsanstalten in London und dem tüchtigsten Paedagogen, den Eng-
land in der neusten Zeit aufzuweisen gehabt hat, dem Dr. Arnold,
S. 176—186.
Es kann natürlich nicht unsre Absicht sein auf alle die Gegen-
stände aufmerksam zu machen, die der Verf. in den Briefen zur Spra-
che bringt; ich will, um denen, die das Buch nodi nicht aus eigner
Leetüre kennen, von dem reichen Inhalte desselben einen Begriff zu
geben, nur einige der wichtigsten Punkte berühren. Einrichtung der
englischen Colleges; Mangel an Aufsicht; Verschiedenheit der eng-
lischen Anstalten unter sich; Stellung zur Kirche; Stellung des Di-
rectors und der Lehrer zu der Schule und den Schülern; Lehrerper-
sönlichkeit; Autonomie der Schule; Unterrichtsgegenstande; alte Spra-
chen; Werth derselben; Urtheile in England; Religionsunterricht; Ge-
schichte; Mathematik; Ziel des Unterrichts; Lehrplan; Stundenplan;
Mittel; Schulbücher; Kosten; Methode; Erfolge; Erziehung; Zweck
der Erziehung; directe und indirecte Erziehungsmittel; Charakter-
bildung ; Strafen ; körperliche Strafen ; liberale Behandlung von Seiten
der Lehrer ; Freiheit der Zöglinge (auffallende Proben S. 23 ff.) ; Er-
folge der Erziehung; Urtheile in England; Verschiedenheit von un-
sern deutschen Einrichtungen; Mängel und Vorzüge etc.
Es ergibt sich aus den Bemerkungen des Verf., dass in England
der Kampf der widerstreitenden Ansichten sich um dieselben Fragen
dreht wie bei uns (Alterthum oder neuere Zeit, alte Sprachen oder
lebende , die Bibel und die Classiker , Kirche und Schule , Schule und
Staat, alte oder neue Methode), dass die Forderungen nach Reform
in Bezug auf das ganze Schulwesen sich mehr und mehr geltend ma-
chen, dass aber bei dem ruhigen und besonnenen Charakter der Eng-
länder in den öffentlichen Schulen die Extreme nicht so leicht sich
berühren wie anderswo. Die Privatanstalten , deren England bei der
verhältnissmässig geringen Zahl der öffentlichen Anstalten sehr viele
zahlt, können natürlich den Anforderungen der Zeit weniger Wldft^-
64 Höhere Paedagogik.
stand entgegensetKeii als die reich dotirten öffentlichen Anstalten, die
von der Gunst des Pablicams ganz unabhängig sind
Bei dem Mangel an eigner Anschauung ist es natfiriich nicht mög-
lich anzugeben, ob die Bemerkungen des Verf. in jeder Beziehung
durchaus richtig sind oder nicht, ob er nicht einzelne Dinge mit an-
dern Augen gesehn als andre Beobachter« Nach dem , was Ref. aus
den Darstellungen von Fr. v. Raumer und andern Reisenden, die dem
englischen Unterrichtswesen ihre Aufmerksamkeit zugewendet haben,
in Erinnerung geblieben ist, glaubt er versichern zu können, dass
der Verf. im allgemeinen sine ira et studio und mit Unparteilichkeit
die englischen Verhältaisse angeschaut und dargestellt hat; nur scheint
er mir bei den grossem Erziehungsanstalten die vortheilhaften Sei-
ten mehr ins Auge gefasst zu haben als die Schattenseiten. Bei der
Charakterbildung ist nach meiner Ansicht der Einflfuss der Schule zu
hoch, dagegen der Einfluss der öffentlichen Verhältaisse u. s. w. nicht
bedeutend genug hervorgehoben. Darin, dass der Verf. einen so sehr
hohen Werth auf die religiöse Bildung legt und den theilweisen Man-
gel an dieser bei uns so offen anerkennt, stimme ich mit demselben
durchaus flberein; nur kann das Heil, wie so viele heutzutage zu
thun scheinen, nicht in äussern Formen gesucht werden, der Geist
ist es, der lebendig macht. Ist die Kirche wieder das geworden,
was sie sein soll, hat die Religion wieder in den Familien den ihr
gebührenden Platz eingenommen , so wird ihr Einfluss auf die Schule
nicht ausbleiben. Bei der in unserer Zeit vielfach angeregten Frage
nach der christlichen Gymnasialbildung ist das wichtig, was der Verf.
Aber diesen Punkt von den englischen Anstalten sagt. Was die Lehrer
betrifft, so legt der Verf. einen besondern Werth auf den kirchlichen
Charakter derselben; bei uns, glaube ich, würde der kirchliche Cha-
rakter an sich dem Lehrer keine Autorität in den Augen der Schuler
geben. An Lehrern , die aus blosser Liebe zur Jugend sich dem Lehr-
fache gewidmet haben, fehlt es auch bei uns nicht; ob ihre Zahl ge-
ringer ist als in England, wer könnte das mit nur einiger Sicher-
heit angeben? Die englischen Directoren haben darin einen grossen
Vorzug, dass sie sich die Lehrer ganz selbständig auswählen können.
Ob bei der Vergleichung der englischen höheren Bildungsanstal-
ten mit den deutschen die letzteren nicht etwas zii sehr zurückgesetzt
werden, wage ich nicht zu entocheiden.
Auf die Ursachen, weshalb unsre Gymnasialzustände nicht so sind,
wie sie sein könnten und sollten, will ich hier nicht näher eingehn,
weil es nicht hieher gehört; aber dass die übermässigen Anforderun-
gen , welche man an die wissenschaftliche Bildung der Lehrer macht,
der zu hohe Werth, den man auf das Wissen legt, die in mancher
Hinsicht allen Muth raubenden äussern Verhältaisse u. s. w. einen
grossen Theil der Schuld tragen, ist wohl allgemein anerkannt.
Das über die Universitäten und die Elementarschulen Gesagt«
übergehe ich, obgleich auch in den diese Gegenstände behandelnden
Briefen sich viel intaressantes und belehrendes findet. Zu den Mit-
Programmenschau. 65
Teilungen über die Universitäten ßnden sich interessante Zusätze in
einem aus dem Englischen übersetzten Aufsätze * Englisches Univer-
sitfitsleben' in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen. 1851. 12. Hft.
S. 918 — 926. Ein Anhang handelt auf S. 187 — 211 über die belgi-
schen Schulen, die Staatsschulen, die Atheneeu, die geistlichen Er-
ziehungsanstalten der Jesuiten, der Josephiten u. s. w. , über den
Unterricht, die Spannung zwischen Gouvernement und Clerus. Wer
mehr über diesen Gegenstand zu lesen wünscht, findet in Helferiohs
Briefen über Belgien reichhaltigen Stoff. Und somit empfehlen wir
das auch äusserlich schön ausgestattete Werkchen allen Collegen und
denen, die für die paedagogischen Zustände in andern Ländern Sinn
haben, als angenehme und belehrende Leetüre.
Essen. W. Buddeberg,
Programme paedagogischen Inhalts.
Als die erfreulichste Erscheinung auf dem Gebiete des Gymna-
siailebens begrüssen wir die immer allgemeiner werdende und immer
lauter und entschiedener sich aussprechende Ueberzeugung, dass die
Schule auf ihre ursprunglichen Grundlagen zurnckgehn und dieselben
mit grosserer Festigkeit bewahren müsse. Die stürmische, alles be-
stehende mit Umsturz bedrohende Vergangenheit muss ja einen je-
den, der dessen überhaupt fähig ist, zum Besinnen bringen und die
Fragen 'was ist verschuldet?' und 'was thut noth?' in die Seele le-
gen. Von jener Erscheinung geben die Programme Zeugniss, welche
vdr hier zur Anzeige bringen.
Wir beginnen mit einem, welches vom allgemeinsten Inhalte und
Standpunkt ist:' lieber die Erziehung der Jugend unier dem £m*
flusae des gegenwärtigen Zeitgeistes, Von Keller (28 S. 4. Progr. des
k. Gymn. zu JRatibor, Ostern 1851). Ref. hat diese Abhandlung mit auf-
richtiger Freude gelesen und bedauert nur, dass der Hr. Verf. durch
den beschränkten Raum gehindert ward sie vollständig zu geben. Wie
▼iel darauf ankomme, dass die verderblichen Einflüsse, welche der
Zeitgeist auf die Erziehung geübt hat und fort und fort übt, in den
einzelnen Erscheinungen nachgewiesen werden , da dieselben dem ver-
wohnten Auge gar nicht so leicht erkennbar sind und sich ihnen zu
entziehn ohne Erkenntniss nicht möglich ist, bedarf wohl keiner
weitern Erörterung. Der Hr. Verf. hat diese Aufgabe in dem vor-
liegenden Theile seiner Abhandlung zunächst an zwei Seiten der Er-
ziehung zu losen versucht , an der immer mehr zunehmenden körper-
lichen Abschwächung des Menschengeschlechts und an der immer mehr
wachsenden Unsittlichkeit. Die dazu erforderlichen Eigenschaften.^
y. Jahrb. f, PhU. «. Paed, Bd, LXV. Hfl. \, ^
66 Progr&mmenschaa.
gcharfer Blick, unbefangenes Urtheil, grandliche Kenntniss der ge-
schichtlichen Entwicklung y aus welcher unsre Zeit hervorgegangen,
sind ihm nicht abzusprechen. Mit sichrer Hand weist er die einzel-
nen Erscheinnngen nach, in denen sich der Terderbliche Einfluss des
Zeitgeistes zu erkennen gibt. Ln zweiten Theile geschieht dies na-
mentlich durch die Darlegung, wie weit die jetzt für die Erweckung
der Sittlichkeit angenommenen Grundsatze von den in der Zeit der
Reformatoren geltenden verschieden sind. Barauf dass unsrer Ansicht
nach der mit 2) bezeichnete Abschnitt vor dem unter 1) stehn sollte,
legen wir kein grosses Gewicht. Eine Mbdification des Ausdrucks
wünschten wir bei dem Ausspruch, dass in der frühern Erziehung
als Zweck gegolten, den Menschen wehiger far das diesseitige ver-
gängliche Leben, als für ein höheres unvergängliches Dasein zu bil-
den und vorzubereiten. Zwar setzten die Männer jener Zeit gebüh-
rendermassen die chi)stliche Erziehung über die irdische, sie wnss-
ten, dass damit zugleich die beste und haltbarste, allein zu wahrem
Glück führende Bildung für das Erdenleben gegeben werde , aber die
Bildung für das praktische Leben war keineswegs so zurückgestellt,
wie man aus jenen Worten folgern konnte, ob^eich sie in andern
Dingen gesucht wurde als jetzt. Wird doch geradezu in den alten
Schulordnungen und in den Sdiriften der Reformatoren der Schule
als Zweck gestellt, Christen und gute, geschickte, brauchbare Diener
der Kirche und des Staats zu ziehn. Auch wird die Erziehung der
frühem Zeit gar zu finster geschildert. Es gibt Schattenseiten an
ihr und brutaler Misbrauch der dem Lehrer eingeräumten gros-
sem Gewalt ist nicht unerhört , aber dass die Männer jener Zeit
richtig auch darüber urtheilten , zeigen die Aeusserungen Luthers über
die Strenge seines Vaters. Dass man dem Knaben Würde zeigen, ihm
Respect einflössen, Gehorsam anbilden müsse, war Grundsatz, aber
man betrachtete auch die Kinder als heilige, von Gott anvertraute
Kleinode. Viele verstanden es recht wohl, den Schülern in Vertrau-
lichkeit sich zu nähern, aber sie verschmähten falsche Liebe zu er-
kaufen, und wiesen jede Ueberhebung, jedes ungebührliche Sichgleich-
stellen zurück. In vieler Hinsicht führte man die Jugend nicht so
am Gängelbande wie jetzt, wo man durch kleinliche Beaufsichtigung
viel mehr Lüge und Heuchelei erzeugt und über der Berücksichtigung
niedriger äusserlicher Dinge die wichtigeren übersieht. In jener Zeit
herrschte der Grundsatz und das Gesetz und zeigte sich allenthalben
Einheit in der Behandlung der Jugend, während jetzt die Strenge mehr
als Laune , die Forderung des Gehorsams als unberechtigter Despotis-
mus erscheinen muss, weil die Schwächlichkeit regiert. Und mag
auch die Strenge als übertrieben gelten, durch sie sind weniger Men-
schen ZU Grunde gegangen, weniger so halbe , oberflächliche, haltlose,
nnkräftige Charaktere gebildet worden. Wenn wir aber auch dies
mit grosserer Entschiedenheit unserer Zeit vorgehalten wünschten, so
stört es doch den guten Eindruck nicht , welchen die Schrift auf uns
gemacht hat, und wir wünschen von Herzen, dass der Hr. Verf. uns
Programmenschau. Q7
bald die Fortsetzang geben möge. Da wir erwarten, dass in dieser
die Nachtheile, welche der Zeitg^st auf die intellectuelle Bildung übt
sor Darstellung kommen werden , so macben wir ihn auf mehrere der im
folgenden zu besprechenden Schriften aufmerksam. Bei der Lettung
des Torliegenden Theiles ist es dem Ref. von neuem recht deutlich
vor das Bewusstsein getreten, wie doch alle Erziehung von der re-
ligiösen Stellung des Erziehenden bedingt ist. Wird es in dieser Hin-
sicht besser, dann wird auch das übrige besser werden. Nur der
Geist Gottes' kann den Zeitgeist überwinden. Will die Schule den
nicht leichten Kampf, den sie beginnen muss, glücklich bestehn, will
sie die vielen Schwierigkeiten, die ihr vom Hause aus entgegenge-
stellt werden, glücklich überwinden, so muss sie damit beginnen, dass
sie sich selbst vom Zeitgeiste völlig innerlich frei mache.. Christ-
liche Zucht muss sie an die Stelle der zeitlichen Schwäche, christ-
lichen Glauben an die Stelle des Unglaubens setzen , unbehindert und
angeirrt durch das Geschrei der Welt. Zwar wird sie in intellectuel-
1er Beziehung nicht mit einemmale alles, was die Zeit ihr aufge-
drängt, ausschliessen können, aber sie wird das, was nothwendig ist,
von dem scheiden, was nur durch den Wind der Meinung in sie ge-
kommen, und alles unter das ^inePrincip stellen, das ihr vorgezeich-
net ist, sie wird sich bemühen in ihrer Zeit zu stehen, aber nicht
von der Zeit zu sein (4n der Welt, nicht von der Welt' Melanchthon).
Sehr schwierig wird die Beantwortung der Frage sein, welche durch
die angezeigte Schrift ebenfalls angeregt ist, wie die Schule, selbst
da, wo sie zugleich Erziehungsanstalt ist, weil sie doch dann nicht
von Anfang an den Knaben übernimmt , für die körperliche Kräftigung
zu wirken habe.' Der gymnastische Unterricht wird zwar vielen
Schwächen wirksam entgegenarbeiten, aber allein genügen kann er
nicht, da er weder alle durch zu frühe schädliche Genüsse in den
Körper gebrachten Nachtheile- zu verbannen^ noch dem fortgesetzten
und wiederholten Genüsse vorzubeugen vermag. Erfahrung gibt ohne-
dies an die Hand, dass manche im Turnunterrichte gewöhnliche Ue-
bungen (z. B. am Reck und beim Klettern) in andrer Hinsicht nach-
theilige Folgen haben, und leider ist er noch nicht überall das, was
er sein soll. Man legt auf Fertigkeit und Schaustellung einen zu
grossen Werth und auf die gesundheitliche Ausbildung des Körpers
einen zu geringen.. Ob die an so vielen Orten beobachtete Abneigung
und Lässigkeit in Bezug auf diesen Unterricht von Seiten der Schüler und
Eltern eine Folge der körperlichen Verweichlichung und des Strebens
nach Ungebundenheit sei, oder ob man daraus einen Schluss auf die noch
nicht zu völliger und einleuchtender Zweckmässigkeit gediehene Ausbil-
dung jenes zu ziehn berechtigt sei, wagt Ref. nicht ganz zu entscheiden,
obgleich er der Annahme des erstem sich weit mehr zuneigt *). Ein
*) Die erwähnte Erfahrung bat an der höheren Bargerschule zu
Oldenburg eine eigenthüm liehe Einrichtung herbeigeführt. Die Tur-
ner bilden dort eine zwar unter Aufsicht stehende, aber doch sich
08 Programmenschau.
Pankt, welcher die Anfmerksamkeit der Lehrer besonders Terdient,
ist die Haltung des Korpers während und ausser dem Unterrichte.
Viele Gewohnheiten sind Folgen Ton Korperschwäche , aber yiele er-
zeugen auch eine solche, ja manches fuhrt zu Unstttlichkeit , woTon
man es kaum ahnet. Dass übrigens der sittlichende Einfluss der Schule
auch bei der körperlichen Erziehung die segensreichsten Folgen ha-
ben werde, bedarf hier keiner weitern Besprechung. — Einen sehr
werthvoUen Beitrag zur Beantwortung der im Eingange dieser An-
zeige angedeuteten Fragen bietet die Redcy welche der Director Dr.
Friedr. Rieck beim Antritte seines Amtes am Gymnasium zu Zwik-
kau gehalten und in dem Programme der Anstalt Michaelis 1851 ver-
o£fentlicht hat. Sie geht Ton dem offensten Bekenntniss aus, dass
der Glaube an die Vortrefflichkeit des deutschen Schulwesens durch
die Erfahrungen der letzten Vergangenheit als ein Irrthum erwiesen
sei, weist aber eben so entschieden die Maasslosigkeit der Anklagen,
welche man gegen die Schule überhaupt und gegen das Gymnasium
insbesondere erhoben hat , wie die heidnische Hoffnungslosigkeit , wel-
che sich auf allen Gebieten des Lebens so yieler bemächtigt hat, zu-
rück* Von dem im Christenthum festwurzelnden Glauben an die Mög-
lichkeit einer Erneuerung und Erfrischung unsres Volkes durchdrungen
wendet sie sich sodann zu den Terkehrten Richtungen der modernen Pae-
dagogik u. zeigt als solche 1) die einseitige Herrorhebung. des Wissens
Tor dem Können, 2) die Voranstellung der Subjectivität vor die
ObjectiyitSt (der Reflexion vor die Vertiefung in das Object) , 3) den
Mangel des rechten lebendigen alles zusammenhaltenden Mittelpunktes.
IHesen bildet zunächst die Nationalität — 'nur das in und für die
Gegenwart lebendige und nachwirkende hat für die Schule Werth
und Bedeutung'; damit ist ebenso die Nothwendigkeit des Studiums
der Alten erwiesen , wie die Methodik desselben bestimmt — über ihr
aber die Religion, welche die Seele alles nationalen Gedeihens ist "*").
Auch in Bezug auf den Unterricht in dieser wird neben der lieber-
lieferung der heiligen Wahrheit die Anregung des Suchens gefordert.
Der grosse Reichtum an fruchtbaren Gedanken , welchen die durch
Praecision der Darstellung ausgezeichnete Rede enthalt, wird durch
den gegebenen Auszug nur in geringem Maasse angedeutet, möge er
indes zur eignen Leetüre auffordern und anregen. — - Ausgezeichnet
durch tiefe Einsicht, kräftige Gesinnung und christlichen Ernst ist
auch -die Rede^ welche der Dr. Heiland beim Antritt des Directo-
selbst regierende und ihre eignen Angelegenheiten selbständig verwal-
tende Gemeinde. Nach dem Berichte des Rector Breier von Ostern
1851 hat die Einrichtung, welche dort ausführlich beschrieben wird,
gute Folgen gehabt, mancherlei Bedenken aber wird man dabei nicht
unterdrücken können.
*) Beiläufig macht Ref. auf die treffliche, schon in zweiter Auf-
lage erschienene Schrift desselben Verfassers : ' Andeutungen über den
Zusammenhang zwischen Kirche und Schule. Dresden. 8* dringend
aufmerksam.
Programmenschau. 69
rata am Gymnasium xu Oels gehalten hat, mitgetheilt im Programm
der genannten Anstalt Ostern 1852. Sie geht mehr auf die einseinen
Disciplinen ein, welche die Gymnasialbildang ausmachen, zeigt, dass
und warum in den classischen Sprachen der Kern und Schwerpunkt
derselben liege, und warnt in Bezug auf die Realien, deren Berech-
tigung nicht verkannt wird, vor dem auf bloss passives Aufnehmen
berechneten Vortrage, wie vor der zu Geringschätzung positiver
Kehntniss erziehenden philosophisch-kritischen Methode. Das geistige
Können, die sittliche Gesinnung, die christliche Frömmigkeit werden
als die Grundpfeiler und Endzielpunkte der gesammten Gymnasialbil-
dung mit Nachdruck hervorgehoben ♦). — Was in den eben ange-
zeigten Schriften in mehr andeutender, ist in wissenschaftlicher aus-
führlicher Weise behandelt in der Abhandlung des Oberlehrer Kal-
lenbach: üeber das Prineip der Einheit und der Manigfaltigkeit
im GymnasUüunterrieht überhaupt und im lateiniichen Unterrichte
insbesondere. Eine didaktische Skizze, (44 S. 4. Programm des k,
Gymnasiums zu Quedlinburg, Ostern 1851). Wir tragen kein Beden-
ken dieselbe für eine sehr bedeutende, die sorgfältigste Beachtung
verdienende Arbeit zu erklaren, da sie auf theoretischem und histo-
rischem Wege das Wesen des Gymnasiums in seiner ganzen Tiefe er-
fasst und durch ernstes Nachdenken über die einzelnen Theile des-
selben die trefflichsten Ansichten zu Tage fordert. Um des Inhaltes
willen sehen wir gern von der öfters zu weit gehenden dialektischen
Zersetzung des Stoffes, der doch auch zuweilen ein zu geringes Aus-
einanderhalten der einzelnen Partien entgegensteht, ab und rechten
auch nicht über die Ordnung der Gegenstande, die wir an manchen
Stellen anders wünschten. Von dem bekannten Aussprache Luthers in dem
Unterricht für die Visitatoren 1538 (v. Räumer Gesch. der Paedag. T.
S. 173) ausgehend, entwickelt der Hr. Verf. zuerst die Bedeutung
des Princips der Einheit und der Manigfaltigkeit in der Natur und
in der Cultur , wobei er tiefe Blicke in den Gang der Geschichte dem
Leser eröffnet. Zu dem deutschen Volke übergehend findet er als die
Grundlagen seiner Bildung das Christliche, das Classische und das
Nationale in Sprache , Litteratur , Kunst und Wissenschaften , welches
letztere dadurch noch eine eigenthümliche Färbung und innere Viel-
seitigkeit erhält, dass die Deutschen wegen ihrer vermittelnden Stel-
lung in Europa entweder dazu bestimmt oder doch dazu geneigt sind,
selbst mit Hintansetzung der eignen Nationalitat die Cultur anderer
Elemente in sich anzunehmen. Erscheint uns hier der Ausdruck ' das
Nationale' für das Moderne auch nicht ganz zweckmassig gewählt,
denn auch Griechenlands und Roms Bildung war national, so erken-
nen wir doch die Sache als ganz richtig an. Als ein treues Bild von
dem vielseitigen Culturzustande unsers Volkes erkennt der Hr. Verf.
♦) Die in demselben Programm enthaltene Rede desselben Verf.
(zum Geburtstage des Königs am 15. Oct. 1851) zeigt ausser andern
rühmlichen Eigenschaften begeisterten, auf festen Grundlagen ruhen-
den Patriotismus.
70 Programmensdian.
die Bildangsaiutalten nicht sowohl in ihrer successiven, als in ihrer
simultanen Manigfaltigkeit (Volksschule — Gymnasium — Univer-
sität; Seminar — höhere -Bürgerschule — Realschule — Berufsschu-
len). Bei der nun folgenden Darstellung, berechnet auf den Nachweis,
dass das Princip der Manigfaltigkeit in dem gegenwärtigen Gymna-
sium die weiteste Ausdehnung erreicht habe und jeder Schritt darüber
hinaus als höchst bedenklich erscheine, hatte vielleicht eine strengere
Auseinanderhaltung des thatsachlichen und des Urtheils darüber dem
Leser die Auffassung etwas erleichtert. Das Gymnasium wird, abge-
sehn von anderen Bildungszwecken, in seiner organischen Stellung
zwischen Volksschule und Universität und gegenüber andern Bildungs-
anstalten, als eine in sich selbst abgeschlossene Einheit betrachtet,
welche den Zweck hat , die geistigen Kräfte des Schülers in Ueber-
einstimmung mit den allgemeinsten Culturprincipien sorgsam einheit-
lich und vielseitig zu entwickeln, dass er stark werde im Geiste und
dadurch vorbereitet auf eine höhere wissenschaftliche Thätigkeit;
diese Einheit differenzirt sich aber nach dem Hrn. Verf. in den Ge-
sammtlehrer, das Gesammtbildungsmittel und die Gesammtzahl der
Schüler. Von den Einzellehrern wird gefordert, dass in ihnen das
Gesammtbildungsmittel subjectiv geworden, d. h. dass sie gelehrt
seien, und das Bildungsmittel für die jedesmalige Altersstufe zweck-
mässig gestalten und behandeln, d. h. dass sie Methode haben. Bei
den Bildungsmitteln stellt er — mit unserer herzlichen Zustimmung —
das gottliche Princip voran, da es die innere Einheit des Gymnasiums
vermitteln und objectiv als Lebensprincip in der geschichtlichen Ent-
wicklung aufgefasst werden muss. Das menschliche Princip findet er
zunächst in den beiden alten Sprachen , wobei gezeigt wird , dass das
Ziel, das man im lateinischen Unterricht durch Schreib- und Sprech-
übungen erstrebt, nur bei ^iner Sprache erreicht werden und dass
man deshalb eher in den Wunsch derer einstimmen kann, welche
das Griechische an die Stelle des Lateinischen gesetzt, als in den
derjenigen, welche beide Sprachen gleichgestellt wissen wollen. Zu
diesen Bildungsmitteln tritt das nationale Princip in seiner deutschen
Besonderheit und seiner europaeischen Manigfaltigkeit. Die hier
geäusserte Ansicht, dass das Englische mehr als das Franzosische
verdiene Bildungsmittel im Gymnasium zu sein, scheint sich immer
mehr zur Geltung hindurchzuringen. Ob ihre Ausführung jetzt und
überhaupt künftig möglich sei, wagt Ref. nicht zu entscheiden. In
Bezug auf die Wissenschaften findet sich die durchaus treffende Be-
merkung, dass man vielfach die Akademie in das Gymnasium hinein-
gezogen habe, und dass namentlich Naturgeschichte, Geographie und
Geschichte mit dem vorsichtigsten Eklekticismus gelehrt werden müs-
sen, damit der Geist der Schüler durch diese Wissenschaften wohl
genährt , aber nicht durch ihren Inhalt überfüllt werde , während Ma-
thematik und Physik in ihrer intensiven Kraft zu wirken habe (auf
d&s letztere werden wir später zurückkommen; der erstere Gedanke
wird S. 19 noch einmal mit weiterer Begründung ausgesprochen).
Programmenschaa. 71
Nachdem so der Hr. Verf. die ungemeine Manigfaltigkeit, in welche
sich die subjective Gesammtbildnng spaltet, durchgegangen hat, äus-
sert er die ganz gerechte, von vielen getheilte, aber nur bei weni-
gen KU kräftigem Entgegenwirken lebendig gewordene Besorgniss, dass
über das Vielwissen das Rechtwissen, über die UmfangUchkeit die
Gründlichkeit, über die extensive die intensive, über die receptive
die reproductive und productive, über die äussere die innere Bildung,
über das Gedächtniss und den Verstand das Gemüth und das Herz,
über den Geist der Charakter, über die freie Auffassung des Objects,
wie sie den Uhiversitäten angehört , die den Schalen mehr eigenthüm-
iiche, gebundene, nothwendige, über die Vielseitigkeit der Bildung
ihre Einheit in Grefahr kommen könne. Als durchaus festzuhaltende
Bedingung bezeichnet er, dass der Schaler zur Erkenntniss seiner
Bestimmung komme und zwar vor allem seiner himmlischen, ewigen,
sodann aber auch seiner irdischen, ob er zu studieren befähigt sei
oder nicht, wobei es nicht allein auf den Kopf, sondern, was man in
iieuerer Zeit so vielfach hintangestellt habe, auf den Charakter an-
komme; es thun unserer Zeit nicht sowohl sogenannte gute Kopfe,
die sich leicht in alle Verhältnisse finden und diese auf sich wirken
lassen , als vielmehr tüchtige , tiefe - Charaktere noth , die im Staate
und in der Kirche feststehn. An diese Auseinandersetzung knüpft der
Hr. Verf. einen historischen Rückblick darauf, was das Gymnasium
gewesen , und wie es das, was es jetzt ist, geworden sei. In demselben
zeigt sich nicht nur ein fleissiges gründliches Studium der Geschichte
des Schulwesens , sondern auch eine genaue Bekanntschaft mit der
Entwicklung der Cultur in Deutschland überhaupt. Als Hanptphasen^
werden unterschieden : die christlich-lateinische Schule der Reformato-
ren, die Frankesche pietistische, die humaiiistische , wiederum in eine
strengere und mildere geschieden , und die eklektische. Bei der er-
sten wird als erfreulichen Eindruck machend die Einheit mit der Kir-
che und die innere Einheit hervorgehoben. Hier ward das göttliche
Princip über das menschliche gestellt , der Schüler zuerst zu dem Be-
wusstsein seiner ewigen hohem Bestimmung, dann aber seiner irdi-
schen geführt. Hier herrschte Einheit des Bildungszweckes; die Schule
umfasste alle Stände und alle Berufi^arten. Die Lehrer waren Theo->
logen mit lateinischer und zwar grammatischer und logisch -rhetori-
scher Bildung. Es gab keinen eignen Lehrerstand; das Lehramt war
meist Durchgangsposten zum Predigtamt; in den mittlem Classen
traten häufig frische Kräfte ein, nur in den obem blieben die Leh-
rer wohl ihr ganzes Leben hindurch. Einfach waren die Bildungs-
mittel, das Evangelium und das Latein, bei dem sich, da es in und
ausser der Schule allgemeine Denk-, Darstellungs- und Redeform war
[Ref. findet die später von dem Hrn. Verf. gegebene Modification rich-
tiger: die lateinische Sprache war Sprache der Wissensehaft] , das
Schulprincip mit dem Lebensprincip ausglich , welches also nicht bloss
für die Ajisbildung des Geistes allein, sondern auch für das Leben
und in der Praxis Bedeutung hatte. Von dem GriechiÄ^fcA». v^^w^^äv.
72 Progr«mmen8ch.a.
nur Elemente gegeben, am zu späterem tieferem Stadium anzuregen.
Die Wissenschaften Terachtete man nicht, aber man fand für sie kei-
nen oder nur einen sehr geringen Raum. Auch die äussere Organi>
sation ^ar noch einfach (Luther 3 Haufen, die sächsische Schulord-
nung 5, die wurttembergische 6 Haufen, welche Organisation typisch
geworden. Sturm hatte 10 Classen mit jährigen Cursen , bemühte sich
aber eifrigst, dass darüber die Einheit des Unterrichts nicht verloren
gienge}. Der Uebergang Ton der Einheit zur Manigfaltigkeit ward
durch Franz Baco und Arnos Comenius vorbereitet und durch die
Frankesche Schule vermittelt. In ihr ward durch das mit den Fran-
keschen Stiftungen verbundene Lehrerseminar der Anfang zur Bildung
eines besondern Lehrerstandes für die Gelehrtenschulen gemacht-
Zwar blieben die Lehrer Theologen, aber man beobachtete ihre Be-
fähigung in der Praxis , gab ihnen besondere philologische Vorübung
und eine allgemeine encyclopaedische Bildung, ja man stellte zuerst
Fachlehrer an. Die Einheit wurde durch feste Normen für Lehrplan
Ufid Methode und durch die Beaufsichtigung des Unterrichts durch
Inspectoren zu erhalten gesucht, man fand sie aber vor allem darin,
das« man den Unterricht als Gottes Werk ansah. Sehr treffend ist
des Hrn. Verf. Bemerkung, dass diejenigen, welche sich über dasZu-
vifü der religiösen Uebungen tadelnd äussern, sich wohl vorsehn mö-
gen , nicht in den entgegengesetzten Fehler des Zuwenig zu verfallen.
Des Christenthums wegen wurde die Bibel im Grundtexte gelesen, die
griechischen Classiker blieben vor dem N. T. unbeachtet, manche
Schriftsteller wurden wegen befürchteten Nachtheils entweder ganz
ausgeschlossen oder nur in Chrestomathien zugelassen. Das Latein
blieb zwar mit wenigen Modificationen in der vorherigen Weise, aber
es hatte nicht mehr die alleinige Herrschaft; man nahm Ausbildung
in der Muttersprache auf und legte durch die Wissenschaften den er-
sten Grund zu den Realschulen. Hier trat ferner zuerst ein die
Scheidung der Schüler nach Ständen (Paedagogiuin) und Berufsarten
(Studierende und Nichtstudierende , selbst in der lateinischen Schule
durch ParalleUectionen und Versetzung nach Fächern ; nur in der mit-
telsten Stufe wurde Einheit gefordert). Da die Frankesche Schule
mit der der Reformatoren den christlichen Charakter und die Grund-
bedingung gemeinsam hatte, so lässt sie sich mit jener als ein Gan-
zes betrachten. Der Hr. Verf. knüpft deshalb S. 13 daran die Be-
merkung, dass, da die Wirkungen jener Bildung (der kirchlich-latei-
nischen) zum Theil noch in unser Jahrhundert hineinreichen, man
besser thue, auf die Aeusserungen der durch sie gebildeten Männer zu
achten, als über die eignen Principien und Theorien zu philosophiren
und in den eignen Schulen zu experimentiren. Die dritte Verände-
rung beginnt mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, indem das Gym-
nasium den kirchlichen Charakter verliert, eine Tochter der Univer-
sität im Dienste der freien Humanität und der freien Wissenschaft,
eine Anstalt des Staats wird. Natürlich liegt der erste Grund dazu
in den kirchlichen Zuständen und der Hr. Verf. schildert nach einer
Programmenschau. 73
lebendigen Darstellung des kirchlichen Lebens, wie es die Reforma-
tion erzengt hatte (S. 16 ff.)> ^^^ Feindschaft gegen das Chri-
stenthum in ihrer Entwicklang, bezeichnet sie aber aach als eine
Zulassung Gottes zur grossem Verherrlichung des lautern Evange-
liums , deren Anfang in unserer Zeit erkannt wird. Die Anklagen, wel-
che in Bezug auf Kirchlichkeit und Religiosität erhoben werden, sind
leider! gerecht und wohlbegründet. Wohl geben wir Hm. Prof. Jor-
dan (Ztschr. für das Gymn.-wesen 1852* 1. S. 39 und 41) gern darin
Recht, dass die Gymnasien mehr als andre Anstalten, z. B. die tech-
nischen Schulen, davon gewahrt haben, aber die Beibehaltung des
Religionsunterrichts, ja selbst seine, aber auch nicht überall geübte,
Ehrtheilnng in kirchlich gläubigem Geiste verleiht denselben wahrhaft
religiösen kirchlichen Charakter so wenig, als ihn die Beaufsichti-
gung des Ganzen durch kirchliche Behörden allein verbürgt , vielmehr
kommt hier alles auf das in sämmtlichen Lehrern vorhandene kirch-
liche Bewusstsein und den aus demselben fliessenden, den ganzen Un-
terricht und die ganze Erziehung bedingenden Geist an. Dass viele
Gymnasien diesen Geist verloren, demselben entgegenwirkten, und
nur noch die formliche Lossagung (auf diese arbeitete man auch schon
hin) fehlte, ist schwerlich abzuleugnen. Die Erkenntniss davon hat
die christlichen Gymnasien hervorgerufen , wie Hr. K. richtig bemerkt.
Es hätte für den ^Ref. nicht erst der Auseinandersetzung in der Zeit-
schrift für das Gymn.-wesen 1852. 1. S. 92 ff. bedurft, um die Gründe,
welche das Gymnasium zu Gütersloh hervorriefen, und den Geist, in
dem es gegründet ward, als in sich vollkommen berechtigt anzuer-
kennen; dass man entschieden aussprach, was man wolle, kann auch
nicht getadelt werden, aber dass man den Namen 'christliches Gym-
nasium' gebrauchte (an 'evangelisches' im Gegensatz gegen 'katholi-
sches ' würde niemand angestossen sein) , kann Ref. nicht gut heis-
sen, weil man weder das Recht hatte, alle übrigen Gymnasien als un-
christlich zu bezeichnen, noch das Recht, Christlichkeit von ihnen zu
fordern, aufgeben durfte, was man doch in Beilegung jenes Namens
finden konnte und musste. Als die zweite Ursache zu jener Verände-
rung wird die Entwicklung der deutschen Sprache und Nationallitte-
ratur bezeichnet, die um so mehr ein neues Bildungsmittel und eine
neue Grundlage abgeben musste, als der Gedanke wahres enthält,
dass alles Lehren und Lernen, Wissen und Können sein letztes Ziel
in der Entwicklung der geistigen Kräfte und ihrer Offenbarung in
der Muttersprache habe, und Gott selbst sich der einen Nationalität
zur Bildung der andern bedient. Mit Recht macht aber hier der Hr.
Verf. darauf aufmerksam, dass gerade die Einseitigkeit der alten
Schule wesentlich zu jener Entwicklung der Sprache und Litteratur
beigetragen habe, und stellt deshalb die aus jener hervorgegangenen
Classiker den in der neuem erzogenen jungdeutschen Romantikern
gegenüber. Wenn der Hr. Verf. dann die Entwicklung einer Natio-
nallitteratur auch bei den übrigen neuen Culturvölkern Europas als
74 Programmenschau.
den Grund bezeichnet, weshalb das Französische *) and Englische
aufgenommen wurden, obgleich jene beiden Völker das gleiche gegen
das Deutsche zu üben weder geneigt noch gesonnen waren , so wollen
wir ihm keinen Vorwurf daraus machen, dass er die politische Ge-
staltung Deutschlands , die Niederlage des Nätionalgefühls und die da-
durch bewirkte Vorliebe für das fremde und die weltgebietende Stel-
lung Frankreichs und seiner Bildung nicht herrorhebt. Als dritte
Ursache wird die Entwicklung der Wissenschaften und ihr Eintritt in
die allgemeine Bildung bezeichnet und endlich wirft der Hr. Verf.
noch einen Blick auf die Entwicklung der Philologie, die anfänglich,
wenn auch hochgeachtet , doch nur Dienerin der Theologie war , dann
aber durch den Realismus (in Frankreich und in den Niederlanden)
und durch die grammatisch-kritische Periode hindurch nach Gesners
und Heynes Vorgang durch F. A. Wolf sich zu. einer die sachliche und
sprachliche Seite des Studiums der Alten Tereinigenden selbständigen
Wissenschaft ausbildete und mit begeisterter Liebe gehegt wurde. Da
nun die gleichzeitig eingetretene Entfremdung yom Christenthum — diese
gab unbegründete Furcht ror Beeinträchtigung der classischen Stu-
dien- durch die Grundsätze der Pietisten ein — in den Alten die Mu-
sterbilder aller echten Humanität, in ihrem Studium das höchste
Culturprincip sehn Hess, welche letztere Ansicht durch den Gegen-
satz gegen die Philanthropen und Realisten Bekräftigung und Be-
stärkung erhielt, so ward der Lehrerstand und mit ihm das Gymna-
sium von theologisch- kirchlicher Bildung emancipirt. Ref. stimmt
dem Hrn. Verf. Tollkommen bei, wenn er mehr als die frühere Ein-
seitigkeit, wonach das Schulamt nur Durchgangsposten war, den gänz-
lichen Mangel an christlich-kirchlichem Greiste bei den Lehrern be-
klagt und wenn er , weil einmal Vereinigung der Theologie und Phi-
lologie nicht mehr möglich sei — das , was man von philologischer Ge-
lehrsamkeit in den Schnlamtscandidatenexaminibus Terlangt, scheint
freilich auch nicht durchweg geeignet, die innere Tüchtigkeit der
Lehrer zu fördern — , Ton den Lehrern wenigstens eine theologisch-
paedagogische Ausrüstung Terlangt , nur wünschten wir das Maass und
Wesen derselben näher bezeichnet. Weil nach unserer Ueberzeugung
jeder Unterricht eine gründliche Bildung in der betreffenden Wissen-
schaft fordert, so halten wir für den Religionsunterricht Lehrer , wel-
che die Theologie zu ihrem Berufe gemacht haben, für nothwendig
und möchten denselben nicht mit Hrn. Jordan a. a. O. den Ordina-
rien zuweisen. Die Schule der Humanisten hat demnach ihr einheit-
*) Dir. Ellen dt spricht in den Schulnachrichten des Gymnasiums
zu Eisleben Ostern 1851 sich dahin aus, dass er, obgleich er das
Französische lieber auf facultatiTen , aber unentgeltlichen Unter-
richt Terweisen würde, gleichwohl um der NichtStudierenden willen
in den Beginn desselben schon Ton Quinta an habe willigen müssen.
Ref. hat schon längst sich dahin ausgesprochen, dass, weil man diese
neuere Sprache nicht entfernen kann, es ihm zweckmässig scheine,
die Erlernung der Elemente in einer früheren Zeit zu absolTiren, um
dann grössere Concentration zu gewinnen.
Programmenschau. 75
liches Princip in dem rein menschlichen , in dem Geiste nnd der Form
des Alterthnms, sie spaltet sich aber in die der strengeren , welche
die Einheit in der classischen Bildung und als Zweck 'die Vorberei-
tung zur Universität festhielten, und die der milderen, welche die
Vielseitigkeit zuliessen und auch andern Zwecken dienen wollten. Bei
der Charakteristik jener hebt der Hr. Verf. gebührend hervor, wie
zunächst um die Ueber- oder Nebenordnung des Griechischen Streit
entstehn, wie die Entscheidung dieses Streites, da für das Griechi-
sche ein anderer Zweck als für das Lateinische festgestellt wurde,
der Muttersprache, welche, seit sie sich als Gelehrtensprache ein
Recht erworben, sich auch im Unterrichte von selbst Geltung ver-
schafft hatte, einen weiteren Spielraum eröffnen musste, wie die für
das Griechische veränderte Methode sich auch dem lateinischen Un-
terrichte mittheilte, die Grammatik aus einer Anweisung recht zu
denken und zu sprechen zu einer Anweisung zum Verständniss der
Schriftsteller ward, die Schreibnbungen nur als Mittel zur Einfüh-
rung in die Sprache beibehalten, die Dichter den Prosaikern gleich-
gestellt wurden, kurz wie das Schulprincip ganz an die Stelle des
Lebensprincips trat. Bei der Bildung der Lehrer schienen nebeiTden
philologischen selten theologische, häufiger philosophische Studien,
Paedagogik, Methodik, Didaktik gar nicht nothwendig, weil man
glaubte, dass mit dem rechten Verständniss der Alten auch die rechte
Methodik des Lehrens von selbst sich finde. Den Wissenschaften ward
nur ein geringer Raum eingeräumt und die Erlernung der neueren
Sprachen meist an den Privatunterricht verwiesen. Die Schule der
strengeren Humanisten, im Wesen Sprachschule, hatte einen Plan,
einen Zweck, einen Charakter. Mit Recht sagt der Hr. Verf., dass
die bedeutenden Leistungen , die aus ihr hervorgiengen , einen Beweis
dafür liefern, dass Einheit im Bildungsmittel für die Entwicklung der
geistigen Kräfte nnd für die Gewöhnung an gründliche, anhaltende,
vrissenschaftli^he Beschäftigung mit demselben Gegenstande von gross-
ter Wichtigkeit sei. Die milderen Humanisten, für deren Grundsätze
sich im ganzen der Staat entschieden hat, betrachten das classische
Element zwar als den Mittelpunkt der rein menschlichen Bildung,
aber nicht als Zweck, sondern nur als Mittel zur allseitigen Ent-
vricklung der Geisteskräfte nnd wollen nicht die Vielseitigkeit der
Einseitigkeit zum Opfer bringen; daher sie auch die Muttersprache,
die Wissenschaften und die neueren Sprachen hereingezogen haben.
Wenn hier der Hr. Verf. sagt, die Einheit dieser Schule könne man
nur in dem ausgedehnteren Gebrauche der deutschen Sprache finden, die
Gymnasien seien deutsch geworden , ohne deshalb den classischen Cha-
rakter verloren oder einen entschieden nationalen angenommen zu ha^
ben, so machen vrir zwar darauf aufmerksam, dass jenes al» Princip
von manchen ausgesprochen nnd vom Staate hie und da durch die
Vorschrift, dass nach der Leistung im Deutschen die Gesammtbildung
des Schülers geschätzt werden solle, anerkannt worden ist, müssen
aber auch Hrn. Jordan a. a. O. Recht geben ^ da«« >n^^«. ^\bä ^^
76 Programmenschaa.
wasste Beziehung des gesammten Unterrichts auf diess Princip alige
mein sei, noch auch die Ueberfüllung eine Concentration darauf zu-
lasse, wennschon der Zweck mittelbar mit erstrebt wird. Was der
Hr. Verf. schon S. 15 ausgesprochen: 'Seitdem man aufhörte in den
Gelehrtenschulen am ersten nach dem Reiche Gottes zu trachten und
nach seiner Gerechtigkeit, da traten auch Fragen auf Fragen hervor
über ideale und reale Bildung, über das Verhaltniss des Antiken und
Modernen, über theoretische und praktische Bildung u. s. w.', dies
erläutert er durch einen Blick auf die in unseren Zeiten so umfäng-
lich gewordene SchuUitteratur uud die einander fast jagenden neuen
Methoden. Da wir die kurzen und treffenden Charakteristiken nicht
•
auszuziehn Termogen, so begnügen wir uns mit einigen Bemerkungen.
Wenn der Hr. Verf. S. 28 seine Freude darüber ausspricht, dass die
Muttersprache in den Gymnasien keine verbotene mehr sei, so drängt
sich uns daneben die wehmüthige Klage über die schon so oft gerogte
unselige Leserei der Jugend auf. Bei den Gründen, warum so viele
Lehrbücher entstehn und dennoch so wenige genügen (der reissende
Fortschritt ia den Wissenschaften, aber auch die rücksichtslose Gel-
tendmachung der Subjectivität), wurden wir auch die Unmöglichkeit
mit hinzufügen, den in Bezug auf den Umfang der Kenntnisse erho-
benen Ansprüchen bei der geringen Stundenzahl zu genügen. Wie
viele Compendien sind von Lehrern gearbeitet, um den Unterricht zu
suppliren! Wenn endlich die Trennung der naturwissenschaftlichen
und mathematischen Fächer von den übrigen in der Lehrerbildung er-
wähnt wird, so fordern wir auch in diesen, wie beim Religionsun-
terrichte, gründliche Studien, aber können doch nicht genug vor der
Einseitigkeit der Bildung warnen. Welch tiefer Riss entsteht nicht
in der Gymnasialbildung durch Fachlehrer, welche sich dem Ganzen
nicht unterordnen können oder wollen! Vollkommen Recht hat der
Hr. Verf., dass er dem Streben, durch sorgfaltige innere und äussere
Organisation des Unterrichts und durch Methode des Stoffes Herr zu wer-
den, zwar eine gewisse äussere räumliche Beschränkung und eine
naturgemässe Gestaltung und Behandlung der verschiedenen Lehrge-
genstände als Resultat zuschreibt, aber die Erreichung einer tiefen
innern Einheit bezweifelt. Wenn er nun auch den Umstand, dass
das Gymnasium jetzt reifere Jahre und eine gewisse Vorbildung in
Anspruch nimmt , als einen Vortheil gegen früher anerkennt , wenn er
die allgemein gewordene Eintheilung in das Ober- u. Untergymnasium für
den Unterricht und die Entscheidung für den Beruf zweckmässig findet,
wenn er zugibt , dass die Manigfaltigkeit durch den allmählichen Anfang
der Sprachen, durch die möglichste Einheit des Lehrers in einer und der-
selben Classe und die desselben in einem Fache durch mehrere Classen
verringert wird , so kann er doch dadurch die oben angeführte Besorg-
niss um so weniger für beseitigt erachten , als das Nebeneinander aller
Sprachen und Wissenschaften von Quarta an, die Mehrheit der Leh-
rer und die fänffache Versetzung zur Verminderung der Einheit hin-
zutreten, und wendet sich deshalb zu der Frage, was unter den ge-
Programmenschau. 77
gebenen Umstanden — denn eine augenblickliche Aendernng wird
schwerlich zu erwarten sein — nothwendig sei, um die schlimmsten
Folgen zu -vermeiden. Er erwähnt 1) vor der Versetzung sorgfaltige
Prüfung der Reife des Schülers; 2) die Lehrer der folgenden Classe
müssen das Gesammtwissen des eintretenden Schulers in sich anf>
nehmen , um darauf weiter bauen zu können ; 3) das Bildungsmittel
muss einen stetigen, identischen, einheitlichen Charakter annehmen,
damit der Schüler der vorhergehenden Classe sich in der folgenden
nicht verliere, sondern v^ederiinde. Er stellt zwei Systeme einander
gegenüber, das excentrische oder synthetisch - progressive , und das
concentrische, analytische oder progressiv - regressive (diese Namen
vermögen wir nicht gutznheissen). Wahrend in jenem jede Classe
als für sich bestehend betrachtet, dem Schüler selbst überlassen wird
den Zusammenhang herzustellen , sollen in diesem die Classenbewnsst-
sein möglichst ineinander greifen, sich in und auseinander entwickeln.
Dem letztern wird gewiss niemand den Vorzug absprechen, gewiss
aber auch mit dem Hrn. Verf. anerkennen, dass die Verschmelzung
der Lehrer in eine geistige Einheit ihre Grenzen haben müsse, weil
einmal der Schüler durch die Manigfaltigkeit der Individualitaten
gewinnen solle (deshalb wird auch der Vorschlag, dass ^in Lehrer
immer dieselben Schüler durch das ganze Gymnasium durchfuhren
solle, auf das entschiedenste zurückgewiesen), und weil der Lehrer
jeder Classe seine besondere Aufgabe zu losen, die der vorhergehen-
den nur in soweit zu berücksichtigen habe, als sie Grundlage dieser
sei. Sehr schon weist der Hr. Verf. die Vortheile des Systems und
die Nothwendigkeit seiner Annahme bei dem Geschichtsunterricht, der
Grammatik und sogar der Leetüre nach. Schliesslich warnt er dann
noch einmal vor dem so verderblichen Theoretisiren und Experimen-
tiren und ermahnt eindringlich die Lehrer zum Festhalten an der Ein-
heit im Geiste Gottes und zu echter Collegialität. Indem Ref. dem
Hm. Verf. seinen aufrichtigen Dank für die manigfache Anregung
und Belehrung, welche er in seiner Abhandlung gefunden, abstattet,
spricht er die Ueberzeugung aus, dass dieselbe jedem, der sich un-
befangen in sie vertieft, nicht ohne Nutzen sein werde. — Da in
den eben angezeigten Programmen christliche und kirchliche Erzie-
hung von den Gymnasien mit Nachdruck gefordert vrird, so erwähnen
wir zwei darauf bezügliche Reden, eine ^die Religion^ von Dir. Prof.
Dr. Mor. Axt schon 1846 an die Abiturienten gehalten (mitgetheilt
im Progr. des konigl. Gymnasiums zu Kreuznach, Ostern 1850), eine
tief ergreifende Darstellung vom Wesen des Christenthums , vom Un-
terschied zwischen der Religion und deren wissenschaftlicher Behand-
lung, von dem Wechselverhaltniss zwischen Glauben und Liebe und,
wie von dem Wandel des Christen überhaupt, so von seiner Stellung
zu seinen Brüdern insbesondere, tief ergreifend sowohl durch den In-
halt, als auch durch die kraftige, körnige und doch stets klare und
verstandliche Sprache, und die von dem Geh. Kirchen- u. Schul-Rath
Dr. Meissner bei der Einführung des Dir. R i e c k. %<(;Va}X.«qw^ ^^^^^s^
78 Programmenschau.
obea erwähnten Zwickaner Programm) , welche die Frage behandelt :
*8oll die Schale und insonderheit die Geiehrtengchule zum Glauben
oder soll sie zum Nichtglauben erziehn ? \ also : 'ob gläubiges oder
nicht gläubiges y ob christliches oder nichtchristiiches Gymnasium?'
sehr lesenswerth wegen der ans dem yoiiigen Durchdrungensein von
der Nothwendigkeit hervorgehenden Innigkeit und Wärme, welche
daher eben so eindringlich zum Festhalten ermahnt, wie an der Hoff-
nung darauf sich festhält. — In näherer Beziehung zu der oben er>
wähnten Hauptfrage, als es der Titel ahnen lässt, steht: Ein Wort
über öffentliche Schulprüfungen. Von Dir. Dr. Fried r. Kapp (Pro-
gramm des königl. Gymnasiums zu Hamm. Mich. 1851. 19 S. 4).
Von der Thatsache, die nicht allein in Hamm, sondern an fast al-
len höheren Bildungsanstalten sich herausgestellt, dass die Theilnahme
an den öffentlichen Prüfungen Ton Seiten der Väter und des gebilde-
ten Publicums überhaupt von Jahr zu Jahr immer geringer geworden,
findet der Hr. Verf. den Grund nicht in dem unbedingter gewordenen
Vertrauen zu den Schalen, sondern in dem Mangel des Interesses an
allem höheren rein geistigen Streben, das er unserm Zeitalter nicht
mit Unrecht zum Vorwurf macht. Diese Anklage wendet sich aber
auch gegen die Gymnasialbildung unserer Tage. Wir können es nur
billigen! dass der Hr. "Verf. eine Stelle aus seiner vor 16 Jahren er-
schienenen Schrift : ' G. W. Hegel als Gymnasial^Rector oder die Höhe
der Gymnasia^bildung unserer Zeit' wiederholt und die hier berührte,
in das innerste Leben nicht allein der Gegenwart, sondern auch der
Zukunft tief eingreifende Frage unter Wiederabdruck von S. ' 2—8
seines Programms in der Ztschr. f. d. Gymn.-wesen 1852. 1. S. 81 — 86
nochmals zur Beachtung empfiehlt. Aus dem vorhergehenden kann nicht
zweifelhaft sein, was wir darauf, ob er die Frage, was gelten solle,
Studium oder ßxercitium, was besser sei etwas werden oder etwas
lernen, richtig gestellt habe, antworten, dass wir nämlich die Ueber-
fuliung mit Wissen, das gleichzeitige Hindurchführen durch eine Menge
von verschiedenen Lehrfächern, die Berechnung des Unterrichts auf
materiellen Nutzen, ja selbst auf das Bestehen der Examina, das
ängstliche Gängeln der gesammten Erziehung (das ist, was Exerci-
tium. genannt wird) als die sehr bedenkliche Seite unseres Gymnasial-
wesens and die dem analogen Bestrebungen als gleich gefährlich für
nnsere ganze Zeit einerseits , andrerseits die Wirksamkeit dafür, dass
dem jagendlichen Geiste Zeit und Gelegenheit zur Sammlung seiner
Kräfte, zu selbstthätiger Arbeit und Aneignung gegeben, in ihm be-
geistertes Streben nach dem höchsten und idealsten angeregt und ge-
nährt,- die Charakterbildung über dem Wissen und der Schärfung des
Verstandes nicht vernachlässigt werde (Studium und Werden), als
eine heilige, von allen mit Ernst zu betreibende Pflicht und Aufgabe
anerkennen. Um das dem heutigen Schulleben mangelnde deutlicher
zu machen, stellt der Hr. Verf. als Gegensatz hin die Schilderung
seines Lebens auf dem Christiano-Ernestinum zu Baireuth in den Jah-
ren 1806—1809, ein lebendiges, erquickliches, zu ernstem Nachden-
Pro^ammenschaa. 79
ken anregendes Bild. Die Lebrgegenstande hatten in jener Schnle
fast denselben Umfang wie in unsern, der philosophische Unterricht
sogar eine weit grossere Ausdehnung; die Stundenzahl, 32 wöchent-
lich, war keine geringe; der Privatfleiss der Schüler wurde im höch-
sten Grade in Anspruch genommen, ja sogar die zeitweilige Verwen-
den von Nächten gefordert, aber es beruhte derselbe nicht auf
Zwang, sondern auf Anregung des Ehrgefühls und begeisterten Stre-
bens. Das Verhältniss zu den Lehrern war ein ehrfurchtsvolles und
doch vertrauliches, die Disciplin keine polizeiliche, mehr von den
Schülern unter sich geübt, aber sittlich-streng. Grossen Einfluss auf,
die Schüler übte die Umgebung hochgestellter, im Berufe gewissen-
hafter, für die Bildung begeisterter Männer, welche an der Schule
und deren Gedeihen einen lebendig thätigen Antheil nahmen. Beson-
ders übte Jean Paul einen solchen Einfluss aus und das Programm
enthält einige interessante Beiträge zu dessen Charakteristik. Eine
Grundbedingung dazu war aber freilich die von dem Hause aus den
Schülern eingepflanzte Zucht, Achtung vor dem Gesetze und hochge-
stellten bedeutenden Persönlichkeiten, Bestrebung nach Erreichung
gleicher Tüchtigkeit. Indem der Hr. Verf. die Theilnahme an den
öffentlichen Prüfungen und den daraus für die Schüler hervorgegan-
genen Nutzen schildert, kommt er auf seinen eigentlichen Gegenstand
zurück und wendet sich an das Publicum «einer Stadt mit der Frage,
ob es nicht möglich sein sollte, ein gleiches Verhältniss zwischen ihm
und dem Gymnasium herzustellen. Ref. würde dies als ein höchst
erfreuliches Zeichen wiederhergestellten Zusammenwirkens zwischen
Schule und Haus, wieder erwachten Interesses an dem rein geistigen,
nicht unmittelbar materiellen Nutzen bietenden, wiederkehrender Ein-
heit in der allgemeinen Bildung begrüssen. Aber es drängt sich doch
auch die Frage auf, was die Gymnasien dazu thun müssen. Bieten
die Prüfungen eine Anschauung von der Schule, geben sie eine wirk-
liche Nahrung des Geistes und Auffrischung früher gewonnener Kennt-
nisse, so wird auch ein höheres Interesse dafür erwachen; es will
aber scheinen — was Ref. schon einmal ausgesprochen — , dass die
Prüfungen an vielen Gymnasien in der Vorführung einer Menge Von
Fächern in sehr kurzer Zeit ein Bild von ihrem Innern Zustande bie-
ten. — Eine Stelle in dem eben angezeigten Programm S. 4: 'Wenn
man allgemein erfahren muss , wie gerade solche Väter (die sich um
die Schule sonst nicht bekümmern) gleichwohl wenn den Söhnen ir-
gend etwas unangenehmes in der Schule, besonders bei der jährlichen
Versetzung, dieser Passionszeit des Dirigenten, begegnet, über diese
und ihre Lehrer nicht lieb- und gedankenlos genug — nicht urtheilen^
nein — nur räsonniren können' gibt Veranlassung zu erwägen, wie
man solchen Urtheilen entgegenwirken könne. Wo auf eine bessere
Ueberzeugung keine Hoffnung vorhanden ist, bat die Schule gleich-
wohl die Pflicht, mit Entschiedenheit die von ihr als recht und wahr
erkannten Grundsätze offen zu bekennen , will sie nicht durch Schwei-
gen der bösen -Saat , namentlich bei der ihr anvertraut^a I^*^«cA^ ^'^-
80 Programmenschau.
rung geben; um so mehr aber erscheint dies als Pflicht , da doch in
Tielen Fällen nur die rechte Einsicht mangelt und Kränkung der Ehr-
liebe oder anderer Interessen ins Spiel kommt. Es freut uns daher,
dass von derselben Anstalt, welche Hr. Dir. Kapp schildert, dieser
Gregenstand behandelt ist. In dem Michaelisprogramme derselben Ton
1851 gibt der Kreisscholarch und Studienrector Dr. J. C. Held
Bruchstücke aus dem Briefwechsel zwischen dem Vater eines Schülers
und dem Becior eines Gymnasiums (22 S. 4), in welchen die Ver«
Setzungen behandelt sind. Die Form konnte nicht zweckmässiger ge-
wählt werden, da sie Rede und Gegenrede anschaulich gegenüber-
stellt (Verwunderung über früheres rascheres Fortschreiten des Schu-
lers, Persönlichkeit der über die Versetzung entscheidenden Lehrer,
Mechanismus des Locationssystems , Zwecklosigkeit des in der Nicht-
Tersetzung angewandten Correctivmittels , Bedenken , ob nicht den ein-
zelnen Fächern, namentlich den alten Sprachen, eine zu grosse Be-
deutung eingeräumt werde). Werden natürlich zunächst die in Bayern
bestehenden Einrichtungen besprochen — der Hr. Verf. zeigt , wie
nicht anders zu erwarten war, über dieselben ein eben so freies, wie
gediegenes Urtheil und liefert den Beweis, dass auch das scheinbar
mechanische durch den rechten Geist segensreich werde — , so Ter-
dient doch das gesagte überall Beachtung, zumal da auch andere
Fragen berührt werdeti, wie z. B. ausser den schon aus dem obigen
ersichtlichen das Verhältniss , in welchem Uebersetzungen in die Mut-
tersprache zu den in die fremden Sprachen stehn. Sollte sich jemand
wundern, dass das, was in manchen Ländern (z. B. Oesterreich) ge-
r^ezu gesetzlich gefordert und von den meisten Lehrern gewiss mög-
lichst geübt wird , die Vorbereitung des Schülers und der Eltern auf die
NichtVersetzung, nicht ausdrücklich in Betracht gezogen wird, so ist
zu bedenken, dass bei dem Locationssystem dem Schüler diese Vor-
bereitung Ton selbst wird und dass man unmöglich dem Lehrer zu-
muthen kann, alle Eltern im voraus in Kenntniss zu setzen, zumal
von einer noch nicht entschiedenen Sache. — Jene Aeusserung von
Hrn. Kapp hat übrigens auch den Dir. Dr. Sintenis veranlasst, in
dem Programm des he^zogl. Gymnas. zu Zerbst Ostern 1852 S. 47 ff.
die gesetzlichen Bestimmungen über die Censuren und die von dem
Lehrercollegium bei ihrer Ertheilung befolgten Grundsätze mitznthei
len. — An einer der angezeigten Schriften hat sich gezeigt, wie
wichtig die Geschichte des Schulwesens für die Fragen der Gegen-
wart ist, zugleich auch, wie viel dankenswerthes darin schon gelei-
stet wurde. Lieferte sie doch selbst einen recht beachtenswerthen
Beitrag. Dass gleichwohl eine detaillirte, das einzelne vollständig
umfassende und zu einem allgemeinen Bilde abrundende Darstellung
der Geschichte des Gymnasialwesens in Deutschland noch mangelt,
haben mit dem Ref. gewiss schon viele empfunden. Freilich unend-
lich schwer ist es, das Material dazu zusammenzubringen, da eigent-
lich erst aus der Geschichte aller einzelnen Schulen die des Ganzen
construirt werden kann. Um so erfreulicher sind als Vorarbeiten dazu
Programmensohau. 81
Mittheilungen über die Geschichte der einzelnen Anstalten, derglei-
chen wir schon mehrere in diesen Jahrb. besprochen haben. Ihnen
fügen wir jetzt bei: Beitrag zur Chaehiehte de» Gpnnasiuwu mu Tor-
gau Ton Rector Prof. Dr. Sauppe (Programm, Ostern 1860.
12 S. 4). Er zählt darin die Rectoren dieser Schule unter Angabe
ihrer wichtigsten Lebensumstände und der bedeutendsten . Ereignisse
und Yerhältnistfe der Schule auf. Gewinnt man daraus von der ehren-
werthen Stellung, welche das besprochne Gymnasium unter den Ge-
lehrtenschulen Deutschlands und insbesondere Sachsens stets einge-
nommen hat, eine wohlbegrundete Ansicht ^ so gewährt die Aufinerk-
samkeit, welche der Hr. Verf. den Schulschriften geschenkt hat, ein
noch höheres Interesse, indem die mitgetheilten Inhaltsangaben über
das Vorhandensein gewisser Ansichten und die Geltung, welche man
ihnen einräumte, willkommenen Aufschluss bieten. — Kann eine Bes-
serung des Schulwesens unmöglich ohne die Pflichttreue der Lehrer
erfolgen, so Terdieuen Schilderungen treuverdienter Lehrer Dank,
wenn sie einen Spiegel Torhalten und durch das Beispiel belehren und
anregen. Wir haben hier mehrere Schriften dieses Inhalts zu erwähnen,
zuerst die Rede^ welche derselbe Dir. Sauppe am 23. Juni 1849 cur
Erinnerung an Friedrich MüUer (s. die Schnlnachrichten unter Tcor-
gau) gehalten hat (mitgetheilt in dem eben besprochenen Programm).
Dieselbe lässt uns einen Blick in ein so inniges- collegialisches Ver-
hältniss thun, wie es zum Gedeihen jeder Schule zu wünschen istv
fuhrt uns einen in Toller Treue und Liebe sein schweres Amt Ter-
waltenden Lehrer vor Augen und zeigt, wie man derartige Gelegen-
heiten zur Einwirkung auf die Herzen der Schüler benfitzen kann und
muss. Gleiche Gefähle und Gedanken erweckt auch die Biographie
des in der philologischen Welt, namentlich durch seine Verdienste
um die griechische Grammatik ruhmlichst bekannten Sommer (CSkrt-
atian Lorenz Sommer ^ Dr. ph., Consistorialassessor u. Prof. am Gymn.
zu Rudolstadt, nach »einem Leben und Charakter gezeichnet von
Prof. Robert Wächter. Progr. Rudolstadt Ostern 1851. 24 S. 4).
Sein Leben bietet zwar nicht eine Kette bedeutender wechselvoller
Ereignisse, zeigt aber das Bild eines fromm gesinnten, edlen, seine
bedeutenden Gaben mit aufopfernder Treue und Grewissenhaftigkeit
und deshalb mit grossem Segen in Terschiedenartigen Aemtem zum
Heile seiner Mitmenschen anwendenden Arbeiters. Das Verzeichnisf
des schriftlichen Nachlasses und manche andere Mittheilung wird Tie-
len Interesse gewähren, und jeder gewiss auch der Darstellungsgabe
des Hrn. Verf. Beifall zollen. Durch die schon aus andern- Werken
hinlänglich bekannte Meisterschaft der Charakteristik zeichnet sich
aus die Rede: Erinnerung an drei verdiente Ch/mnaeiaUehrer , Johann
Andrea» Wcmety Christoph Friedrieh Roth und Friedrieh Ferdinand
Drück *) (gehalten im Gymn. zu Stuttgart 27. Sept. 1851) vom Rect.
*) Sämmtlich an dem Gymn. zu Stuttgart. Werner, als Verf.
lateinischer Grammatiken bekannt, f 1824, Roth, der Vater des Red-
ners, 27. Sept. 1813, Druck April 1807.
A. Jahrb. f. PkU. u. Pued, hd. LXV. Bft. l. ^
82 Programmenschau.
und Oberstudienräth Dr. Roth (Stuttg. 1851. 16 S. 8.)« Ganz
trefflich ist die Schilderung des Zustande» , in welchem sich das Gymn.
KU Anfang unseres Jahrhunderts befand, wobei eben so die Fehler und
Einseitigkeiten aufgedeckt, wie die Vortheile, welche in dem Vor-
herrschen des Latein und der in Folge davon alle Gebildeten Terbin
denden Einheit lagen, gewürdigt werden. Die mit liebeToUer Ver-
tiefung ganz objectiv gehaltene Darstellung der Persönlichkeit jener
drei Männer, in der That wahrer Muster der Berufstreue und des
Pflichteifers , kann äberall nur einen tiefen bleibenden Eindruck hin-
terlassen. — Wir wenden uns zu mehreren, einzelne Lehrfächer be-
handelnden Programmen und zwar zuerst zu: Lehrgang des lateini-
$eken und deuUchen Spraehunierriehi» in Sexia, Vom Oberlehrer
Dr. Schmalfeid (Progr. des konigl. Gymnas. zu Eisleben. Ostern
1851. 18 S. 4). Wir bezeichnen die Mittheilung als sehr dankens-
wei-th , da der Lehrgang das Resultat 15jähriger Erfahrung und sorg-
faltigen durch Liebe zu der Sache und zu den Schülern getragenen
und geleiteten Nachdenkens ist und auf klaren und bestimmten Prin-
cipien beruht. Weil bei der Gedrängtheit der Darstellung ein Auszug
des Inhalts nicht gut möglich ist, so hält sich Ref. um so mehr y er-
pflichtet, einige Bemerkungen hervorzuheben. Dass der Cursus der
Sexta ein halbjähriger war, obgleich nur einzelne das Ziel innerhalb
desselben, viele in einem ganzen Jahre, manche erst nach längerer
Frist erreichten, kann zwar Bedenken erregen, aber nach des Ref.
Ansicht nicht gemisbilligt werden, da einmal es ein Unrecht gewe-
sen wäre, aufgeweckte und frisch erfassende Kopfe längere Zeit mit
demselben Pensum zu beschäftigen — eine Ueberzeugung, die auch
da, wo das System jähriger Curse mit Consequenz festgehalten wird,
in den untersten Classen zu halbjährigen nothigte *— , sodann die zwei-
malige Wiederholung für die weniger Befähigten den Vortheil grosse-
rer Sicherheit bietet und gewiss weniger ermüdet als die längere
Ausdehnung, endlich die bei dem vorliegenden Plane geschickt beob-
achtete allmählich eintretende Trennung in zwei Ordnungen die gleich-
zeitige Beschäftigung aller nach ihren Kräften ermöglicht. Die dabei
zu machende Voraussetzung , dass das Ziel nicht zu weit gesteckt sei,
findet Ref. hier erfüllt, die zweite, dass in der folgenden Classe das
Pensum der vorhergehenden wieder aufgenommen, befestigt und er-
weitert werde, versteht sich von selbst. Vollkommen billigt auch
Ref., dass streng wortliches Auswendiglernen hoch angeschlagen wird,
da man in neuerer Zeit das Gedächtniss im Elementarunterricht nur
zu sehr vernachlässigt hat. Gerade jetzt bei der beschränkten Zeit
des Unterrichts in den alten Sprachen ist es wichtig, dass der Schü-
ler klare, bestimmte Sätze in treuem Gedächtnisse besitze, welche
ihm immer gegenwärtig einen Leitfaden und einen Maasstab für sein
Penken geben, sonst muss Unsicherheit oder fortwährender Aufenthalt mit
grammatischen Expositionen entstehn. Die Methode, wonach bei Erlernung
der Formenlehre die Endungen und Gesetze der Formation zuerst er-
lernt und dann eingeübt werden, glaubt Ref. um so mehr hervorheben
Progrämmenschaa. 83
zu mfissen, als seiner Erfahruhg nach das so schädliclie gedankenlose
Paradigmenlemen noch immer Raitiri hat. Dassden Hrn. Verf. seine
Erfahrung ($. 10) dahin gefuhrt hat, für das Uebersetzen aus dem
Lateinischen ins Deutsche Praeparation zu fordern, freut den R^f.,
da er die gleiche Ansicht ausgesprochen, aber Widerspruch erfahret»
hat. Es kommt freilich alles darauf an, was man Praeparation nennti
Wälzen eines Tolnminosen Wörterbuchs wird kein vernünftiger beror-
worten , aber Lernen der Yocabeln , mögen sie nun im Lesebnehe (wie
z. B. im Ellendtischen) oder vom Lehrer gegeben sein, und selbst-
thätiges Zurückrufen der früher dagewesenen, der Versuch für sich
allein den 8atz zu fibersetzen kann billiger Weise gefordert werden,
bietet den Vortheil rascher fortschreitenden- Unterrichts, erleichtert
die nie zu unterlassende Repetition und übt Toh vom herein die Selbst-,
thätigkeit des Geistes für das Auffinden. Recht wohl gefallen hat
ferner dem Ref. die Art, wie der deutsche Sprachunterricht mit dem
lateinischen in Verbindung gesetzt ist. Eine Yollige Verschmelzung,
wie sie wohl hie und da beantragt worden ist , bietet bei den für beide
Sprachen ganz verschiedenen Voraussetzungen unübersteigliche Schwie>
rigkeiten, aber beide in Verbindung zu setzen ist möglich und von
grosstem Vortheile. Die Art, wie dies hier geschehn, verdient Be-
achtung. Der Werth, den der grammatische Unterricht im Deutsche»
hat, wird eben so. gebührend gewürdigt, wie die Beschränkan|^
desselben richtig erkannt. Wünschenswerth wäre es, wenn der Hr.
Verf. sich entschlösse , die Paragraphen , welche er zu demselben die-
tirt, vielleicht in einem Programm zu verofifentlichen. Unsere vollste
Beistimmung hat, dass die Bildung von deutschen Sätzen (s. unten)
stets an ein bestimmt gegebenes angeknüpft wurde. Darauf, dass
den Declamirübungea nur ein sehr geringer Raum gewährt wurden
macht Ref. besonders aufmerksam , da man darüber das richtige Spre^
eben und Lesen oft zu sehr yernachlässigt und den Schaden, welcher
aus zu frühem Declamiren, zumal wenn man sofort auf gewisse ans-»
sere Dinge Werth legt, nicht gehörig zu begreifen und zu würdigien
scheint. Ob man nicht auch das frühzeitige öffentliche Auftreten bei
den Prüfungen beschränken sollte, dies ist eine Präge, welche wir in
späterer Beantwortung aufsparen. Ref. ho'ift mit dem gegebenen hin-
länglich die Schrift der verdienten Beachtung empfohlen zu haben. — -.
Auf den griechischen Unterricht bezieht sich das Programm der k* k«
Theresian. Akademie zu Wien Michaelis 1851, enthaltend: Soll 4h,
Leetüre des Homer auf Gymnanen mit der Odystee oder mit der Iliqde
beginnen? vom Dir. Dr. AI« Capellmann (15 S. 4). Diese Ab-
handlung bezieht sich natürlich zunächst auf den Organisationsentr
warf für die österreichischen Gymnasien (vergl. NJahrb. Bd. LVIIL
S. 296 ff.), dem die gesetzliche Feststellung erst, nachdem durch Er-
fahrung und Wissenschaft ein festes Urtheil sich herausgestellt,, fol-:
gen soll, wird aber auch ausserhalb Oesterreichs mit Interesse gele-
sen werden, da der Hr. Verf., unterstützt von langer Erfahrung, dei^ Ge-
genstand mit Klarheit und Besonnenheit behandelt u. sich nicht allein mit
84 Progrrattimeiischaa.
der im Titel enthaltenen Frage besehäftigt, sondern fast das ganze
Gebiet des griechischen UnterrichtiB , so weit es in Leetüre besteht,
biAruhrt. So fuhrt sogleich die erste Frage: ob der Schüler im An-
fange der 5« Cl. zur Leetüre der Ilias gehörig gerüstet sei, zur Er«
orterung des Ton H e r b a r t und Bissen gemachten , von Ranke in
Gottingen eine Zeit lang versuchten, neuerdings Ton Ahrens in sei-
nem 'griechischen Blementarbach aus Homer' wieder auf-
genommenen Vorschlags, den j^riechischen Unterricht mit Homer zu
beginnen, in dessen Zurückweisung Ref. dem Hrn. Verf. nur beistim-
men kann. Die Frage dreht sich um das paedagogische Princip: soll
der Unterricht von vorn herein in die geschichtliche Entwicklung der
Sprache einführen oder mit dem entwickelten, fertigen, festen, ab-
geschlossenen beginnen? oder hat der Unterricht denselben Gang ein-
zuschlagen , den die wissenschaftliche Erforschung der Sprache nehmen
muss? Wer nun erwagt, dass jedes Lernen von dem einfachen zu
dem mannigfaltigen, von dem festbestimmten zu dem schwankenden,
von dem gewissen zu dem ungewissen naturgemäss fortschreiten muss,
wer festhält, dass nicht Sprachwissenschaft, sondern Sprachkenntniss
die Aufgabe des Gymnasiums ist, wer den bunten Reichthum an For-
men bei Homer und die Schwierigkeit tiefer in die Dichtung einzu-
dringen (wir berufen uns auf G. Hermanns Urtheil) überdenkt, wird
gewiss Bedenken tragen , von dem seit Jahrhunderten in allem Sprach-
unterrichte eingehaltenen Gange, wonach von der Prosa zur Dichtung,
von dem zu fester Gestalt entwickelten Gebrauche zu den früheren
Entwicklungsstufen fortgeschritten wird, abzuweichen. Jener Vor-
schlag mag sich auf die in einzelnen Fallen und unter gegebenen Bestim-
mungen erreichten glücklichen Resultate berufen, methodischer Grund-
satz kann er gewiss nicht werden. Was der Hr. Verf. zur Beantwor-
tung der übrigen Fragen sagt, können wir kürzer berühren, da auch
wir bereits a« a* O. nnsre Ansicht dahin ausgesprochen haben, wie
es uns zweckmassiger scheinen würde, wenn die Lesung eines atti-
schen Prosaikers der des Homer vorausgienge, die letztere durch mehr
Classen ausgedehnt und jene daneben beibehalten würde (vergl. Zeit-
iftchr. für d. osterr. Gymnas.-wesen L S. 876), so wie auch dass wir
eine Ausdehnung der Stundenzahl für angemessen erachten würden.
Gegen die Zahl der von dem Hm. Verf. empfohlenen Schriftsteller
haben wir nichts einzuwenden, obgleich uns ohne Vergrosserung der
iStundenzahl eine Beschränkung fast nothwendig erscheint. Auch gel*
teil uns die kleineren Dialoge des Plato für die 7. Classe zu schwer.
Was die von dem Hm. Verf. nach dem Titel als Hauptfrage hinge-
stellte Frage betrifft, so bleiben wir mit dem Organisationsentwnrfe
einverstanden, indem wir Unter der Voraussetzung, dass nur ^in Ho-
merisches Gedicht in einiger Vollständigkeit gelesen werden kann, die
Ilias, da sie ja unbestritten das vollendetere Epos ist, der Odyssee
vorziehn, dagegen, wo die Leetüre sich über beide Gedichte er-
streckt, mit der Odyssee den Anfang zu machen und die Ilias folgen
zu lassen rathen, dabei aber ein späteres nochmaliges Zurückgehen auf
Progrramnieiischaa. 95
die Odyssee fnr wünschenswerth erachten. Kann nämlich nicht in Ab^-
rede gestellt werden, dass die einseinen Partien der Odyssee für sich
ohne Ueberblick des Ganzen leichter anfgefasst werden und dies Ge-
dicht für das jugendliche Alter eben um desmllen, so wie wegen des
Inhalts mehr Aniiehungskraft besitzt , wahrend die liias eine stete Be-
ziehung alles einzelnen auf die Hanptidee fordert, so Terdient doch
die Odyssee, dass der Schüler den schwieriger zu findenden Faden,
an den die einzelnen Partien gereiht sind (vergl. Fasi Einleitung
8. XXXTV), erkennen und die Anlage des Epos würdigen lerne. Die
Vortheile, welche aus Wiederanfoahme des bereits gelesenen nach gewon-
nener tieferer Einsicht und bei gereifterer Kraft hervorgehen, stellen
sich von selbst ersichtlich heraus. — In dem Programm des evangeh
Seminars zu Maulbronn vom Herbst 1851 spricht, sich Ephorus Dr.
Bäumlein über die Zweckmässigkeit der grieehisehen Campositianen
aus, da der Entwurf einer neuen Schulordnung für die gelehrten An-
stalten Württembergs dieselben auf ein Minimum beschrankt und in
den oberen Classen für ganz entbehrlich erachtet. Die .Gründe, wel*«
che für die Beibehaltung beigebracht werden, sind für jeden, der sehn
will, gewiss überzeugend. Wohl gibt es viele Wege zum Ziele zu ge-
langen, aber die Schule hat stets die einfachsten und sichersten zu
wählen; dass aber schriftliche Uebersetzung aus dem Deutschen in die
fremde Sprache zur Klarheit über die grammatischen Regeln und zur
Auffassung des eigenthümlichen Charakters besser als jedes andere
Mittel Terhilft, ist durch die Erfahrung wie durch theoretische
Gründe als unbestreitbar bewiesen. Lag es auch nicht in dem Zweck
des Hm. Verf. auf Ziel und Methodik der schriftlichen Uebungen
näher einzugehn, so erkennen wir doch , dass er jenes nicht über die
Grenzen der grammatischen Sicherheit und Anwendung gewisser Sprach-
eigenthümlichkeiten gesteckt und dieselben an die Lectfire angeschlossen
wissen will. — Ueher die Fertheilung des deutschen Lehrstoffs auf
Gymnasien handelt Chorherr Prof. P. Riepl im Programm des k. k.
Gymnasium zu Linz 1851 (19 S. 4). Naclidem der Hr. Verf. dar-
über, dass es im deutschen Unterricht schwieriger als in jedem an-
dern sei, eine gleichmässige Behandlung zu erzielen, sich ausgespro-
chen, als das, worüber man einig sei, die analytische Methode be-
zeichnet und die Nothwendigkeit eine Vertheilung des Lehrstoffes nach
Classen und Semestern vorzunehmen aus inneren und äusseren Grün-
den erwiesen hat, schlägt er, die Bestimmungen des Organisations-
entwurfs allenthalben zu Grunde legend, für das Untergymnasium fol-
genden Lehrgang vor: I. Cl. 1. Sem.: der einzelne Satz (nackter,
ausgebildeter und zusammengezogener Satz). Personen-, Zahl-, Zeit-
und Abwandlungsformen des starken und schwachen Verbums. Die all-
gemeinen Grundsätze der Orthographie. 2. Sem.: der zusammen-
gesetzte Satz oder das Satzgefüge (bei- und unterordnende Sätze-
Verbindung, jedoch nur mit einem Nebensatze derselben Art); dazu
gehörigen Orts die bezügliche Interpunction , Betonung und Stellung.
Gattungen, Redeweisen (Modi), GebravicK vaA ^^K^'^ ^«t Tisss\«bw> v^
86 Pro^rammenschau.
wie die Rection des V erbums. Die Conjunctionen. Orthogra>
phie (Dehnung und Schärfung der Silben , Gebrauch der Vocale). —
U. Cl. 1. Sem.: SatzTerkürzungen — nebst der Lehre über den
besonderen Gebrauch des Infinitivs und der Participien — Ver-
tanschungen und Umwandlungen der Sätze. Ueber das Substantir,
Adjectiy und Pronomen. Orthographie (Gebranch der Consonanten).
% Sem. Grossere Satzverbindungen und eigentliche Perio-
den (alles wieder mit Rücksicht auf Interpunction, Betonung und Stel-
lung). Das Adverb ium und die Praeposition. Orthographie
(Silbentrennung, Abkürzung, Schreibung fremder und schwieriger
Worte u. s. f.). — IIL Cl. 1. Sem.: Anfänge dfer Etymologie,
Synonymik und Onomatik. 2. Sem. Anfange der Stilistik
(Thema. Auffindung des Gedankenstoffes und Anordnung desselben
oder Disponiren). IV. Cl. 1. Sem.: Sprachliche Darstellung
(angemessene Wahl und Verbindung der einzelnen Worte, Ausdrücke
und Sätze. Charakter der prosaischen und poetischen Schreibart).
2. Sem.: Besondere Stiiarten: erzählender, beschreibender, ab-
handelnder, Brief- und Geschäftsstil. Hauptpunkte der deutschen
Metrik. Zur Erläuterung bemerkt er, dass zwar die einzelnen Theile
der Grammatik sich weder in der Praxis von einander trennen, noch
auf die engen Grenzen eines Semester einschränken lassen, vielmehr
die meisten in den folgenden Classen fortgesetzt und vollendet wer-
den müssen, gleichwohl aber eine Abgrenzung nach Semestern und
eine wenn auch nicht strenge Stufenfolge anzugeben zweckmässig sei.
Sehr praktisch verständig ist der Vorschlags auf Befestigung und Er-
gänzung dessen, was der Organisationsentwurf bei der Aufnahme ver-
langt, das ganze erste Semesters zu verwenden. Da dem Ref. seine
Erfahrung gezeigt hat, dass das Bilden von Sätzen für die zusammen-
hängende Darstellung nicht die Vortheile gewähre, welche man viel-
fach erwartet und erreicht findet, dass Schüler, welche auf gegebene
Aufforderung Sätze von bestimmter Form zu bilden im Stande waren,
dennoch eine leichte Erzählung ohne Fehler gegen die Satzform nicht
wiederzugeben verstanden , während andere dies viel leichter und glück-
licher lösten, so billigt er es vollkommen, wenn der Hr. Verf. neben
dem Analysiren und schriftlichen jind mündlichen Bilden von Sätzen
zusammenhangende Aufsätze empfiehlt. Ueberhaupt möge das Satzbil-
den nicht fibertrieben werden ; die auf das einzelne zu oft gerichtete
Reflexion stört das nicht hoch genug anzuschlagende unbewusste rich-
tige Gefühl und Können, was auch in anderer Hinsicht nur Schaden
bringt. Auch scheint es , wie wir schon oben angedeutet haben, durch-
aus zweckmässig zu dem Bilden der Sätze Objecte zu geben, weil
sonst der Schüler sich leicht ins blaue verliert oder mit der Auffin-
dung sich abquält. In dem, was der Hr. Verf. Onomatik und Syno-
nymik nennt, setzt ei^ zwar selbst ein enges Maass fest, indes ist
doch auch hier die Frage sorgfältig zu erwägen, ob man nicht öfters
hierin dem Schüler ein unnatürliches Besinnen und Nachdenken über
das, was er unbewusst richtig gebraucht, zumuthe. Um über die An*
Programmenschaa. 87
Ordnung eine Bemerkung lu machen, sprechen wir aus, dass nn« das
Adverbinm und die Praeposition schon hinter den einfachen Sats und
die Rection des Verbnm zu gehören scheinen. Was sonst der Hr.
Verf. sagt, zeugt von besonnenem und fleissigem Nachdenken und ans-
gedehnter Bekanntschaft mit der einschlagenden Litteratur. Obgleich
wir die guten Eigenschaften der Gmndzuge von Frdr. Bauer nicht
verkennen, so wurden wir doch der Elementargrammatik von Hoff-
mann den Vorzug geben. In Betreif des Obergymnasioms äussert der
Hr. Verf. zuerst seine Freude darüber, dass in Folge mehrfacher Er-
örterungen (namentlich in der Zeitschr. f. das osterr. 6^n.-wesen)
durch den Ministerial-Erlass vom 26. Sept. 1850 das historische Prin-
cip aufgegeben und den Lehrern nachgelassen worden sei, CI. V. uiid
VI. Neuhochdeutsches von Klopstock an bis auf unsere Zeit unter An>
knupfung von aesthetischen und litterarhistorischen Bemerkungen m
lesen und etwa in VU. mit dem Mittelhochdeutschen zu beginnen, da
er bei dem Versuche, in V. das Nibelungenlied zu behandeln, gefun-
den habe, dass zwar nicht das sprachliche besondere Schwierigkeiten
habe (wir halten allerdings auch dies nicht für so leicht, freilich tie-
feres Verständniss meinend) , aber die Schüler für die aesthetische Auf-
fassung jener grossartigen Dichtung noch nicht hinlänglich reif seien.
Was er über die Nothwendigkeit der Theorie von Rhetorik und Poe-
tik, über die Verknüpfung der Theorie mit dem historischen Princip,
über den Zweck des Unterrichts, nicht die Litteraturgeschichte xu leh-
ren, sondern in die Litteratur einzuführen sagt, wird wohl grossten-
theils Beistimmung finden. Er entscheidet sich für die Anordnung der
Leetüre nach Gattungen und innerhalb derselben möglichst nach der
Zeit der Dichter, und stellt folgenden Gang auf : V.Cl. I.Sem. : Epi-
sche Dichtung, Fabeln, Parabeln, Paramythien, Märchen, Sagen,
Legenden, Erzählungen, Idyllen. 2. Sem. desgl. Balladen, Romanzen,
Rhapsodien, besonders voh Bürger, Schiller, Goethe, Uhland, Schwab«
Seidl, A. Grün, Vogl u. a.). In der Prosa [doch wohl in beiden
Semestern?] vorherrschend Nationalsagen von Grimm, Simrock, Schwab,
Becker. VI. CK 1. Sem.: Eigentliches Epos« Einzelne Gesänge
aus dem Nibelungenliede nach Simrocks Uebersetzung, aus Klopstocks
Messias, Hermann und Dorothea, aus Pyrker und aus einer komischen
Epopoee von Zachariä, Prätzl [?}, 2. Sem. Lyrische und didak-
tische Poesie. Volks- und Kunstlied , Oden , Hymnen , Bardiete f ?],
Elegien, Heroiden, Cantaten, eigentliches Lehrgedicht, Satire, Epi-
stel, Epigramm, Allegorien. Prosaisches: Geschichtliches und Be-
schreibendes aus der Natur- und Menscbenwelt, Abhandlungen und
.Briefe. VII. Cl. 1. Sem. Dramatische Dichtung: ein vollstän-
diges Drama von Lessing, Goethe und Schiller, auch eine Ueber-
setzung eines Shakespeareschen Stückes. 2- Sem. Rhetorik. Pro-
saisches: aesthetische und litterarhistorische u. a. Abhandlungen und
Briefe, Dialoge, Tendenzschriften, Reden. VHI. CL 1. Sem. : Mittel-
hochdeutsche Grammatik und Leetüre. Volks-, Kunstr und Thierepos.
2. Sem.: Minnegesang, Spruchdichtuiig und Pr<i««.vK.Vki^^« ^i^^a^:»^
^ Programmensohaa.
Fortsetzang der neuhochdeBtschen Lectnre, etwa wie in VIL Reca-
pitulation der Theorie des Stils und iitterarhistorische Uebersicbt des
Ganzen. Bei dem grossen Umfange der Lecture kann man weniger
Besorgniss vorder Gefahr hegen , welche Rieck in seiner Rede mit
den treffenden Worten bezeichnet: ^Auch hier scheint mir der Fehler
zn weit verbreitet zu sein, dass durch litterar-geschichtliche, inter-
pretirende, kritische , reflectirende Behandlung , durch ein Sichergehn
über den Gegenstand einem sinnigen, gemuthlichen , selbstthätigen
Hineinleben in die Seele der Dichtung entgegengearbeitet wird% wohl
aber vor der, dass nicht die Lecture für den Schuler mehr zu einer
Art blosser Unterhaltung werde. Will man den Schüler zu selbst-
thätiger Vertiefung in die Dichtung anregen und anleiten, ao wird
man schwerlich drei oder gar vier umfänglichere Dramen in einem
Semester lesen können« Will man selbst für den Unterrioht Leetüre
zu Hause voraussetzen, so wird die Gewinnung der Ueberzeugung,
ob auch der Forderung und wie weit ihr entsprochen worden sei, einen
Gewinn an Zeit kaum zulassen. Was am Schlüsse der Hr. Verf.
darüber sagt, dass in dem Lesebuche das christliche Element nicht
vernachlässigt sein dürfe, erkennen wir vollständig an, obgleich wir
eine tiefere Erörterung darüber, wie dies gesohehn müsse, gewünscht
hatten. — Den mathematischen Unterricht* behandelt in dem Program-*
me des Gymnas. zu Torgau Ostern 1851 der Pror. Prof. Dr. Arndt:
X>fM Chfmnanum und die Mathemmiik '(18 S. 4), eine sehr beach-
tenswerthe Abhandlung nicht allein für 'die Lehrer der Mathematik,
sondern auch für alle, welche an dem Gymnasialunterricht lebendigen
Ahtheil nehmen, weil sie einen sehr wichtigen Gegienstand in einer
von richtigem Blick und praktischer Erfahrung in dem einzelnen Un-
terrichte ebenso wie in dem Sohqlwesen und im Leben zeugenden
Weise bespricht. Seitdem gegen die Ueberfültnng der Gymnasien mit
Realien gewichtige Stimmen sich erhoben, 'haben sieh diese vielfach
hinter die formale Bildung, welche anoh sie gewähren, geflüchtet, ja
man hat wohl auch diese zum Verwände genommen, um die Humani-
tätsstudien einzuschränken oder wohl gar zur Thür hinanszuweisen.
'Wie viel unklares und falsches In solchen Behauptungen sich einge-
mischt, wollen wir hier nicht erörtern, aber man kann keinem Lehrgegen-
stand einen schlechtem Dienst erweisen, als wenn man auf die formal
bildende Seite den Hanptnachdruck legt, weil dann jedesmal die Ent-
gegnung trifft, dass man dasselbe auf anderem Wege, vielleicht nicht
so schnell, aber mit Gewinnung anderer Vortheile erreichen könne.
Die Perechtigung eines Unterrichtsgegenstandes kann zunächst hur ans
dem Werthe, den die Aneignung seines Inhaltes hat, hergeleitet wer-
den, aus der formalen Bildung nur entweder, wo jener gleich ist , oder
wo sie besondere, bei andern Fächern nicht in gleichem Maasse vor-
handene Seiten darbietet. Recht aufrichtig hat sich deshalb Ref.
gefreut, dass der Hr« Verf. der vorliegenden Abhandlung, ein Mathe-
matiker^ darauf aufmerksam macht, dass, wenn nur der formale Nutzen
der Mathematik ins Auge gefasst werde, man die Mathematik viel-
Programmeaschan. 89
lekht ganz oder wenigstens za dem grossten TJheile entbehren könne,
weil MIe einigen .wenigen Functionen der niedem Logik , weiche sich
fast in stetigem Einerlei bei den mathematischen Deductionen wieder-
holen* ein gar zu unbedeutender und auf sehr kurzem Wege zu er-
zielender Gewinn seien. Der Mathematik ist dadurch ein Platz im
Gymnasium gesichert, dass sie die unentbehrliche Grundlage zu jeder
tiefern und wissenschaftlichem Auffassung der Natur bildet, aufwei-
che vorzubereiten eine Aufgabe ist, der sich das Gymnasium jetzt
nicht entziehen kann. Damit ist denn aber auch freilich das Maass
für den Umfang des Stoffes gegeben und Ref. freut sich auch in Be-
zug darauf, bei dem Hrn. Verf. die Ansicht zu finden, dass das Ziel
des mathematischen Unterrichts nicht auf eine erschöpfende Behand-
lung der einzelnen mathematischen Lehren , sondern auf sichere Kennt-
niss der Grundwahrheiten und Einsicht i^ den Zusammenhang unter
^denselben gerichtet sei, wie er denn auch bei seinem Plane mehrere
Lehren, weiche von andern fast gebieterisch gefordert werden, nur
bedingungs- und ausnahmsweise zulasst. I^tlt den Worten: 'sichere
Kenntniss der Grundwahrheiten und Einsicht in den Zusammenhang*
ist auch der geistige Gewinn von dem Studium der Mathematik ge-
geben. Indem die Mathematik an stetiges Fortbauen, an regelmas-
siges Folgern aus dem bereits gewonnenen, an sichere, feste Entwicklung
gewöhnt, entfaltet sie als Bildungsmittel intensive Kraft, und wird
dies beherzigt, so wird der Unterricht in ihr weder sein eignes Ziel
verfehlen noch in den wahren Zweck der Gymnasialbildung störend
eingreifen. Von der Physik gilt nicht ganz das gleiche, weil hier
das allgemeine Gesetz erst aus den einzelnen Erscheinungen abstrahirt
werden mnss. Intensive Kraft kann sie nur insofern beweisen, als sie
die Erscheinungen auf ein fest formuiirtes Gesetz zurückfahren lehrt;
aber im Gymnasium wird sie auch nur so viel Platz finden können,
dass ihre Grundwahrheiten anschaulich gemacht werden, den Zusam-
menhang zwischen ihnen zu finden und zu begreifen dem spatem S n-
dium überlassen wird. Der Hr. Verf. behandelt im ersten Abschnitt
die Frage nach der Daner der Curse und der Zeit der Versetzungen,
weil dadurch der Plan wesentlich bedingt ist und man gerade die
Mathematik, weil sie ein stetiges Fortfuhren fordere, zur Empfehlung
des einen und Abweisnng des andern benutzt hat. Es kann um so
weniger unsere Absicht sein noch einmal die Vortheile und Nachtheile
der halbjährlichen und jährlichen Curse zu erörtern , da die genügende
Losung der Frage nur auf dem Wege der Erfahrung gewonnen wer-
den kann und allenthalben von speciellen und individuellen Bedingun-
gen abhängig ist. Gegen manches, was der Hr. Verf. fiir die halb-
jährlichen Versetzungen anfuhrt, lassen sich gleiche Einwendungen
machen, wie er sie gegen die jährlichen erhebt. Da so viel gewiss
ist, dass, mag man das eine oder das andere für das zweckmassigere
halten, äussere Hemmnisse für das Vorwärtskommen des Schülers,
ebenso wie häufigeres Abbrechen im Gange des Unterrichts und öfte-
res, dennoch zu keiner Gründlichkeit führende^ WiedechoUw d««>%<^V>
90 Programmenschatt.
ben (es wird sich dies stets leigen, wenn nicht einmal eine wirkliche
Sicherheit erreicht worden ist) möglichst vermieden werden müssen,
so verdient es dankbare Anerkennung, dass der Hr. Verf. zur Ver-
meidung der bei halbjährlichen Versetzungen oft durch die Erfahrung
erwiesenen Nachtheile zweckmassige Einrichtungen vorschlagt. Da er
die Zeit für die oberen Classen auf zwei Jahre annimmt, so ist der
Vorschlag, den ganzen für eine solche berechneten Stofif zweimal zu
behandeln, d. h. zuerst einen minder vollständigen Cursns in einem
Jahre zu vollenden und dann im zweiten denselben zu wiederholen und
zu ergänzen, gewiss theoretisch und praktisch viel richtiger, als die
Zertheilung in vier aufeinander folgende Lehrpensa, und mindestens
verdienen des Hrn. Verf. Grunde die sorgfaltigste £frwägung. Als
sehr praktisch erscheint dem Ref. auch die Ansicht, dass zwar in je-
dem Halbjahre Geometrie und Arithmetik (ge^en die entgegengesetzte
Ansicht haben sich, so viel uns bekannt ist, die meisten und tüchtig-
sten Lehrer erklärt), aber nicht immer nebeneinander, sondern grös-
sere Abschnitte beider- Lehren hintereinander gelehrt werden sollen,
was auch auf die Physik angewendet wird , und eben so verdient voll-
ste Beachtung, was über das Verhältniss scheinbar ganz heterogener
Gebiete zueinander geäussert ist. Die Ordnung und Vertheilung der
Lehrpensa bitten wir in der Schrift selbst nachzulesen. Da übrigens
der Hr. Verf. mit Recht bei seinen Vorschlägen nicht eine solche Ge-
staltung des Unterrichtswesens voraussetzt, wie sie idealisch ohne
Aussicht auf baldige, ja wohl überhaupt auf Ausführung hingestellt
wird, da er vielmehr die gegenwärtig vorhandenen, factisch gegebe-
nen Verhältnisse voraussetzt, so beschäftigt er sich auch damit, wie
der Unterricht zweckmässig so einzurichten sei , dass dem Bedürfnisse
solcher Schüler, welche nicht studieren, möglichste Befriedigung gewährt
werde. Indem er nun für die Orte, wo besondere Anstalten für die
Humanitäts- und Realbildung nicht möglich sind, eine dem entspre-
chende Einrichtung sucht, kommt er auf den Grundsatz, der dem vom
Braunschweigschen Consistorium aufgestellten Plane zu Grunde liegt,
dass der Cursus in der Mathematik und in den Naturwissenschaften
in Secunda vollendet und diesen Fächern in Prima nur ein paar Stun-
den zur Repetition zugetheilt werden, dagegen in dieser Classe, in
welcher nur Studierende sitzen, die überwiegende Zahl der Lehrstun-
den den alten Sprachen zugewendet werden sollen — den Grundsatz
des Hintereinander. Zur Verauschaulichung seines Planes dient fol-
gende Uebersicht:
Geogr. u.
Deutsch. Latein. Gilech. Franx. Relig. Geitcb.
L 3 11 10 1 2 2
IL 3 5 5 3 2 3
ra. 4 5 5 3 2 3
Ref. muss sich gegen eine solche Einrichtung im Interesse der Gym-
nasialbildnng erklären, für welche ein ganz wesentliches Moment bil-
det , dass die Jugend eine längere Zeit hindurch, als zwei Jahre, in den
Humanitätsstudien den Kern und Hauptstoff ihrer Bildung und ihrer
MalheiB. a.
Naturwiu. Oeeang.
2 1
Helir. bctttt.
2
Samm«
34
8 1
2
32
9 1
...
32
?rögrrainineiischaa. 91
Thätigkeit finde. Das« diejenigen, welche in der geistigen Welt zn
leben und zu wiricen den Beruf haben, von früh an und lange Zeit
hindurch mit den in dasselbe vorzugsweise einfuhrenden Studien be-
schäftigt werden müssen , hat Beneke in seinem Votum Mie Reform
und die Stellung unsrer Schulen' (vergl. NJahrb. Bd. LV. S. 325 ff.)
nachgewiesen. Sollte, was wir besorgen müssen, selbst für den Un-
terricht in den alten Sprachen in Bezog auf Können und Wissen kein
Nachtheil entstehn, so wird er doch ganz gewiss in Bezug auf die
Geistesrichtung nicht ausbleiben. Auch fuhrt die nicht wegzuleug-
nende Erfahrung, dass gerade diejenigen, welche das Studieren mit
Liebe als ihren künftigen Beruf erfassen, gegen Mathematik und Na-
turwissenschaften eine gewisse Abneigung besitzen , die oft nur schwer
zu überwinden ist, zu dem Bedenken, ob es nicht ein zu gewaltsamer
Eingriff in die Individualitäten eineir grossen Zahl sei, sie so lange
Zeit mit jenen Fächern überwiegend zu beschäftigen. Hätte unsre
Zeit nicht für alles andre eher Geld, als für Unterrichtsanstalten —
wir verweisen auf Hrn. Kapps obenerwähnte Schrift — , wäre nicht
der falsche Grundsatz, allen das gleiche ohne die Znmuthung be-
sonderer personlicher Opfer zu ermöglichen, bei Behörden und im
•Publicum unsrer Tage herrschend, so würde man überall lieber eine
besondere Anstalt gründen — bei bereits vorhandenen Lehrkräften und
Apparaten können mit einem öffentlichen Opfer und mit höherem Schul*
gelde gewiss eine oder zwei Classen für Realbitdung mit den Bürger-
schulen verbunden werden — , als dem Gymnasium zumuthen, einesein
inneres einheitliches Leben störende und die vollständige Erreichung
seines Zieles gefährdende Zwittergestalt anzunehmen. Was der Hr.
Verf. über die Methode des mathematischen Unterrichts sagt, trägt
den Stempel der Bewährung an sich und wir scheiden von ihm mit dem
Ausdruck unserer vollsten Hochachtung und Dankbarkeit, um uns noch
mit dem Geschichtsunterricht zu beschäftigen, über weichen uns. vor-
liegt : Beiträge zur Methodik des Gesehi^htsunterriehts auf Gp^nasien.
Vom Gymn.-Lehrer Dr. Frdr. Gust. Schulze (Progr. des Naum-
burger Domgymn. Ostern 1851. 30 S. 4). Können wir auch nicht
mit allem, was in dieser Abhandlung gegeben ist, einverstanden sein,
so erkennen wir doch auf das bereitwilligste Liebe und Begeisterung
für die Sache und ernstes Nachdenken über dieselbe an. Mit Recht
schlägt der Hr. Verf. den Weg ein , dass er die Besprechung über die
Methodik von der Beantwortung der drei Fragen : 'was ist Geschichte?
was ist ihr Nutzen? welches ist ihr Zweck beim Gymnasialunter-
richt ?^ abhängig macht. Konnten wir hier, was der Hr. Verf. zudem
materialen und zu dem formalen Nutzen zieht, gut heissen — die Ah-
nung des gottlichen z. B. oder wie wir uns ausdrücken würden, die
Erweckung zuiii Glauben, ohne welche doch das zum materialen ge-
rechnete, Trost, Besonnenheit u. s. w. haltlos, ja unmöglich sind,
müssen wir zum letztern rechnen — so würden wir vielleicht
mit der Behauptung, dass in dem Gymnasium die formal bildende
Kraft der Geschichte die Hauptsache bleibe, uns leichter einver-
92 Programmenschaa.
stehn können. Ware das, was man gewohnlich formale Bildung nennt,
der Zweck des Geschichtsunterrichts, so würde dieser durch gründ-
liche Lesung eines oder einiger bedeutenden griechischen und romi-
schen Geschichtswerke erreicht werden können, keineswegs ein be-
sonderer, selbständiger zu sein brauchen. Es ist unumstosslich rich-
tig, dass jener Unterricht für das Gymnasium weder sich selbst Zweck
ist, noch einem besondern Berufe dient, dass er vielmehr nur zu der-
jenigen Bildung beitragen muss, welche dessen Zweck überhaupt ist.
Die Hauptsache für das Gymnasium bleibt demnach, dass nur der-
jenige Stoff gelehrt werde, welcher zu jener Bildung nothwendig ist,
welcher Art das davon gewonnene Wissen ist und wie es gewonnen
wird. Also die Ueberlieferung eines bestimmten Inhaltes ist ebenso
Hauptsache, wie die bestimmte Art der Aneignung desselben, wie im
Religionsunter ncht 'die Ueberlieferung der heiligen Wahrheit und die
Anregung des Suchens darnach.* Weil nun freilich der Stoff durch
die geforderte Art der Aneignung bestimmt ist, indem, was auf sol-
che Weise nicht vom Schüler ergriffen werden kann, unbedingt aus-
geschlossen werden muss, mag man auf die letztere einen besondern
Nachdruck Hegen , schwerlich aber darf man dies durch die formal
bildende Kraft allein bezeichnen, und um so mehr ist dieser Ausdruck
zu vermeiden, als er den Anschein gibt, als wenn man am Stoffe ge-
wisse Richtungen und Kräfte des Geistes üben und stärken müsse,
während doch gerade die Auffassung des Objects der alleinige Zweck
des Unterrichts sein kann. Was die Vertheilnng des historischen
Stoffs anlangt, so wundert sich Ref., dass der Hr. Verf., da er doch
die Theilung des Gymnasiums in drei Stufen anerkennt, nicht auch
consequenter Weise die dem analoge Eintheilnng jenes wählt. Auch
das vermögen wir nicht ganz zu billigen, dass der Hr. Verf. auf jeder
Stufe ein besonderes Vermögen des Geistes vorwiegend annimmt und
vorwiegend in Thätigkeit gesetzt wissen vrill , weil auch dies leicht zu
dem Irthum verfahrt, als ob die in der ersten Stufe der Phantasie
und der Anschauung geschenkte Rücksicht in den andern schwinde,
oder als ob die erste Stufe der Weckung und Uebung des Denkver-
mögens weniger bedürfe. Jede Kraft des Geistes muss auf jeder Stufe
Nahrung und Bethätigung finden und wird diese nur um so unvoll-
kommener empfangen, je weniger die übrigen Vermögen berücksichtigt
werden. Also nur das, womit auf jeder Stufe der Geist beschäftigt
wird, kann den Unterschied derselben begründen. G«gen den vom
Hrn. Verf. gemachten Vorschlag, nach Absolvirung eines Curses in
VI. und V., in IV. und III. die alte und dann, nachdem in IH. noch
vaterländische Geschichte gefolgt ist, in II. und I. die mittlere und
neuere Geschichte zu lehren, spricht die nicht allein von dem Ref.,
sondern auch von vielen andern gemachte Erfahrung, dass sicheres
und gründliches Wissen in der Geschichte am besten durch öfteres Zu-
rückkehren zu demselben erreicht werde, dass die Auffrischung dage-
wesenen Stoffes durch Repetitionen von dem Schüler eine um so gros-
sere Thätigkeit fordert, je länger die Zeit des wirklichen Vortrags
Programmenschaa. 93
Torüber ist, za häufige Anstellimg derselben za mechanisch ist, dies
alles aber der so sehr za erstrebenden Einheit und Concentration in
der Beschäftigung Eintrag thut, endlich, dass die alte Geschichte
in den bezeichneten Classen nicht in solcher Tiefe erfasst werden
kann, wie sie verdient, da spatere Supplirung kaum möglich und, wenn
sie geübt wird, durch die noch grössere Zersplitterung der Thätigkeit
auf Terschiedenen Stoff nachtheilig ist. Wie der Geschichtsunterricht
in drei Stufen sich gliedern lässt, hat nach andern Kallenbach a. a.
O. S. 39 ff. recht schon dargethan, Ref. hat zwar stets der mittle-
ren und neueren Geschichte im Gymnasium mehr Geltung eingeräumt,
als ihr Ton anderen zugetheilt wurde, allein bei einer Ausdehnung
über 4 Jahre furchtet er entweder ein zu grosses Eingehn in Detail
und Stoff oder eine Berücksichtigung zu tiefer und über den Zweck
des Gymnasiums hinausliegender Fragen. Vier Jahre reichen nach un-
serer Ansicht zur Vollendung eines Curses, wie er für die oberen Clas-
sen gehört, bei weiser Beschrankung des Stoffes aus. Zwar können
wir dem Hm. Verf. unbedingte Vorliebe für die rasonnirende Methode
des Vortrags, wie sie ihm von anderer Seite Torgeworfen worden ist,
nicht Schuld geben, aber er geht uns zu weit, wenn er von dem nni-
versalhistorischen Unterricht auf der obersten Stufe sagt (S. 6) : ^ die
Geschichte muss ihre eigne Vernunft offenbaren. Sie muss ihr ganzes
Gebiet zu einem idealen (?) Bilde gestalten, in welchem das allmähliche
Anwachsen des Stromes unserer heutigen Bildung aus dem Zusammen-
fluss des Lebensprocesses aller Volker sichtbar wird ; sie muss prag-
matisch alle in einen Knoten zusammenlaufenden Faden von Ursache
und Wirkung sehn lassen und muss^dabei mit Hilfe der Geographie die
Verschmelzung von Natur und Geist, sowie Thaten gebährende und durch
Thatsachen erzeugte Zustande zur Anschauung und zur Erkenntniss
bringen.' Das Streben nach einem solchen Ideale kann nur zu fal-
schem führen. Wir fordern eine nniversaihistorischc Behandlung der
Geschichte, aber verstehn darunter nur die Berücksichtigung der
Hauptthatsachen, welche auf die ganze Menschheit einen bedeutenden
Einfluss geübt haben, und die Einsicht in die allgemeinsten und haupt-
sächlichsten Wirkungen, in denen dieser Einfluss sichtbar wird. Wenn
wir übrigens anerkennen, dass des Hrn. Verf. Abhandlung manche
treffende und brauchbare Bemerkung enthält, wenn wir die von S. 12
an folgenden 'Grundzüge der Geschichte der alten orientalischen Vol-
ker' als Probe eines Leitfadens für den Geschichtsunterricht in den
mittleren Gymnasialclassen im allgemeinen als recht zweckmässig
bezeichnen, so hoffen wir, er werde die gemachten Bemerkungen als
nur aus Interesse für die Sache hervorgegangen ansehn.
Ueberblicken wir nun das, was wir so eben besprochen haben, noch
einmal, so können wir nicht umhin, hier nochmals auf Wies es treff-
liche deutsehe Briefe über englisehe Erziehung, als auf einen Spiegel,
der uns die gefahrlichen Seiten unserer gegenwärtigen Zustände zeigt,
und auf einen Leitpfad; der uns zu dem, was noth thut, unter V«-
94 Ber. ü. d. XII. Yersammluiig deutscher Philol. u. Schulmänner.
meidmig aller blinden Nachahmung und willkürlicher Abstreifung un-
ser« Wesens, hinleitet , die Lehrerwelt aufinerksam zu machen.
[D.]
Bericht über die vom 30. September -^ 3. October 1851 in
Erlangen gehaltene zwölfte Versammlung deutscher Philolo-
gen und Schulmänner.
Der Verein deutscher Philologen, Schulmanner und Orientalisten
hielt in Gemässheit des zu Berlin gefassten Beschlusses seine zwölfte
Versammlung zu Erlangen *), Für die allgemeinen Sitzungen , die in
der geräumigen Aula der Universität ein entsprechendes Local fanden,
waren die Tage Tom 30. September bis 3. October bestimmt. Die
Zahl der in das Album eingezeichneten Mitglieder, unter denen Na-
men ersten Ranges glänzen, beUef sich auf 180. Es darf vielleicht
besondere Erwähnung finden, dass auch Thiersch, der sich mehrere
Jahre lang von diesen Versammlungen fem gehalten hatte, zur gros-
sen Freude seiner zahlreichen Freunde und Verehrer sich diesmal wie-
der einfand. Einem loblichen Herkommen folgend hatte der Praesident,
Professor und Studienrector Dr. Doderlein, zu seiner Eröffnungs-
rede das Thema gewählt: *uber die Philologie und ihr Ver-
hältniss zur Zeit.' Er bemerkte, dass in unsern Tagen offenbar
'*') Den Theilnehmern an der Versammlung wurde bei ihrer An-
kunft folgende Schrift eingehändigt: 'Zur Begrussung der Philologen,
Schulmänner und Orientalisten bei ihrer Ankunft in Erlangen am
30. September 1851. Inhalt: I. Duorum in Piatonis Politlco locorum
emendationem proponit Dr. Chr. Cron, scholae latinae praeceptor.
IL Schulrede des Studienrectors Dr. L. Doderlein: über den Werth
des äussern Anstands. III. Einige Beiträge zur Kritik des Vendidad
von Dr. Fr. Spiegel, Prof. der oriental. Sprachen. Erl. 1851. 4.
22 S.' Der Verf. der ersten Abhandlung erklärt sich in der Einlei-
tung mit dem Verfahren des neusten Herausgebers des Ptaton , C. Fr.
Hermann, den cod. Clarkianus sive Bodleianus zur alleinigen Grund-
lage des Textes zu erheben und den Lesarten der übrigen Handschrif-
ten nicht mehr Werth zuzugestehn als blossen Conjectnren, nicht e'n-
ver.-tanden, sondern schreibt dem Vaticanus und Venetus (^ und 77
bei Bekker) einen gleichen Werth zu. Die beiden emendirten Stellen
des Pollticus sind p. 291 E, wo die Worte %ccl nsviav noti nlovtov
als Interpolation nachgewiesen werden, und p. 301 B, wo vorgeschla-
gen wird zu schreiben: dt' S d^ xa ndvze oioiMxx« tdiv vvv Xiyo/tdvmv
tHoXitskov fiiiiv fkovov yiyorsv, — Von Doderleins Schulrede haben
wir weiter nichts zu bemerken, als dass auch diese sic}i durch diesel-
ben Eigenschaften ehrenhaftester Gesinnung und classischer Formvol-
lendung auszeichnet, durch welche die frühern bereits in zwei Samm-
lungen vereinigten Reden desselben ausgezeichneten Schulmanns sich
mit Recht die allgemeinste Anerkennung erworben haben.
Die Red.
Ber. fi. d. XII. Versammlung deutscher Philol. u. Schulmänner. 95
ein MisTerbaitnisB bestehe zwischen dem Werth 4er classischen Stu-
dien und ihrer Werthschätsung, das sich nicht bloss anfdieDraus-
senstehenden erstrecke, sondern auch auf diejenigen, denen e1>en diese
Studien Bildungsquelle entweder noch seien oder gewesen seien. Und
doch konnte die Neuzeit, abgesehn von dem Gewinn, den die Geistes-
bildung aus dem Studium der alten Sprachen schöpfe, selbst unmit-
telbaren Nutzen aus dem Alterthum ziehn, aus dem Verkehr mit jenen
ewig jungen Geistern, in Verhältniss zu denen wir eigentlich die Alten
seien, die der Verjüngung und Auffrischung bedurften. Konnten und
müssten zur Beseitigung des erwähnten Misrerhältnisses auch die Fach-
genossen etwas beitragen, so "wolle er hier nur andeutungsweise auf
zwei Punkte die Aufmerksamkeit der Versammlung lenken: erstens
müsse der Sprachunterricht Ton der untersten Stufe an in Form einer
Kunst, nicht einer Wissenschaft der Jugend dargeboten werden;
zweitens habe der Dilettantiismus Anspruch auf höhere Achtung,
und es sei zu wünschen, dass die Forscher und Kenner des Alterthums
nur immer auch warme Liebhaber desselben wären. Dieser Liebe und
Bewunderung für das Alterthum bedürften aber vor allen die Schul-
männer, um dem Wissen, das sie der Jugend mittheilen, den Werth
der Geistes- und Gemüthsbildung zu sichern.
In der zweiten Sitzung trat zuerst Rector Wocher aus Ehingen
auf mit einem Vortrag über die Aufgabe der Phonologif. Der
Redner, der diesem Gegenstande seit vielen Jahren seine Bemühung
gewidmet und durch Schriften Anerkennung zu yerschaffen gesucht,
bemerkt , dass diese Bezeichnung keine blosse Lautlehre im Auge habe,
sondern vielmehr der Laut in seiner innigen Beziehung zum Geist,
der ihn bilde und gestalte, erfasst werden solle. Diese innige Be-
ziehung zeige sich auch in dem Anschmiegen an die Erfordernisse des
Beqnemlautes , bei welchem jedoch nicht, wie man sich häufig irriger
Weise vorstelle, bloss der Wohllaut für das Ohr, sondern vor
allem das Mundsprachgef ühi den Ausschlag gebe. Der Redner
-belegt diese Ansicht mit zahlreichen Beispielen aus alten und neuem
Sprachen und deutet noch mit einigen Worten den Gewinn an, den
die rationelle und historische Sprachforschung aus der Beachtung des
phonologischen Moments schöpfen könne. An diese Erörterung knüpft
Prof. Nägelsbach, der an diesem Tage den Vorsitz führte, die Be-
merkung, dass die Sprache deswegen der unmittelbarste Ausdruck des
Gedankens sei, weil in diesem Verhältniss ein Minimum von Materie
nSthig sei, um den Geist zu verleiblichen; diese Wahrnehmung diene
dazu, die Achtung vor der geistigen Bedeutung der Sprache zu er-
hohn. Mit besonderem Interesse wurden die Bemerkungen Thierschs
über die Aus 8 pr ach e des Griechischen aufgenommen. Gemei-
niglich , äussert derselbe , halte man die Scala der Sprachlaute für be-
schrankt im Verhältniss zur musikalischen Scala. Diese irrige An-
sicht habe ihren Grund allein darin, dass viele Volker nur nicht ge-
wohnt seien, die feineren Unterschiede, welche hier möglich seien,
wahrzunehmen und zu trennen. Graf Schlabrendorf, der sich viel
96 Ber. tt. d. XII. Yersammluug deutscher Philol. u. Sohulmünner. •
mit Unter8uchua|ren über die Incunabeln der Sprachbildnng beschäftigt
habe sei zu der gerade entgegengesetzten Ansicht gekommen, und
habe z. B. versucht zu beweisen, dass das / einen zehnfachen Unter-
schied der Aussprache zulasse. Diese feinere Unterscheidung der
8prachlaute finde sich in der griechischen Sprache ausgeprägt, und
auch die gegenwärtigen Griechen hätten sich die Befähigung dazu in
grossem Maasse erhalten, wie der Redner durch mehrfache Beispiele
darthut; und zwar beziehe sich dieselbe nicht bloss auf die Vocal-
laute, sondern auch auf die Consonanten, sowie auf Accent und En-
klisis. Ber bei uns beliebte Plateiasmos habe daher schwerlich An-
spruch, der Weise der alten Griechen näher zu kommen, ebensowenig
wie die barbarische Scandirung der Verse mit Aufopferung des Rhyth-
mus und des Accents für classisch gelten könne.
Nachdem hierauf der Praesident über das Denkmal Fr. A.
Wolfs Bericht erstattet und die Versammlung auf Böckhs Antrag
beschlossen hatte, die weitere Sorge für dieses Unternehmen in die
Hände eines zu bildenden Comit^s zu legen, hielt Prof. Bippart aus
Jena ^nen Vortrag über M etrik. Derselbe schloss seine ausführliche
Erörterung mit einer Analyse zweier Pindarischer Gedichte und suchte
die Richtigkeit seiner Theorie durch die Recitation einiger Strophen
sowohl im Urtexte wie in deutscher Nachbildung zu bewähren. Auf-
gefordert , sein Urtheil über die yorgetragnen Ansichten auszusprechen^
setzte sich Geh. Regierungsrath Bockh in eine dialogische Erörte-
rung mit dem Redner, welche in einzelnen Punkten Uebereinstimmung,
in andern eine Verschiedenheit der Ansichten ergab, die sich auch
auf die Art der Recitation erstreckte, Ton der Bockh ebenfalls eine
Probe gab. Namentlich konnten sich die beiden Unterredner nicht ei-
nigen über die Auffassung der irrationalen Versfüsse, indem
Bockh die Irrationalität nicht wie Bippart in dem Inadaequaten der
Sprache und des Rhythmus, sondern in dem Inadaequaten des Rhyth-
mus selbst sucht« Hierauf folgte ein lateinischer Vortrag des Dr.
Bayer aus Erlangen: ^de eimulacrOf quod plerique interpretes Signum
dicunt LeucotheaeJ* Diese herrliche Statue, eines der vorzüglichsten
Werke antiker Kunst, welche die Münchner Glyptothek zieren, wurde
zuerst von Winckelmann als Leukothea gedeutet. Der Redner sucht
nun nachzuweisen, dass die für diese Erklärung geltend gemachten
Gründe in keiner Weise stichhaltig seien, und glaubt; dass W. besser
gethan haben würde, sich auf den allgemeinen Charakter der Statue
zu berufen, in welchem der Redner eine über die menschliche Natur
erhabene, aber doch nicht ursprunglich gottliche Natur erkennt. Der
vorherrschende Zug ihres Wesens sei der der wohithätigen Liebe, der
eortfos. Hofrath Thier.sch, von dem Vorsitzenden zu einer Mei-
nungsäusserung aufgefordert, erklärt sich mit der Kritik der Winckel-
mannschen Beweisgründe einverstanden, ebenso mit der Charakterisi-
rung dieser bewunderungswürdigen Statue , findet aber die Auffassung
derselben als einer Caritas unzulässig, Weil in der Kunstperiode, in
welche er die Statue setzen zu müssen glaubt, allegorische Darstellungen
Ber. a. d. XII. Versammlung deutscher PhiloL a. Sehulminner. 97
dieser Art überhaupt nicht gewöhnlich gewesen seien, wie denn die
griechische Sprache nicht einmal einen Ausdruck für diesen römischen
Begriff ausgeprägt habe, wenn man sich nicht etwa eine ceiivri z^Q^S
denken wolle, die aber wiederum nicht als Einzelstatue, sondern nur
in einer Gruppe Ton dreien dargestellt zu werden pflegte« Er bleibe
deshalb trotz der Schwäche der von Wi angeführten Beweisgründe bei
dessen Deutung, für die mehr als äussere Merkmale Geist und Hal-
tung des Werkes spreche. Da nun B. erklärt, er sei weit entfernt,
eine allegorische Darstellung der Caritas in dem Werke zn
sehn, sondern er habe nur mit diesem Worte den Charakter des Bil-
des bezeichnen wollen und in Bezug auf die Winckelmannsche Deutung
nicht die Richtigkeit derselben überhaupt, sondern nur die Be-
weiskraft der geltend gemachten Gründe bestritten, so be-
schränkt sich die noch übrig bleibende Differenz darauf, dass B. sich
mit der Erkennung der wesentlichen Eigenschaften begnügt, Th. da-
gegen eine bestimmte Indiyidualität festhält, der die erkannten we-
sentlichen Eigenschaften nicht widersprechen.
In der dritten Sitzung wird zjavorderst auf den Antrag des Di-
rector Eckstein beschlossen, dem um die Philologie überhaupt und
die Interessen des Vereins insbesondere hochverdienten Thiersch
eine Addresse zu überreichen, und der vorgelegte Entwurf genehmigt;
darauf von Oberschulrath Rost Namens der Commission für die
Wahl des nächsten Versammlungsortes Bericht erstattet und auf deren
Vorschlag GÖttingen gewählt. Auf der Tagesordnung steht zuerst
ein Vortrag des Geh« Reglern ngsrath Böckh über eine griechische
Inschrift. Es ist dieselbe früher aus den Fourmontschen Papieren
(Corp. Inscr. N. 28) mitgetheilte und später wieder aufgefundene atr
tische Inschrift, aus welcher Ross einen Grund entlehnt zur Verthei-
digung einer für unecht erklärten amyklaeischen Inschrift (C. I. N. 44)
und namentlich des in derselben angefochtenen Ausdrucks (icctigsg %al
xov^oft Tov 'AnolXcDVog. B. zeigt nun, dass nach der von der archaeo-
logischen Gesellschaft zu Athen neuerlichst vorgenommenen Constati*
rung der auf dem Stein sich vorfindenden Schriftzüge der besagte
Grund ganz wegfalle, indem AIEI statt APEI gelesen werden müsste
und überhaupt die glückliche Vermuthung des Dr. Schwab in Maul-
bronn, der schon früher vorgeschlagen habe xenlrjaofiai als( z«
lesen, vollkommen bestätigt werde.
Prof. Do der lein, dessen Vortrag nunmehr an die Reihe kommt,
erklärt vor allem, nach den bisher vernommenen r e i n wissenschaft-
lichen Vorträgen ein eigentliches Schul thema zur Sprache
bringen zu wollen, nämlich einen neuen Erklärungsversuch der viel-
besprochenen Ode des Horatius , welche von Archytas ihre Ueberschrift
hat (Carm. I, 28)., Der Redner zeigt, dass alle bisherigen Versuche,
welche die Einheit des Gedichts zu Grunde legten, unbefriedigend
seien und schlägt deshalb vor, das Salomonische Mittel der Theilung
anzuwenden. Das erste der beiden dadurch gewonnenen Gedichte
reiche bis Vs. 16 und könne in moderner . Weise etwa überschrieben
Pii Jahrb, f, Phü. u. Paed. JBd. LXV. Bß. I. T
08 Ber. ö. d. XII. Versammlung: deutscher Philol. o. Scholmämier.
werden: 'Gedanken am Grabe des Archytas.* Denn die .An-
nahme, dass Archytas durch Schiffbruch umgekommen und unbeerdigt
an dem Ufer liegen geblieben sei , beruhe, wie Weiske nachgewiesen,
auf keiner andern Autorität als der des Horatius und zwar auf einer
Misdeutung der Worte: te cohibeni pulveris exigui muneray die un-
möglich von der entbehrten Wohlthat des Grabes, wodurch die ab-
geschiedne Seele auf der Oberwelt zurückgehalten wird, verstanden
werden können, sondern rielraehr das Grab selbst bedeuten, welches den
Archytas nmschliesst. Da nun aber auf solche Weise das erste Ge-
dicht mit einem sehr allgemeinen und abgedroschenen Gedanken schlies-
sen wurde, so seien die zwei Verse: Mista senum — Proserpina fu-
git, welche an der Stelle, wo sie jetzt stehn, die Gedankenreihe auf-
fallend stören, an den Schluss des ersten Gedichts zu versetzen, wo
sie durch die pikante Fassung des Gedankens ihre rechte Wirkung
übten. Das zweite Gedicht: 'eine Phantasie des Dichters
auf Anlass einer bestandenen Lebensgefahr', beginne mit
den Worten: Dani alioa Furiae etc. Dass Horatius Schiffbruch er-
litten habe, sei aus mehreren Anspielungen gewiss und dem Dichter-
gebranch widerspreche es nicht, das, was beinahe eingetreten wäre,
nämlich dass er dabei umgekommen, als wirklich eingetreten vor-
zustellen. Auch könne me quoque im folgenden ohne ausdruckliche
Andeutung einer andern Person nur von dem Dichter selbst ver-
standen werden, weil ausserdem die der Poesie nothwendige Indivir
idualitat fehlen würde. Unter Furiae im Anfang des Gedichts dürfe
man nicht, dem Begriffe dieses Namens zuwider, blosse Mordgot-
tinnen denken, sondern es seien die Rachegeister des ermor-
deten Julius Caesar gemeint, welche die Mitschuldigen des Mor-
des und deren Anhänger verfolgten. Diese Beziehung gewinne an Be-
deutung, wenn man an die Ruckreise des Horatius ans Griechenland
nach der Schlacht bei Philippi denke, wofür auch der Umstand spre-
che, dass wir von keiner andern Seereise des Dichters wissen. Der
Redner äussert gelegentlich die Vermuthung, dass statt avidum oder avi-
äUy welche beide Lesarten ein müssiges Epitheton ergäben, alt in zu
lesen sei, welches eine passende Beziehung auf das vorausgehende
oZtos enthalten würde. Das Bedenken, welches gegen die vorgenom-
mene Trennung in zwei Gedichte aus der dadurch aufgehobenen Theil-
barkeit in vierzeilige Strophen hergenommen werden konnte, beseitigt
der Redner damit, dass er die beiden Gedichte gleichwie mehrere an-
dere als Horazische Elegien betrachtet, deren Form der Dichter nur
nach subjectivem Geschmack modificirt habe. Auf die Elegie aber sei
bisher ein solches Zahlengesetz nicht angewendet worden.
Auf die Einladung zur Discussion erhebt sich Director Eckstein.
Dem humoristischen Tone des Vortrags treu bleibend kleidet er seine
Bedenken in die Form von Zweifeln und Fragen eines wissbegierigen
Primaners. Erstens glaubt er, dass durch die Transposition der zwei
Verse kein besserer Schluss gewonnen werde, da doch nur derselbe
allgemeine Gedanke in anderer Form wiederkehre ; dann hält er es für
Ber. a. d. XII. Versammlung: deutscher Philol. u. Schalmftnner. 99
bedenklich) den Begriff der Elegie auf eine andere als die festbe-
stimmte Form auszudehnen; er will übrigens damit das dargebotene
neue nicht ganz abgewiesen haben ^ indem er, die angenommene Si-
tuation und die Beziehung auf ein Ereigniss aus dem Leben des Dich-
ters billigend) das Gedicht, dem er übrigens keinen grossen Werth
beimisst, als einen Monolog des Dichters selbst betrachtet. Bockh
erklart durch den Vortrag Doderleins ganz überzeugt worden zu sein,
findet auch in den zwei versetzten Versen keine blosse Wiederholung
des Yorausgehenden Gedankens, sondern sieht ein plus darin und be-
merkt in Bezug auf den Meinekeschen Kanon , dass derselbe auch auf
das Gedicht in seiner bisherigen Form keine Anwendung finden würde,
da die Verse desselben als 18 Distichen gezählt werden müssten, die
auch nicht durch 4 theilbar seien. Thiersch bleibt dabei, das Ge-
dicht als Monolog eines durch Schiffbruch verunglückten und unbe-
erdigten Seefahrers, dessen Schatten, ein Grab begehrend, noch am
Ufer umherirrte, zu fassen. Die Annahme liege nahe genug, dass
Horatius einmal an dem von ihm oft besuchten Strande seiner Venusi-
nischen Heimat den an das Ufer geworfenen Leichnam eines un-
glücklichen gefunden und an diesen jene Erwägungen geknüpft habe,
sie dem Schatten des nnbeerdigten in den Mund legend: ^dich, Ar-
chytas, deckt eine Hand voll Staub; mir ist das Grab noch versagt.*
Die vorgeschlagene Transposition sei durchaus zu billigen; dagegen
bedenklich, den Namen der Elegie hier anzuwenden, da die Alten an
den für die einzelnen Dichtnngs arten ausgeprägten Formen streng fest-
gehalten hätten.
Da die Kürze der Zeit eine Fortsetzung der Debatte nicht ver-
stattet, so behält Döderlein seine Erwiderung einer andern Gelegen-
heit vor und Prof. von Jan betritt den Rednerstuhl, um seinen an-
gekündigten Vortrag 'zur Ehrenrettung des M. Furius Biba-
culus ' zu halten. Der Redner beweist durch eine scharfsinnige Com-
bination , dass an der Stelle in der Vorrede des Plinius zur Nat. Hist.,
auf welche sich vorzugsweise die Annahme stützt , Bibaculus sei ein
Trunkenbold und Schlemmer gewesen, sowohl dem Zusammenhang ge-
mäss als nach handschriftlicher Autorität Fivaeulus gelesen wer-
den müsse, in dem Sinne, wie Plinius gleich darauf den nächtlichen
Fleiss als eine Verlängerung des Lebens bezeichnet. Doch möge der
Name Bihaculu» immerhin bleiben ; nur dürfe man daraus ebenso wenig
wie aus andern Familiennamen einen Schlnss auf die moralische Ei-
genschaft der Person machen. Anlangend die Stellen im Horatius, wo
des Dichters nicht eben mit Ruhm gedacht wird, so seien wohl die
Worte pingui ientU8 oma$o nicht von der Gefrässigkeit des Mannes,
sondern im Zusammenhang mit dem verspotteten Ausdruck von der
Gemeinheit seiner Redeweise, dem Mangel an eleganter Bildung sn
verstehn, wie derselbe durch das Epitheton turgidu9 an der andern
Stelle wegen seiner schwülstigen Ausdrucksweise getadelt werde.
Vor dem Schluss der Sitzung erbittet sich Prof. Forchhammer
das Wort, um der Versammlung einen Wunsch ansinsprechen. Br
1*
100 Ber. ü, d. XII. Versammlung d<$atscher Philol. o. Schulmänner.
empfiehlt eine concentrirtere Thatigkeit mit vereinten Kräften nnd
schlägt zu diesem Behufe yor» in der nächstjährigen Versammlung vor-
zugsweise die Mythologie und Aristoteles ins Auge zu fassen.
In der vierten Sitzung überreicht der Vorsitzende des Tages, Prof.
Nägelsbach, dem Hofrath Thiersch die in der vorigen Sitzung
beschlossene Addresse, mit einer Anrede an den gefeierten, in wel-
cher er dessen vielseitige Verdienste würdigt, mit besonderer Her-
vorhebung dessen, was er für das Gedeihn der Schule gethan habe.
In seiner Erwiderung bemerkt Thiersch, wie das Vertrauen zu der
Bildung, die sie, die Philologen, dem heranwachsenden Geschlechte
mittheilten, wieder allgemeiner zurückkehre und die einsichtigsten
überzeugt seien , dass in dieser Bildung die höchsten Güter der Mensch-
heit bewahrt würden. Er betrachte sich durch das verliehene Diplom
in die cohora veteranorum aufgenommen und werde auch in Zukunft
nicht versäumen , der gemeinsamen Sache , wo . er es vermöge , nach
Kräften zu dienen.
Hierauf folgt der Vortrag des Prof. Nägelsbachs 'eine An-
frage über den Ausgangspunkt der Fabel in der Aeschy-
leischen Orestie.* Der Redner bemerkt, dass die gewöhnliche
Sage, als habe Agamemnon durch Erlegung einer der Artemis geweih-
ten Hindin oder durch vermessenes Rühmen seiner Kunst als Schütze
den Zorn der Göttin auf sich geladen, keine Anwendung auf die Ae-
schyl. Poesie finde. Aber auch die Annahme 'versäumter Pflich-
ten der Frömmigkeit*, womit Schömann den Zorn der Artemis
begründen will , könne nicht befriedigen und verliere ihre Stütze, wenn
man, wie das unzweifelhaft richtig sei, mit Fuhr die anvqa tsgä in
der von Seh. angeführten Stelle Ag. 67 — 75 von der Schlachtung
deriphigenia selbst verstehe. Ebensowenig könne mit Seh. ein
zweiter Grund von dem Zorne der Artemis in der mit Frevel gegen
alles heilige verbundenen Zerstörung Trojas, welche die Göttin vor-
aussieht nnd als eine der stadtobwaltenden Gottheiten misbilligt, an-
genommen werden. Denn abgesehen davon, dass die Epode Vs. 140
— 145 mit dieser Auffassung nicht übereinstimmen würde, so fallen
diese Frevel mehr dem Heere als dem Haus der Atriden zur Last.
Um den Zorn der Artemis zu erklären müsse man aber eine Schuld
nicht des Heeres, sondern des Hauses suchen, nicht eine noch zu-
künftige, sondern eine vergangene, noch nngesühnte, eine
dem dsCnvov aercov verwandte, endlich eine, welcher die ge-
forderte Sühnung entspricht. Die Ansicht, welche der Red-
ner in seiner Schrift 'de religionibus Orestiam Aeschyli continentibus*
aufgestellt hat, dass nämlich unter dem Sstnvov dsroav das Sstnvov
Bviötov gemeint sei, scheine ihm auch jetzt noch, nach den Ein-
wendungen Schümanns, die richtige, da der Dichter mit den Worten
ofxflo ycr^ inifp^ovo^ "ji^rsf^ig absichtlich den Blick von den beiden
Brüdern Agamemnon und Menelaos, die allerdings unter den
Adlern gemeint seien, auf das ganze Haus lenke. Nicht den Indi-
viduen, sondern dem Geschlecht zürne die Göttin, nach dem un-
Ber. fi. d. XII. Versammlung deutscher Philol. o. Schnlminner. 101
Yerbrüchlichen Dogma der griechischen Theologie, daiis die nicht
gesühnte Schuld der Eltern auf die Kinder übergeht.
Warum aber gerade Artemis diesem Frevel zürnt, darauf gesteht der
Redner keine ihn befriedigende Antwort zu wissen, wenn man nicht
etwa annehmen wolle , dass diese Göttin sich einmal in der Sage vor-
fand und deswegen von Aeschylos nicht umgangen werden konnte , oder
dass die Beschaffenheit des Tom Dichter gewählten Zeichens auf Nen-
nung der Artemis führte. Die zwei Fragen, auf die sich der Redner
freundliche Belehrung von der Versammlung erbittet, formulirt er so:
warum zürnt Artemis dem Hause der Atriden, Und warum gerade
Artemis?
Thiersch glaubt, die Antwort auf diese Frage habe das Alter-
thum selbst durch die Verschiedenheit der Deutung bereits gegeben:
man weiss es nicht. Man habe hier wie in andern Fällen einen
Versuch zu erkennen, die alte harte Form der Ueberlieferung auf ein
sittliches Motiv zurückzuführen. In der Nahe des Golfs von Aulis,
wo das Heer der Griechen durch den Nordsturm zurückgehalten wird,
habe Artemis ein uraltes Heiligthum besessen, in dessen Bereich sich
also das Heer befunden habe. Die Göttin sei die alte taurische Ar-
temis gewesen, an deren Altar noch zu des Pausanias Zeiten Knaben
blutig gegeisselt worden seien. Eine längere Discussion erlaubte die
Kürze der heute zugemessenen Zeit nicht. Aus demselben Grunde zog
Hofrath Thiersch den angekündigten Vortrag *über die Verbindung
von Rhythmus und Metrum bei der Recitation griechischer und latei-
nischer Gedichte^ zurück, und nachdem die Orientalisten in den Saal
eingetreten waren, hielt der Vicepraesident die Schlussrede.
Nach dem Schlüsse der ersten Sitzung hatten sich auf Einladung
des Praesidenten diejenigen Mitglieder, welche zur Bildung einer pae-
dagogischen Section geneigt waren, in dem Gymnasialgebäude einge-
funden und Ephorus Bäum lein übernimmt auf die Bitte der Ver-
sammlung den Vorsitz. Zunächst wurde die Tagesordnung für die
weiteren Verhandlungen festgesetzt, die fast ausschliesslich der Frage
über das Verhältniss der classischen Studien zum Chri-
stenthum, der gelehrten Schule zur Kirche gewidmet waren.
Die Anregung zur Besprechung dieses Gegenstandes gab Prof. Wiese
aus Berlin, der in Berücksichtigung des Umstandes, dass in neuster
Zeit mehrfach die Einrichtung christlicher , d. h. specifisch christlicher
Gymnasien gefordert und zum Theil bereits ins Werk gesetzt worden,
und in Hinblick auf die Verhandlungen des Elberfelder Kirchentages,
der sich ebenfalls mit dieser Frage beschäftigt habe, von der Ver-
sammlung deutscher Philologen und Schulmänner ein Zeugniss wünschte,
dass unsere gelehrten Schulen auch in ihrem jetzigen Bestände nicht
auf das Praedicat christlicher Schulen verzichten. Eckstein erklärt,
dass er in der Organisation der neugegründeten Anstalt von Güters-
loh, der er besondere Theilnahme zu widmen habe, weil drei seinen
früheren Collegen dahin als Lehrer (Rumpel als Vorstand) geganger
seien, bis jetzt etwas neues und eigenthümiiches nicht zql «ckJ^x^c^Jä^.
102 Ber. tt. d. XII. Versammlung deutscher PhiJol. u. Schulmänner.
▼ermocht habe, und auch A.H. Francke, dem doch keiner das Prae-
dicat christlich absprechen werde , sei nicht darauf ausgegangen,
an der von ihm in wahrhaft christlicher Liebe gegründeten und ge«
leiteten Schule zahlreiche Reiigionsstunden und Andachtsnbungen ein-
zuführen; ja das realistische Principe das häufig als ein unchristliches
bezeichnet werde, müsse auf ihn zurückgeführt werden. Der Vor-
sitzende wird ersucht, zum Behuf einer bequemeren Besprechung das
Verhältniss der classischen Litteratur zu dem Christenthum in einigen
kurzen Sätzen zusammenzufassen und diese der morgenden Discussion
zu Grunde zu legen.
Die von dem Vorsitzenden der Versammlung in der zweiten
Sitzung Yorgelegten Satze lauten ihrem wesentlichen Inhalte nach da-
hin: *Die classische Litteratur steht an und für sich in keinem feind-
lichen Verhältniss zum Christenthum, ist vielmehr ihrem religiösen
Gehalte nach als Vorstufe des Christenthums , als ein Suchen und
Ahnen der Wahrheit, zu betrachten, in ihrem übrigen Gehalte als
die schöne Entfaltung einer wesentlichen Seite der Hu-
manität, die sich mit christlichem Glauben harmonisch yerbinden
kann. In dem Lehrer sohliesst daher der lebendige christliche Glaube
die Liebe zu der Humanität nicht aus , die sich in der classischen Lit-
teratur offenbart; ausgeschlossen ist nur eine gegen das Christenthum
feindlich gerichtete Liebe des griechischen und TÖmischen Wesens und
Glaubens, ebenso wie eine hochmüthige Verachtung heidnischen Glau-
bens« Die Liebe zum Christenthum schliesst ferner die Liebe zur
Kirche in sich, welche uns die Segnungen des Christenthums ver-
mittelt ; der Lehrer kann sich daher nicht von der Kirche eigenmäch-
tig lossagen, ohne besorgen zu müssen, dass das Band mit dem Chri-
stenthum selbst gelöst werde. In der gelehrten Schule soll das Chri-
stenthum die Seele sein und die Norm, an welcher das andere in
seiner Bedeutung für das innerste Leben gemessen wird; doch sollen
die übrigen Lehrgegenstände, und so auch der classische Unterricht in
ihrem eigenthümlichen Wesen erhalten und behandelt, nicht vom Re«
ligionsunterricht verdrängt und absorbirt werden; ebenso wenig er-
scheint eine Vermehrung des Religionsunterrichts im Interesse der
christlichen Religion nothwendig und zur Befestigung des christlichen
Glaubens förderlich.* Diese Sätze werden in der vom Vorsitzenden
aufgestellten Fassung, zum Theil ohne Discussion angenommen und
zum zweiten Gegenstand der Tagesordnung übergegangen, au der
Frage 'über die Vorbildung auf den Gymnasiallehrer-
stand.' Wiese, der die Frage aufgestellt hat, wünscht, vor allem
eine Erklärung darüber, wie der Lehrer fähig werde, in christlichem
Sinne den Unterricht und besonders den Religionsunterricht zu er-
theilen; und dann wie der Lehrer sich überhaupt am zweckmässigsten
auf seinen Beruf vorbereiten könne. Bezüglich des ersten Theiles der
Frage stellen Nägelsbach und Roth die Forderung, dass der künf-
tige Gymnasiallehrer auf der Universität einige theologische Haupt-
collegien, wie Exegese und Dogmatik, höre. Bezüglich des zweiten
Ber« fl. d. XII. Versatamlang deutscher Philoi. n. Schalmfinner. 103
Theilea verlangt Eckstein ausser der wissenschaftlichen Yorbfldnng,
welche die Universität bietet, eine praktische, fnr welche die philo^
logischen Seminarien nicht ausreichend seien. Dazu gehöre ein prak-
tischer Cnrsas an einem Gymnasium selbst, für den aller-
dings bereits zweckmä>'8ige Vorschriften bestunden , die aber nicht im-
mer zur rechten Ausführung gelangten. Auf Ersuchen Ecksteins gibt
hierauf Geffers Auskunft über die Einrichtung dea paedagogischen
Seminars in Gottingen, das aus zwei Sectionen, einer theoretischen
und praktischen, jene unter Leitung Hermanns , diese unter seiner, des
Redners, Leitung bestehe; die Mitglieder der zweiten Section würden
mit zwölf wöchentlichen Unterrichtsstunden in den mittleren und un-
teren Classen beschäftigt. Auf den Vorschlag Ecksteins werden "zwei
Commissionen eingesetzt, von denen die eine, aus Wiese, Roth und
Nagelsbach gebildet, den ersten Theil, die andere, aus Eckstein,
Geffers und Krüger bestehend, den zweiten Theil der Frage in
bestimmten Sätzen zur Erörterung bringen und der Versammlung in
der nächsten Sitzung vorlegen soll.
In 4er dritten Sitzung referirt Wiese über die von der ersten
Commission aufgestellten Thesen. Die erste Thesis wird auf den
Antrag mehrerer Mitglieder in folgender modificirter Fassung ange-
nommen : ' der Religionsunterricht ist ein integrirender Theil des Lec-
tionsplanes der höheren Schule: doch soll, sofern bei andern Lehrge-
genständen Locationen stattfinden und Preise vertheilt werden, dies
auf den Religionsunterricht nicht ausgedehnt werden.* Die zweite
Thesis wird nach kurzer Discussion in der von der Commission ge-
wählten Fassung genehmigt: 'der Zweck des Religionsunterrichts ist
die Erweckung der Religiosität durch das Mittel der den Schülern
mitzutheilenden religiösen Kenntnisse.* Die dritte und vierte The-
sis erhalten folgende Fassung: 'der Religionsunterricht wird nach
dem Bekenntnisse derjenigen Kirche gegeben , welcher die Schüler an-
gehören.* ' Es ist in jeder Art zu erstreben , dass derselbe durch or-
dentliche Lehrer des Lehrer-Collegiums besorgt werde, sofern sie die
erforderliche Qualification dazu besitzen; im andern Falle wäre der
Unterricht qualificirten Geistlichen zu übertragen.* Die f ü n f t e Tl^e-
sis lautet: 'die Candidaten des höhern Schulamts, welche den An-
spruch machen, Classenlehrer (Ordinarien) zu werden, haben sich über
die Benutzung exegetischer und dogmatischer Vorlesungen auszuwei-
sen.* Die sechste Thesis endlich wird in folgender Fassung geneh-
migt: 'es ist zulässig, dass geprüfte Candidaten der Theologie , wenn
sie die Befähigung in einem Hauptobject des übrigen Schulunterrichts
oder die allgemeine mindestens für die mittleren Classen nachgewiesen
haben, ordentliche Lehrer sein können.'
In der vierten Sitzung referirt Eckstein Namens der zweiten
Commission. Die erste und zweite Thesis werden ohne Discussion
in der proponirten Fassung angenommen: 'die wissenschaftliche Aus-
bildung erlangt der künftige Gymnasiallehrer auf der Universität. Für
diese einen festen Studien-Cursus vorzuschreiben ist unzulässig. In
104 Ber. fl, d. XII. VerMmmlung deutscher Philol. u. Schulmänner.
den Kreis desselben gehört a) neben einer Uebersicht über das ge-
sammte Gebiet der Alterthnmswissenschaft vornehmlich die gramma-
tisch-kritische Seite derselben, insbesondre in ihrer Anwendung auf
die Bedürfhisse der gelehrten Schulen; b) das Studium der deutschen
Sprache und Litteratur; c) Geographie und Geschichte; d) Philoso-
phie und Paedagogik.* 'Die Prüfung über die wissenschaftliche Tüch-
tigkeit steht in der Regel den akademischen Lehrern zu.' Der Bei-
satz ' in der Regel ' wird erläutert als in Rücksicht auf solche Lander
gesetzt , die keine Universität haben , auch nicht die Universität eines
Nachbarlandes als Landes-Universität betrachten. Die dritte The-
sis wird nach einigen Modilicationsvorschlägen in folgender Fassung
genehmigt: 'für die praktische Ausbildung der Candidaten wird an
dazu geeigneten Gymnasien, mögen eigne Seminarien (jedesfalls ohne
oonvictorische Einrichtung) damit verbunden sein oder nicht , in einem
der Regel nach zweijährigen Cursus gesorgt.' Die vierte Thesis
wird in der ursprünglichen Fassung angenommen: 'von besonderer
Wichtigheit für dieselbe ist zunächst aufmerksame Beobachtung der
Methode tüchtiger Lehrer und die eigne Uebung unter Leitung der-
selben.' Ebenso die fünfte: 'erst nach der Vollendung dieses Cur-
sus erfolgt eine Prüfung über die praktische Befähigung der Candi-
daten durch eine besonders aus Schulmännern gebildete Commission.'
Die Zeit erlaubte nicht, die noch übrigen Gegenstände der Ta-
gesordnung zur Besprechung zu bringen. Nur wird noch nach kurzer
Erörterung die Erklärung abgegeben, 'dass zur Befestigung in der
Kenntniss der griechischen Grammatik die Schreibübungen durch alle
Classen des Gymnasiums beibehalten werden müssen.' Darauf trennt
sich die Versammlung, nachdem Director Krüger an den Vorsitzen-
den Worte des Dankes für seine treffliche Leitung gerichtet.
Mit diesem übersichtlichen Bericht verbinden wir die Anzeige,
dass der Druck der Verhandlungen nach manchen Verzögerungen, deren
Beseitigung nicht in der Hand der Redaction lag, nunmehr vollendet
ist. Es sei vergönnt, da sich keine andre Gelegenheit bot, hier das
Verdienst hervorzuheben , das sich Hr. Candidat Le ebner, gegen«
wärtig Aushilfslehrer an hiesiger Studienanstalt , um die kalligraphi-
sche Ausführung der den Vorträgen Bipparts und BÖckhs beigegebnen
lithographirten Tafeln erworben hat. Derselbe hat, um dem der Re-
daction von Mitgliedern des Vereins ausgedruckten Wunsch zu ge-
nügen, die Anfertigung eines Generalindex über das zweite Lustrum
der Versammlungen übernommen, der von der Verlagshandlung mit
den Verhandlungen der zwölften Versammlung versendet werden
wird.
Ef V«
Auszüge aus Zeitschriften. 103
Auszüge aus Zeitschriften.
ZeiUchrift für die jilterthumswitsenachaft herauageg, von Bergk
und Caesar. X. Jahrg. 1852. Is Heft. Verhesserungen und Erläute-
rungen zum achten Buche Strabons, von Ernst Curtius (S. 1— 6).
•— Emendationes Taciteae, scr. Rob. Unger (S. 6 — 8, zu den letz-
ten Büchern der Annalen). — Beiträge zur Lehre von den griechi-
schen Dialecten, von Theodor Bergk. J. (S. 9 — 15: in des Hippo-
krates Brief bei Xen. Hell. J, 1, 23. Plut. Alcib. 28 wird iQQSt vä nocXa
em^ndirt, dnsöaova gegen Ahrens de dial. Dor. p. 147 gerechtfertigt
und das Fragment des Epilycus bei Athen. IV, 140 A nach den Comm.
de com. Att. ant. p. 431 ff. von neuem behandelt). — Kritische Aeh-
renlese, yon W. Wagner (S. 15. 16, über Fragmente des Sophokles
bei Stobaeus, Photius und im Etym. Gud.). — Der Römische See-
fahrer Statins Sebosus, von F. F. Hu dem an n (S. 17—23: lebend
ums J. 72 Y. Chr., erwähnt bei Cic. ad Att. II, 14, 2. 15, 3 und bei
Plinius unter den Quellen seiner Nat. Hist., Entdecker der insulae
fortunatae, Convallis [Teneriffa] und Planaria [Canaria], Reisender
in Aegypten und den indischen Meeren). — Ueber die Bedeutung von
pax mit besonderer Beziehung auf Tac. Ann. II, 26, von J. Becker
(S. 23 — 28: pax sei gleichbedeutig mit römischer Bildung und Civili-
sation, wie sie nur unter der Behaglichkeit des Friedens gedeihn
konnte und allein möglich gedacht wurde). — Rec. von Böckhs
Staatshaushahung der Athener. 2e Aufl. Ir Band (Berlin 1851) , von
Yömel (S. 28—39: eingehende Berichterstattung über die Bereiche-
rungen der neuen Auflage im ersten Buche mit eignen Bemerkungen,
namentlich über die Metronomen, über die Stelle des Demosthenes
Nicostr. S. 1 und über die Symmorienverfassung). — Rec. von K. O.
Müllers Handbuch der Archaeologie der Kunst. 3e Aufl. mit Zu-
sätzen von F. G. Welcker (Breslau 1848), von K. B. Stark. Ir Ar-
tikel (S. 39 — ^78: abgesehn von dieser neuen Bearbeitung fordere das
Werk selbst durch seine Stellung zur Wissenschaft und zu dem ar-
chaeologische Studien treibenden Publicum zu immer erneuter Prüfung
auf; es werde in einer nächsten Bearbeitung manche bedeutende Um-
wandlung zu erfahren haben, wozu der Rec. Vorstudien vorlegt in
Rücksicht auf die Anordnung des Stoffs, praecise, knappe und doch
scharfe Formulirung, maassvolle dem Verhältnis der Theile zur Wis-
senschaft entsprechende Vollständigkeit und Richtigkeit der Thatsachen.
Hieran knüpft der Rec. Nachträge zu der neuen Bearbeitung , nament-
lich über das archaeologische Studium in Deutschland im 16. Jahrhun-
dert, das Heraion von Samos, das Verhältnis der Kunst zur Tyran-
nis seit etwa Ol. 100, den Satyros des Praxiteles, den lalysos (mit
dem Hunde) des Protogenes und den ausruhenden Satyr desselben Mei-
sters , die als zwei verschiedne Gemähide nachgewiesen werden., über
den Mahler Aetion (oder 'Hstimv) , der in die Mitte des 4. Jahrh. v.
Chr. gehöre und mit dem d^r angebliche Echion bei Cic. Brut. 18.
106 Aussage aus Zeitschriften.
Farad. 5, 2. Plin. XXXY, ?• 0. 32 identisch sei u. s. w.)« — Rec. yon
E. Egger essai sur Thistoire de la critique chez les Grecs, suivi de
la Po^tique d'Aristote et d^extraits de ses problömes (Paris 1849) von
Grafen han (S. 78—96*: das Bach, eine Geschichte der Aesthetik
bei den Griechen, sei eine dankenswerthe Arbeit, sowohl geeignet
demjenigen als Einleitung and Leitfaden zu dienen, der sich mit jener
Geschichte Tertraut machen wolle, als aach demjenigen, der mit dem
Gegenstand rertraat sei, eine angenehme Repetition gewährend).
Rheinisches Museum für Philologie herausg. von Welcher^ Ritschl^
Bemays. Neue Folge. VIII. Jahrg. Is Heft. Richard Bentleys Brief-
wechsel, Ton J. Bernays (S. 1 — ^24: Anfang einer Reihe von Aus-
zügen aas dem 1842 in London erschienenen zweibändigen Werk: The
eorrespondance of Richard Bentleyy von dem nur 250 Exemplare ab-
gezogen sind , betr. Bentleys Meinung über die Homerische Frage und
Emendationen zu Ovids Tristien, Yalerius Flaccus, Horaz, Terenz,
Sueton mit Anmerkungen des deutschen Bearbeiters). — Studien zu
den romischen Komikern, von W. Teuf fei (S. 25—50: betr. die
Zeit der ersten Aufführung, die Contamination und Composition meh-
rerer Plantinischer und Terentischer Stücke). -^ Zur Charakteristik
des Plantus , nach Mittheilung der Red. von einem ^ denkenden Freunde
des Alterthums, der nicht zünftiger Philolog ist' (S. 51 — 69: eine po-
puläre Würdigung sämtlicher Plautinischer Comoedien , von denen die
Aulularia als eigentliches Charakterstück , die Menaechmen als Zufalls-
comoedie, Amphitruo als mythologische Comoedie, die übrigen als In-
trigaenstücke bezeichnet werden, unter welcher Benennung auch die
Captivi, Trinummus, Rudens und Cistellaria als rührende Dramen und
Familienstücke mit umfasst werden). > — Das Verzeichnis der Werke
des Orpheus bei Saidas, von B. Giseke (S. 70—121: alle Schrift-
steller des Alterthums waren darüber einig , dass die orphischen Schrif-
ten nicht von dem alten Orpheus verfasst seien; Aristoteles gibt selbst
als den wahren Verfasser wenigstens einer derselben, der rslSTai, den
Onomakritos an; es haben auch im Alterthum Hymnen unter dem Na-
men des Orpheus existiert, aber diese sind verloren gegangen; die
uns erhaltnen s. g. Hymnen sind nach des Verf. Vermuthung Theile
des nach Piaton de rep. U. 364 E von Gauklern und Wahrsagern um-
hergetragnen oiiadog ß^ßloiv Movaaiov %olI 'Oqtpioii , %aQ'' ccg d'vrjno-
Xovai, und zugleich identisch mit dem von Suidas unter Orpheus Na-
men genannten ovoiiaatiTiov inri ctg. Das von Tzetzes dem Orpheus
beigelegte Werk unter verschiednen Titeln: l^y«, yfco^yi'a, SrndsTiccs-
trjQiSBg, ist nichts anderes als das noch heute, aber nicht vollständig
vorhandene Gedicht des Philosophen Maximos nsQl xaTa^;i;(»y, verfasst
ums J. 360 n. Chr., ungefähr gleichzeitig mit den Argonantika. Eine
Reihe orphischer Schriften wurde auch von Pythagoreern verfasst, so
der tsQOs Xoyog in 24 Rhapsodien von dem Thessaler Theognetos, nach
Epigenes aber von Kerkops (Cic. de n. d. I, 38), einem der altern
Schüler des Pythagoras, dem auch i} dg ^8ov natccßccaig beigelegt
wird, andere von Brontinos von Metapont, Zopyros von Herakleia
Auszüge aus Zeitschriften. 107
u. a. Zum Schluss gibt der Verf. das Verzeichnis bei Suidas * we-
nigstens von den gröbsten Irthümern gereinigt'). — Epigraphische
Nachlese, YonL. Ross (S. 122 — 129: nnedierte Inschriften oder Frag-
mente von solchen aus des Verf. Tagebüchern aus Griechenland). —
Miscellen. Mythologisches. Broteas, des Tantalos Sohn, von Ed.
Gerhard (S. 130 — 133: eine yermittelnde und nicht durchaus durch-
gedrungne Sage habe , um die Schmach als Götterkost zu dienen von
Pelops, dem Ahnherrn der griech. Heldensage, abzuwälzen, dieselbe
auf einen übrigens verschollenen Bruder desselben, Broteas, über-
tragen, dessen Name einen von der ErdgÖttin 'gekosteten' (ß^anog')
bezeichne). — Topographisches. Sikelia bei Athen, von E. Curtius
(S. 133 — 137: der Hügel Sikelia, TQioxsXijg X6q>0£, sei der zwischen
dem Piraeischen und dem Itonischen Thore Tom Museion gegen Süd-
westen vorspringende Felshügel gewesen, um dessen südlichen Rand
sich das Ilissosbett herumwindet; bei Paus. I, 28, 3 wird 'AnaQvaviav
in 'AQxadcav emendiert). — Archaeologisches. Parallelbilder aus dem
trojanischen Kriege nach Virgil, von L. Lersch, mit Nachwort von
F. G. Welcker (S. 137—142: die von Virgil Aen. I, 455—493 be-
schriebne Bilderreihe in dem karthag. Junotempel habe aus vier einander
entsprechenden Paaren bestanden). — Handschriftliches. Unedierte
Schollen zu Homers Ilias, von E. Mehl er (S. 143—146: von Villoi-
son übersehne oder falsch gelesene Schollen aus cod. Ven. B). — Zur
Kritik und Erklärung. Zu Pindar, von Th. Bergk (S. 147—150:
Fragm. 2 der Paeane wird emendiert : xgvasai d' i^vnsQ9'* alsxov || asi-
dov KrjXriSovsg und daran eine Bemerkung geknüpft über die Bild-
werke des Bupalos und Athenis , mit denen Augustus den palatinischen
Apollotempel in Rom schmückte, Prop. II, 31, 7 von B. jetzt so
emendiert: Tecto Solia erat etc.). — Plautinische Excurse, von F. R.
(S. 150 — 159 "*: 17. weitere Begründung der von Ritschi für den
Piautinischen Gebrauch vermutheten Form tarpezita statt trapezita
durch analoge Fälle der Metathesis des r*) und Ankündigung von
demnächst zu veröffentlichenden Entdeckungen im Piautinischen Vers-
und Sprachbau, 'die geeignet scheinen, auf die geschichtliche Ent-
wicklung des alten Latein mehr als ein Schlaglicht zu werfen.' 18.
Widerlegung der von Lachmann zu Lucr. VI, 552 aufgestellten Be-
hauptung, dass aqua auch von den scenischen Dichtern dreisilbig ge-
braucht worden sei. 19. Nachträge zu frühern Excursen über aubli-
men, hau (vor Consonanten) , poste und poaquamy pro88um und rua-
8um, poatidea antidhac antideo y benificus neben beneficuSy das Impe-
rativische ^ in der Zusammensetzung mit dum, 20. Beweis dass «t-
mUi8 bei PI. und Ter. nur mit dem Genetiv verbunden vorkomme). —
Zu Lucretius, von J, Bernays (S. 159 ♦. 160*: I, 657 am Schluss
emendiert: contraria amuir«tm).
^) Hinzufügen lässt sich noch tccQtpvg neben tffatpSQog und aus dem
Kreise griechisch-lateinischer Verwandtschaft (p^dy-win {(pQaaaaii) ne-
ben fare-io. A. F*
108 ' Auszüge aus Zeitschriften.
28 Heft. Dis Kosmographie des Kaisers Augustns und die Com-
mentarien des Agrippa, von Chr. Petersen (S, 161 — ^210: der von
Ritschi im Rh. Mus. N. F. I. S. 481 ff. entwickelte Zusammenhang
der Kosmographie des s. g. Aethicus mit der Vermessung des römi-
schen Reichs unter Augustus und der Weltkarte des Agrippa wird
bestätigt und näher bestimmt durch Berücksichtigung einiger mittel-
alterlichen Werke , deren Verfassern vollständigere Handschriften jener
Kosmographie vorgelegen haben , als die uns bekannten sind. Die dem
Verf. zugänglich gewesenen Handschriften werden aufgezählt und ge-
würdigt und daran die Aufforderung geknüpft, die Aufmerksam-
keit darauf zu richten, ob nicht unter Julius Caesars, Augu-
stus Octavianus oder Julius Honorius Namen geogra-
phische Werke vorhanden seien. Sodann Untersuchungen über
den Vermessungsbericht und die Verbindung der Vermessung mit dem
Censns um Christi Geburt und der Zählung, ferner Beiträge zur Be-
richtigung und Ergänzung des Orients, Occidents, Nordens und Sü-
dens, endlich über das Verhältniss des zweiten Theils (^des er ipiio) zum
«rsten (ea;posttto) , deren ursprüngliche Einheit nachgewiesen wird).
— Ueber zwei Scenen im Ajas des Sophokles, von Robert Enger
(S. 211 — 220: I. mit Vs. 595 trete nicht Aias mit Tekmessa von der
Bühne ab, auch sei nicht mit Welcker eine stumme Scene zwischen
beiden während des Chorgesanges anzunehmen, sondern in der ganzen
Scene von Vs. 546 — 595 erhalte Aias in seinem Zelte einen Besuch
von dem Chor, was die Bedeutung des Ekkyklems in dieser Scene sei;
nach Vs. 595 bleibe Tekmessa mit Eurysakes auf der Buhne und Aias
werde den Blicken der Zuschauer wieder entzogen, d. h. der Chor,
der ihn besucht hatte , entferne sich wieder , die Scene sei wieder die-
selbe wie vor Vs. 346. II. In der Scene, wo Aias sich den Tod gebe,
sei die Annahme eines vollständigen Scenenwechsels nothwendig, die
Zelte verschwinden und an ihrer Statt stelle die Scenenwand den
Strand des Meeres dar. Zum Schluss noch einige Bemerkungen über
die Rollenvertheilung in dem Stücke). — Beiträge zur lateinischen
Grammatik. II. Zur Etymologie und Orthographie, von Alfred
Fleckeisen (S. 221—233: rationelle Nachweisung der Richtigkeit
der in den ältesten und besten Handschriften überlieferten Schreibun-
gen setiu» [neben sectius und a^quiu»; secius, wie gewöhnlich ge-
schrieben werde , sei nichts] , suspitio , convitium [entstanden aus con~
vocitium, der Uebergang von <j in Y durch Analogien gerechtfertigt,
zu denen man noch Patricolea = IlaTQO'iiXTJg hinzufügen möge] , litera,
eotioy indutiae [bei Gell. I, 25, 17 wird verbessert quasi induitiae ;
vergl. dazu die Glosse bei Paulus Festi p. 76: endoitiumy initium],
Etymologie des Verbum niti), — Ueber das Imperfectum in den In-
schriften griechischer Künstler, von H. Brunn (S. 234 — 251: von
Bildhauerinschriften sei unter den nahezu 50 uns bekannten Beispielen
des Imperfectum inoiSL keine älter als etwa Ol. 150—160, die Ein-
führung des Imperf. falle also zusammen mit dem Ende der griechi-
schen Selbständigkeit und der Uebersiedeiung der griechischen Kunst
Auszüge aus Zeitschriflen. 100
nach Rom; diese Theorie finde auch Anwendung auf die Steinschnei-
der ausgenommen etwa die Münzenstempelschneider ; unter den Fa-
brikanten und Mahlern der Vasen finde sich das Tmperf. nur von den-
jenigen angewendet, die in dem entwickeltsten oder in einem nachge-
ahmten Stil arbeiteten, woraus der Schiuss gezogen wird, dass zur
Zeit der Zerstörung Korinths die Vasenmahlerei noch nicht unterge*
gangen war, und zwar auch in Etrurien nicht). — Zu den Fragmen-
ten des Berosos und Ktesias, von A. v. G. (S. 252 — 267: I. über die
Liste der babylonischen Dynastien aus Berosos chaldaeischer Ge-
schichte 5 die vierte Dynastie habe von 2234 — 1976 v. Chr. geherrscht,
was erwiesen wird durch die von Simplikios erhaltne Nachricht des
Kallisthenes und durch die von Berosos überlieferte Summe der Jahre
aller babylonischen Dynastien. II. Es wird an einigen Beispielen aus
der ältesten assyrischen Geschichte gezeigt, dass die Nachrichten des
Ktesias nicht unbedingt verworfen werden dürfen, sondern dass sie
vielmehr, freilich nach vorhergegangner kritischer Sichtung, gar wohl
zur Beleuchtung und Bestätigung der Nachrichten der chaldaeischen
Historiker angewandt werden können). — Beiträge zur Geschichte der
griechischen Sophistik, von J. Frei. III. (S. 268 — ^279: fiber das
Verhältnis des Gorgias zu Empedokles; das Ergebnis der Untersu-
chung ist dieses: Gorgias war ein Schüler des Empedokles; die bei-
derseitigen Lehren dieser Philosophen jedoch zeigen, so weit sie uns
bekannt sind, keinerlei auch nur einigermassen wesentliche Berüh-
rungspunkte). — Miscellen. Litterarhistorisches. Epicharmos und der
Av^avoiisvog Aoyog, von J. Bernays (S. 280 — 288: das von Dioge-
nes Laert. III, 10 aufbewahrte ziemlich umfangreiche Fragment des
Epicharmos, dessen angefochtne Echtheit durch Chrysippos constatiert
wird, wird für die Geschichte der griechischen Philosophie ausge-
beutet, indem daraus erwiesen wird, dass das Werk desHeraklit spä-
testens in der zweiten Hälfte der 70ger Olympiaden zn allgemeiner
Verbreitung gelangt sei, ferner dass die wörtliche Fassung und komi-
sche Einkleidung des Gedankeninhalts durch Epicharmos in den spä-
tem Schulen maassgebend geworden sei für die Behandlung der ganzen
grossen Frage vom Zunehmen und Abnehmen in ihren Beziehungen zum
Entstehn und Vergehn und zur beharrenden Identität der Persönlich-
keit, indem der Av^ccvofievog Aoyogy d. i. ein veranschaulichendes
Exempel des dialektischen Problems über Vermehrung und Verminde-
rung, auf jenes Fragment zurückzuführen sei). — Epigraphisches. Sa-
turnische Grabschrift, von F. R. (S. 288: neulich an der via Appia
ausgegraben; sie lautet:
Hoc ^st factum monum^ntum Mäarcö Caicilio.
Hosp^s, gratum 4st qnom apüd meas r^stitistei s^edes.
Bene r^m geräs et uäleas: dörmiäs sine qiira.)
— Handschriftliches. Zur Kritik des Terenz, von F. Ritschi (S.
289—292: um den übertriebnen Erwartungen derer zu begegnen, die
etwa durch eine Andeutung Bernhardys in der neuen Ausgabe seiner
römischen Litteraturgeschichte S. 395 veranlasst sich wesentliche Ver-
110 Auszflge aus Zeitsohriften.
beiserungen des Terenztextes Ton einer 'sehr alten* Pariser Hand-
schrift versprechen mochten, Terö£fentlicht R. eine ihm von H. Keil
mitgetheilte Probe der z^ei ältesten , d. h. allein alten Pariser Te-
renzhandschriften , des ^Cod. Reg. 7899 membr. sec. X' und des 'Cod.
Paris. Sorbon. &07 membr. sec. X ex. yel XI ', in Zusammenstellung
mit den Varianten des Bembinns, Vaticanus, 3asilicanus und Ambro-
sianns , woraus herrorgeht, dass weder eine Collation derselben noch
die Bekanntmachung einer solchen die darauf gewendete Mähe lohnen
wurde). — Grammatisches. Zur Etymologie, Ton L. Ross (S. 292—
297: adtp» = dloKpil^ lingua (dingud) = fp^oyyrjy littera :=: ditp^i-
iftt; Einschiebung eines Digamma vor dem Endvocal: atrenuus, mu-
iuu8^ Hatua, helluo etc.; /ocus = ^«hos, famulua = 9'€cla(iogy frin-
gilla von 9'Qiy%6q^ fömax = 06ffvaiy filius z=z vtog, aolua = olog}.
— SirempB in der lex Rubria, von F. Ritsch 1 (S. 298 — ^304: siremps
komme nur vor in den Formeln airempt lex eato oder airempa iua lex-
que eaio oder airempa lex iua cauaaaque eato; das S. RES. LEX. IVS.
CAVSSAQVE und S. L. R. I. C. Q. in der lex Rubria 2e Col. Z. 10
und 40 werde also wol nur auf einem Misverstandnis des Graveurs
beruhn. Die drei über sirempa handelnden Stellen des Charisius, p.
73. 118. 116 werden mehrfach verbessert und die Handsche Herlei-
tung des Wortes aus dem demonstrativen ai (wovon ja st-ce aio nur
Verstärkung sei) rea und pae für die einzige annehmbare erklart, der
Zutritt des m sei ein rein phonetischer und airepa in der ersten Stelle
des Charisius sei nicht Schreibfehler, sondern alte echte Ueberliefe-
rai^€[)« — Metrisches. An Herrn Prof. Heimsoeth, von Lehrs (S.
304—306 : kurze Erwiderung auf Heimsoeths Schreiben an Lehrs 'über
die neueste metrische Theorie' im Rhein. Mus. N. F. VII. S. 622 ff.).
— Zur Kritik und Erklärung. Zu Plautus, von E, (S. 306. 307:
Men. 571. 572 [IV, 2, 1. 2] werden nach Ausscheidung von Glossemen
so hergestellt: Vt höc utimür maxumi more mdro^^^Atque üt, quique
aünt optumi, morem habSnt hunc. Vs. 575 wird quoimodi statt quo-
iuamodi empfohlen). — Cicero über die Servianische Centurienver-
fassung, von F. Ritschi (S. 308—320: über Cic. de rep. U, 22,39;
in der Hitze des Wunsches, ans dieser Stelle ein brauchbares Zeug-
nis in der Sache zu gewinnen, habe man Sprachunmoglichkeiten
übersehn, die einzeln hervorgehoben werden; auch mit der Behaup-
tung, die zweite Hand müsse unbestritten die Grundlage jeder Be-
handlung der Stelle bilden, habe man sich den Weg zur Erkenntnis
der Wahrheit, soweit diese erkennbar sei, geradezu abgeschnitten,
dieselbe biete nur eine stümperhafte Interpolation. Alle frühem Her-
stellungsversuche der Stelle seien unmöglich, möglich wenigstens sei
folgender: Nunc rationem videtia eaae talem, ut equitum eenturiia cum
aex auffragiia et primae claaaiy addita eenturia quae ad aummufn
uaum urhia fabria tignariia eat data , octo centuriae aolae ai aceeaae^
runt , confecta eaaet via populi univetaa , reliquaque multo maior mui-
titudo aex et nonaginta centuriarum (tot enim reliquae aunt) neque
exeluderetur auffragiia ne auperhum eaaet, nee vaUret nimia ne eaaet
Erinnerung an Lachmann. 111
perieuloaum. Ob übrigens Cicero selbst so geschrieben , .wer könne
es wissen? R. habe nur zeigen wollen , was er ganz bestimmt nicht
geschrieben und was Jahrhunderte nach ihm in nicht gefälschten Hand-
schriften seines Werkes gestanden haben könne , ja mit Wahrschein-
lichkeit gestanden habe. Gelegentlich wird von der Form quattor^
wie der Codex statt quattuor biete, nnd der aus Dichterstellen sich
nothwendig ergebenden Zweisilbigkeit dieses Zahlworts gehandelt).
Anf Veranlassung einer Broschüre unter dem Titel: ^Sendschrei-
ben Karl Lachmanns an die Philologen und deutschen Sprachforscher
ausgegeben an dessen Todestage (den Xni März) von Dr. K. 6. J.
Förster. Berlin 1852 Verlag von Th. Grieben.' 8. 24 S. erschien
in dem Feuilleton der Constitutionellen Zeitung folgende
Eiinnerung an Lachmann.
Ein Pamphlet y am ersten Jahrestage von Lachmanns Tod vor den
Augen Berlins ohne Scheu und schwarz gerändert feil geboten , muss
alle edlen Herzen empören. Wider die yerstummten Todten mag jeder
schreiben was sein Gewissen verantwortet y an ihrem stillen Feste auf
ihren Hügel einen Bund Nesseln niederwerfen , das heisst gefrevelt.
Wer denn ist dieser Förster? ein Junger , dem der Kamm schwillt,
dass sein schon vor einem halben Jahre gegen den Meister ausgegoss*
ner Unglimpf, niedergedrückt von der Welt Nichtachtung, auf dem
Boden sich nicht erheben kann. Mit einem Anflug von Geist und
Laune, aber ohne Seele und Empfindung abgefasst, darum gemein,
ist der erneute nichts neues bringende Angrif. Denn von der Sieben-
zahl zu reden hat der Verf. kein Recht, da was er davon weiss alles
ihm erst aus einer vorigen November erschienenen Recension kund
wurde. Ihm aber gehört eine Theorie der Hebungen, gestützt anf
eine nach allen Seiten hin haltlose Reaction des heutigen Vocalismns
gegen die Gesetze der alten Sprache. Lachmann , in dessen Verslehre
einiges zu spitzfindig sein mag, würde mit dem grössten Fug den
Vorwurf der Absurdität darüber aussprechen. Der . Schmähende droht
am Cadaver des armen Heinrichs, der schon bei Lebzeiten sich muste
auf den Tisch hinstrecken lassen, neu zu experimentieren und seiner
fix gewordnen Vorstellung Glauben zu verschaffen. Er wird dabei Ge-
legenheit haben neues Gift auszuschütten, aber schwerlich Proselyten
werben. Lass mich, lieber Lachmann, den grünenden Zweig getreuen
Andenkens heute auf dein frühes Grab legen. Deine reichen Gaben,
alle deine Anstrengungen und Erfolge sie sollen unvergessen bleiben
und werden ihre Frucht tragen; selbst wo dich als Menschen ein
paar Irthümer anwandelten, kann das deine reine sittlich starke Na-
tur desto sichtbarer machen. Am Tage seiner Bestattung 17 Man
X852. Jacob Gfrtmm.
112 Schal- and Personalnachrichten,
Schul- und Personalnachrichten, statistische und andere
Mittheiiungen.
Bamberg. Dem Programm der dortigen Stndienanstalt spricht sich
anter der Rahrik 'Lyceam* über die Erentaalität, dass nach der
Denkschrift der in Freising vom 1. — ^20. Oct. 1850 versammelten Bi-
schöfe die Lyceen bischöfliche Anstalten und mit den Seminarien un-
trennbar verbunden ipverden, mit voller Anerkennung ans und erklärt
sich dahin , dass in diesem Falle für die philosophischen Sectionen ein
'Entweder — Oder' gelte, entweder müssten Mittelanstalten zwischen
der Universität und den Gymnasien errichtet und diesen der in den
Gymn. Vernachlässigte Realunterricht 2ugetheilt oder die Gymnasien
erweitert werden. An dem Lyceumistder Dr. Joh. Mart. Katzen-
berger seit dem 10. Nov. 1850 für die Professur der Philosophie
definitiv angestellt worden. Die Anstalt zählte während des Studien-
jahres 1850—51 Candidaten der Theologie 50 und der Philosophie ^.
Das Gymnasium hatte am Schlüsse desselben 130 Schüler (IV: 27,
III: 24, H: 36, I: 44), die Lateinschule 234 (IVA: 26, B: 37,
III: 54, 11: 54, I: 63). Die vorher bestandne Trennung von Cl. I.
der Lateinschule wurde wieder aufgehoben , dagegen jetzt die IV. in
zwei Abtheilungen geschieden« Der kathol. Religionslehrer an der
Lateinschule und 1. Praefect im v. Aufsessischen Seminar, Reuss,
wurde am 8. März 1851 zur Pfarrei in Hopfenohe, an seine Stelle
unter dem 24. April der Domkaplan Priest. Pet. Schmitt ernannt;
der Lehramtscandidat Ant. Linsmayer, der seit 1. Nov. 1850 seine
Lehramtspraxis abgehalten, erhielt Mich. 1851 das Amt eines Assisten-
ten für den Rector.
Batern. Ein Erlass des konigl. Ministeriums des Cultus fordert
zur Wachsamkeit darüber auf, dass in den Gelehrtenschulen der Un-
terricht in der bayerischen Geschichte mit allem Fieisse und in bele-
bender, eindringlicher, fromme Gesinnung und treue Liebe zum Re-
gentenhause und Vaterlande weckender und nährender Weise ertheilt
werde. Die Prüfungscommissare sind angewiesen, ein gründliches
Examen in Bezug darauf eintreten zu lassen und das Ergebniss in dem
VisitationsprotocoUe oder Berichte genau zu bezeichnen.
Bayreuth. Von der konigl. Studienanstalt schieden während des
Schuljahrs 1850 — 51 der Religionslehrer Pfarrer und Prof. Zorn, in-
dem er zum Inspector des prot. Schullehrerseminars in Kaiserslautern
berufen wurde , und durch Emeritirung der Lehrer der Mathem. Prof.
Dr. Neubig. Des letztern Stelle wurde durch den vorherigen Rec-
tor und Lehrer bei der Landwirthschafts- und Gewerbschule zu Lan-
dau, Frdr. Hof mann, ersetzt, die des erstem zum Theil vojn Pfar-
rer Dr. Dittmar übernommen. Während des Sommerhalbjahrs er-
theilte der Lehrer der königl. Kreis-Landw.- und Gewerbschule Dr.
Braun den Schülern der Obergymnasialclasse in 2 Stunden wochentl.
Unterricht in der Physik. Mit gebührendem Danke wird erwähnt.
sialiatischo und andere Mittheiliingen. 113
daM ia Folge der neuen Aegulirung für die BesoldnngsTerhäitnisse CunC
Lehrer wesentliche Gehaltsrerbesserungen erlangten. Schülersahl am
Anfang des Schuljahrs 356 ^ am Schluss 337 (Gymnas. : 122, IV: 25,
ni: 32, U: 33, I: .32; Lateinschule 215, IV: 42, Ili: 52, II: 36, IB:
43, IA: 43).
DuESSELDORF. Nachdem das konigl. Gymnasium am 30. Aug. 1850
den Lehrer S eilin g und am 25. Febr. 1851 den Lehrer Schmidts
durch den Tod yerloren hatte und der zur Aushilfe beschäftigte Cand,
Dr. Krebs an das Gymnas. zu Essen abberufen worden war, bestand
Mich. 1851 das Lehrercollegium aus dem Dir. Dr. C, Kiesel, Con-
sistorialrath Budde (evangel. ReligionsL), den Proff. Dr. Hilde-
brand und Dr. Crome, den Oberlehrern Honigmann und Gras*
hof, dem kathol. Religionslehrer Krähe, den Lehrern Holl, Kirsch,
Marcowitz, Munch, Dr. Uppenkamp, Stein, Insp. Winter-
gers t (Zeichenl.) und Cand. Dr. Poeth. Schülerzahl am Ende des
Schuljahres 235 (I: 28, II*: 23, IP : 17, UI: 38, IV: 38, V: 41,
VI : 51). Zur Universität giengen 10.
Eisenach. Der Director des Realgymnasiums Professor Dr. Ma-<
ger ist auf sein Ansuchen ehrenroU in den Ruhestand yersetzt.
Eisleben. In dem Lehrercollegium des konigl. Gymnas. war wäh-
rend des Schuljahres Ostern 1850 — 51 keine Veränderung eingietretea.
Die Schulerzahi war im Winter 1849—50: 219, im Sommer 1850: 209,
im Winter 1850—51: 203 (I: 18, II: 34, HI: 35, IV: 32, V: 40,
VI: 38), Abiturienten Michaelis 1850 8, 6. December 1850 2, Ostern
1851 2.
Elberfeld. An die Stelle des nach Berlin berufenen Dr. Her-
rig wurde Conrector Dr. Berglein in Lennep zum Oberlehrer an
der dasigen Realschule erwählt.
Halle. Paedagogium. Nachdem Dr. Eckardt im Herbst
1850 die Stelle eines Diaconus zu St. Ulrich in Sangerhansen , und
der College Dr. Buchbinder eine Berufung an das Domgymnasium
in Merseburg angenommen hatte, bestand das Lehrercollegium Mich.
1851 aus dem Insp. adj. Dr. Daniel, den Lehrern Dr. Voigt, Dr.
Dryander, Dr. Garke, Nagel, Niemeyer, Fahland, Hupe,
Kneury, Rossler, Voigt und dem Hilfslehrer Dr. Hertzberg.
Die Zahl der Scholaren war 91. Mich. 1850 giengen 6, Ost. 1851 3
zur Universität. Den Tod des Dir. Dr. Niemeyer haben wir be-
reits im Nekrolog Tom Jahr 1851 gemeldet.
Hamm. Dem Programm des konigl. Gymnasiums Tom 8^U 1851
entnehmen wir, dass in das Lehrercollegium wegen der Krankheit des
Conr. Vi e bahn am 16^ Juli 1851 der Schulamtscand. Carl Paul-
sie ck aus Minden eingetreten war. Die Schülerzahl war im abge-
laufenen Schuljahre 139, am Schlüsse 112 (I: 8, H: 12, IH: 19, IVt
23, V: 25, VI: 25), die Vorbereitungsclasse zählte 35 Schulen Abi-
turienten Mich. 1850 1, Ostern 1851 3, Mich. dess. J. 4.
Helmstedt. - Ostern 1852 zählte das Gymnasium 62 Schuler (1 : 5,
X Jakrb. f. PULu. Paed Bd. LXV. Hß.1, 8
^14 Schal- und PersoRalnachrichleff,
II: 10, ill: 27, IV : 20). Zur Universität gicngen im vorausgegange-
nen Schuljahr 2.
Jeka. Von der Universität gieng Ostern 1852 Prof. Dr. G. Bip-
part an ein osterreich. Gymnasiam. Dagegen worden der Privatdo-
cent Dr. K. Nipperdey aus Leipzig als ausserordentl. Prof. in der
philos. Facultät und Dr. Jonas Charlesson Hahn aus London als
Lector der neueren Sprachen berufen. Von den Lehrern der Umver"
sitat unternehmen Reisen im Laufe dieses Sommers Dr. O. Schmidt
nach Italien und Geh. Hofrath Prof. Dr. Gottling und Prof. Dr.
Hettner nach Griechenland und nach der Türkei.
Innsbruck. Das k. k. akademische Staatsg3rmnasinm hat in Folge
der neuen Organisation nicht nur im Lehrplane, sondern auch im
Lehrkörper sehr wesentliche Veränderungen erlitten. Der Unterricht
wurde vorher von Professoren der philosophischen Facultät der Hoch-
schule besorgt , jetzt aber ordentlichen Lehrern übertragen. Im Schul-
jahre 1850—51 war demnach der Personalbestand des Lehrkörpers fol-
gender: Dr. ph. J. Siebinger (Piarist) pro vis. Director und Leh-
rer der Geschichte und Geogr. im Obergymn., Dr. ph. J. Böhm, Uni-
versitätsprof. und Schulrath, Supplent für die Naturlehre in VITI»,
die beiden schon vor dem Schuljahre definitiv angestellten Lehrer
Tob. Wildauer für griech. und philos. Propaedeutik im Obergymn.
und Erasm. Ploner für Latein, Mathem. und das nicht obligate Ita-
lienisch, die während des Schuljahrs nach bestandener Lehramtsprn-
,fung' angestellten Ign. Zingerle für Deutsch, Weltpriester Mich.
Lisch für Religion im Untergymn., Weltpriester Mich. Paulwe-
ber, Doctorandus iur. J. Daum, Dr. med. A. Pich 1er (für Natur-
gesch.), femer der als Religionslehrer für das Obergymn. bereits be-
stätigte Weltpr. Jos. Greuter, Snpplenten Joh. von Kripp,
Weltpr. Sim. Moriggl (hatte die Prüfung bereits bestanden) und
t)r. iur. Jos. Malfertheiner, ferner Dr. iur. A. Hammer (Ste-
nographie) , akadem. Lehrer Joh. Dobrowich (Turnen) und Kapell-
meister Jos. L*utz (Gesang). Die Schulerzahl war am
vm. vn. VI. V. iv. iii. ii. i. Sa.
Anfang des Schnlj. 67 73 57 64 56 58 49 55 479
Ende „ „ 65 67 48 60 55 53 44 47 439
Kreuznach. Das dasige kgl. Gymnas. erfuhr während der beiden
Schuljahre vom Herbst 1849 bis dahin 1851 nur zwei Veränderungen im
LehrercoUegium. Nachdem nämlich mit dem Schlüsse des Sommers
1850 der bisherige evang. Religionslehrer Pfarrer Blum in ein anderes
Amt übergegangen Ivar, übernahm der Oberlehrer Seyffert den Re-
ligionsunterricht , wogegen der Turnunterricht auf den Oberlehrer Dr.
Silber übergieng. An die Stelle des Dechanten Raoimel, welcher
Ostern 1851 den kathol. Religionsunterricht aufgab, trat der Kaplan
Faust. Das LehrercoUegium bestand demnach Mich. 1851 aus dem
Dir. Prof. Dr. Mor. Axt, den Oberlehrern Prof. Grabow, Prof. Dr.
Steiner, Presber, Seyffert, Dellmann, Dr. Silber (nach
Voss', vergl. N. Jahrb. Bd. LI. S. 285, Tode von dem Gymn. in Saar-
statistische und andere Mittheiliuigen. 115
brocken hieher versetzt), dem Hilfslehrer Ox^ (an SchmitK^ Stelle
angestellt), Kaplan Faust, Gesang- und Schreiblehrer 6 leim, Zei-
chenlehrer C a u e r. Die Frequenz während der angegebenen Zeit war :
Sa. I. II, III, IV. V. VI.
Winter 1849-50: 132.
Sommer 1850: 128. 11 23 19 27 20 26
Winter 1850—51 : 122.
Sommer 1851: 116.
Zur Universität giengen im Herbst 1849 5, 1850 7.
Linz. Der Lehrkörper des k. k, Staatsgymnasiums bestand wäh-
rend des Schaljahrs 1850—51 aus dem provisor. Director Prof. Fr.
Strasser, den Professoren J. Gaisberger (Schulrath ausser der
Landesscfaulbehorde), Dr. med. Columbn«, Weltpr. J. C. Oetl (am
17. Dec. 1851 in die Pfarrei zu Braunau berufen) , Dr. ph. Kudelka,
G. Schafflinger, Gfr. Jax, Rup. Holzleithner, Pet. Riepl,
Pet. Eder, A. Ganglmayer (die meisten Lehrer sind zugleich
reg» Chorherren) , den Sapplenten : k. k. Ck>mmissär F r. J. Proschko
und im 2. Sem. Lehramtscandidat J. R. Lorenz, den Nebeniehrern
für das Italienische J. A, Rossi, für Franz. Theod. A. Zehden,
provis. für Zeichnen K. Zinogger, proris« für Gesang AI. Wein-
wurm, für Kalligraphie der Lehrer an der Normal-Hauptschule J.
Kilian. Die Schälerzahl war am
I. IL in. IV. V. VL VII. vni. Sa.
Anfang des Schulj. 58 53 55 41 40 37 37 31 352
am Bnde „ „ 46 44 44 36 37 37 34 31 309.
Marien WERDER. Das königl. Gymnasium hat im Schuljahre 1850
— 51 im Lehrerpersonale keine Veränderung erlitten. Der fast das
ganze Jahr zur Herstellung seiner Gesundheit beurlaubte Oberlehrer
Dr. Schröder wurde durch den Schulamtscandidaten Dr. Cossinna
vertreten. Die Schülerzahl betrug 290 (I: 21, II: 40, Ult 58, IV: 62,
V: 53, VI: 56). Zur Universität wurden Ostern 1851 3, Mich. dtes.
Jahres 2 entlassen. Ans den vom Dir. im Programm veröffentlichten
Uebersichten* über die Verhältnisse der Anstalt .von 1836 — 51, welche
in jeder Hinsicht ein gutes Gedeihn beweisen , ergibt sich , dass die
Schülerzahl von 154 auf 290 stieg und in dem bezeichneten Zeitraum
69 zur Universität entlassen wurden.
Maulbronn. Im Herbst 1851 endete das evang. theolog. Seminar-
seinen im Herbst 1847 begonnenen Cursus. Während desselben trat
an die Stelle des abgegangenen Repetenten List am 19. Qct. 1847
der frühere Lehrer an der Privätanstalt Birkenruh in Russland Roller,
und nachdem dieser an die Privatanstalt in Stetten übergegangen, am
18. Öct. 1850 der ebenfalls vorher in Birkenruh gewesne Laichin-
ge r. Endlich gieng Repetent R i e c k h e r als Hilfslehrer an das obere
Gymnas. zu Heilbronn und an seine Stelle trat 8. Oct. 1851 Chr.
Th. Schwab. Von den beim Anfang des Cursus aufgenommenen 28
Seminaristen und 14 Hospites, zu denen im Laufe desselben noch 2
hinzukamen , giengen 3 Seminaristen und 7 Hospites ab ^ dU, ^r^^se^
116 ISchal- and Persona Inaohrichten,
wurden am Knde sur Bestehung der für das akademische Stndium an-
geordneten Prüfungen entlassen,
MEISSEN. Das LehrercoUegiam der konigl. Landesschule hat in
dem Schuljahre 1850 — 51 sehr wichtige Veränderungen erfahren. Durch
Pensionirung waren aus demselben die ProfT. Dr. Kreyssig und Dr.
FIfigel geschieden, durch plötzlichen Tod wurde ihm am 20. Aug.
1850 der Lehrer der Mathematik, Prof. Dr. Carl Gust. Wunder,
entrissen, endlich trat der Religionslehrer Prof. Schlurick Ostern
1851 in das Amt eines Oberpfarrers und Superintendenten zu Pirna
über. Theils durch Ascension , theils durch neue Anstellungen wurden
die entstandenen Lucken in der Weise ausgefüllt, dass das Lehrercol-
legium gegenwartig besteht aus dem Rector Prof. Dr. Frdr. Franke,
den Proff. Dr. F.M.Oertel, Dr. Frdr. Kraner, Dr. K. Kuniss
(früher Lehrer am Yitzth. Geschlechtsgymnasinm und Blochmannschen
Brsiehungshaus in Dresden), J. Th. Graf, der die Stelle des Reli-
gionslehrers übernommen hat, Dr. Ad. Peters (früher, 1843, an der
Blochmannschen Anstalt , dann Priyatgel. in Dresden), den Oberlehrern
Dr. K. H. Graf, Dr. W. Milberg (schon yorher zur Aushilfe für
den erkrankten Prof. Dr. Wunder yerwendet , Mityorstand und Lehrer
des Priyatprogymnasiums in Meissen) und Dr. Theod. Dohner (yor-
her Lehrer am Gymnasium in Schneeberg). Rücksichtlich der Lehr-
yerfassung ist zwar der Antrag des LehrercoUegiums auf Beseitigung
der andei^halbj ährigen Classen mit halbjährigen Cursen nicht ge-
nehmigt, aber doch yon Mich, 1850 an die Quarta in zwei Abthei-
lungen getheilt worden, welche gemeinsam nur im Deutschen, Reli-
gion, Geschichte, Geogr. und Natnrwissensch. unterridhtet werden, im
Sprachunterrichte aber ganz yon einander getrennt sind. Der Cursus
in Unterquarta ist auf ein halbes Jahr festgesetzt. Ausserdem ist
durch Frfiherlegen des Aufstehens an Arbeitszeit für die Alumnen ge-
wonnen worden. Auf die Uniyersität giengen Mich. 1850 7 , Ostern
1851 9. Die Schülerzahl betrug im Juli 1851 142, 125 Alumnen und
17 Extraneer, 1: 35, 11: 30, IH: 37, IV*: 19, IV*: 21. Dem Jahres-
berichte yoran steht eine Abhandlung des yerstorbenen Prof. Dr.
Wunder: Die KegeUchnitte ah perapeetiviMcke Frojectionen de$ Krei-
set (30 S. 4. und eine Figurentafel).
MÜNCHEN. Dem berühmten Dichter Emanuel Geibel ist der
Lehrstuhl der deutschen Litteratur und der Geschichte der Poesie an
der Uniyersität yerliehn worden und wird derselbe yom nächsten
Herbst an die Vorlesungen beginnen.
Naumburg an d. S. Als Nachfolger des am 11. April 1850 yer-
storbenen Dompredigers F. A. W. Heitzer und damit zugleich als
ordentlicher Lehrer am Domgymnasium wurde am 2. März 1851 der
Predigtamtscand. Frz. Frdr. Aug. Mitzschke eingeführt. Mich.
1850 schied aus dem LehrercoUegium durch Pensionirung der Conr.
Prof. Dr. Hier. Müller. Die übrigen Lehrer ascendirten. Nach-
dem Ostern 1850 3, Mich. dess. Jahres 5 auf die Uniyersität entlas-
statistische und andere MiUheiluiiffen. 117
sen worden waren, betrug die Schölerzahl am 12. März 1851 167
(I: 13, H: 22, IH: 34, TV: 44, V: 54),
Oels. Dsls dasige unter dem Patronat des Herzogs yon Brann-
schweig und des Stadtraths stehende 63rmnasium erfuhr nicht nur im
Lehrercoilegium (als Director trat am 20. Sept. der vorherige 5. Ober-
lehrer am konigl. Pomgymnasium zu Haiberstadt, Prof. Dr. Heiland
ein, die übrigen Lehrer ascendirten und es bestand Ostern 1852 das
Lehrercoilegium aus dem Prorector Dr. Bredow, Conrector Dr.
Böhmer, den Collegen Oberlehrer Dr. Kammerer, Rehm, Dr.
Anton, Dr. Schmidt, yorher Collaborator, Cantor Barth, dem
konigl. Collaborator Dr. Lieb ig, welcher yorher sein Probejahr an
der Ritterakademie zu Liegnitz beendet hatte, dem kathol. Religions-
lehrer Curatus Grund und dem Schulamtscand. Schwarzkopf; der
yon Mich. 1847 bis ebendahin 1851 zur Aushilfe thatig gewesene Ober-
lehrer Dr. Oginski schied wieder aus), sondern auch im Lehrplane
und in der Organisation (Annahme jahriger Curse, Errichtung einer
Sexta, Beginn des Geschichtsunterrichts schon yon Sexta an, Auf-
stellung neuer Schulgesetze und neuer Censnrgrade) wesentliche Ver-
änderungen. Die Schulerzahl war Ostern 1851 : 175, 1852 : 192 (1 : 15,
II: 26, IH: 41, IV: 50, V: 26, VI: 34). Zur Uniyersitat wurden Ost.
1851 2, Mich. dess. Jahres- 3 entlassen.
Petersburg. Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften hat an
ihrem Stiftungstage zum Ehrenmitgliede ernannt den Praesidenten der
Akademie zu Madrid General Zarco del Valle, zu Correspondenten
der mathem. Classe Generalmajor Kerbecz, Dr. Seb. Fischer
(Leibarzt des Herzogs yon Leuchtenberg), der histor. - philolog. Gl.
Graf Borghesi in San Marino und Prof. Dr. K. Fr. Hermann in
Gottingen.
Prag. Der Prof. der Philosophie an der Uniyersitat Ha nasch
wurde unier Belassung des Gehaltes seiner Stelle enthoben als ent-
schiedner Anhanger des Hegeischen Systems, und an seine Stelle
ernannt Dr. Rob. Zimmermann, bisher in Olmutz , bekannt durch
seine in Kopenhagen gekrönte Preisschrift über Leibnitz' Monadologie.
Quedlinburg. Das dasige Gymnasium zahlte Ostern 1851 145
Schfiler und entliess im yorhergegangenen Schuljahre 5 zur Uni-
yersitat.
Ratibor. An die Stelle des im Februar 1850 yerstorbenen Col-
laborators Niedergesäss wurde am konigl. Gymnasium der yor-
herige Hilfslehrer am Friedrich- Wilhelms-Gymnasium in Breslau G. R.
Hoff mann angestellt. Weihnachten 1850 wurde ohne augenblick-
lichen Ersatz der kathol. Religionslehrer Gottschlich nach Neisse
abberufen. Abiturienten Ostern 1850 8, 1851 9. Schulerzahl Decbr.
1850: 285 (113 Kathol., 91 Kyang., 81 Juden, I: 19, II: 34, HI: 52,
IV: 67, V: 64, VI: 59).
RuDOLSTADT. Von dem furstl. Gymnasium schied am 15. Noybr.
1850 der Lehrer der Mathematik und Physik, Prof. Dr. B5ttger,
einem Rufe an das herzogl. Gymnasium in Dessau folgend« D«q&w C>^V-
118 Schul- und Personalnachrichteil,
laborator Regensburger wurde darauf unter Belassang seiner Stelle
an der Realschule jenes Stelle übertragen, die provisorische Anstellung
des Dr. Sigismund in eine definitire verwandelt, und dem Dr.
Her eher das Ordinariat der V. Cl. und einige Stunden mehr provi-
sorisch übertragen. Da in den Schulnachrichten sich Hindeutungen
darauf finden , dass über den Lehrplan sehr verschiedenartige Urtheile
laut geworden, so theilen wir denselben mit, um zu zeigen, daßs
hier wohl mehr als irgendwo die Forderungen der neuern Zeit be-
rücksichtigt worden sind.
Relig. Hebr. Griech. Griech. LUtg. Lat Frani. Deutsefa. Gesch. Geogr. Math.a. Phys. Natnrgesch.
Rechnen.
I. 227 28242—42 —
IL 2 2 6 -^ 10 2 3 2 2 4 1 —
IIT. 3—6— 723224— —
',T13Z_' - I J, i H h ! z 1^
Dazu kommen noch Zeichen-, Sing- und Turnstunden. Die Schüler-
zahl betrug nach Ostern 1850 128 (I: 20, II: 18, III: 20, IV: 27, V:
14, I. Realcl.: 2, II. Realcl. 17), Ost. 1851 115. Zur Universität wur-
den 5 entlassen. Von Schulschriften erwähnen wir hier zwei Einla-
dungsschriften des Dir. Prof. K. W. Müller: 1) zum 21. Dec. 1850
Zweiter Beitrag zu Stadlers schweizerischem Idiotikon oder Bemer-
kungen über die deutsche Sprache, besonders im Canton Bern und
2) zum 22. Sept. 1851 , in welcher der Hr. Verf. erweist , dass die in
der Basler Universitätsbibliothek befindliche, von J. C. Orelli dort
aufgefundne Sammlung von Briefen J. F. Gronovs nicht aus Origi-
nalien, sondern aus der Richterschen Sammlung gemacht ist.
SCHLEUSiNGEN^ An dem konigl, Gymnasium ward die durch den
Tod des Zeichenlehrers Reichard (14. Sept. 1850) erledigte Lehrer-
istelle dem Sextus Wähle erst interimistisch , dann definitiv übertra-
gen. Die Schülerzahl betrug im Winter 1850—51 104 (I: 13, »I: 15,
ffl: 16, IV: 28, V: 32). Zur üniversiat waren Ostern 1850 3, Mich,
des«. Jahres 2 gegangen.
Stuttgart. Wir geben eine Uebersicht über die Verhältnisse des
konigl. Gymnasiums Mich. 1851. Das Lehrercollegium war: Rector
Oberstudienrath Ritter Dr. Roth (seit 1850, vorher Ephorus des
evangel. Seminars in Schönthal), Professoren des Obergymn. Dr. C 1 e s s ,
Dr. Klaiber, Oberstudienrath Ritter Dr. Klump p, Dr. Reuschle,
Borel, Dr. Donner, Dr. Ziegler, Kern, Dr. Gust. Pfitzer,
Kratz, ordentl. Lehrer am Obergymn. Dr. med. O. Kostlin, Hilfs-
lehrer an dems. Prof. Zech (s. Mittelgymn.) , Gantter, W. Price
(nach Enthebung des Oberinsp. am Waisenhause und Rector am Ka
tharinenstifte v. Zoller am 16. Oct. 1850 mit dem engl. Unterricht
provisorisch beauftragt), E n d t n e r (s. Mittelgymn.) , Lachen ma i r ;
am Mittelgymn. Classenlehrer Proff. Dr. Dem ml er, Dr. Schall,
Dr. Zimmer, Kielmeyer, Schmidt, Dr. Zimmermann (nach-
dem am 24. März 1851 Oberpraeceptor Keim gestorben, aus dem Un-
tergymnasium aufgerückt; der Amts Verweser Cand. W. Müller wurde
am 2. Sept. 1851 in das Praeceptorat zu Weinsberg befördert), Fach-
lehrer Prof. Zech (s. Obergymn., an die Stelle des nach Ulm berufe-
nen Reallehrer Dr. Fischer 28. Dec. 1850 provisorisch , dann 15. Fe-
bruar 1851 definitiv angestellt) und Endtner (s. Obergymn.), Hilfs-
lehrer Hofvicar Jopp und Cand. theol. Schmidt (beide für Relig.),
Nägelin (s. Untergymn.), J. S. Fischer, Steinmayer, Praec.
A. Fischer, Eissinger (s. Untergymn.); am Untergymn. Classen-
lehrer Praeceptoren Cand. theol. Jäck, Steiger, Weckherlin,
Blumhardt, Bra nd auer , Hilfslehrer Praecept. Nagelin, Can-
tor Liebler und Cand. theol. Eis sing er (am 7. Dec. 1850 an die
siatistische und andere Mittheilungen. 119
Stelle des am 22. Not. abgetretenexT GymnasiaWicar Seybold ange-*
stellt). Die Frequenz war im Winter 1850—51: 518, im Sommer
1851: 503.
Torgau. Das Gymnasium hatte am 18. Juni 1849 durch den Tod
den Senior des LehrercoUegiuras Pror. Prof. Dr. Frdr. J. G. Mül-
ler yerloren. Am 1. Nor. dess. Jahres feierte der Rector sein 25jähr.
Amtsjubiläum. Grosse Störung verursachte die vom 16. Aug. 1850 an
wüthende Cholera, zumcd da sie am 18. den Lehrer Dr. G. R. Schmidt
hinraffte. Die erledigten Stellen wurden theils durch Ascension, theils
durch neue Anstellungen ausgefüllt, so dass das Lehrercollegium Ostern
1851 bestand aus demRect. Prof. Dr. Sauppe, Pror. Prof. Dr. Arndt,
Conrect. R o t h m a n n , Snbrect. Oberlehrer Dr. Handrick, Subconr.
Oberl. Dr. Francke, Cantor Breyer, den Gymnasiallehrern Klein-
schmidt, Hertel, Giesel (zugleich Pensionatsinspector, nach
Schmidts Tode in diese Stelle eingeruckt), den Hilfslehrern Leh-
mann und Gericke (gleichfalls nach Schmidts Tode angestellt) und
^en Schulamtscandidaten Dietrich und Michael. Die höchste
Schülerzahl im Jahre 1849—50 war 257, im folgenden 263, Abitu-
rienten Ostern 1849 10, Mich. 2, Ostern 1850 3, Mich. 5, Dec. dess.
Jahres 2, Ostern 1851 3.
Upsala. Von der Gesellschaft der Wissenschaften wurden der
G«h. Rath Pertz in Berlin und Prof. Rokitansky in Wien zu cor-
respondirenden Mitgliedern ernannt.
Weilburg. Im Schuljahre 1851 — 1852 kamen im Lehrercollegium
folgende Veränderungen yor: es schied ans A. Fleckeisen, gegen- ^
wärtig Mitherausgeber dieser Blätter; Coli. Gallo wurde aus dem
Staatsdienst entlassen; es trat ein Reallehrer Dr. Eickemeyer,
Yorher an der Realschule zu Limburg; Cand. Fr. Otto wurde zum
CoUaborator , Sprachlehrer Becker zum Conrector ernannt. Das
Lehrercollegium besteht demnach jetzt aus dem Director Oberschul-
rath Dr. Metz 1er, den Proff. Oberschulrath Muth, Mencke,
Krebs, Schenck, dem Prorector Schmidtborn, den Conrectoren
Schulz, Francke, Becker, Reallehrer Dr. Eickemeyer, Coli.
Otto, Hilfslehrer P u 1 c h , Gesanglehrer D r o s , Zeichenlehrer Durst,
Tanz- und Turnlehrer Liebich, Reitlehrer Stroh, dem evangel.
Religionslehrer Pfarrer Dorr und dem hathol. Pfarrer NoU. Schü-
lerzahl am Schluss des Schuljahres: 136 (1: 16, H: 8, III: 8, lY: 18,
V: 20, VI: 22, VII: 17, VIII: 27). Zur Universität wurden OsteriT
1851 13, Mich. dess. J. 2 entlassen.
Wien. Gymnasium an der k. k. Theresianischen Akademie, Mi-
chaelis 1851 Lehrkörper: Director Dr. AI. Capellmann (yorher
Oberlehrer am Gymnas. in Coblenz, eingeführt am 7. Oct. 1850), die
Proff. der ehemaligen philos. Classen Heliodor Philipp und Dr.
Herrn. Suttner, die Proff. der ehemaligen Humanitätsclassen J. Be-
ned. Albrecht und Chr. Siegl, Prof. der Mathem. undAkademie-
Directionsadjunct J. R. Lobpreis, Religionslehrer Marc. Jenisch
(während längerer Krankheit durch den Prediger Fulg. Zeemann
vertreten). Der Lehrer der Naturgesch. Dr. Ge. Bill schied Ostern
1851, nachdem ihm die Lehrkanzel der Botanik am Johanneum Jin
Graz übertragen worden war. Lehrer des Deutschen und Latein im
Untergymn. (zugleich für Böhmisch) Ig n. Hradil, für das Latein,
Griech. und die Mathematik im Untergymn. Fab. Mathia, für La-
tein in den mittleren Classen J. N. Neusser, Supplent für Geogr.
und Geschichte im Untergymn. J. Krumhaar, für die Naturgesch.
Dr. Engel b. Prangner (vorher Docent an der Univers, in Graz),
für Latein und Griech. in CI. IV. Frz. Stanek, für Deutsch in
Cl. III. AI. Morawitz, für die nicht obligaten Q^^;i3M^^^^^<t ^S».
120 Schul- und Personalnachrichlen u. s. w.
Ungarisch EnuHomoky, fnrPoln. J. Hofstetter, Italien. L. For-
nasari von Verce, Franzos. L. Lacombe und Matth. Stix,
Zeichnen L. Steiner, J. N. Mayer, Frz. Sauer, Turnen R. Ste-
phany. Schülerzahl Mich. 1851 : I: 48, II: 40, UI: 40, IV: 29, V: 31,
VI: 28, VII: 48, VIII: 30, Sa. 294 (250 Externen). Zur Maturitäts-
prüfung meldeten sich am Ende des Sommers 1851 25 und wurden 14
als reif entlassen.
Zwickau. Bas dasige Gymnasium hatte lange Zeit schwere Ver-
haltnisse zu bestehn. Zwei Lehrer mussten wegen ihrer Betheiligung
an dem Maiaufruhr entfernt werden, der Dir. Prof. Dr. Raschig
ward anfanglich suspendirt , dann in den Ruhestand versetzt. Interi-
mistisch führte das Directorat der Prorector Lic. theol. Dr. ph. Hei-
nichen, wahrend die Lectionen des Directors durch den frühem
Rector Hertel und den frühem Rector des Freiberger Gymnas. Dr.
Rüdiger Tersehn wurden. Znr Ertheiinng yon naturhistor., mathero.
und deutschem Unterricht in den unteren Classen ward der frühere
Prediger der deutschkathol. Gremeinde zu Dresden, Dr. Ed. Bauer,
nachdem er in die lutherische Eorche zurückgekehrt war, angestellt. Das
erledigte Directorat wurde am 30. Juni 1851 dem yorhengen Rector
des Gymnas. zu Ratzeburg Dr. Fried r. Rieck übergeben. Am
26. Juli dess. Jahres rerliess der Lehrer der Religion Oberlehrer
Kuhn die Anstalt, um das Pfarramt zu Elster anzutreten, seine
Stelle ward aber sofort durch den yorherigen Lehrer am y. Fletscher-
schen Seminar in Dresden Dr. pb. Conr. Herrn. Clauss wieder be-
setzt. Die Uniyersität bezogen in dem Jahre 1850—51 (Michaelis)
7 Schüler, derCoetus zahlte am Schlüsse des Sommers 101, 1:8, II: 13,
ni:22, IV: 16, V: 26, VI: 16.
Todesfälle.
Am 24. Sept. 1851 starb auf der Reise nach Moskau der bekannte Hi-
storiker Graf Alexis de St. Priest.
Am 10. Januar 1852 starb der Prof. der Geschichte an der Uniyersi-
tät zu Wien, Dr. Wilhelm Heinrich Grauert^ geb. zu Am-
sterdam im Jahre 1804.
Am 24. Januar zu Wien der Prof. der slayischen Archaeologie an der
UniyersitSt, Dr. Jos. KolUr.
Am 8. März zu Bautzen der ordentl. Lehrer am dasigen Gymnasium,
Lic. theol. Dr. ph. Ernst Friedrich Leopold.
Am 18. März zu Heidelberg der Priyatgelehrte Dr. Caroy^.
Auch geht uns die Nachricht yon dem Ableben des Dir. des eyangel.
Gymnasiums zu Glogau Dr. Mehlhorn zu.
Kritische Benrtheilnngen.
Homerische Kritik.
Fr. Osanni quaesHonum Homericarum parlicula I. Gissae 1851.
20 S. 4.
Der darch seine vielfachen Bemühungen um die Aufhellung der
Geschichte der alten griechischen und lateinischen Grammatiker längst
bekannte und verdiente Verfasser gibt im vorliegenden ersten Thelle
seiner quaestiones Homericae neue Beiträge zur Frage über den Ephe-
sier Zenodot und dessen Namensverwandte. Aber leider ist der Er-
trag, welchen die Wissenschaft ans diesen neuen Erörterungen siehn
dürfte, ein höchst unbedeutender, ja wir glauben, dass der gelehrte
Verf. die Sache hier mehr verworren als in neues Licht gesetzt hat. Je
grösser das Ansehn Osanns in diesen Studien ist, um so mehr er-
heischt es die Pflicht, unhaltbaren, von einer solchen Seite her ver-
breiteten Ansichten rasch entgegenzutreten und sie als unbegründet
zurückzuweisen.
Den Anfang bildet eine Untersuchung de Zenodoio et Zenodoro
grammalicis^ die Osann bereits vor mehreren Jahren niedergeschrie-
ben und jetzt ohne wesentliche Veränderung hat abdrucken lassen,
obgleich der Gegenstand unterdessen durch Pluygers und den unter-
zeichneten in einer völlig verschiedenen , von Osanns Ergebnis ganz
abweichenden Weise behandelt worden ist. In wiefern eine Nicht-
berücksichtigung entgegenstehender , auf guten Gründen ruhender An-
sichten dem Ernste der Wissenschaft ziemt, der kein eigensinniges
Haften an einmal gefassten Ansichten frommt, überlassen wir billig
der Beurtheilung der Leser. Wir aber möchten uns nicht einer glei-
chen Ueberhebung schuldig machen , sondern halten es für ziemlicher,
auf die Gründe des Gegners — denn als solchen haben wir Osann in
dieser Frage zu betrachten — näher einzugehn und ihre Unhaltbar-
keit nachzuweisen.
Den Ausgangspunkt der Untersuchung über Zenodot oder Zeno-
dor bietet die Stelle des Porphyrios im Schol. II. «r, 356, welche be-
ginnt: Zi^vodflO^tm ro9 üvyyqa'^avti itBql t% ^O^riqov iSvvrfitUcq ric
diftcc ßtßÜa^ und wo es am Schlüsse heisst: tctvta a>g iv ueqtahtUp
imo Zrjyoömqov tSvyyiyqctatxau Hier- meint Osann, die nähere Bezeich-
nung r^» ifvyyqiipavxi itBql t% ^O^iviqov iS%)Vffi'Blag ra dina ßißXia
könne nur zu dem Zwecke hinzugefügt sein, diesen Zenodor von an- ^
dern gleichnamigen Grammatikern zu unterscheiden. Da nun ein an-
derer Zenodor unbekannt sei, indem in den Schol. IL ^.,^1S&. ^^"^SL
IV. Jahrb, f, mu, u. Paed. Bd LXV. Hft.*X. ^
122 Griechische Litteratttr.
dieselbe Person gemeint, die Stelle im Lexikon des ApoUonios v.
ia0t(^ zweifelhaft, eine vierte auf den Zenodot zu beziehn sei , so
mOsse nothwendig statt des Namens des Zenodor der des Zenodot ge-
lesen werden. Wir bemerken hiergegen zunächst, dass Porphyrios,
wenn es ihm bloss darum zu thun gewesen wäre, diesen Zenodot von
dem Ephesier zu unterscheiden, denselben mit dem Beinamen MaX-
kmrig oder ^Ake^avSifHfg bezeichnet haben würde. Der jetzige Zu-
satz zeigt, dass Zenodor ein wenig bekannter Grammatiker war, so
dass Porphyrios es für ndthig hielt , die Angabe seines Werkes hin-
soMfägen. Osann führt zur Bestätigung Beioer Vermuthung, dass in
den drei genannten Stellen der Schollen der Name Zenodots herzu-
stellen sei, den Umstand an, dass die Leydener Handschrift an den
beiden ersten Stellen ZrivoöoTos statt Zrfvoda^fog lese , was nicht ganz
richtig ist, da in dem Schol. II. tf, 356 diese Handschrift am Anfange
ZijvodoTO^, am Schlüsse Zriyodfoifog bietet, und dass im Schol. Od.
^, 477, wo von derselben Sache wie im Schol. 11. ^, 263 die Rede
sei , sich Zrjfuodoftog finde "*), Aber Osann vergisst zu bemerken, dass
die Leydener Handschrift sehr jung ist, und nicht weniger gehören
die Handschriften der Scbolien zur Odyssee einer bedeutend spatem
Zeit an , als der im eilften Jahrhundert geschriebene , die Schollen zur
Uias enthaltende cod. Yen. B, der an allen drei Stellen den Namen
des Zenodor hat. So ist also in diplomatischer Hinsicht der Name des
Zenodor viel besser bestätigt als der des Zenodot, und jener Zusatz
x^ avyyQa^vri Tteql r^g ^O/x^^ov avvYfialag xa dixtt ßtJ^kki scheint
uns eher für unsere als für Osanns Meinung zu sprechen. Dass aber
schon früh die Namen des Zenodor und des Zenodot miteinander
verwechselt wurden **) — ein von Osann übersehenes Beispiel einer
solchen Verwechslung haben wir in unserer Schrift p. 36 not. 30 ge-
geben — , ist nicht zu verwundern, woher es sich denn auch leicht
erklärt, dass bei Snidas die zehn Bücher ns^l xi^g 'OiM^gav iSwrfiaUnq
dem ZijvddoTO^ ^AUiiuvÖQ^g beigelegt werden. An sich aber ist es
wahrscheinlicher, dass man den Namen des Zenodor in den bekanntern
des Zenodot veränderte, als umgekehrt. In der Stelle des ApoUonios
v. tm&tf^ glaube ich, was Osann übersieht, mit gutem Grunde ^Hkio-
i&Qog statt Zriv6ö(»(fog hergestellt zu haben (p. 27 not. 8). Was das
von mir übergangne Scholion Od. x, 124 in Gramers Anecdota Paris.
III. p.465 betrifft: ^AQCcx€i(fxog ^i^ovxo* Skloi ih iuVxu nivovxo.
*) Osann ist hier nicht ganz dentlich. Er schreibt: ^qmae eon-
ieetura ad ipiom veritaiem proxime aeeedere tibi videbitur^ »i »eni-
neri$ etiam looo allato SchoL p, 263 eundem Leidenaem codicem —
parlier Zrjvodotog exhibere — : item SehoL OdysM* ä, 477 in eiusdem
argumenti eacpo$itione ^ ubi SchoUa vulgaria Zi^vodtoQog exhibent.^
Hiemach sollte man mcanen, im Schol. Od. ä, 477 lese nur die Ley-
dener Handschrift Zijyo^oroff, was sich aber auch in zwei Handschrif-
ten der Schollen zur Odyssee findet.
'*'^) Es ist dieselbe y durch die Abbreviaturen entstandene Ver-
wechslung, wie zwischen 'H(f6doxog und *H^da^og. Vergl. Bast epist.
crit. p. 133.
Osann : quaestionum Homerioarum particula I. 123
^ji^uSrog>avfig ix^vg de ägetQOvtBg. xaviötij tdiov xo l%^vg xoi
%o ipiqovxo Zi^voddi^y iv öi akloig %Blqov%eg^ so begnügt sich
'Osann, oline das Scholion zn erklären, mit der einfachen Bemerkung:
^quae hie exhibenlur^ nemo non inieUigü eins eondiciamis esse^ eui
prae$eriim in vicinia Arisiophanis Arisiarckique Zenodoti Ephesii
magis quam alius uilius criiiei meniio conveniaL' Statt dessen war
zunächst su bemerken , dass das Scholion in drei Theile zerßillt , wo-
von der eine das Wort nsCqovreg^ der zweite das Wort fpiqovto be-
trifft. Zwischen die erstere Bemerkung : '^^^aro^pai/i;^ ix^vg 6^ äg
stQOvteg, ivöhalloig nslgovtsg^ ist an unrichtiger Stelle der
dritte Theil des Scholions eingeschoben, welcher lautete: Kariarfi
idiav xo i%^vg %a\ xo (pBQOvxo^ und mit der Anführung der bei-
den Lesarten des Aristophanes und Aristarch in keiner Yerbindnng
steht. Yerstehn wir das Scholion recht, so fasste Zenodor die Stelle
so, das» er ite(f7cia öatxa als Apposition fasste und erklärte: ^wie
Fische, ein unliebes Mahl, diese (die Gefährten des Odysseus) ste-
chend, kamen sie gerannt' (^i^ovro, wie fpiqttai II. v, 172). Den
Alten war es schon zu Piatons Zeiten aufgefallen, dass Homer die
Fische als Speise nicht liebt, sie als eine blosse Aushilfe betrachtet
und seine Helden sie nur im Nothfalle essen (Nitzsch zur Odyssee I,
268 f. III, 401). Wohin könnte nun jene Auffassung der Stelle bes-
ser passen, als in Zenodors Werk 7nq\ x^g ^Oiii^qov ^wr^dag^ wo
das Nichtessen der Fische gar wohl zur Sprache kommen konnte? Ze-
nodor benutzte unsern Vers als schlagenden Beweis , dass Fische eine
otBqniig dnlg dem Homer gewesen, eine Erklärung, die nicht schlim-
mer ist als viele andere wunderliche Deutungen der alten Grammatiker.
Auch von den beiden andern ans Zenodor angeführten Stellen sieht
man deutlich , in welcher Weise sie in einem Werke TtBql x^g 'Ofii^qov
cwri&elag einen Platz finden konnten. Ueber tf, 22 handelte Zenodor
bei Gelegenheit seiner Ausführung über das Weinen der Helden. Die
Bemerkung über öuTtext^g^ wofür er öumexijg las, machte er bei der
Frage über den Okeanos , aus welchem alle Flüsse nach Homer stam-
men (II. 9), 195 f. , vergl. J, 301). Wie er aber duiJtsrtjgy das er
öiccvyrjg erklärte, herleitete, ist schwer zu sagen. Sollte er viel-
leicht als Stamm von OTtxa ein Verb um Ittgo in der Bedeutung sehn
angenommen haben? Dagegen scheint die Bemerkung bei Apollonios,
2;(otfT^ bedeute ^cjficeta, eher einem glossographischen Werke ent-
nommen , und auch aus diesem Grunde möchte unsre Vermuthung, dass
der Name des Heliodor herzustellen sei, das richtige treffen.
Nachdem Osann die Frage über Zenodor oder Zenodot zu Gun-
sten des Zenodot von Mallos , des Schülers des Krates , beantwortet
hat,*wendet er sich zu andern unter dem Namen eines Zenodot gehen-
den Werken. Dass die von Galen angeführten i&viKai li^eig nicht
dem Zenodot von Ephesos, sondern dem von Alexandria angehören,
den er mit Wolf u. a. für denselben mit dem Malloten hält, ist schon
von andern mit Recht bemerkt. Dagegen ist es nidit zu billigen,
wenn Osann mit Meier hieher auch die Stellen des Athenae<ii& VIJL.,
124 Griechische LiUeratar.
p. 327 B und XI, p. 478 E sieht. Die Bemerkung über den Fisch
vni^f den die Kyrenaeer i^v^Qivog nennen, könnte sehr wohl in den
S^OQixa wtofivi^fMnu gestanden haben, so dass Zenodot bei irgend
einem zu Kyrene stattfindenden Gebranche gelegentlich dieses be-
merkte. Man vergleiche die Stelle, welche Athenaeos aus den t(Sro-
qixa vTtofAvi^fiata anführt. Dass Athenaeos an jener Stelle die Schrift
dem Kallimachos oder Zenodot beilegt, hier geradezu den Zenodot
nennt, würde nicht gar auffallend sein. Weshalb die Erklärung von
fLOxvkri aus den i&vw.al ki^stg und nicht aus den ylmaaai sein soll,
die freilich Osann auch dem jungem Zenodot zuweist , ist schwer ein-
zosehn. Die Anführung des Schol. Tlfeocr. V, 2: vaxog] ZrjvoSorog
TO xciöiovy %o fAaQfSvTCiov xccl vanog xo t^g aiyog Si^fuc' '^'OfirjQog (Od.
{,530)* vdjiog SXet alyog OQttQogHyVj will Osann mit Fritzsche dem
Ephesier absprechen , weil die von Zenodot gegebene Erklärung (xa>-
ötov, fuxQövTtiov) gar nicht an der Stelle der Odyssee passe. Aber
nicht allein ist in der Stelle der Odyssee vcixip/ statt vanog zu lesen,
sondern auch statt xal vunog xol vcrxi^. Zenodot unterschied in sei-
nen ylmaöat vattog (xmiiov) und vaxi} (alyog öi^^ui) , wie es auch
im Etym. M. geschieht. Was Photios v. Mivdtc anführt : Ztivodoxog
xrpf livyya im ivCtov Mlv^av liysod'ai^ ^vyceviQU fihv ovöav Iletd'ovg^
NcitSa ^i vvfjupipfy gehört gewis nicht zu den ki^eig idviHcd, son-
dern wahrscheinlich zu den i%vxo^uij möglicherweise zu den laxoQtr-
xa VTCOfivi^fictta. Yergl. meine Schrift S. 28 f. Auf das Scholion Od^
y^ 444, worüber Osann sich hier nicht entscheidet, werden wir gleich
zurückkommen; nur dies müssen wir hier bemerken, dass wir keines-
wegs glauben mit den Worten afivlov to iyyaov xov imoo^yfia"
tag beginne die Erklärung des Zenodot, vielmehr erkennen wir hierin
ganz die Weise Herodians. In der Stelle des Zouaras p. 1512 möchte
man statt Zi/vodorog fast ^stvoSoxog vermuthen und bei der häufigen
Verwechslung von ii und itstlv das Fragment des Anakreon etwa also
lesen:
^uvoioKog og i&tiVj
xov (lOxXov h ^oydi Si^yiSiv ßuXwf
?iav%og xaOcvde».
Hiermit schliesst der erste, schon vor mehreren Jahren nieder-
geschriebene Abschnitt. Dem zweiten, jetzt neu hinzugefügten schickt
Osann die beiden Artikel des Suidas über Zenodot voraus^ und knüpft
dann wieder an das eben über die ylnöüai gesagte an und fährt,
nachdem er bemerkt hat, dass Flnygers und der unterzeichnete die
ylm<f<sai dem Ephesier zusehreiben, was auch schon Wolf u. a. ge-
than haben, also fort: ^Non me praeierii, ea de re^ quae propier
obscuritaiem iraditionis perendum esi ui in clara luce unquam po-
natwr^ in ulramque pariem dispuiari, nee ultra t>eri sirnüitudinem
i9i> emergi passe, Unum tarnen extra dubitationem positum mihi
guidem «ide/fir, glossas eas^ quae in iliustrando usu dialectorum
singularium vario versantur^ recentiori grammatieo9indicandas esse
propter similitudinem rerutn iractatarumj quam cum iis habent^ quae
Osann: quaestionum Homericaram particula I. 125
huius Zenodaii ex opere i&vwmv l^sanf diserie exeiUmtw.* Aber dio
beiden ans den i^vixul ki^stg angeführten Stellen könnten ihrer Ab-
fassung nach sehr wohl in einem glossographischen Werke des Ephe-
siers stehn; denn erinnert sich Osann nicht, dass schon in der Poetik
des Aristoteles c. 21. 25 ganz auf dieselbe Weise der dialektische Ge~
bravch der Kyprier und Kreter von den Worten ölyvvov und svetdijg
angeführt wird? Auch hatte ja schon der Lehrer des Ephesiers Zeno-
dot, Philetas, yk^aaai ircnitoi oder aranta geschrieben, welche Ho-
merische Glossen gerade nicht anders als durch Yergleichung von an-
dern Dialekten erklärt haben können (vergl. Lorsch Sprachphilosophie
III, 64), da ja Aristoteles selbst yXmxa erklärt, 09 StSQOt (x^vtati).
Vergebens sträubt sich Osann gegen das, was ganz offen vor*
liegt, wodurch er sich zu den seltsamsten Mis Verständnissen verleiten
lässt. Es handelt sich zunächst um die Stelle der Schollen Od. y^
444: Z^vodotog öi iv ratg aito tov6e ykmö<sccig vl^rfii, t^v li^iv (ay-
yelov) * ana^ dh ivxav^a Ttag 'O/üif^a) ff U^ig. Hierzu bemerkt nun
Osann :. * Cupio edoceri de sensu phraseos onto ravdej quam DuerU»e-
rus quidem p, 29 ^Ofirjffov supplendo interpreteUur^ sed me iudice
nan recie^ tum quod at afp ^Ofiijgov yXäöiSai quales sini^ nemo fa-
cUe dicat^ tum quod ipsius ehcutionis ratio postulat^ ut rovös ad
Zenodoium referatur^ quod si 9ulgari modo accipüur^ haud minus
inepte dicium est et citra omnem loquendi consuetudmem, (Ina mihi
superesse ratio expUcandi eidetur^ ui ad verba tatg ontb vovöe (Ze-
nodott) yXmf$<Scug suppleatur ovo^a^ofiiveng et intelligantur glossae ab
eius (Zenodoti) nomine nomintUae k, e. qua^eius nomine circumfe*
raniur eel notae sint,' Auffallend ist es , wie Osann den bekannten
umschreibenden Gebrauch von otso fibersehn konnte , wie er in den
Redensarten ot mto fucd^iifucrtftmv^ ot cato g>tJio6oq>iag xcrl koymv^ oi
aTCo trjg noXsmg^ o ano tifyavov^ r^ ano xov ömfuttog i^aöla n, ä.
zu Tage tritt, worüber wir nur auf Fischer ad Weller. III b, 1|5 §q.
Lobeck ad Phryn. p. 164 verweisen. "Ode kann offenbar nur der er-
klärte Schriftsteller sein , von welchem die Schollen sehr häufig ohne
weiteres in der dritten Person sprechen. Die Worte heissen nichts
anderes als : ^Zenodot stellt das Wort ayyttov unter die Glossen von
diesem (Homer).' Man könnte etwa vermuthen rov Ttowftov^ so dass
de aus Misverständnis der Abkürzung des Wortes notrp^r^ (Bast hinter
Greg. Gor. p. 633. 803) entstanden wäre, Bei Osanns Erklärung ist
der Gebrauch von oie ganz unbegreiflich und der Zusatz imo xovös
höchst seltsam, da der Scholiast, wenn er seinen Zweifel an der Echt-
heit jener Glossen hätte aussprechen wollen, sich ganz anders ausge-
drückt haben wfirde, etwa: iv xaig ZrivoSovov yliidiSaig ^OfiriQtnmg
tld-ttctt fj Xi^ig. Aber trotz seiner unzulässigen Erklärung sieht sich
Osann zur Annahme geiiöthigt, dass es wirklich yXä<S(Scct, unter dem
Namen des Ephesiers gegeben habe; nur darin will er vonPIuygers und
dem unterzeichneten abweichen, dass aus den beiden Stellen der
Schollen zur Ilias (soll heissen Odyssee) und ii»k. k^^:^^^^^ ^^^
129 Griechische Litleratar.
Rhodos *} keineswegs folge, der Ephesier habe wirklich ylcSö<Sai ge-
schrieben, wogegen wir behaupten, dass gegen die Echtheit der wirk-
lich angeführten Glossen durchaus kein haltbarer Grund aufgebracht
werden kann. Dass Stellen, wie im Schol. II. /?, 532. y, 28. 9), 169
u. S., wo Artstonikos dem Zenodot eine Begründung der Lesart unter-
schiebt, nicht hieher gehören, glaube ich p. 36 sqq. nachgewiesen zu
haben, dagegen habe ich p. 29 sqq. eine Anzahl von Stellen aufge-
führt , grösstentheils aus den Homerischen Schollen , die auf die yktaa-
oai des Ephesiers hinweisen. Osann führt davon nur weniges an, die
Bemerkungen über f!<p&t,fAog und öalg itaff, und will daraus den Schluss
ziehn, Zenodot habe an manchen Stellen seiner Ausgabe, wo die Les-
art oder die Deutung streitig gewesen sei, kurze Erklärungen einzelner
Wörter beigeschrieben , welche später jemand vom Rande jener Aus-
gabe gesammelt und in Form von Glossen herausgegeben habe , und
diese Sammlung könne vielleicht schon Aristarch benutzt haben. Wun-
derlich genug meint Osann , die Erklärung von Zenodot, ftp&ifiog be-
deute aya^ag, beziehe sich auf II. of, 3, wo er den Zenodot Itpd'lfiovg
M^kag lesen lässt, obgleich ausdrücklich bezeugt wird, erst Apol-
lonios von Rhodos habe diese Lesart eingeführt. Wie konnte Osann
so die gute Ueberiieferung über den Haufen werfen, und das mit so
nichts sagenden Gründen ! Hier bleibt nichts zu wicLerlegen, sondern
nur auf den auffallenden Irthum hinzuweisen. Wenn Zenodot in seinen
yX^Scif cei^ das Wort !g>&t(iog durch vtycc^og erklärte, so geschah es
ohne Zweifel mit besouderm Bezug auf die Stellen, wo es als Bei-
wort von Frauen vorkommt, wie es in dem betreffenden Scholion
selbst (Cramers Anecd. Ox. J, 207) genugsam angedeutet wird. Die
andre Stelle Athen. I, p. 12 C beweist, dass Zenodot bei seiner Er-
klärung von dalg itari in seinen yXckiaat unter dem Worte itöri sich
besonders auf II. i, 225 berufen hatte. Die weitern von mir angeführ-
ten Stellen bestätigen das Dasein von ylcaaacci 'OiiriQeioi oder ^Ofirj-
Qixal oder wie sie sonst heissen, von dem Ephesier Zenodot aufs be-
ste, wogegen Osann nur mit vagen Vermuthungen und argen Yer-
rückungen des einfach vorliegenden Tbatbestandes zu Felde gezo-
gen ist. • .
Unmittelbar hierauf wendet sich Osann gegen die von dem unter-
zeichneten nach dem Vorgänge anderer gemachte Unterscheidung zwi-
schen dem Malloten und dem Alexandriner Zenodot, wobei er mir
Schuld gibt, dass ich eine Meinung Wolfs bekämpfe, die dieser nie
gehabt. In beiden hat Osann entschiedenes Unrecht. Die Meinung
Wolfe führe ich mit dessen eignen Worten an, bekämpfe sie aber,
indem ich der ihr zu Grunde liegenden Ansicht, dass MakXmtig^ Kga-
V'^siog und iv ucxu dieselbe Person bezeichnen , das Zeugnis des
♦) IT, 105: atv(pBXiiv^Sh liyn rr^v xqtt%ttav xal ffxX^^ay oi^ro» 8b
K«l KlHtoqioi liyovaiVy mg tpriai Zrivodoxog iv xaig yltoifaccig, Kv^^-
vaioi 8\ xiiv xsQCov, Dies bemerkte Zenodot bei Gelegenheit des Ho-
merischen Verbums cxwpfXi^m,
Osann: qnaettionum Homericarum particula I. 127
Suidas entgegenhalte, der den T^vodaiog o iv Saret als lAls^ecvÖQevg
angibt. Zagegeben , dass bei Suidas zuweilen diejenigen mit lAXs'^av-
6(^evg bezeichnet werden, die in Alexandria ihren Wohnsitz hatten,
aber anderswo geboren waren , wie schon Wolf annahm , so ist doch
an unserer Stelle deutlich, dass Suidas, da er nach dem 2üriv66otog
^Ekpiaiog den Ztivodozog 'Aks^avÖQevg folgen lässt, Alexandria als
dessen Wohnort bezeichnen will. Wer dieses leugnen oder den Sui-
das oder dessen Quelle eines Irthums zeihen will, der kann dieses
nicht ohne die gewichtigsten Gründe thun; Gründe dieser Art sind
aber bisher nicht im entferntesten beigebracht worden : denn dass die
Schrift n^og va ine ^Aqiaxiq%ov a&eTOV(isva sehr wohl für einen
Schüler des Krates passen würde , beweist nichts , da ja auch Alexan-
driner, wie Kallistratos, Demetrios Ixion u. a. gegen Aristarch schrie«
ben , und gehörte die Schrift auch wirklich dem Malloten , so würde
es doch für jeden, der den Suidas kennt, keine arge Zumuthung sein
zu glauben , dieser habe das Werk eines andern Zenodot dem Alexan-
driner zugeschrieben. Mir ist es unwahrscheinlich , dass ein Zenodot,
der schon durch den , wie es scheint , allgemein gangbaren Namen des
Malloten oder des Krateteers genug gekennzeichnet war, noch die
wenig bezeichnenden Namen Ale^ctvdi^g und 6 iv Sövei erhalten
habe. Wolf und die ihm folgen müssen annehmen, Zenodot ron
Mallos sei seinem Lehrer Krates abtrünnig geworden — wie stimmt
aber dazu die Bezeichnung KQeni^eiog? — ; in diesem Falle wfiren
aber die Namen ^Ake^avÖQwg und 6 iv aotet so wenig bezeichnend
wie immer möglich. Auch ist mir kein sicheres Beispiel bekannt,
dass ein Krateteer von Pergamon nach Alexandria gegangen und von
seinem Lehrer abgefallen sei ; denn dass Demetrios von Skepsis frü-
her Krateteer gewesen (Gräfenhan I, 399 f.) steht gar nicht zu er-
weisen, wie umgekehrt die Sage, Demetrios Ixion sei ursprünglich
Schüler des Aristarch, habe diesen aber später befeindet und sei dar-
auf nach Pergamon gegangen (Gräfenhan II, 421 f.), sieh leicht als
eine ganz falsche erweist. Nach allem stehn der Ansicht, der Mallote
und der Alexandriner Zenodot seien dieselbe Person, bedeutende
Schwierigkeiten entgegen, und sie kann nur durch unbefugte Annah-
men gestützt werden, wogegen alles ohne Anstoss ist, wenn wir
beide für verschieden halten , wobei die Möglichkeit offen bleibt, dass
von den Werken , welche Suidas dem Alexandriner beilegt , eines oder
das andere dem Malloten angehört habe.
Zum Schluss will Osann noch einige von seinen Vorgängern
gar nicht oder nicht richtig behandelte Punkte berühren. Leider ist
ihm aber auch hier das Glück nicht günstiger. Was er zunächst über
die sogenannte tabula Parisina sagt, beruht auf reinem Mis Verständ-
nisse , da er nemlich vorausgesetzt zu haben scheint, die in Bueh ß-—^
beschriebenen , kurz auf dem erhaltenen Theil der Tafel angedeuteten
Begebenheiten seien nicht an einem und demselben Tage geschehn,
während jeder , der die Ilias mehr als oberflächlich kennt, wohl weiss,
dass der Buch ß beginnende Tag erst in Buch tj ab8chUe8sl\ ^at&s^'^s^^
128 Griechische Litteratur.
unter der bezeichneten Voraussetzung war die Ansicht, welche Osann
sich von der Tafel gebildet , und die meiner wohlbegründeten Dar-
stellung entgegengestellte Behauptung möglich: ^ Ultra libri primi
enarrationem nuÜa amplius dierum tnentio fii (und doch heisst es
auf der Tafel : tccvtrig duk&(y6(Sfig vrjg f^ii^ag »cci rcov ^fte^v a^t^-
liov i^oviSAv $ixo0t kTCißnlUi, [am Anfange des zweiten Buches] fi/a
x«l elxocttj^ iv y iöüv Axccimv ayOQcc u. s. w.), neque m rebus
deinceps irt tabula enarratis dierum ulla ratio habetur* (natürlich,
da die Tafel abbricht, ehe der einundzwanzigste Tag zu Ende ist).
Schon Lachmanns Bemerkungen hätten Osann vor einem so argen Ir-
thum schätzen aollen.
Dasselbe Unglück, wie bisher, verfolgt den Verfasser auch
weiter. Was er über den 0iUtatQog des Zenodot sagt (denn Odi-
xai^og ist der Name einer Schrift), würde er nicht gewagt haben,
wären ihm die Bemerkungen von Pierson zum Moeris p. XLVI sq. ge-
genwärtig gewesen. Die Schrift ist entweder von einem spätem Ze-
nodot oder trägt trüglioh Zenodots Namen. Dass die Schrift msQl av^
^v7f(niiM€i>v %ccl aw7to%cfKx<av ^ die Eudokia dem Ephesier beilegt,
diesem nicht gehören kann, hat noch niemand bezweifelt; man hat die
ganze Notiz stillschweigend übergangen , und kaum ist nöthig zu be-
merken, dass es sich damit ebenso ver*hält wie mit dem QtliratQog,
Osann geht dann weiter auf die Stelle der Scholien zu des Ger-
manicus Aratea ein (die übrigens nicht, wie Osann glaubt, von Su-
ringar zuerst bekannt gemacht worden , sondern längst bekannt und
bereits bei Fabricius benutzt ist) : ^ Zenodotus autem Aetolus et Dio-
dorus aiunt^ nee ad fabulosi lovis sufficere eiusmodi opinionem,*
Nun wird freilich , was Osann nicht unbemerkt lassen durfte , Zenodot
von Mallos einmal in den Schollen zum Arat genannt, aber dadurch
dürften wir doch nicht berechtigt sein, mit Suringar und Osann statt
Aetolui geradezu Mallotes zu lesen. Ich vermuthe, dass nach
auiem der Name Alexander ausgefallen ist. Alexander Aetolos
wird unter den Erklärern des Arat genannt, eine Nachricht, deren
Wahrheit Capelimann (p. 5. 43) wohl mit Unrecht bezweifelt. Osann,
der bei dieser Gelegenheit die Erwähnungen des Malloten aus dem
codex Victorianus der Scholien zur Ilias v, 730« o, 262 anführt, macht
die Bemerkung : ^ Ceterum notabile , quod in SchoL A Zenodoti (^Mal-
lotae) semel tanttum mentio fit^ et KQatifgelov cognomine: quod non
errabis^ si ex invidia quadam Aristonici^ qui ut Aristarchiam doc^
trinam praecipue memoria prodere studuit^ ita parcius iniquiusque
in reddendis Cratetis eiusque sectatorum placitis versatus est^ expli-
eaveris. Aber der codex Victorianus bietet ja auch die Bemerkungen
des Aristonikos, und uns scheint, dass alle drei Erwähnungen des
Malloten (v, 730. o, 262. ^, 79) nicht aus Aristonikos, sondern aus
Didymos sind. Weshalb gerade t^, 79 jener Zenodot als Schüler des
Krates bezeichnet wird, erkennt man leicht. Krates hatte dem Homer
auch chaldaeische Weisheil beigelegt.
Pen Reigen schliesst eine Betrachtung der Stelle aus den Schol.
Rabino; Untersuchungen über röm. Verfassung u. Geschichte. ISO
Veron. Virg. Aen. XI, 738, welche, was Osann entgienj, Schneidewin
im Philologus II, 764 und der unterzeichnete in ^esen Jahrbfl-
ehern LYIII, 9 behandelt haben. Osann äussert die unglflckliche
Vermuthung, die hier genannte Schrift TLaiavla oder wie sie sonst
'geheissen, sei ein Theil Yom Buche des Zenodot nq^og ra ine ^Aqi-
Cxiqiov a&evovfuva tov Ttoitjfwv gewesen, was schon deshalb unglaub-
lich ist, weil die vom Schol. genannte Schrift offenbar dialogisch ab-
gefasst war.
Wir stehn am Ende der Osannschen Abhandlung, in welcher
wir keine Mrissenschaftliche .Förderung, dagegen riele offenbare
Fehlgriffe gefunden haben ; nur ein paar , gerade nicht den Zenodot be-
treffende Bemerkungen Anmerkung 1 — 3 haben wir anzuerkennen. Zu
grosse Zuversicht auf die eignen Ansichten und zu rasche Beseitigung
des von anderer Seite nach sorgfaltigster Prüfung gebotenen haben
den Verfasser , dem wir sonst für manche Belehrung in zahlreichen
früheren Schriften zu Dank verbunden sind, diesmal sehr in die Irre
geführt.
Köln. H, Düntzer.
Uebersicht der auf dem Gebiete der römischen Alterthümer
seit 1840 erschienenen Schriften.
(Vergl. NJahrb. LXin, S. 25 ff.)
Zweiter Artikel.
Schriften über die römische Verfassung.
Ehe wir zu den einzelnen Theilen der Verfassung übergehn, ha-
ben wir diejenigen Bücher zu nennen , welche die Verfassung über-
haupt oder mehrere Partien derselben behandeln. Von grosser Wich^
tigkeit war das Werk von J. R u b i n o : Untersuchungen über römi-
sehe Verfassung und Geschichte. Tbl. 1. Cassel , Krieger 1839. XX
und 503 S. 8, auch unter dem Titel: über den Entwicklungsgang der
röm, Verfassung bis zum Höhepunkte der Republik, welches der Zeit
des Erscheinens zufolge ausser den uns gesteckten Grenzen liegt. Die
glänzenden Eigenschaften des Buchs müssen wir bewundern, wenn
wir auch mit dem Princip, welches das Ganze durchdringt und mit
den Grundideen (wie von der unumschränkten Macht der Könige, von
der ununterbrochenen Fortpflanzung der Weihe der Magistraten, von
der geringen Bedeutung des Volks u. s. w. , s. Pauly Realencycl. II.
S. 561. VI. S. 467), nicht übereinstimmen und der Ansicht sind,
dass der aus dem Werke zu schöpfende Hauptgewinn nur in der aus^
gezeichneten Bearbeitung specieller Partien besteht. In diesen Jahr-
büchern XXIX. S. 243 — ^262 ist dasselbe gründlich recensiert worden
von Peter , ferner von Göttliag in seiner Geschichte der röm, SU».^«^
130 RöBÜsche Alterthamer.
Verfassung S. 510 — 516, von Nitzsch in Schmidts Zeitschr. für Oe«
schichtswiss. 1845. IV. S. 241 — 258, von Werther im Museum des
rhein.-westph. Schulm.-vereins 1845. III. S. 30 ff. und in den Münch-
ner gelehrten Anzeigen 1841 Nr. 82 — 87.
Darauf folgte das lehrreiche, durch Schärfe und Klarheit der Un-
tersuchung ausgezeichnete Buch von C. Peter: die Epochen der Ver-
fassungsgeschickle der röm. Republik. Leipzig, Vogel 1841. XLII u.
260 S. 8, rec. von Bröcker in Jen. Litt. Zeilg. 18i3 Nr. 197— -199. Der
Verf. gewinnt feste Haltpunkte in der Entwicklung der röm. Verfas-
sung durch eine genauere Betrachtung der Veränderungen, welche
mit den Comitien in Beziehung auf Zusammensetzung, Befugnisse und
gegenseitige Stellung vorgegangen sind. Der Stoff ist in 4 Abschnitte
oder Epochen vertheilt: L vom Beginn der Republik bis zum Decem-
virat; IL vom Decemvirat bis zum Hortensischen und Maenischen Gesetz
(mit denen die Gleichstellung beider Stände erreicht ist) ; III. vom
Hortons, und Maen. Gesetz bis zu den Gracchen (oder der Höhepunkt
der Republik, bis sich zwei neu entstandne Parteien feindlich gegen-
überstehn und einen nahen Kampf voraussehn lassen) ; IV. von den
Gracchen bis Augustus oder der Verfall der Republik , in 3 Capiteln.
(Die Gracchen bezweckten die Abstellung der Misbräuche der optima-
tischen Partei, wurden aber, indem sie die Aristokratie stürzten, un-
bewusst die Veranlassung zum Sturze der Republik). Ein Auszug ist
bei dem reichen und schön gegliederten Inhalt nicht möglich. Her-
vorzuheben sind nur noch die trefQichen ausführlichen Erklärungen,
welche von den Hauptstellen des Liv. und Cic. gegeben werden , so-
wie die in der Vorrede enthaltenen Bemerkungen über die bei der
Benutzung der Quellen anzuwendenden Grundsätze. Manchmal hat der
Verf. nicht das richtige gefunden, z. B. wenn er sagt, dass lex Pü-
blilia die Patricier von den Tributcomitien ausgeschlossen hätte, bis
sie durch die XII Tafeln wieder aufgenommen worden wären; dass
die Tributcomitien vor den XII Tafeln Capitalgerichte hätten halten
dürfen; dass Cic. de rep. II, 22 sich zum Theil auf die neue, zum
Theil auf die Servianische Centurienverfassung beziehe u. a., wor-
über ich bei andern Gelegenheiten gesprochen habe.
L. 0. Bröckers Abhandlungen zur röm, Geschichte, Tübingen,
Fues 1841, 63 S. 8 und Vorarbeiten zur röm, Geschichte, Ebend. 1842,
L u. 212 S. 8 haben wegen ihrer reactionären Richtung (vorzüglich
gegen Niebuhr) in diesen Jahrb. XXXIII. S. 438 ff. mit Recht eine
sehr scharfe Beurtheilung erfahren. Es ist jedoch nicht zu leugnen,
dass Hr. B. in einigen Stücken — freilich in den allerwenigsten —
das richtige gesehn hat, z. B. in Bezng auf die staatsrechtliche Stel-
lung der dienten.
lieber die Melanges de philologie, d'^hist» et d^antiquites von
J. E. G. R u 1 e z , welche wenigstens theilweise hieher gehören, habe
ich in diesen Jahrb. LVIII. S. 224 ff., LXII. S. 421 ff. berichtet, des-
gleichen über die scharfsinnigen , aber zu verkehrten Resultaten füh-
renden Forschungen auf dem Gebiete der röm. Verfassungsgeschichte
Terpstra: de populo, de senatu eto. antiq. reip. Rom. temp. 131
von W. Ihne, Jahrb. LYI. S. 339 — 357. S. auch die Recension von
Gerlach in der Zeitschr. f. d. Aiterthumsw. 1848 Nr. 88 ff. Die Utrech-
ter Doctordissertation von D. Terpstra, quaesi, lit. de populo^ de
senatUy de rege, de inierregibus aniiqmssimis reip, Rom. temporibus.
Rotterod. Krämers 1842, X u. 92 S. 8 scheint in Deutschland unbe-
kannt geblieben tu sein. Cap. 1. de populo p. l->-49. Roms Entste-
hung wird nach Göttling, die alte Tribus- und Cnrieneintheilung nach
der gewöhnlichen Ansicht (mit Polemik gegen Wachsmuth) darge^'
stellt. In Beziehung auf die Decurien bekämpft der Verf. die Iden-
tität derselben mit den Gentes und hält die Gentes für Unterabthei-
lungen der Decurien (gegen Niebuhr nach Göttling). Die Curien
sollen nicht bloss die patricischen Gentes , sondern auch die ganze
Plebs, welche ebenso gut der Gentilität theilhaftig gewesen wäre,
umfasst haben (sowie v. d. Velde , s. Zeitschr. f. d. Alterthumswiss.
1839 Nr. lOO), auch soll es von Anfang des Staats an Plebejer gege-
ben haben und diese wären ganz verschieden von den Clienten ge-
wesen. Die Clienten sind als eine privat- und staatsrechtlich znrQck-
gesetzte Kaste geschildert. Umgekehrt werden die Plebejer viel zu
hoch gestellt und als eine in den Curiatcomitien mächtige mit dem
König gegen die Aristokratie verbündete Partei aufgefasst , indem der
Verf. vieles, was die Schriftsteller von den Patriciem sagen, auf die
Plebejer überträgt. Eine Rangordnung der alten patricischen Urtribus
wird ganz verworfen (nach v. d. Velde). So wie wir in diesem Ca*
pitel manchen veralteten Irthämem , zu denen noch einige neue ge-
kommen sind, begegnen, so finden wir in dem 2. Cap. de senatu p.
50 — 60 etliche auffallende neue Hypothesen , z. B. dass aus der Tri-
bus der Luceres gar keine Senatoren genommen worden wären, son-
dern dass zu des Tarq. Prise. Zeit der Unterschied der Curien schon
aufgehört und dass dieser König 100 oder 200 neue plebejische Sena-
toren ans allen drei Tribus ausgehoben hätte. Schon unter Numa sei
der Unterschied der Tribus ziemlich verschwunden gewesen und bei
dem Umfragen im Senat hätte man nicht mehr die alten Decurien be-
rücksichtigt, sondern das Alter, da man nach dem Alter neue De-
curien geschaffen hätte. Gut ist der Beweis geführt, dass Niebuhrs
deeem pritni nicht existiert haben. Cap. 3 de rege ist ganz kurz;
ausführlicher dagegen und überhaupt das beste im Buche Cap. 4 de
inierregibus,, s. unten S. 151 f. Der Verf; hat in seiner Abhandlung
ein gutes Zeugnis seiner fleissigen und emdten Studien abgelegt,
wenn auch — mit Ausnahme des 4. Cap. — für die Wissenschaft
nichts darans gewonnen worden ist. In mehrern Fundamentalfragen
befindet er sich in grossem Irthum , wie er wahrscheinlich selbst längst
eingesehn haben wird, aber zu loben ist die Interpretation mehrerer
Stellen und die Genauigkeit in der Behandlung alter Streitfragen. Da-
gegen ist von einer klaren Anschauung des antiken Staatslebens und
seiner Institute in ihrem Zusammenhange nichts wahrzunehmen.
Alle bisher genannten Arbeiten beschäftigen sich mit der Verfassung
Roms während der republic. Periode. Für die s^äitet^LviVv^Hv^^^^-
132 Römische AlterthQmer.
ger , aber doch einiges geschehn. Von Abhandlangen sind nnr rwei
za nennen, beide von W. A. Schmidt verfasst, beide durch tüch-
tige Sachkenntnis , feinen historischen Takt und geschmackvolle Dar-
stellung ausgezeichnet, beide in des Verf. Zeitschrift für Geschichts-
wissenschaft enthalten. Die eine bespricht den Verfall der Volks-
rechte unter den ersten Kaiser»^ 1844, I. S. 37 ff., die andre die Um-
Mdung der röm. Republik in die Monarchie^ 1848, IX. S. 326 — 353.
413 — 455. Ein vorzügliches Verdienst um die Erforschung der spä-
tem röm. Verfassung erwarb sich Karl Hock in seiner eben so ge-
diegen ausgearbeiteten wie schön geschriebenen römischen Geschichte
vom Verfall der Republik bis zur Vollendung der Monarchie unter
Conslantin. Bd. I. Abth. 1. Braunschweig Westermann, 1841. 426 S.
Abth. 2 ebendas. 1843. 426 S. Abth. 3. Göttingen Dieterich, 1850.
408 S. 8, recensiert von Marquardt in Zeitschr. für Alterthumswiss.
1844 Nr. 91 ff. Die Einleitung schildert die röm. Verfassung bis auf
die Gracchen in einer sehr gelungenen übersichtlichen Weise , darauf
folgt Buch 1 von Sullas Tod bis auf Caesars Tod; Buch 2 bis auf die
Schlacht bei Actium ; Buch 3 bis zur Vollendung der Gewaltfülle Octa-
vians (in welchem mehrere Capitel für die Verfassung wichtig sind,
namentlich die Bildung der Kaisergewalt und ihr Verhältnis zu den
republicanischen Verfassungsorganen); Buch 4 bis zu Augusts Tode;
Buch, 5 Zustünde und Verwaltung des Reichs (Cap. 1 Italiens Natur
und der Zustand seiner Bewohner, Cap. 2 Bevölkerung Roms und
Augusts Veranstaltungen für dieselbe, Cap. 3 die italischen Städte,
Cap. 4 Reform des Militarwesens und der Provinzen, Cap. 5 Provin-
cialbehörden, Cap. 6 und 7 Provincialstadte , Cap. 8 allgemeiner Zu-
stand der Provinzen , Cap. 9 Handel , Cap. 10 Finanzwesen u. s. f.) ;
Buch 6 Tiberius (wo hervorzuheben sind Cap. 5 die Beschränkung der
Volksrechte und die Concentrierung der Staatsgewalten , Cap. 6 das
Majestäts verbrechen und die Ankläger, Cap. 7 die Verwaltung);
Buch 7 von Caligula bis Neros Tod (hier sind Cap. 7 der Staat unter
Claudius und Cap. 12 der Staat unter Nero vortrefflich zu nennen).
Wir müssen es uns versagen, auf die Details einzugehn und können
nur nochmals versichern , dass dieses Werk als eine wahre Bereiche-
rung der historisch-philologischen Litteratur betrachtet werden muss
und dass das Studium desselben einem jeden vielfache Belehrung und
reichen Genuss gewähren wird. Möge die Vollendung des so glück-
lich begonnenen Unternehmens in nicht zu langer Zeit erfolgen !
An Höcks Forschungen schliesst sich gänzlich an F. Gregoro-
vitts: Geschichte des Kaisers Hadrianus. Königsberg 1851 (nemlieh
im 2. Buch der Staat p. 85 — 139), so dass für die röuL Verfassung
und Verwaltung nichts daraus zu lernen ist.
Die von Marquardt gearbeitete Verfassung unter den Kaisern
der ersten drei Jahrhunderte in dessen Fortsetzung der Beckerschen
Alterth. 1849. II, 3. S. 197 — 306 zeigt dieselben Eigenschaften wie
die andern Abtheilungen (s. im 1. Artikel S. 30. 38) und ist den Phi-
lologen eine sehr werthvolle Gabe. Nun wende ich mich zu dem einzelnen.
Giraud : de la gentilit^ ronaine. 13S
L Bestandtheile und Gliederungen der römischen
Bevölkerung, l) Carlen und Gentes. In Frankreich erschie-
nen drei Abhandlungen, zuerst Ortolan: des geniiles che^i les Ro-
mains^ in der Rerue ^e l^gislation et de jurisprudence. Paris 1840.
Tome XL p. 257 £F., sodann Quinon: diu. »ur la gens ei le droit de
gentiUU che» les Emnains, Grenoble 1845 (enthält nur eine Wieder-
holung der alten Ansicht des Sigonins u. a., dass gens eine auf ge-
meinsamer Abstammung beruhende Genossenschaft beseichne), end-
lich Ch. Giraud: de to gentiUU ramaine^ in der erwähnten Revue
de l^g. Paris 1846. Tome III. p. 385 — Id5. Diese Arbeit des durch
sein essat sur Vhistoire du droit fran^ais au mögen äge (Paris
1846. II) V seine recherches sur le droit de proprieii che» les Ro-
mains (jhix et Paris 1838. II) n. a. bekannten tachtigen Rechtshisto-
rikers enthält die gelehrteste und vollständigste Vertheidigung der
Niebuhrschen Theorie Ober die Gentes. Man findet hier nicht bloss
eine Wiederholung und weitere Ausführung der bereits von Niebnhr
beigebrachten Gründe, sondern eine selbständige Behandlung des schon
vorhandenen und von dem Verf. selbst hinzugefögten Materials, ob-
wohl nicht geleugnet werden kann , dass G. gerade in der Benutzung
der neuen Materialien nicht immer glücklich ist und dass er sogar
manche Stellen als Beweis anführt, welche mit grösserem Recht gegen
ihn geltend zu machen sind. Da die Abhandlung bei uns fast unbe-
kannt ist, so gebe ich eine kurze Uebersicht des Inhalts. Niebuhrs
Ansicht, dass ^eiis identisch sei mit decuria (als Unterabtheilung der
Curien) und eine politisch-religiöse Genossenschaft bezeichne, wel-
cher die Idee der Verwandtschaft ursprünglich ganz fem gewesen,
soll bewiesen werden und zwar 1) durch die Analogie der attischen
ylvf^^ welche ebenfalls politische Unterabtheilungen der Phratrien ohne
alle Verwandtschaft wären, S. 389 — 396, sodann 2) durch die bekannte
Definition bei Cic. Top. 6, welche auf die griechischen und römischen
Gentilen in gleicher Weise passe. Femer heisst es 3) S. 400ff.,^tR5^e-
ii«ifs sei ursprünglich s. v. a. gentüis gewesen und daraus gehe
hervor, dass es auf Verwandtschaft bei der Gentilität nicht ankomme,
sondern dass ingenuitas das charakteristische derselben sei. (Kei-
neswegs kann man sagen , dass ingenuus und gentüis gleiche Bedeu-
tung habe , denn aus den bekannten Stellen bei Liv. X, 8 und Fest. v.
patric, p. 241 M. geht nur hervor , dass ingenuus und patricius iden-
tisch waren. Ingenuität ist eine nothwendige Eigenschaft der Genti-
lität, aber beide Begriffe sind nicht gleich). 4) Unter einigen Be-
weisstellen wird mit Recht aufgeführt Paulos Diac. v. gentüis p 94 M. ;
weniger passt Paulus Dig. L,l6,ö3 pr., wo agnatorum gentüiumque als
etwas verschiedenes genannt werden, denn verschieden sind beide
auch nach der alten Ansicht. Noch weniger durfte sich der Verf. auf
Varro de 1. 1. VIII, 4 berafen , über welche Stelle er schnell hinweg-
sohlüpft(S. 405), denn jedesfalls hat sieh Varro einen Aemilios ahi
Stammvater der gens Aemilia gedacht, wie schon Becker röm. Alter-
thümer U, 1. S. 37 bemerkt hat. Ebenso ungenügend und fl4ekU%vi^
134 Römische AUerttaamer.
5) der folgende Grund bekandelt, S. 405 f., nemlich dass es unmög-
lich sei, die Erzählung von dem Unglück der 306 Fabier an der Cre-
mera mit der alten Ansicht über die Gentilität in Einklang zu brin-
gen. Wenn man 306 waffenfähige Fabier als Verwandte annähme , so
müsste die Familie im ganzen 1200 Köpfe betrag^en haben und wenn
nur ein einziger das Unglück fiberlebt hatte , so hätten die Säuglinge
mit ausrücken müssen u. s. w., mais Phypothise esi parfaitement admit-
sible^ $i la gens Fabia n^est auire que le clan des Fabius, Ich sehe
nicht ein, was dadurch gewonnen wird, denn die Unwahrscheinlich-
fceit der Erzählung bleibt dieselbe, wir mögen die 360 als Verwandte
oder als politisch-religiöse Genossen annehmen. S. Fauly Realencycl.
IIL S. 370 ff. Einen fernem Beweis zieht G. 6) aus der angeblichen
Gleichheit von gens und decuria^ S. 406 ff. Allein die sprachliche Be>
deutung von decuria spricht gegen eine solche Identität und viel näher
liegt es, einen Irthum des Dionysios, welcher allein Decurien als Unter-
abtheilungen der Curien nennt, anzunehmen, s. Pauly Realencycl. V.
S. 1227 f. Viel besser ist S. 407 — 415, wo bemerkt ist, dass Gleich-
heit des Namens nicht Gleichheit des genus oder Verwandtschaft in-
volviere und dass man gentäis als Namens-, nicht als Stammve:ter auf-
fassen müsse. Ein auffallender Irthum findet sich unter manchen schö-
nen Bemerkungen über die römischen nomina^ nemlich über gens Man-
lia, S. 412, indem behauptet wird, dass nach der Verurtheilung des
M. Manlius Capitolinus die gens den Namen Manlius abgelegt and
einen neuen Namen angenommen hätte , dagegen hätte Manlius als Fa-
milienname fortgedauert. Bekanntlich verbot die gens Manlia nur,
einem Mitgliede derselben den Vornamen des verurtheilten M. beizu-
legen, von einer Umwandlung des Gentilnamens war keine Rede, s.
Ouint. III, 7, 20. Paulus D. p. 125. 151 M. , vergl. auch Geil. IX, 2.
Endlich 8) wird aus der Innern Constitution der genies die Richtig-
keit der Niebuhrschen Theorie deduciert, S. 415 — 432, welche Partie
vieles g^te und richtige enthält, vorzüglich über die sacra und das
damit in Verbindung gesetzte gentilicische Erbrecht. Zu viel Werth
wird auf CatuU. ad Manl. v. 121 — 124 gelegt; hervorzuheben ist aber
die Erklärung von Cic. de orat. I, 39 auf S. 426 ff. — Um nun noch
jinsre Ansicht über die Differenz zwischen Niebuhr und der alten zu-
letzt von Göttling und Becker vertheidigten Erklärung hinzuzufügen,
so habe ich schon im ersten Artikel (S. 40) gesagt, dass die Wahr-
heit in der Mitte liege. Staatsrechtlich war Verwandtschaft keines-
wegs ein nothwendiges Merkmal der gentilitas^ wie Niebuhr, Giraud
u. a. gezeigt haben , allein trotzdem beruhten die nieisten gentes auf
gemeinsamer Abstammung und waren nicht bloss politische Aggrega-
tionen. Jedesfalls hatte die erste Eintheilung der gentes die natür-
liche Grundlage der Verwandtschaft; denn wie könnte man eine so
künstliche Zusammensetzung, wie sie die attischen yivri wahrschein-
lich erst durch Selon empfiengen, auf die Urzeit des römischen Staats
übertragen? Daher kam es, dass die meisten gentes von einem
gemeinsamen Ahnherrn abstammten oder abzustammen glaubten , wenn
Breda : die Centari«)nverfo8snng des Servias Tullias. 135
•
die Verwandtschaft auch nicht nothwendig war. Damm konnten nene
Familien ohne Verwandtschaft zu bestehenden genies treten, so l. B.
mochten sich neue Ankömmlinge an eine stammverwandte gen$ an-
Bchliessen, oder es konnten einige Familien, welche wenig Häupter
sfihlten/ zusammentreten, sich einen gemeinsamen Gentilnamen bei«
legen und durch neugestiftete sacra als besondre gens constituieren.
2) Tribus. In ausgezeichneter Weise werden diese behandelt
von Th. Mommsen: die röm, Tribus in adminisiratwer ßeUehvng,
Altona , Hammerich 18M. X und 232 S. Das 1. Cap. S. 1 — 58 Ver-
fassung der Tribus. Steuer und Sold. Cap. 2. Die Tribus als Grund-
lage der militfirischen und politischen Centurien S. 59 — 176. Cap. 3.
Die Tribus der Kaiserzeit als städtische Corporationen S. 177 — ^208.
Ueberrascheuder Scharfsinn, glänzende Combinationsgabe, umfassende
Gelehrsamkeit verbunden mit schöner Darstellung sind dieser Schrift
wie allen Arbeiten des Verf. in hohem Grade eigen. Ein näheres Ein-
gehn ist überflüssig, da dieses Buch vielfach und gründlich bespro-
chen worden ist, so von Preller in der AUgem. Litteraturztg. 1845 April
Nr. 82 f., von Huschke in Richter-Schneiders krit. Jahrbüchern f. deut-
sche Rechtswiss. Leipzig 1845 Jahrg. IX. Bd. 18. S. 581 — 644, von
mir in der Zeitschr. f. d. Alterthumswiss. 1846 Nr. 127 f. und von Ger-
lach in histor. Studien II. Basel 1847. S. 217-^226.
Die dem Bromberger Gymnasialprogramm von 1848 vorausge-
schickte Abhandlung von Breda: die Cemturienterfassung des Ser-
f>ius TuUius, 22 S. 4 benutzt die Mommsensche Schrift als Ausgangs-
punkt, um die Darstellung der reformierten Centurienverfassung daran
zu knüpfen. Dieses Ziel hat der Verf. aber in dieser Abtheilung noch
nicht erreicht, sondern er behandelt vorläufig die früheren Verhält-
nisse in vier Capiteln. 1) Die vorservianische Zeit p. 2 — 4,
wo behauptet wird, die dritte Tribus der Luceres seien Albaner, wel-
che Tullus Hostilius den beiden früheren Tribus hinzugefügt habe (s.
darüber unten bei Niemeyer de equit;). Darauf soll Tarquinins Pris-
cus die genies dergestalt verdoppelt haben , dass er die durch Aus-
sterben verminderten patricischen Familien in 15Curien (in jeder Tribus
fünf) vereinigt und eine gleiche Anzahl neuer durch Aufnahme plebe-
jischer Familien unter die Patricier gebildet hätte. Eine derartige
Verdoppelung, die mit einer gänzlichen Umgestaltung der bestehenden
Curien verbunden gewesen wäre, ist unvereinbar mit dem uralten rö-
mischen Princip der Corporationserweiterung, nach welchem man
*bei Ueberschreitung der alten Zahl nicht neue Abtheilnngen hinzu-
fügte, sondern die Normalzahl der bestehenden überschritt', s. Momm-
sen Tribus p. 133. 2) Die Tribuseintheilnng des Serv. Tul-
lius p. 4r— 9. Hier nimmt der Verf. gegen Mommsen schon unter
Serv: TuU. mit Recht 26 iribus rusticme an und lässt auch die Patri-
cier wegen des Tributum u. s. w. in die Verzeichnisse der Tribus ein-
geschrieben sein, aber die politische Aufnahme der Patricier in die
Tribus wäre erst durch die XII Tafeln erfolgt, lieber diesen vermit«
telnden Ausweg gilt dasselbe, was ich gegen Becker in diesen J^kcb^.
136 Römische Alterthfimer.
■
LXIII. S. 33 f. bemerkt habe, weshalb ich sogleich den weitem In-
halt dieses Capitels erwähne, nemlich dass die Tribusvorsteher iden-
tisch seien mit den iiihuni aerarii (nach Mommsen) und dass man spä-
ter die Plebs in die Curien aufgenommen habe, damit alle Bürger
durch einen gemeinsamen Gottesdienst enger verbunden würden.
3) Die Classeneintheilung des Serv. Tullius p. 9 — ^16. Der
Census wird nach Niebuhr und Mommsen auf den Grundbesitz basiert,
das Steigen der Censussätze nach' Böckh angenommen, die 6. Classe
nach Mommsen in 4 Abtheilungen geschieden (Legionarier von 11000
— 4000 Asses oder ursprünglich von 2000—800 Asses, Classiarier von
4000 — 1500, Froletarii von 1500 — 375 und capite censi unter dieser
Summe), die Böckhsche Erklärung der in Beziehung auf den Census
der 1. und 5. Classe abweichenden Angaben • verworfen. Böckh nem-
lich glaubte , dass die für die 1. Classe differierend angegebenen Cen-
sussätze von 100000, 110000, 120000 und 125000 Asses durch weitere
Erhöhungen des Census zu erklären seien, während der Verf. diese
Angaben ^ auf specielle Fälle ' bezieht und die Livianisohen Zahlen so
lange für die allein giltigen hält, bis endlich die starke Erhöhung von
100000 Asses auf 100000 Sest. vorgenommen worden wäre. Zugleich
bemerkt Hr. B. , dass die 1. Classe zur Zeit ihrer Errichtung eine so
bedeutende Bürgerzahl in sich geschlossen habe, dass dieselbe fast
die Hälfte des politischen und Militärheeres gestellt hätte, indem er
das dagegensprechende Zeugnis des Cic. (de rep. II, 22 iilarum au--
iem cet.) verwirft und auf Ciceros Zeit bezieht, weil, wenn Cicero
Recht hätte , man sich kaum eine aristokratischere Staatsform denken
könnte, als die demokratischen Principien huldigende Verfassung des
Serv. Tullius (!). Sodann wird Mommsens Hypothese von dem Zusam-
menfallen des militärischen und civilen Heeres für richtig erklärt, nur
dass man in der Nachweisung der Identität nicht so ängstlich sein
dürfe wie Mommsen. Da die Stärke der ältesten Legion 4200 Mann
betragen habe, müsse man das militärische Heer von 4 Legionen zu
168 Centurien oder 16800 Mann annehmen, während das civile Heer
175 Centurien gehabt hätte, nemlich 80 Cent, der 1., 20 Cent, der 2.,
20 Cent, der 3., 20 Cent, der 4., 30 Cent, der 5. Classe, dazu 2 Cent.
fabriy 2 Cent. Spielleute, 1 Cent, prolei,^ wonach 5 Cent, für das Ci-
vilheer mehr herauskommen als für das Kriegsheer. . Nach Mommsen
betrug die Differenz nur 2 Centurien, nemlich 168 und 170 Cent., wel-
che derselbe durch eine Hypothese auszugleichen suchte , welche auf
den accensi velati beruhte, aber in unbefriedigender Weise, weshalb
sich der Verf. auch dagegen erklärt und behauptet, dass auf eine so
scharfe Uebereinstimmung nichts ankomme, wenn nur beide Heere im
wesentlichen nach demselben Princip gebildet worden wären. Man
kann diese besonnene Aeusserung nur billigen, aber auf der andern
Seite nimmt es der Verf. selbst zu genau und legt auf die ganze an-
gebliche Identität des Civil- und Kriegsheeres, worin wir nur eine
geistreiche überraschende Hypothese erblicken , einen viel zu hohen
Werth. So z. B. hält er an der Zahl von 168 Centurien , welche nur
Breda: die Centurienverfassung des Servius Tullius. 137
durch zufälliges Zusammentreffen von Zahlen gewonnen worden war, '
fest und um diese zu behalten , will er den 4 Cent. Spielleuten und
fabri keine Stelle unter den eigentlichen Centurien des Kriegsheers
einräumen , obwohl er selbst sagt , dass sie dem Feldherr angehört
hätten, und obwohl niemand glauben wird, dass die Römer ein Kriegs-
heer gehabt hätten , in welchem die Musikanten und fabri nicht als
organischer Theil desselben mitgezählt worden wären. Es steht fest,
dass beide Heere dasselbe Princip der Organisation hatten und dass
die militärischen Pflichten eng zusammenhiengen mit den politischen
Rechten, aber ob man die Identität so weit treiben dürfe, um eine
gleiche Eintheilung beider zu statuieren , muss man billig bezweifeln.
So z. B; müsste nach Mommsen und Breda die 1. Classe 8000 Bürger
gehabt haben , um 80 Centurien ins Feld stellen zu können, während
die 2., 3. und 4. nur je 2000 gehabt hätte. Ein solches numerisches
Ueber^ewicht der 1. Classe ist an sich aus innern Gründen sehr un-
wahrscheinlich und lässt sich ebenso wenig mit dem von Hrn. B. nicht
EU beseitigenden Zeugnis Ciceros, wie mit den militärischen Rück-
sichten vereinigen. Da nemlich die Bürger der 1. Classe als Schwer-
bewaffnete oder Fhalangiten des ersten Grades eine von den andern
Classen abweichende Bewaffnung hatten , so ist schon militärisch od-
denkbar , dass diese fast die Hälfte des ganzen Kriegsheers ausge-
macht haben sollten. Auf das 4. Cap. über die Ritter werden wir
unten S. 143 zurückkommen. Um noch unsere Meinung über die ganze
Abhandlung auszusprechen, so ist sie nicht ohne Geschick und Takt ge-
schrieben, wie aus manchen richtigen Bemerkungen, Urtheilen u. s.
w. hervorgeht, aber im ganzen ist der aus der Schrift erwachsene
Gewinn gering anzuschlagen. Wenn sie, wie Hr. B. sagt, eine Revision
des Gegenstandes nach Mommsen liefern sollte, so brauchten die von
ihm als richtig angenommenen Resultate nur kurz angegeben sa wer-
den , über das nähere konnte er auf Mommsen und Böckh verweisen
(z. B. über die trib. aerarii, Censussätze, 6. Classe, Stärke der älte-
sten Legion etc.), dadurch hätte er Flatz gewonnen bestrittene Punkte
ausführlicher zu beleuchten und eigne Yermuthnngen oder Widerle-.
gnngen fremder Ansichten umfassender zu behandeln. Dagegen ver-
fährt Hr. B. ganz umgekehrt und verweilt bei manchen als richtig be-
kannten oder von ihm adoptierten Ansichten längere Zeit, während er
schwieriges und bestrittenes nur kurz und flüchtig berührt, z. B. die
Frage über die Luceres , die Stellung der Patricier in den Tribns und
die Aufnahme der Plebs in die Curien , die Verdopplung der gentes
durch Tarq. Priscus , die Abstimmung der VI suffragia nach der ersten
Classe u. a. Mit grosser Kürze und Eilfertigkeit sind viele zum Theil
sehr schwere und bestrittene Beweisstellen bebandelt, so dass sich
auch hierin die Flüchtigkeit zeigt, mit welcher Hr. B. zu Werke ge-
gangen ist. Endlich ist als Uebelstand zu erwähnen, dass Hr. B. sich
mit der Litteratur nicht gehörig bekannt gemacht hat und dadurch
mancher wichtigen Ideen , Bemerkungen u. s. w. verlostig gegangen
ist, die auf ihn nicht ohne Einfluss geblieben sein würden. So ^. ^.
A. Jakrb, f PAU. u. Pitcd. Bd. LXY. Hft.l. '^Ä
138 Römische Alterthümer.
sind Hrn. B. ganz entgangen: Beckers röm. Alterthümer, Peters Epa-
chen and Abhandl. über die 6. Classe, Zumpt und Rubino über die
Ritter , was allerdings &u verwundern ist.
3) Patricier, Plebejer, dienten. Hieher gehören zwei
durch eine Aufgabe der Akademie zu Brüssel veranlasste Arbeiten :
A. Hennebert: histoire de la lutte entre le$ patriciens et les ple-
biiens ä Rome depuis Pabolition de la royaute jusqu^ä la nomina-
tion du Premier consul pleb. Gand 1845 und H. Schuermans:
hi$L etc. Bruxelles 1845, s. diese Jahrbücher LVIII. S. 426, wo be-
reits bemerkt worden ist, dass die erste Schrift der zweiten viel vo-
luminösem in Beziehung auf historischen Takt, Kritik und Darstel-
lung bei weitem vorzuziehn sei. Beide Verfasser theilen den Stoff in
4 Perioden, die erste bis zur Wahl der Yolkstribunen, die zweite bis
auf die Gesetze des Publilius Volero, die dritte .bis zur Wiederher-
stellung des Consulats 306 a. u., die vierte bis zur Licinischen Gesetz-
gebung, auch trennen beide in jeder Periode die position politique
des deux ordres und recit de la lutte in zweckmässiger Weise. Neue
Ideen und Resultate dürfen wir in diesen Schriften allerdings nicht
suchen , um so weniger da sie sich eng an die deutschen Forschungen
von Niebuhr, Huschke, Peter, Göttling u. a. anschliessen , allein sie
legen von dem Fleiss , mit welchem die historisch-philologischen Stu-
dien in Belgien betrieben werden , ein günstiges Zeugnis ab und ma-
chen den Universitätslehrern, namentlich dem tüchtigen Prof. Roulez
alle Ehre. — lieber die Clientel ist eine besondere Schrift seit
1840 nicht erschienen, Beckers Ansicht darüber haben wir im 1. Ar-
tikel S. 31 f. besprochen.
4) Bürger, Latini, Fremde. Einen Beitrag zur Würdigung
der röm. Civität gibt 0. G. Zumpt: über die persönliche Freiheit
des röm. Bürgers und die gesetzlichen Garantien derselben. Darmstadt,
Lange 1846. 54 S. 8, worin der Verf. die Schutzmittel der Bürger ge-
gen den Misbrauch der obrigkeitlichen Gewalt behandelt. Es sind
4 Punkte: l) die Controle der Staatsbeamten untereinander, vermöge
des Grnndstitzes : par maiorve potestas plus valet; 2) das Recht der
-Provocation an das Volk, wo Z. mit Recht die Provocation gegen die
Dictatur in Schutz nimmt. Ueberhaupt geht Z. von der Idee aus, dass
die Volkstribunen ursprünglich nichts weiter als Vermittler derProvoc.
gewesen und dieses wesentlich auch später geblieben seien, und ge-
langt zu demHauptresuhat: gegen alle Decrete eines Nagistratus und alle
Strafen, die er vermöge seiner Amtsgewalt auflegte, wäre provocatio
ad populum zulässig und die Tribunen hätten über die Giltigkeit der-
jelben entschieden. Gegen richterliche Erkenntnisse aber wäre nicht
provoeiert worden, denn das Volk hätte in Criminalsachen selbst ge-
richtet und bei Civilsachen könnte man nur gegen die Handlungen des
Praetor in iure provocieren. In diesem Satze ist wahres mit falschem
vermischt, vorzüglich unrichtig ist die Identificierung des tribunici-
sehen auxilium mit der praeocatio. Beide Institute sind durchaus ver-
schieden und nur zuweilen kam es vor, dass die Tribunen gerufen wur-
Bierregaard: de libertinornm hom. condit. lib. republ. Aom. 1S9
den , om der eingelegten Provocation die nöthige Berflcksichtigung su
verschaffen. Ob aber die Provoo. giltig sei, hatten die Tribunen nie-
mals zu entscheiden, sondern nur etwa darüber, ob sie dieselbe durch
ihr auxilium unterstützen wollten oder nicht. Das Hilferecht der Tri-
bunen ist ein seibsitändiges Recht, welches bei vielen Gelegenheiten
hervortrat und nur am seltensten in Provocationsfällen angewendet
wurde. In Civilsachen ist Provoc. ganz unmöglich u. s. w. Da der
g«nze Gegenstand in neuerer Zeit vollständig behandelt worden ist,
90 werden wir bei den Tribunen wieder darauf zurückkommen. Als
3. Punkt wird aufgeführt, dass de capite civium das Volk selbst zu
Gericht sass und dass den angeklagten das ius exulandi zustand.
Endlich 4) folgen die gesetzlichen Milderungen der Leibesstrafen und
das Verbot der Hinrichtung. Ganz neu ist die Auffassung der dritten
lex Porcia, welche nichts von der Provoc. und der Todesstrafe, son-
dern nur das Verbot der Ruthenstreiche enthalten haben soll. Diese An-
sicht verträgt sich aber weder mitCiceros Aeusserung über die Identität
der 3 leges Porciae , noch mit Liv. X, 9 si quis verberasset necassetve
cif>em Rom. Die Bedeutung der leges Porciae im Verhältnis zu den
leges Valeriae de provoc. habe ich bei Pauly IV. S. 992 f. gezeigt und
meine Ansicht ist von Marqnardt in Beckers röm. Alterthümern II, 3.
S. 150 gebilligt worden. Vortrefflich handelt aber Z. von dem Ueber-
gange der Todesstrafe zur aquae et ignis interdicHo und von der Be-
deutung der letztern. Eine auffallende Behauptung findet sich S. 49,
dass die auf der That ertappten und eingeständigen Verbrecher, wel-
che Bürger gewesen wären, von den Magistraten sogleich hätten ge-
tödtet werden können , welche sehr beschränkt werden mnss. Ueber-
haupt ist diese Abhandlung unter den zahlreichen und trefflichen Ar-
beiten des um die Wissenschaft und um die Schule hochverdienten
fleissigen Forschers, welcher uns zu früh entrissen worden ist, den
weniger bedeutenden zuzuzählen.
lieber die Zwischenstufe der Latinität ist nur ein neuer Abdmek
der bekannten Abhandlung von S a v i g n y : Entstehung der Latinität
in seinen vermischten Schriften I. Berlin 1850. S. 14—28 zu erwäh-
nen. Daran schliesst sich ein Theil der Abhandlung über die Taf^
eon Heraclea^ ebendas. III. S. 293 — 304, mit wenigen Nachträgen.
Die unwahrscheinliche, aber vielbesprochene Hypothese Savignys eines
Latium maius und minus nebst der Emendation Cio. p. Caec. 35 ist zu-
letzt behandelt worden von A.W. Z u m p t Camment, epigr. p. 233 und
Marqnardtin der Fortsetzung von Beckers Alterth. III, 1. S.39ff. Die
Erklärung vonNitzsch, die Gracchen, Berlin 1847. S. 94 ff. 107 f.
199 f. wird auch von Marqnardt als nnhaltbar bezeichnet.
5) Freie, Freigelassene und Sklaven. Durch fleissige
Sammlung des Materials und richtiges Urtheil empfiehlt sich J. B. F.
Bierregaard: de libertinornm hominum conditione libera republica
Rom. Hauniae Tengnagel 1840. 72 S. 8. Mit Hilfe dieses Schrifl-
ehens hätte ich den Artikel Libertus bei Pauly IV. S. 1027 ff. an meh-
rern Stellen ergänzen können, obwohl auch umgekehrt «ui« 4ft.\BaK^^^>L
140 Rtaiicbe Alterlhamer.
manohes bei Bie'rr. nachzutragen wäre. Das L Cap. p. 3 — ^27 behan-
delt die verschiedenen Arten der feierlichen und unfeierlichen Mann-
mission, sowie die Benennungen libertus und liberiinus, Zn bemerken
ist p. 19 f. die richtige, obwohl nicht neue Interpretation von Cic. ad
Att. VII, % wo manche eine unbedingte revocatio $n sertituiem ange-
nommen hatten. Cap. IL p. 27 — ^2 umfasst die Rechte des Patron,
nemlich §. 1 de obsequii officiis libertorum (die Pietatspfiicht) , §. 2
de impositis libertatis causa (die versprochenen operae, häusliche
Dienste u. s. w.), §. 3 de testamentis libert. Cap. III. de eonditione
eivinm libertin. p. 42 — 72. Am ausführlichsten und sorgfältigsten wird
das Stimmrecht der Lib. besprochen p. 42 — 61. Sehr wahrscheinlich
ist die Yermuthung, dass der Censor Appius Claudius 442 den Liber-
tinen nicht etwa die Erlaubnis gegeben habe, in jede beliebige
Tribus einzutreten , sondern dass er ihnen gestattete , sich in der Tri-
bns ihrer Freilasser (also auch in den rusticae) einschreiben zu las^
sen (ebenso Marquardt bei Becker II , 3. S. 47). Auch die desperate
Stelle Liv. XLV, 15 (s. p. 49 f.) soll sich auf diese Bestimmung mit
beziehn und ebenso alle spätem Gesetze, so dass nicht bloss die pri-
vilegierten Freigelassenen (welche diesen Vorzug seit App. Claudius
hatten), sondern alle andern in der Tribus ihrer Patrone hätten aufgenom-
men werden dürfen. Besonders verdienstlich ist p. 51 — 61 die Be-
seitigung des Irthums über lex Clodia, welcher durch Peyron und
Beier in die meisten Lehrbücher und Ausgaben Ciceros übergegangen
war, nemlioh dass die factisch freien (seret qui in Übertäte maraban^
iur) durch das genannte Gesetz dasselbe Recht erhalten sollten wie
die förmlich freigelassenen. Die Nichtigkeit dieser Hypothese wird
Oberzeugend dargethan und das Wort servi bei Cic. p. Mil. 33 mit
Recht als rhetorische lieber treib ung für Hberti erklärt (das letzte er-
kannte auch Halm in seiner Ausgabe S. 76). Nicht so befriedigend
sind die folgenden §§. über das ius bonorum, Kriegsdienst, conu-
bium und vitae genera der Freigelassenen , wo sich vieles hinzufügen
Hesse. — In den Annali delP instit. di corr. arch. XII. p. 157 — 160
spricht Göttling von der Darstellung der Manumission auf 2 Seulp-
loren, wo er glaubt, dass bei der manumissio tesiamento noch ein
feierlicher Act durch den Praetor (eine Art von vindictd) habe statte
finden müssen. Ans Tac. Ann. XIII, 27. 32 ist diese Vermuthung we-
nigstens nicht zu beweisen.
6) Equites. Kein Institut des römischen Staatslebens hat in
kurzer Zeit so ausgezeichnete Bearbeiter gefunden, als die Ritter-
schaft, für deren Erkenntnis mit den gleiclizeitig erschienenen Ab-
handlungen von Zumpt und Marquardt eine ganz neue Aera begann.
Die Schrift des verewigten C. G. Zumpt: über die röm. Ritter und
den Ritterstand in Rom (aus den Abhandl. der Akademie der Wissen-.
Schäften). Berlin, Dttmmler 1840. 49 S. 4 hat einen vorwiegend an-
tiquarischen Charakter , die von J. Marquardt: Historiae equitum
Rom. librilV, Berol. Trautwein 1840. 98 S. 4 (Buch I: die Ritter
anter den Königen; Buch 11: von den Gracehen bis Angostus; Bach III:
Rubino : über d. Verhältnis d. sex saffr xar röm Ritterschaft 141
unter Aagustas; Buch IV: Untergang des Ritterstandes) einen mehr poli*
tisch'historischen Charakter und beide ergftnzen sich gegenseitig viel-
fisch. Das bleibende Verdienst beider Männer besteht darin, die e^nt-
ies der verschiedenen Zeiten und verschiedenen Arten sorgfältig von-
einander geschieden und den Entwicklungsgang dieses Instituts klar
gezeigt zu haben. Sie haben bewiesen, dass die Ritter der ältesten
Zeit eine wechselnde Dienstclasse bildeten , dass sie erst seit den
Gracchen als ein bleibender Stand des Volks auftraten und dass sie
in der Kaiserzeit allmählich zu einer bedeutungslosen städtischen
Rittp.rcorporation herabsanken. Einer speciellen Darstellung und Kri-
tik bin ich um so mehr überhoben , je allgemeinere Anerkennung die
gewonnenen Resultate gefunden haben und je vollständiger bereits in
Recensionen und Büchern diejenigen Partien behandelt sind, in denen
man von dem einen oder andern abweichen muss, z. B. von Grauer
in d. Zeitschr. f. d. Alterthumswiss. 1841 August S.829 — 847, von Peter
Epochen S. 247 — ^260, von Becker Alterthümer II, h S. 335 — ^290, end-
lich auch in diesen Jahrb. XXIX. S. 4ä3 ff.
Etwas länger muss ich bei den neusten Untersuchungen ver-
weilen. In der Zeitschr. für d. Alterthumswiss. 1846 Nr. 27 — 30 (auch
besonders in 8 abgedruckt, 39 S.) erschien ein Aufsatz von J. Ru-
bino: über das Verhältnis der sex suffragia zur römischen Ritter^
Schaft, Davon ausgehend, dass bei den Alten gewöhnlich nur 12 Rit-
tercentnrien vorkommen , sucht Rubino mit Hilfe des Festus p. 334 M.
sex suffragia — quae sunt adiectae ei numero centuriarum^ quas
Priscus Tarq. rex constituit und des Liv. I, 43 equitum ex primaribus
civitatis XU scripsit centurias. Sex item alias cent, trihus ab
Romulo institutis sub iisdem quibus inauguratae erant^ nominibus
fecit (wo die XII als vornehmste zuerst genannt wären mit dem
Ausdruck scripsit für neue Ordnung der bereits bestehenden Ritter-
schaft im Gegensatz zu fecit ^ welches ein neu eingeführtes Institut
bezeichne) den Unterschied zwischen den 12 Centurien und den 6 Snf-
fragien so zu bestimmen, ^ dass die XII Cent, diejenigen reichen Bür-
ger enthielten , welche das Staatsross wirklich besasscn, die VI Suffr.
hingegen solche , welche zum Empfang desselben durch ihr Vermögen
— zwar fähig und verpflichtet waren , sich aber nicht in dem Besitz
desselben befanden.' Demnach dienten die erstem wirklich zu Boss
mit allen daran geknüpften Vor theilen, Lasten, Ehren und wurden die
eigentlichen cent. eq. genannt; die andern standen nur neben ihnen
wegen ihres Vermögens und als die Körperschaft, woraus die Reihen
derselben beständig ergänzt wurden , sie bildeten blosse ihnen zuge-
ordnete Stimmcenturien und hiessen daher VI suffr. Die 12 Cent, ent-
standen nach Rubino durch Serv. Tullius, indem er die 3 Romulisohen
Tribus, welche seit Tarquinius Priscus in 6 Hälften (Ramn. Tit.Luoeres
primi et post.) zerfielen und welche 6 Hälften später turmae genannt
wurden , in 12 Centurien zerlegte , so dass jede Turme 2 Centurien
hatte. In der republicanischen Zeit wäre die politische Bedeutung
vorwiegend gewesen und deshalb habe man stets die oeiaU^^^^^^^^»^'
142 Römische Alterthamer.
in der Kaiserzeit hätte der Name iurma vorgeherscht u. 8. w. Die
Theorie ist an sich vortrefüich und hat eine grosse innere Wahr-
scheinlichkeit, so dass ich dieselbe bei der ersten Prüfung für richtig
hielt, wie es auch andere gethan hatten, namentlich Gerlach histor.
Studien II. S. 207 — 216, Haltaus Geschichte Roms im Zeitalter der
pnn. Kriege. Leipzig 1846. S. 557 — 575, J. Becker in der Zeitschr. für
cL Alterthumsw. 1850 Nr. 3 f. und Mercklin die Cooptation S. 46 ff.
Namentlich wurde ich durch Festus 1. 1. gewonnen (indem bei Rubinos
Erklärung die von mir versuchte und vielseitig gebilligte Emendation
effectae e statt adteciae nicht nothwendig war), ebenso durch die
Aeusserung Cic. de rep. II, 20 equüatum ad hunc morem constüuit,
qui usque adhuc est retentus^ welche für Rubino spricht. Später
drängten sich mir manche Bedenklichkeiten auf, welche ich nicht zu
beseitigen vermochte, so dass man die Acten über diese Differenz
noch nicht für geschlossen erklären darf. Am schwierigsten ist Liv.
1,36 n)it Rubino zu vereinigen: neque tum Tarquinius de equitum
centuriis quicquam mutavit^ numero tantum altemtn adiecit^ ut mille
et ducenti eq, in tribus centuriis essent (^posteriores modo sub iisdem
nominibus qui additi erant appeüati sunt) , quas nunc quia gemina-
tae sunt sex vocant centurias. Zwar bezieht Rubino S. 32 quas nunc
auf posteriores und übersetzt: ^welche (neu hinzugefügten) Ramn.
Tit. Luc. posteriores man jetzt sechs Centurien nennt , weil sie (nem-
lieh durch Serv. Tullius) verdoppelt (oder wohl besser in zwei Hälf-
ten zerlegt) sind.' Grammatisch ist diese Construction zulässig, allein
der gewonnene Sinn verträgt sich nicht mit Liv. I, 43 noch mit dem
Zusammenhange überhaupt, da die Worte sex vocant centurias offen-
bar mit in tribus centuriis in Beziehung stehn und da geminatae
(was nicht heissen kann in zwei Hälften zerlegt) nicht auf eine an-
dere gar nicht genannte , sondern auf die eben erwähnte Verdopplung
(tantum alt, adiecft) bezogen werden mnss. Endlich würden sich
.nach Ruh. nicht 12, sondern nur 9 Centurien ergeben, da nicht die
geringste Andeutung vorhanden ist, dass auch die priores in 6 Cen-
turien getheilt wären. Unter solchen Umständen ist es weit einfacher,
posteriores *-^ sunt in der gewohnten Weise des Livius als Pa^
renthese aufzufassen (die Zahl der Centurien blieb zwar dieselbe,
aber die neu aufgenommenen wurden doch wenigstens durch den Na-«
meti post, unterschieden) und quas auf trib, cent, zu beziehn, denn
Livius will zeigen, wie statt der drei je aus zwei Hälften bestehen-
den Centurien eine andere Benennung, nemlich sex cent. oder suffra-
gia aufgekommen sei , während sie früher Ramn, priores und post, etc.
liiessen. ^— Was nun Liv. I, 43 betrifft, so ist auf den von Ruh. ge-
machten Unterschied zwischen scripsit und fecit kein solches Ge-
wicht zu legen , denn scripsit heisst nur : er hob aus , wie Liv. 1, 13.
XXXVI, 2. XLIII, 4 und es ist nicht zu erkennen, ob damit eine schon
bestehende oder erst begründete Einrichtung angedeutet werden soll ;
fecit aber bezeichnet nicht die Aushebung, sondern die Einrichtung
dieser Centurien selbst und ist daher ebenso zweifelhaft. Ferner sind
Breda : die Rittercenturlen. 14S
die primores nicht geradezu die vornehmsten, sondern es kann
auch heissen die reichsten, da das Wort ganz allgemein ist, s. Lir.
II, 1 vergl. Dion. IV, 18. Endlich ist merkwürdig, dass die neuen
angeblich plebejischen 6 Rittercenturlen auch die Namen der alten Tri-
bns erhalten haben sollen , während bei den 12 zuerst genannten Cent,
nichts davon gesagt wird, was doch so nahe lag, wenn es der Fall
gewesen wäre. Ein anderes Bedenken erregt Liv. XLIII, 16, wo man
annehmen müsste , dass die patricischen Rittercenturlen (die XII wah-'
ren Cent.) den angeklagten Censor verurtheilt hätten , was höchst nn-
wahrscheinlich ist , s. Peter Epochen S. 60 f. Diese wenigen Be-
merkungen mögen genügen , um zu zeigen , dass der plebejische und
supplementäre Charakter der VI sufFragia und der patricische der an-
dern XII Cent, doch noch nicht so ausgemacht ist, wie es mir und
andern, durch die geistreiche und scharfsinnige Argumentation Rubi-
nos hingerissen , früher erschien. Eindringendere Besprechungen die-
ses interessanten Gegenstandes werden hoffentlich nicht ausbleiben.
Das oben angegebene Programm von Breda behandelt im 4. Ca-
pitel die Rittercenturien p. 16—22. Tullus Hostilins soll durch Bil-
dung einer dritten Rittercenturie aus den albanischen Luceres die Zahl
der Ritter auf 9Ö0 gebracht haben, was nicht zuzugeben ist, denn in
der ältesten Zeit enthielt die Centurie dem Namen gemäss nur 100 Rit-
ter, nicht 300, abgesehn von andern Gründen; sodann soll Tarquinius
Priscus die bestehende Zahl von 900 Rittern verdoppelt haben , so dass
nun 1800 Ritter in 3 Doppelcent, gewesen wären. Serv. Tullius hätte
aus diesen die 6 patricischen suffragia gemacht und dazu 12 plebeji-
sche Cent, gefügt. An diese Resultate knüpft Hr. B. 4 besondere
Punkte: l) dass die 6 suffragia nicht die einzigen Centurien für die
Patricier gewesen wären (gegen Niebuhr, und mit Recht, allein die
Sache ist nicht neu, s. Pauly Realencycl. III. S. 211); 2) dass der
Rittercensus viermal höher und der senatorische Census achtmal höher
als der der 1. Classe gewesen wäre (ebenso schon Zumpt und Mar-
quardt; dass aber die Senatoren ursprünglich keinen besondern Cen-
sus hatten, ist ziemlich ausgemacht, s. Pauly Realencycl. VI. S.
1001); 3) die Rittercenturien halten 2 Theile enthalten, seniores und
iuniores, letztere für den Dienst, erstere nach vollendeter Dienstzeit,
namentlich Senatoren , bis zu der Zeit der Gracchen den Senatoren das
Ritterpferd genommen und die seniores aus den Rittercent. ausge-
schieden worden wären (factisch waren allerdings seniores unter den
Rittercent., aber diese Cent, können nicht in seniores und iuniores
getheilt gewesen sein, da die Ritter eigentlich iuniores sein mussten und
zum Dienst bestimmt waren); 4) was die Zahl der Ritter in den 18
Cent, betrifft , so sagt Hr. B., man müsse zwischen denen unterschei-
den, welche nach ihrem Vermögen unter die Ritter gewählt worden
wären und deren Zahl nicht zu bestimmen sei, und zwischen denen, wel-
che wirklich Kriegsdienste gethan und das Staatsross gehabt hätten, deren
Zahl 1800 betragen habe. Dieser Unterschied ist neu, aber ganz nn-
begründet, denn jeder in die 18 Cent. ^uC^QaQ«L^0Dk»<Ok^ ^\\ks^ ^ss^
144 Römische Alterthümer.
equus publicus , was das charakteristische Merkmal aller Equites war.
Darum erklärt Paulus D. p. 81 M. equitare durch equum publicum me-
rere. Auch widerspricht sich Hr. B. selbst, denn er hat eben erst
gesagt, die Senatoren hätten bis auf die Gracchen das Ritterpferd be-
halten, und jetzt beschränkt er dasselbe auf die wirklich dienstthnen«
den Ritter. Wahrscheinlich hat Hr. B. die Zeiten verwechselt und
nimmt in der ersten Zeit, in welcher die Ritter nur eine wechselnde
Dienstclasse waren, neben diesen noch andere wegen ihres Vermö-
gens sog. Ritter an, welche einen bleibenden Stand bildeten. Dieses
geschah aber erst seit den Gracchen. Auffallend ist endlich, dass
Hr. B., nachdem er 1800 Ritter schon vor Serv. Tullius gelten lässt
(was übrigens nicht richtig ist), jetzt nach der Constituierung von 12
neuen plebej« Centurien diese Zahl nicht vermehrt, sondern unver-
ändert festhält. Richtigeres über die Zahl der Ritter s, bei Zumpl
S. 11 f. und Marquardt p. 13. Wir sehn also, dass auch dieses
f. Cap. nicht geeignet ist, unser über diese Schrift schon oben ge-
fälltes Urtheil irgendwie abzuändern.
Die neuste Schrift von K, Niamey er: de equitibus Rom, com-
mtnL hi'stor, Gryphiae Koch 1851. 93 S. gr. 8 *) kündigt sich in
der Einleitung selbst als einen Nachtrag zu den Untersuchungen von
Zumpt und Marquardt an, um einige streitige Punkte zur Erledigung
EO bringen oder andere nur kurz berührte ausführlicher zu bespre-
eben. Bedeutende neue Resultate werden nicht gegeben , aber in der
Behandlung und Vermittlung der entgegengesetzten Ansichten zeigt
der Verf. dieser Erstlingsschrift ein gutes Urtheil und richtigen Takt,
80 da^s man ihm in den meisten Fällen beistimmen muss , wenn er
ßich is^gtjfk oder für einen streitigen Satz entscheidet. Zu bedauern
ist, dass Hr, N. die neuere Litteratur nicht vollständig gekannt hat,
80 z. B. ist ihm die wichtige Abhandlung von Rubino über die VI suf-
fragia ganz entgangen, desgleichen Merklin die Cooptation (nament-
lich S. 43 ff.), Roulez obss. sur divers points etc. p. 9 — 22 und die
eben genannte Abhandlung von Breda. Aber auch bei einzelnen Ma-
terien würde die Kenntnis einiger neuen Arbeiten von grossem Ein-
illuss auf die Untersuchung gewesen sein , wie wir unten sehn werden.
Cap. I. p, 7 — 37 d}e Rittercenturien vor Servius Tullius«
E8 wird behauptet, dass ursprünglich nur 200 eq, gewesen wären aus
den beiden ältesten Tribus der Ramnes und Tities, erst Tullus Ho-
stilius habe die dritte Centurie aus den Luceres hinzugefügt, Die Lu-
ceres seien identisch mit den neu aufgenommenen Albanern und die
10 neuen Türmen des TulliqsHostiliu3 wären gerade die 100 albanischen
Ritter. Der Stamm der Luceres oder Albaner habe später durch Tarq. '
Priscus die volle Gleichberechtigung (|m Senat n. s. w.) mit den bei-
'*') Nach Absendnng des Mscr. sind mir zwei andere Recensionen
bekannt geworden , die eine von Lange in den Gotting. gel. Anz. 1851
November Nr. 188—191, die andere von Hertz in der ^eitschr, f. die Al-
^erthamswisfl, 1852 Nr. 23. 24.
Nieineyer: de equilibiis Rom. comment. histor. 145
den andern Tribus erhalten. Der etraskische Ursprang der Luceres
wird ganz verworfen, weil die erste etrurische Colonie nicht frühttr
als anter Tarq. Priscus nach Rom gekommen sei und deshalb mit den
früher dagewesenen Luceres nicht identificiert werden könne. Das
Wort Luceres aber stamme weder von Lucumo noch von Lucus ab,
sondern sei unbestimmten Ursprungs. Gegen diesen die Luceres be-
treffenden langern Excurs p. 9 — ^26 erheben sich viele Einwürfe,
von denen ich nur einige kurz berühren will. Es wäre doch sehr
wunderbar , wenn die Stiftung der dritten Tribus unter Tullus Hostilios
Yoa allen Schriftstellern mit Stillschweigen übergangen worden wfire,
da die Erwähnung so nahe lag, z. B. bei Liv. I, 30. rAuch könnte,
wenn diese Tribus eine neue Schöpfung war, der Name Luceres nicht
so unsicher sein. Ferner würde nach Niemeyers Theorie Roms Ait-
bürgerschaft zu % aus Latinern (da Ramnes und Luceres Latiner ge-
wesen waren) und zu % aus Sabinern bestehn, mit völligem Aus-
schluss der Etrusker, wogegen ebenso die Quellenzeugnisse wie innere
Gründe sprechen. Wie wollte man z. B. den uralten etruskischeu
Einfluss im römischen Staats- und Rechtsleben ohne eine etruskische
Einwanderung erklären? wie hätte ein König dieses Stammes (Tarq.
Prise.) erwählt werden können, bevor noch Etrusker in Rom aufge-
nommen waren? u. s. w. Viel einfacher lösen sich die Schwierig-
keiten durch die Annahme einer doppelten etruskischeu Colonie in
Rom unter Romulus und unter Tarq. Prise. , worüber ich der Kürze
halber nur auf Pauly IV. S. 1159 f. verweise. Auch Nagelö Studien.
Schaffhausen 1849. S. 510 ff. hat diese Hypothese vertheidigt *), Noch
habe ich nicht erwähnt, dass sich der Verf. in Beziehung auf die
Zahlenverhältnisse der equites in grosse Schwierigkeiten verwickelt,
wenn er bis auf Tarq. Prise, nur 300 eq. annimmt (abgesehn davon,
dass die 10 Türmen der Albaner doch unmöglich nur 100 Ritter be-
tragen konnten). Er glaubt nemlich , dass erst Tarq. Priscus die bis-
herige Zahl von 300 verdoppelt und 600 eq. erkürt habe, ohne zu be-
denken, dass beide Zahlen, namentlich aber die erste, viel zu klein
waren im Verhältnis zu der gewachsenen Anzahl des Volkes und zu
dem Bedürfnisse des Kriegs. Die Autorität desCic. de rep. 11,20 wird
ganz verworfen (p. 30 — 37) und obwohl der Verf. die Conjecturen
anderer, z. B. Zumpts, mit Glück und mit Geschick beseitigt, so kann
'*')Bei dieser Gelegenheit sind zwei andere neue Ansichten nber
die Luceres zu berühren. Schömann de Tullo Host, rege Rom.
Grypb. 1847 sagt mit kühner Combination, dass Tüll. Host, der erste
König etrurischen Geschlechts gewesen und dem dritten Stamm der
nralten Luceres angehört habe. Diese Luceres seien die nach Rom
gezogenen Albaner gewesen — aber doch Etrusker, denn Alba hatte
wie Rom 3 Tribus gehabt, und von diesen sei nur die etruskische
nach Rom gezogen, in der neulich erschienenen Abhandlung von A,
Zinzow de Pelasgicis Rom. sacris. BeroK 1851, p. 5 heisst es, dass
die Luceres Pelasger gewesen, da man alles Pelasgische den Etrnskern
angeschrieben habe.
146 Römische AUerthamer.
man doch ebenso wenige seiner eignen Ansicht beipflichten. Er be-
hauptet, Cicero könne nur von einer zweifachen Verdopplang ver-
standen werden und der Text sei verdorben, weshalb er eine kühne
Transposition vorschlägt und den Satz nee potuü — Navius non erat
vor die Worte sed tarnen versetzt, worauf dann folgen soll: priori-
bu$ eq, partibus secundis additis numerum duplicavit ac mille
d9centos fecit eq,^ postquam hello subegit Aeq, tnagnam genlem^
über welche Kritik ich nichts zu bemerken brauche. Capitel IL
Die Einrichtung des Servius Tullins p. 38 — 54. Aus
den 3 alten' der Zahl nach von Tarquinius verdoppelten Tribus
machte Serv. TulHus, wie Hr. Niem. fortfährt, die sog. sex sufTragia
derPatricler, d. h. er machte aus 3 Tribus zu je 200 eq. nun 6 Centurien
zu je 100 eq., aber nicht diese allein enthielten die Patricier, wie er
richtig gegen Niebuhr u. a. zeigt. Zugleich wurden von Serv. Tullius
noch 12 Centurien aus den reichsten Plebejern gebildet. Hierauf han-
delt der Verf. von dem aes hordearium und equestre^ wo er Böckhs
Reduction auf | der spätem Summe gegen Zumpt, welcher bis auf ^^^
reduciert ,' in Schutz nimmt, sodann von der Rückgabe des aes eque-
stre nach vollendeter Dienstzeit, wo ebenfalls die richtige Meinung
angenommen wird, und zuletzt von der Frage, wie lange die Ritter
in den Centurien blieben und das Staatsross behielten, die nach Mad-
vigs Vorgang entschieden wird. Cap. III. Von Servius Tullius
bis auf die Gracchenp. 54 — 66. Nach einigen Vorbemerkungen,
dass auch in die 12 Cent. eq. viele Patricier in den ersten Zeiten der
Republik gewählt worden wären und dass die equites deshalb immer
auf der Seite der Patricier gestanden hätten , wird die Entstehung der
equites equis pr,'eatis berichtet, sowie der Verlust der praerogativa,
welche die Ritler bei der grossen Verschmelzung der Centuriat- und
Tributcomitien einbüssten. In Bezug auf die politische Stellung der
equites als ' publicani erklärt sich der Verf. für Peter gegen Mar-
quardt, dass alle Ritter, sowohl die Staatsritter als die publicani, bis
auf die Gracchen zur Senatspartei gehörten. Cap. IV. Die Grac-
chenp. 67 — 79. Zuerst finden wir eine gute Erklärung des Plebi-
scits bei Cic. de rep. IV, 2 im ganzen nach Madvig, sodann die durch
lex Sempronia bewirkte Richterveränderung mit einem Ueberblick
über die gesammte alte Justizpflege, wo wir nur herausheben, dass
der Verf. auch alle Privatsachen von den iudices selecti entscheiden
lässt p. 78. (S. 76 ist ein entstellender Druckfehler stehn geblieben :
decemviri perduelL), Cap. V. Bis zum Ende der Republik p.
80 — 93. Den Hauptinhalt dieses Capitels bildet eine gedrängte Schil-
derung der leges iudiciariae^ wo die alten Ansichten über lex Ser-
vilia Caepionis und lex Servilia Glauciae sowie über lex Livia wie-
derholt werden, was wohl nicht geschehu wäre, wenn der Verfasser
Mommsens Abhandlung über diesen Gegenstand und Zumpts Vorträge
über die Repetunden gekannt hätte. Den Beschluss bilden einige Be-
merkungen über die trihuni aerarii und über die politische Stellung
der Ritter in den letzten Zeiten des Freistaats.
Mommsen: de coliegiis et sodaliciis Rom. 147
7) Corporationen. Hier ist der passendste Ort, der Gliede-
rung in verschiedne Corporationen zu gedenken, denen die röm. Bür-
ger angehören konnten. Natürlich meine ich nicht die grössern Com-
munen, "wie Städte und Dörfer, welche die Hauptbestandtheile des
Staats bilden, sondern diejenigen Gesellschaften, welche den Stadt-
gemeinden analog die Rechte juristischer Personen besassen und ein
ideales Ganze ausmachten, vorzüglich die uralten religiösen Genos-
senschaften und die Innungen der Handwerker. Für diesen Gegen-
stand ist sehr werthvoll die Schrift von Th. Mommsen: de coliegiis
et sodaliciis Rom, Kiliae Schwers 1843. 129 S. 8, s. Allgem. Litt.-
Zeitung 1845 Februar Nr. 44 ff. Götting, gel. Anz. 1844 Juli Nr.
114 f. Zeitschrift f. d. Alterthumswiss. 1846 Nr. 129. Als die ältesten
sodalilales werden die religiösen Genossenschaften anerkannt (Cap. I.
p. 1 — ^27) , welche für den Cult der alten Götter von jeher bestanden
und für jeden neuen Cult eingeführt wurden, z. B. die fratres Arva-
les ^ germani Luperci u. a. Hr. Mommsen behandelt die Beziehung
dieser sodaL zu den gentes und macht die wichtige Entdeckung, dass
neben den alten gentilicischen Privatsacris auch öffenlliche Gentilsacra
bestanden, indem der Staat gewisse öffentliche Culte besondern Fa-
milien zutheilte. Sehr wahrscheinlich gehören in diese Kategorie die
Sacra der Nautier und Aurelier, unzweifelhaft aber die der Potitier
und Julier. Cap. II die Handwerkerzünfte p. 27 — 32. Cap. III de
coliegiis sodaliciis p. 32 — 73. Bei der allgemeinen Associationsfrei-
heit der Römer bildeten sich Genossenschaften (wenn auch nur von
vorübergehendem Charakter) zur Verfolgung ehrgeiziger nnd staats-
gefährlicher Zwecke , weshalb der Staat gegen deren Unfug einschrei-
ten musste. Am strengsten verpönt war das crimen sodalicii im
engern Sinne, welches eine besonders gefährliche Gattung des
Ambitus war. Darüber handelt Mommsen in ausgezeichneter Weise,
ebenso im lY. Cap. über die Gesetze gegen die CoUegia, unter wel-
chen Verboten ein nach M. unter Augustus erlassenes Sconsultum den
Hauptplatz einnimmt. Ein glücklicher Fund brachte ein Fragment des-
selben an den Tag, nemlich in der lex collegii cuitorum Dianae ei
Antinoi^ welches im V. Cap. (de coliegiis licitis sub imperatoribus p.
82—116) lehrreich commenliert wird. Dieses Scons. verbot nach Hrn.
M. alle CoUegia bis auf einige namentlich ausgenommene und ge-
stattete nur Leichencassencollegien ohne besondere Erlaubnis zu
gründen. Cap. VI de iure coUegiorum p. 117 — 127 bespricht die all-
mähliche Entwicklung der juristischen Personen. In Bezug auf das
erwähnte Scons. ist jetzt aus einer durch Campana entdeckten Grabin-
schrift (des collegium sympkoniacorurn) nachzutragen, dass es eine
allgemeine lex Julia de coliegiis gab und dass für die einzelnen sich
bildenden CoUegia die specielle Sanction oder Conccssion durch ein
Scons. nach vorher eingeholter kaiserlicher Bewilligung erforderlich
war. Es heisst: quibus senatus c(pire) c(onvocart) c(pgi) permisit
e lege Julia ex auctoritate Augusti^ s. Henzen in der unten citierten
Abhandlung Nr. 38 S. 300 f. und Mommsen in Savi^a\% 'L^\V%^Vcc^v.^^
148- Römische AUerthümer.
geschichtl. Rechtswissenscb. XV, 3. S. 356 f. Henzen glaubt auch,
das8 die Leichencassencoliegien von dem Gebot die Sanction einza-
holen keineswegs, wie M. glaubt^ befreit waren und dass ein allge<
meines Scons. nicht existierte, denn es müsse in dem auf der Inschrift
von dem coli, cult, Dianae et Ant enthaltenen Scons. gelesen wer^
den: qui stipemmenstruam eonferre i>o(lentinfuner)ain id
coliegium coäani, Mommsen a. a. 0. S. 358 f. behauptet gleich-
wohl die gesetzliche Exemption der coUegia funeraticia.
lieber die einzelnen Arten der CoUegien sind einige Abband-
lungen zu bemerken: 1) coli, opißcum, J. Rabanis: rech, sur les
Dendrophores ei sur les corporalions ' Rom. en gin&ral, Bordeaux
1841 soll den staatswirthschaftiiehen Gesichtspunkt der Innungen her-
vorheben , s. Götting. gel. Anz. 1844 Nr. 115. Ueber die Innungen
der fulUmes haben Rudorff in Saviguys Zeitschr. für gesch. Rechts-
wissenscb. XV. S. 248 — 263 und Mommsen ebend. S.326 — ^3i5 inter-
essante Beiträge gegeben. 2) Religiöse Brüderschaften: a) Brun-
nencollegien. Rudorff in Saviguys Zeitschrift XV. S. 203 — ^272
lieferte eine sehr interessante Bearbeitung einer alten Brunnenord-
nung (sog. lex de magistris aquarum)^ aus der sich die Organisation
dieser den Cultus und die Aufsicht der Brunnen besorgenden Sodali-
täten (colleg, fontanorum oder aquae) klar ergibt. Kritische Nach-
trfige von Mommsen s. ebend. S. 343 — 353. b) Zahlreiche Bear-
beiter haben die verschiedenen fSr den Cultus des Augustus gestifte-
ten Sodalit&ten gefunden. Diese sind die municipalen Augustales
mit ihren Seviri, keineswegs identisch mit dem hohen römischen
Priestercollegium der sodales Augustales oder der magistri Augusta-
les. Roulez: sur quelq, inscript. latines im Bullet, de Pacad. de Bru-
xelles Tome VII und M61anges de philol. II. Bruxelles 1840 Nr. 10 er-
hfilt durch eine Inschrift von Salona Gelegenheit, einige dieses In-
stitut betreffende J^unkte zu erörtern. Dasselbe thut Borghesi im
Bulletino deW instit, di corr. arch. 1842 p. 101 ff. Umfassender ist
aber A. E. Egg er im appendix II zu Exatn, ctit. des historiens anc,
Paris 1844 p. 357 — 410 und die Vertheidigung seiner Ansicht in Re-
tfue archeol, ann. III, livr. 10. 12. Er geht von der alten Ansicht aus,
dass die Stiftung der Augustales mit der Erneuerung des LarencuUus
zusammenhänge und erregte sowohl dadurch als durch mehrere andere
Behauptungen den Widerspruch A. W. Zumpts: de Augustalihus et
Seviris August, commenl, epigr. Berlin, Schröder 1846. 86 S. 4.
Da diese durch fleissige Sammlung des Materials sowie durch scharf-
sinnige und geschmackvolle Behandlung ausgezeichnete Abhandlung
in diesen Jahrb. 1847, XLIX. S. 325 — 336 von Kampe bereits richtig
gewürdigt ist, so erwähne ich nur noch zwei wichtige Recensionen
fiber Egger und Zumpt, nemlich von Marquardt in der Zeitschr. f. die
Alterthumswiss. 1847 Nr. 63 — 65 und von Henzen in derselben Zeit-
schrift 184S Nr. 25 — 27. 37 — 40. 120. Letzterer nimmt auch Rück-
sicht auf die von Marquardt gegen Zumpt erhobenen Einwendungen
und entscheidet sich in den Hauptpunkten für letztern, indem er
Verschiedene Abhandlungen über einzelne Arten d. Collegien. 149
dessen Beweisführung durch manche bisher in Deutschland unbekannte
Inschriften vervollständigt und ergänzt. Durch diese treffliche Arbeit
werden die Hauptfragen über die Beschalfenbeit der Augustalen , über
ihre Entstehung und ihr Verhältnis zu den Seviri bedeutend gefördert,
obwohl noch manches Räthsel ungelöst ist. Einen guten UeberblidL
des jetzigen Standpunktes gibt Marquardt in Beckers Alterthüm. III, 1
S. 375—^382.
3) Bei dem lebhaften Drange der Römer nach Association gab
es gewis eine grosse Zahl von andern Collegien verschiedener Art,
die wir nicht mehr kennen. So z. B. sind uns die Leichencassen-
collegien oder Todtengilden , welche ihren Mitgliedern ein an»
ständiges Begräbnis sichern wollten und eoUegia ienuiorum Mes-
sen , erst neuerdings bekannt geworden. In einem alten römischen
Bergwerke Siebenbürgens fand man Wachstafeln mit der Abschrift
eines decreium des coUegium Jovis Cemeni^ aus welcher sich die
Existenz und die Einrichtung solcher Leichencassengilden ergibt. Die
erste Ausgabe besorgte J. F. Massmann: libellus aurarius 8, iabu^
lae ceratae etc. Ups. (1840) 4, darauf Huschke in Savignys Zeit-
schrift f. gesch. Rechtswissensch. 1844. XII. S. 173—219. Ein ande-
res sehr wichtiges Document war die zuerst 1825 in Italien, in Deutsch-
land aber erst durch Mommsen (de colieg. et sod.) bekannt gewordene
lex coüegii cult, Dianae ei Äntinoi^ weiche Statuten Mommsen voll-
ständig commentiert hat. Dadurch erhielten manche uns nur dem Na-
men nach bekannte CoUegia ihre wahre Bedeutung, z. B. coli, AescU"
lapii et Hygiae N. 2417 Orelli u. a., s. Mommsen p. 96 f. Ueber das er-
wähnte Statut der sog. cuU, Dianae et Ant, hat Huschke noch be-
sonders a. a. 0. S. 207 — ^219 gesprochen und zuletzt Mommsen kri-»
tische Nachträge geliefert in Savignys Zeitschrift XV. S. 357 — 364.
4) Eine besondere Classe von socialen Collegien, d.h.
welche nur zur Verfolgung geselliger Zwecke errichtet worden wä-
ren, nimmt Savigny an in seinem System des heutigen röm. Rechts.
IL S. 255 f. und aus diesen hätten sich die streng verpönten politisch
gefährlichen Clubs gebildet. Allerdings ist das Vorhandensein sol-
cher rein geselligen Sodalitäten aus inneren Gründen sehr wahrschein-
lich und auch Stellen scheinen dafür zu sprechen , z. B. Cic. de sen.
13. Rhet. ad Her. IV, 51. Paulus Diac. p. 296 M. Indessen könnten
diese Stellen auch von andern Genossenschaften verstanden werden,
da festliche Gelage ebenfalls bei den andern Corpora tionen, sogar bei
den Todtengilden, an bestimmten Tagen angestellt wurden.
Roulez in seinen Milanges II, Nr. 4. 18^ nimmt besondere
vollständig organisierte politische Clubs an, was wir wenigstens
für die ältere Zeit ganz in Abrede stellen zu müssen glaubten, s.
diese Jahrb. LVIII. S. 422 f. Wenn dergleichen später existierten , so
dürfen wir diese nicht in die Kategorie der eigentlichen Collegia rech-
nen, sondern können sie nur für wandelbare, zur Erreichung bestimm-
ter Zwecke vorübergehend geschlossene Vereine oder factiones" hal-
ten. Zu allen Zeiten gab es zwar, wie wir aus den da^e^ea^tV^^^^MiB^
150 Römische Alterthümer.
Verboten sehn, politisch gefährliche Clubs, aber diese hatten eigent-
lich andere Tendenz und nahmen den gefahrlichen Charakter erst ali-
mählich an oder sie wurden zu einem ostensiblen Zweck gebildet und
hegten nur im geheimen ihre verderblichen Absichten. Man hat ge-
glaubt, dass solche politisch gefährliche Verbindungen schon unter
Tarquinius Superbus existiert hätten und verboten worden wären, allein
Dion. IV, 43 bezieht sich nicht auf Coliegia , sondern auf die Zusam-
menkünfte geschlossener topographischer Kreise , welche zu Opfern
zusammentraten, vergl. Dion. V, 2. Sie waren nicht politisch, ob-
gleich bei den sacralen Vereinigungen gelegentlich auch politische
Sachen verhandelt werden mochten. Aus diesen Verbindungen der
Nachbarn bildeten sich nach und nach die coUegia compilaticia mit
den alten religiösen Zwecken. An sich waren sie weder politisch
noch gefährlich , aber sie wurden beides im Laufe der Zeit durch die
Aufregung unruhiger Volkstribnnen oder durch die Ungerechtigkeiten
der Patricier. Auch die in der lex Gabinia und in den XII Tafeln ver-
botenen coetus nocturni sind nicht verbotene Clubs , sondern dema-
gogische R^unious oder kleine Volksversammlungen, deren Verbote
fQr eine frühe Existenz der politischen Associationen nichts beweisen.
IL Verfassung, A. Die Magistrate, l) Interreges. Eine
kleine aber scharfsinnige und verdienstliche Schrift ist von F. Bam-
berger: de interregibus Rom, Brunsvigae Otto 1844. 16 S. 4. Be-
kanntlich existieren d abweichende Quellenzeugnisse über die Er-
richtung des Interregnum: Liv. I, 17. Dion. II, 57 und Plut. Num. 3.
Der Verf. zeigt, dass die Nachricht des Livius am meisten Glauben
verdiene und dass demnach aus 100 Senatoren 10 Decurien gebildet
und aus jeder Decurie ein Interrex gewählt worden wäre, welche 10
Senatoren der Reihe nach jeder 5 Tage regierten. Die merkwürdige
Erzählung des Plutarch , dass jeder Interrex 12 Stunden regiert habe,
wird sehr gut dadurch erklärt, dass Plutarch die Nachricht von dem
fünftägigen Inten*egnum falsch verstanden und die Zeit, welche von den
einzelnen Interregen überliefert worden , auf die ganze Decurie über-
tragen habe , wonach auf jeden Interrex der Decurie nur 12 Stun-
den fielen. Uebrigens weicht Dionysius keineswegs in einem so ho-
hen Grade von Livius ab, als Hr. Bamb. glaubt, abgesehn von dem
Irthum, dass Dion. nach des Romulus Tode 200 Senatoren annimmt,
welche zum Interregnum berechtigt gewesen wären. In der Wahlart
selbst sind beide zu vereinigen, denn auch Dion. lässt zuerst die Sena-
toren in Decurien getheilt und dann aus diesen eine Interregendecurie
durch das Loos zusammengesetzt werden. Hr. Bamb. hat die Bedeutung
des Wortes öiaKkrjQGHSdfievot übersehn (auch von Becker Alterth. II,
1. S. 298 nicht bemerkt), welches heisst, dass die 10 Interregen ver-
mittelst des Durchloosens der vorher gemachten 10 Decurien gebildet
worden wären. Nach 50 Tagen wäre dann eine andere Decurie an das
Regiment gekommen. Es stimmen also Dion. und Liv. überein , nur
dass Dion. das Loosen erwähnt (auch bei Plut. Num. 7), was trotz der
Bamberger: de interregibus Rom. 151
Gegenbemerkungen Bambergers p. 4 von der altern Zeit jedenfalls
richtig ist, denn alle waren gleichberechtigt, möglichst viele sollten
an die Reihe kommen nnd so war das Loos das einzig anwendbare
Mittel. Später musste das Loosen, wie sich von selbst versteht, auf-
hören, da man nicht mehr Interregen wählte, um die Regierung län-
gere Zeit zu yersehn, sondern da sie bloss zur Vermittlung der Wahl
dienten. — Das zweite wichtige Resultat dieser Untersuchung ist,
dass in der ersten Königszeit die beiden Stämme der Ramnes and
Tities alternierend regiert und die Königswahl geleitet hätten, so nach
Romulus Tode die 100 Ramnes, nach des Numa Tode die 100 Tities
u. s. f. bis auf Servius Tullius. Dadurch ergibt sich die Ursache der
differierenden Zahlen bei Liv. und Dionys. auf das einfachste. Ich
bezweifelte früher diese Einrichtung, indem ich die Bedeutung der-
Berichte über das nach dem Tode des Romulus angeblich zwischen
beiden Stämmen geschlossene Uebereinkommen verkannte, s. Dion.
II, 58. Flut. Num. 3 und den von Hrn. Bamb. nicht genannten Zonar.
VII, 5. Was diese Schriftsteller sagen , dass die Königswahl einem
der beiden Stämme überlassen worden sei , passt vollkommen auf das
Interregnum, da die Interreges nicht nur zur Führung der Regierungs-
geschäfle , sondern auch zur Wahl des Nachfolgers bestimmt waren.
Auch sprechen andere Gründe dafür, dass nach dem Tode eines Kö-
nigs der Stamm desselben die Regierung fortsetzte nnd die Wahl des
Nachfolgers aus dem andern Stamme besorgte. Noch zu erwähnen ist
die gelungene Widerlegung der Niebuhrschen Hypothese von den
decem primi des Senats , p. 7 — 12 und die kurze Besprechung der
republicanischen Interreges p. 14 — 16. — Am Schlüsse kann ich eine
Yermuthung nicht unterdrücken , nemlich dass der Senat nicht erst der
zu wählenden Interregen halber in Decurien getheilt wurde , sondern
dass diese Eintheilung, so wie sie für die spätere Zeit ausser Zweifel
gesetzt ist, auch seit der Urzeit bestand, indem allemal eine Decurie
aus einer Curie hervorgegangen war. Dadurch erklärt sich , warum
man sich nicht begnügte einer beliebigen Decurie unter den bestehen-
den Decnrien das Interregnum zu überlassen, denn da wäre nur eine
Curie vertreten gewesen, sondern warum man aus jeder der beste-
henden Decurien einen Mann auslooste , so dass nun jede Curie ver-
treten war. Darum sagt Livius : singuUs in singulas decurias creatit^
d. h. für jede Decurie hätte man einen Repraesentanten oder Vor-
stand erwählt oder erloost.
Durch die Bambergersche Schrift ist die oben S. 131 besprochene
Arbeit von D. Terpstra {de pop. de senahi etc. 1842) überflüssig ge-
worden, welche vor Bamb. das Institut der luterregen mit Sorgfalt
und Gründlichkeit behandelt hatte , aber in Deutschland unbekannt ge-
blieben war. Das 4. Capitel der genannten Dissertation, de inter-
regno p. 63 — 89, beginnt §. 1 mit Ursprung , Zahl und Regierungs-
dauer der alten Interregen, wo am längsten bei der Zahl verweilt
wird. Der Verf. glaubt, dass während der Königszeit ein CoUeginm
von 10 Interregen das regelmässige gewesen «ei, und bespricht diA
152 Römische Alterthamer.
betreffenden Quellenzeugnisse mit einer onnöthigen Breite. Warum
Plutarch in den Irtbum gerathen sei (s. bei Bamb.) , wird richtig er-
kannt. §. 2 über die Wahl der Interr. and die Erfordernisse su die-
sem Amte. Die Berichte des Dionysius und Livius werden gat erklart
and miteinander in Verbindung gebracht, auch das Loosen eingereiht
(was Bamb. verabsäumt hat). Nur ist nicht zu billigen , dass der Verf.
nach des Romulus Tode auch die Tities zum Interregnum zieht und
den regelmässigen Wechsel einer Decurie der Ramnes und einer der
Tities statuiert. Nach desNuma Tode soll die Wahl der Interregen nach
Decurien aufgehört haben, weil die alte Bedeutung und der Unter-
schied der Tribus und Decurien abgeschafft worden wäre, ein Irthum,
welcher nachtheilig auf die weitere Entwicklung eingewirkt hat. Dass
nur patricische Senatoren wählten und wählbar waren, ist richtig.
Den Beschlnss macht §. 3 : die munera und potestas der Interregen,
p. 81 — 89, wo sich unter manchen guten Einzelheiten auch wieder
einige fehlerhafte Ansichten finden, z. B. über des Servius Tullius
Thronbesteigung.
2) Praefectus urbis, C. Franke: de praefectura urbis
capita duo, Berlin 1850. 35 S. 4. Da diese gründliche Arbeit in die-
sen Jahrb. 1851 LXI. S. 319 ff. bereits besprochen worden ist, so
bemerke ich hier nur kurz , dass dieselbe mit Untersuchungen über
die Worte praefectus urbis und urbi beginnt, worauf das 1. Cap.
diä praefectura urbis unter den Königen und unter den Consuln be-
handelt, p. 8 — 32 (über die Bedeutung dieses Amtes, Bestellung, Auf-
zählung sämtlicher bei den Schriftstellern vorkommenden praefecti
urbis y spätere Schicksale, endlich die officia als Jurisdiction, Sorge
für die Sicherheit der Stadt, Senatsberufung). Cap. 2 die praefec-
tura urbis feriarum Latinarum p. 32 — 35. Auf p. 10 f. wird das Ver-
hältnis der praef, urbis zu den Interregen beleuchtet und dabei die
oben erwähnte Differenz des Livius, Dionysius und Plutarch berührt.
Nach des Verf. Ansicht wäre Livius folgendermassen zu verstehn:
der Senat sei in 10 Decurien getheilt nnd für jede ein Vorstand (cfe-
curid) ernannt worden , jede dieser Decurien hätte das Regiment fünf
Tage lang gehabt, so dass nach 50 Tagen alle Decurien an der Her-
schaft gewesen wären. In diesem 5tägigen Zeitraum hätte der decu-
rio das sumtnum impetium bekleidet (mit den Insignien und Lictoren),
die andern 9 Mitglieder der Decurie hätten aber auch Theil an der
Herschaft genommen und zwar vielleicht in 12ständigem Wechsel , so
dass die Notiz des Plut. Num. 2 keineswegs zu verwerfen sei. Ganz
anders berichte Dionysius , denn nach diesem hätten die Decurien des
Senats geloost und die durch das Loos bezeichnete habe 50 Tage re-
giert, dann eine andere u. s. f. — Diese Erklärung ist neu, aber
nicht ansprechend. Die Worte des Livius enthalten den angegebenen
Sinn nur , wenn man eine ziemlich gewaltsame Interpretation anwen-
det und allerlei hineinträgt, was nicht darin liegt. Dazu kommt, dass
die 5 Tage sich nicht unter 9 Interregen vertheilen lassen , wenigstens
würden sich nicht 12 Stunden für jeden ergeben (denn der Träger des
Gerlach : die Censoreo in ihrem VerhäUnif znr Verfassung^. 15S
imperium kann doch nicht im einzelnen mit partieipieren). Entschie-
den unrichtig ist aber Dionysius aufgefasst , denn derselbe sagt kei-
neswegs, dass eine der gemachten Decnrien das Interregnum erhalten,
sondern dass durch das Durchloosen der Decurien (ßuxulriqGXiafievoi)
eine Interregendecurie gewonnen worden wäre. Die oben aufgestellte
Erklärung ist viel einfacher, dem Wortlaut entsprechender und empfiehlt
sich durch die offenbare Uebereinstimmung zwischen Livius und Dio-
nysius. Allerdings weicht Plutarch davon ab , aber er befand sich in
einem Irthum, dessen Quelle bei Hrn. Bamberger (dessen Schrift Hrn.
F. leider unbekannt geblieben zu sein scheint) sehr gut nachgewie-
sen ist.
3) Consüles, Hier sind mir zwei Schriften nur dem Titel nach
bekannt geworden : H. R. de B r e u k : quid annuum consulatut Rom.
iempus profuerü et nocuerii reip, Lugd. B. 1839 und H. G. Roemer:
de co$s, Rom, auctoritate, Trai. 1841.
4) Censores. Ein mit grossem Fleiss abgefasstes Verzeich-
nis aller Censoren und Lustra gab demente Cardinali: memorie
de'* censori e de'* lustridiRoma anlica^ in denDiss. della pontif. acad.
rom. di archeol. IX. Roma 1841 p. 273 — 356. Dasselbe ist als Supple-
ment der in denselben Diss. VII. Roma 1836 p. 121 — 261 enthaltenen
Arbeit des berühmten B. Borghesi anzusehn: stilP ulHma parte
della Serie de* censori Romanik mit einer Tafel der Censoren Vom
Jahre 661 a. u. — 826 (Vespasians Censur). F. D. Gerlach: die
Censoren in ihrem Verhältnis swr Verfassung. Basel, Neukirch
1842. 2% Bogen (und etwas vermehrt in dessen histor. Studien. 11.
Basel, Mast 1847. S. 55 — 88) beleuchtet in der dem Verf. eignen
edlen und kräftigen Sprache eine wenig beachtete Seite der Censur,
ihr Verhältnis zur Entwicklung der röm. Verfassung. Ans dem Geschäfte
der Schätzung erwuchs ein wichtiger Einfluss der Censoren auf die Ge-
staltung der Verfassung. Vorzuglich wichtig war diese Macht in Bezie-
hung auf die Reception neuer Bürger, und aus dieser Befugnis, die Rechte
der Bürger zu mehren und zu mindern, hätten die Censoren endlich
constitutive Rechte erhalten. *Aus der Befugnis, dieAusfibung des vollen
Bürgerrechts zu entziehn u. s. w. hat allmählich bei den Censoren wie
bei dem Volke die Ueberzeugung sich bilden müssen, dass sie nicht
bloss die Hüter und Wächter der Verfassung seien, sondern als die
Ordner derselben zu betrachten wären.' Als Hauptbeweis dafür dient
die grosse durch die Verbindung der Centurien und Tribus bewirkte
Umgestaltung der Centuriatcomitien , welche der Verf. nur als ein
Werk der Censoren hinstellt. So geschickt nnd beredt derselbe die
neue Verfassung den Censoren vindiciert, so ist die Behauptung doch
sehr zweifelhaft, und ich glaube- vielmehr, dass die Censoren jene
grosse Umgestaltung nur in Folge eines gegebenen Gesetzes oder Soon-
sults einrichteten. Wenn wir keine Nachrichten von einer derartigen
gesetzlichen Bestimmung haben , so liegt dieses lediglii^ an dem Man«
iV. Jakrb. f. Pka. «. Paed, Hd. LXV. Bß, 2. IL
154 Römische AUerthamer.
gel aller Notisen über jene Verftndernng, deren Zeit noch ebenso be>
stritten ist wie die Details derselben. Ohne die Autorisation des Se-
nats und des Volks würden die Censoren eine so durchgreifende und
gewaltsame Veränderung aller Rechte und Verhältnisse nicht vorge-
nommen haben , da sie voraussetzen mussten , dass spätere Censoren
alles wieder abändern würden , indem die Anordnungen der Censoren
immer nur für ^in Lustrum Kraft hatten und von jedem Nachfolger auf-
gehoben oder modificiert werden durften. Daher rührt das stete
Schwanken so mancher von den Censoren abhängenden Verfügungen
(s. B. über die Stellung, der Freigelassenen); jene vielbesprochene
Vermischung der Centurien und Tribus aber blieb unangetastet, ob-
gleich mancher aristokratisch gesinnte Censor die Neuerung gewis
gern umgestossen hätte, wenn sie nicht auf festere Grundlagen ba-
siert gewesen wäre als auf den Willen zweier Censoren.
5) Tribuni plebis, C. B e n d e r : <f e intercessione tribunicia.
Partie, prior. Königsberg 1842. 19 S. Partie, post. 1850. 21 S. 4.
Diese schöne und gründliche Untersuchung beginnt nach einer kurzen
Einleitung in §. 2. mit der Behauptung , dass das Hilferecht der Tri-
bunen von Anfang an eine ausgedehnte Befugnis gehabt hätte, indem sie
nicht nur einzelne aus der Plebs gegen Unbill schützten, sondern auch
die Gesamtheit der Plebejer, namentlich wenn die Consuln etwas
befohlen hätten, was vielen oder allen Plebejern schädlich erschie-
nen. Für diese Ausdehnung wird als Hauptbeweis das den Tribunen
von Anfang an zustehende Veto gegen die Sconsulta angeführt, S. 5
*— 7. Wenn wir dieses allgemeine Recht schon den ältesten Tribunen
beilegen wollen, zerstören wir aber die Geschichte von der allmäh-
lichen Entwicklung und Erweiterung dieses Amts , wie ich hier nicht
näher zeigen will , um so weniger da der Verf. diese vor 10 Jahren
aufgestellte Meinung jetzt wahrscheinlich selbst geändert haben wird.
Dass das Intercessionsrecht gegen die Scons. von den Tribunen erst
durch eine geschickte Anwendung ihres Hilferechts errungen worden
ist, ergibt sich auch daraus, dass die fragliche Intercession erst seit
den Decemvirn regelmässig vorkommt. Livius spricht davon nicht
früher als im 4. Buche und wenn auch Dion. IX, 1 schon vorher dieses
Recht gelten lässt, so ist dieses doch durch die einfache Annahme zu
beseitigen, dass Dionysius die von den Tribunen bei dem einen de*
leetus anordnenden Scons. ausgesprochene Drohung, jedem der sich
dem Scons. widersetzen würde ofimYtiim angedeihn zu lassen, mit
der spätem Intercession verwechselte. §. 3. Die Intercession gegen
delechis^ Haltung der Comitien und Magistratswahl S. 7 — ^10. §. 4.
Die Hilfe der Tribunen, im Civilprocess, S. 10 — 19, wird recht gut
dargestellt, vorzüglich die Art, wie sie in Appellationssachen Decrete
gaben (meistens gegen Rubino gerichtet). Weniger befriedigt, was
S. 10 f. über die Jurisdiction der Tribunen gesagt ist. Auch durfte der
Verf. aus der seltnen Erwähnung tribnnicischer Decrete in Civilsachen
nicht schliessen , dass die Tribunen in solchen Sachen selten appelliert
Bender: de intercessione tribnnicia. 155
worden w,ären, denn die Schriftstelier hatten weniger Veranlassnng*,
solcher Decrete zu gedenken , als bei den ungleich wichtigern Crimi-
nalprocessen. Uebrigens sind die Erwähnungen nicht so selten wie Hr.
B. glaubt, denn er hat Cic. p. Tüll. 7. 38 ff. Acad. II, 30 übersehn. Im
% Theil wird zuerst die Appellation in iudiciis publicis behandelt, S.
1 — 5, und mit Recht bemerkt, dass gegen einen vom Volke gefällten
Urtheilsspruch Appellation unzulässig war, obwohl vor der Entschei-
dung appelliert werden konnte, in welchem Falle das ganze Comitial-
gericht aufgelöst wurde. Ferner ist richtig, dass bei andern Gerichten,
wo ein quaesüor oder iudex quaestionis die Untersuchung leitete,
vor gefällter Sentenz der Appellation nichts im Wege stand (der aus
Cic. in Yatin. 14 zu entlehnende Gegenbeweis wird zurückgewiesen, wo
nur noch hinzuzufügen war, dass eine solche Intercessio ne causam
diceret Heineswegs verboten, aber weder üblich war, noch für an*
ständig gehalten wurde , denn die Appellation sollte gegen erlittene
Injuria schützen, aber nicht vorher, ehe man wusste, ob dem ange-
klagten auch wirklich Unrecht geschähe); dagegen ist ganz falsch,
dass es bei diesen Gerichten des Qnaesitor sogar nach gefällter Sen-
tenz Appellation gegeben habe, S.3. Eine solche Intercession war bei
den Gerichten , welche im Namen des Volkes commissarisch entschie-
den , ebenso wenig gestattet , als wenn das Volk selbst geurtheiU
hatte. Als Beweis führt Hr. B.Ascon.in Milon. 14 p. 47 Or. an, allein
diese Appellation bezieht sich nicht auf ein gefälltes Urtheil , sondern
nur auf den Process , welcher durch die Appellation aufgehoben wer-
den soll (iudicium. tollam). In §. 3. de edictis tribuniciis^ S. 5 f.,
werde ich von Hrn. B. deshalb getadelt, dass ich gesagt hätte, die
Edicte der Tribunen hätten die Fälle angegeben, in welchen sie zu
intercedieren versprachen, ohne Beispiele dafür anzuführen. Ich be-
rufe mich auf Cic. Verr. II, 41 cum eorum amnium edicto nan liceret
quemquam Romae esse^ qui rei capitalis condemnatus esset ^ welches
ich erkläre: die Tribunen sagten in ihrem Edict, sie würden denen
ihr auwilium nicht zu Theil werden lassen , welche in einem Criminal-
process verurüieilt Rom verlassen müssten , oder sie würden die prae-
torische Execution gegen einen solchen nicht hindern. Diese Erklä-
rung ist jedesfalls weit einfacher als wenn Hr. B. meint, dass Cicero
edictum und decretum verwechselt habe, was aus mehreren Gründen
keinen Glauben verdient. §. 3. Die Intercession der Tri-
bunen gegen ihre CoUegen, S. 6 — ^21. Indem Hr. B. die Rich-
tigkeit folgender Behauptungen erhärtet: a) gegen das Veto eines
Tribunen war ein anderes Veto ungiltig, b) gegen den Befehl, Anord-
nung, Gesetzvorsehlag u. s. w. eines Tribunen war Veto gestattet,
stellt er 3 Sätze auf: 1) inierceasionem tribunorum potentiorem fuisse
quam acHonem^ 2) das Veto eines einzigen Tribunen sei mächtiger
als der Wille seiner . gesamten CoUegen, 3) die eingelegte loterces-
sion könne nicht duroh andere Intercession beseitigt werden, anster
durch Gewalt, und widerlegt am. Ende noch die abweichenden An-
sichten, von Niebtthr, Göttling, Becker. Dieselben Resultate, olhirohl
156 R6mi8che AlterthÜmer.
mit kürzerer Beweisführung^, habe ich gleichzeitig mit Hrn. B. aasge-
sprochen in Schneidewins Philologus V. S. 137 ff.: die Majori-
tät in dem Coli, der röm. Volks tribanen und in Paulys Real-
encyol. VI. S. 2103. 2105* Unbekannt ist mir die Abhandlang von New-
man: on the growih of ihe tribune^s power before there DecemviraUj
im Classical Museum 1849 VI. p. 205 ff.
6) Aediles, De aedüibus Rom. seripsit Dr. F. Hofmann. Be-
rolini Besser 1842. 119 S. 8. Diese Erstlingsschrift des Hm. H.
zeigt die grosse Befähigung desselben für römisch-antiquarische For-
schungen , ist aber leider wenig verbreitet worden (so z. B. in Beckers
röm. Alterthümern gar nicht benutzt), weshalb ich hier eine Inhalts-
übersicht gebe. Pars I. Geschichte der Aedilitdt S. 2 — 20. Die älte-
sten Aedilen beaufsichtigten die plebejischen Tempel , besorgten die
plebej. Spiele , halfen den Tribunen in der Jurisdiction unter den Ple-
bejern, so wie bei der Anklage der Verachter der Plebs und bei der
Bestrafung der gegen die Tribunen ungehorsamen , endlich bewahrten
sie die Plebiscite und Sconsulte im Tempel der Ceres. (Wenn gesagt
wird, dass nach der UeberfüUung dieses Tempels der Tempel des Jup-
piter als Archiv benutzt worden wäre , so ist der plebejische Charak-
ter des erstem Archivs übersehn , s. Pauly Realencycl. VI. S. 1563).
Durch die XII Tafeln wurden die Aedilen Beamte des ganzen Volks,
nicht bloss der Plebs (zweifelhaft) und durch die Stiftung der curuli-
schen Aedilen erlitten sie eine grosse Veränderung. Die Besorgung
der ludi Romanik die cura annanae nebst der damit zusammenhän-
genden Jurisdiction , die Beaufsichtigung der patrioischen Tempel und
die Polizei kam zu dem Amte hinzu. Manche Geschäfte blieben zwi-
schen beiden Arten der Aedilen getheilt, wie die patricischen Tempel
und Spiele für die curulischen Aedilen, die plebejischen Tempel un«^
Spiele für die plebejischen Aedilen ; andere Geschäfte waren beidev
Arten der Aedilen gemeinsam, namentlich die Polizei, obwohl die
curulischen Aedilen auch in dieser Beziehung höher standen und einige
Vorzüge genossen; endlich noch andere Geschäfte hatten die curuli-
schen Aedilen ausschliesslich , wie die Jurisdiction und die Abfassung
der Edicte. Spater wurde das gemeinsame Wirken aufgelöst und die
einzelnen Branchen unter die einzelnen Aedilen getheilt. Seit Augu-
stus sank das Amt immer tiefer und mehrere andere neue Beamte
übernahmen die Arbeiten der Aedilen. Pars II. Munera aediUum p. 21
-^102. Cap, 1: cwra ludorüm p. 23 — 35, Cap. 2: cura operutn public
corum p. 35 — 59. Hier werden diejenigen opera publica^ welche auf
öffentliche Kosten repariert werden und entweder seltener Repara-
tur bedürfen (wie Tempel) oder oft beaufsichtigt werden müssen
(Wasserleitungen), von denen unterschieden, welche von den Privat-
leuten in Stand zu halten sind (piae publicae)^ eine Eintheilung, ge-
gen welche sich manches sagen Hesse, vorzüglich in Beziehung auf
die letzteren ; denn die Erhaltung der Strassen durch Private ist kei-
neswegs so allgemein hinzustellen, s. Pauly VI. S. 2557. Richtig aber
ist, dass die opera ^ welche öfterer Nachhilfe bedurften, den Aedilen
Pauly: de quaestoribus Rom. antiqaiss. reip. tempor. 157
oblagen , wahrend die Cenaoren für die Reparatur der seltner herzu-
stellenden sorgten. §. 1 behandelt die Tempel, deren Erbauung durch
die Censoren und Beaufsichtigung durch die Aedilen , §. 2 die Aquae-
ducte, Cloaken und Bäder p. 44 — 51, §. 3 die viae ausser und in
der Stadt p. 51 — 59. Das ganze Capitel ist mit lobenswerther Sorg-
falt gearbeitet, nur hätte noch schärfer hervorgehoben werden sollen,
dass die Censoren nur Finansmänner sind und sieh bloss in dieser Be-
ziehung bei den öffentlichen Bauten betheiligen , während die Aedilen
ein ausgedehntes Ressort in polizeilicher Beziehung haben. Cap. 3:
iutela civiwn salutis p. 59—80. l) Gesundheitspolizei (z. B. das
Verbot der Begräbnisse in der Stadt) ; 2) Sorge für Zufuhr, Markt-
polizei und Armenunterstatzung durch die largitiones (welcher Ge-
genstand durch neuere Forschungen freilich eine ganz andere Gestalt
gewonnen hat), 3) Sittenpolizei, >. B. leget sumpluariae^ Bestrafung
des stuprum u. s. w. Cap. 4 : de potestate ei iurisdiciione aediliutn p.
81 — 102 (CiviljurisdicCion, Multrecht, strafrechtliche Befugnisse).
Ich bemerke hier, dass Hr. H. p. 95 f. über die Quaestur und den
Uebergang der quaestorischen criminellen Wirksamkeit auf die lllviri
capitales und aedües manches gute mittheilt. Das Endresultat ist,
dass die Aedilen die Anklage gegen alle Vergehn erhalten hätten,
welche zwar vor das Volk gehörten, aber nur Geldstrafe nach sich
zogen. Pars IIl. Die Wahl und Honores der Aedilen S. 103 — 119.
Am wenigsten befriedigt Cap. 1 : die Wahl (Comitien , Tag des Amts-
antritts tt. dergl.) , wo nicht einmal auf Wunders bekannte Untersu-
chungen in seiner Ausgabe der Planciana Rücksicht genommen ist,
Vollständiger ist Cap. 2 : de iure ac dignitate aedüium.
7) Quaesiores, A. Pauly: de quaestorihus Rom. ^ qußlcß
fuerini antiquissimis reip, temporibus. Bonnae 1847. 35 S. 8. Abth< h
de quaestoribus parricidii, §. 1. Nach der Widerlegung von Os^nhrflg-
gens Ableitung des Wortes parricidi'um wird die Gerichtsbarkeit der
quaestores parricidii (nicht identisch mit den lltiri perduellionis^ ge-
gen Geib) unter den Königen geschildert. Sie sassen vornen^lich über
parricidium , sodann auch über Mord und über die gegen den gött-
lichen Cultus und gegen die Moral gerichteten Vergehn zu Gericht.
Becker wird getadelt, die Grenzen der quaestqrischen Jurisdiction
nicht genau bestimmt zu haben. §. 3. Noch unter den Königen be-
kamen die quaestores parric. auch die Besorgung den aerortiim (dieses
ist nicht zu beweisen, s. unten) und erst nach Vertreibung der Könige
wurden durch Valerius Poplicola zweierlei Quaestoren eingeführt,
besondere quaestores aerarii neben den alten quaest, parric, (auch
dieses ist unwahrscheinlich und der Hauptbeweis beruht nur auf Pom-
ponius, dessen Autorität im Vergleich mit den andern Gewährsmän-
nern wie Varro l. l. V, 81. Zonar. VII, 13. Plut. Popl. 12 — was so-
gar p. 17 zugegeben wird — nur schwach ist). Gegen die quaesto-
res parricidii gab es keine provocatio , wohl aber gegen die Könige
und Coss., weil die letzteren politische Vergehn zur Erhaltung des
Staats, die Quaestoren aber Religions- \wvd.1^QtÄN^\\l\^^^^^v3«^^'«s^'
158 Römische Alterthttmer.
(Es wäre höchst auffallend geiyesen, wenn von den Königen Appel-
lation an das Volk eingelegt werden durfte und nicht von den Quae-
storen. Yermuthlich verwechselt der Verf. die alten quaest. parric,
mit den späteren Quaesitpren.) §. 5. Die quaeslores parric. wurden
vom Volke in den Curiatcomitien, nicht von den Königen erwählt
(richtig). §. 6 spricht kurz und unklar von der Dauer dieses Amtes.
Die quaesL parric. wurden zuletzt in den XU Tafeln genannt^ müssen
also schon frühzeitig aufgehört haben, vielleicht mit den XII Tafeln.
Ja man müsste die Aufhebung dieses Amtes schon in die Zeit der Se-
cessio und der lex sacrata versetzen , wenn nicht Pomponius wider-
spräche und wenn nicht sicher wäre , dass die Jurisdiction der Quae-
stören (als ohne provocatio richtend) an das Volk nicht hatte über-
tragen werden können. Da nun nach den XII Tafeln nur das Volk de
capite civium richtete , so waren keine quaest. parric. mehr möglich.
Nur zuweilen wurden sie nachher exira ordinem von dem Volke ge-
wählt, um statt des Volkes zu untersuchen und zu entscheiden. (Es
wird nicht klar , was die quaest. parric. nach der Könige Vertreibung
zu thun hatten, da, wie der Verf. p. 23 selbst zugibt, das Volk nicht
erst durch die XII Tafeln den Blutbann erhielt, sondern schon weit frü-
her. Welchen Grund hätte also Valer. Poplicola gehabt, eine doppelte
Art von Quaestoren einzuführen?) Abth. II. de quaesloribus aerarii
p. 20 — 35. §. 7 über die sog. quaesiores classici. §. 8 f. Da die Cri-
minaljurisdiction der Coss- durch die lex Valeria de protoc. und lex
sacrata sehr beschränkt worden war, so blieb nur das Geschäft übrig,
die öffentlichen Anklagen an das Volk zu bringen, welches Geschäft
an die quaest, aerarii übergieng und zwar dergestalt , dass sie nur
im patricischen Interesse und nur bei den Centuriatcomitien anklagten,
80 wie die Volkstribunen im plebejischen Interesse vor den Tribut-
comitien als Ankläger auftratem (Warum bekamen die quaesiores
parricidii dieses Amt nicht, wepn sie damals- noch wirklich existier-
ten? Einige Unrichtigkeiten in Bezug auf den zwischen den beiden
Comitialgerichten gemachten Unterschied übergehn wir.) §. 10. Die
quaest. aerarii wurden von den Curiatcomitien bis 305 a. u. gewählt,
seit diesem Jahre von den Centurien und seit 346 a. u. von den Tri-
butcomitien.
Bald nach dieser Abhandlung erschien G. H. Wagner: de quae-
storibus pop. Rom. usque ad leges Licinias Sextias. Marburg 1848.
39 S. gr. 8. Als Grundlage der Untersuchung dienen Niebuhrs An-
sichten über die Quaestur , welche der Verf. sorgfältig prüft und bei
dieser Gelegenheit die verschiedenen Beweisstellen mit Besonnenheit
und Scharfsinn abwägt — p. 24. Dadurch gelangt er zu dem Resul-
tat, dass es stets nur 6ine Art von Quaestoren gegeben habe, ur-
sprünglich quaesiores parricidii genannt, und dass diesen auch die
Sorge für das Aerariam obgelegen habe. Diese Einrichtung sei ge-
blieben bis 447 a. u. (nach Tac. Ann. XI , 22 , auf welche Stelle das
Hauptgewicht gelegt wird), in welchem Jahre man wegen der sehr an-
Wagner : de qüaest. pop. Rom. usque ad leges Licinias Sextias. 159
gewachsenen Geschäfte des Aerariums die richterliche Gewalt von der
Quaestur getrennt und den Quaestoren bloss die finansielle Amts-
sphaere gelassen habe, weshalb manche dieses als Einsetzung der
Finanzquaestoren angesehn hätten. Der Name quaestor parricidii
habe nur im eigentlichen Sinne fortgedauert, indem derselbe allen
im Namen des Volks commissarisch richtenden beigelegt worden sei.
Daran schHessen sich p. 24 ff. drei weitere Excurse: l) über die
Quaestur bis zum Jahre 447 a. u., wo behauptet wird, dass die
quaestores parric, hauptsächlich eine richterliche Thätigkeit als Staats-
ankläger (und zwar ganz vorzüglich im patricischen Standesinteresse,
gewissermassen als trihuni pattum)^ niemals aber als Richter ge-
habt hätten, denn die Aufsicht des aerarium sei untergeordnet ge-
wesen. Darum wären vor dem Jahre 447 quaestores aerarii selten und
von manchen, z. B. vonLivius gar nicht genannt worden. PlutarchPopl.
12- irre insofern , als er den altern Yalerius Popl. mit dem Feind der
Decemvirn L. Yalerius Potitus Poplicola verwechsle, welcher 447 die ge^
nannte, wichtige Aenderung vorgenommen hätte. 11. Wahl der
Quaestoren. Tacitus sage die Wahrheit, dass die alten Quaesto-
ren von den Königen und Coss. ernannt worden seien, nur müsse man
noch eine Bestätigung durch die Curien annehmen, 447 a. u. sei die
Wahl durch den genannten Yalerius an die Centuriatcomitien überge-
gangen und von diesen sei sie , als auch Plebejer den Zutritt zur Quae-
stur erhielten, endlich an die Tributcomitien gekommen 421 a. a.
111. Wer übernahm nach 447 die richterlichen Besorgungen der bis-
herigen quaestores parricidii^ Dieses wären die Illviri capitales
gewesen , aber da diese erst 465 a. u. eingeführt worden wären , so
hätten in der Zwischenzeit zwei tribuni militum cons, potest. dieses
Amt besorgen sollen , wenn sie auch niemals dazu gekommen wären.
Die Aedilen hätten nur einen Theil des quaestorischen Amtes bekom-
men, nemlich die Polizeianklagen, dagegen die Majestäts- und andere
Sachen die Militärtribunen und nach deren Aufhören die Yolkstribu-
nen. — Vergleichen wir beide Schriften, so ist nicht zu verkennen,
dass die letztcfTe in Beziehung auf Reichthum des Inhalts , Tiefe der
Forschung und bewiesenen Scharfsinn höher steht als die erstere, ob-
wohl auch diese keineswegs zutadelnist und manches richtige enthält,
worin sie zum Theil mit der zweiten übereinstimmt, z. B. dass es ur-
sprünglich nur ^ine Art von Quaestoren gab, dass die Quaestoren im pa-
tricischen Interesse Anklagen erhoben u. a. EinHaüptirthum inPaulys
Schrift ist, dass für die republican. Zeit zweierlei Quaestoren angenom-
men werden, obwohl für die quaestores parricidii nichts zu thun übrig
bleibt. Was Wagners Abb. betrifft, so sind mehrere Partien als eine
Bereichernng der Wissenschaft anzusehn , wenn man auch die Haup^
resultate verwerfen muss. Vor allem ist nicht zu billigen, dass die
Autorität des Tacitus fast als die einzige anerkannt wird, was dem
Junius Gracchanus gegenüber Bedenken erregt, dass in die Stelle des
Tacitus zu viel hineingetragen w^ird , während dieselbe nur von einer
Veränderang der Wahlart handelt, dass die Quske&tAt^t^ i^"^ ^^06^1^»^-
160 Römische Alterlhaner.
ten nicht Richter , sondern' Ankläger gewesen sein sollen , was bloss
von der republicanischen Zeit bewiesen werden kann nnd von der Kö-
nigszeit höchst unwahrscheinlich ist n. a. Die scharfsinnig verthei-
digte Verwechslung der beiden Yalerier ist nicht zu beweisen , denn
wenn wir sie auch zugeben , so müssteti die quaest. parricidii vorher
das Aerarium gehabt haben , was sich mit den Angaben des Plutarch
und Zonaras nicht verträgt, welche die Coss. als Herrn des Aerariums
anerkennen. Was die Stelle des Tacitus betrifft, so glaube ich, dass er
die nach Absetzung der Decemvirn vorgenommene Restitution der Quae-
stur mit deren früherer Einsetzung verwechselt und deshalb die Volks-
wahl bis 447 hinausschiebt. Um so eher darf man sich diese Annahme
erlauben , da er unzweifelhaft in einer andern Sache ,an derselben
Stelle irrt: ut rem müitarem camitarentur. Dein cett., denn da müss-
ten nach Tacitus zuerst 2 Quaestoren für das Heer und erst später 2
für das röm. Aerarium ernannt worden sein , was niemand behaupten
wird. So gut nun Tacitus in der einen Beziehung fehlt , ebenso gut
war es auch in anderer Rücksicht möglich , s. Beckers Alterth. II, 2. S.
338 f. Schliesslich erlaube ich mir meine eigne (zum Theil mit Becker
übereinstimmende) Ansicht mitzutheilen : I. Periode. Unter den
Königen bis auf Yalerius Poplicola gab es quaesiares parricidii als
Blutrichter , welche auf königlichen Vorschlag von den Curiatcomitien
gewählt wurden , Jun. Gracch. in Dig. I, 13, 1 und Lyd. de mag. 1, 24.
Mit den Finanzen hatten diese gar nichts zu thun , sondern der König
hatte das damals ohnehin unbedeutende Aerarium direct unter sich,
wobei er sich von selbstgewählten Schreibern unterstützen Hess. Die-
selbe Befugnis gieng auf die ersten Coss. über, Zonar. VII, 13. Plut.
Popl. 12. Auf die von den Königen und Coss. gewählten Unterbe-
diensteten des Aerariums bezieht sich Tac. l. 1., indem er diese Quae-
storen nennt, wie die Staatsftnanzbeamten Später hiessen, und diesel-
ben von den Königen und Coss. wählen lässt. Durch diese Vermitt>
lung allein lässt sich die alte Differenz über die verschiedene Wahl-
art der Quaestoren beseitigen. Die einen dachten an die ursprünglich
Qaaestoren genannten Riohter , die andern an die später Quaestoren
genannten Privatbeamten des Königs oder der Coss. II. Periode.
Als durch Valerius Popl. der Blutbann an das Volk übergieng, ver-
loren die quaestores parricidii ihre bisherige richterliche Wirksam-
keit und sanken von Richtern zu Anklägern herab , durch welche Ar-
beit sie sehr wenig in Anspruch genommen wurden , zumal da auch
die andern Magistrate als Ankläger auftreten durften und da sie als
Patricier vorzüglich im patricischen Interesse anklagten. Sie hatten
also Zeit genug übrig auch die Staatscasse zu übernehmen, welche
man den Coss. länger zu lassen nicht räthlich fand, Zonar. und Plut. 1. 1.
Gaius bei Lyd. I, 26. Weil nun dieser neue Zweig ihrer Thätigkeit der
vorwiegende werden musste, kam der Name quaestores parric, als
den Verhältnissen nicht mehr angemessen bald ab und es bildete sich
allmählich die Benennung quaest. aerarii und urbani.
JSine dritte Schrift von G. Dollen: de quaeziorilmt Rom. capita
Zumpt: comm. epigr. adjantiq. Rom. pertinentiam volamen. 161
posteriora. Berol. 1847 konnte ich durch den Bachhandel nicht er-
halten und werde darüber in einem Nachtrage berichten.
8) Magistrate der Kaiserzeit. Besondere Monographien
sind hier ausser A. W. Zumpts solider Arbeit: Honorum gradus $ub
imperatoribus Uadriano et Antonino Pio secundum teterem lapidemDw-
cicum explicati im Rhein. Mus. f. Philol. 1843 S. 249 — 289 nicht zu nen-
nen. Eine schöne Behandlung haben die curatores alvei et riparwn 7V-
beris durch Preller erfahren, in den Berichten fib. d. Verhandl. der
königl. Sachs. Gesellschaft der Wissensch. zu Leipzig 1848 S. 142 — 149.
9) Magistratus municipales. Zuerst nenne ich drei durch
Gelehrsamkeit und Gründlichkeit höchst ausgezeichnete Abhandlungen
meines Freundes C. G. Lorenz in Grimma: 1) de dictatorihus Latinis
et mumcipalibus, Grimma 1841. 44 S. 4; 2) brevis de praetoribus muni-
cipalibus comm, Grimma 1843. 18 S. 4; 3) nonnulla de aedilibus mu-
nicipiarum, Grimma 1847. VI n. 14 S. 4, welche in diesen Jahrb. bereits
die verdiente Anerkennung gefunden haben, s. XXXIU. S. 89 ff.
XXXIX. S. 101 f. LIV. S. 97 f., weshalb ich nur den Wunsch hinzu-
füge, dass uns Hr. L. recht bald wieder mit so gediegenen Ergeb-
nissen seiner gelehrten Studien erfreuen möge. Sehr werthvoll sind
ebenfalls die kleine Abhandlung von W. H e n z e n : sui pretoH e dit-
tatori de'^ municipi antichi in den Annali deir inst, di corr. arch. XVIII.
1846. p. 253 — 267, s. N. Jen. Litt. Zeitung 1847 Nr. 63, und der scharf-
sinnige Aufsatz von Mar quar dt: die Logisten der röm, Kaiser^eit
in der Zeitschr. für die Alterthumswiss. 1845 Nr. 118 f.
Die defensores der Kaiserzeit. J. G. Römer: de defen-
soribus plebis sive civit, Trai. ad Rh. 1840. 106 S. 8. Cap. I : de
defens, plebis notione et angine p. 8 — 56. Cap. II : de electione def,
et confirmatione et tempore ofßcii p. 56 — 69. Cap. III : de officio def.
p. 70 ff. Es ist eine fleissige sorgföltige Arbeit, welche aber für den
Philologen weniger Interesse hat als für den Juristen. Später er-
schien eine mir unbekannt gebliebene Dissertation von Abel D e s -
Jardins: de civ. defensoribus $ub imperat. Rom, Angers 1845. 45 S. 4.
Das bedeutendste auf diesem Gebiete leistete unstreitig A. W.
Zumpt in seinem sehr verdienstvollen commentt, epigraphicarum ad
antiquitt, Rom, pertinentiam volumen. Berol. Dümmler 1850. 502 S. 4.
Speciell gehören hieher die 2te comm, de quinqnennalibus municip.
et Colon, p. 71 — 158 und die 3te comm, de quatuorviris munic, p. 159
— 192. Aber auch die erste comm, : fastorum municipalium Campano-
rum fragm, restitutum et explicatum p. 1 — 69 ist wegen der darin
enthaltenen gründlichen Forschungen über die praefecti für die Mu-
nicipalmagistrate wichtig. (Uebrigens hat Th. Mommsen dieses Fa-
stenfragment der Stadt Yenusia vindiciert, in den Berichten über die
Verhandl. der königl. sachs. Gesellschaft der Wissenschaften zu Leip-
zig 1850. S. 224—235). Desgleichen enthält die letzte comm, de co-
loniisRom, militaribus vieles hieher gehörige. Auf die Verdienste die-
ses Werks näher einzugehn verbietet der Umfang desselben ebenso
sehr wie der Charakter dieser Uebersicht. D\a \!lA^\jt^%xftÄ»^.^ ^^^
162 Römische AUerlhümer.
Zumptschen Untersachuagen haben mit vollem Recht bereits Eingang
gefunden in der Fortsetzung der Beckerschen Antiquitäten von Mar-
quardt III, 1, wo S. 350 — ^364 die Municipalmagistrate in zusammen-
gedrängter Weise behandelt werden.
10) Diener der Magistrate (apparttores), als scribae^
UctareSy viatores^ praecones^ accen$i. Auch dieser scheinbar un-
wichtige Gegenstand ist bei dem allgemeinen Eifer, mit welchem die
Antiquitäten durchforscht wurden, nicht leer ausgegangen. Die er-
ste Anregung erfolgte durch die Fragmente der lex de scribis viat.
et praecon, quaestor,^ in welchen Th. Mommsen: ad legem de
scribis et viat.^ Kiliae 1843. p. 1 — 7 üeberreste der lex Cornelia
de XX quaestor. erkannte , wogegen G 5 1 1 1 i u g : nova editio legis de
scribis Diät. etc. Jenae 1844. 9 S. 4 glaubte, dass dieselben der lex
Titia de officio primorum octo de XX quaestor, angehöre , abermals
in seinen XV röm. Urkunden. Halle 1845. S. 7 IT. Darauf zeigte
Mommsen in d. Zeitschr. für d. Alterthumsw. 1816 Nr. 14 dieUnhalt-
barkeit dieser Vermuthung und befestigte seine schon früher ausge-
sprochene Ansicht.
Beck<er hatte in seinen röm. Alterthümern II, 2. S. 370 — ^384
die gesamte Dienerschaft der Magistrate behandelt, ohne die wich-
tigen Resulti^te benutzen zu können, welche Mommsen gleichzeitig
veröffentlichte. Dieser schrieb nemlich in Rom eine im Rhein. Mu-
seum für Philologie 18^7 S. 1 — 57 abgedruckte Abhandlung de appa-
ritoribus magistratuum Romanorum , welche aus einer Samm-
lung aller (zum Theil noch ungedruckten) Inschriften über die Ap-
paritoren jiebst vollständigem Commentar besteht. F. 2 — 5 werden
die accensi als Privatdiener der Magistrate von den öffentlichen Ap-
paritoren unterschieden; p. 6 — 11 folgen allgemeine Bemerkungen
aber dieselben und sodann die einzelnen Arten :A. Apparitoren der
mag, maiores: 1 — 3) lictores^ viatores^ praecones und apparit. der
Coss. und.Praetoren p. 11 — ^23, 4) lictores curiati et alii sacrorum
ministri 1^. '^ — ^29. B. Apparitoren der städtischen Quae-
stor en, nemlich scribae und viatores p. 29^ — 39. C. Apparitoren
der YolJ^stribunen, als scribae^ viat,^ praec, p. 39 f. D. Ap-
paritprjsn der aediles curules^ nemlich scribae und praecones
p. 40— 46. E. Appari toren der plebej. Aedilen p. 46 — 48.
F. Viatores der.I Ilviri capitales und der IVviri viar. cur.
p. 48 f. G. Lictoren der vicomagistri p. 49 ff. H. Diener der
Municipalmagistrate p. 51 — 54 und wieder allgemeine Bemer-
kungen bis p. 57. Die kurze aber sehr gehaltreiche Schrift zeigt wie
so manche andere desselben Verf. und die Arbeiten von Zumpt, wel-
che Bereicherung die röm. Antiquitäten aus dem sorgfältigen Studium
der Inschriften gewinnen können, auf das glänzendste. Die Haupt-
resultate finden sich kurz wiederholt in Beckers Alterth. von Mar-
quardt II, 3. S. 272 ff. und in den betreffenden Artikeln von Paulys
Realencycl.
Auch Staatssklaven wurden von den Magistraten als Diener ge-
Labouiaye : sur les lois orim. d. Rom. conc. la respons. d. mag. 163
braucht; s. E. A. Gessner: de servis Rom, publicis. Berol. 1844.
61 S. 8. .
11). Yon.der Yerautwortlichkeit der röm. Magistrate
handeln zwei gleichzeitige Schriften , die eine in umfassender , die
andere in sehr J)eschränkter Weise. Die letztere ist von Menn: de
iure Romano magistratuum accvsandorum, Düren 184d. 16 S. 4' und
gibt eine sorgfältige Zusammenstellung des die Hauptsachen betref-
fenden Materials , wenn auch ohne neue Forschungen. Zuerst werden
die competenten Richter der Magistrate besprochen und die Thätig-
keit der Yolkstribunen , welche als Ankläger auftraten , neben der der
Censoreji, welche strafend eingriffen, und der der Consuln, welche
die Untei^beamten überwachten , kurz beleuchtet. S. 4 ff. folgen die
Gerichte, vorzuglich über perduellio und tnaiestas^ S. 8 f. die quae-
stiones perpetuae^ als repetund. pectUät. amhit. vis und falsutn. Die
Gerichte 4er Kaiserzeit bestehend aus dem Senat, dem Kaiser und
den k^ijserlichen Richtern mit dem Verfahren extra ordinem machen
den Beschluss. Die speciellen mit dem Gegenstande zusammenhängen-
den Fragen konnte der Verf. aus Mangel an Zeit und Raum nicht
berühren.
Viel umfassender, durch und durch geschmackvoll, von Geist
und Leben durchdrungen ist die Preisschrift des als Kenner des röm.
Rechts rühmlich bekannten Ed. Labouiaye: essai sur les lois cri-
minelles, ßes Romains concernant la responsabilite des magistrats.
Paris, Durand, Joubert, Franck 1845. XXIII u. 452 S. 8. Hier finden
wir nicht bloss eine Aufzählung und Erklärung der zum Schutz der
Bürger gQgen die Uebergriffe und Ungerechtigkeiten der Magistrate
eingeführten Institute, sondern auch eine lebhafte Schilderung ihrer
gegenseitigen Beziehungen mit steter Berücksichtigung der Zeitver-
hältnisse , der Verfassung und der hervorragenden Charaktere , nebst
praktischen Vergleichungen der alten und neuen Zeit, so dass sich
das Buch jn dieser Hinsicht vor den deutschen Arbeiten sehr auszeicb^
net, obgleich die deutsche Gelehrsamkeit dem Verf. fast das ganze
Material geliefert hat. Buch 1: Königszeit und Republik bis zvlv lex
Calpumia p. 21 — 159. Sect. 1: die verschiedenen Gewalten, Sect. 2:
die verschiedenen Jurisdictionen, welche die Verantwortlichkeit der
Magistrate,. üicherten (König, Coss., Comitien, Senat, quaesHones
perpetuae)^ Sect. 3: Processformen. Buch II: von lex Calpumia bis
Augustuß p. 161 — ^383. Sect. 1: die Verwaltung der Provinzen, Sect. 2 :
Geschichte der strafrechtlichen Gesetze und Tribunale dieser Zeit,
Sect. 3: Propessformen der quaest. perpet. Buch 111: vonAugustus bis
Hadrian p. 385 — 448. Sect. 1: Betrachtungen über den Kaiser und die
kaiserlichen Obrigkeiten, Sect. 2: Jurisdiction des Senats und des Kai-
sers, Sect. 3- der Process bei beiden Gerichten. Lehrreich ist die
Recension.vpn Köstlinin N. Jen. Li tteratur- Zeitung 1845 Februar
Nr. 31 f. 34 If..
B. Der Senat. Trotz der alten fleissigen Arbeiten von Bris-
sonitts und J. Sarius von Zamosk ist eine reiche Nachle«^ <l^iv^ %^-
104 Römische Allerihftmer.
blieben, welche verschiedene von verschiedenen Seiten versucht ha-
ben. Ko Ister: über die parlamentarischen Formen im röm. Senat
in derZeitschr. für d. Alterthumswiss. 1642 Hai S. 409 ff. gibt eine gute
Uebersicht derjenigen Formen , an welche die Verhandlungen des röm.
Senats gebunden waren und zwar %, 1 über die Berufung des Senats,
%. 2 über Debatte und Leitung, %, 3 über Beschlussnahme, Form der-
selben und Hindernisse.
Bald darauf schrieb Haggiolo: Rom, senatus eices et aetates.
Argentor. 1844. 8. In Deutschland traten sodann Detailuntersnchungen
hervor, so von J. Becker: Bemerkungen Über die Zusammensetzung
des röm, Senats und insbesondere Über die sog. pedarii in den Hess.
Gymnasialblättern. Mainz 1845 1, 1. S. 39 — 47 und : abermals über die
pedarii in der Zeitschrift für d. Alterthumswiss. 1850 Nr. 3 f. Es ist
keinem Zweifel unterworfen, dass der röm. Senat aus 3 Classen von
Mitgliedern bestand : l) wirkliche Senatoren , welche von den Censo-
ren erwählt worden waren , 2) solche quihus licebat in senatu senten-
Üam dicere^ nemlich die Magistrate des laufenden Jahres und vor-
züglich die gewesenen Magistrate, welche bis zur nächsten lectio
des Senats im Senat bleiben durften , 3) die sog. pedarii. Von diesen
letzteren setzt Hr. B. folgende Resultate voraus : l) dass sie solche
waren , die noch keiue Aemter verwaltet hatten , 2) dass sie die nie-
drigste Stufe aller Senatoren ausmachten, 3) dass sie des ins sententiae
die. entbehrten , aber an der Abstimmung Antheil nahmen. Nun frage
es sich noch, welchem Stande dieselben angehörten. Yarro sage bei
Gell. III, 18 equites quosdam dicit pedarios appellatos und darunter
verstehe er die Ritter der altpatricischen 12 Centurien, denen die Be-
theiligung am Senat freigestanden, im Gegensatz zu den Rittern der
VI suffragia^ welche den equus publicus nicht gehabt hätten u. s. w.
(ganz nach Rubino). Diese zweite Classe der equites hätte Anwart-
schaft gehabt auf den equus publ. für später und damit die Aussicht
auf Ertheilung des Patriciats und Aufrücken in die erste Classe der
equites. In der 2ten Classe der Ritter habe man als Ritter dienen müs-
sen, um in die patricische erste aufzurücken, und dadurch wäre dem
avancierten als pedarius der honor senatoriae dignitatis zu Theil ge-
worden. * Erhielt der pedarius dann später ein Amt, so konnte er
nach dessen Verwaltung in den 2ten ordo der gewesenen Magistrate und
endlich durch die lectio der Censoren in die erste Classe der vollbe-
rechtigten Senatoren aufrücken. Fehlten Männer der 2ten Classe ganz,
80 wurde er auch wohl bisweilen sofort aus einem pedarius ein voll-
berechtigter Senator und sen. adlectus (Paul. Diac. p. 7 M.).' Wenn
wir dieses Resultat gründlich prüfen, so zeigt es sich als verfehlt.
Zuerst steht die Rubinosche Theorie von den beiden Ritterclassen noch
keineswegs so fest, wie der Verf. glaubt und ich früher selbst glaubte
(s. oben) , sodann aber angenommen , dass dieselbe richtig wäre , so
erheben sich dennoch unübersteigliche Schwierigkeiten. Vor allem
müssen wir bedenken , dass, wenn 12 ganze Rittercenturien das Recht
hatten , in den Senat zu gehn und dort zu stimmen , diese den Charak-
Czarnecki : der römisclie Senat. 1Q5
ter als Ritter völlig verloren hätten und in den ardo senatoHus fiber-
gegangen wären. Wo hätte man da die equites zu suchen? Wie hätte
man sich das Stimmrecht dieser senatorischen Ritter zu denken? Die-
ses Bedenken fühlt der Verf., indem er sagt: *es ist kaum glaublich,
dass bei allen Beschlüssen alle oder auch nur ein grosser Theil
der pedarii mitstimmte, obgleich es in gewissen Fällen stattgefunden
haben muss, dass die grosse Anzahl derselben einen Beschluss
durchsetzen half, der bei der Abstimmung unter dem Körper der voll-
berechtigten Senatoren nicht in derselben Weise durchgegangen wäre.
Und doch muss man festhalten , dass es allen pedarii im Senate zu er-
scheinen freigestanden habe.' So müssten also nach dem Verf. zwei
Arten von pedarii vorhanden gewesen sein: 1) alle equites der 13
Cent, zur Theilnahme an dem Senat berechtigt, 2) eine gewisse An-
zahl , die zum Abstimmen berechtigt gewesen wäre. Dann aber hätte
maik die erste Art gar nicht pedarii nennen dürfen , denn der Gmnd
fiel weg, warum sie diesen Namen führen sollten. Wären die pedarii
wirklich alle Ritter der 12 Centurien gewesen, so hätte Varro niehC
gesagt quid am equites^ sondern er würde einfach gesagt haben :
equites XU eenturiarum oder dergl., und überhaupt würde das ganze
Institut nicht so bestritten gewesen sein , wie es nach den Worten bei
Gellius gewesen ist. Unter diesen Umständen können wir nicht sa-
geben , dass die pedarii eine besondere compacte Rittereiasse gewe-
sen wären, sondern equites quidam^ d. h. gewisse Ritter, wel-
che die Censoren wegen ihrer militärischen Verdienste, wegen ihrer
vornehmen Familie, wegen ihres hohen Reichthums u. s. w. in die
unterste Classe der Senatoren aufnahmen, die dann allerdings auch zu
den beiden andern höhern Classen gelangen konnten. Noch nachträg-
lich mache ich darauf aufmerksam , dass die Annahme des Verf. vob
dem patricischen Charakter der 12 Cent, ebenso unmöglich ist wie die
Behauptung, dass man durch den Dienst unter den 6 Suffragien in
die erste Classe zum Patriciat hätte gelangen können. Bekannt ist,
dass die Aufnahme unter die Fatricier ein sehr seltener, durch Senats-
und Comitialbeschluss zu bewirkender Act war und dass daher die
Zahl der Fatricier am Ende der Republik auf 50 Familien zusammen-
geschmolzen war (Dion. 1, 85) , was nach Hrn. B. gar nicht hätte ge-
schehn können.
Ueber F. H o f m a n n : der räm, Senat %nr Zeit der Republik nach
seiner Zusammensetzung und Verfassung. Berlin 1847, s. diese Jahrb.
LVIII. S. 227 — ^238. Caduzac: deeadence du senat Rom. depuis Ci-
sar jusqu'^ä Constantin. Limoges 1847 ist mir nicht bekannt. Czar-
necki: der röm, Senat. Fosen 1849. 11 S. 4 zerföUt in 3 Abtheilun-
gen: l) Zahl und Wahl der Senatoren, 2) Form derSenatsverhandlun-
gen , 3) Wirkungskreis des Senats unter den Königen , in der Repu-
blik und unter den Kaisem , ermangelt aber alles wissenschaftliehen
Werthes. Eine neue Anregung unerledigter Fragen sucht man ver-
geblich , das ganze ist nichts als ein dürftiger Auszug aus den in den
Lehrbüchern enthaltenen Resultaten und allerlei Unrichtigkeiten Bind
166 Römische Alterdiümer.
eingewebt , von denen ick zur Begründung meines Urtheils einige an-
führen will. S. 2 f. die. Zahl von 300 Senatoren sei bis auf Sulla un-
verjändert geblieben ; S. 3 : bei der , grossen Anzahl von cürnlischen
Beamten hätten nicht immer alle nach zurückgelegtem Amtsjahr als
wirkliche Senatoren aufgenommen w-erden können* (dieses geschah
aus dem einfachen Grunde nicht, weil die <;ensorische lectio nur alle
5 Jahre gehalten wurde, aber die Exmagistfate* blieben doch einst-
weilen im Senat bis zur nächsten Censur); S. &: die XII Tafeln hätten
bestimmt, daßs % der älteren und % der jüngeren Geschlechter ohne
Rücksicht auf das Alter zugleich und mit gleichen' üechten stimmen
sollten , wovon bei Gell. XIV,. .7 kein Wort steht. Von den pedarii
heisst es bloss, sie ständen nicht in curulischen Aemtern, hätten auch
keine solchen bekleidet und. stimmte»: nur durch Beistimmung. Scon-
sultum und decretttm werden falsch unterschieden und die auctorüas
im eigentlichen Sinne nicht einmal erwähnt. S. 6 f. sind die Befug-
nisse des Senats ohne alle Ordnung aneinander gereiht und darunter
befindet sich ^ die Gerichtsbarkeit über ganz Italien? u: dergl. Man
weiss nicht , ob man solche Dinge der «Flüchtigkeit des Verf. oder
einem an4ern Umstände zurechnen soll. < -i- C- F. Bieling: de dif-
ferentia inter senalus auctoriiatem , consultum et decreium, -Minden
18^. 8 S. 4 enthält das richtige. und ziemlich allgemein angenommene
über die genannten Ausdrücke. Wenn hier gesagt wird, die bei Dio
Cäss. LV, 3 berichteten Notizen über senatus auctoritas bezögen sich
nur auf die von August gemachten Neuerungen , nicht auf die republi-
canische Zeit, so ist das nicht durchaus richtig, denn Dio Cass. zählt
auch die Intercession der Tribunen als Ursache auf , warum nur eine
auctoritas abgefas^t werden könne, und dieses war doch eine uralte
Bestimmung, welche August nur bestätigte. Am Schluss sind Stellen
gesammelt über die allgemeine Bedeutung des Wortes decretum^ wel-
ches sich bloss durch die vis generalis von Scons, unterscheiden soll.
€. Comitia, l) Ueber die com, curiata ist seit F. van der
Vei den: de com. curiatis. Medemelaci 1835 nichts geschrieben wor-
den als von N.ewman: on the com. cur, im Classical Museum XX.
p. 101-^127 , worüber ich nichts mittheilen kann.
2) Die com, ceniuriata und trihuta sind desto häufiger be-
sprochen worden und zwar meistens in Bezug auf die grosse Reform
der Centnriatcomitien nach Liv. I, 43 und Dion. IV, 21. Zuerst ver-
öffentlichte R. V. Raumer seine diss, de Sermi Tullii censu. £r-
langae Blaesing 1840. 92 S. 8, welche von dem Scharfsinn und dem
selbständigen Urtheil des Verf. ein günstiges Zeugnis ablegte. Für
die Wissenschaft hatte sie untergeordneten Werth, da der Verf. mit
der neuern Litteratur unbekannt war und deshalb schon von andern
gewonnene oder auch bereits beseitigte Resultate aufstellte. §. 1 : die
Staatsverfassung vor Serv. TuUius ; §. 2 : die Servianischen Tribus (die
Patricier wären erst durch die XII Tafeln in die Tribus aufgenommen
worden); §. 3: Zusammenstellung des Dionysius und Livius über die
Servianischen Classen (mit 4em Mis Verständnis, dass Livius nur 191
Gerlach : die Verfassung des Servius TuHias. 167
Centarien habe); §. 4: Cic. de rep. II, 22 sei unverdorben; §. 5: die
grosse Reform (die alte Zahl der 193 Centurien sei auch spater nicht
verändert worden, die 1. Classe sei von 80 auf 70 Centurien reduciert
und von den gewonnenen Centurien hätte die 2., 3., 4., 5. Classe je
2 Centnrien bekommen, die 6. Cl. hätte 3 Cent, gehabt: accenst, ee-
lati und proletarii und dazu komme als letzte Centurie ni quis sci-
f>iti); §. 7: Probabilia u. s. w. Ausführlicher habe ich darOber ge«
sprochen in der Zeitschrift für die Alterlhumswiss. 1840 Nr. 157.
Darauf folgte F. D. Ger lach: die Verfassung des Servius 7W-
liuß in ihrer Entwicklung in seinen histor. Studien. Hamburg und Go-
tha 1841. S. ß43 — 434 (vorher schon in Basel 1837, 43 S. 4 herausge-
geben), von mir angezeigt in der Zeitschr. für d. Alterthofttswiss. 1839
Nr. 100. In edler Sprache schildert der Verf. die früheren Pöicibden
der Republik und leitet aus den allmählich veränderten Grundbedin-
gungen der Servianischen Verfassung die Nothwendigkeit einer Re-
form her, welche nach Einrichtung der 35 Tribus vor Anfang des 2. pn-
nischen Kriegs ins Leben gerufen worden sei. Die Centurienzahl habe
man nicht verändert, nur habe man der 1. Classe 10 Centurien genom-
men und die andern Classen mehr gehoben. S. weiter unten.
Fr. Ritter: die Verbindung der röm, Centurien mit den Tribus
im Museum des rheinisch-westphäl. Schulmännervereins. Münster 1843
1. S. 91 — 121 setzt die Veränderung in die Jahre 442 und 450 a. a.
Ganz unglaubhaft und allen Quellenzeugnissen widersprechend ist das
Bild , welches Hr. R. von der neuen Verfassung entwirft. Er meint
nemlich , die früheren 193 Cent, seien auf 70 reduciert wordeti , indem
jede Tribus in zwei Hälften seniores und iuniores gelheilt worden sei.
Die verschiedenen Classen und die Rittercenturien werden ganz ver-
nichtet — wenigstens für die Comitien,'was einer Widerlegung nicht
bedarf, s. Gerlach histor. Studien II. S. 289 ff. Verwandt ist ein Auf-
satz Ritters im Rhein. Museum für Fhilol. 1842. S. 575 — 592: die
Nachrichten des Cicero ^ber die Servian, Centurien^ wo Hr. R. die
berüchtigte Stelle Cic. de rep. II, 22 für unverdorben hält und da-
durch erklärt, dass Cicero in Uebereilung einen Rechnungsfehler ge-
macht und 89 statt 99 numeriert habe , worauf er dann wiederum einen
neuen Irthum gebaut habe. Niemand kann ein solches Verfahren bil-
ligen, s. Gerlach II. S. 237 ff.
In demselben Rhein. Museum 1842. S. 402—412 spricht L. Ur-
lichs über das Verfahren bei den Abstimmungen des röm, Volks in
den Septa und berichtigt Göttlings Ansichten (Geschichte der ^Öm.
Staatsverf. S. 386 ff.) über die septa lulia^ wobei er manche andere
interessante Notizen über die (H>t7ta, die Abstimmung überhaupt u. s.
w. mittheilt , auf welche Details hier nicht einiugehn ist.
Das Jahr 1844 lieferte das beste und zugleich das schlechteste,
was auf diesem Felde geschrieben ist. Th. Mommsen schilderte in
seiner vortrefflichen Schrift: die röm. Tribus^ s. oben S. 135, im
2. Capitel S. 59 — 119 die Servianisehe Verfassung, den Uebergang
zur Reform und die Reform selbst mit allen Nebenfragen, indem er die
leS Römische Alterthamer.
Theorie des Pantagathus zur Grundlage nahm und durch Inschriflen-
zeugnisse zu bekräftigen versuchte, welche Beweisführung ttbrigens
der am wenigsten gelungene Theii des Buchs ist. Hr. M. baut zu viel
auf die Inschriften der Basen , welche die trilms Sucusana iuniorum
dem Yespasian errichten Hess; diese rühren aus einer Zeit her, in
welcher die Tribus ihre alte Bedeutung ganz verloren hatten und keine
Centurien mehr enthielten , welche mit der Abstimmung in den Comi-
tien irgendwie zusammenhängen konnten. Abgesehn von diesem Be>
weis empfiehlt sich die Erklärung des Pantagathus in der von dem
Verf. modificierten Weise vor allen andern Versuchen. Für dieselbe
spricht auch Peter, desgleichen Haltaus Geschichte Roms im Zeit-
alter der punischen Kriege , Leipzig 1846 und zuletzt wurde sie ange-
nommen von Harquardt in Beckers Alterth. II, 3. S. 9 — ^37, ob-
wohl sich die gewichtige Stimme Huschkes (Rec. von Mommsen in
Richter und Schneider krit. Jahrb. für deutsche Rechtswiss. 1845
S. 603 ff.) dagegen erklärt hatte. In dieser Recension hatte Hnschke
seine alte Ansicht (Serv. TuUius S. 611 — 690) mit mehreren Verände-
rungen geistreich und scharfsinnig wie immer vertheidigt, dass nem-
lich die 35 Tribus oder 70 Centurien in 5 Classen getheilt gewesen
wären, in der Weise, dass die 1. Classe 20 Tribuscenturien oder
10 tribus , die 2. Classe 8 Centurien oder 4 Tribus u. s. f. enthalten
hätte. Mit dieser ganz willkürlichen Eintheiiung ist aber weder das
locale Princip der Tribuseintheilung, noch die demokratische Tendenz
der Reform zu vereinigen, ungerechnet andere Gegengründe, s. Zeit-
schrift für d. Alterthumswiss. 1839 Nr. 99. Gerlach histor. Studien IL
S. 226 — ^232. Marquardt in Beckers Alterth. II, 3. S. 21 ff.
Um aber zum Jahre 1844 zurückzukehren, so ist noch eines Pro-
gramms der Schule von Rössel (gedruckt in Königsberg) zu geden-
ken: Kraynicki: de pop, Rom, in tribus curitu et centurias divisi
Muffragiarum ferendorum ratione in comitiis. 8 S. 4, welches man für
das durch Versehn in die Druckerei gekommene Specimen eines Se-
cundaners oder Primaners halten könnte, so verkehrt und fehlerhaft
ist es gearbeitet. Von Niebuhrs Werken muss der Verf. keine Ah-
nung gehabt haben.
Eine kritische Uebersicht der verschiedenen Leistungen in Be-
ziehung auf die Verschmelzung der Centurien und Tribus gab K. W.
Nitzsch: über den neuesten Stand der Geschichte der röm. Repu-
blik in Schmidts Zeitschrift für Geschichtswiss. 1845 IV. S. 229 — 271.
Derselbe schliesst sich im allgemeinen Niebuhrs Meinung an und be-
kämpft die Erklärungen von Göttling, Peter, Rubino und Mommsen.
Im 2. Band der historischen Studien von F. D. Ger lach, Basel
1847, ist S. 203 — ^266 ein Aufsatz enthalten : die neuesten Untersu-
chungen über die Servian. Verfassung, Kritische Berichte über die
oben erwähnte Schrift von Haltaus (namentlich in Bezug auf dessen
Ansicht über die röm. Ritter), über Mommsens Tribus, über Husch-
kes Recension derselben, über Bachofens lex Voconia (wegen der
Servianischen Censussätze, welche nach Böckh, Peter, Mommsen, Mar-
Rein: de comitioruni Rom. iudiciis. 160
q«ardt, Hertz u. a. in späterer Zeit um das fünffache erhöht worden
sind, was Gerlach S. 234 ff. ganz iu Abrede stellt), über Ritters Ab-
handlung im Rhein. Museum gehn voraus , worauf Hr. 6. S. 240 ff. auf
die Art der Abstimmung abergeht (bei Gelegenheit der Urlichsschen
Abhandlung) und zuletzt seine eignen Ansichten über die Servian.
Verfassung und deren Reform vorträgt, S. 246 — 266. Es ist die in-
nere und äussere Entwicklung Roms und seiner Verfassung von der
ältesten Zeit bis zu der Periode, in welcher die Reform eintrat, durch
welche Darstellung Hr. G. seine schon früher aufgestellten Ansichten
befestigen wollte. Manches schöne und wahre ist darin enthalten,
doch kann man nicht in allen Punkten mit Hrn. G. übereinstimmen.
Schliesslich berichte ich noch kurz über eine Abhandlung Pe-
ters in d. Zeitschrift f.d. Alterthumswiss. 1846 Nr. 133, welche eine
gründliche Widerlegung der Niebuhrschen Theorie von 195 Centurien
enthält. Weniger einleuchtend ist seine Bekämpfung der Niebuhr-
schen und Göttlingschen Annahme von einer Abtheilung der 6. Classe,
genannt accensi veiaü^ mit einem Census von 12ö00 — '1500 Asses, s.
Paulys Realencycl. VI. S. 94 f.
In Beziehung auf die Befugnisse der Comitien nenne ich noch
zwei Gelegenheitsschriften von mir selbst aus dem Jahre 1841, zuerst
Quuest. Tüll, cum exeursu de comüiomm Rom. iudiciis 14 S. 4 und
bald darauf: Tfiro magnif, J. A, Nebio — gratulatur eXc, mit der
Ueberschrift : de iudiciis pop, Rom, pravocaüone non interposita ha-
bitis, 14 S. 4, recensiert von Peter in diesen Jahrb. XXXIII. S. 311 —
317. Die von mir gewonnenen Resultate scheinen ziemlich allgemeine
Anerkennung gefunden zu haben, zuletzt von Becker Alterth. II, 2.
S. 282 und in der Fortsetzung vonMarquardt II, 3. S. 148 — 157. Zu den-
selben Resultaten gelangte im Jahre 1842 auch G. G e i b in seiner treff-
lichen Schrift: Geschickte des rötn. Criminalprocesses, Leipzig, Weid-
mannsche B. S. 30 ff. und 1843 wenigstens in mehreren Punkten G. A.
A. G. Haeckermann: de legislatione decemvirali, Gryph. 146 S. 8
(hieher gehört Gap. 2 B. p. 26 — 58 über die röm. Comitialgerichte,
Cap. 3 A. über die Aufnahme der Patricier in die Tribus p. 79 — 83,
B. über die Tributcomitien als angebliche Nationalversammlung p.
83 — ^95, C. die Veränderungen der Curiatcomitien nach den XII Ta-
feln p. 96 — 123. Die Dissertation enthält manches gute und scharf-
sinnige, s. Zeitschrift für d. Alterthumsw. 1844 Nr. 77). Die Ergeb-
nisse der in den beiden genannten Programmen' enthaltenen Unter-
suchungen will ich nur noch mit einigen Worten zusammenfassen:
1) die com, curiata richteten von dem Ursprünge des röm. Staats an
bis auf Serv. Tullius nur in Provocationsfällen. War keine Provoca-
tion eingelegt , so übte der König ein unbeschränktes Richteramt. Aus-
geschlossen war die Provocation nur in Disciplinarsachen und bei
minder wichtigen Vergehn. Mit Servius Tullius erlosch dieses Recht
der Curiatcomitien und niemals haben sie ein sog. Peersgericht ge-
bildet, es gehören vielmehr alle Processe, welche nach Niebuhr, Gött-
ling, Walter, Peter von den Curien entschieden worden wären.^ theiU
iV. Jahrb. f. PMt. u. Paed Bd. LXV. Hfl. ^. Vi
170 Englische Litteralur.
vor die Centurien theiU vor die Tribus. 2) Die com. eetUuriata er-
hielten durch Serv. Tullius als einzige Nationalversammlung das Ober-
richteramt in allen Provocationsfällen. Gleichzeitig mit oder wenigstens
sogleich nach der Könige Vertreibung (durch lex Valeria) wurden
diese Comitien mit der Gerichtsbarkeit über alle Capitalverbrechen
überhaupt (auch ohne vorhergegangene Provocation) beauftragt, was
die XU Tafeln bestätigten und was bis auf die Errichtung der gwnes/tofies
perpetuae bestand. Später wurden sie nur selten berufen, um über
perdueUio zu richten. 3) Die com, trihuta erhielten durch das Fle-
biscit des L. Jun. Brutus und Sp. Iciiius 494 a. n. (ein nothwendiges
Supplement der lex sacrata) das Recht, diejenigen, welche die Yolks-
tribunen verletzen würden, vor ihr Forum za laden und sogar mit
einer Capitalstrafe zu belegen. Dieses Richteramt dehnten die Volks-
tribunen in weitem Umfang «us, aber eine Capitalstrafe konnte nur
in dem angegebenen Falle verhängt werden, es sei denn dass der
angeklagte sich freiwillig entfernt hatte , worauf dann die Tribus die
aptae et i^is interdicHo aussprachen. Gewöhnlich aber dictierten
die Tribns eine Geldstrafe , sowohl wenn eine Anklage direct an die
Tribus gerichtet worden war, als wenn jemand wegen einer Mult an
sie provocierte. Demnach hatten sich die Centuriat- und Tributco-
mitieu in die Criminaljurisdiction getheilt, beide richteten mit uud
ohne Provocation , je nach der Beschaffenheit de» Vergehens , der An-
klage und der zu verhängenden Strafe. Das nähere findet sich auch
in Paulys Realencycl. IV. S. 372 ff. VI. S. 156 ff.
Eisenach. W. Rein.
EngliseherJJederschaU ans englischen nnd amerikanischen Dichtern
vorzugsweise des XIX. Jahrhunderts. Mit Nachrichten über die
Verfasser. Herausgegeben von Karl Ehe. Dessau, Druck und
Verlag von Moritz Katz 1861. XIV n. 434 S. 8.
Der Verf. bemerkt in seinem kurzen Vorworte sehr richtig, dass
es znmal für einen unbekannten Schriftsteller ein gewagtes Unter-
nehmen sei, die Menge der bereits vorhandenen englischen Gedicht-
sammlungen und Blttmenlesen um eine neue zu vermehren. Dennoch
sind wir fest fiberzeugt, dass ein Werk wie das vorliegende sich
durch den grossen Haufen mit buntem Flitterstaat gezierter Mitbe-
werber bald Bahn brechen und unter den wenigen wirklich brauch-
baren Chrestomathien eine ehrenvolle Stelle einnehmen wird; denn
es leistet eben weit mehr als alle jene Sammler , welche aus der ge-
drängten Phalanx der englischen Dichter einige wenige auserkoren
und von diesen auserwählten {ihese chosen few) vielgerühmte Ge-
dichte, oft in der seltsamsten Zusammenstellung, abdrucken Hessen.
Elze: englischer Liederschatz. 171
Es m9ig zugegeben werden, dass dieses sehr äusserliche Princip der
Zusammenstellung den recht aufmerksamen und denkenden Leser be-
fähigen kann, sich von dem einen oder andern der besonders bevor-
zugten Dichter ein ungefähres Charakterbild zu entwerfen ; das Ganze
ist und bleibt aber doch ein bunt zusammengewürfeltes Allerlei. Wenn
dagegen alle Gedichte der Sammlung mit so tief poetischem Sinne,
wie ihn Ur. E. zeigt, zusammengeordnet, wenn sie so zusammenge-
wachsen sind wie die verschiedenen Blumen, welche die Hand des
sinnigen Gärtners auf einem grossen Beete vereinigt hat , dann macht
das Ganze in Wahrheit den Eindruck eines stofflich geordneten Ab-
risses der gegenwärtigen lyrischen Welt- und Lebensanschauung einer
grossen Nation. Wir zweifeln nicht, dass selbst die kurzen Mitthei-
lungen, welche wir über den Plan und die Theile dieses Werks ge-
ben wollen, das demselben bereits ertheilte Lob vollkommen recht-
fertigen werden. — Der Titel des Buchs selbst kann leicht irre
führen ; da er deutsch ist , so erwartet man fast eine Zusammenstel-
lung von Uebersetzungen englischer Gedichte nebst Nachrichten über
die Verfasser oder etwa eine Arbeit, wie sie F. J. Jacobsen in seinen
Briefen über die neusten englischen Dichter 1820 compilierte, Ur. E.
scheint diesen Titel so gewählt zu haben, weil er das Buch zunächst
für deutsche Leser bestimmte, aus welchem Gruude auch die wenigen
Anmerkungen deutsch geschrieben sind; es wäre wohl zweckmässiger
und dennoch nicht unbescheiden gewesen, wenn der Titel sogleich
auf das eigenthümliche Bestreben hingewiesen hätte, in dem Buche
sogleich ein Stück Geschichte der neusten lyrischen Poesie der Eng-
länder und Anglo-Amerikaner , wenn auch nicht in vollständiger Aus-
führung zu geben , so doch durch eine sehr planmässige Anordnung
des Stoffes vorzubereiten. — Sämtliche Gedichte sind in sechs
Hauptpartien zusammengestellt, welche überschrieben sind: ^Vater-
land und Heimat, Welt und Natur, das Leben, die Liebe, Episches,
Uebersetzungen.' Im siebenten Theile folgen dann die zwar sehr kur-
zen, aber doch manche schätzbare Notiz enthaltenden und, wie man
wohl bemerkt , aus einem viel reichern Material fleissig ausgezogenen
Nachrichten über die alphabetisch zusammengestellten Verfasser. Zu
jeder Abtheilung so wie zum Anfang und Schluss ist ein Motto sehr
sinnig gewählt; nur bei den Uebersetzungen fehlt dies; warum? —
weil die Uebersetzungen (nemlich einer Anzahl Gedichte von Goethe,
Schiller, Uhland, Rückert, Platen, Heine, Geibel u. a.) selbst nicht
recht in das ganze Werk hineinpassen und nur einen Anhang bilden.
Auch scheint es uns nicht billigenswerth, dass Uebersetzungen mit auf-
genommen sind, welche ungenau oder geradezu falsch sind. Man
vergleiche z. B. mit dem deutschen: The poet'^s life, From Rückert.
No Station in the u>orld Can tke poeCs envy raise: — The shepherd
mth his flock Has delight in summer-days u. s. w. Das aus den Ge-
dichten der Eliza Cook gewählte Motto zur ersten Abtheilung deutet
für den traurigen Fall einer Trennung vom nationalen Boden recht
sinnig jenen Zug der germanischen Völkerwanderung nach dem amifttv-
172 Engliohe Litteratur.
kanischen Westen an und motiviert so von vorn herein die AiifiiahnK!
der amerikanischen Dichter. Jede Abtheilung zerfötlt dann wieder
in kleinere Gruppen von Gedichten. So ist z. B. die Gedankenfolge
in der ersten: Verherlichung des Gesammtvatertandes im Rule Bri-
iannia^ der Monarchin im God säte the Queen; dann John Keats^ On
England mit einem Anflug von Spleen und einem verliebt sehnsüch-
tigen Blick nach den Alpen und der glühenden Schönheit Italiens ; dar-
auf TkeHomes of England von der Felicia Hemans, die in begeisterten,
ebenso sehr von edler Weiblichkeit wie von wahrer Poesie zeugenden
Worten die von den Sachsen ererbte Anhänglichkeit des Engländers
an die behagliche Heimat zu schildern weiss. Der englische Sonn-
tag, schon von der Hemans in einem Verse gepriesen, wird dann
noch tiefer aufgefasst in Arthur Cleveland Coxe^s Chimes of England^
einem christlichen Liede von der Glocke , welches zugleich in seinem
letzten Verse Amerika an England knüpft. CampbelPs Mariners of
England versetzen uns darauf aus dieser Stille und Traulichkeit des
heimischen Lebens hinaus auf die stürmische See und doch auch wie-
der hinein in die eigentliche Heimat der seebeherschenden Nation.
' Auf diese stürmische Fahrt und den glorreichen Seekampf folgt
Wordsworth^s still melancholischer Abend an der Themse, und des be-
redten Talfourd Gedicht auf die Themse führt uns hinauf bis zu den
bescheidenen Anfängen dieses merkwürdigen Flusses, und dann folgen
wir wieder dem entzückten Wordsworth auf die Westminsterbrücke
und sehn die Metropole an einem hellen , sonnigen Morgen in impo-
santer Ruhe vor uns liegen. Aus dieser Ruhe scheucht uns dann By-
ron^s verzweifelndes Adieu ^ adieu ^ my native skore^ in dem der
Schmerzensrnf der Trennung in seiner verschiedensten Entfaltung so
zart und tief ertönt, dass der achte Vers: For who toould trust the
seeming sighs Ofttife or paramour? um so schneidender verletzt. Die
Gefühle des aus der Heimat und von der Seite der Geliebten ver-
bannten singen darauf Cornwall und Hood und der Leser ist so ganz
losgetrennt von dem Boden Altenglands und wird nun zu Anfang der
zweiten , im Buche aber nur durch einen etwas verzierten Endstrich
abgegrenzten Gruppe — denn der Verf. ist sehr zurückhaltend mit
seinen Erleulerungen — durch Burns^ lebensfrische ungekünstelte
Verse mitten in die schottischen Hochgebirge versetzt. Es folgen die
Gedichte Caledonia^ Address to Edinburgh^ My hearfs in the High-
lands ^ Staffa von Sothey, Lachin y Gair (der nach der stark zu be-
zweifelnden Angabe eines Touristen der höchste Berg in Schottland
sein soll). Auch die schottischen Lieder schliessen mit Faretoeils und
Exiles' songs; dann folgen die irischen und amerikanischen mit Shan
Vau Vocht beginnend. Eine an sich selbst dichterische Idee be-
herscht consequent Jede einzelne ganze Gruppe und es gewährt einen
eigenthümlichen Genuss, die Auffassungen nahe verwandter Gegen-
stände , wie sie sich in den vorzüglichsten Dichtergeistern der Nation
gestalten , jedesmal nahe beisammen zu haben. Es wäre sehr wün-
schenswerth gewesen, dass der Hr. Verf., da er jedesfalls zu einem
Elze : englischer Liederschatz. 173
so kunstreichen Baa viel mehr Material gesammelt haben muss, als
er in dem massig starken Bande wirklich gibt, hier und da auf ein in
den Zusammenhang passendes Gedicht wenigstens kuri hingewiesen
hätte , wie er dies durch Citate deutscher Lieder auch einigemal thut.
Die Sammlung der amerikanischen Gedichte bietet sehr viel neues, in
Chrestomathien noch nirgends abgedrucktes. Ueberbaupt ist wohl
kaum der vierte Theil der in diesem Liederschatze gegebenen Ge-
dichte aus andern Sammlungen bekannt. ^ Das £xil und seine Poesie
kennen die Amerikaner nicht', sagt der Verf., indem er als Schluss-
stein des ersten Abschnittes Wilde^s tiefgefühltes Faretoell to America
einfügt. Man ersieht aus dieser einzigen Zeile, mit welcher Sorgfalt
er in allen einzelnen Theilen harmonische Gruppierung angestrebt hat.
Die erste Gruppe des zweiten ^Welt und Natur' überschriebenen TheiU
führt uns erst allgemeine Natureindrücke vor, dann folgen die Jahres-
zeiten und einzelnen Erscheinungen der Natur, als. Wind, Wasser,
Nacht, Morgen und Abend und als Abschluss jene idealisierte Natur,
welche verschiedene Dichter (Sands , Noble und vor allen Moore) der
fernen grünen Insel der Liebenden angezaubert haben, nach der sie
mit sehnsuchtsvollen Blicken ausschauen wie nach einer modernen
Atlantis. Eine Decade classischer Gedichte, welche das oceanische
Leben besingt"^), steht bedeutungsvoll am Ende des AbschnHts, zu
dem di« meisten Beiträge von amerikanischen Dichtern geliefert sind
und zwar zum Theil von sehr jungen und frühreifen, wie sie sich in
den letzten Jahrzehnten in Amerika häufiger vorgefunden haben- als
irgendwo. So schrieb z. B. W. CuUen Bryant seine Thanatopsis —
eins der schönsten Gedichte der ganzen Sammlung — im 18. Jahre.
Es würde uns zu weit führen auf die Einzelheiten der folgenden
Theile hier einzugehn; es geht besonders durch die Liebesgedichte
ein Zug von Melancholie, der allerdings diesem Theile der englischen
Lyrik eigenthümlich ist, den aber auch der Verf. mit besonderer Vor-
liebe aufgesucht zu haben scheint^'*'); es ist dies aber nicht jene
schwärmerische Wehmuth , in welche manches deutsche Gedicht zer-
fährt, sondern die Totalität, welche der deutschen Universalität ge-
genüber des Engländers Natur ist, zeigt sich auch in den meisten
dieser fast elegischen Lieder. Die unmittelbare Naturwahrheit erfreut
uns an diesen Herzensergüssen ebenso wie die Bemerkung , dass ihnen
so zu sagen praktische Ziele und Zwecke ganz fasslich und hand-
greiflich vorliegen und dass diese wieder in naheliegenden nationalen
Verhältnissen tief begründet sind.
♦) Wir hatten hier gern Th. Moore's herliches kleines Gedicht:
ji reflection at sea gefunden.
'*''*') Man vergl., uin nur eins anzuführen, jenes ernste, ergrei-
fende Memento, womit der Verf. sein Werk schliesst:
Barth walketh on the Barth , Glistering like goldy ' .
Barth goeih to the Barth Sooner than it wold.
Barth buildeth on the Barth Palaces and tower»^
Barth sayeth to the Barth AU «hall bc out%.
174 Griechische Aiterlhamskitnde.
Um schliesslich von der Keichhaltig^keit und Neuheit dieser jedem
Freunde der englischen Poesie gewis willkommenen Sammlung einen
Beleg zu liefern, führen wir nur noch an, dass gegendOO Gedichte von
mehr als 60 englischen und halb so viel amerikanischen Dichtern in
die Sammlung aufgenommen sind. Besonders stark sind vertreten:
Thomas Haynes Bayly, der beliebte Liederdichter, Mary Ann Browne,
William Cullen Bryant aus M assachnsets , Robert Burns, Byron, €al-
lanan , der träumerische Irländer ; der feine , geistreiche Campbell, der
vielleicht noch etwas mehr berücksichtigt werden konnte, Barry
Cornwall, Joseph Gostik, der nicht immer glückliche Uebersetzer
deutscher Gedichte, Felicia Hemans, von der Walter Scott sagte,
^sie habe zu viele Blüten im Verhältnis zu den Früchten'; Charles
Fenno Hoffman, der amerikanische Wald- und Prairiesanger , dessen
Lieder noch nicht einmal gesammelt sind; Thomas Hood, Mary Ho-
witt, Henry Wadsworlh Longfellow, vielleicht der tiefste
Kenner der europaischen Litteratnren in Amerika; James Montgomery,
Thomas Moore oder Anacreon Moore, wie ihn die Dichter nannten,
William Motherwell, der Sehotte, Percy Bysshe Shelley, Alfred Ten-
nyson und endlich der Dichter von Profession , William Wordsworth,
von dem Moore sagt, sein umfassender Geist reisse wie der norwe-
gische Meerstrudel nicht bloss die mächtigsten Massen , sondern auch
das kleinste Seekraut mit sich fort.
Die elegante äussere Ausstattung des interessanten Buches kommt
jener, mit welcher die bedeutendem englischen Buchhandlungen ihre
Werke zieren, ganz gleich. Druckfehler dürften schwerlich zu fin-
den siein.
Dess«u. C, Böftger,
Kürzere Anzeigen.
De Graecorum cUebuS feslis scripsit Dider. Jan. van Stegeren, litt,
huin. et iur. utr. doctor. Insunt Dipolia, Carnea, Apatiiria, Cro-
nia. Traiecti ad Khemim, apud Kemiiik et filium tvpographos
MDCCCXLIX. 36 S. ö.
In neuerer Zeit hat man «attsaiu erkannt , wie wichtig die Kennt-
nis der Feste und Festgebräuche der Alten zur Alterthuinskunde
überhaupt ist, und denselben die gebührende Aufmerksamkeit ge-
schenkt. Doch ist das ein schwieriges Studium : es stossen einem
da noch eine Menge dunkler Partien auf, deren Aufklärung keinen
geringen Fleiss und keinen gemeinen Scharfsinn erheischt. Hr. van
^tt^geren, von dem wir uns erinnern irgendwo gelesen zu haben, dass
van Steueren: de Graeoorum dichas festis. 175
er diesen Gegenstand in einer besondern ausführlichen Schrift be-
handeln wolle, gibt hier eine Probe seiner desfallsigen aherthumli*^
eben Stud'en. Ein Vorwort beiehrt uns nicht, warnm er gerade die
genannten Tier fixeste gewählt habe.
Was das erste derselben, die IMpolien, anbetrifft, so trennt er
sie zuTorderst Ton den Diasien, welche zu einer ganz Terschiedenen
Zeit und unter einem Terschiedenen Namen des Gottes dem Zeus ge-
feiert worden sind. Diese bezogen sich auf den Zeus Meilichios und^
waren ein Sühnfest. Von ihnen ausführlicher in handeln hat der
Verfasser sich für enthoben erachtet, weil K. Fr. Hermann im Phiio-
iogus Ton Schneidewin 1847 S. 1 ff. dieselben nach seiner umsichtigen
und gelehrten Weise einer genauen Besprechung gewürdigt hat. Die
Diipolien oder Dipolien haben nun ihren Namen daher, weil sie dem
Zeus Pollens gewidmet waren ; sie wurden am 14. des Monats Skiropho-
rion gefeiert und bezogen sich Tomemlich auf den Ackerbau. Ein
Theil des Festes hiess Bnpfaonia, weil an demselben Tage ein Stier
geopfert wurde. Der Ursprung des Festes gieng in die frühsten
Zeiten zurück, wo man das Leben und den Besitz eines Stieres noch
für so heilig erachtete, dass man glaubte den Zorn derjenigen Gotter,
welche dem Ackerbau und der Siierzucht Torstanden, auf sich zu lan-
den , wenn man einen derselben todtete. Man trug sich in spatem^
Zeiten mit einer Erzählung umhör — sie findet sich bei Porphyrius
— , nach welcher diese Buphonia ihren Ursprung einem besondern Fac-
tum Terdanken sollten. Wir haben uns gewundert, dass Hr. t. St.
dieselbe für historisch wahr halt; sicherlich ist sie eine mythische
Sage, eSen erdichtet um den Ursprung des Gebrauchs zu erklaren,
ein Cultusmythns, vrie wir deren so Tiele haben.
Der zweite Abschnitt Terbreitet sich über die Kameen, bekannt-
lich ein dorisches Fest, dessen Name bis dahin noch nicht genügend
hinsichtlich seiner Herkunft hat nachgewiesen werden können. Hr.
T. St. traut auch hier zu Tiel den alterthümiichen Sagen, die dassel-
be auf einen gewissen (natürlicher Weise erdichteten) Heros Kar-
neus zurückführen ; wenigstens führt er die Sagen an , ohne sie zu be-
seitigen. Oder er sucht den Ursprung falschlicher Weise im Oriente
(Tergl. S. 13 Note 1: cum hie euliut Thebit et PAoenteta, ut videbi-
musy ait oriundusy fruatra Chraeeam etymologiam quaeraa). Das Fest
ward gefeiert in Sparta in dem Monate, der Ton ' demselben den Na-
men trug, dem karneischen , etwa am 7. v. den flg. Tagen des August
nach unserer Jahreseintheilung. Es war dem ApoUo geheiligt und
Tornemlich ein militärisches Fest, Terbnnden mit musikalischen Wett-
kampfen. Sicherlich war es nicht fremden Ursprungs, sondern aus
dem kriegerischen Volksstamme der Dorier selbst benrorgegangen,
daher eben ein Kriegerfest. Es ist demnach nicht rathlich selbiges
Tom Auslande, Tom Oriente herzuleiten. Die Griechen sind ia Be-
zug auf ihre Culte, anfanglich wenigstens, nicht so receptiT gewesen.
Der dritte Abschnitt handelt Ton den Apaturien, einem ionischen
Feste. Hier weiss der Verf. p. 22 die falsche Sage, nach welcher
176 Griechisdie Aiterthumskaiide.
der Name von ditatfi herkäme, wohl zu beseitigen (guae tarnen fabu-
lacy ut multae aliae, potius ad voeahuU etymon explicandum ficia
egte videiur) und stimmt der Meinung anderer neuer Gelehrten bei,
die den Namen von cifia und nazijif oder nccTQu ableiten. Es war
ein Familien- und bürgerliches (öffentliches) Fest zugleich und galt
Tornemlich dem Zevg (pffCLTQioq und ward begangen in Athen im Mo-
nat Pyanepsion. jDie jungen Leute mannlichen und weiblichen Ge-
schlechts Ton 13 oder 14 Jahren und die jungen Frauen wurden dabei
solenn in ihre Phratrien als Mitglieder aufgenommen; nemlich haec
in pkratria» introductio , ut fere omnia , quae ad eimtatem pertine-
bant, cum re sacra artissime erat coniuncta: woraus die Religiosi-
tät der alten Griechen deutlich genug erhellt, da sie kein wichtiges
Ereignis im Familien- oder bürgerlichen Leben Torbeigehn Hessen,
ohne dasselbe durch eine religiöse Handlung zu heiligen und feierlich
zu machen. Die Einzelheiten bei dem Feste werden ausfuhrlich erörtert.
Es folgt die Abhandlung über die Kronien, ein Fest, das im ge-
wöhnlichen sehr wenig beachtet wird, weil es nur selten in den
Schriften der Alten erwähnt wird«> Mit Recht warnt der Verfasser
obendrein (p. 32 sq.): cavendum inde ab iniiio ne Satumalia Ro-
mana cum Cfraecorum Croniis eonfundamut; quare posteriorum, Ro-
manorum imprimiSf hac de re teatimonia eaute sunt adhibenda^ e, g.
Lueiani Satumalia et Cronosolon, in ^ibus quid ad Graecorum Cro-
nta, quid contra ad Romanorum Satumalia pertineat, düudicare
saepe est difficiüimum negotium. Im allgemeinen glaubt er über die
beiden einander so ähnlichen Feste so urtheilen zu müssen (p. 33):
et Cronia et Satumalia eandem originem (?) eandemque habuisse
naturam, licet Satumalia Romana maiore studio, maiore item reli-
gione et per plures dies quam Graecorum Cronia fuerint celebrata.
Wir stimmen diesem Urtheile bei , ausgenommen dass wir ihnen durch-
aus nicht gleichen Ursprung zuertheilen können, gleiche Veranlassung
— beide waren Erntefeste — wohl und gleiches Wesen, Was den
ersten Punkt anlangt, so hätten wir gewünscht, der Hr. Verf. wäre
vornemlich nach Hermanns Vorgange mehr auf das Datum des Fe-
stes in den verschiedenen Gegenden Griechenlands eingegangen und
hätte danach den Zweck des Festes näher erörtert. Es wäre auch wohl
die Frage zu berühren gewesen, ob nicht etwa die römischen Satur-
nalien für eine blosse Copie der griechischen Kronien zu halten seien.
Ja es ist sehr wahrscheinlich, dass um dieser Ursache willen der la-
tinische Saturn oder ursprüngliche Saatgott fälschlich für denselben
Gott gehalten worden ist wie der griechische Ernte- oder Reifegott
Kronos (von xpa^vo)). Die Gebräuche bei der römischen Festfeier sind
sicherlich den Hellenen entnommen , was bei der weiten Verbreitung
der Kronien (vergl. p. 35 sq.: licet et ex jiccii verbis: Maxima pars
Graium et ex Schal. Aristoph. Nub. 397: fffrt ds Kqovitx naga TOig
EXXi^aiv soQtij, kos dies festos late per Graecos fuisse diffusos satis
apparere videatur) um so eher geschehn konnte.
Die Behauptungen im Texte sind durchgängig in der Schrift in-
A. W. Zumpt: de C. T. Zumptii vita et studiis. 177
ten durch die nÖthigen Bewei«8tellen bekräftigt. Zuweilen hat auch
der Verf. nicht verfehlt, verdorbene Stellen zu verbessern, wie p* 9
(Porphyrius), p. 29 (Isaeus) ♦). H.
De Caroli Timothei Zumplä vita et sludiis narratio Augusti Wilh.
ZumptiL Accedunt Caroli Timothei orationes Latinae sex. Be-
rolini in libraria Dueinmleriana 1851. 197 S. 8.
Als der selige Carl Gottlob Zumpt um Ostern 1828 seine Vorle-
sungen an der Berliner Ui^iversität begann, bezog ich eben diese Uni-
versität , und da ich bereits überwiegende Neigung für die lateinische
Litteratur und Sprache gefasst hatte, schloss ich mich eng an ihn
an. Seine vielseitigen, gründlichen Kenntnisse, sein milder, freund-
licher Charakter fesselten mich; die Erinnerungen an Z. gehören zu
den schönsten meines Lebens. Es ist daher natürlich, dass die Er-
scheinung dieser Schrift mich mit ungemeiner Freude erfüllte, und
nicht minder erfreulich muss es sein, dass sie nach altphilologischer
Sitte in lateinischer Sprache abgefasst ist. Wie könnte das Leben
unseres Zumpt, der das tiefere Studium der lateinischen Sprache be-
gründete, der so ganz romisch gebildet war, wohl anders würdig dar-
gestellt werden, als eben lateinisch ? Wären die Zeiten nicht so böse,
so hätte Hr. A. W. Zumpt wahrlich nicht nöthig gehabt, sich des-
wegen noch in der Vorrede zu vertheidigen. Z. selbst, wie ich mich
noch lebhaft entsinne, nannte es in seinen Vorleiungen 'eine schone
Sitte \ dass die Holländer Ruhnken, Wyttenbach u. s. w. das Anden-
ken an ihre grossen Vorgänger verherlicht hatten. Das Andenken an
grosse Männer zu bewahren ist Pflicht , und die Lectore solcher Schrif-
ten interessant und lehrreich. Ja selbst, wenn auch unbedeutendere
Personen, die Erfahrungen gemacht haben, Skizzen ihres Lebens nie-
derschreiben und veröffentlichen wollten, es würden Jünglinge daraus
manche Lehre für ihr Leben ziehn können. — Hr. A. W, Z., der
Neffe und Schwiegersohn des seligen Z. und als Student auch sein
Schüler, gibt uns in vorliegender Schrift eine sehr ausführliche Bar-
stellung von Z.s Leben und Studien, von seiner praktischen Lehrer-
thätigkeit und seinem Charakter, so dass, wer ihn im Leben kannte,
hier ein mit Liebe entworfenes, im ganzen sehr treues Bild findet. Es
ist nicht meine Absicht, den grossen und zum Theil lehrreichen In-
halt dieser Schrift genauer zu referieren ; ich erlaube mir nur Ein-
zelnheiten hervorzuheben, die als unerhebliche Zusätze zu dieser
Schrift gelten mögen. Mit Recht rühmt Hr. Z.. seinen ardor studio-
rum ufid sagt wiederholt prorsus urgebat studio, und so wenig be-
♦) Bei Porphyrius de abstinentia II, 29 wird für aidXco ov fcec^at
vermuthet dXto^v fasö&ai; bei Isaeus de Philoct. hered. p. 136 die
Conjertur Valckenärs bei Luzac lectt. Att. p. 58 vervollständigt;
Xoa^tov inidorta (für ^7'^07'rrf). Die Itt'd,
178 Biographie.
schrankte er sich auf streng philologische Studien, dass er möglichst
alle Zweige des Wissens verfolgte, wie er denn auch öfter die Vor-
lesungen berühmter Männer, z. B. Hegels besuchte. Als Gymnasial-
lehrer leistete Z. ausserordentlich viel , und steht als solcher gewis
grösser da , denn als akademischer Lehrer. Der Ruf, den er am Wer-
derschen und Joachimsthalschen Gymnasium sich erworben hatte, führte
ihm beim Beginn seiner Vorlesungen , die er mit den Verrinen eröff-
nete, eine grosse Anzahl Zuhörer zu, etwa 150. Die Interpretation
lateinischer Classiker im philologischen Seminar leitete Z. meines
Wissens niemals; ich kann versichern, dass mehrere Studenten dies
von Herzen wünschten , denn Z. war auf diesem Felde Meister , und
gewis hätte er nicht gesagt, er habe keine Uebung im Lateinspre-
chen und wahrlich hätte er auch diese Uebung nicht gering geachtet.
Bei den Vorlesungen über lateinischen Stil (S. 95) wurden zur prak-
tischen Uebung meistens griechische Classiker vorgelegt, wenigstens
im Winter 1829—30 aber auch Stellen aus Schlegels dramatischer Poe-
sie der Griechen, und auch freie Aufsätze wurden geliefert. Zu den
Worten S. 97 : scholas vel semel vel numquam habuit Latine kann ich
bemerken , dass Z. allerdings im Sommer 1829 eine Öffentliche Vorle-
sung, wöchentlich einmal, in lateinischer Sprache hielt de historicis
Latinis. Es war offenbar, dass ihm dabei J. G. Vossius de historicis
Latinis zu Grunde lag. Er führte die Erzählung bis auf die Zeiten
des Augustus. Auf derselben S. 97 sagt Hr. Z., er habe den seligen
Z. nie lateinisch sprechen hören. Das will bei einem Zeiträume von
18 oder gar 20 Jahren, die er zum Theil in seinem Hanse verlebte,
sehr viel sagen ! Er hätte nur lateinisch anfangen sollen ; ich weiss
aus eigner Erfahrung, dass Z. dann wohl eine Stunde lang lateinisch
sprach. Hr. Zumpt würde gewis vielen einen Dienst erweisen,
wenn er die dvMota sammeln, ordnen und edieren wollte. Unter
andern würden besonders die Vorlesungen über die Geschichte der
Philologie (S. 96), die er kurz vor seinem Tode hielt, eine erfreuliche
Erscheinung sein ; der Stoff ist anziehend und würde andere anregen,
die begonnene Bahn zu verfolgen. Bei der Erwähnung der vielen
edierten und unedierten Schriften vermisse ich wenigstens ^ine la-
teinische Ode , die Z. im Jahre 1836 oder 1837 dichtete. S. 87 heisst
es dass Z. in seinen spätem Vorlesungen über die römischen Anti-
quitäten von seinem ersten Verfahren abgegangen sei und eine andere
Weise eingeschlagen habe : ea haee erat , ut finibus scholarum sua-
rum deseriptis auciorihusque reeensitis praemitteret quaedam, sednon
multa, de ingenio Romanorum , deinde omnem vitam populi Romani
per certas quasdam partes divideret et quid in quaque dicendum esset^
a primordiis usque ad extrema imperii tempora aequahili ae constanti
ratione persequens primum quid per omnem historiam idem, tum quid
quoque tempore mutaium esset , ostenderet — gewis die einzig rich-
tige Weise, wie Antiquitäten vorzutragen sind, erinnernd an Böckhs
Verfahren bei den griechischen Alterthümern. In den römischen
Antiquitäten verfuhr Niebuhr ebenso, wie ich aus einem von meinem
Fischer: Bellerophon. 179
Stndiengenossen Hrn. A. P. J. Philipps , denl ich aus der Ferne
freundlich grüsse , im Sommer 1827 nachgeschriebenen und von mir
spater abgeschriebenen Hefte ersehe. — Ueber Z.s Charakter finden
sich hie und da zerstreute Bemerkungen ; ausführlich handeln daTou
die letzten 10 Seiten; man weilt gern bei dem Bilde des edeln Man-
nes. Die Sprache des Hrn. Z. ist gut ; gleichwohl ist einzelnes unter-
gelaufen, das ich nicht billigen mochte, so die griechische Endung
Quintilianeus S. 105 und Taciteus S. 11 ; und methodus S. 9 zweimal
für docendi ratio et via; S. 91 vocahuli potcstas (obgleich es steht
Auct. ad Herenn. IVy 54) und voces S. 106 für vocabula oder verba
erinnern an das barbarische Notenlatein, in welchem diese Aasdrucke
fast stereotyp sind. Anderes übergehe ich. Auch in der Schreibart
erkennt man Z.s Schüler. Wenn man exolutus, exilium, extare, exe-
qui schreibt, mnsste man dann nicht auch schreiben expolio und eae-
pe8? Quintilian sagt, das s werde Ton Tielen geschrieben, obgleich
es nicht gehört werde. Respublica in 4in Wort geschrieben nimmt
sich fast wunderbar aus zwischen res privata, res bellica, res dome-
stica u. s. w. S. 55 itst vituperata est gewis ein Druckfehler für
vituperatüs est,
Neustettin. August Krause.
Bellerophon, Eine mythologische Abhandlung von Herrn. Alex. Fi-
scher. Leipzig, Weidmannsche Buchhandlung 1851. 100 S. 8.
Die Mythologie vom BelL^rophon ist sehr manigfaltig und dunkel;
wir greifen daher mit Interesse und Erwartung nach der genannten
Schrift, und nach sorgfaltiger Lesung luid Durchforschung derselben
ist dies unser Urtheil über selbige.
In der Einleitung gibt der Verf. folgende allgemeine Grundsätze
an als diejenigen, welche ihn bei der betreffenden Untersudiung ge-
leitet: in der Religion offenbare sich die erste Regung eines geisti-
gen Lebens bei einzelnen Menschen wie bei ganzen Volkern, weil sie,
die Religion, das tiefste und innerste im Menschen sei und den Zu-
sammenhang desselben mit einem Wesen höherer Art bilde. Es habe
aber im Leben der Volker eine Periode gegeben, wo der Geist auch
hier instinctmässig und unbewusst gewaltet, gewoben und gewirkt
habe durch Inspiration, weshalb man eigentlich jede Religion für
eine gottliche Offenbarung zu halten berechtigt sei; denn in jeder ein-
zelnen spiegle sich das ursprüngliche Bewusstsein des gottlichen wie-
der. Das gottliche aber sei Grund und Gegenstand der Religion oder
des religiösen Glaubens. Ganz natnrgemass pflegten die Völker auf
der frühsten Stufe der Cultur einen grossen Geist in der Welt zu
verehren, so wie sie in sich einen Geist, unterschieden vom Korper,
vermiithetcn. Eine tiefere Betrachtung Hesse sie jedoch fragen, wie
dieser grosse Geist wirke, lebe und schaffe, und so entstünden die
Naturreligionen, indem man eben aus der BetrachUvft^ 4« ^^^-t ^xs«.
180 Mythologie.
Antwort auf diese Frage suchte. Durfte man solche Ton allen Re-
ligionen der Naturrölker behaupten und annehmen, so konnte und
müsste dies auch der Fall sein bei der Religion der alten Griechen,
und die grossten Forscher auf diesem Gebiete stimmten auch darin
überein, dass der ältesten griechischen Mythologie Betrachtungen und
Anschauungen der Natur zu Grunde lägen, so dass jeder einzelne My<
thus ein bestimmtes Naturereignis darstelle (Schwenck, Weicker).
In diesen Principien y ermissen wir fürs erste sofort eine richtige
Scheidung zwischen Religion und Mythos, und wir können nur wie-
derholen, was wir schon anderwärts zu wiederholten Malen und nicht,
ohne Beistimmung der Männer yom Fache geäussert haben, es wird
nie in die beiden allerdings unter sich Terwandten aber dennoch ver-
schiedenen Wissenschaften, die Religionswissenschaft und die Mytho-
logie, helles Licht kommen, wofern man nicht beide trennt. Im vor-
liegenden Falle , über Bellerophon, liegt uns eine ziemliche Anzahl von
Mythen vor oder Erzählungen, die als solche von der Mythologie be-
trachtet und erwogen werden. Sind es nun religiöse, Cultusgegen-
stände, die aus solchen Forschungen hervorgehn und ermittelt wer-
den, so nimmt erst die Religionslehre solche auf und betrachtet sie
als ihr Eigenthum. Bie Ergebnisse des mythologischen Forschens sind
aber nicht immer Gegenstände des Cultns , der Religion.
Sodann mochten wir mit dem Verf. die Religion oder den religiö-
sen Glauben nicht unbedingt die erste Regung des geistigen Lebens
der Menschen und Volker nennen. Eben weil sie höchste und in-
nerste, weil Gott der höchste Gedanke ist, müssen sie doch beide
nicht die ersten sein.
Drittens ist es nicht ganz richtig, wenn Hr. Fischer sagt, dass
der ältesten griechischen Religion oder, wie er sagt, der Mythologie
bloss (objective) Betrachtungen und Anschauungen der (äussern) Na-
tur zu Grunde liegen; der subjectiven Beobachtungen, Erfahrungen
an dem Menschen selbst, seiner körperlichen und geistigen Anlagen,
Kräfte, Geschicklichkeiten, Triebe, Affecte sind vielleicht nicht we*
niger an Zahl.' Man nehme nur den Eros : er gehörte sicherlich zu den
ältesten Gottheiten der Griechen; aber nicht der äussern Natur, son-
dern dem Menschenleben ist er entnommen.
Viertens ist es auch unklar gesagt, wenn S. 2 behauptet wird,
der einzelne Mythus stelle ein bestimmtes Naturereignis dar. Was
soll man sich hier unter Mythus denken? Derselbe ist doch im ge-
wohnlichen Sinne eine erdichtete Erzählung von einem historisch sein
sollenden speciellen Factum. Wie viele gibt es derselben, denen kei n
bestimmtes Naturereignis zu Grunde liegt!
'Um die Naturreligionen zu verstehn und den erfinderischen Geist
in ihren Formen zu begreifen und zu würdigen' fährt dann der Verf.
fort 'müssen wir unsern Mangel an Gefühl für die lebendige Natur
[und, fugen wir hinzu, für das affectvoUe, kräftige, frische, leicht
erregbare Naturleben der Menschen in frühster Zeit] durch histori-
sche Phantasie zu ersetzen suchen ; die Naturvölker [auch das ist ein
Fischer: Bellerophon. 181
schwankender Begriff wie der der Naturreligion] jedoch Terstehn sich
mit der Natur, denken sie als geistig, als Affecten und Leidenschaften
unterworfen [als menschlich handelnd], verehren sie als eine gott-
liche [nach menschlicher Weise] lehende Welt.'
Man wird auch aus diesen mit unsern nothwendigen Ergänzungen
versehenen Sätzen erkennen, dass der Verf. nicht immer scharf genug
den Begriff erfasst und vollständig genügend darstellt. Denselben
Mangel erkennen wir auch mehrfach in dem nun folgenden, wiewohl
Hr. F. da manche gute Bemerkungen beibringt über das Entstebn der
polytheistischen Religionen , über den Trieb einfacher Naturmenschen
zu Personificationen und Theoficationen , über die Schwierigkeiten bei
Erforschung der Religionen der Alten, und sich sehr gut den Weg
anbahnt zu der beabsichtigten Untersuchung, dadurch dass er S. 3 f.«
schreibt: ^Götter, deren Oultus schwand, die also nicht mehr ange-
betet und geglaubt wurden, geriethen entweder ganz in Vergessen-
heit oder sanken von ihrer Hohe und verwandelten sich in Halbgötter,
Heroen, Konige. Ein anderer Grund, weshalb Gotter ihrer Gottheit
beraubt und nachher für Heroen gehalten wurden, ist folgender: in
den epischen Gedichten sehen wir die Gotter in menschlicher Gestalt
nach Menschenweise handeln , sie sind vollkommen anthropomorphisch ;
sobald aber die Gotter in dieser rein menschlichen Form auftraten,
lag es nicht mehr fern, dass sie ihre Gottheit einbüssten und zu Halb-
gottern oder, was meistentheils zu geschehn pflegte, zu Heroen wur-
den.' Hier hätte nur Hr. F. noch hinzufugen sollen nach Anleitung
Otfr. Miillers in den Prolegomenen (S. 73 ff.) , was auf den vorlie-
genden Fall mehr als alles übrige passt, nemlich dass oft Beiworter
von Gottheiten, wenn sie zu selbständigen Namen sich losgetrennt
von der eigentlichen Gottheit, der sie angehört, zu Namen von He-
roen und Heroinen, die betreffenden Culte zu besonderen Culten sich
abgezweigt haben. Warum? Das ursprüngliche Epitheton enthielt nur
einen Neben-, einem der Hanptbegriffe der Gottheit untergeord-
neten Begriff. So ward denn in der Vorstellung auch der neu«
Gott einer untergeordneten Ranges, ein Heros oder eine Heroine,
und es folgt daraus für den Mythologen die Vorschrift (vergl. Müller
a. a. O.): *er entdeckt bei tieferm Eindringen, dass die Götter sehr
oft unter Namen vorkommen , die sie gewohnlich nicht führen , aber
die aus alten Beinamen derselben gebildet sind, und dass
der Mythus, wie er uns überliefert ist, ohne es sich deutlich merken
zu lassen , dass er von einem Gotte rede , doch oft noch Spuren ent-
hält , die den nachsinnenden darauf fuhren müssen.' Sehr passend ist
hiezu jetzt erst die Bemerkung des Hrn. F. S. 4: *wenn demnach der
Mythus irgend eines Heros uns vorliegt, so haben wir uns wohl zu
hüten, den Heros ohne weiteres für einen wirklichen Heros zuhalten,
bestochen vielleicht durch die jetzige Form des Mythus. Denn ISsst
sich auch im allgemeinen nicht behaupten, dass alle Heroen einst
Gotter gewesen seien, so ist doch sorgfältig darauf zu achten, ob
nicht Spuren vorhanden sind, welche in dem jetzigen Hero« eu!ie.\SL
182 Mythologie.
einst Terehrten Gott erkennen lassen/ Demnach hat denn auch unser
Verf., indem er sich den Mythus des Bellerophon zum Gegenstande
der Untersuchung gewählt hat, darauf sein Augenmerk gerichtet ge-
habt, *ob Bellerophon ein wirklicher Heros gewesen sei oder nicht.*
Zu dem Ende hat er zunächst, um sich den Grund und Boden zu
sichern, auf welchen die Erklärung allein sich stützen kann, eine Ge-
schichte des Mythus [deutlicher und klarer gesagt: eine Aufzählung
der verschiedenen Mythen von Bellerophon in chronologischer Reihen-
folge nach den Schriftstellern, welche davon berichten, und die Ver-
einigung der einzelnen Angaben, wie sie zueinander ihrem Inhalte gemäss
passen] gegeben, daran die Betrachtung der Kunstdenkmäler gereiht,
welche, noch vorhanden, sich auf Bellerophon beziehn, endlich eine
Erklärung des Mythus selbst [soll heissen des Cultus und der be-
treffenden Mythen] versucht. Die ganze Abhandlung zerfallt demnach
in drei Abschnitte.
Im ersten dieser Abschnitte sind die einzelnen noch stückweise
vorhandenen Berichte über Bellerophon und seine vermeintlichen Le-
bensschicksale und Thaten vollständig zusammengestellt, auch mit Er-
örterungen versehn. Bei den letztern ist uns aufgefallen, dass der
Verf. immer die erdichteten Sagen und Sachen so hinstellt , wie wenn
sie in der That so geschehn wären, z. B. S. 23: 'Bellerophon bestieg
den Pegasus, erhob sich auf ihm in die Luft und griff so die Chi-
maera, über ihr schwebend, an' u. s. w. 'Nachdem Bellerophon die-
sen Kampf bestanden, schickte ihn lobatos gegen die Solymer, die
er ebenfalls in hartnäckiger Schlacht überwand' u. dergl. m. Sonst
kann man wohl mit den Erklärungen zufrieden sein. Nur der Untersu-
chung über die Solymer, über Hierosolyma u. s. w. hätten wir ent-
rathen können: sie ist unfruchtbar, hat uns nicht überzeugt und hat
für die Erleuterung des betreffenden Mythus keinen gehörigen Erfolg.
Auch über die Amazonen hatte sich der Verf. kürzer fassen können ;
doch ist, was er über dieselben sagt, wohl der Beherzigung werth.
Bekanntlich sind die Meinungen der Gelehrten über diesen Gegenstand
getheitt: einige halten das Ganze für phantastische Fiction, andere
nehmen ein historisches Fundament an. Hr. F. schliesst sich den
letztern an; denn es 'wäre doch merkwürdig, wenn ein Mythus, der
so weit verbreitet war und eine solche Bedeutung im Alterthum hatte,
nicht auf etwas factisches sich beziehn sollte' (S. 32). Mit grosser
AuiS(führlichkeit und Genauigkeit werden die (verloren gegangenen)
Tragoedien besprochen, in denen Bellerophon die Hauptrolle spielt.
Das Ergebnis der Untersuchung den ganzen Abschnitt hindurch ist:
'dafls beim Homer sich die älteste Form des Mythus findet, dass spä-
tere manches hinzugesetzt haben, wovon Homer nichts weiss. Wir
sind durch Vermuthnng dahin gekommen, dass der Pegasus in Korint h
dem Bellerophon beigegeben wurde; von wo aber das übrige, beson-
ders der Sturz und das darauf bezügliche ausgegangen sei, können
wir nicht bestimmen. Beim Homer haben wir auch die einfachste Ge-
Fischer: Belierophon. 183
stalt des Mythus; die Tragiker haben ihn künstlicher behandelt und
ihm besonders einen mehr ethischen Charakter gegeben' (S. 54).
In Yolistandiger, sehr belehrender Ausführlichkeit werden im zwei-
ten Abschnitte Mie Kunstwerke' besprochen , die, noch Torhanden,
sich auf die Mythologie des Bellerophon beziehn (S. 56 — 84) , und
machen wir die Kunstmythologen namentlich auf dieses Capitel auf-
merksam.
Der dritte Abschnitt soll uns nun die 'Erklärung desMy-
thus' oder yielmehr die des ganzen Mythenkreises geben;
denn das Ganze besteht ja nicht aus Einern Mythus, sondern aus
mehreren Mythen und mythischen Erdichtungen, aus einem toII-
ständigen Kreise mythischer Dichtungen. Mit Recht fängt der Verf.
beim Namen Bellerophon an. Indem er bemerkt ^ dass die Fabel Tom
Morde des Belleros eine späte und willkürliche — er hätte hinzufugen
sollen : eine schlechte etymologische — Erdichtung sei (um den Namen
nach seiner Herkunft und Entstehung abzuleiten), beseitigt er von
vom herein diese etymologische Farce. Dagegen geräth er sofort auf
einen Irweg, indem er den Beinamen des Hermes 'Agysttpoptriq hier
herbeizieht und sich bei der Deutung desselben an Schwenck an-
schliesst, dessen Etymologien überhaupt mit grosser Vorsicht aufzu-
nehmen sind und dessen etymologische Erklärung in dem Torliegenden
Falle wenn nicht ganz zu beseitigen , doch wenigstens erst noch besser
zu begründen oder zu unterstützen war. Hr. F. sagt bloss (S. 86) : 'die
richtige (?) Erklärung dieses Namens ^^Agysifpovri^q'] hat Schwenck gege-
ben, welcher den Namen Ton aqyf^^ = Zfvxd?, schimmernd, hell, und
tpowiig als aeolische Form für tpdvti^g von tpctivm herleitet, so dass
Hermes der Gott ist, welcher die Helle bringt, den Tag heraufführt
(vergl. Welcker Aeschyl. Trilogie S. 131). Als bei Hermes diese ur-
sprüngliche (?) Eigenschaft in den Hintergrund getreten war, wurde
auch der Name durch eine leichte Veränderung misdeutet; ebenso (?)
Terhält es sich mit IIsQffBfpovrjy FoQywpovri u. dergl.' Hier werden
die verschiedenartigsten Dinge miteinander in Verbindung gebracht
und mit dem Lichte und Lichtgöttern Ton neuem das Spiel getrieben,
wie wir es schon so oft gesebn, aus dem aber für die Mythologie
und Religionswissenschaft sicherlich nichts erspriessliches herauskommt.
Eine ähnliche Ableitung macht nun Hr. F. auch für den Namen BbI-
Xs(fO(p6vT7js geltend. Er meint: 'dass die zweite Hälfte desselben
q>6vtri9 = <pävTi^g yon q>cc£vto nach Analogie der eben erwähnten Na-
men abzuleiten ist, leuchtet wohl ohne Widerspruch ein.' Ref. muss
Widerspruch einlegen und leitet diese zweite Hälfte des Namens sprach-
gemässer von q>iv(o ab, und es wird sich weiter unten das schickli-
che und natürliche dieser Ableitung noch mehr zeigen. Es bleibt
nun noch die erste Hälfte BsXXsqo übrig zu erklären. Hören wir dar-
über den Hrn. Verf. (S. 86) : * in dem Worte ijliog (ijiXiog) ist der
Stamm cXy woTonlXij, das Licht, Ton welchem auch a-sliivTj and yiele
andere Worter herzuleiten sind (Tergl. Schwenck und Welcker). Der
Spiritus asper verhärtet sich zu ß, sogar in 9r, daher ßsX und nsl (nsl-
184 Mythologie.
log [noXiog], IHlorlf, WXoiayoi) ; au0 ßel aber entsteht ß^lXs^og ähnlich
wie von vco—vSaQfjg, at&m-^ccC^fUQog, Es Hegt also dem BsXXsqo ebenfalls
der Stamm sX Licht, Sonne {ciXotg, sol) zu Grunde und BsXX6Qoq>6ptrjg
ist der Lichtbringer , Sonnengott (vergl. Uschold Vorhalle I. S. 466)/
Niebuhr sagt in seinen Vorträgen über alte Länder- und Völkerkunde
S. 307: 'ich habe oft gewünscht, dass das Etymologisieren abgeschafft
werden konnte; denn auf ^ine gute Folgerung kommen hundert un-
sinnige ; man begnügt sich zu leicht damit , statt sich in gesunde tiefe
Forschung einzulassen/ Sehe Hr. F. zu, ob nicht die obigen auch
dahin gehören. Wir setzen dem folgendes gegenüber: B ist digam-
matischer Anlaut; fXXsQog ward mundartlich gesagt statt xaxog, vergl.
Eustath. zu Hom. II. vol. L p. 99, 41 f. der Leipz. Ausg.: ^XeQ«
yoQ fpoLGi %axu SiaXsHTOv tu xaxa, und wir haben keinen Grund an
dieser bestimmten Angabe zu zweifeln; und ipovzrig kommt her von
tpivfo, ist verwandt mit fpövog. BsXXsQotpovrrig ist also <og a» tig ifftl^
'EXlBQOtpovTrjg i^xoi tpovfvg yianiag. So Eustathius a. a. O. nach dem
Vorgange früherer Erklärer (xorl (liptvi^vTai xivBg xal rov rigmog ovxto
%vQi(ovvfiov(iivav xar' ^Ufi^tv) ; und im weitern wird sich bei der Er-
klärung des Mythus von Belleropbon und der Chimaera diese Deutung
als völlig richtig bewähren. Damit soll nicht geleugnet sein, dass
BtXXsQOqxSvTTjg ein Beiname des Sonnengottes gewesen sei; aber wir
kommen auf einem andern Wege zu diesem Resultate, den Hr. F.
übergangen hat. Es wird bestimmt versichert, dass Bellerophontes
anfangs den Namen Hipponoos geführt habe. Was bedeutet derselbe
anders als den rossekundigen, d. h. den kundigen Lenker der Rosse,
der sich auf die Rosse und die Leitung derselben versteht (voft)^
Und auf wen konnte dies Beiwort besser passen als auf den Sonnen-
gott? In Korinth war aber der Cultus des Helios zu Hause: die be-
weisendste Stelle ist Pausan. II, 4, 7; aber auch der Mythus vom
Streite des Poseidon mit dem Helios um das Land fahrt darauf, wie
Hr. F. S. 86 ganz richtig bemerkt ; denn eben darum konnte man die-
sen Streit erdichten, weil beide Gottheiten dort vomemlich verehrt
wurden, Poseidon aber doch noch mehr als Helios, weshalb der My-
thus jenen den Sieger werden lässt. Endlich wird Bellerophon, wie
Hr. F. sehr treffend bemerkt, Sohn des (Poseidon-)Glaukos geheis-
sen, 'd. h. die Sonne wird aus dem Meere geboren, nach der sehr
gewohnlichen Anschauung der Alten , dass die Sonne , wie sie aus dem
Meere hervorgehe , so aus demselben geboren sei. Bellerophon
als korinthischer Heros und Sonnengott war um so eher ans dem
Meere geboren , da man in dem am Meere gelegenen Korinth täglich
diese Erscheinung vor Augen hatte.' Dass sich auch die Namen der
vermeintlichen Mütter des Bellerophon aufs Meer beziehen, Eurymeda
oder Eurynome — sie personificieren die breite Fläche, den See —
hat unser Verf. mit vollem Rechte vermuthet (S. 8). Schliesslich sei
noch bemerkt, dass selbst der Name *IoßccT7^g (der mit Pfeilen ein-
herwandelnde) auf Sonnendienst hinweist. Man denke nur an Apollo.
Mit weiser Vorsicht fügt Hr. F. der obigen Annahme hinzu (S. 87):
Ficher: BeUerophon. 185
'indessen bin ich nicht der Ansicht, dass Beilerophon so im allgemei-
nen für den Sonnengott zu halten sei, sondern nach seinen Thaten zu
urtheilen, für die Sonne in einer bestimmten Eigenschaft.* Und das
wird sich allerdings in der weitern Untersuchung al» unzweifelhaft
herausstellen.
Auf falsche Fährte gerath der Verf. S. 87 ff., wo er durch zu
grosse combinatorische Künsteleien zu dem Resultate gelangt, dass Pe-
gasus gleichsam eine aus den Wolken sprudelnde Quelle, der ans der
Gewitterwolke niederströmende Regen, XQvadonQ der Blitz, FrjQVOVfis
(yri^vca^ der Donner, folglich Bellerophon in Verbindung mit dem Pe-
gasus der Sonnengott sei, welcher die Gewitter zusammenziehe und
im Gewitter wirke ! ! (S. 89). Er fugt dem noch die falsche Bemer»
kung bei i^so hat Bellerophon eine ähnliche Veränderung in seiner
Grundbedeutung erlitten wie Zeus, welcher im Homer als Herr des
Olympos, König der Götter und Menschen, Gebieter des Donners
und Blitzes erscheint und auch (?) ursprünglich Sonnengott war
(Schwenck Etymol. S. 38).* Zeus ist nie Sonnengott gewesen, er
war der Gott des Aethers. Unrichtig ist hiemach auch die hieran
geknüpfte Folgerung: <wir sehn also (?) in Bellerophon die Vereini-
gung der Sonne und des Wassers [das ist aber ausserdem wieder
eine erschlichene Subsumption!] dargestellt, welche auch in der Sage
von dem Streite des Helios und Poseidon ausgedruckt ist [mit nichten !
dieser Mythus ist ganz anders zu fassen].' Der Verf. häuft noch
mehr seiner falschen Consequenzen , wenn er S. 90 endlich sagt : 'jetzt
werden wir auch eine passende Erklärung dafür finden, dass Beilero-
phon Sohn des Glaukos genannt, und warum der Vater des Bellero-
phon gerade als Glaukos Poseidon aufgefasst wird. Dass Glaukos eine
Personification einer Eigenschaft des Meeres ist, steht fest; doch —
— bin ich überzeugt, dass damit das vom Gewittersturm aufgewühlte
Meer, in dem sich gleichsam (?) der Gewitterhimmel abspiegelt, ge-
meint sei.' Hier eine Uebertreibung nach der andern. Der MyUiolog
soll und muss sich vor nichts mehr hüten als vor phantastischer Con^
sequenzmacherei.
Hr. F. geht hierauf (S. 90 ff.) auf die yermeiatlichen Thaten des
Bellerophon über, zuerst auf die Tödtung der Chimaera^ welche 'ja
auch fast ausschliesslich auf Kunstwerken dargestellt ist.' Um den
Kampf richtig aufzufassen, betrachtet er zuTÖrderst die Abstammung
der Chimaera, leider gerath er aber gleich yon Torn herein auf Ir-
wege. Er sagt nemlich: 'die Cliimaera ist nach der Angabe Hesiods
Tom Typhon und der Echidna erzeugt; Ti>q)£v aber ist der feuer-
speiende Berg (?), ein Sohn der Gaea, der Erde.' Dieser durch nichts
bewiesenen Behauptung stellen wir die neuste Erklärung des Unge-
heuers durch Schümann entgegen, der — ein Torsichtiger Forscher!
— • in seiner dissert. de Typhoeo Hesiodeo p. 21 sich also Yemehmen
lässt: nomen Typhoei rede cum Hermanno Vaporinum interpre-
tahimurj utpote ducium a verbo tv9<d, quod de iia maonme vaporibu»
dieitury qui ctUore exeitantur. Vaporum autem vim ingentem in ter^
Ai Jakrb, f, PhU, u. Paed. Bd. LXV. Hft. 2. VS
186 Mylholo^e.
rat viscerihus gigni muHorumque et magnorum malorum eausam
€t»€y veteret statuebanU Tjphon oder Typhoea» — dass beide For-
men uri^prunglich gleich sind und gleiches bedeuten, ist jetzt allge-
mein anerkannt, obwohl solches noch Creuzer im Hersfelder Pro-
gramm vom Jahre 1848 geleugnet hat — ist demnach nicht der feuer-
speiende Berg selbst, sondern der Dampf, der bei grosser Sonnen-
glut , bei Erdbeben u. dergl. entsteht und entweder als Sturm braust,
tobt und yerwnstet oder als yerpestete Sumpfluft wüthende Krank-
heiten erzeugt, ans der Erde aufsteigend. Echidna als Schlange
weist allerdings auch auf die Erde hin, aber zugleich auf das Ver-
derben drohende und bringende einer dunstigen Atmosphaere für Men-
schen, Thiere, Pflanzen, und eine solche mit Dunst und Regen
geschwängerte und von Stürmen, Blitzen, Donnerschlagen, Regen-
güssen und Erderschntterungen bereitete Atmosphaere ist in der Chi-
maera repraesentiert und personificiert. Es ist dah^ eine unrichtige
AJMMhme, wenn Hr. F. S. 90 f^ den Satz aufstellt: ^wenn nun alle
Zeugnisse bei sonstiger Abweichung darin übereinstimmen, dass die
Chimaera Feuer ausspeit , so dürfen wir sie gewis (?) für einen feuer-
speienden Berg halten.* Das reicht nicht aus zur Erklärung der Chi-
maera, und nicht Korper sondern Kräfte sind zu Gegenständen der
griechischen Religion und Mythologie gewählt worden. Verderbliche
Kräfte und Wirkungen der Atmosphaere in ihrer Gesammtheit werden
in der symbolischen zusammengesetzten Thiergestalt der Chimaera dar-
gestellt , und hierzu passen allerdings die Eigenschaften oder einzelnen
Theile, welche ihr beigelegt werden, vortrefflich, aber auch nur erst
so. VergU übrigens Schwencks Mythologie der Griechen S. 471 , wo
»ancheas treffliche zur Aufliellung dieser Sache beigebracht ist.
Bei der S. 91 Tersnchten Erklärung der einzelnen Theile des Un-
geheuers ist manches auch nicht so gehalten, dass man es billigen
konnte, ein Lächeln aber dürfte mit Recht gar manchem die Tersuchte
NachweisuBg des Grundes abnothigen, warum Hephaestos als lahm
gedacht und dargestellt worden sei. Hr. F. sagt S. 91 : Mer Schlan-
genkopf der Chimaera oder im verstärkten Ausdruck die hundert
SchUngenkopfe des Typhon bezeichnen offenbar (?) das züngelnde,
auflodernde Fener, welches ^mb dem Gipfel des feuerspeienden Ber-
ges hervorbricht [nicht viehliAhr das vergiftende, verderbliche eines
verpesteten, aufgeregten Dunstkreises?] -* — Ans demselben (?)
Grunde hat auch Hephaestos, das Fener [vielmehr ursprünglich der
Gott der Kunst in Erz «i arbeiten], den Beinamen KvXl^nodimv : [man
höre!] weil das Feuer flackert, nie ruhig steht, wurde er daher lahm
genannt.'
Nach langem und doch unfruchtbaren Hin> und Henreden über die
Herkunft des Namens Xi^aiqa kommt der Verf. zu der Annahme einer
Abkunft des Wortes aus dem Semitischen, einer Versuchsweise, 'der
wir nach so vielen früherttn vergebliehen, auch abgeschmackten Ver-
suchen doch endlich in jetziger Zeit glaubten überhoben zu sein.
Zu dem Zwecke bemüht er sich, die Solymer schlechterdings zu Se-
Fischer : Bellerophon. 187
miten zu machen und bringt den Namen derselben mit* IsffoaoXvfia zusam-
men, was doch nur eine Verunstaltung des semitischen Jeruschalaim ist.
Treffend wird im ganzen, auch in Bezug auf unsere Ansicht,
S. 94 darauf hingewiesen, dass nach Fellows Zeugnis in Lycien an
mehrfachen Stellen Tulcanischer Boden sei und das Land öfters den
Schrecknissen und Verheerungen von Erderschntterungen ausgesetzt ist.
Aber ein besonderer feuerspeiender Berg wird drum nicht erwähnt !
Auf welche Weise deutet nun im allgemeinen und kürzlich Hr. F.
den Mythus vom Kampfe des Bellerophon mit der Chimaera? S. 96
heisst es: 'durch den Kampf des Bellerophon mit der Chimaera
ist das Gewitter dargestellt, welches sich um einen Vulcan zusammen-
zieht und auf ihm entladet.' Er fögt hinzu: 'wie dadurch, dass
Zeus die Giganten und den Typhon niederblitzt.* Als ob dieser letz-
tere Mythus nicht ganz anders aufgefasst werden musste! Hr. F.
nennt diese Deutung mit Recht eine rein physische; doch wenn er
hinzufügt, es liege auch eine andere mehr ethisch-physische, wenn er
so sagen dürfe, nahe: die Sonne und die Lichtgötter überhaupt stellten,
da sie die Zeit regelten, selbst gewissermassen die Ordnung dar, und
Zeus als die Ordnung der Natur erscheine, wenn er die Giganten als
wilde Storer der Naturgesetze todte, als Erhalter und Wiederher-
steller der Weltordnung, so hat er in Bezug auf den Mythus Tom
Kampfe des Zeus mit den Titanen oder Giganten und mit Typhoeus
wohl Recht, trägt aber dann wieder etwas fremdartiges auf jenen
Mythus Tom Kampfe des Bellerophon mit der Chimaera über.
Nicht minder Terfehlt ist die Erklärung des Umherirrens des Bel-
lerophon auf dem aleischen Felde (dem Irfelde) und seines desfall-
sigen Endes, S. 99.
So dürfte denn die Schrift nur tbeilweise dem Kenner genügen
und den Forschern der Mythologie zu empfehlen sein. Aber das
Verdienst hat sie doch, den interessanten Gregenstand yon neuem zur
Sprache gebracht, manches gute zur Erklärung hergestellt zu haben
und zum weitern Forschen anzuregen.
Schliesslich glaubt der Ref. es dem Verf. und den Lesern dieser
Blätter schuldig zu sein , das Ergebnis seiner Forschungen ihnen nicht
Torzuenthalten , um ihnen zu zeigen, von weichem Standpunkte aus er
die Sache betrachte, nach welchen Seiten er sie hingeführt habe, und zu
welchen Resultaten er gelangt sei. In Korinth war der Dienst des Helios
heimisch (vergl. die Gotterd. auf Rhodos UI.). Der Gott führte hier
neben dem Beinamen des rosseyerständigen (Hipponoos) anch den desBel-
lerophontes und der letztere trat mit der Zeit so mächtig herror, dass er
den erstem Terdunkelte. Das drückt der spätere Mythus hier s o aus :
Bellerophontes habe erst Hipponoos geheissen« BsiksQOtpovrrjs ist die ur-
sprüngliche ältere Form des Namens, die spätere BelXsf^qxov, welcher
letztern, auch wenn man sie mit den echt griechischen Namen iSlBvogfav,
driftofptov , 'Jylccotpav u. a. der Art yergleicht, man keine genügende und
passende Erklärung abzugewinnen vermag. BsXXsQOtpovtris kommt ohne
Zweifel, wie es schon alte Scholiasten zum Homer gefasst haben, von
188 Mythologie.
^IXsQog (= naitog) mit Torgefugtem digammatischen Anlaute B und dem
Verbo tpiva^ her, bedeutet also den Vemichter des Bösen, der Uebel,
also das, was auch der Name 'AnoXXoav besagt, was nicht unwahr-
scheinlich anfangs gleichfajls ein Beiname des Helios gewesen ist.
Dieser specielle Heliosdienst mochte bald so Torherschend werden,
dass ein besonderer Gott unter dem BsXXsQOfpovrrig geglaubt wurde
mit jener besondern Vorstellung von Vernichtung des Bösen, dermas-
sen, dass der. Gedanke an Helios ganz versiegte. In solcher Gestalt
kam der Cult auch nach Lycien , dahin vertragen sehr wahrscheinlich
durch die dorischen Colonien, die bekanntlich an der südwestlichen Seite
von Kleinasien besonders zahlreich waren. Der Dienst des Helios auf
Rhodus ist bekannt genug; auch er verdankt zuverlässig seinen Ur-
sprung diesen Ansiedlungen. Hier in Lycien erhielt Helios Bellero-
phontes, der speciellen Beschaffenheit des Landes nach, den Begriff
eines Abwenders derjenigen Uebel, von welchen Lycien pflegte heim-
gesucht zu werden, der Ueberschwemmungen von Seiten des Meeres
(vergl. Plutarch . . .; die dort erwähnte *£ntblossung der Weiber,
um Unfruchtbarkeit und Verderben vom Lande abzuwehren, mag einen
ähnlichen Sinn gehabt haben, wie der Priap oder Phallos als Gegen-
zauber gegen Unfruchtbarkeit und als Abwehr des Bosen.^ So tref-
fend Schwenck in der Mythologie der Griechen S. 478) und der Erd-
erschütterungen und der mit denselben verbundenen Schrecknisse in
der Natur. Die letztern wurden nachmals mythisch personifioiert un-
ter der Chimaera, bei welcher die Ziegengestalt (die einer xiii^aiqcL)
in der Mitte den Haupttheil ausmachte; daher denn auch ihr Name.
Und dabei kommt nicht bloss das zottige eines Ziegenfelles, das den
vom Regen triefenden, von Stürmen begleiteten Gewitterwolken ähn-
lich ist, sondern auch das gleichklingende der Wörter ;|jf«, xbl€o^%v(o,
XHfioov, xBLi^aqoq u. 8. w. in Betracht. Die mythische Poesie lässt
sich oft durch dergleichen Gleichklänge bestechen. Eine Abwehr von
dergleichen furchtbaren Naturereignissen wird mythisch -poetisch ge-
wohnlich als ein Kampf dargestellt, im vorliegenden Falle also zwi-
schen dem zu einem Heros umgestempelten Bellerophontes und der
Chimaera. Nun musste aber dieser Kampf motiviert werden; denn
der Mythus geht gewohnlich pragmatisch zu Werke. Und da erdich-
tete man, in ^Erinnerung dass der Bellerophontes- Cult von Korinth
herstamme, nach sehr gewohnlicher Weise einen Mord von Seiten des
Bellerophontes an dem Belleros — also zugleich ein etymologisierender
Mythus! — von welchem Morde derselbe gesühnt werden musste. Der
Mythus lässt ihn zu dem Ende zu Proetos in Argolis fliehn. Warum?
weil der von und in einem andern Mythus mit Lycien in Verbindung
gesetzt worden ist. Hier nun wieder ein Liebesabenteuer mit der
Gattin des Proetos, in Folge dessen er nun eben nach Lycien ge-
sandt wird und mehrere Kämpfe, unter andern den mit der Chimaera,
bestehn muss. Um sie bestehn zu können, wird ihm vom (korinthi-
schen) Mythus der Pegasus, das geflügelte Ross, zugesellt, das ihn
durch die Lüfte tragen muss.
V. Lassaulx : die Geologie der Oriechen und Römer. * 189
Auf solche Art ist wohl kaum noch etwas übrig, was einer wei>
tern Aufklärung bedurfte.
Brandenburg. Dr. Heffter,
Die Geologie der Griechen und Römer. Ein Beitrag zur Phi-
losophie der Geschichte von £. v. Lassaulx. Abhandlungen der
konigl. bayer. Akademie I. Cl. VI, 3 und besonders abgedruckt, Mün-
chen, Franz 1851 (52 S. 4). Eine je grossere Bedeutung die Geolo-
gie in unsern Tagen gewonnen hat, um so interessanter ist es die
Anfange dieser Wissenschaft in dem Alterthume zu betrachten, weil
dadurch die innere Naturnothwendigkeit, welche ihr Entstehn und
ihren Entwicklungsgang bedingt, klarer vor die Seele tritt und eine
Seite im Geistesleben der Alten, damit aber dies selbst besser von
uns erkannt wird. Der ebenso geistreich combinierende , wie tiefe
Achtung vor dem überlieferten hegende Hr. Verf. hat auf diesem Ge-
biete sehr bedeutende Resultate zu Tage gefördert. Im 1. Abschnitt
werden die geologischen Beobachtungen von Xenophanes (die Lesart
da(pv7j6 bei Orig.. Phil. I, 14 p. 893, wofür Gronov dq)V7js vermu-
thet, wird durch einen Münchner Cod. bestätigt) bis zu den romi-
schen Kirchenvätern zusammengestellt. Dass die einem untergegange-
nen menschlichen Riesengeschiechte zugeschriebenen Gebeine fossile
Thierknochen gewesen , aber schon in der ältesten Zeit für Menschen-
skelette gehalten . und deshalb in Särge (iv aoQOig) eingeschlossen wor-
den seien und dass die Sage von Griganten und ähnlichen Wesen der
Anschauung solcher Ueberreste den Ursprung verdanke, wird man ^
gewis zugeben. Vermisst haben wir die Beobachtungen über Boden-
verschiedenheit (Herod. 11, 12) und die geognostischen überhaupt,
femer die Meteorsteine (Plnt. Lys. 12. Diogen. Laert. If, 12) , welche
um so mehr eine Stelle verdient hätten, als sie nicht ohne Einfluss
auf die Ansichten vom Kosmos (vergl. Gruppe die kosmischen Systeme
S. 101) geblieben sind. Auch wäre wohl zu unterscheiden gewesen
zwischen denen, welche, wie Herodot, nur Veränderungen in der vor-
handenen Gestalt der Erdoberfläche beachteten, zu denen dann die
von Wachsmuth hellen. Alterthumskunde I. 9 aufgezählten Ueberlie-
ferungen hinzuzurechnen sind, und denen, welche, wie Xenophanes
und andere, die Entstehung der Erdoberfläche selbst ins Auge fassten. ^
Ueberraschend ist das Resultat, dass sich die drei Hauptsysteme der
Geologie, welche die neuere Zeit kennt, schon bei den Alten, aber
in umgekehrter Zeitfolge vorfinden. Noch überraschender ist die im
2. Abschnitt nachgewiesene Uebereinstimmung zwischen der geogno-
stischen Beschaffenheit des Beckens von Rom (unten Meeresbildnngen,
darüber vulcanische Producte, auf diesen die Hervorbringungen des
Süsswasser^^ und der Aufeinanderfolge der drei Feste: Consaalia,
21. August, Neptunu8 eguester. Loskaufung des Staates von den un-
terirdischen Mächten; Volcanalia, 23. Aug., Besänftigung des Feuer-
gottes, damit er nicht von neuem hervorbrechend die Existenz des
190 Hebrüsche Litieralur.
Staates bedrobre, Opeconsira, 25. Aag., far den Feldbau, der nur auf
einem von süssen Gewässern befruchteten Erdreich möglich ist. In
der That werden wir dadurch gezwungen mit Aristoteles und Strabo
X, 3, 23 p. 391, 17 den Rest einer frühern in Yorgeschichtlicher
Zeit untergegangenen Naturerkenntnis räthselhaft in Mythen einge-
hüllt, anzunehmen. Der 3. Abschnitt enthält die Lehren yon den
WeltYeränderungen und Weltuntergängen, wie sie sich Ton den In-
dern an durch alle Volker des Alterthums hindurchziehn und in immer
neuen Ausprägungen auftreten. Der Glaube an die aMOntatuataetg
und an die bestimmte Dauer gewisser grosser Erscheinungen in der
Menschenwelt wird dabei in seiner Veranlassung und Begründung nach-
gewiesen. Beiläufig erwähnen wir, dass 8. 43 Anm. 111 die Stelle
des Jul. Firm. Mat. Math. III, 1 p. 47 ed. Basil. 1551 nach einer
Münchner Handschrift emendiert gegeben wird. D.
izTjp'n Tito'i M3'»irt Hebräisches Lehr- und Uebungsbuch für
Schulen Yon Hl Leeaer. Zweiter Cursus. Coesfeld 1851, in Commis-
sion bei B. Wittneven Sohn. 163 S. 8. — Indem sich Rec. auf die Be-
urtheilung des ersten Cursus des hebräischen Lehrbuchs von Leeser
(Coesfeld 1848) beruft (N. Jahrbücher LIX. Bd. S. 415—16), sei
es ihm gestattet, über den zweiten Cursus nachfolgendes zu referie-
ren. Aus dem Vorworte ist zu entnehmen, dass die darin befolgte
Methode von den tüchtigsten Lehrern Westphalens und der Rheinpro-
vinz auf der am 10. Mai 1851 zu Coesfeld stattgefnndenen Lehrer-
conferenz als der 'einzig richtige Weg zur gründlichen und naturge-
mässen Erlernung der hebräischen Sprache' anerkannt wurde. Auch
hat sich die Zeitung für das Judenthum (Not. 1851) darüber yortheil-
haft ausgesprochen. In diesem Cursus werden aber zunächst der Fort ^
Setzung des ersten Cursus Verbesserungen und Zusätze zu letzterm
Yorangeschickt (§. 74 B). Da der zweite Cursus übrigens für Yoran-
geschrittene Schüler berechnet ist, so zeigt sich hier ein tieferes Ein-
dringen in das Ganze. Die weitere, im ersten Cursus abgebrochene
Behandlung der Conjugationen führt auf ^B. Hier ist aber die Be-
mericnng über die unterlassene Verdopplung, z. B. bei D^^ ('ähnlich
im Deut9chen: lachen :=: lach-chen') dahin zu reducieren, dass ein
HaUch als zweiter Radical gesetzmässig die vorhergehenden Vocale
beibehält. Von ^ an, dem stärksten Hauchlaut, werden sie bis
zum leisen ^ stufenweise schwächer. — Mit dieser durch die Vo-
calveränderung modificierten Conjugationsform verknüpft der Verf. pas-
send die Eintheilung der Vocale und die Erklärung des Schwa. Füg-
lich kann auch hier das t)^Cd^ Y^[l schlechthin Komez zum Unter-
schied des Kamez (^'^'^^ Y^TO genannt werden. Das f^P. ist als
voealis anoeps zu betrachten. Bei der Bemerkung, dass zwei Schwa
quiesc. nur am Ende des Wortes aufeinander folgen können, ist ge-
legentlich, bei den angeführten Beispielen: '^^^ und *?^?3, zu be-
Leeser: hebr. L«hr« und U^baagsbuch. 2r Curs. 191
merken , das« hier ein solches Dagesch nur lene sei ; denn nach andern
eine Verdopplung am Ende des Wortes anzunehmen ist unnatürlich.
An die Accentlehre schliesst sich die Bemerkung über das dag, eu*
phanicum an, wobei die Benennung dag. eonjunctivum fehlt. Der
Verf. bemerkt hierbei (gegen Gesenius Gramm. §• 20, 2), dass in die-
ser Hinsicht die grösste Consequenz stattfinde! Die auch in der
Folge beobachteten alphabetischen Uebungsbeispiele , die den eigent«
liehen Aufgaben Yorangehn, sind ausreichend. Die Bedeutung des
Piel ist aber nicht genau, vom Hiphil getrennt, erklärt. Letzteres ist
intensiTer, etwa so z. B. *^?a, er hat angezündet, ^^^.H , er hat
verbrennt n. s. w. Bis S. 80 8. 18 sind schickliche zusammenhän-
gende Beispiele, einige zum Uebersetzen ans dem Deutschen ins He«
bräische angeführt, zum Theil wortlich classisch entlehnt, zum Theil
so nachgebildet. Bei $. 80 Sufüxa Piel ist mit Recht bei der 3. Per-
son nur i oder Vi—, nicht aber ^n-r angeführt. (Die Form ^n^ttj*!
Hieb 37, 3 ist kein Piel, sondern Iroperf. Kai von ^^ = solvere).
Ueber die beginnenden Theile des hebräischen Satzes ist durch gute
Beispiele die nicht immer willkürliche Stellung der Satztheile nach-
gewiesen. — Angemessen ist die Bemerkung, dass ^^ ausschliesslich
die Bewegung zu einer Person bezeichne, so dass Ausdrücke wie
^*n% ^^KS nicht sprachrichtig sind. Die Beispiele bis §. 83 geben
einen ziemlich bündigen Zusammenhang. Im $. 83 selbst widmet der
Verf. dem "^^^ eine besondere Betrachtung und findet sich hier eine
schone Zusammenstellung des darauf bezüglichen. So ist schicklich
der Gebrauch dieses Pronomen zur Umschreibung des Genitiv beige-
fügt (jedesfalls der frühere Genitir, dann in S^ übergehend. In
Fällen jedoch wie ludices 6, 31 ist bei diesem Pronomen nach Ref.
nichts zu ergänzen: es entspricht dem lateinischen quicunqucy d. h.
wer es auch immer sein mag u. s. w. Desgleichen auch beim Ausdruck :
linb 'TitatTa das ^ ist h auetorisy die wirkende Ursache beim Passirnm :
der Datiy, wie im Griechischen und zum Theil im Latein. Ein Psalm
durch r= von David verfasst. Gesenius [Rodiger] hebr. Gramm. 1848.
$. 140, 2). Die zusammenhängenden Beispiele, zuletzt ein passendes
Ganze bildend, enthält der §. 84. Aehnlich wie in der Ewaldschen gros-
sem Grammatik sind bei Piel und dann bei allen andern Conjugationen
Beispiele über sämmtliche genera verborutn angeführt. Eine weitere
Erörterung der Stellung in Hinsicht der Satztheile ist dem angeführ-
ten untermischt beigegeben (unter Anm. 14 auch über die rhetori-
sche Wiederholung einzelner Worter). — Uebrigens sind bei den Con-
jugationen Piel und Pual zugleich die abweichenden Formen wie auch
die seltnere Form ^??^ mit angeführt. Untergemischt sind , im Ver-
folg der syntaktischen Behandlung der Grammatik, die Partikeln bei
Schwurformeln. Beachtenswerth ist die Bemerkung über das vernei-
nende D^ (S. 85*) als ursprüngliche Fragpartikel, gegen Rodiger
S' 152, 2 f. Angereiht sind die nothigsten hierauf bezüglichen Bei-
spiele. Vorzüglich umfangreich ist die Conjug. Hiphil erleutert, aber,
wie bereits oben bemerkt, wäre eine genauere Entwicklung der Be-
102 Hebriische Litteratur.
dentnng dieser Conjngation nicht nnerspriesslich gewesen. Und da übri-
gens der Verf. gern die hebräischen termini beibehält, so konnte der
Grundsatz aufgestellt werden, dass Hiphil •»t?*'l?«Öb «:?ih g^j/ dj^
Beispiele geben hier einen guten Zusammenhang, besonders §. 93. Vor-
züglich sind über *^ und H'S die angemessensten Beispiele aufge-
führt. Auch die Beispiele mit auffixis in dieser Conjugation befriedi-
gen. Der §, 97 enthält pianyoll gewählte classische Steifen au|s Josua
und den Büchern der Konige. Auch über den adverbialen Gebranch
des Hiphil sind Beispiele beigefügt. Die Uebungsbeispiele für die Par-
ticipia dieser Conjugation enthalten auserlesene Sentenzen aus den
ProY., den Psalmen und andere classische Stellen (besonders §. 102) •
Auch bei Hophal sind über die Formen mit Komez und mit Kibbuz
die nöthigen Beispiele angeführt, §. 106—109 ^^^^^^,. Die Fälle
der Metathesis und der Assimilation sind berücksichtigt. Die Form
^??^? aber würde Ref. nicht (nach Anm. 10) für eine Znsammen-
setzung aus ^^3ri}T und v^^n erklären: sie ist gewissermassen ein
rectprocum paasivum* Das öftere ^^{^^^ ist zu übersetzen : sich zur
Musterung stellen (müssen). §• 109 — 115 enthalten die Bearbeitung
nachfolgender Stücke aus den Apokryphen: vom Bei und Drachen zu
Babel (hebr. §. 109 und deutsch §. 110) ; die 5 ersten Capitel des Bu-
ches Tobi (unpunctiert) und deutsch 2. und 3. Cap. Sie sind mit gram-
matischen, rhetorischen nnd antiquarischen Anmerkungen -versehn. Der
Hr. Verf. behauptet in der Vorrede S. IV, dass der griechische Text
die ursprüngliche hebräische Diction zu erkennen gebe; weshalb ihm
auch die Rückübersetzung gelingen musste. Die hebräische Version
steht den frühern Interpreten, einem Beenseef, Wessely und Fränkel
nicht nach: sie ist einfach und getreu. — Auch Tobias ist nach dem
griechischen Texte, mitunter aber abweichend nach der Vulgata über-
setzt. In dieser Hinsicht stimmt Ref. Fränkel bei, der, um das weit-
schweifige zu vermeiden, genanntes Buch nach der Vulgata interpre-
tiert hat. — Das Wörterverzeichnis nach den S§. Hesse sich vielleicht
besser in ein vocabularium verwandeln; dann wäre das alphabetische
Register entbehrlich, da doch ein hebräischer Index , gleich jedem an-
dern dieser Art, niemals ein eigentliches Wörterbuch oder Wörter-
verzeichnis ersetzen kann. Die Conjugationstabellen sind gewisser-
massen vollständig; jedoch vermissen wir ungern das Femininum der
Participia» Das Ganze wird seinen Nutzen besonders an solchen An-
stalten, gewähren, an welchen der hebräische Unterricht nicht unten
angesetzt , f>ondern vielmehr den übrigen propaedeutischen Stücken
für die übrigen Facultäten gleichgesetzt wird. Wir beschliessen un-
sere Relation mit der Bemerkung, dass auch die äussere Ausstattung
des Ganzen, Papier und Druck betreffend, befriedigt.
Mühlhausen. Dr. Mühlberg.
Programmenschan. 103
Programmenschau.
Programme aus dem Grossherzogthum Baden.
Heidelberg. Disaeriatio de mixto rerum publicarum genere Grae-
corum et Romanorum aeriptorum aententiia illuatrato. Vom Geh. Rath
Ritter Prof. Dr. C. Zell (Einlad angsschrift zur Feier des Geburts-
tags yom Grossh. Carl Friedrich, 22, Nor. 1851. 24 S. 4). Der ge-
lehrte Verf. gibt in seiner durch Form und Inhalt gleich ausgezeich-
neten Abhandlung eine Sammlung und kurzgefasste Darstellung der An-
sichten der Alten über die gemischte Verfassungsform. Nach Anfüh»
rung eines Ausspruchs von So Ion, weicher dahin bezogen werden
kann und in diesem Falle die frühste auf uns gekommene Aeusserung
über diesen Gegenstand ist , werden die Stellen aus den Fragmenten
der Pythagoreer Hippodamos und Archytas besprochen , welche
mit deutlicher Bestimmtheit die aus Monarchie, Aristokratie und De-
mokratie gemischte Verfassung für die beste halten. Darnach werden
die ähnlichen Betrachtungen und Aussprüche aus Piaton und Aristo-
teles vorgeführt und besonders letztere etwas genauer dargestellt.
Darauf folgt Polybios, welcher die Ansicht Ton den Vorzügen der
gemischten Verfassung zur Grundlage seiner politischen Anschauungs-
weise macht und dieselbe zugleich zu dem Ausgangspunkte und Maass-
stabe bei der Analyse und Würdigung der romischen Verfassung nimmt.
Ans Polybios schliesst sich Cicero an, welcher in seinem Werke de
re publica ganz jenem Vorgänger folgt. Von späteren Repraesentanten
derselben politischen Ansicht werden der Schönredner Aristides und
Petrus Magister, der unter Justinian lebte, angeführt. Allen die-
sen Vertheidigern oder Lobpreisem steht nur ^in Gegner gegenüber,
aber freilich ein sehr gewichtiger: Tacitus, welcher an einer be-
kannten Steile (Annal. IV, 33) die gemischte Verfassungsform für un-
praktisch und, wo sie bestand, für eine Verfassung Ton kurzer Daner
erklärt. Es werden kurz die Gründe angedeutet, welche ihn Ton
seinem Standpunkte aus zu diesem Urtheile bestimmt haben mögen.
Am Ende des Vortrags werden noch zwei Hauptgedanken hervorge-
hoben,' welche in den ausgezeichnetsten unter den alten Schriftstellern
über Politik uns vielfach entgegentreten, nemlich der geringe Werth
der Demokratie und der Vorzug eines wohl eingerichteten Königthums,
so wie ferner , dass es für das Gedeihen der Völker und Staaten viel
mehr auf die Sitten der Bürger als auf Verfassungen und Gesetze
ankomme.
Carlsruhe. De iunctarum in precando manu u m origine
indogermanica et uau inter plurimoa Chriatianoa adacito quaeatio.
Scripait C. F. Vierordt (Programm des Lyceums 1851. 43 S. 8.
Cum tabula Uthogr.). Der durch seine treffliche > Geschichte. der Re-
formation im Grossherzogthum Baden* rühmlich bekannte Verf. vor-
liegender Schrift wurde zur Behandlung dieses Gegenstandes, welcher
in den Kreis der christlichen Alterthümer gehört, zunächst dadaccK
194 Progranmeiuehaa.
veranlasst, 4ass wir bis jetzt nur sehr wenig sichere? über ihn wis-
sen, und theilt deswegen hier mit, was er bei ^Gelegenheit anderer Stu-
dien über ihn gefunden hat. S. 4 spricht er sich selbst folgender-
massen aus: meum, dum ab alHore antiquitate repeto huius moris
originem, consilium id e«t, ut aliu8 impeUtttur ad quaesHonem ac-
curatiua exercendam. Equidem ea propono^ quae cum studio alior-
sum apectantia colerem^ multos per annoa oeeasione data cognovxy
ille perpendatf amplificety corrigat. Die Sitte, die Hände bei dem
Grebete zusammenzufalten und so diese selbst an der heiligen Hand-
lung gewissermassen Theil nehmen za lassen, ist uralt. Sie findet
sich nach der Darstellung des Verf. schon bei den Indem (S. 13« 14)*
Von ihnen hatten sie die (aus Indien stammenden) alten Deutschen
und diese verbreiteten sie, lange ror ihrer Bekehrung zum Christen-
thum, wieder weiter in den Ländern Europas, in welche sie drangen.
Es ist diese Sitte also heidnischen Ursprungs nifd von den Heiden zu
den Christen übergegangen. Um die verschiedenen Arten, wie die
Hände bei dem Gebete gehalten wurden, anschaulich zu machen, ist
die lithographische Tafel ' beigefügt. In dem angehängten index chro-
nologicus (p. 39) wird das Jahr 98 als das erste angeführt. Das un-
bestreitbare Verdienst , welches sich der gelehrte Verf. durch die sorg-
fältige und gründliche Erörterung des Gegenstandes erworben hat,
stellt sich am deutlichsten heraus, wenn wir hören, wie in diesem
Gebiete der Wissenschaft ausgezeichnete Männer sich über die Sache
äussern. So sagt Jacob Grimm (deutsche mythologie 2. ausgäbe
S. 28):^ über die art und weise des heidnischen gebets (der alten
Deutschen) entbehren wir nachrichten; ich vermute bloss, dass da-
mit blicken gen himmel, neigen des leibs, händefalten, knie-
beugen, hauptentblossen verbunden war'; und bei C. A. Bottiger
(kleine Schriften archaeol. Inhalts H. S. 355) heisst es: ^ unser Hän-
defalten ist durch die Kreuzfahrer zuerst nach Europa gekommen.
Mehr hierüber sehe man bei dem Verf. selbst in dem Abschnitte:
quaestio de iunctia preeantium manibua adhue nitre negleeta. Von
dem reichen Inhalt der Schrift geben die Ueberschriften der einzel-
nen Abschnitte das beste Zeugnis. Wir heben folgende heraus : Pas-
aae manua veterum citra Indum fluvium, P, m. Chriatianorum vete-
rum. P. m. Indorum veterum. P. m. Germanorum veterum, P. m.
ah eccleaia oceidentali neque iuasae neque prohibitae. P, m. a papa
nani aeculi laudatae, P, m. imaginum veterum. P. m. mortuorurk.
P. m. vaaaalorum.
CoNSTANZ. Die politische Ansicht des rom. Geschichtschreibers
Titus Livius, eine historische Abhandlung vom Lehramtspraktikanten
Fr. X. Frühe (Programm des Lyceums 1851. 52 S. gr. 8. Motto:
Fructum studiorum viridem et adhuc dulcem promi decet, dum et oe-
niae spes est et paratus favor et audere non dedecet. Quint. XIT, 6).
Die vor uns liegende, mit grossem Fleisse und tüchtigen Kenntnissen
ausgearbeitete Abhandlung hatte der Hr. Verfasser vor einigen Jah-
ren als in dem Gebiete der Philologie gestellte Preisaufgabe in la-
Programmeiiscliau. 103
teinischer Sprache bearl>eitet und legt sie nun in das Gewand der
deutschen umgekleidet dein gelehrten Publicum Tor. Die Frage,
welche er sich zum Gegenstande der Untersuchung macht, ist bis-
her noch nicht mit der Aufmerksamkeit und Ausführlichkeit be-
handelt worden, die ein Schriftsteller von Livius Ruhm mit Recht
in Anspruch nehmen kann. War daher der Hr. Verfasser bei der
Lösung dieser Aufgabe auf sich selbst und das Quellenstudium fast
ausschliesslich angewiesen, so war dies noch um so schwieriger, weil
kein Geschichtschreiber des Alterthums mehr sein eignes Urtheil über
die erzählten Ereignisse zurückgehalten hat als Livius und keiner we-
niger Schlüsse aus dem gesagten gezogen und in diese seine eignen
Gedanken eingestreut hat. Ehe der Verf. auf den eigentlichen Gegen-
stand der Untersuchung eingeht , wirft er einen Blick auf die damali-
gen Zeitverhältnisse und befasst sich näher mit der Person des Livius,
um in dem vorausgehenden einen Erklärungsgrund des folgenden zu
haben. Den Geschichtschreiber selbst schildert er uns als einen Rö-
mer im echten Sinne des Wortes, welcher, obwohl er sieht, wie sein
Volk von der frühern Höhe der Sittenreinheit in den Abgrund der
Unsittlichkeit gefallen ist, doch bei jeder Gelegenheit die Partei des-
selben einem andern Volke gegenüber ergreift $ Ruhm und Glanz seines
Vaterlandes geht ihm über alles (S. 3 — 19). Nach der Schilderung
des Charakters , so wie des Berufs und der Befähigung zur Geschicht-
schreibung handelt der Verf. in dem 1. Abschnitte der Schrift (S. 20
— 28) ^über die Ansicht des Livius von der Monarchie'
und nachdem er gezeigt, dass Livius weder ein Anhänger des König-
thums noch einer constitutionellen Monarchie gewesen, geht er zu
der Frage über: 'welche Ansicht hatteLivius vonderVolks-
herschaft?' (S. 28 — 38) und zeigt, dass er sich stark gegen das
Regiment der Masse ausspricht. Diese spielt, wie er selbst sagt, ent-
weder den kriechenden Sklaven oder den stolzen Herrn; die Freiheit,
welche in der Mitte liegt , kennt sie weder noch weiss sie sie zu halten,
und insgemein fehlt es nicht an Werkzeugen, die ihre leidenschaft-
lichen Ausbrüche gut heissen und die entflammten und ungenügsamen
Gemüther zu Blutvergiessen und Mord anstacheln. In den Tribunen
sah er nur die gehorsamen Diener der launenhaften Menge, welche
durch ihre Hartnäckigkeit den Staat mehr als einmal in Gefahr brach-
ten. Der letzte Abschnitt (S. 39 — 52) handelt *von der Ansicht
des Livi^u-s über römische Aristokratie' und durch Anführung
einer grossen Zahl von Stellen wird gezeigt , dass Livius ein Verehrer
und Anhänger dieser Regierungsform gewesen sei. Die Patricier haben
lange Zeit das Staatsruder in Händen gehabt; unter ihrem Regiment
hat sich der Bau der römischen Herschaft so sehr erweitert, dass er
zu Livius Zeit durch seine Masse schon lästig wurde. Doch so sehr er
auch von den Tugenden jener ergriffen uud begeistert ist, so übergeht er
dennoch auch ihre Fehler nicht, weil er die Gerechtigkeit will, aber
er führt sie so an, dass man stets die Entschuldigung schon im Hin-
tergründe sieht und dass ihre Fehler den Leser nicht so erbittern, wie
106 Prog^HtmeBschan.
die der andern Partei. Am deutlichsten spricht er seine Ansicht selbst
ans XXVI, 22: *man mag die Terspotten, welche das alte foewnndem,
ich ffir meinen Theil glaube nicht , dass, wenn es irgend einen Staat
▼on Weisen gibt, den die Gelehrten mehr erdichten als kennen, es
entweder würdigere und in der Begierde nach Herschaft massigere
Häupter oder eine besser geartete Menge geben könne.' Den Schluss
der Schrift bildet das Urtheil , welches der grosse Geschichtsforscher
Niebuhr (rom. Greschichte Bd. U. S. 20) über die politische Ansicht
des Liyius ausspricht.
Bruchsal. Programm des Gymnasiums 1851: Ueber Sophoklea
Aniigone Va, 904—913, ^on dem Dir. Prof. Scherm (42 S. gr. 8).
Schon in einer frühem Darstellung der Antigene des Sophokles (Bei-
gabe zum Programm des Lyceums in Constanz 1846) bezeichnete der
Verf. die Verse 905-^912 als verwerflich und rielleicht nicht von So-
phokles herrührend. Dieser Ansicht Ut er noch und glaubt jetzt, dass
auch die Verse 913 und 914 nur dazu dienen, die eingefügte Stelle
mit dem übrigen zu verbinden. In einer mit Scharfsinn und Gelehr-
samkeit durchgeführten Untersuchung bemüht er sich die Frage zu
losen, ob die in Zweifel gezogene Stelle mit Bockh für eine antik
schone oder mit Goethe für einen Flecken der Tragoedie zu halten,
ob sie dem Sophokles beizulegen oder abzusprechen sei. Die am
Schluss zusammengestellten Resultate (S. 41. 42) glauben wir um so
mehr mit den eignen Worten geben zu dürfen, als aus ihnen der rei-
cbe Inhalt der Schrift am sichersten erkannt wird : 1) Antigenes Cha-
rakter hat eine ganz edle Richtung. 2) Ihrem Wesen ist aber
Bigenwilligkeit, Leidenschaft und Selbstüberhebung beigemischt. 3) Der
Zweck des Stückes fordert ebenso die Anerkennung der edlen Rich-
tung als die Zurechtweisung des Stolzes und die Bestrafung der Ue-
bertretung des Gesetzes. 4) Das Verhältnis von Kreons Vergehn zu
Antigenes ist der Art, dass letztere als die minder strafbare er-
scheint. 5) Durchaus unzulässig ist daher die Brniedrigung und Ver>
unstaltung desjenigen , was edles an ihr bleiben muss. Ihre Demüthi-
gung und die Strafe sühnen ihr Vergehn genugsam. Alles, was in
dieser Richtung noch weiter geht, ist fehlerhaft. 6) Der Inhalt der
fraglichen Verse ist aber a) ein Widerspruch und völlige Aufhebung
der frühem edlen Begründung; b) eine Unnatürlichkeit oder Albern-
heit im vorliegenden Falle; c) dem bürgerlichen Gesetz gegenüber
weniger entschuldigend; denn der Ungehorsam gegen den n<ächsten
Vorgesetzten konnte nur durch Berufung auf den höchsten entschul-
digt werden wollen; d) es ist widersinnig, dem bürgerlichen Gesetz
dann vor dem göttlichen den Vorzug zu geben, wenn ein Verlust un-
ersetzbar ist. 7) Die Aehnlichkeit mit der Geschichte bei Herodotus
beweist a) an und für sich nichts; b) besteht nur in Worten, und
die innere Aehnlichkeit und Wahrheit fehlt ganz; — ein Zug der
verwerflichsten Sophistik. 8) Aus der Anführung bei Aristoteles kann
weder ein absoluter Beweis für die Trefflichkeit noch für die Echt-
heit gezogen werden. 9) Es sind Anzeichen und Nachrichten vorhan-
Programmenschaa. 197
den, die theils auf Ueberarbeitung durcb andere schliessen lassen,
theils dies ausdrücklich besagen. Dies zasammengenommen scheint
zu der Annahme zu berechtigen, dass die Stelle höchst wahrschein-
lich unecht — jedes falls aber yom Standpunkt aesthetischer Kri-
tik Terwerflich sei.
Donaueschingen. Programm des Gymnasiums 1851: De poesia
Latinae rhythmia et rimis , praedpue monachorum. Libellus conscriptus
per Chr. Theoph. Schuch, magiatrum trilinguem ad fontea Da-
nuhinoa (Motto : 'Pvd'fibg fihifov nat'^Q nal navtov, Hephaest. 50 S. 8).
Der Verf. theilt den auf dem Titel angegebenen Gegenstand in drei
Theile. In dem ersten (p. 5 — 16) handelt er von den rhythmischen
Gedichten der alten Römer (de veterum Romanorum earminibu»
rhythmieia) und zeigt dabei p. 14, wie auch die Redner in den soge-
nannten Parisosen, Antithesen, Paronomasien u. s« w. den Rhythmus
berücksichtigt haben, und dass nicht selten auch bei den Prosaisten
Verse Torkommen (p. 16). Der zweite Theil (p. 20 — 37) handelt von
den gereimten Gedichten der alten Romer (de veterum Ro-
manorum carminibua rtmatt«) und nachdem p. 24 aus romischen Schrift-
stellern die Annominatio, Allitteratio und Assonantia nachgevnesen
worden, geht der Verf. p. 26 zu dem Gleichlaute der Endsilben, was
die Griechen ofunoreXevtov nennen , über. Der dritte Theil (p. 38—50)
handelt von den Rhythmen des Mittelalters (de aevi medii rhyth-
mia). Die Richtigkeit seiner Angaben weist der sehr belesene Verf. durch
zahlreiche und gut gewählte Beispiele und Belegstellen nach und be-
rücksichtigt dabei alles, was besonders auch in neuerer Zeit über den
Gegenstand von gründlichen Gelehrten beigebracht ist.
Freiburg. Programm des Lyceums 1851 : Curae Theocriteae. Par-
tie. Uj continena notaa criticaa atque exegeticaa^ quibua idyllii XV
loci aliquot difficUiore» explieantur et ab divi Godofredi Hermanni m-
euraionibu» doctia (quaa coniecturaa vocant) defenduntur. Seripaü
Franc. Weissgerber (35 S. gr. 8). Die vor uns liegende Abhand-
lung reiht sich an die früheren seit 1834 erschienenen 6 Schriften des
Verf. über Theokrit an und ist zunächst eine Fortsetzung der im Pro-
gramm des Lyceums zu Rastatt 1848 abgedruckten. Unter Hinwei-
sung auf die litterärische Thätigkeit des Verf. zeigten wir die letztere
in diesen Jahrb. Bd. LVI. S. 80 an, und wenn vnr damals die Gründe
lichkeit anerkannten, mit welcher der Verf. seinen Gegenstand be-
handelte, so müssen vrir dasselbe Urtheil auch jetzt in Beziehung auf
die gegenwartige Schrift aussprechen. Sie ist in zwei Abschnitte ge-
theilt. Der erste enthalt adnotationea ad id, XV, De nominum pro-
priorum in hoc id. apparentium aignifieatione (p. 7 — 12) und der
zweite (p. 13 — 35) adnotationea zu einzelnen Versen und Stellen. Wie
schon der Titel sagt, verwirft der Verf. G. Hermanns Conjectnren.
Mit einer vollständigen Ausgabe des Theokrit ist der Verf. schon seit
längerer Zeit beschäftigt und wir sehn deren baldigem Erscheinen mit
Vergnügen entgegen.
Mannheim. Progr. des Lyceums 1851 : Der phüoaophiaehe Unter-
196 Progrmttimeiischaii.
rieht auf der Mitteleehule , ein paedagogifchef Yotuni ron Otto
Deimling (42 S. gr. 8). In der vorliegenden Schrift wird in um-
fassender Weise die in neuster Zeit so Tielfaeh besprocbene Frage:
soll der philosophisc he Unterrich t auf den Gelehrten-
schulen (Gymnasien) beibehalten oder abgeschafft wer-
den? behandelt und iswar von drei Gesichtspunkten aus, dem huma-
nistisch-paedagogischen (S. 5 — 25), dem encyclopaedischen (S. 26 —
34) und dem propaedentisch-hodegetischen (S. 35--40). Die Unter-
suchung selbst fahrt zu folgenden Resultaten: formale Logik als be-
sonderer theoretischer Unterrichtsgegenstand erfüllt weder die An-
sprüche der Wissenschaft noch des Unterrichts; in der fruchtbaren
Gemeinschaft mit deutscher Grammatik, Rhetorik, Poetik und an den
classischen Werken des Geistes angeschaut und geübt, vermag sie
das höchste Ziel der humanistischen Bildung zu erreichen. Dabei
werden Litteraturgeschicte , Aesthetik und Philosop4iie die interessan-
tem Hilfsconstructionen. Die psychologische Entwicklung der Denkfor-
men aber ist ein Theil der Psychologie und die entsprechenden Ue-
bungen eine Aufgabe der Rhetorik. Die Psychologie als genetische
Darstellung des Seelenlebens entspricht nicht nur der philosophischen
Idee dieser Wissenschaft am meisten, sondern erfüllt auch den paeda*
gogischen Zweck am besten. Der philosophische Schulunterricht ist
nicht nur ein wesentliches Glied in der Kette der humanistischen Schul-
encyclopaedie, sondern enthalt zugleich einen Ring, durch welchen
er die Gymnasialperiode an die akademische anschliesst. Durch seine
logische Seite steht er an sich in formalem Verhältnis zu jeder Wis-
senschaft , durch seine psychologische bildet er eine fruchtbare Grund-
lage aller wissenschaftlichen Erkenntnis, und als Einleitung in die
speculative Philosophie ist er durch das Studium dieser mit bedingt.
Das ist seine akademisch -propaedeutische Bedeutung im allgemeinen.
Ausserdem aber kann und soll er sich entwickeln zum besonderen ho-
degetischen Unterrichte für den Abiturienten, indem er ihn über den
Zweck und die Mittel des akademischen Studiums und Lebens unter-
weist und ihm so den Compass einhandigt, mit welchem er sich auf
dem weiten Ocean der akademischen Wissenschaft und Freiheit zurecht
findet. Um die vorgeschlagene Methodik des Unterrichts einzuführen,
soll (S. 41) die Logik als besondere Disciplin eingehn, der deutsche
Unterricht dagegen erweitert werden. Dieser soll in keiner Classe weni-
ger als 4 Stunden wöchentlich betragen und im letzten Jahrescurse Psy-
chologie u. Hodegetik nebst Einleitung in diePhilosophie gelehrt werden.
Offenburg. Programm des Gymnasiums 1851: HUtorüehee Re-
gister sni Caesar, Vom Lehramtspraktikanten Rapp. Fortsetzung
und Schluss, S. 65 — 115. Der Anfang dieses Registers (Progr. 1850)
wurde von uns mit der ihm gebührenden Anerkennung in diesen Blat-
tern (Bd. LXIT. S. 213) angezeigt. Indem wir darauf verweisen, fü-
gen wir bei, dass, wie der Anfang, so auch die Fortsetzung und der
Schluss mit grossem Fleisse ausgearbeitet ist. Den 259 bei Caesar
vorkommenden Personennamen sind die betreffenden Stellen beigesetzt
Leydener Dissertationen. 199
und die Beziehungen, in welchen sie genannt werden, angegeben. Die
ganze Schrift bildet ein bei der Leetüre des Caesar sehr brauchbares
Hilfsmittel. #
Leydener Dissertationen.
Im Mai 1851 erschien die Inauguraldissertation Yon Gull. Bis-
schop: spec. contincns annotatt. criticas ad Xenoph, jinabasin. Lugd.
B., T. d. Hoek. lY und 106 S. 8. Der belesene und scharfsinnige
Verf., in welchem man auch ohne seine Erwähnung einen Schüler Co-
bets erkennt, gibt eine Reihe Ton Conjecturen zur Anabasis Tom An-
fang bis zum Ende der Schrift, und zwar in solcher Fülle, dass kein
Capitel leer ausgeht. Der grösste Theil der Kmendationen besteht im
Streichen ganzer Satztheile oder einzelner Worte, Tiele andere sind
grammatischer Natur und beziehn sich entweder auf die Formlehre
(z. B. ZvQaxoüiog statt JSvffoniovaiogf Form desImperatiTs, des Partie.
Perf. u. s. w.) oder auf die Syntax. So wird mehrmals in der oratio
obliqua der OptatiT statt des IndicatiTs gesetzt , äv ans dem Text ge-
worfen oder hinzugefügt, das Futur statt des Praesens angenommen
u. s. w. Da wir hier auf das einzelne nicht näher eingehn können,
so bemerken wir nur im allgemeinen , dass der Verf. mit grosser Kühn-
heit zu Werke geht und sehr Tie|es Tertiigen will, was nicht allein
sehr gut zu Tertheidigen ist, sondern sogar nicht wegfallen darf. Alles
was ihm nicht durchaus unentbehrlich erscheint, lässt er Terschwin-
den, ohne Xenophons IndiTidualität Rechnung zu tragen. Als Probe
geben wir die Aenderungen zum 1. Capitel. §, 2 wird gestrichen nal
axQOtrjyov d* avtov änidsi^s ndvxtov oaot tlg Kaatmlov mdCov dd'goi-
iovTtti und das Wort dvißtj. Desgleichen wird getilgt $. 8 ßat^tlsC und
$. 10 ovtat d* av vo iv GsTtuU^ iXäv&uvsv avzä xqBtpofiBvov OTgdtBVfitx.
Endlich wird $• 9 'EllT^anovttmal Terwandelt in 'ElXriünovTuii, Ein
grosser Uebelstand ist, dass die MotiTe der Correctureh gewohnlich
nur kurz oder auch gar nicht angegeben werden. Angehängt sind
p. 91—106 nicht weniger als 100 Theses mit Tielen.zum Theil beach-
tenswerthen Conjecturen zu den Schriften des Xenophon, Plutarch,
LiTius, Cicero, Martial u. a.
Im April 1861 promoTierte A. F. Tan de Caar mit dem spec.
eontinen» ohs». critieaa in Plutarchi viiam Dionia. Lugd. Bat., J.
Hazenberg. 69 S. 8. Der junge Kritiker geht die ganze Lebensbe-
schreibung durch und Terweilt bei allen «schweren, controTersen oder
Terbesserungsbedürftigen Stellen ausführlich. Es ist nicht zu Terken-
nen, dass mehrere Ton ihm Torgeschlagene Verbesserungen ganz ctI-
dent genannt werden dürfen, aber im ganzen entwickelt der Verf.
einen zu starken Skepticismus und Terdächtigt onehrere ganz unTer-
dächtige Stellen, wobei es an gewaltsamen Elmendationen nicht fehlt.
Historische Anmerkungen werden nicht Tiele gegeben, aber einige da-
Ton sind nicht unbedeutend. Ben Beschluss machen 50 Theses mit
einigen guten Conjecturen zu Xenophon, Cicero u. a.
Eine ältere Leydener Dissertation ist Ton G. C. Backer: de ra-
tionCf qua Romae illudy quod post legem Calpurniam dictum est re-
200 Aussage «08 Zeitoehrifton.
petundarum crimen ^ antiquitua fuit vindicatum. Amstel., Willems
1845. 64 S. 8. Zaerst wird die Bestechlichkeit der Richter , welche
schon in den Xn Tafeln verpdnt war, behandelt, p. 1—24. Das be-
treffende Gesetz der XII Tafeln wird mit unnothiger Weitläuftigkeit er-
klart und zuletzt die lex Sempronia als Ergänzung und Erneuerung
der alten Strafbestimmungen erwähnt. Dann geht der Verf. zu der
Bestechlichkeit der Magistrate und zu dem später Repetunden genann-
ten Verbrechen der Magistrate über, thut aber nichts, als alle nach
Rom gelangten Klagen der Bundesgenossen oder Unterthanen ausfuhr*
lieh zu erzählen, z. B. die Beschwerden über Marcellus, Pleminius
u. s. w. Aus diesen speciellen Fällen hätte das allgemeine theils ge-
meinsame, theils verschiedene herausgezogen werden sollen, um eine
Totalanschauung des damaligen Verfahrens zu gewinnen. Statt des-
sen werden wir durch umständliche Erzählungen ermüdet und erfah-
ren aus yielen Seiten nicht einmal so viel, als in Reins rom. Crimi-
nalrecht auf wenigen Blättern zusammengefasst ist.
— n.
Auszüge aus Zeitschriften.
Zeitachrift für daa Oymnaaialwesen ^ herausgegeben von W, J.
C. Mutzeil, V. Jahrg. Januarheft. S. 1—13: der Geist der Schule.
Aus einer am 15. Oct. 1851 gehaltenen Schulrede Ton Dr. Campe,
fuhrt in eindringlich überzeugender Weise den Satz aus, dass die
Schule der in unserer Zeit immer mehr zur Greltung gekommenen Sub-
jectiyität gegenüber den Geist des Glaubens, des Gehorsams und der
Wissenschaft zu erzeugen, zu nähren und zu erhalten habe. S. 13 —
21: wie ist der griechische Elementarunterricht zu betreiben? Von
P fitzner (Inhalt eines in der Versammlung des norddeutschen Schul-
männenrereins zu Hamburg gehaltenen Vortrags) , stellt die Forderung
auf, dass der genannte Unterricht, wenn das Griechische nach dem
Lateinischen gelehrt werde , mit der Formenlehre beginnen müsse, dass
der Lehrer den Schülern die Grammatik vertrete, wenn schon eine
solche, aber am liebsten in tabellarischer Form, in den Händen der
Schüler zur Repetition wünschenswerth , dass das Bedürfnis für die
Wahl des Stoffes und des Ganges maassgebend sei, daher sofort nach
dem Lesen mit den Declinationen zu beginnen und das nothige über
Accent und Buchstabenveränderung durch den ganzen Unterricht lau-
fend einzuschalten sei, mit einem verhuvi purum müsse die Conjuga-
gation beginnen [dies hat bereits auch Kühner gethan], dass schrift-
liche Uebungen nothwendig seien, für den Anfang aber nur in der
Aussage aas Zeitschriften. SOI
Classe anzuwenden nnd die Methode sofortigen Revidierens zn empfehlen,
dass Gehranch eines Lexikon erst, wenn das Uehersetzen und die Anfer>
tignng der Exercitien beginne, eintreten dürfe, anf Answendiglemen der
Vocaheln aber streng gehalten werden müsse. Daran schliesst sich
anter Rückblicken auf Theo bald: über Einrichtang nnd Methode
des griech. Elementarnnterrichts (Cassel 1836) eine lobende Beorthei-
lang der griechischen Grammatik ohne Worte. I.Etymologie.
Jena (nicht im Buchhandel), als deren Verf. Prof. Dr. Stoy genannt
wird, getadelt wird nur die Unterscheidung einer starken und Schwa-
chen Declination als weder dem Wesen der griech. Declination ent^
sprechend, noch zar Erleichterung des Lernens förderlich. S. 21 — 32:
Lübker: Gedanken eines Schulmanns beim Rückblick auf die jongste
Vergangenheit. Treffliche Winke. Die alles bestehende umzustürzen
drohende Vergangenheit fordert auf zur Prüfung der Aufgabe und der
Art , wie wir dieselbe zu erreichen streben. Herrorgehoben wird
1) der Mangel an erziehender Kraft des Unterrichts, an personlicher
Einwirkung, an einem Mittelpunkte. Durch das Christenthum wird
ein solcher sowohl für das Wissen (die Lehre) wie für die Erziehung
gewonnen. 2) der ^Mangel an lebendiger Anschaulichkeit der Auffas-
sung nnd Förderung der Selbstthatigkeit des Schülers. Der Abstrao-
tion muss entgegengearbeitet werden besonders bei der Wahl der
Themata zu deutschen Aufsätzen und des Lehrstoffes. Das poetische
Verdient auf allen Stufen yiei mehr Berücksichtigung als es meisten-
theils findet. Der Abstraction fuhrt der falsch behandelte Greschichts-
Unterricht ebenso zu, wie der rechte davon ab (die ganze Leetüre
muss dazu benutzt, der Stoff beschrankt, aber um so mehr die klei-
neren Partien innerlich erfüllt und sicher aufgefasst werden), desglei-
chen die Gramjnatik (die Anwendung der wissenschaftlich hochzu-
schätzenden Beckerschen Methode wird wie für die deutsche, so auch
für die alten Sprachen getadelt). Zur Belebung der SelbstthStigheit ist
empfehlenswerth, dass man gewisse Stellen gar nicht übersetzt, son-
dern dieselben nur bespricht, die Entwicklung gewisser Lehren an
Leetüre anschliesst (Rhetorik an Cic. de orat. Von Trendelenburgs
vnoxvnmCBig Xoyiwd wird die Nachahmung für andere Fächer, Ethik,
Mythologie, gewünscht) und dass man nicht immer selbst interpretiert,
sondern den Schüler (mit Vorsicht) zuweilen interpretieren lasst.
S. 33— 45: Gymnasialprogramme der Provinz Sachsen Ostern 1851,
von Jordan (ausführlicher besprochen, lobend das von Schmal feld,
8. diesen Band dieser Jahrb. S. 82 f., beistimmend das von Michaelis
vom Paedagoginm zu Magdeburg, scharfer tadelnd das von Schulze
(s. diesen Bd. S. 91 ff.), mit grosser Anericennnng das von Kallenbach,
8. a. a. O. S. 69 ff.). S. 45 — 61: Programme, angezeigt von Planer
(Cassel 1851, Celle 1849, Clausthal 1849, Emden 1848, Erlangen: BS-
derleins interpreU Thyonichi Theocriteiy Giessen: Ottos grumm.
ine. de generibu9 nomin. cet. und Rumpfs Beitrage zur Homerischen
WorterUarung und Kritik, Gotha 1851, Gottingen, Gymnasium 1849,
Halle, Hanau 1851, Osnabrück 1849, Plauen 1851, Rndolstadt des«jU^
li. JaM. f. PMi, u. Patd. Bd LXV, Hft.a. V^
SQ3 Aaszdge aos Zeitschriften.
Schweinfurt, Sondersliausen 1851, Verden 1851, Zerbst 1851 nebst Ta-'
belle über die Frequenz dieser Gymnasien). Anzeigen über A. Witts
Lehrbuch der Geographie. 2e Abth. (lobend) und Hartmanns Leit-
fiiden. 2e Aufl. (mit einigen Berichtigungen) ron Foss S. 62 — 64.
Spiess Uebungsbuch zum Uebersetzen aus dem Griechischen ins Deut-
sche und aus dem Deutschen ins Griechische, von l (S. 64 — 65, als ganz
unbrauchbar bezeichnet). Ciceros Reden gegen Catilina und für Sulla
von C. Halm, von Jordan (S. 66—73, die Ausgabe ist für die Kri-
tik epocheaiachend, aber die Kritik für eine Schulausgabe viel zu sehr
berücksichtigt, die Einleitungen zu deü Reden sind vortrefflich, die
Anmerkungen enthalten zu viel, was nicht für die Schule gehört. Ein-
zelne Bemerkungen). Cornelius Nepos von Siebeiis, von Täuber
(S. 74 — 78 genau und sorgfaltig eingehend und bei manchen Ausstel«
lungen doch sehr lobend). Schütz engb Chneetomathie. Ir Bd.. vo»
Bohnstedt (S. 79—80). Miscellen besond. paedagogischen Inhalts.
Ezercitium oder Studium? von Kapp (S. 81 — 86, s. diesen Bd. der
Jahrb. S. 78). Ueber Schulgebetbücher von Funkhänel S. 86—90.
Es ist zweckmässig bei den Schulandachten das Gesangbuch der Kir-
chengemeinde zu brauchen , unzweckmässig vierstimmigen Choralgesang
dabei zu erstreben. In den untern Classen soll der Lehrer in
der Regel das Gebet selbst lesen, Schüler nur nach vorheriger
Durchlesung [dies fordern wir auch in .den obern]. Die Schul-
gebetbücher müssen dem Standpunkte der Schule angepasst, die für
ganze Coetus bestimmten in einfach natürlicher, aber warmer Sprache
abgefasst, die Beziehung auf die besondern Lebensverhältnisse darf
nicht ausgeschlossen sein, die auf die kirchlichen Feste und auf die
Confession ist wünschenswerth, so wie Anknüpfung an die BibeU Be-
urtbeilende Besprechung der Gebetbücher von Prolss, Fritsche,
üLästner und Küchler, Daniel, Krehl [Hr. F. erklärt die Auf-
fassung des christlichen nicht nach den Vorurtheilen und vermeint-
lichen Principien einer rationalistischen oder irrationalen Schule für
die seinige und findet die Ausdrucksweise nicht natürlich, dass ein
Jüngling sagen soll, er wolle die Sünde und Eitelkeit dieser Welt
verachten und fliehn und die weltlichen Lüste verleugnen], der Schulge-
sänge und Gebete für das Gymnasium zu Corbach). — Zu Demosthe-
fies. Von demselben (S. 91. Demosth. Phil. H §. 13 Rechtfertigung der
Schäferschen Erklärung von den Worten tas ndvta %am sidtug gegen
die von Doberenz und Westermann gegebene). Vermischte Nachrich-
ten. Das evangelische Gymnasium zu Gütersloh von Rumpel (S.
92 — 98: Geschichte der Entstehung und Vertheidigung gegen erhobne
Anklagen, nebst der auf dem Elberfelder Kirchentag 15. Sept. 1851
gehaltenen Rede, s. diesen Bd. der Jahrb. S. 73). »- Lehrerversamm-
lung zu Oschersleben , von Jordan (S. 98 — 108. Gegenstand war
der deutsche Unterricht und zwar 1) Leetüre in Verbindung mit Lit-
teraturgeschichte, Beschränkung derselben auf Nibelungen und Gudrun
in der mittelalterlichen Litteratur, Herabgehn nur bis Goethe und
Schiller; entschiedene Verwerf ung der aesthetisch-kritischen Erklärung.
Auszüge aus Zeitschriften. 20d
2) die schriftlichen Uebungen : Empfehlung der Dispohierubungen, Wohl
der Themata nicht nach subjectirem Ermessen, sondern nach dem
Bedürfnisse der Schule; die freie Wahl der Themata durch die Schü-
ler KU beschranken 9 die Correctur durch dieselben de^gh 3) Sprech^
Übungen: man muss auf den freien Gebrauch der Rede von früh an
hinwirken, aber zu besonderen freien Vortragen nicht zu früh schrei-
ten und erst nach Lesung und Niederschreibung ; Declamationsübungen
etwa bis Tertia fortzuführen). — Die Verordnung über die Pensionie-
rung der Lehrer vom 28. Mai 1846 (Mittheilung der Bemerkungen tou
den Lehrercoliegien zu Duisburg, Essen und Wesel S. 108 — 110). —
Personalnotizen. — Februar März Jprilheft. Abhandlungen:
über historische Bildung und historisches Wissen. Fortsetzung. Das
Factum und die Sage. Von Dr. Campe (S. 112—146. Der Hr. Verf.
beginnt hier den Weg zu zeigen, wie die Resultate seiner frühem
Abhandlung : dass geschichtliche Bildung das Ziel des historischen Un- '
terrichts sei und demnach dem Schüler praktisch und theoretisch ein Be-
wusstsein gegeben werden müsse über die Art und Weise, wie die in der
Geschichte wirkenden Kräfte gefunden werden, ins Leben zu setzen
seien. Während er die historische Hermeneutik und Kritik in ihrer
Unzertrennlichkeit darstellt, dringt er beiläufig darauf, dass die letz-
tere auch im philologischen Unterrichte nicht von der Schule fem ge-
halten werden dürfe, wie man jetzt fast allgemein gefordert. Um in
beide eingeführt zu werden, soll der Schüler unterscheiden die ge-
schichtliche Sage, die objective und die subjectiye Geschichtschrei-
bung. Von der Sage muss dem Schüler zum Bewusstsein gebracht
werden, dass sie das Bild sei, in welchem sich ein Factum in der
Vorstellung des Volkes bilde und welche Zeit sie zu erzeugen fähig
sei, dass zu ihrem Entstehen Gedächtnis, Glaube und Phantasie wirk-
sam, dass für die Sage der causale Zusammenhang in den Ereignissen
nicht vorhanden, dass sie stets als Einzelsage (an einem bestimmten
Volke und an einzelnen Localitäten haftend) aufzufassen sei und sich nicht
durch sich selbst zu einem Sagenganzen ausbilde, dass die naturlichen
Mächte in sittliche umgebildet, dass und wie das mythische zum he-
roischen gestaltet werde. Daran, schliesst sich eine Erleuterung, wie
die Sage sich an geschichtlich vollkommen bekannte und gewisse Facta
anschliesse und bilde. Die Abhandlung gibt natürlich über das Wesen
der Sage selbst ausführliche Untersuchungen). — Ueber die Begriffe
6ti<6w(iOV und nBvavpoqa. Von Schmidt in Stettin (S. 146 — 154. Der
Satz in einem Programm: Won wirklicher Verschiedenheit der Bedeu-
tung bei gleicher Form kann doch nur bei Homonymen die Rede sein*
gibt dem Verf. Veranlassung, die Bedeutung von Oficivvfiop zu erör-
tern, das zuerst Aristoteles Categ. init. als technischen Ausdruck ge-
braucht und definiert hat. Ausser vielen andem Stellen ist Top. J^
15 in derselben Weise zu fassen, dagegen zeigen die Stellen Met. r,3
Anfang, Kf 3 Anf. und Z, 4 p. 1030*, dass er es auch nicht allein von
den in. demselben Namen bezeichneten Dingen, sondern auch von dem
Namen selbst gebraucht, noch erweitert Etb. Nic.E, 2 Auf., ja- fo
804 Anstflge ans Zeitoohriften.
gar mit Hintaiutellang des notvov Anal. post. B^ 13 a« E. Die Gram-
matiker gebrauchen das Wort in der Bedeutung ron aequivoeum ae-
quiveeanM (Dionys. Thr. B. A. 636| 26) , die späteren (Bachm. Anecd.
im p. 426, 24) aber wieder in ursprünglich freiem Gebrauch , woTon
•chon in Aristot. Met« B^ 1 eine Spur ist« Durch die Yergleichung
der Stellen über jusra^o^« (Met. d^ 12 gegen Ende. Eth. Nie. T, 9
p. 1115, 15. 19. Poet. 21 p. 1457 , 7. Die Worte des Philopon. zu
Anal. post. B, 13 p. 248**, 17 der Berliner Ausgabe werden emendiert)
wird das Resultat gewonnen, dass beide Worte gleich sehr Worte
oder Ausdrücke bezeichnen , die rerschiedene Dinge bedeuten, nur mit
dem Unterschiede, dass die Metapher nur Ton diesem oder an diesem
Orte oder zu diesem Zwecke gebraucht wird, während das Homonym
(^aequtpoean» aequivoeatum) in alier Munde ist. Schliesslich wird der
gewöhnlichen materialistischen Auffassung die richtige, wonach ein
bestimmt erscheinendes in so weit in einem bestimmten Wort Torge-
stellt und damit benannt wird, als es dem Torstellenden und benen-
nenden an der in jenem Begriffe gedachten Eigenthümlichkeit Theil
hat, entgegengestellt. — Litterarische Berichte. Programme in der
Provinz Pommern 1850, Ton Y arges (S. 154 — 163. Stralsund:
Nizze: Rede am Geburtsfeste des Königs 1849; Putbus, t. Rechen-
berg: die Wiedergeburt des Volkes in Staat und Kirche, eine Wie-
dergeburt aus dem Glauben; Anklam, Schade: Ton den Öffentlichen
Gerichten der Römer; Stettin, Rassow: über die Benrtheilung des
Homerischen Epos bei Plato und Aristoteles; Stargard, Freese: Le-
ben und Nachlass G. S. Falbes; Cöslin, Hnser: die Zeit und das
griechische Zeitwort; Neustettin, Heidtmann: Garcia de Loaysa,
Cardinal und Bischof von Osma als Beichtrater und Rathgeber Kai-
ser Karls Y im Jahre 1530. Der Inhalt wird referiert). — Bericht
über das Programm der (danisierten) Gelehrtenschule zu Hadersleben
Ton C. B. Thrige, ▼. E. E. Hudemann (S. 164—165). — Pro-
gramme aus dem Herzogthnm Sachsen-Coburg-Gotha Tom Jahre 1851,
Ton Hartmann (S. 165—170: Schneiders Prolegomena in Caüimaehi
Altüüv fragmentOj zwar ausführlich, aber mit weniger genügender
Berücksichtigung eines Hauptpunktes besprochen, wie in demselben
Jahrg. der Zeitschr. f. das Gymnasialwesen S. 51 u. 52 geschehen;
SieTers: über die Grundidee des Shakespeareschen Dramas Othello;
Ahrenss Probe einer neuen Uebersetzung des Sophokles [Antig. l^i
d31];.Trompheller: Betrachtungen über die sechs ersten Lieder im
dritten Buche der Horazischen Oden). — Programme des Fürstenth.
Schwarzburg-Sondershausen 1851. Yen demselben (S. 171 — 172).
Meyer: Goethe über Art und Unart, Freud und Leid der Jugend und
ihrer Erzieher. Yen Hudemann (S. 171—175: Inhaltsangabe und
ausführlicher Nekrolog F. E.Meyers, Rectors zu Eutin). — Schmidt
und Wensch El^nentarbuch dergriech. Sprache. 3e Aufl. Yon Gott-
schick (S. 176—180. Unter Anerkennung mancher Yorzüge wird die
Aufnahme Ton solchen Sätzen gerügt, in denen nicht bekannte Wortformen
vorkommen, zumal wenn diese gar nicht oder nicht richtig erleutert
kuBZüge aas Zeitoehriflen; SOS
sindy oder so, dass n.cht Einaicht in den Satzbav nnd die gramma*
tische Fngnng eneugt wird, femer die Aufnahme Ton längeren Stucken
aus Xenophona Anabasia als der spatem Lectfire dieses Baches nach-
theilig, nnd der geographischen Abschnitte, weil ans ihnen trotz lang-
samen Fortschreitens doch keine klare Anschannng gewonnen werden
könne« Viele berichtigende Bemerkungen zu einzelnen Stellen). —
Sophokles Aias nnd Philoktet. Erklärt Ton Schneidewin. Von
Wolf f (S. 180—187, sehr lobend. Bei der Angabe der Gmndidee des
Aias wird darauf aufmerksam gemacht, dass in den griech. Tragoedien
den Kern gleichsam concentrische Kreise umschliessen ; so hier zo-
nächst Aias Heroenthum, dann das Auflehnen des Einzelwillens gegen
Rechtsspruch und Ordnung, Ueberhebung der Einzelkraft gegen die
göttliche, Sieg der Idee des Rechts und der Frömmigkeit, endlich als
dritter äusserster Kreis, wie überall, die Idee der Sophrosyne, des
sittlichen Masses. Ys. 21 wird &a%o%ov erklärt: dunkle Thai, eoe-
€umfatinu9y Aesch. Choeph. 803. Vs. 44 sollte es eigentlich «al yaQ
heissen, aber wegen der Frage trete für yuQ i} ttn. Ys. 72 nach
Thiersch im Münchner gel. Anz. Bd. 32. S. 429. Ys. 81 ff. : vv9 ist
Jetzt, wo er wahnsinnig ist. Gegensatz gegen fpifovovvxa. Ys. 134
Thierschs (S. 431) dni»l99 gebilligt. Ys. 204 ti^Io'^sv wird nach
Krugers Gramm. $. 50, 8 Anm. 17 erklärt. Ys. 334 zu iiÄXlov wird
dnvä dnovösa^s ergänzt. Ys. 822 Thierschs (a. a. O.) Abweisung des
Humors wird gebilligt. Ys. 854 die Annahme der Ironie zurückgewie-
sen. Im Philoktet wird auf den Conflict aufmerksam gemacht: das
Ankämpfen des Eigenwillens aus freilich motiviertem Rachegefuhl ge-
gen den erklärten Götterwillen , der Sieg dieser hohem Bestimmung
und der Sorge für das Gemeinwohl über die Sorge des einzelnen für
sein personliches Interesse. Ys. 128 xqinoiQ als dat. instr. gefasst.
Ys. 758 und 800 der erzwungene Humor abgewiesen. Ys. 908 sei der
Sinn: ich habe dem Philoktet unsere Absicht betrügerisch Terbor-
gen, darin habe ich mich einmal schlecht gezeigt. Wenn ich nun
tage, wozu mich O. beredet, so zeige ich mich zum zweiten Male
schlecht, nemlich untreu gegen die Griechen. Die Conjectnren in bei-
den Stücken werden angeführt, zum Theil gebilligt, zum Theil abge-
wiesen, doch ohne Begründung der Ansicht). — Eyths Uebersetznn-
gen Ton Homers Hias und Sophokles König Oedipns. Yen Enger
(S. 187^198: eingehende, aber Terwerfende Recension. Der Grand
des Tadels wird nicht auf Rechnung der Unfähigkeit oder Ungeschick-
lichkeit, sondern auf die Falschheit der angenommenen prosodischen
Grundsätze gesetzt. Die Uebersetzung des Sophokleischen Stfiokei
wird metrisch besser gefunden, aber der Mangel genügender Yorstn-
dien gerügt). — Quintilians 10. B. erklärt Ton B o nnel 1. Yen Schatz
(S. 198 — ^205. Nach des Rec. Ansicht kann Qnintilian wegen nothwen-
digerer Leetüre nicht stehende in Prima sein, sondern muss demPriTatstn-
dium überlassen werden. Die Ausgabe wird gebührend belobt. 1, 8
schlägt Rec vor quod euique loco^ 1, 13 wird lieei vorgezogen,
1,26 modleste, 1,62 Sf eticAoricM, 1,% derSpaldingsohenEmend.
206 AttBxag'6 aas Zeitochriflen*
f)ariu$ f&r varii» figuris beigetreten; 1, 100 emendiert quam
für quando oder cum; 1, 102 elaü vir inffenii Torgezogen; 1^ 104
emendiert: nee immerito: perlueet libertas [remutit l, ans der
Lesart des cod. Bamb. zu machen , wagt Rec. nicht], quamquam
tireumcisisj quae dixisae et noeuerii» Dass der grosse un-
genannte Tacitns sein könne, wird wegen der Zeit, wo dieser als
Schriftsteller anftrat, und wegen der Unvereinbarkeit der Aenssernng
über ihn mit dem, was er Ann. I, 1 und Hist. I, 1 sagt, bestritten.
1, 127 auf sattem vorgezogen; 8, 20 die aufgenommene Lesart gebil-
ligt, aher fuerit beibehalten. Nicht gebilligt werden die aufgenom-
menen Lesarten 3, 32; 5, 1; 5, 14; 5, 22; gebilligt 7, 3, aber für
oratio vorgeschlagen actio; vorgeschlagen femer 7, 5 sciemua ; 7, II
quo iubentur; 7, 32 de his ; 1, 16 wird ambitus durch 'Skizze' zu
übersetzen gerathen, ], 32 lactea ubertas als leichtere einfache Kost
der schwereren, derberen wie sie Salust beut, gegenüber erklärt.
1, 86 wird ut Uli natura caelesti gewünscht; 3, 26 cum mit dem Ind.
'wenn einmal' = 'da einmal' erklart; 6, 6 nnr das Subject des vor-
hergehenden Satzes ergänzt: 'das aber wird geschehn, dass das, was
wir im Geiste umfasst haben, ruhig dahinfliesst, nicht aber zulässt
(also verhindert), dass man besorgt und zurückblickend und allein
von dem Verlass auf das Gedächtnis getragen nicht vorwärts blickt ')•
' — Böhmes latein. Chrestomathie. 3e Aufl. von Mühlmann. Von
demselben (S. 205 — 210. Die SoVge des neuen > Herausgebers für die
Anmerkungen wird gelobt, aber das Buch sowohl in sprachlicher —
wegen der Zusammenwürfeln ng ans den in Zeit, Charakter und Stil
verschiedenartigsten Schriftstellern — als in sachlicher Hinsicht —
keine dem historischen Unterrichte entsprechende Ordnung , keine Re-
sultate neuerer Forschung, ja sogar Unrichtigkeiten — unbrauchbar
und gewis nicht an Nepos und Caesars Stelle zu setzen befunden). —
Loschke vom rechten Gebranch der Conjunctionen quod, ut, ne,
quo, quominus, quin etc., so wie des Acc. c. Inün. Von Am eis (S.
210 — 216. Relation um das Buch der Beachtung zu empfehlen; doch
werden die häufigen Annahmen von Ellipsen getadelt). — Lateini-
sche Lesebücher. Von Lehmann (S. 217 — 228. Nach einigen
Bemerkungen über die Methode, bei der auf die Handhabung durch den
Lehrer das Hauptgewicht gelegt wird, wird an dem S p i e s s sehen Ue-
bungsbuch (4e Aufl.) der Mangel eines alphabetischen Wörterverzeich-
nisses gerügt und die Voranstellung der Vocabeln als nicht unbe-
dingt dem Memorieren forderlich bezeichnet, das ganze trotz mancher
Ansstellungen als den Beifall des paedagogischen Pnblicums verdie-
nend, weil der Standpunkt des lernenden überall seine Berücksichti-
gung finde. An der latein. Grammatik von Richard (2e Aufl.) ver-
misst zwar der Rec. die strenge Festhaltung des Bedürfnisses, welches
der lernende habe, erkennt aber die Branchbarkelt an. Bas latein.
Klementar- und Lehrbuch von Schonborn, der in der 2ten Aufl. den
engen Anschluss an die Muttersprache gesucht, werden als dnrch
ffignen Gebrauch erprobt empfohlen; an der Elementargrammatik von
Auszüge aus Zeitschriften. 207
Herrmann aber (2e Aufl.) eine kürzere und praecisere Umarbeitung
als wunschens^erih bezeichnet). — • Noels prakt. franz. Grammatik^
Ton Schade (S. 228—2^. Ungeachtet mancherlei Ausstellungen als
nützlich erkannt). — Mittelhochdentsches Lesebuch von Weinhold,
von Holscher (S. 233 f. Gelobt. Statt des Iwein, der am besten
der Privatlecture zu überlassen, wird der arme Heinrich gewünscht;
eben so die Weglassung der mittelhochdeutschen Prosastncke, in der
angehängten Grammatik das Zurückgehen auf das Gothische nicht
zweckmässig gefunden). — Kehreins Proben der deutschen Poesie
und Prosa, f. 2e Aufl., von dems. (S. 235 f. Gelobt, aber zu grosse
Fülle der Proben und der Mangel eines Wörterbuchs für den Ge-
branch in der Schule hervorgehoben). — Stacke Erzählungen aus d.
griech. Geschichte, Ton dems. (S. 236" f. Empfohlen). — Gallen-
kamps Elemente der Mathematik und das Programm de eonnais"
sanee» exig^ea pour Vadmission ä Väcole polytecknique, Paris Ha-
chette, die Redaction besorgt Ton Le Verrier, empfohlen von Joa-
chimsthal (S. 237—38). — Zweiter Thell der Schulnaturgeschichte
Ton Lennis. 2e Aufl. und Körbe rs Grnndziige einer allgemeinen
Naturgeschichte, letzteres Buch fiir Schüler oberer Gymnasialclassen
und angehende Studierende, empfehlend beurtheilt von Wunsch-
mann (S. 239 — 42). — Verordnungen: Circnlar des Provincial-Schul-
Colleginms zu Breslau vom 12. Oct. 1851 (S. 243 f. Die lateinische
Interpretation der Schriftsteller wird als nicht im Sinn^ des $. 23*
des Abiturienten-Prufungs-Reglement liegend und dem Verständnis we-
niger förderlich gemisbilligt, zu der wiinschenswerthen Festigkeit Im
mündlichen Gebrauche der latein. Sprache freie Vorträge, Disputa»
tionen, Memorieren der sogenannten lumina orationis empfohlen). —
Ministerialinstruction, die Einrichtung der Maturitätsprüfungen der
herzogl. nassauischen Gymnasien betreffend vom 16. Januar 1852 S.
244 — 54 [wird von uns im Archiv vollständig mitgethellt werden]. — ^
Miscellen. Zu Vergil. Von Haeckermann (S. 255 — 267. Aen, IT,
74, 75 wird die Erklärung der Worte: quae ait fiducia capti: 'wel-
ches Vertrauen man dem Gefangenen schenken könne* als sowohl von
den Gesetzen der Sprache, wie von dem Znsammenhange gefördert
dargestellt. In demselben Buch 431—34 wird die Interpunction vi-
ees Danaum gegen Ladewig und Peerlkamp, so wie die Verbin-»
düng von ut caderem mit st fata fuisaent, wofür indes iulis"
»ent als gefälliger bezeichnet wird, und von manu mit meruisHe
vertheidigt. Vs. 3 — 8 wird interpungiert : Infandum, regina, tu*
he8 renovare dolorem, Troianas ut opea — fui — quis talia fando
— Temperet a lacrlmh?) — Vermischte Nachrichten. Ansfnhrlich«
Beschreibung des vom Director F. A. Gotthold am Fried richscollc-
gium zu Königsberg in Preussen am 12. Octob. 1851 gefeierten 50Jäh-
rigen Amtsjubiläums (S. 268—292. Als dazn verfasste Schriften wer-
den, aber ohne alle weitere Angabe, erwähnt: E. Hagen: ad F. >/.
Gottholdium de Ciceronh Catillnarih, Königsberg, Friedrichscoll.
Kock: über den Aristotelischen Begriff der Katharsis in der Tragoe»
208 Ausz&ge aus Zeitochriften.
die. Elbingen. Jansen: de Chraeei sermonis nominihus in ig demi-^
nutivi». Thom). — Zur Kenntnis des Erziehongs- und Unterrichts-^
Wesens auf den pommerschen Gymnasien. Von Lehmann (S. 282 —
305« Eingehende, den Yolkscharakter und die daraus für Erziehung
und Unterricht hervorgehenden Bedingungen berücksichtigende, die all«
gemeinen uitd besonderen Verhältnisse aus den Programmen rieler
Jahre darlegende Darstellung. Eingewebt sind Bemerkungen über
allgemein wichtige oder herschende paedagogische Fragen). — Der
Eiberfelder Kirchentag und die Gymnasien. Von Schmitz (S. 306—
316. Da wir in unsern Blättern über den Kirchentag noch nicht be-
richtet haben, so thun wir dies hier. Für 4ie Frage über christliche
Gymnasialbildung waren der Reg.-Rath Dr. Landfermana zum Re-
ferenten und der Director des Gymnasiums zu Gütersloh Dr. Rum-
pel zum Correferenten gewählt. Des letztern Rede ist in der pae-
dagogischen Reyue und in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen
1852 S. 316—327 mitgetheilt. Ihr Inhalt ergibt sich aus den zur
Besprechung gestellten Sätzen: 1) Unsere Gymnasien, wie die Schu-
len überhaupt sind nur ^in Factor der Jugendbildung neben Tielen
andern nicht minder einflussreichen. Ihnen dürfen weder die erfreu-
lichen Erscheinungen in der allgemeinen geistigen Entwicklung und
Richtung ihrer Zöglinge als Verdienst, noch die unerfreulichen als
Schuld ausschliesslich beigemessen werden. 2) Unsere Gymna^
sien als Anstalten für allgemeine, den ganzen Menschen erfassende,
grundlegende Bildung künftiger Leiter und Träger unsers Volkslebens
haben die Aufgabe, mit dafür zu wirken, dass ihre Zöglinge grund-
legende Erkenntnis sich erarbeiten und in dieser Arbeit ihr Erkennt-
nisYermogen entwickeln und kräftigen, sodann, dass deren Wille ger
reinigt und geheiligt werde. In christlicher Bildung, d. h. in der
Einhdt christlicher Erkenntnis und christlicher Heiligung, findet die
Arbeit der Gymnasien, wie der Schule überhaupt, erst ihren wahr-
haften Abschluss (die Aufgabe des Gymnasiums , die sich in den Wor-
ten zusammenfassen lässt: »apere et fari^ muss znrtaptens et eloquen»
pietas verklärt werden). 3) Wie ein christliches Volk solche christ-
liche Bildung für seinen künftigen Leiter fordern muss, so sind auch
unsere Gymnasien nach Stiftung, Herkummen, ausdrücklichen gesetz-
lichen Bestimmungen (in der Rede wird auf das Generallandesschul-
reglement Friedrichs des Grossen und das preussische Circularrescript
vom 28. Juni 1826 hingewiesen) und einer ununterbrochenen Reibe ad-
ministrativer Anordnungen berufen und verpflichtet, christliche Bil-
dung zu erstreben. 3) Dem entsprechend ist auch die factische Lehr-
verfassung unserer Gymnasien mit der Aufgabe , christliche Erkenntnis
in dem Masse, wie sie dem künftigen Beruf ihrer Zöglinge entspricht,
zu fördern, nirgends in principiellem Widerspruch, vielmehr, wenn
auch mit Mängeln behaftet (diese sind aus 5) zu erkennen), doch an
sich wohl geeignet diesem Zwecke zu dienen und jeder Verbesse-
rung in dieser Richtung fähig. Insonderheit gilt dieses von den Un-
terrichtsgegenständen der Gymnasien, namentlich den umfassendsten
Auszüge aus Zeitschriften. 209
derselben» der Mathematik , der Geschichte und Torzugiich den Clas-^
(sikern (in der Rede werden der Hass und die Furcht vor den alten
Classikern als unprotestantisch und unchristlich bezeichnet , die Be-
schäftigung mit ihnen aber als der ausschliesslichen Richtung der Gei-
ster auf das handgreifliche , auf den Bedarf des sinnlichen Lebens»
demUtilitarismusy der Tom Materialismus ausgeht und im Materialismus
endet» entgegenarbeitend» das Bewusstsein von der Einheit» der Zu-
sammengehörigkeit der ganzen Menschheit erweckend und dadurch den
Weg zur Erkenntnis Ton der gemeinsamen Schuld und dem gemein-
samen Heil bahnend» endlich durch ihren ethischen Gehalt die Kennt-
nis des Gesetzes fördernd und dadurch zu Christo hinführend» der
christlichen Propaedeutik dienend dargestellt). Ein gleiches ist Ton
den Grundsätzen und Normen zu behaupten» welche für die Zucht
unserer Gymnasien, für deren Arbeit an der Willensrichtung ihrer
Zöglinge gelten. 5) Die Mängel und Schäden unserer Gymnasien, so-
wohl die an ihrer Verfassung allgemein bemerklichen, als die an ein-
zelnen Anstalten und deren Mitarbeitern hervortretenden, namentlich
Mangel an einem Zucht und Unterricht durchdringenden christlichen
Geist sind nicht den Gymnasien eigenthümlich» werden nicht von die-
sen selbständig erzeugt» sondern sie wurzeln in den Mängeln und
Schäden des gesamten Volkslebens und haben wesentlich aus diesem
und mit diesem ihre Heilung zu finden« 6) Das christliche Volk hat
weder Anlass noch ist es berechtigt die Gymnasien aufzugeben» dar-
auf zu verzichten, dass sie der Pflicht an christlicher Jugendbildnng
zu. arbeiten nachkommen. Vielmehr hat es» wo das Bewusstsein von
dieser Pflicht der Schulen bei den Lehrern, den Aufsichtsbehörden
und im Volke selbst verdunkelt ist» desto nachdrücklicher auf diesel-
ben zu dringen; dafür zu sorgen» dass Individuen» welche der Auf-
gabe an christlicher Jugendbildung mitzuarbeiten nicht gewa'^hsen
sind, dem Lehrerstande fern gehalten» dagegen immer mehr vom le-
bendigen Christenthum durchdrungene und in jeder Beziehung für ihre
Aufgabe wohlbefähigte Individuen ihm zugeführt werden; es hat Män-
nern, die in solchem Sinne an den Schulen arbeiten» Vertrauen und
Anerkennung zuzuwenden; es hat daran zu arbeiten, dass ein Geist
nicht der Oberflächlichkeit, der phantastischen Vielwisserei , des Ar-
beitens für den Schein, des Utilitarismus , der lieblosen Zucht in rein
äusserlicher Legalität oder der schlaffen und frivolen Zuchtlosigkeit
aus den Familien und dem Volke einströme in die Gymnasien , in die-
sen wuchere, und von ihnen aus zurückwirke auf das Volksleben, son-
dern der diesem allem entgegengesetzte christliche Geist. Endlich
hat das als Kirche organisierte christliche Volk Sorge zu tragen, dass
die in einem wichtigen Dienst der Kirche stehenden Gymnasien und
ihre Lehrer eine klare, bestimmte und richtige Stellung in der Kirche
erlangen. Der Correferent Dr. Rumpel erklärte sich mit dem Ref.
im allgemeinen einverstanden, aber die Gymnasien seien in der Regel
nicht christliche Anstalten, sondern vom Glauben abgefallen, und die-
ser Abfall nicht im offenen Auflehnen gegen da^ Christenthum, son-
SlO Auszüge aus Zeitschriften.
dem in humaner Weise wissenschaftlich gerechtfertigt erfolgt ; er ver-
werfe die classischen Studien durchaus nicht, aber die unchristliche
Behandlung derselben; der Ueberschätzung des Alterthums müsse ent-
gegengearbeitet und diesem seine rechte Stellung zum Christenthum
angewiesen werden; wohl sei in den preussischen Gymnasien yieles
zur Verbesserung der Gymnasien in christlichem Sinne geschehn, der
Religionsunterricht gut geordnet, auch in die Behandlung der Wissen-
schaft christliches Licht hineingedrungen, aber es sei noch vieles zu
thun, und dazu gehörten ebenso wissenschaftlich tüchtige wie christ>
lieh gebildete Lehrer; die Mehrzahl der Lehrer sei dem Christenthum
fremd und nicht einmal die Religionslehrer fiberall von echt christ-
lichem Geiste beseelt ; weil der Staat nicht augenblicklich geben könne
was noth sei, so seien christliche Privatgymnasien gefordert und er-
richtet worden. Diese Beschuldigung fand Dir. Vomel aus Frank-
furt a. M. zu hart und schlug für 'christliche* 'kirchliche Gymnasien*
vor. Gegen die Gymnasien sprachen Pastor Feldner ans Elberfeld
und Dr. Krummacher aus Berlin. Prof. Müller aus Halle und Dia-
conus Kaiser aus Wurtemberg wünschten Theologen als Lehrer und
die Herstellung der alten christlichen Ordnungen. Pfarrer Mann aus
Baden empfahl die Leetüre der lateinischen und griechischen christ-
lichen Schriftsteller vor den classischen. Der Beschluss der Versamm-
lung lautete : ' unsere Staatsgymnasien sind ihrer Fundation und Ein-
richtung nach christliche, d. h. zur Forderung christlicher Jugend-
bildung bestimmte Anstalten und wenn sie in nnsem Tagen in dem-
selben Masse dieser Bestimmung nicht entsprechen, als Sitte und
Bewusstsein unseres Volkes überhaupt dem Christenthum entfremdet
ist, so ist dies kein Grund sich von denselben zurnckzuziehn , sondern
verpflichtet dies die evangelische Kirche und jeden evangelischen Chri-
sten vor allem, dahin zu wirken, dass sie dieser ihrer Bestimmung
vollständiger entsprechen. Privatgymnasien können bei den gegen-
wärtigen Verhältnissen nützlich sein, insofern sie durch den christ-
lichen Geist , der in ihnen herscht , eine heilsame Nacheiferung solcher
Staatsgymnasien veranlassen können, da, wo dies weniger der Fall
ist.' In dem oben erwähnten Aufsatze erklärt sich nun Hr. Schmitz
über folgende Punkte : die Ueberschätzung des Alterthums sei nicht zu
fürchten, weil es unmöglich sei die Wahrheit der Geschichte den Schü-
lern zu verschweigen, da>s die Griechen und Römer da sein mussten,
um dem Christenthnme Bahn zu brechen und dasselbe Wurzel fassen
zu lassen, und dass sie zusammensanken und zusammenfielen vor der
grössern Kraft und Macht des Christenthums. Wenn man unter
christlicher Behandlung der alten Classiker eine solche verstehe, die
es nicht unterlasse, die Verschiedenheit ,der Vorstellungen des Alter-
terthums und des Christenthums hervorzuheben, so liege dies ausser
dem Bereiche der Schule und werde das jugendliche Gemüth nur
verwirren; die Schüler brächten ohnehin nur ein geringes Mass von
Einsicht in das Leben des Alterthums davon. Dass der Religionsunter-
richt untüchtigen Männern zugewiesen werde, müsse er aus seiner
Auszüge aus Zeitschriften. 21t
4
Ki-fahrnng bestreiten, ebenso wie die Behauptung im Berliner kirch-
lichen Anzeiger 1851, 37. S. 147, dass derselbe in den meisten An-
stalten zwischen 4, 5, 6, ja bis 9 Lehrern yertheilt sei. [In demsel-
ben Hefte der Gymnasialzeitung S. 346 — 349 hat Mütze 11 durch
statistische Tabellen ans dem Jahre 1847 nachgewiesen, dass unter
128 höheren Lehranstalten Preussens 41 je 1, 26 : 2, 26:3, 14:4,
7:5, 6:6, 5:7, 2:8, 1:9 Religionslehrer hatten. Im folgenden
Heft S. 428 — i31 rechtfertigt Director Poppe in Frankfurt a. O. den
Umstand, dass an seinem Gymnasium 5 Lehrer den Religionsunter-
richt haben als den Verfugungen der vorgesetzten Behörden entspre-
chend, und deshalb, weil, wenn der Ordinarius die Zucht aufrecht
erhalten und die Erziehung hauptsachlich leiten solle, die Ertheilung
des Religionsunterrichts durch ihn wünsch enswerth sei]. Die Behaup-
tung, die Mehrzahl der Gymnasiallehrer sei. dem Christenthume fremd,
sei ungerecht und hart; wolle der Staat bei Anstellungen auf äussere
Beweise davon sehn, so werde er Heuchler bilden und ein Unrecht
begehn gegen manche, die in christlicher Bescheidenheit und Demuth
sich ferft halten, oder gegen andere, die erst nach langen Prüfungen
erkennen, dass Christum lieb haben besser ist denn alles wissen. Die
alten christlichen Schriftsteller könnten nicht gelesen werden, solange
sprachliche Bildung Zweck des Unterrichts sei; der Wiedereinführung
der alten christlichen Ordnungen bedürfe es nicht, da sie an den
meisten Gymnasien, wenigstens am Rhein noch bestehn [Lehmann in
dem oben angeführten Aufsatze über Pommern sagt S. 293: 'zur He-
bung der religiösen Einwirkung auf das Gemnth fehlt es leider mei-
stens bei uns an den nöthigsten Institutionen, zu denen ich Kirchen-
besuch iii Gemeinschaft mit den Lehrern, taglichen oder doch wöchent-
lichen Beginn und Beschluss der Lectionen mit Gesang und Gebet,
eigene, der Fassungskraft des Knaben angemessene kurze Predigten
und gemeinsames Communicieren rechne]; geschärfte Prüfungen in der
Religion würden nichts helfen; Theologie und Philologie in den Stu-
dien zu vereinigen sei jetzt nicht mehr möglich). — Protokolle über
die Verhandlungen der paedagogischen Section bei der Philologen-
versammlung zu Erlangen. Von Eckstein (S- 327—341. S. unsern
LXV. Bd. S. 94f.). — Ausserdem noch verschiedene Nachrichten, un-
ter andern S. 345 über den Fortgang der Bibliotheca Teubneriana und
auf derselben Seite eine Berichtigung von Classen zu Heft 12 des vo-
rigen Jahrgangs: die drei Modificationen des Praeteritnms werden an-
schaulich in den drei griechischen Bezeichnungen xqovo^ nocQCCTCiTtiiOs
(Imperf.), naQnyisfysvog (Perf.) und doqiöTog. D.
Schill- and PenoualBaohriehten,
Schul- und Personaltiachrichten, statisÜsche und andere
Mittheilungen.
AltedbüRG. Von den duigcn honoKl. Friedrichi-Gjmnuiitm lie-
gen niu die Berichte aiu den Jahren Oitem 1819 — 1853 tot. Der
Lehrplan nach folgendem Schema!
1
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cnnda.
Hittel-
aecanda.
Ünterse-
cunda.
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6
6
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2
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2
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1
2
3
34
33
33
31
30
wurde nnr mit der ala vortheilhaft bewährten Einrichtung, daai meh-
rere griechische and lateinische Schriftsteller nicht mehr wie früher
oeben, sondern nach einander gelesen wnrdea, bia Ostern 1850 be-
folgt, voD da an aber folgender eingefShrt:
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2
1
2
31
Man sieht, das« die Veräudemngen anf folgenden Grandiätzen baiiert
sind: 1) allen Classen möglichst gleich viele Stunden, aber nicht über
33 inznweisen, 2) den Unterricht im Deutschen und in der Mathema-
tik lU Termehren, 3) die Zahl der nicht obligaten Fächer xa Termin-
dem. Sie giengen also ans dem Bedäifnisae hervor, tbeils bestimmten
Fächern grüisern Raum zu verschaffen, theils ohne Termehrong der
Lehrkräfte die in einielnen Claesen zn erhöhende Stundenzahl ans-
fSllen zu können. InSelectaward die Stunde für da« Deutsche durch den
statistische and andere Mittheilangen. 213
Wegfall der für praktische Logik bestimmten , ohnehin schon meist sn
freien Vortragen verwendeten Standen gewonnen. Die Yerminderang
der latein. Standen (es fiel die Recitation hinweg and 1 Stande Lee*
türe) ward darch die Rücksicht aaf die Lehrkräfte and die Stunden-
zahl geboten 9 sie ermöglichte das Englische obligatorisch zu machen.
In Prima ward die dem Deatschen zuzulegende Stunde dem Lateint-r
sehen (Prosodie) entzogen. In Obersecunda musste ebenfalls das
Lateinische eine Stunde an die Mathematik abgeben, in Mittelseeoinda
der Geschichtsunterricht; in Untersecunda ward der Religionsunter-
richt Ton 4 auf 3 Stunden gemindert, dem Griechischen 1 Stande ent-
zogen, dem Lateinischen dagegen zugelegt. Die früher üblichen £r-
bauungsständen nach dem Ende der Oster-, Sommer-, Michaelis - und
Weihnachtsferien wurden wieder eingeführt. Das Gymnasium Terlor
am 12. Sept. 1850 durch den Tod den ältesten Lehrer (seit 1800), den
Zeichenlehrer Prof. C. Schmidt (Verf. folgender Schriften: Charak*
teristik eines höheren paedagog. Zeichenunterrichts 1820. Zeitgemässe
Ansicht des Gymnasialzeichennnterrichts 1847) , und am 4. Januar 1851
den Ephorus Generalsuperintendent Dr. Pritsche. Dem Lehrer
der neueren Sprachen Dr. Frdr. Kohler ward am 20. Mai 1851 der
Titel Professor, dem Director Dr. H. E. Foss am 8. Februar 1852
der Titel Schulrath beigelegt. Die Frequenz gibt folgende Tabelle:
Gesamtzahl. Sei. I. II«. 11^ U«. Abitaiient.
Ostern 1848 200
„ 1849 189 33 38
„ 1850 176 29 39
„ 1851 154 27 34
„ 1852 147 29 28
Grossherzogthum Baden. Schluss des Berichts über das Schul-
jahr 1850 — 51. Durch Verordnung des grossherzogl. Oberstudienraths
Tom 18. Febr. 1850 ist zu $. 34 der Schulordnung für die Gelehrten-
schulen Tom 18. Febr. 1837 folgende Bestimmung gegeben worden:
*An die Directionen sämtlicher Lyceen und Gymnasien sieht man
sich zu der ausdrücklichen Erklärung Teranlasst, dass die wissen-
schaftlichen Beigaben zu den Programmen, auch wenn sie nicht Von
dem Director Terfasst sind, dennoch stets unter der Verantwortlich-
keit des Directors erscheinen. Die Directoren sind daher gehalten Tor
dem Drucke einer Abhandlung, die als Beigabe zum Programm dienen
soll, jedesmal genaue Kenntnis Ton derselben zu nehmen und nur
nach dieser Kenntnisnahme den Druck Teranstalten zu lassen.* — An
dem Gymnasium zu Bruchsal ist während des genannten Jahres im
Personale nur ^ine Veränderung Torgekommen, indem der geistliche
Lehrer Magon auf seinen Wunsch wegen seiner Gesundheit aus dem
Lehrstande entlassen wurde und in die Pastoration zurücktrat , an
seine Stelle aber zu Anfang des Schu^ahres der Cooperator Riegel
Ton Wertheim berufen ward. Die Hoffnung, welche Ton dem Director
der Anstalt Prof. Scherm im Programme des Torigen Schaljahres
ausgesprochen worden war, eine Schülerbibliothek gründen sa kdn-
17
42
49
27
16
36
41
31
12
34
33
26
14
32
42
16
12
814 Schal - ttiid Personalnachrichten,
nen ist in Erfällung gegangen, indem die Behörde für die Budgetjahre
X851 und 1852 je 100 fl. aus den Mitteln der Anstalt , von da an aber
ein jährliches Aversum genehmigt hat* Auch die Armenbibiiothek ist
zu Stande gekommen und zwar in der Art, dass schon jetzt keiner der
unbemittelten Schüler der nöthigen Hilfsmittel entbehrt. An Stipen-
dien wurden 1050 fl. \erliehn (700 fl. aus dem landesherl. kathol.-
iheolog. Stipendienfond: 4 ä 50 und 5 k 100 fl., und 350 fl. aus der
Casse für arme* Studierende : 3 ä 25 , 5 ä 45 und k 50 fl.)« Die An*
•talt war von 141 Schülern besucht (109 Kathol., 17 Evuigi, 16 Isr.).
— An dem Lyceum zu Carlsruhe ward das Schnljafirmit dem 6. Sep-
tember 1851 geschlossen, da das Ministerinm dei Innern der Bitte der
Direction um eine mehrwochentliche Vacanz während des Juli , welche
die persönlichen Verhältnisse mehrerer Lehrer yeranlassten , entspro-
chen hatte. Bei Unwohlsein einzelner Lehrer leisteten die Lehramts-
eandidaten 6. Arnold und W. Schmidt bereitwillig und uneigen-
nützig Unterstützung '*'). Im letzten Spätjahre trat nach tüchtiger
Wirksamkeit aus dem Lehrerkreise der Praktikant Dr. Haus er, da
durch die auf Antrag der Conferenz erfolgte Wiedervereinigung einer
▼orher getrennten Classe der provisorisch hiefür herbeigezogene Leh-
rer entbehrlich wurde. Zum Vorstände des Verwaltungsrathes wurde
nach dem Tode des Geheimen Raths Deimling der Geh. Finanzrath
Schmidt und nach dessen Ablehnung, wobei er jedoch seine bishe-
rige Stellung im genannten Collegio beibehielt , Domänendirector H ei-
bin g ernannt. Die Frequenz betrug 605 (4 mehr als im vor. Jahre,
226 in der Vorschule, 379 im Lyceum; 353 evangel. Confession, 187
Kathol., 65 Israel.). Im Laufe des Jahres gewann die Anstalt Mittel
zu dem seit 1835 vertheilten Gerstnerschen Preis einen zweiten zum
Andenken Hebels zu yertheilen. — An dem mit der höheren Bürger-
schule vereinigten Lyceum zu Constanz wurde durch hohe Entschlies-
snng vom 27. Juli 1850 dem Prof. Seiz die nachgesuchte Entlassung
doch unter Beibehaltung des Unterrichts in der Physik gewährt, an
«eine Stelle am 30. Sept. dess. Jahres der Reallehrer Lehmann aus
Offenhurg berufen und übernahm den mathematischen und den bisher
aushilfsweise vom Lehrer Holzapfel ertheilten naturhistorischen Un«
terrichty so wie später den deutschen Sprachunterricht in Prima und
Oberquarta. Der Lehrer der höherti Bürgerschule J. B. Leiber ward
auf sein Ansuchen am 4. Oct. 1850 in die Pfarrei Oberhomberg ver-
setzt, an seine Stelle aber am 2. Dec. der Lehramtspraktikant Kern
«ingeführt. Im Wintersemester war der Director, gei&ftlicher Rath
Schmeisser durch Krankheit mehrere Monate an Ausübung seines
Berufs gehindert und wurde in der Direction von Prof. Hoffmann
Vertreten. In der hohem Bürgerschule wurden die bisherigen Com-
binationen von Cl. I und II im Religionsunterrichte und der beiden
Abtheilungen von Cl. II im naturhistor. Unterricht, im Lyceum die
der beiden Abtheilungen von Cl. IV im Deutschen und von Cl. V in
*) S. unten unter Todesfälle.
statistische und andere Mittheilon^en. 215
der Naturgeschichte aufgehoben, da Beneficiat Grube und Realleh-
rer Lehmann sich zur Uebernahme einer grossem Stundenzahl von
selbst bereit erklärt hatten. Schülerzahl der hohem Bürgerschule:
84 (23 mehr als im vorherg. Jahre , 69 Kathol., 15 Evang. Abgeg. 9),
des Lyceums 162 (140 KathoL, 21 Evang., 1 Israel.) — An dem
Gymnasium zu Donaueschingen trat (Beschluss vom 23. Sept. 1850)
an die Stelle des an das Gymnasium zu Offenburg versetzten Lehr-
amtspraktikanten Kappes der Lehramtspraktikant Heinemann,
früher am Lyceum zu Rastatt, mit der Bestimmung ausser dem Ordi-
nariate der II. Cl. auch den französischen Unterricht zu übernehmen,
an die Stelle des an das Lyceum zu Rastatt versetzten Vorstandes der
Anstalt, Prof. Donsbach (Entschliess. vom 26. Sept. 1850) der vor-
herige Prof. am Lyceum zu Freiburg Duffner; ferner ward der Prof.
Gagg vom Gymnasium zu Offenbarg an die Anstalt versetzt und der
Lehramtspraktikant Rheinauer, der bisher das Ordinariat der III
und den Unterricht in der Mathematik und Naturgeschichte besorgt
hatte, bis auf weiteres seines Amtes entlassen (s. unter Preiburg);
endlich empfieng der geistliche Lehrer Hoppensack auf sein Nach-
suchen die Entlassung aus dem Lehrfache, ward aber durch den unmittel-
bar erfolgten Eintritt des vorherigen Yicar in Durmersheim ,. Priester
K ö s s i n g ersetzt. Das LehrercoUegiom bestand , demnach aus dem
Dir. Prof. Duffner (Ord. in V), Prof. Sc buch (Ord. von IV*»),
Prof. Gagg (Ord. von III), Gymnasiallehrer Intlekofer (Ord. von
IV*, zugleich Bibliothekar), Lehramtspraktlcant Heinemann (Ord.
von H), geistl. Lehrer Kossing (Ord. voni), Reallehrer Weber,
evangel. Religionslehrer Hofprediger Dr. Becker, prov. Gesangleh-
rer Hofmusikus Wagner. Die Schülerzahl betrug 79, 70 Kathol.,
9 Evangel., Abgeg. 9. Aus dem landesherl. kathol.-theolog. Stipen*
dienfond wurden dem Gymnasium 425 fl. für 6 Schüler zugewiesen.
Zum Prüfungscommissar für den kathol. Religionsunterricht wurde vom
erzbischofl. Ordinariate anter dem 16. Juni 1851 Pfarrer Brunner
von Pfohren bestellt. — Am Lyceum zu Freiburg waren die Stellen
des Prof. Duffner (s. Donaueschingen), des zum pro vis. 1. Lehrer
und Vorstand am Gymnasium zu Tauberbischofsheim ernannten Pfarrer
Neumair, und des an die höhere Bürgerschule zu Müllheim versetz-
ten Lehrers Baumgarten zu ersetzen und durch die nothwendige
Trennung der Unter- und Obersexta (von 77 und 64 Schülern) in zwei
Parallelabtheilungen eine Vermehrung der Lehrkräfte geboten. Das
Lehrercollegium ward in folgender Weise ergänzt: Dir. Hofrath Nokk,
die Professoren Weissgerber (früher Dir. des Gymnas. in Bruch-
sal), Lehrer Zipp (von der hohem Bürgerschule in Müllheim hieh^
versetzt), die Lehramtspraktikanten Eble, Wörter, Rheinauer
(s. Donaueschingen, nachdem der angestellte Dr. Gartenhauer be-
reits nach einem halben Jahre an das Schallehrerseminar in Ettlingen
übergegangen war), Kappes, Schmitt, Schiegel, Bischoff,
Am mann (die beiden letzteren provis.), Reailehrer Keller, ausser-
dem evang. Decan and Stadtpfarrer KröU und Vicar Kämmerer
216 Schal - and PersoDalnachrichten,
(welche nach dem Abgange des Yicar Zenner den erangel. Religions-
onterricht abernahmen), Director Prof. Dr. Fück und Zeichenlehrer
Geasler. Znm kathol. Religionsprüfungscommissar wiurd der Dom-
capitular Dr. Fr. Haitz bestellt. Die Geldmittel der Anstalt worden
Termehrt, indem ihr (Entschl. vom 3. Mai 1851) die am Schlnsse des
Rechnungsjahres 1850 Torhandenen Actircapitalien des Fonds der auf-
gehobenen hohem Bargerschale za Mahlberg unter gleichzeitiger Ue*
berweisung aller Zinsruckstände und des etwaigen CassenTorrathes zum
Genüsse überwiesen wurden. An Stipendien erhielt sie 6600 fl., 8 k
25, 23 ä 50, 48 ä 100, 3 k 150 fl. Die Schnlerzahl war am Schlüsse
des Torhergehenden Schuljahres 441, in diesem 466 (414 Kathol., 50
Protest., 2 Israel.). — Am Lyceum zu Mannheim sah sich ausser
dem schon rorher auf unbestimmte Zeit beurlaubten Geh. Hofrath Dr.
Nusslin (s. Bd. LXII. S. 107) auch Prof. Sachs genothigt, um
seine Quiesciernng zu bitten und es schieden so zwei der bewähr-
testen Lehrer, deren Wirken in einer langen Reihe von Jahren von
dem gesegnetsten Erfolge begleitet war. Dem Prof. Behaghel, wel-
cher schon seit Juni 1850 die Direction proTisorisch geführt hatte,
wurde dieselbe auch für das Schuljahr 1850 — 51 übertragen und er
übernahm neben den Religionsstunden in den beiden obern Classen
die sämtlichen Lehrstunden Nüsslins. Dafür gab er den philosophischen
Unterricht an den Lyceumslehrer Deimling ab, der als Hauptlehrer
in die 11. Classe eintrat, während Prof. Dr. Lamey die III, Ly-
ceumslehrer Ebener V^, Lyceumslehrer Baumann VP als Haupt-
lehrer übernahmen. Eine neue, noch rüstig wirkende Lehrkraft ge-
wann das Lyceum in dem bisher in Rastatt wirkenden Hofrath S c h ar p f,
4em (Erlass vom 30. Sept. 1850) neben dem deutschen und classischen
Unterrichte in Unterquarta der hebräische in den beiden Abtheilun-
gen der zwei oberen Classen übertragen wurde. In die Lehrstunden
des Prof. Sachs, welche vorher Stadtvicar Hafenreff er vertreten
hatte, trat seit dem Anfange des Sommersemesters Lehramtspraktikant
Bauer und übernahm zugleich die Leitang des Turnunterrichts für
die oberen Classen. Da sich Prof. Roller and Lehrer Heckmann
genothigt sahen, zu Badecuren um Urlaub nachzusuchen, zugleich
viele ältere eine öftere Unterbrechung der Schulzeit durch Ferien statt
der einmaligen längern Yacanz im Herbste wünschten, so wurden
(Erlass vom 24. Juni 1851) Sommerferien vom 7. — 27. Juli gewährt.
12 Lyceisten, welche sich der kathol. Theologie widmen wollen, er-
hielten aus dem landesherl. Stipendienfond 850 fl. Im Laufe des
Schuljahres besuchten die Anstalt 250 (125 Kathol. , 101 Protest., 24
Israel.). — An das mit der hohem Bürgerschule verbundene Gym-
nasium zu Offenburg wurde für den ausgetretenen Lehramtsprakti-
kanten Büchler der Lehramtspraktikant Kappes von Donaueschin-
gen berufen, für den nach Constanz versetzten Prakt. Lehmann Prof.
Dur 1er von der hohem Bürgerschule zu Schwetzingen zur Ueber-
nahme der mathem. und naturw. Fächer bestimmt, dem Gewerbschul-
lehrer Geig es der Zeichenunterricht übertragen. An die Stelle des
statistische und andere Mittheilungen.
217
Praedieatunnerwesers Schreiber trat in gleicher Eigenschaft L um pp,
doch ward endlich das Praedicaturbenefici^im und der Reiigionsunter^
rieht am Gymnasium dem Prof. Ton der hohem Burgerschule in Ba-
den Stumpf übertragen. Die Leitung des Turnunterrichts hatte Lehr-
amtspraktikant Rapp. An- ^Itipendien erhielt die Anstalt 450 fl. (2 k
26, 6 ä 50, 1 ä 100), und ein Kurzisches zu 124 fl. auf den Antrag
des StiftungsTorstandes der Stadt Ueberlingen. Schüler waren 84
(14 mehr als im vor. Jahre, 78 Kathol., 6 Eyang.). — An dem Ijy^
ceum zu Wertheim wurde durch die Versetzung des Cooperator Rio»
gel (s. Bruchsal) und des Hospitalpfarrer Mühlhäusser (evangel.
Stadtricar in Heidelberg) der kathok und eTang. Religionsunterricht
längere Zeit unterbrochen, da den erstern Stadtpfarrer Grimm trot2
seiner Bereitwilligkeit nicht immer zu «rtheilen vermochte, der zu
Uebernahme des zweiten bestimmte Yorherige erangelische Stadtvicar
zu Carlsruhe Maurer am Eintritt verhindert ward. Als Stipendien
wurden für 8 kath. Theologie Studierende 700 fl. verwilligt. Die Scha-
lerzahl war 134 (91 Protest., 41 Kathol., 2 Israel.). — Schliesslich
geben wir nach dem grossherzogl. Regierungsblatte (1852 Nr« 2) den
Bestand der Gelehrten- und hohem Bürgerschulen im
Schuljahre 1850—51 '^) :
Anstalten. Gesamtzahl.
Lyceen.
Carlsruhe . . . • . 379
In der Vorschule . . 226
Constanz 162
Freiburg 466
Heidelberg .... 211
Mannheim 250
Rastatt 163
Wertheim 134
1991
Gymnasien.
Bruchsal 141
Donaueschingen ... 79
Lahr 129
Offenburg 84
Tauberbischoffsheim . 105
538
Paedagogien.
Durlach 67
Lörrach 100
Pforzheim 111
278
Anstalten. GesamtcahU
Zusammenstellung d. Schü-
ler in Gelehrtensch'ulen:
An Lyceen 1991
An Gymnasien . . . 538
An Paedagogien . . , 276
28Ö7
Höhere Bürgerschulen.
Baden 1 . . 119
Rheinbischoffsheim .... 8
Bretten . * 42
Buchen 58
Constanz ....... 84
Eberbach 21
Emmendingen . . . ^ . 54
Eppingen 53
Ettlingen 42
Ettenheim 66
Freiburg 100
Gemsbach 17
Heidelberg 179
Hornberg 20
Kork 18
Mannheim 204
*) Den Bestand der Gelehrten- und hohem Bürgerschulen im Schnl^
jähre 1849—50 s. in diesen Jahrb. Bd. 62. Hft. 3« S. ^<b. '^^i^*
iV. Jakrb, f. P/M. u. Paed, Bd, LXV. Hfl.«i. ^
318 Schal- BDd Pera«Mluchriclileii,
AiUUUen. Ge«ainUahl. Zusamnieniitcllune.
Mgsbach ....... 90 An Ljceen 1991
Müllheim 83 An Gjraassien . . . ■ • &38
Sdkwetsingen 61 An Pftcdagogien .... 278
Siniheiin 67 An höheren Bürgerschulen . 1587
Schepfheim 39 4394
Ueberlingen 36
Wiingea .,.■.... 41
Waldahut 32
Weinheim 53
1587
Im Spätjahre 1831 wurden von den Lyceen ond anf den Grund
der bei dem grogsherzogl. Oberstudienrathe erstandenen Maturitäte-
prSfiing zum Studium der beigesetzteo BerufsKcher auf die Univer^t-
at entlassen «) :
CaTlsmbe ....
ConHtanz ....
Freiborg ....
Heidelberg ....
Mannheim . . . ■
Rastatt
Wertbeim ....
Nachbei grossh. Ober-
dtudienrath erstanden
MaturitätHprnfung .
I 147
57 I 17 I 35 I 27 I 6 I 4 I 1
Braunschweig, Am Obergymnasium ward während der Jahre
Ostern ISäO— 53 (Ostern 18äl ward kein Programm ausgegeben) der
Lflhcplan nur insofern Terandert, dasB in Oberprima und Obersecunda
die frühere Zahl der mathematischen Stunden hergestellt und das Eng-
lische von Obersecnnda an nnter die regelmässigen Irehrstunden auf-
genommen wurde. La Lehrercollegium musste der Lehrer der Mathe-
matik Stegmann in den mathematischen Lehrstnnden noch immer
vortreten werden. Aushilfe leisteten die Schnlamtscandidaten Bran-
des, NicolaT (welcher von Ost. ISSOan sein Probejahr abhielt) und
Schäfer (seit Ostern 1851 inr Abhaltung des Probejahrs eingetreten),
der Collab. Garke und der Hilfslehrer Sack vom Progymnasium. Die
Schülerzahl war
*) Das Verzeichnis der im SpStjahre 1850 zum Studinm von Berufs-
facbern auf die UniTcrsität entlassenen Schüler s. in diesen Jahrb. Bd.
62. Hft. 3. S. 306.
statistische und andere Mittheüungvn. 219
I.
II.
III.
IV.
Sa.
Abitur.
Michaelis 1850
11
20
16
37
84
6
Ostern 1851
9
22
19
34
84
3
Michaelis 1851
9
22
27
28
86
3
Ostern 1852
13
22
22
31
88
3
M5ge die am Schiasse der Schul nachrichten an die Eltern und Ange-
hörigen der Schüler gerichtete dringende Bitte, ihrerseits zur Auf-
rechterhaltung der Schufgesetze mitzuwirken, rechte Beherzigung finden !
BuDissiN. Das G}rinnasium verlor seinen 6. Collegen Leopold
(s. diesen Bd. S. 120). Aushilfe leistete auch nach Michaelis 1851 be-
endetem Probejahre der Schulamtscandidat Pothko. Die Schiilerzahl
war Ostern 1852 um 15 gestiegen, nemlich J30(I: 18, 11: 19, 111:21,
IV: 19, V: 26, VI: 27). Ostern 1851 giengen 7, Mich. dess. Jahres 2,
Ostern 1852 6 zur Universität.
CÖTHEN. An dem mit der Real- und Unterschule in Verbindung
stehenden Gymnasium wurde Mich. 1850 die griechische Quinta auf-
gehoben und die lateinische Septima mit Sexta verbunden ; sodann der
Lehrplan in sich selbst und mit den Classenzielen in Uebereinstimmung
gebracht, namentlich in der Mathematik, worin für Prima mit der
sphaeriscben Trigonometrie und den logarithmischen und hohem Glei-
chungen abgeschlossen wird. Für das Deutsche wurden in den obem
Classen vorläufig 3, für die Physik 2 Stunden beibehalten, ebenso
^ine Stunde Alterthümer, endlich seit Ostern 1851 für Secundaner und
Primaner facultativ der Unterricht im Englischen^ eingeführt. Nach-
dem sich der Rect. Prof. H ä n i s c h von der Besorgung der Rectoratsge-
schäfte hatte entbinden lassen, ward am 5. Mai 1850 Dr. A. Cr am er
zum Schulrath für das Herzogthum CÖthen ernannt und ihm die Lei-
tung des Gymnasiums übertragen. Nach Ostern 1850 trat der CoUa-
borator Encke in das Amt eines Rectors und Caplans zu Güstenüber,
an seine Stelle erst provisorisch, dann Michaelis dess. Jahres definitiv
Dr. Schmidt. Zu Mich. 1850 schied der Candidat Schneider I.
aus, dagegen trat Ostern 1851 der Schulamtscandidat Hummel ein.
Mich. 1850 wurde zum Lehrer der Mathematik Dr. Heinze ernannt.
Die Gesamtschülerzahl der ganzen Hauptschule war Ostern 1851:
519, Ostern 1852: 572, des Gymnasiums Ostern 1850: 127, 1852: 131
(I: 10, II: 15, III: 25, IV: 19, V: 38, VI: 24). Abiturienten warin
Ostern 1850: 2, 1851 2, Mich. 1.
Dresden. Kreuzschule. In dem Lehrercolleginm trat wahrend
des Jahres 1851 — 52 keine Veränderung ein. Decbr. 1851 verliess der
seit Anfang 1851 zu Abhaltung seines Probejahrs beschäftigte Schnl-
amtscand. Dr. Hab 1er die Anstalt, um zu seiner weitern wissenschaft-
lichen Ausbildung eine Reise nach Frankreich und England anzutreten.
Im Lehrplan sind nur die Veränderungen vorgenommen worden, dass
wegen der Starke der Classen für Prima und Obersecunda wöchent-
lich 2 Stunden zu lateinischen Uebungen angesetzt, in der lateini-
schen Leetüre in Prima nicht mehr zwei Autoren neben ^ «Q^d.«c«k. Vks^
f iO Schul - and Persomlnachridhten,
tereinander gelesen und der Gesangunterricht auch auf die zweite
Abtheilung ausgedeht wird. Den Schülern der oberen Ciassen wurde
seit Mich. 1851 Privatunterricht im Englischen durch' Hrn. Henry
Hughes ertheilt. Mich. 1851 wurden 2, Ostern 1852 15 Schüler zur
Universität entlassen. Die Schülerzahl betrug £nde März 1852: 323
(I: 23, H: 31, III: 30, IV: 34, V: 53, VI: 60, VII: 49, VIII: 27,
IX: 16).
Duisburg. Bericht über das konigl. Gymnasium und die Real-
schule von den beiden Jahren Herbst 1849 — 51. Das Lehrercollegium
bestand im Herbst 1851 aus dem Dir. Dr. Eichhoff, Prof. Bahr dt
(Mathematicus) , Prof. Herbst (Ordin. von II), den Oberlehrern
Fulda (Ordin. von real. A), KÖhnen (Ordin. von III), Hüls-
mann (Ordin. von VI), Dr. Thiele (Ord. von V, seit dem 25. Oct.
1850 als Oberlehrer praediciert) , dem Gymnasiallehrer Feldmann,
dem Reallehrer Kottgen (seit 4. April 1850 definitiv angestellt, Ord.
von real. B), dem Hilfslehrer Dr. Foltz (seit 10. Febr. 1851 definitiv
angestellt), kathol. Religionslehrer Caplan Gaillard (nachdem der
seit 8. Oct. 1851 angestellte Caplan Dr. £velt im Anfange des Som-
mersemesters als Professor an die Akademie zu Paderborn abgegangen
war) und Werth, Lehrer der Vorschule und Gesanglehrer am Gym-
nasium. Der Hilfsprediger der grossem evang. Gemeinde Dr. Hosse,
welcher vom 8- Oct. 1849 an den hebr. Unterricht ertheilt hatte,
schied am 18. Juli 1851, um in ein Pfarramt überzugehn. DerCandid.
Dr. Herbst, welcher im April 1850 sein Probejahr angetreten hatte,
ward im Herbst dess. Jahres als Hilfslehrer an das Friedr.-Wilhelms-
Gymnas. zu Köln* (bald darauf nach Dresden an das Vitzthum-Bloch-
mannsche Gymnasialerziehungshaus) berufen. Dagegen traten ihr Probe-
jahr an 3. Jan. 1851 Cand. Dr. Bahrdt an der Realschule und Ost.
dess. Jahres Dr. Ueberweg am Gymnasium. Die Frequenz war:
Gymn. I. II. IH. IV. V. VI. Real. A. B. Sa. Vorsch.
Herbst 1849 148 26 174
Wint. 1849-50 158 21 30 43 19 23 22 33 8 25 191 23
Sommer 1850 151 20 27 38 21 23 22 35 12 23 186 37
Wint. 50-51 165 20 36 28 27 19 35 34 15 19 199 39
Sommer 1851 160 18 36 30 22 20 34 27 8 19 187 34
Abiturienten waren im Herbst 1850 7, 1851 8.
Eisenach. Der Jahresbericht über das Friedrich-Carls-Gymnasium
Ostern 1851 beginnt mit Verbesserungen des Lehrplans , namentlich in
Bezug auf Naturlehre und Rechnen (für welches ein besonderer Leh-
rer in den untern Classen angestellt wurde). Nach einer kurzen Ue-
bersicht des ganzen Lehrplans folgt ein Bericht über den Turnunter-
richt, welcher dadurch möglich wurde, dass der Director einen Theil
des ihm zustehenden Gymnasialgartens für diesen Behuf abtrat. Der
Coetus bestand im Jahre 1851--52 aus 78 Schülern (I: 15, II: 12, III:
15, IV: 19, V: 17). Zu Ostern 1851 bezogen die Universität 8, Ost.
1852 6. Sehr dankenswerth ist die Mlttheilnng der von dem Director
statistische und andere Mittheiluiigen. 221
^ossh. sächs. HofrathDr, Funkhanel Ostern 1851 an die Abiturienten
gerichteten Abschiedsrede, welche Ton Platos Zuruf an Xeno^ates:
ihjs raiQ XdqiGiv ausgeht und denselben in yielseitiger paedagogisch
trefflicher Anwendung als auch der heutigen Jugend geltend darstellt.
Die edle Sprache, die Fülle der Gedanken, die Kraft der an die ab-
gehenden Jünger der Wissenschaft gerichteten Mahnungen zeichnen
diese Rede ebenso wie die früheren desselben Verfassers aus; Eigen-
schaften, welche auf die abgehenden einen tiefen und bleibenden Ein-
druck äussern müssen, so wie sie auch den Leser lebendig ergreifen
und bis an das Ende fesseln. r.
Essen. Vom konigl. Gymnasium gieng Ende des Schuljahres 1850
der erste Oberlehrer Prof. Cadenbach als alternierender Director an
das Lyceum zu Heidelberg. Die Vacanz seiner Stelle und die noth-
wendige Trennung der überfüllten Prima machte die Aushilfe der Cau-
didaten Natorp (Ostern 1851 als Lehrer an der latein. Hauptschule
in den Frankeschen Stiftungen zu Halle berufen) , Breiter, Weiske
(vom 6. Nov. 1850 bis Mitte Februar 1851 für den zur Landwehr ein-
berufenen Natorp) , Dr. Kopstadt (vorher an der Universitätsbiblio-
thek zu Bonn), Dr. Krebs (seit 1. Mai 1851, vorher in Düsseldorf)
nothwendig. Ost. 1651 wurden 6, im Herbst 12 zur Universität entlassen.
Frequenz :
I«. Jb. II«. IP. III. IV. V, VI. Sa.
Winter ^850-51 30 30 20 31 36 35 26 38 246
Sommer 1851 20 29 22 31 32 34 26 42 236
Die Vorbereitungsciasse gieng mit dem Herbst 1051 vorläufig ein. Der
Lehrer derselben Zimmermann begab sich als Lehrer der deutschen
Sprache an eine Privatanstalt in Holland.
Fulda. Am kurfürstl. Gymnasium wurde nach Ministerialbeschluss
(19. Febr. 1851) die Physik von Secunda ausgeschlossen, der natur-
historische Unterricht in V auf Kosten des lateinischen um 1 Stunde
erweitert. Mit dem neuen Schuljahre Ostern 1852 sollte die frühere
Ordnung, wonach in V das Griechische und in IV das Französische
begann, welche Ostern 1850 umgedreht worden war, wiederherge-
stellt werden. Im Lehrercollegium trat im Jahre 1851—52 keine Ver-
änderung ein, ausser dass die provisorische Anstellung des Hilfsleh-
rers Schmitt 19. Juni 1851 in eine definitive verwandelt und 5. Aug.
der Candidat Brenn aus dem Vorbereitungsdienste für das Gymna-
siallehramt entlassen wurde. Am Schlüsse des Schuljahres zählte das
Gymnasium 177 Schüler (I: 19, II: 29, HI: 40, IV: 25, V: 38, VI:
26) und entliess 10 zur Universität.
Gotha. Im Lehrercollegium des Gymnasium illustre trat wäh-
rend des Schuljahres 1851 — 52 keine Veränderung ein , nur musste der
Mathem. Dr. Kühne wegen der Landtagssitzung längere Zeit vertre-^
ten werden. Die Schülerzahl war am Schlüsse des Schuljahres 147
(Sei.: 18, I: 18, II: 39, III: 32, IV: 26, V: 14). Ostern 1851 wur-
den 3, Mich. dess. Jahres 2 zur Universität entlassen. — Zur Con
trole der beiden höheren Schulanstalten hat man den Schnirath Dr.
222 Schul' und Personalnachrichten,
Schaub roh Magdeburg berufen und diese Vocation von dem Konige
Ton Preussen die Genehmigung empfangen.
GÜSTROW; Die BVeqnenz des dasigen Gymnasiums betrug im Schul-
jahre 1851—1852 im Sommer I: 7, H: 17, HI : 16, IV : 23, im Winter
I: 7, 11: 19, III: 16, lY: 21, 63 im ganzen. Ostern 1852 wurden 2
znr Universität entlassen.
GüMBiNNEN. Nachdem das konigl. Friedrichs-Gymnasium am 14.
Oct. 1850 durch den Tod den ersten Oberlehrer Prof. Petrenz ver-
loren, rückten die Oberlehrer Sperling, Dr. Amol dt und Ger-
lach, der ordentliche Lehrer Dr. Kossak und der Hilfslehrer Dr.
R e u 8 c h auf und ward als wissenschaftlicher Hilfslehrer der Candidat
Dr. Basse angestellt. Am 5. Juni 1851 starb der emeritierte Gymna-
sialdirector Dr. J. D. Prang. Ostern 1851 wurden 5 Schüler zur
Universität entlassen. Am 1. Sept. dess. Jahres waren 222 Schüler
(I: 20, H: 33, HI: 47, IV: 52, V: 46, VI: 24).
Hanau. Am kurfürstl. Gymnasium trat der wegen seiner Gesund-
heit beurlaubte Gymnasiallehrer Jung Anfang 1852 in den grossem
Theil seiner Lehrstunden wieder ein und wurde dadurch die Lehrer-
thätigkeit des stellvertretenden Praktikanten Dr. G. Buchenau ent-
behrlich. Der Praktikant Rossbach ward auf sein Ansuchen Krank-
heit wegen seiner Stellung entlassen. Der Prakt. Riedel vollendete
seinen Vorbereitungsdienst, die Wirksamkeit des Prakt. Spangen-
berg dauerte fort. Die Schülerzahl betrug am Anfange des Schul-
jahres 69, am Schlüsse 59 (I: 7, II: 8, III: 14, IV: 19, V: 11). Ost.
1851 giengen 2, Michaelis dess. Jahres 1, Ostern 1852 wieder 2 zur
Universität.
Heilbronn. In dem mit dem 27. Sept. 1851 geschlossenen Schul-
jahre wurde vom Karls-Gymnasium der Prof. Rümelin (2. Nov. 1850)
berufen an den Arbeiten des konigl. Studienraths Theil zu nehmen.
Für den durch Krankheit verhinderten Prof. Hang erhielt (19. Oct.
1850) der Cand. Kraut, für den Oberpraeceptor Hoc hei Candidat
Müller die Vertretung. Mit dem nächsten Schuljahre sollten eine,
Elementarschule und ein Pensionat mit dem Gymnasium in Verbindung
treten. Die Schülerzahl war: Cl. VII: 16, VI: 15, Real. I: 23 und 5
Hosp., V: 22 Gymn., 40 Real., IV: 33 Gymn., 22 Real., UI: 14 Gymn.
und 1 Hosp., 27 Real., II: 24. I: 32; Sa. 157 Gymn., 112 Real., 6
Hosp., im Ganzen 275. Im Herbst 1850 bestanden 4, Ostern 1851 1
die Maturitäts-, 1 im Herbste die Concursprüfung.
Hildburghausen. Am herzogl. Gymnasium wurde 25. Aug. 1851
der Gymnasiallehrer Dr. Siebeiis bis zu seiner Wiedergenesung in
Disposition gestellt; die Wirksamkeit des Vicar Schneider dauerte
deshalb fort. Ostern 1852 wurden 4 Schüler zur Universität entlas-
sen. Die Schülerzahl betrug 70 (I: 12, II: 9, III: 4, IV: 13, V: 15,
VI: 17).
Hirschberg. Ain 26. Nov. 1851 verliess nach 3*4jäbr. Wirksam-
keit der interimistische Lehrer Dr. W. Freund das Gymnasium, weil
statisti&blie und andere Mitlhefliul|^n. 22S-
ihm die Bitte um definitive Anstellung als Israeliten versagt worden
war. Der Oberlehrer Dr. Petermana folgte Ostern 1862 einem Rufe
als Prorector an das evang. Gymnasium in Grossglogau. Sein Nach-
folger wurde Dr. Br ix vom Gymnasium zu Brieg. Vom 1. Decbr.
1851 an hielten das Probejahr die Schulamtscandid. Dr. Haacke und
O. Scholz. Dr. M Ö s s 1 e r erhielt den Titel Oberlehrer. Frequenz
im Winter 1851—52: 119 (t: 6, IF: 21, III: 14, IV: 34, V: 44); Abi-
turienten Ostern 1852: 2.
Köln. Vom konigl. Friedrich -Wilhelms - Gymnasium schied noch
vor Beginn des Schuljahres Herbst 1850 — 51 der Lehrer Jancke,
Weihnachten 1850 der eben erst eingetretene Dr. Herbst (s. Duis^
bürg), am 13. Nov. 1850 der Gymnasiallehrer Dr. Lucas, um die
Leitung des Progymnasiums zu Warenburg zu übernehmen. Nach er-
folgten neuen Ernennungen bestand das LehrercoUegium ans dem Dir.
Dr. Knebel, Oberlehrer Prof. Hoss, evangcl. Religionslehrer Reg.-
Rath Grashof, Oberl. Dr. Pfarrins, kathol. Religionslehrer Dr.
Schlünkes, den Oberlehrern Dr. Backes, Oettinger, Lorentz,
Haentjes (2. Juli 1851 zum Oberlehrer ernannt), den Gymnasial-
lehrern Schumacher (seiner Dienstleistungen überhoben und der
Pensionierung entgegensehend) und Probst, den Hilfslehrern Dr.
Eckertz, Feld, Berghaus, Seemann, Honigsheim, Sauer-
land (13. Nov. 1850 angestellt, vorher am Gymnasium zu Münster
beschäftigt), P roll er (nach Herbsts Abgang, vorher am Gymnas. sa
Merseburg), Zeichenlehrer Bourel, Gesanglehrer Musikdir. Weber
und (seit Ostern 1851) Schulamtscandidat Kruse. Die Schülerzahl
betrug im
P. IK IP. IF. in«. nP.IVMV»». V-. W vi«, vi»». Sa.
Wint. 50-51 31 33 36 54 31 30 41 41 38 39 44 44 462
Sommer 1851 30 32 40 59 28 28 38 41 39 38 48 48 469
darunter 105 Evangel., 352 Kath., 12 Israel. 25 Schüler wurden im
Herbst 1851 zur Universität entlassen.
KÖNIGSBERG IN DER Neumark. Im Lehrplane des Friedrich-Wil-
helms-Gymnasiums wurde der Anfang des Griechischen in Quarta, je-
doch ohne Verminderung der demselben bestimmten Stunden in den
oberen Classen eingeführt, die I. und II. Classe in der Physik ge^
trennt und dieser Unterricht in IIT. aufgehoben , wodurch dem Latein.
und Deutschen Zuwachs von je 1 Stunde zu Theil ward. Ostern 1851
verliess das Gymnasium der Schulamtscand. Dr. Laase und ward spä-
ter in Landsberg an der W. angestellt, Michaelis nahm der 8. College
E. W. Lehmann eine Stelle an der neugegründeten Realschule in
Bromberg an. ^ Der für seine Stelle praesentierte Candidat Lücke
ward zwar vorläufig bestätigt, aber am 10. Dec. 1851 bereits wieder
entbunden und nun das Amt gegen monatl. Renumeration vom Candid.
Arnold Steudener versehn. Schülerzahl :
S24 Schal- und Personalaffdiriditen,
I. n. m. IV. V, vj. Sä.
Sommer 18dl 16 26 33 38 31 41 185
Winter 1851—1852 18 30 31 33 36 38 186
Z«r Uniyersitat worden entlassen Ostern 1851 3, Mich. 2.
KÖNIGSBERG IN Pr. Am CoIIegium Fridericianum ist der Prediger
Mnrotcki wegen Verbreitung nnevangelischer Lehren im Religions-
unterrichte und von der Kanzel den 16. April suspendiert worden.
Kremsmünster. Das k. k. akademische Gymnasium ward 1549
durch den Benediktiner Abt Gregor Lechner gestiftet, und nachdem
es TOR 1642 — 46 eingegangen, durch Abt Placidus Buchauer erneuert.
Die Errichtung einer philosophischen Lehranstalt 1737 und der k. k.
adligen Akademie 1743, der Sternwarte u. s. w. forderten auch sein
Bestehn. 1752 übernahm der Staat die Leitung und die 1784 bereits
* angeordnete Schliessung ward abgewendet. Durch die neue Organi-
sation sind der Lehrplan und die Verhältnisse mehreren Veränderun-
gen unterworfen worden, namentlich hat das Conyict aufgehört Staats-
anstalt zu sein. Der Lehrkörper bestand während des Schuljahrs 1851
aus dem Dir. k. k. Schulrath, Stiftscapitular G r. Haslberger (Leh-
rer der Physik in VllI) , den Professoren W. D a n n e r (Mathem. VJ,
VU), Beda Piringer (Latein. V, VII, VIII), Bon. Grubho-
fer (Relig. V— VIH, Griech. HI), A. Reslhnber (Director der
Sternwarte Naturgesch. V — VII) y Rom. Lang X^eogr. u. Gesch,
III — ^VII und philosi Propaed. VlIJ), Maur. Sieberer (Griech,
VI— VIII, Gesch. und Statistik VIII), Edm. Forsthuber (Latein.
VI, Griechisch IV, V), Columb. Fruhwirth (Relig. I— IV, Natur-
gesch. I, II), Benn. Fuchs (Latein. III, IV, Deutsch III), Am*
Baumgarten (Deutsch IV — VIII), CÖl. Ganglbauer (Latein.
Deutsch, Geogr. Gesch. II), Oddo Schima (Mathem. I — V), H.
Patz alt (Latein. Deutsch,. Geogr. I), dem Hilfslehrer Sigm. Fel-
locker (Mineral, und Physik in III und IV), den Nebenlehrern
Marc. Holter (Franz. Ital. Engl.), Georg Riezlmayer (weltl.
Lehrer, Kalligr. und Zeichnen), J. Beyer (Gesang), A. Faber
(Gymnastik). Die Schülerzahl im Schuljahre 1850 betrug 224;
I. IL III. IV. V. VI. Vn. VIII. Sa.
1. Sem. 1851 51 28 38 28 18 25 31 28 248
2. „ „ 51 29 37 28 20 24 31 27 247
Kurhessen. Eine Ministerialverfugung aus Anfang Mai erklärt, dass
die Gymnasien in Zukunft nicht bloss als wissenschaftliche, sondern ihrer
ursprünglichen Bestimmung gemäss wesentlich als kirchliche Anstalten
betrachtet werden sollen und dass die Schulzucht in denselben wesent-
lich aus dem Gesichtspunkte der christlichen und kirchlichen Erzie-
hung zu behandeln sei. Die Religionslehrer müssen sich ordinieren
lassen, alle Lehrer ohne'Ausnahme sich durch Handgelobnis verpflichten
nichts gegen die evangelische Kirche und ihr Bekenntnis zu unterneh-
men, vielmehr ihre Schüler durch Lehre und Beispiel zur Treue gegen
dieselben anzuleiten.
statistische and andere Miftheifang^n. 2^5
Laus Alf NE. Seit wir in den Jahrgängen 1846 und 47 der N Jahrb.
(Bd. XLVII. S. 450 f. und Bd. L. S. 127 f.) die letzten Nachrichten
über die dasige Akademie und Cantonschule gegeben haben , sind die
Verhältnisse und Aussichten beider Anstalten keineswegs besser ge-
worden. Wie wäre das auch unter den seit 1845 vorhersehenden,
d. h. jeden wissenschaftlichen Aufschwung lähmenden Einflüssen waadt-
ländischer Utilitätsbegriffe denkbar? Um es kurz zu sagen, ist Ton
der reichen Ausstattung, womit namentlich die Akademie nach ihrer
Reorganisation im Jahre 1848 in ein frisches Lebensstadium trat, nichts
als das unentbehrlichste übrig geblieben. Das uns Torliegende Lec-
tionsTerzeichnis der Akademie vom Studienjahre 1851 — 52, das mit
den Herbstferien des i. J. zu £nde geht, weist folgendes auf. Der
Facultäten sind drei: I. die philosophische (fac, de» lettres ei
dt» »ciences^ mit 6 ordentl. Professoren für latein. Litteratur (Hi-
sely, d. Z. Rector), griech. Litteratur (Wiener), Hebräisch (Du-
fournet), Philosophie (Raoux), Mathematik (Gay), Chemie und
Physik (Kopp) und 4 ausserordentl. Professoren für deutsche Sprache
und Litteratur (Nessler), dito franzosische (Hör nun g), Geschichte
(Duperrex) und Geologie (Morlot). Ausserdem ist Ton dem Lic.
der Theologie Steinten ein Cursus über Geschichte der Schweiz.
Litteratur seit der Reformation, und Ton Gnisan ein Cursus über
Philosophie der Greschichte angekündigt. IT. Die theologische Fa-
cultät zählt nur 3 Vertreter: den bereits genannten ordentl. Prof.
Du fournet für alt- und neutestamentl. Exegese und die ausserord.
Professoren Fahre für Kirchengeschichte und Dogmatik und Vuil-
leumier für Homiletik und Katechetik. HL Die juristische Fa-
cultät besitzt nur einen einzigen Repraesentanten , den Adrocaten und
ausserordentl. Prof. Rogirue, welcher über waadtländ. Cirilrecht,
Ciyilprocess , schweizer, und waadtländ. Staatsrecht liest. Im einzel-
nen bemerken wir nachstehendes. Hisely kündigt ausser romischer
Litteraturgeschichte an: Horat. od. I und II und de arte poetica,
Virgil. Georg. U und HI, Terent. Adelphi, Cic. de oflf., oratt. pro
Mil. und in Verr. IV de signis. — Wiener: Plat. Protag., Sopb.
Aiax, Eurip. Hippel., Hom. Ilias , Thucyd. 1. VI, Plutarch. Alcib.,
ausserdem griech. Litteraturgesch. von Alexander M. bis 1453 und
griech. Mythologie. Nessler: Geschichte der deutschen Litteratur
von Opitz bis jetzt, desgleichen von Luther bis Gottsched, femer
deutsche Litteratur des Mittelalters, Goethes Iphigenie und Selecta
von Schiller und Uhland. — — Die Cantonschule besteht aus 6
Classen , welche das eigentlich sogenannte College cantonal bilden , und
3 Classen Vorbereitungsschule (Progymnasium). Der Unterricht in
letzterer wird von nur 2 Lehrern versehn , dem Elementarlehrer F a u-
cherres für die Rudimente des Latein und dem Classenlehrer Pey-
rollaz für alles übrige, was in den Bereich dieser Schule gehört.
Im Gymnasium wird von folgenden Lehrern unterrichtet: von Mül-
h aus er franz. Sprache und Rhetorik in I — HI; Gust. Soldan lat.'
Sprache (Cic. Lael., p. Lig. und Deiot., Curt», Horat. Oden and &«t-
226 Schal- nnd Personalnachrichten, *
tiren in I, Caes. de b. civ., Aeneis, Eutrop in II, Caes.* de b. Gall.,
Nepos und Metamorphosen in III) und röm. Alterthumer ; von Fau-
c^herres Latein in IV (Nepos, Metamorphosen, Jacobs und Dörings
Lesebuch), von Dugu^ dito in V (eben genanntes Lesebuch), von
Reymond in VI, von Guisan Griechisch nach der Grammatik von
Weiland (Odyssee, Xen. Hell, in I, Odyssee und Anabasis in IT,
Chrestomathie in III und IV) nebst griech. Alterthümern ; Deutsch
von Nessler in I und II und Ulrich in III— V; von Call et Ma-
thematik in I — VI; Duperrex Geschichte und Greographie (alte und
neue) in I— III, von Faucherres, Dugu^ und Reymond in IV,
V und VI, von demselben auch in III— VI der Religionsunterricht,
welchen in I und II ein nicht namhaft gemachter Pfarrer ertheilt.
Die Naturwissenschaften finden sich zwar im Lectionsverzeichnis auf-
geführt, aber kein Lehrer derselben. Ausserdem Schreib- (mit Ste-
nographie), Zeichen-, Musik- und Turnlehrer. Für die militär. Ue-
bungen jeder der 6 Classen ist je ein halber Wochentag angesetzt und
werden dieselben von einem chef instructeur und 2 Officieren der Ar-
tillerie und Infanterie geleitet. Schliesslich sei bemerkbar gemacht,
dass die Lehrer der deutschen Sprache (Nessler) nnd der Geschichte
(Duperrex) in doppelter Stellung fungieren, an der Akademie sowohl
als an der Cantonschule. — Hieran fugt Ref., dass von dem Lehrer-
coUegium der Cantonschule im Jahre 1850 dem Erziehungsrathe fol-
gende Schrift vorgelegt worden ist: Principes geniraux d'analyse
grammaticale et d'analyse logique servant de base ä une ter-
minoiogie uniforme pour Venaeignement du frangaisj de Vaüemandj
du latin et du grec, Sie hat Approbation und demzufolge, "wie zu
Lausanne, so in den übrigen Colleges des Cantons Aufnahme gefunden.
Man ist versucht diesen 'Essai' für eine Art sprachvergleichender
Grammatik zu halten, was er jedoch, streng genomifuen, nicht ist.
Wohl aber ist er eine Parallelgrammatik. Wir versuchen in Kürze
dem Leser einen einigermassen anschaulichen Begriff von dem modus
procedendi dieses nett (in Graecia höchst incorrect) gedruckten Büch-
leins von ca. 68 S. zu geben. Dass dasselbe in einen analytischen
Theil, welcher die verschiedenen Arten der Wörter aufführt , und einen
logischen Theil zerfällt, gibt der Titel sattsam zu erkennen. Letzte-
rer behandelt den Satz im allgemeinen, dann die Bestandtheile des
Satzes, hierauf den zusammengesetzten coordinierten (Copulativ-, Ad-
versativ-, Causal- und Folge-) Satz und subordinierten Satz. Da, wo
vom Subjectivsatze, d. h. demjenigen Satze die Rede ist, welcher
einen Subjectsnominativ zu vertreten dient und mittelst einer Con-
junction oder eines Pronomens (soll heissen pron. relat.) oder Frage-
worts (Adjectiv oder Adverb), oder in unpersönlicher Fassung
eingeführt ist, werden folgende Beispiele aufgestellt. 11 sied aux
Jeunes gens d*etre modeates. Es ist unmöglich alle zu befrie-
digen. Difficile eat, aatiram non scribere, Iläaiv adsiv
XccXsnov. Man ersieht aus diesen übrigens lobenswerth praecisen
Belegen, dass das, was hier als ^mode impersonneP bezeichnet wird,
statistische und andere Mittheiliingen. S27
▼on dem SabjectsinfinitiT und beziehentlich acc. c. infin. als Sabject
zu Terstehn ist. Es genü^ an dem ^inen Beispiel. Eine umstand"
liebere Durchmusterung des Buchs, um dessen Schwächen und Unge-
horigkeiten nachzuweisen, würde ohne praktischen Gewinn für deut-
sche Leser sein. Am Schlüsse ist ein Mnsterpensnm ans jeder der Tier
Sprachen, und zwar aus F^nelon, Jac. Grimm, Caesar und Plutarch,
gegeben und jedes von ihnen zuerst grammatisch, dann logisch ana-
lysiert. Wenn wir unser Gesamturtheil über diesen neuen Versuch^
das Sprachstudium zu fordern, abgeben sollen, so müssen wir, wenn
auch nicht unsere durch Erfahrung gewonnene Ueberzeugung fest-
stände, dass durch Bücher dieser Art so gut als nichts für Spracher-
lernung ausgerichtet wird, die Zweckmässigkeit und also auch den
Erfolg, ja selbst die Anwendbarkeit des vorliegenden Essai darum in
Abrede stellen, weil er 1) neben andern Grammatiken gebraucht, die
gleichfalls noch in usu sind, aber einer ganz verschiedenen Termino-
logie folgen , nur Verwirrung anrichten würde und 2) viel zu abstract
und detailliert für Schüler ist, wie wir die jungen Vaudris kennen;
Dieses Urtheil aber scheint durch dasjenige Bestätigung zu erhalten,
was dortige Lehrer als Ergebnis ihrer mit dem Buche angestellten
Experimente bezeichnen. G. E, K,
Leobschütz. Ueber das konigl. Gymnasium während der Jahre
Herbst 1849—51 ist zu berichten. Nachdem* am 9. Aug. 1849 der
Prof. sen. A. J. Schramm gestorben, wurde das Collegium durch
Aufrücken (es besteht aus Dir. Dr. Kruhl, den Oberlehrern Troska,
Dr. Fiedler, Dr. Kahlert, den Gymnasiallehrern Tiffe, Schil-
der, Kirsch [Religionslehrer] , Dr. W e 1 z [vorher Collaborator]) und
Anstellung des Dr. Schedler als Collaborator ergänzt. Nach Voll-
endung seines Probejahrs wurde Ostern 1851 der Cand. Pohl als Col-
laborator am konigl. Gymnasium zu Gleiwitz angestellt. Die Schüler-
zahl war:
Sa.
I.
IL
m.
IV.
V.
VL
20. Octob. 1849
303
35
43
42
53
57
73
10. Decbr. 1849
309
36
43
43
55
59
73
10. Juni 1850
300
37
44
40
52
55
72
16. August 1851
293
33
42
50
39
61
68
Zur Universität wurden im Herbst 1850 15, 1851 21 entlassen.
LissA. Am konigl. Gymnasium hielt während des Jahres 1850 — 51
der Schulamtscandidat Stürmer sein Probejahr ab. Gymnasiallehrer
Fleischer wurde Mich. 1852 in den Ruhestand versetzt , behielt aber
noch bis Ostern einen Theil seiner Lectionen und femer die Function
des Rendanten bei. Schülerzahl:
L n. lila. III b. IV. V. VL Sa.
Sommer 1851 14 42 40 49 66 61 41 313
Winter 1851—52 16 36 42 40 62 62 44 309
Herzogthüm Nassau. Schuljahr 1851—52. Das Programm
des Gymnasiums zu Wiesbaden enthält eine Abhandlung vom Ober-
lehrer Cl ander: Coup d^oeil des methodea employeey dans Venaeiq^'^-
S28 Scbul- and Personalnachriohlen,
ment de la langue frangaUe, 8 S. 4. Aus dem Lebrercollegium
schied der seit 1848 an der Anstalt wirkende Conr. Dr. Schenckel,
welcher zu Anfang des Wintersemesters an das Schnllehrerseminar zu
Usingen versetzt ward. Das CoUegium besteht also jetzt aus dem Di-
rector Lex (Ordinarius in I), den Professoren Schmitthenner
(Ord. in III), Dr. Cuntz (Ord. in II), Dr. Firnhaber u. Kirsch-
baum, Prorector Spiess (Ord. in V), Conrector Dietz (Ordin.
in IV), Oberlehrer Clauder (für die neueren Sprachen), Conrector
Bernhardt (Ord. in VI), den Collaboratoren Seyberth (Ord. in
VJII) und Bog! er (Ordin. in VII), Elementarlehrer Christ (für
Rechnen in den Unterclassen , Schreiben und Gesang), Zeichen- und
Turnlehrer De Lasp^e. Die Zahl der Schüler betrug 188, darunter
133Kyang., 49 Kath., 3 Anglik., 2 Deutschkath. u. 1 Israel. Zu Ost. J851
eUtliess die Anstalt 4 ihrer Zöglinge mit dem Zeugnis der Reife zur Uni-
versität. — Ueber das Gymnas. zu Weilburg s. das vor. Heft S. 119. —
GymnaF. zu Hadamar. Die Abhandlung schrieb Prof. Müller: Deduc-
tion der Kreisfunctionen. 17 S. 4. In dem Lebrercollegium gieng
keine Veränderung vor; es besteht aus: Director Regierungsrath
Kreizner (Ord. in I), Prof. Kehrein (Ord. in II), Prof. Mül-
ler (Fachlehrer für Mathematik) , ausserordentl. Prof. Barbieux
(Fachlehrer für franz. und engl. Sprache), den Conrect. Bill (Ord.
in V und Fachlehrer für Mineralogie , Chemie und Physik) , Meister
(Ord. in IV und Fachlehrer für Naturgeschichte), Stell (Fachlehrer
für den class. Sprachunterricht), Dr. Becker (Ord. in III), den Col-
laboratoren Colomb ei (Ord. in Vll) und Ebhardt (Ord. in VIII),
Hilfslehrern Dr. Deutschmann (Ord. in VI) und Weppelma nn (für
Rechnen, Gesang und Schreiben), Zeichenlehrer Diefenbach, Mu-
siklehrer Wagner. Schülerzahl: 158, darunter 121 Kath., 32 Evang.,
5 Israel. Zu Ostern 1851 entliess das Gymnasium 26 Schüler zur Uni-
versität. — • Das Programm des Paedagogiums zu Dillenburg enthält
nur Schulnachrichten von dem Rector. Der seit Pfingsten 1850 an der
Anstalt beschäftigte Candidat Thomas wurde zu Anfang dieses Jah-
res zum Collaborator ernannt. Das Collegium besteht jetzt aus Rect.
Lade, Conr. Ilgen, den Collab. Friedemann, Wagner und Tho-
mas, Elementarlehrer Winnen, Zeichenlehrer Herrmann, Ge-
sanglehrer Koch. Schülerzahl 46. — Dem Programm des Realgym-
nasiums zu Wiesbaden ist beigegeben: Betrachtungen über das Te-
traeder mit seinen Berührungskugeln ^ vom Schulrath M ü 1 1 e r. 33 S. 4.
Der Candidat Meng es wurde der Anstalt zur Beihilfe und zur Ab-
haltung seines Probecursus zugewiesen ; Collab. Dr. Casselmann wurde
zum Conrector und Oberlehrer Dr. Lüdecking zum Professor ernannt.
Das Collegium besteht also am Schlüsse des Schuljahrs aus : Director
Schulrath Müller, Prof. Dr. Lüdecking, den Oberlehrern G r e i s s u.
E b e n a u , Conr. Dr. Casselmann, den CoIIab. P o 1 a c k u. Dr. Sand-
berger, Reallehrern Becker und Leyendecker, Cand. Mengen,
Sprachlehrer Mi Ine, den Zeichenlehrern v. Bracht u. Scheuer, Ge-
sanglehrer Anthej!. Schülerzahl 144, darunter 106 Erang., 27 Kath.,
statistische und andere Mittheilangen. 229
2 Deutschkath., 9 Israel. Zwei Schüler wurden Ostern 1851 mit dem
Zeugnis der Reife zur Universität entlassen. — Von den die höheren
Schulen betreffenden Ministerialerlassen dieses Jahres, welche in den
Programmen angeführt werden , erwähnen wir den Erlass vom 30. Dec.
▼. J., wodurch der zweijährige Primacursus, der bisher nur proyiso-
riscR eingeführt und aliein von dem Gymnasium zu Wiesbaden streng
eingehalten war, für alle Gymnasien definitiv festgesetzt und zugleich
verfügt wurde, dass eine Zulassung zur Maturitätsprüfung vor dem
beendigten zweijährigen Primacursus nur ausnahmsweise auf motivier-
ten Antrag der Lehrerconferenz vom herzogl. Staatsministerium solchen
Primanern gestattet werden solle, die durch Fleiss und eine allge-
meine geistige , besonders sittliche Reife sich auszeichnen , in den clas-
sischen Sprachen, der Geschichte und der Mathematik die Kenntnis-
note *gut', in allen übrigen Fächern der Prima wenigstens die Note
* genügend ' sich erworben haben und bestrebt gewesen sind , durch
Privatstudium das von ihnen noch nicht absolvierte Pensum des öffent-
lichen Unterrichts einzubringen. Zugleich wurde eine die Einrichtung
der Maturitätsprüfung betreffende neue Instruction erlassen.
(Bing.)
Naumburg. Am Domgymnasium dauerte, da die Stelle des emeri-
tierten Prof. Müller (s. das vor. Heft) noch nicht wieder besetzt
war, die Aushilfe des Schulamtscandidaten Dr. Opitz fort. Nach-
dem Dr. Kriegeskolte Michaelis 1851 einem Rufe nach Lennep ge-
folgt war, übernahm sein Nachfolger an der Handelsschule Dr. Bobe
die von jenem in der Realclasse ertheilten franzosischen Stunden. Za
Ostern und Michaelis 1851 wurden je 3 Schüler zur Universität ent-
lassen, und am 6. März 1852 zählte die Anstalt 179 Schüler (I: 16,
JI: 23, III: 37, IV: 50, V: 53).
Neustrelitz. Die Chronik des Gymnasium Carolinum von 18M>
— 1852 meldet den Abgang des Lehrers £. Becker, welcher Mich.
1850 an die dortige Mädchenschule übertrat, die Anstellung des Cand.
theol. Fr. Schreiber an seiner Statt, und dass der Schulamtscand.
Büttel, nachdem er das Oberlehrerexamen in Halle bestanden, von
Neujahr bis Michaelis 1851 in der Mathematik und den Naturwissen-
schaften Unterricht ertheilte. Durch Polizeiverordnung vom 30. Dec.
1851 wurde den Gast- und Schenkwirthen in und vor der Stadt unter-
sagt , den Schülern der Öffentlichen Lehranstalten Bier und geistige Ge-
tränke in ihren Localen zu verabreichen. Das Elementarschulwesen
erhielt eine Veränderung der Organisation, indem von nun an schon
aus der 2. Elementarclasse die im Latein, unterrichteten Schüler in die
für das Gymnasium und die Realschule vorbildende Vorbereitungsciasse
eintreten. Mich. 1851 und 1852 wurden je 2 Schüler zur Universität
entlassen. Die Schülerzahl des Gymn. war
I. II. Jill. JV. Vorbereitungscl. Sa.
Ost. — Mich. 1850 10 16 32 15 55 128 '
Mich. 50 — Ost. 51 7 15 32 15 55 124
Ost. — Mich. 1851 13 17 22 31 61 144
Mich. 51 — Ost. 52 13 17 23 34 62 149
230 Schul- und Personalnachrichten.
p£STH. Zum ordentl. Prof. der altclassischen Philologie an der
Hochschule ist der Priratgelehrte K. Hai der in München und zum
auflserordentl. der Snpplent Dr. J. T ^ 1 f y ernannt worden.
Plauen. Weder ün Lehrplane noch im LehrercoUegium ist wäh-
rend des Schuljahrs 1851 — 52 eine Veränderung Torgekommen. Der
erste Adjunct Dr. Flathe erhielt unter dem 1. Aug* 1851 den Titel
Oberlehrer. Auf Grund ron $. 64 des RegulatiTs für die Gelehrten-
schulen ist für die ohne elterliche oder sonstige genügende Aufsicht
lebenden Schuler des Gymnasiums eine Hausordnung entworfen und
▼om königl. Ministerium genehmigt worden. Die Schuler^ahl war am
Anfang 83, am Schlüsse des Schuljahres 82 (I: 15, incl. 1 Hosp., II:
13, III: 10, IV: 16, V: 23, VI : 21).
Potsdam. Mit Eröffnung des Schuljahres 1851 — 1852 wurde die
Realsection durch eine vierte Classe vermehrt und ihr eine solche Ein-
richtung gegeben, dass sie unter dem 11» Juli als eine. vollberechtigte
Reaianstalt mit der Befugnis ihre Zöglinge auch zu der konigl. Bau-
akademie zu entlassen anerkannt ward. Dies, sowie die Pensionierung
des Oberlehrer Dr. Brüss Mich. 1851 und der Abgang des interimi-
stisch beschäftigten Lehrers Hetzel an die neu errichtete Realanstalt
zu Bromberg, hatte die vorläufige Anstellung des vorher am königl.
Friedrich- Wilhelms - Gymnasium in Berlin beschäftigten Candid. Dr.
Breysig und das Einrücken der Candid. Benecke und Dr. Frie-
drich in zwei neue ordentliche Lehrstellen zur Folge. Ostern 1852
besuchten die Anstalt 344 (I: 19, H: 30, HI: 40, IV: 37, V: 69, VI:
46; real. I: 10, H: 17, HI: 28, IV: 48) und wurden 7 zur Universität
entlassen.
RÖSSEL. Das konigl. Progymnasium, an welchem an die Stelle
des nach Conitz berufenen Candidaten Lindenblatt der Candidat
Oestreich und der Candid. Priester Austen als Religionslehrer
verpflichtet wurden, zählte Mich. 1851 178 Schüler (II: 17, III: 47,
IV: 29, V: 51, VI: 34).
KÖNIGREICH Sachsen. Nach Ministerialverfügung vom 30. Oct.
1851 ward dieses Jahr zum ersten mal, wie fernerhin immer, der Ge-
burtstag Sr. Maj. des Königs (18. Mai) in sämtlichen Gymnasien und
Schnllehrerseminarien durch einen öffentlichen Schulactus gefeiert.
Salzweoel. Der Chronik des Gymnasiums bis Ost. 1862 entneh-
men wir, dass, nachdem von 1850 an der 1819 bewilligte Zaschuss von
1600 Thlrn. aus Staatsmitteln eingezogen worden war, weil derselbe
durch städtische Mittel gedeckt werden könne, was ausdrücklich bei
der Bewilligung vorbehalten war, das Gymnasium in grosse Verlegen-
heit gerieth, und in Folge des verbreiteten Gerüchts der Aufhebung
sich die Schülerzahi verminderte (174 im Wintersemester, I: 15, II:
25, in : 30, IV: 38, V: 33, VI: 33). Auf die durch einen Commissa-
rius vom Minister gestellte Anfrage, ob die Stadtbehorden sich ver-
pflichten wollten, vom Jahre 1856 an den Zuschuss aus städtischen Mit-
teln zu decken (im Fall der Verneinung sollte die Einziehung erfolgen),
entschied sich der Magistrat einstimmig, das Stadtverordnetencol-
Todesfülle. Berichtigung. 2Si
iegium mit 16 gegen 4 Stimmen für Beibehaltung des Gymnasiums in
seiner bisherigen Form — eine Erscheinung, auf welche wir als auf
eine in unserer Zeit besonders erfreuliche aufmerksam machen. Die
Lehrer Dr. Gerhardt und Dr. B e s s I e r erhielten das Praedicat Ober-
lehrer. 5 Abiturienten wurden als reif zur UniTersitat entlassen.
Stargard. Am konigl. Gymnasium trat am 15. April 1851 der
Gymnasiallehrer Reichhelm in den Ruhestand über. Zur Aushilfe
ward der Dr. Kopp Ton Stettin gesandt und übernahm auch einige
Lectionen für den erkrankten Prof. Wilde. Am 22. März 1851 be-
standen 5, am 2. Sept. 4, am 21. Febr. 1852 4 die Maturitätsprüfung.
Die Schälerzahl war
I. II. III. IV. V. VI. Sa.
am Anfang des Schuljahrs 21 48 49 46 38 29 231
am Schlüsse 7 26 45 47 41 13 179
Torgau. Das Lehrercollegium des Gymnasiums ist im Jahre 1851
-*1852 unverändert geblieben. Die Schulamtscandidaten Dietrich und
Michael setzten ihre Thätigkeit an der Anstalt auch nach Ablauf
ihres Probejahrs fort, bisersterer im Februar 1852 nach Beriin abgieng.
Die Schülerzahl betrug gegen Ende des Schuljahrs 248. Zur Uniyer-
sität giengen Mich. 1851 5.
Todesfälle.
Im April starb zu Kiel der an der Universität seit 1797 angestellte
Prof. Dr. Joh. Leonh. Pf äff.
Am 4. April zu Carlsruhe der Hofrath und Professor am dasigen Ly-
ceum W. Maurer (geb. zu Heidelberg am 1. Nov. 1799).
Am 23. April zu Baden der k. russische Staatsrath von Joukows*
ki, der den Homer ins Russische übersetzt hat.
Am 27. April in Paris Baron von Walckenaer, 83 Jahr alt,
Secretär der Akademie und Conservateur der Nationalbibliothek.
Berichtigung.
Mainz. In den Schulnachrichten der NJahrb. f. Philol. u. Paed.
Bd. LXIII. Hft. 3. S. 330 ff. wird von Giessen aus sehr ausführlich
über die Programme berichtet, welche zu Ehren Osanns gelegent-
lich seiner 25jährigen segensreichen Amtsthätigkeit im Grossherzogthum
Hessen erschienen sind. — Schreib;er dieses wundert sich, dass
hiebei mit Stillschweigen übergangen ist das Wormser Gymnasial-
232 Einladung.
Programm des Jahres 1846 Tom Hrn. Birector Wiegand, worin der^
selbe ein Sendschreiben an Hrn. Prof. Friedrich Osann über Piatonis
Rep. IX, 9 veröffentlicht und zugleich nicht nur einen geschichtlichen
Ueberblick des Giessner philologischen Seminars Yor Osann, sondern
auch die lateinische Addresse an letztern mittheilt, welche gelegent-
lich der L845 zu Darmstadt abgehaltenen Philologen-Versammlung von
den dort anwesenden Schülern Osanns diesem als ausdrückliche Vor-
feier übergeben wurde. — Noch auffallender war, dass der Hr. Be-
richterstatter gelegentlich der Erwähnung dieser Pietatsfeier das Rai-
sonnement einfliessen lässt, dass bei uns in einem kleinen Ländchen
in Schulsachen nichts grosses zu Stande kommen könne, — weil
seine Idee eines Albums nicht yerwirklicht wurde. In den nächsten
und entfernteren Kreisen ist nicht so geurtheilt worden. In unserer
Zeit, in welcher immer mehr die Klagen über Mangel an Pietät im
Kreise des Gymnasialwesens gefuhrt werden, hat man die fragliche Pie-
tätsbezeugung als eine eben so schone wie seltene Erscheinung an-
gesehn und Hr. Prof. Osann hat dieselbe sowohl privatim als auch
öffentlich also aufgenommen. Der Schreiber dieses mochte glauben,
dass Gefühle und Zeichen der Pietät desto weniger nach dem Maas-
stabe der Grösse der Demonstration beurtheilt werden dürften, je
wahrer und inniger sie sind.
Einladung.
Mit allerhöchster Genehmigung wird in diesem Jahre die Ver-
sammlung deutscher Philologen, Schulmänner und Orientalisten vom
29. September bis 2. October dahier stattfinden, wozu die unterzeich-
neten Geschäftsführer jeden statutarisch berechtigten hierdurch ge-
ziemendst einladen, und sich zugleich gern bereit erklären nähere
Anfragen oder Wünsche entgegenzunehmen und nach Möglichkeit zu
erledigen.
Göttingen den 14. Juni 1852.
Hermann. Schneidewin, Ewald.
Kritische Beartheilnngen.
Sophokles. Erklärt von F. W, Schneidewin. Viertes Bändchen: Antl-
gone. Leipzig Weidmannsche Bnchh. 1852. 155 S. 8.
Unter allen Sophokleischen Stücken ist keins, das in den letzten
Jahren einen solchen Wetteifer der verschiedensten Kräfte sich zuge-
wandt hätte, als die Antigene. Dass trotz dieser vielseitigen Bemü-
hungen sich noch Lorbeeren erringen Hessen , lehrt die vorliegende
Ausgabe, die an einer bedeutenden Anzahl von Stellen zuerst das
richtige nachweist und durch den sichern Takt wie durch die ge-
wissenhafte Strenge, mit welcher die Gedanken des Dichters Schritt
für Schritt verfolgt werden , sich durchweg auf das vortheilhafleste
empfiehlt. Der Schneidewinsche Sophokliskus hat die ihm gebührende
Anerkennung bereits gefunden; die Uebers«tzung ins Englische und
der rasche Verbrauch der zuerst erschienenen Theile, der trotz der
unphilologi sehen Richtung unserer Zeit schon jetzt eine neue Auflage
nöthig macht, gründet sich auf den innern Werth und die VortrefT-
lichkeit dieser Arbeit. Eben darum würde es überflüssig sein, das
was Schneidewiu für die Erklärung und für die Läuterung des Textes
in der Antigone geleistet hat , im einzelnen zu erörtern : lieber möch-
ten wir darauf hinweisen , dass Interpretation und Kritik auch hier
noch bei weitem nicht zum Abschluss gebracht ist, und namentlich
werden wir zu zeigen suchen, dass die Erklärung allzu willfährig sich
mit manchen Stellen abzufinden gewusst hat, die nur von der Con-
jecturalkriiik ihre Lösung erwarten dürfen.
Die von Schneidewin voraufgeschickte, überaus lehrreiche und
gehaltvolle Einleitung (S. 1 — 30) handelt in vier Abschnitten 1) Über
den der Antigone zu Grunde liegenden Mythus , 2) über die Oekono-
mie des Stücks und den Verlauf der Handlung, 3) über die Charak-
tere der einzelnen Personen, endlich 4) über die Nachahmungen wie
über die äussern Schicksale des Sophokleischen Stücks. Im ersten
Abschnitt (S. 1 — 6) wird gezeigt, dass d^jr Mythus überaus jung ist,
dem Epos vne der lyrischen Poesie gänzlich unbekannt und auf atti-
schem Boden entsprungen. Aeschylus war es , der (Sept. 1005 fgg.)
die Dichtung des Sophokles anregte und die ersten Umrisse dazu lie-
ferte. Pindar kennt die sieben Scheiterhaufen (^Ejtxa Uvqal vor
Theben) für die sieben Heerestheile und ihre Führer an den sieben
Thoren, und nach einer Sage wurden Eteokles undPolynikes auf dem-
selben Scheiterhaufen verbrannt , wobei die Flamme sich spaltete, wie
um die unversöhnliche Entzweiung der feindlichen Brüder anzuzei^«.^.
N. Jakrb, f, PkU. u. Paed, Bd, LSLV. Hfl, a. ^^
234 Griechische Litteratur.
Der Tragiker Ion lässt die Antigone und Ismene noch zur Zeit des
Epigoiienkriegs leben. Von einem LiebesYerhältnis des Haemon und der
Antigone ist vor Sophokles nirgends die Rede ; ebenso erdichtete nur
er den Tod des Megareus, ^um Kreons gänzliche Vereinsamung am
Schlüsse des Stücks zu motivieren' (aber auch um für Kreons Worte:
ovxovv TtciQog ys (Sijg ine9<Sxuxowv g>^v6g 993, den thatsächlichen Be-
weis zu geben), und so zeigt sich in andern Einzelheiten, wie So-
phokles durch künstlerische Motive geleitet von der alten Ueberlie-
ferung viel Fach abwich. Da jedes Drama für sich ein geschlossenes
Kunstwerk bildet, so darf es nicht befremden, wenn derselbe Dichter
in verschiedenen Dramen nicht dieselben Sagen befolgt. Was Antig.
4d vom Tod des Oedipus gesagt wird :
ccnex^r^g dviSxXsiqg t anciXstOj
TtQog avrotpwQoav ifiTtkcenriiiarGW dmXccg
oipstg aQcc^ag avrog avtovQym %6Qi^
verträgt sich nicht mit Oed. Col. 1663 fgg. :
ivv^Q yicQ Qv 0xeva%xog ovdh <Svv vodotg
alyeivog i^eniimet , aXk e? xig ßq&t^v
d'av^a(Sz6g.
Antig. 900 fgg. deutet auf ein gleichzeitiges Ende des Oe-
dipus und der lokaste, als Antigone schon erwachsen ist, während
im Oed. R. Oedipus am Leben bleibt und die beiden Mädchen noch
unmündig (Oed. R. 1511) sind. Der Auftrag, den Polynikes im Oed.
Col. 1409 fg. gibt, ist für das vorliegende Stück undenkbar. Nach
Antig. 167 fgg. gelangen zuerst die Sdhne des Oedipus, dann Kreon
zur Regierung ; anders im Oed. R. und Oed. Col. Mit Recht also warnt
Schneidewill (S. 4) , aus der fest umgrenzten Welt besonderer Dra-
men Verhältnisse und Charaktere auf andre Dramen desselben Sagen-
kreises zu übertragen ; zugleich zeigt er, dass im Oed. R. und Oed.
Col. zuweilen auf die früher gedichtete Antigone Rücksicht genommen
wird. — Der zweite Abschnitt (S. 7 — 23) gibt eine ausführliche Dar-
legung des Inhalts und der Oekonomie des Stücks. Nor weniges möch-
ten wir anders aufgefasst sehn , wie wenn S. 8 gesagt wird : ^die schwa-
che Ismene , die trotz der Ueberzeuguug von Antigones Recht sich der
Obmacht duldend beugt.' Ismene ist überzeugt, der gestorbne Bruder
wird es verzeihn, wenn sie, durch die Gewalt verhindert, ihn nicht
nach Sitte und Gebühr ehren kann ; darum gehorcht sie den herschen-
d;!n , und Widersetzlichkeit erscheint ihr sinnlos (65 — 68) : die An-
nihme, dass Ismene dem Vorhaben der Antigone Beifall zolle, beruht
r.ur auf 98 fg., wovon unten. Vom Wächter heisst es (S. 11), er
V itzle , ^ indem er in Folge seines guten Gewissens ruhig bleibe.' Der
Wächter bleibt nicht ruhig, sondern er gewinnt erst allmählich eine
ruhige Stimmung, keineswegs aber in Folge seines guten Gewissens,
i^ondern weil er sieht, dass er wider Erwarten (^ixxog iXitldog yvdfAfjg
T ifiijg 330) noch mit heiler Haut davon kömmt; denn im Anfang hatte
er trotz des guten Gewissens eine bedeutende Angst, und zur Mitthei-
Schneidewin: Sophokles. Viertea Bfindchen. 235
lang des geschehenen entschloss er sich nur schwer, mit dem ver-
zweifelten Trost xov iiri na^uv äv • aXXo nXtiv ro fioQöifiov 236. —
In der Charakteristik der handelnden Personen (S. 33 — ^28) möchte ich
nicht gelten lassen was Schneidewin S. 25 sagt, Sophokles lasse, um
die Antigone desto höher zu stellen , die übrigen Personen das Maass
des gewöhnlichen nicht überschreiten. Auf Ismene findet dies keine
Anwendung , ich glaube nicht einmal auf Kreon. Antigone geht über
die natürlichen Schranken ihres Geschlechts hinaus; ihr Heldenmath
ist nicht frei von Schroffheit und Hfirle, die sich nicht nur dem Kreon,
sondern auch der liebevollen Ismene gegenüber mit schneidender
Schärfe geltend macht. Ismene ist dagegen das Ideal des antiken Wei-
bes; sie beugt sich unter den Befehl des Kreon, nicht aus Gleichgiltig-
keit gegen Polynikes , sondern weil sie ein Weib ist und folglich
gegen Männer nicht zu kämpfen yermag, sodann weil es sich ziemt
zoig h xikst ßeßmau TtM'ia&ai (61 fgg.)- ^i® Willigkeit mit der sie
duldet, die Zärtlichkeit gegen ihre Schwester, die aufopfernde Liebe,
mit der sie sich zur mitschuldigem macht, um mit der zu sterben, ohne
die sie nicht leben mag — alles dies erhebt sie durchaus über das.
alltägliche. Selbst Kreon ist weder ein schlechter , noch ein gewöhn-
licher Mensch: wäre dies der Fall, so würde der Schluss des Stücks,
wo er der Mittelpunkt der von allen Seiten hereinbrechenden Leiden
wird, seine Wirkung total verfehlen. Der hellenische Patriotismus
ist uns fremd; wir haben daher kaum eine Ahnung davon, was es
hiess als Feind des Vaterlandes dazustehn, und welcher Frevel es zar
Zeit des Sophokles war, den Befehlen der Behörden sich eigenmäch-
tig zu widersetzen. Gerade diese beideu Punkte aber müssen wir in
ihrem vollen Gewicht fühlen, um nicht über Kreons Thun unrichtig und
schief zu urtheilen. Schneidewins Kaisonnement über Kreons Befehl,
er sei erstens ungrossmüthig, zweitens unfromm, drittens über-
eilt, viertens unbedacht (S. 25 fg.), ist in keiner Weise aus der
Darstellung des Dichters zu rechtfertigen and eben darum gleichgiltig
oder vielmehr verfehlt. Aus Kreons Worten 184 fgg. Hess sich eine
richtigere Beurtheilung entnehmen; diese Worte für ^sophistische
Gleissnerei ' zu halten (S. 26) , fehlt jeder Grund. Ebenso möchte ich
aus der Umständlichkeit, mit welcher Kreon über seine Maximen
spricht , nicht den Schluss ziehn , er selbst fühle , dass sein Psephisma
unpopulär und unedel sei (S. 26) : der Dichter will uns vielmehr füh-
len lassen , dass Kreon nicht blindlings , sondern nach fester lieber-
zepgung handelt, und dass eine gewisse Entsagung daza gehörte,
gegen die nächsten angehörigen , die ihn bisher den guten Kreon (dl)
genannt hatten , unerbittlich streng za sein. Schneidewin meint : ^ so
sehr Kreon das Staatswohl vorschützt, persönliche Rücksichten blicken
doch oftmals durch' (S. 26). Allerdings fühlt sich Kreon in seiner
Person dadurch verletzt, dass ein von ihm dem Staatsoberhaupt nicht
ohne innern Kampf erlassenes Gebot übertreten wird und dass es ein
Weib ist, welches diese Uebertretung gewagt hat; im übrigen opfert
er jede persönliche Rücksicht , und gerade hierin liegt die «iU.Vv^'^
236 Griechische Litteratur.
Energie seines Thuns, dass er von den Banden des Bluts sich nicht
bestricken iasst, das vermeintliche Recht zu beugen. Bei dem Starr-
sinn (wenn man so sagen darf), mit dem er dies vermeintliche Recht
festhält , und bei der Leidenschaftlichkeit , mit der er andere falsch
beurtheilt, dürfen wir nicht vergessen, dass er im Grunde seines Her-
zens es redlich meint. Wenn er selbst der letzten Mahnung des Tire-
sias anfangs widerstrebt, so geschieht dies, weiF er eben seine atrj
erfüllen müss; allein zwei Dinge dienen dazu seine Schuld zu min-
dern: einmal dass er früher dem Tiresias ein williges Ohr lieh, so-
dann dass seine Verblendung vorübergehend ist und dass er nach der
Erinnerung des Chors , der Seher habe noch niemals unwahr geredet,
sich sofort — aber freilich zu spät — eines bessern besinnt. Wenn
ich nicht irre, kann diese lang vorbereitete Umkehr g^nz besonders
zeigea, dass Kreon weder * seinen Willen zum unbedingten Gesetz '
macht (Schneidewin S. 26), noch *mit frevelhaftem Leichtsinn die hei-
ligsten Familienbande zerreisst' (Sehn. S. 27). — Im vierten Ab-
schnitt (S. 29. dO) weist Schneidewin namentlich darauf hin , wie der-
selbe Stoff von Euripides behandelt (man kann sagen mishandelt)
wurde : Haemon und Antigone bestatten gemeinsam den gefallenen Po-
lynikes ; die daraus entspringenden Conflicte löst ein deus ex machina^
Dionysos, und so laufen die liebenden gemüthlich in den Hafen der
Ehe ein. Die Aufführung der Sophokleischen Antigone setzt Schnei-
dewin in das dritte oder vierte Jahr von Olymp. 8:^ (441 oder 440 vor
Chr.), und nach einer Angabe in Cramers Anecd. Oxon. IV p. 315
vermuthet er , lophon , der Sohn des Sophokles , habe das Stück nicht
ohne eigne Zuthaten von neuem auf die Bühne gebracht.
Der Anfang des Stücks leidet an erheblichen Schwierigkeiten,
Vs. 2. 3: ^ ^
aQ ol0^ XI Zsvg rmv aii Oldtnov xuKciv
OTCotov Qvxl v<pp ht ici(Saiv reXsi;
So schreibt Schneidewin, mit der Interpretation : ^weisst du ein Leiden
des Oedipus, das nicht Zeus von ihm her, ein Leiden, welcherlei Art
nicht Zeus an uns vollendet?' Antigone soll beginnen mit aQ olad^
i) u (pv) Zevg tsXh^ und sich, indem sie die Manigfaltigkeit ihrer
Leiden ins Auge fasst, mit bnotov (yv%l verbessern. Fragt man, wa-
rum Antigone sich so ausdrückt, dass sie ihre Worte verbessern muss,
80 lautet die Antwort: der Dichter wollte dadurch ihren leidenschaft-
lich erregten Zustand mahlen. Gegen eine solche Annahme erheben
sich einige Bedenken. Man vergleiche die Anfänge sämtlicher uns er-
haltenen Tragoedien , man wird ikirgends finden , dass das Pathos schon
in den ersten drei Versen stark genug ist , um sich gegen die Gram-
matik zu sträuben; vielmehr zeigen alle uns vorliegenden Anfänge
einen ruhigen, ebenmässigen Redefluss und die strengste grammati-
sche Correctheit. Diese Thatsache ist nicht zufällig, sondern sie be-
ruht auf innerer Nothwendigkeit. Der Zuschauer — und nie dürfen
wir vergessen, dass die alten Tragoedien für die Bühne bestimmt
waren — kann erst allmählich in die Kämpfe der handelnden Personen
Schneiderin: Sophokles. Viertes Bändchen. 237
hineingezogen und von denselben mit ergriffen werden: ein leiden-
schaftliches Stammeln , dessen Motive wir nicht kennen nnd nicht nach«-
fahien, wird eher Misfallen als Sympathie erregen. Es wäre daher
ein psychologischer Misgriff, wenn ein Tragiker um des höhern Pa-
thos willen sofort beim Beginn des Stücks sich rhetorischer Freihei-
ten bedi^en wollte^ die später durch die Leidenschaftlichkeit der
Situation sehr wohl gerechtfertigt sein können. Wenn demnach selbst
Aeschylus, der sonst viel wagt, seine Stücke verhältnismässig sehr
einfach anheben lässt, wenn Euripides, um den Zuschauer vorzube-
reiten, sich besonderer einleitender Prologe bedient, die über den
Status rerum Bericht erstatten, wenn Sophokles in allen übrigen
Stücken zwar kräftige und nachdrückliche, aber durchaus ruhige und
besonnene Reden an die Spitze stellt, so darf im vorliegenden Falle
die Leidenschaftlichkeit der Antigone schwerlich benutzt werden, um
eine wunderliche Redeweise zu rechtfertigen. Man denke sich das
attische Publicum, dessen wachsame Kritik auch die kleinsten Män-
gel bemerkte und unbarmherzig verspottete: eine Antigone, die sich
gleich im ersten Satz als schlechte Rednerin produciert hätte, würde
durch einen solchen Anfang leicht alles verscherzt haben. Inzwischen
möchte ich eine Redeweise wie die erwähnte auch in der leiden-
schaftlichsten Situation kaum gelten lassen. Das ungeschickte liegt
darin , dass dem moiov ovyi des dritten Verses ein blosses o xt ohne
Negation entsprechen soll. Es scheint mir nothwendig statt o xi viel-
mehr ort zu schreiben: ^dn weisst doch wohl, dass Zeus' n. s. w.,
wie bei Arisloph. Av. 1246: ocq olad^ oxi Zsvq et fie Xvni^<tst niqu — ;
Dann würde aber nach der hergebrachten Lesart wieder eine Härte
entstehn, dadurch dass von ola^a zwei verschiedenartige Construc-
tionen abhängig gemacht wären in einer Weise , die sich durch nichts
ähnliches rechtfertigen lässt. Dieser Härte entgehn wir durch Hinzu-
fügung ^ines Buchstaben:
aq oUs^ ort Zeig xwv iiii OldlTtav xaxcSi/
xb nolov oi;%l i cov exi ^diSatv xsket;
wo xo Ttoiov ov%l soviel ist als näv onoiavovv. lieber den Artikel
bei notog vergl. man Soph. Oed. R. 120. 191. Trach. 78. Phil. 1229.
4: ovöhv vag ovx ccXyetvov. ovx axng axsoj
OVX aiöxQOv , ovx axiuov $69 OTtotov ov
xoov (Stov XB xaftwv ov% oitont iya nanmv.
Die Worte ovx axrig axeg sind in Wahrheit für die Philologen eine
axfi: es liessen sich Bogen füllen, wenn jemand alles sammeln wollte
was darüber bereits gesagt worden ist. Schneidewin fasst &x€q ad-
jectivisch und macht den Genitiv axrig von xyvöiv abhäqgig; er inter-
pretiert: ovxs axfjg ovSiv Sxbq icxiv^ ml nee triste nee aerumnosi ab-
est. Hätte Sophokles dies gewollt , so würde er doch wohl i^schrie-
bei) haben om ccxrig inov. Wie jetzt die Worte stehn, kann man
axeq nur als Praeposition fassen und mit ixrig verbinden — wofern
man nicht dem Dichter zutrauen will , dass er , wie um ae\^ ^«Sc^k^soecx
238 Griechisohe LiUeratar.
sn foppen , ein unvermeidliches Misverstandnis habe hervorrufen wol-
len. Die ganze Fassung der Stelle seheint darauf hinzuweisen, dass
Antigone das Uebermaass ihrer Leiden dadurch schildert, dass sie sagt :
keinen Schmerz und keine Schmach gibt es, die wir nicht ge-
duldet hatten. Es sind nicht vier, sondern zwei Dinge die sie neben-
einander stellt. Ys. 4 spricht sie von dem Schmerz, Vs. 5 von der
Sehmach , und jeden dieser Begriffe umschreibt sie wieder durch zwei
Ausdrücke, den ersten durch ilysivov und ovx ärqg JiteQj den zwei-
ten durch ctusygov und atmov. Hiernach möchte ich lesen :
ovoev vag (yvv alysivov ovo axm arsü»
ovt aiöx^ov fjo an(AOv ed^ , oTtoiov ov
xmv ömu ve xcJftcov ovk oitmii iym Twn&v.
Gegen diese Redeweise dürfte weder in logischer noch in sprach-
licher Hinsicht sich etwas einwenden lassen: ^di gebraucht Sophokles
auch sonst im Trimeter (fr. 345. 493 und nach Schneidewins Vermu-
thung fr. 517, 10), wenngleich seltner als Aeschylus und Euripides.
23 fgg. : '£r£OxAea ftii/, cog Xiyovöiy avv d/x|}
Xgria^slg diTutCc^ xal vofnp wxxa jfi'^^og
ixQviffe toig Sveq^ev Ivtiiiov va^gotg.
Dies ist die Ueberlieferung, gegen welche die Form %gvfi^Blg statt
XJiffiOa^svog^ das d/x]/ öiTtai^ und endlich die Praeposition aifv neben
X^G&cct laut genug sprechen. Jacob und Schneidewin nehmen auch
an in,' liyovai, Anstoss. Der erstere verband es mit den Worten avv
Slnrj und meinte, über das rechtmässige der Bestattung des Eteokles
könne kein Zweifel obwalten. Eben darum wird &g iiyovöi auf
hii^wlfs zu beziehn sein, Dagegen macht nun Schneidewin geltend,
aus 900 fgg. ergebe sich , dass Antigone den Eteokles pflichtgemäss
mitbestattet habe. Allein wenn dies aus der angegebenen Stelle folgte,
woran sich noch zweifeln lässt (das %a<sLyvfjfcov ^aqa 899 scheint auf
Polynikes zu gehn, und die Worte vvv d\ nolvveiMBg xo cov 902 fgg.
sind interpoliert, wovon unten), so ist damit noch nicht bewiesen,
dass die Bestattung des Eteokles bereits zu der Zeit vollzogen war,
wo Antigones Zwiegespräch mit Ismene stattfindet. Dass vielmehr
damals Eteokles noch nicht bestattet war, lehrt auf das deutlichste
Kreons spätere Aussage , 192 fgg. : Jc^^v|ofg ?%© aaxoXu noclömv xmv
ait Oiöinov nigr ^EcsouXia [ihv — ra^co xs itgvijHxi wtl xa navx
itpayvCaat,^ wo Schneidewin (Anm. zu 197) durch eine wunderliche
Interpretation den Kreon Lügen zu strafen sucht. Wofern man mit
Schneidewin ini liyovfSi streicht, widersprechen sich 23 und 192 fgg. ;
wenn dagegen Antigone die Bestattung des Eteokles nur als ein (wie
sich später ergibt, der Wahrheit nicht ganz conformes) Gerücht hin-
stellt, so ist von diesem Widerspruch nicht die Rede. Darum halte
ich G)g XiyovCi für nothwendig. Auch im übrigen scheint der Vor-
schlag von Jacob :
'Er£oxAia filv (Svv 6Uv ncexa %9ovog
Ixgv^s xoig l'vsQ^ev itrciiMV vBXQoig^
mit dem Kolster im Philologus V S. 224 und Schneidewin fast über-
Schneidewin : Sophokles. Viertes Bändchen. 239
einstimmen (statt (fvv öUri verlangt Kolster mg vofim^ Schneidewin
fj diKfj) , nicht eben viel Wahrscheinlichkeit za haben ; jedesfalls ist
die von Schneidewin vorausgesetzte allmähliche Entstehung der Inter-
polation allzu künstlich und subtil. Wäre igyiöd-slg der einzige oder
auch nur der Hauptanstoss , so würden wir es dankbar annehmen, dass
G. Wolff in der Zeitschr. für d. Gymnasialwesen Jahrg. Y S. 728 i?.
an das von Polybius II, 32, 7 gebrauchte (SvyxQrfiSijvai, erinnert ; jetzt
kann uns dies wenig fruchten , und ich möchte vorschlagen :
'£r£ox^€a ftev, co^ l&yaviSi^ dvv SUji^
K glast öiMaitf Kcrl voftci xorror ^'^ovo^ ix^ipe xrL
31 fg. : toucvxci g>aai tov aya&ov Kgiovcd fSoi
KafioC^ Xiyto yicQ nifii^ KtiQV^avz i%etv %xk.
Das kiytn yaq Tcotfii erklärt Schneidewin so gut es geht : ^ wohige-
merkt, auch mir, die er schlecht kennen musste.' Antigone würde
hiernach sich der Ismene gegenüberstellen und den eignen Werth im
Gegensatz zur zweifelhaften oder verwerflichen Gesinnung der Schwe-
ster hervorheben. Dies war indes ihre Absicht nicht. Sie wollte nur
die Ismene anspornen zur Theilnahme an der Bestattung des Polyni-
kes, zum ^vfiicoveiv »ccl ^vegyci^sa&ai (41). Dieser Absicht würde
es angemessener sein, wenn sie der Ismene sagte: ^auch dich be-
trifft das Gebot des Kreon.' Je mehr die Antigone mit sich selbst im
reinen ist, um so ungeduldiger verlangt sie die Entscheidung ihrer
Schwester, nicht als ob sie allein sich zu schwach fühlte ihr Vor-
haben auszuführen, sondern weil sie wünscht und wünschen mu8s,
dass auch Ismene den gestorbenen Bruder ehre. Nach den folgend«;^
Worten :
ovxoig ixet aol tavta %al öel^eig xiyjUy
6tx svyBVfjg ni<pv7iccg bXx iiSd-lap xaxi^,
scheint es mir unzweifelhaft , dass Sophokles schrieb :
xotavxd g>ccat rov iyctd'ov Kqiovxa fiot
Kai aol^ kiyto yccQ %al (Si^ TCtj^^avx i%Biv %xX.
Die jetzige Lesart danken wir dem Misverständnis der Leser, die
meinten , Antigone müsse als die Heldin des Stücks , die durch Kreons
Drohungen sich nicht schrecken Hess , auch hier in den Vordergrund
gestellt sein. — Zu 38 gibt Schneidewin die Erklärung, Antigone
meine: tXx evyevtig 7ii(pvKag iiSd-XmVj Btxs hd-lmv nigruKag Kaai^.
Diese Ergänzung ist gegen den Sinn des Dichters , das iad'k^v würde
im ersten Glied nicht nur ein zweckloser, sondern ein störender Zu-
satz sein ; es gehört ausschliesslich zum zweiten Glied als Gegensatz
zu xaxi^. Paraphrasiert lautet der Gedanke: ^du wirst nun zeigen, ob
du in Wahrheit avysviqg bist oder eine Kccuri ^vyitviq yovicDv icSd'Xav
deinem Geschlecht Schande machst.'
45: I£M. fi yaQ voetg ^iitxttv <Sip inoq^ov itoXei;
ANT. xov yovv i(jtov xal tov tfdv, ^V Ov (lii ^iXjfg
€cösXg>6v ov yccq dii n^dovtf aXwSoiuct.
Die Worte : ^ ich will meinen Bruder bestatten und — wofern du dich
weigerst — auch deinen', sind mindestens etwas matt. In d«n^ "^^^^
240 Griechische Litleratur.
abv iÖ6Xg)ov ^ailna liegt eine Willfährigkeit, wie sie Antigene gegen
ihre Schwester sonst nirgends zeigt. Man vergl. 69 fg. : ovx Sv xe-
kivOatfi^ ovt av et &ikoig In nQcc66eiv^ ifiov y Sv riöiüDs dgtiqg
(iha Q. ähni. Meinem Gefühl nach kann Antigone nur sagen: ^be-
trachtest da den Polynikes nicht als den deinigen , so ist er wenig-
stens mein Bruder, und ich werde nicht des Verraths an meinem Bru-
der mich schuldig machen.' Vielleicht bt zu schreiben :
xov ovv ifiov yf, rov abv iqv iSv (lii ^ilyg.
Die Spitze dieser Rede liegt offen: ^wiUst du nicht deinen, so will
ich wenigstens meinen Bruder beerdigen.' Auch 48 spricht Anti-
gone der Ismehe jeden Antheil am Polynikes ab, indem sie sagt: akX
ovöhv ctuTCüi xmv ififSv fi st^eiv (liva^ wo Schnei dewin nach dem
Vorgang alter Erklärer unrichtig an ta ifAci ^ meine Obliegenheiten'
denkt, während vielmehr o£ ifioi ^ meine angehörigen' gemeint sind.
Für die von mir geforderte Interpunction sprechen auch die Scholien,
wo es heisst: «äv firi ngoöTtoi^ cevrbv elvcci <Sov cidek(pov. Dieselben
bemerken : JlSv^wg di q>rfiiv wtb rcov intoiivriiiattö-cmv xov i^i]q 6x1-
Xov vevo^sva&ai. Vs. 46 verletzt die Stichomythie , er ist vollkom-
men entbehrlich , und ich trage kein Bedenken ihn zu tilgen.
88: d'BQfiriv ini '^iqöUsi xocq81ccp e%€ig.
Das inl tiw%Qotai wird verschieden gefasst ; die einen erklären : ^ du
hast ein heisses- Herz für todte', die andern und mit ihnen Schnei-
dewin: ^du bist heissblütig bei kalten Dingen.' Gegen die erste
Erklärung sträubt sich der ganze Zusammenhang, und es wärde dem
Gharakter der Ismene nicht entsprechen , wenn sie aus der Liebe zum
Bruder der Antigone einen Vorwurf machte, wenn sie also meinte,
mit dem Erkalten des todten müsse auch das Herz der angehörigen
gegen ihn kalt werden. Gegen die zweite Erklärung spricht der Um-
stand, dass man nicht recht sieht, warum das Vorhaben der Antigone
geeignet sein soll — wie Jacob sagt — Muth und Leidenschaft ab-
zukühlen ; weshalb Schneidewin die missliche Ansicht äussjert, iicl tfw-
XQoiai sei nur um der rhetorischen Schärfung willen hinzugefügt. ^Bjjtl
bedeutet hier vielmehr nach; dies entspricht allein dem Sinn unse-
rer Stelle. Ismene meint: ^nach den Leiden, die unser Haus betroffen
haben, hast du noch heisses Blut.' Eine ganz entsprechende Ueber-
setzung halte ich* für unmöglich, weil uns das congruente Wort fehlt
für tfrvxQog^ das in übertragner Bedeutung den Sinn bekömmt wi-
derwärtig. So tjwxQbv TcccQayKccltafia Antig. 650. 'tffvxQOv ßlov jcotl
öv(5%6X(yv Aristoph. Flut. 263 u. a. Diese Uebertragung von kalt ist
der deutschen Sprache fremd, daher wird unsere Uebersetzung stets
hinken. Um sich dem Griechischen zu nähern, könnte man vielleicht
versuchen :
^Nach kalten Schicksalsstürmen hast du heisses Blut.'
Ismene bezieht sich, wie man sieht, auf die oben (49 fgg.) gegebene
Auseinandersetzung der harten Schicksalsschläge, denen ihre nächsten
angehörigen erlegen sind.
Am Schlüsse des Zwiegesprächs der Schwestern kündigt Antigone
Schneidewin: Sophokles. Viertes ßändcheii. 241
in hitziger Aufwallung ihre und des Bruders Feindschaft der Ismene
an und erklärt , sie selbst werde ohne Bedenken dem drohenden Uebel
die Stirn bieten; denn in jedem Fall bleibe ihr ein rühmlicher Tod.
Darauf antwortet Ismene 98 fg. :
ulÜ sl Sonst aot^ (irH%6' rovto d t(S^ ^ ort
avovg fiev i^xei^ rotg q)lkotg 6 OQ^mg (pCXrj,
Sollte Sophokles statt des kahlen sQxei nicht vielmehr iggeig gewählt
haben? Dies Yerbum ist gerade da üblich, wo ins Verderben
g e h n ausgedrückt werden soll : Sqqbi nav(6Xrig Sijfiog Aesch. Fers.
732. tov(i6v ag i^gei öiiiag Soph. El. 57. utpavxog ^QQSi ^vaalfim
XeiQcifiati Oed. R. 560 u. ähnl. Hinsichtlich des Sinnes der obigen
Worte scheint mir der zweite Vers etwas matt : nach der Ankündigung
rovTO d' l!<Sd'^ Ott sollte man einen nachdrücklichem Gedanken erwar-
ten als das blosse: ^ du bist zwar einfältig, aber gegen den Polynikes
liebevoll''*'). Ismene würde damit zugleich der Antigone ein Zuge-
ständnis machen , das sich weder mit ihrem eignen Thun verträgt noch
mit der oben ausgesprochnen Ansicht über die Lage der Dinge, s. 67 fgg. :
iyw (liv ovv alrovca rovg imo %&ovog
^vyyvoiccv i6%siv^ ag ßuc^oiiat tads.
xotg iv tilst ßeß^üt TCelaofiat* ro yaq
TtSQtiSaoc Tt^öaetv ov% S%€t vovv ovöhu,
Sie würde durch diese Anerkennung des Rechts der Antigone deren
Vorhaben noch befordern, während die innigste Schwesterliebe ihr
gebietet, auf jede Weise das unheilvolle Beginnen zu hintertreiben.
Endlich liegt in dem unvermerkt beigegebeneu avovg (liv ein ver-
steckter und eben darum verletzender, liebloser Angriff: ^zwar bist
du sinnlos' — als ob die Sinnlosigkeit der Antigone sich von selbst
verstände und der Erwähnung kaum bedürfte. Offenbar konnte Sopho-
kles nur sagen : ^ du bist mir lieb , aber eben weil ich dich liebe,
muss ich dir das harte Wort sagen : du handelst sinnlos.' Demnach
möchte ich lesen: (piXrj (lev Iggstg^ xotg g>lXoig 6^ oQ^mg Svovg. Dass
Anfang und Ende desselben Verses zuweilen von den Abschreibern
vertauscht wurden, ist erwiesen; dahin gehört das Sprichwort: kv-
itog Xiovti iSv(ißccXlst 7ceq>Qayfiiv€0 Paroem. Append. III, 76 statt tu-
q)Qay(iiv€o Xiovtt <SvfißäXXsi Xv^og^ und vielleicht Eur. fr. 970, 1: xa-
xov ywcctxa TtQO^ viov ^ev^ai yqccutv^ statt yqcuav yvvcttKa fCffog viov
^ev^ai Tucnov»
186 : ovr Sv ötamiqöaifAi triv axriv oqcSv
iSxeC%ovaav aiSxotg avxl f^g (StoxriQCag,
Schneidewin interpungiert nach atSxotg^ um aml xijg (StaxriQlag mit
(Stami^iSaifii zu verbinden : ^ könnte ich auch meine eigne Rettung durch
Schweigen erkaufen , so würde ich es doch nicht thun.' Allein schon
'*') So werden wenigstens in den Schollen die letzten Worte ge-
fasst: dvor^tang fihv %a\ tpiXoHtvSvvws TtQoitrsis' svvo'Cümg Sh xm fa-J
vovTL. Ebenso Schneidewin in der Einleitung 8. 7, und in der That
scheint jede andere Interpretation dem Sinn der Stelle zuwider zu
laufen
242 Griechische Litteratur.
die Stellung der Worte weist darauf hin , dass atriv ivxl xi^q acmr,-
Qtag zusammengehört. Es ist bekannt, wie haußg zur scharfem Her-
vorhebung eines Begriffs sein Gegensatz mit einem ccvtl hinzugefügt
wird. Soph. Trach. 148: eag zig ccvtl JtaQ^ivov yvvrj xAiyOjJ. Ai. 1020:
öovXog koyoKSiv ivz ikev^igov (pccvelg, Alexis fr. 143, 3. Com. III
p. 450: yvvai^l öovloi ^^fuv avc ilsv^iQwv. Xenoph. Mem. I, 3, 11:
d(yvkog [ihv elvat avz iXav^igov. Xenoph. Ephes. V, 11: vwl 61
SavXrj fihv avr iksvd'iQag , al'jdiaXcmog öh fi 6v(Srv%fig (vielleicht öviS-
tv^rfg ÖS ff alxficcXanog) ivxl fiaTcaglccg, I, 16 : eixog (liv inl f^ avfi-
q>OQ^ (piQBtv ^cirAeTCcag, olxhtjv fihv i| iXsv&iQOv y€v6(ievav^ nevrftu
öh ain ivöaCfiovog. Bei Soph. Trach. 267 liest man :
kiytav %6Qoiv (ihv wg agyuxr Ixfmf ßiXri
xmv (ov tinvcav ksCnoiro ngog to^ov XQldtv
q)(ov6i öi ÖovXog ccvÖQog mg iXev^igov §a£otxo.
Die letzten Worte sind vollkommen unverständlich, und mit dem Vor-
schlag von G. Wolff avÖQog mg ix, öevtiQov sind nicht alle Schwierig-
keiten gehoben; es ist wohl zu lesen^: q)av6lg öh öovXog ivÖQOg i|
iXev&iQov. Yergl. Xenoph. Mem. IV, 2, 29 : (noXsig^ at (ihv avdoTcc-
xoy yfyvovxai , a£ öh i| iXsvd'igmv öovXai,
269 : xiXog ö^ ox ovöhv i]v iqswmöiv nXiov^
XiyBi xig elg og navxag ig niöov niqa
vsvdcct (poßm TCQovxQS'tlfev.
Statt 6g Ttdvxag verbessere man o navxag : denn der Vorschlag war es,
der alle bestürzt machte. Um die jetzige Lesart zu schützen, könnte
mau nur geltend machen, dass die Boten sich ungeschickt auszu-
drücken pflegen.
279: 2fva|, ifiol roi, (ii^ xy Kai d'BtjXaxov
xovgyov xoö , ff ^vvoux ßovXeusi TtaXai.
Es muss wohl gelesen werden xovQyov xoö^ ^, ^vvoia. Denn die
Ellipse des Conjunctivus von sl(iC ist wenigstens für Sophokles nicht
weiter nachzuweisen als in dem corrnpten Verse: alXa öiöoiK^ m
Ttat^ 111^ fi axsXijg «vtw Phil. 782.
Zu 296: ovöhv yaQ av^QmfrcouSiv ^ olov a^yvqog^ xaxov vo^töfi
ißXaiSxe^ bemerkt Schneidewin, vofiusiia bedeute ^allgemein giltige
Einrichtung', und verweist mit Erfnrdtauf Eurip. Oedip. fr. 9:
ovxoi. v6(it<Sfia XsvKog aqyvQog (lovov
%al xQvOog i<Sxiv^ aAAa naqexii ßqotolg
vofitOfia Hstxai TcäCiv^ tj xQ^ad'ai xgeciv *).
Wie diese Stelle das gewünschte beweisen soll, ist nicht abzusehn.
♦) Vermuthlich ist zu lesen: rjv yLtäa^ai XQBoiv, Eur. Bacch. 1152 :
t6 aoKpQOvstv ÖS ytal cißsiv xä x<dv ^smv
näXXiatov olfiai Ö* avto aal aocpoaxatov
^•vrizotaiv elvai XQVf'^ xoiai xqafiivoig.
Statt XQWf^ bietet Orion p. 55, 27 Schneidew. %t^fia, was den Vor-
zug verdient. Carcinus (fr. 8. p. 98Wagn.) bei Stobaeus Flor. 38, 18:
^v ÖQoi fiovov töiov cav notsi fp4t6vog '
Xvnst yäq avxo to %xrjfiM rovg "KeTtxrniivovg,
Schneidewill: Sophokles. Viertes Bfindchen. 243
Offenbar sagt £uripides: ^wie Silber undGoid, so ist auch die Tugend
eine Münze — wir würden sagen ein Schatz, den man sich er-
werben muss.'
Zu 304: akii sitcsq Xcyei, Zivq h i^ iiiov aißag^ finden wir an-
notiert: ^ Kreon als König ruft den König der Götter an.' In den
Worten des Dichters ist diese Pointe mit keiner Silbe angedeutet;
auch wird niemand behaupten , das Anrufen des Zeus sei ein Privile-
gium der Könige. Darum ist die Bemerkung zu tilgen.
344: Kovfpovomv xs gyvkov OQvl&cav afi(ptßak(ov Syst.
Schneidewin erklärt aysi pro praeda (warum nicht praedamf) abdu-
cit und verweist auf 202: xovg dh dovXdfSag ayeiv. Man sieht leicht,
wie verschieden die beiden Stellen voneinander sind. So passend von
den im Kriege gefangenen gesagt wird: ^sie werden als Sklaven abge-
führt,' so widersinnig würde es sein, wenn der Mensch das Volk der Vö-
gel, die Schaaren der wilden Thiere u. die meerbewohnenden Fische mit
sich fortschleppen sollte. Man denke sich jemand , der in dieser Weise
sich mit der halben Naturgeschichte bepackt hat, und frage sich, ob
wohl dies Costüm geeignet sei, den Menschen als den Herrn der Schö-
pfung erscheinen zu lassen, dessen geistige Ueberlegenheit sich alles
unterthan macht. Sophokles schrieb nicht ayBi^ sondern ayget^ wo-
für ein Zeugnis vorliegt in der von den Scholien gegebenen Erklfimng
ayQevei.
367: vofiovg x aslgav %^ovog &Boiv t Ivoqxov dlxav. Gegen
diese von Schneidewin gemachte Conjectur spricht, wie mir scheint,
der Sinn: vofiovg ubIqhv soll bedeuten ^ die Gesetze hoch halten'; so
lange diese Bedeutung nicht nachgewiesen ist, wird jeder es viel-
mehr übersetzen müssen ^die Gesetze aufheben.' Die Ueberlie-
ferung lautet v6(iovg TtageCQfov^ und Reiske hat wohl das richtige
gesehn, wenn er vofiovg yequlQcov vorschlug.
506 fg. Antigone rechtfertigt ihre Uebertretung : sie habe nichts
rühmlicheres thun können, als den leiblichen Bruder bestatten; amch
diese (der Chor) würden ihr beistimmen, wenn nicht Furcht ihren
Mund schlösse. Darauf soll sie fortfahren :
aXX ff xvQcivvlg Ttokkot x cckl Bvöccifwver^
Ka^E6xiu avxrj öqccv kiyBiv d" a ßovkBxcci,
Diese Sentenz hangt mit dem vorhergehenden schlecht zusammen, and
namentlich ist das cekkd sinnlos. Sodann passt die Reflexion durch-
aus nicht zur vorliegenden Situation: dem Kreon kann das öqccv ksyeiv
'9'' S ßovkBxai unmöglich vorgeworfen werden; er handelt nicht in
übermüthiger Willkür, sondern nach der starren, unerbittlichen Streng«
des Gesetzes, das er selbst da noch aufrecht zu erhalten sacht, al«
sein Wille durch vielfältige und gewaltig anklopfende Mahnungen be-
So lautet die Uebcrlieferung. Die bisherigen Bessernnggvorschlage
scheinen mir nicht genügend; es wird zu lesen sein:
^v cLQU fiovov To di^ov CiV iioui tp^vog*
kvitsC yäq avxoxf^rjfiu xovg xsxtfiftivov^*
244 Griechische Litteratur.
reits wankend geworden ist Am wenigsten aber eignet es sich für
den Charakter der Antigene , den Kreon oder irgend einen Herscher
um seiner Autonomie wiilen glücklich zu preisen. Wie vortrefflich
sagt sie im vorhergehenden (499 ^gg^y:
tag ifiol T(5v <fdw XoycDP
igsöxov ovöiv^ firiö^ agsö^slri Ttoti.
Sollte sie nun sich selbst so untreu geworden sein , dem Kreon eine
evöaifiovla zuzugestehn ? Die alten Erklärer bemerken in dem Gefühl,
dass die beiden Verse sich für die Antigpne nicht schicken : ov» iv
htalvfp roihro tijg tvQawldog ^ alJÜ i%st ri stQüorelag 6 Xoyog. Allein
worin soll die Ironie liegen? — Endlich ist noch zu erwähnen, dass
Kreon in seiner Antwort die beiden Verse aX£ ij xvq. %tX, gänzlich
ignoriert, dass er (wie Schneidewin sagt) den Gemeinplatz überhört
und sich an die Hauptsache hält, dass also dieser Gemeinplatz wie
mit dem vorhergehenden, so auch mit dem folgenden nicht zusam-
menhängt. In summa ist es unzweifelhaft, dass 506 fg. nicht in den
Text gehören '*') ; ich trage kein Bedenken sie dem Euripides beizulegen.
519 fg. : AJSIT, ofitog o y "Ai^r\g rovg vofiovg iöovg Tto^ei.
KP. aXX ovx %^(Stog tm Tcax^ Xcc^hv i6og.
Das den Scholien entnommene vovg vofiovg töovg (statt des handschrift>
liehen xovg vofiovg rovrovg) würde den Sinn geben: ^ Hades fragt
nicht danach was jemand bei Lebzeiten gethan, sondern behandelt
alle in gleicher Weise.' Einen derartigen Gedanken möchte ich dem
Sophokles nicht zutrauen , um so weniger , da Antigone über den beim
Hades für Recht oder Unrecht geltenden Maasstab sich erst nachher
äussert und zwar in unentschiedener Weise (rlg olöevj ü Kata&ev
^uttyij Tccds; 521). In dem überlieferten rovg vofiovg rovtovg Ttod-si
befremdet es, dass Antigone von ^diesen Gesetzen' redet, die sie
doch im vorhergehenden mit keinör Silbe bezeichnet hat. Diese
Schwierigkeit löst sich indes sehr einfach. Bevor noch Antigone über
die vofio^ des Hades sich erklären kann, wird sie von der Hast des
Kreon unterbrochen, und ihre Rede bleibt unvollendet. Ueber die
von ihr gemeinten Satzungen kann indes kein Zweifel sein: es ist
das (iridiva ad-aTtrov iävj firiSiva aixl^eiv vstcqov und ähnl. was sie
im Sinn hat und was jeder Hörer erräth. Nicht zu rechtfertigen
scheint mir dagegen das tüog 520. Zunächst dürfte eine persönliche
Construction wie o XQffitog f(Sog i(Stl Xayjuv statt Ttfov itsrl xov %qr^-
(Stbv Xccxsiv durch die Analogie von dlKccLog slfu nicht hinlänglich ge-
sichert sein. Aber* zugegeben dass diese persönliche Construction
auch bei Höog vorkomme, so würde doch das ovk b(Sxiv ißov, xov xQif-
axov reo xcrxcS Xcixetv^ nur einen Sinn haben, wenn man zu Xcexsiv
nicht das einfache vofiovg^ sondern XfSovg xovg vofiovg supplierte.
Eben hierin liegt wohl der Grund, weshalb xovxovg 519 in itSovg ge-
*) Erst nachtraglich habe ich gefunden, da«8 schon A. Jacob diese
beiden Verse verworfen hat.
Schneidewin : Sophokles. Viertes B&ndchen. 245
ändert wurde. Alles ist in Ordnung, wenn wir das ionisch geschrie-
bene lUOJS richtig deuten :
ANT, Oftog y "Aidrjg tovg v6(iovg rovrovg nod'st —
KP, ali Qv% xqrfixog r^ xccxa Xa%siv töovg (sc. rovg vo^iovg
Ttod'et).
Zu 523: ovTOi Cvvixd'etv^ alXct avfi(piksiv aqyvv^ bemerkt Schnei-
dewin, wie andre Yor ihm, Euripides habe die Stelle nachgeahmt
Iph. Aul. 397: (Sv€f6G)(pQ0vsiv yccQy ov%i tSvwaCiiv Sqyw, Diese Lesart
beruht auf einem Citat bei Plutarch; die allerdings sehr schlechten
Handschriften der Iphig. Aul. bieten: aviSiScjipQOvetv Cot ßovkofiy ccXi
w) avvvoöatv^ was dem dortigen Zusammenhange angemessener ist.
Plutarch hat zwei ihm vorschwebende Verse combiniert, wie das auch
uns begegnet, wenn wir aus dem Gedächtnis eitleren.
536: öiÖQaTca rovgyov^ slhcsQ ^d' ofiOQQO^ei^
Tucl ^vfiiierldji^G) nccl fpiqto xi]g aitlag.
Dies soll Ismene antworten auf die von Kreon gestellCe Frage , ob auch
sie an der Beerdigung Theil habe. Das auffallende des ehceQ i^^'
Ofto^^O'd'sr will Schneidewin durch die Auskunft erledigen, dass is-
mene in ihrer Scheu und in der Ungewisheit, ob Antigone bekannt
habe , sich nicht unbedingt als mitschuldige zu bekennen wage. Schär-
fer und richtiger urtheilen die Scholien , Ismene verrathe sich sofort
als Lügnerin: Ofioloysi yaq Ttenquiivai^ ravrrjg avvri>^Sfiivfig' otuq
advvccTOv. In der That wäre es der ungeschickteste Widerspruch , in
den Ismene sich verwickelte, wenn sie zu dem Geständnis diÖQaKa
rov^ov noch irgend eine Bedingung hinzufügen wollte. Dass sie
weit davon entfernt war, ein Geständnis machen zu wollen, das kein
Geständnis gewesen sein würde, lehren die starken Bekräftigungen,
deren sie sich bedient: SiÖQaiia xov^ov Tial ^vfifietlöxoo aal gfigco
trjg airlag. Das ursprüngliche EITIEP lässt sich auch yjteq lesen;
thun wir dies , so bekommen wir einen angemessenen Sinn : * ich habe
die That gethan , wie Antigone mir bezeugen kann.' Die Worte yjteq
iqd ofio^^o^ft sind dann allerdings motiviert durch das Bewusstsein
der Ismene, dass sie unwahr spricht, indem sie sich zur mitschul-
digen macht; allein es ist nicht ihre Absicht, durch ein unentschiede-
nes Geständnis ihre Unschuld zu verrathen , sondern sie will im Ge-
gentheil jedem etwaigen Widerspruch der Antigone damit sofort
begegnen. Denn darin liegt die Tiefe von Ismenes wahrhaft weib-
lichem Charakter , dass sie zaghaft im Handeln , aber stark im Dulden
ist, dass sie vor der That zittert und mit Liebe wie mit Ernst die
Antigone abmahnt, dann aber — nachdem ihre Warnungen mit Bitter-
keit und Hohn zurückgewiesen sind — durch das Unglück der Anti-
gone nur um so enger sich an sie kettet, dass sie mit der Antigone
zu leiden begehrt und alle Folgen des unheilvollen Schrittes zu thei-
len bereit ist.
606: xav ov^ wcvog atqu no^ o nccvrayi^gengy ovxe ^smv
aKfiazoi fiijveg. Mit Recht hat Schneidewin statt des bisherigen Ttccv-
xoyi^(^ aus Par. A fcavxay^qtog aufgenommen. Nur ist *>^ ^^a«»»^
246 Griechische Litteratur.
itivx iyriqmg. Für diese Trennung sprechen 6 Ttavt Svakfiig Soph.
El. 301. reo Tcdvt ccya&fp Ai. 1415. o Ttawa xoxpog^ 6 TTavr SidQig
Ai. 912. Tov jrarr' Bvdai^vog olßov Oed. R. 1197. tov «avr a^*-
(TTOV *) Srfiia Oed. Col. 1458. Dagegen ist navzifMQtpog Soph. fr.
548, 2 eine längst beseitigte falsche Lesart.
648 : fi^ vvv tüw , cd itcei^ tag fpqtvug v(p ridovr^g
yvvaMog ovv€k iTißaX'jug * sl6a)g ort %xX,
Der metrische Fehler im vierten Fuss durfte weder durch das beliebte
Einflicken eines ys^ noch durch die von F. W. Schmidt empfohlene
und von Schneidewin angenommene Umstellung tag ig) tiöovrjg q>Qi'
vag curiert werden. Denn itp ijdovrjg ist ganz unpassend. Wofern es
die Liebe zur Antigone ist, durch welche Haemon bewogen wird,
deren That anders zu beurtheilen als Kreon, so überhört er doch die
Stimme des Verstandes nicht etwa *vor Freude' oder ^aus Wollust'
(nur dies aber könnte vq) iiSoviig bedeuten). Und wenn das prae-
gnant sein sollende tag vfp riöovijg (pqivag ausdrückt ^deinen von Lust
gefangenen Sinn', dann sollte man füglich erwarten, dass Kreon sei-
nem Sohn gerade das Gegentheil von dem anriethe, was die jetzigen
Worte besagen, nemlich iiißcikXstv rag vfp iidovi\g (pQivag. In v(p
fldov^g liegt also der Fehler unserer Stelle : man erwartet was Schnei-
dewin in der Einleitung S. 15 gesetzt hat ^um eines schlechten
Weibes willen.'
747 : ovK äv ?Ao*ff tjiSiSm yg tcov aliS%QW i^iL
Schneidewin hat mit Döderlein ov %av iXotg geschrieben , ^ weil av
nicht verlängert sein kann ' — wenn nemlich alle Stellen , wo av ver-
längert ist, corrigiert werden. Die Zahl dieser Stellen ist aber, wie
Schneidewin sehr wohl weiss, nicht eben gering. Zwölf Beispiele
gibt Wilh. Dindorf Poetae scen. (Lips. 1830) p. VII — ^IX. Eben dahin
gehört Babrius fab. 38 nach der handschri filichen Lesart :
(og ovölv ovroo dsivfyv av vn av^QCKtmv
ndd'OLg tt Tcov i^cad-ev mg int oluBltav.
Vermuthlich auch Ps.-Eurip. Danae **) prol. 48 : 6(S%ig av y ji vovvs-
%^, wo das unpassende ys ein späteres Einschiebsel zu sein scheint.
*) Ein Wort navxaQiatog (s. Papes Lex.) kann durch eine In-
schrift unmöglich erwiesen werden. navroXöyog scheint lediglich auf
Polemo Physiogn. p. 245 zu berahn, wo nccvtoXfiog zu lesen ist;
und navt eniaxrJfKov kenne ich nur aus der Anmerkung von Schneide-
win zu Antig. 721. Dagegen vermisse ich bei Pape in der ersten Auf-
lage seines Wörterbuchs: navoiyrj Meineke Fragm. Com. II p. 421.
navunTJdrjg Demokrit bei Stobaeus Ecl. II p. 408. navSoaia Ana-
kreon bei Suid. v. Mvaaxvrj u. a. navsitid'vfiog Polemo Physiogn. p. 245.
n€cvioq>os Auetor Christi pat. 1386. 1507. 1519. 1929. nccvXöyiov Corp.
Tnscr. 2554, 102. navxsQyazrig Auetor Chr. pat. 935. 1098. 1457. Theo-
dorus Prodr. UnoS. cpiX. 137. navrcovvfiog Epigr. C. T. 4709.
*♦) Man thut dem Urheber dieser Verse Unrecht, wenn man alle
Fehler des jetzigen Textes ihm zur Last legt. Vs. 4 ist mit Mus-
grave zu verbessern BtXrjx\ o» v rvQuvvog. 9 : r£vog d'ScSv ßgottov rs
TtQSVftBvovg Tvxo»i 18: yäfiiov ditB£%Bx'' otp^ ^ ovv rinxH Xa^t&v, 23:
Sclincidewin: Sophokles. Viertes Bändchen. 247
751: i^S ovv d'avehat xctl &avova oXsl xivct..
Da Kreon erst im vorhergehenden Verse das Todesurtheil über die
Antigone dem Haemon gegenüber ausgesprochen hat (ravxrjv tvov ovx
t(S^ ag Ixt ^ciiSau yafislg) , so befremdet die Resignation , mit welcher
Haemon das Wort des Vaters als ein unwiderrufliches betrachtet.
Besser würde , wenn ich nicht irre , gesagt sein : el ö ovv ^aveixcei^
Ticil d'avovö oXetxiva^ ^wenn die Antigone stirbt, so wird ihr Tod
noch jemand zu Grunde richten.'
788: üccl 6 ovx ad'avdxtav q>v^t^fAog ovöelg
. ovd" ufAEQUov in ayd-QüOTtav.
Das iTt ocvd'QciTcaiv erklärt Schneidewin : ^ so weit Menschen wohnen,
per omnes moriales,^ Jedesfalls ein wunderlicher Gegensatz: ^nec
deorum quisquam , nee per omnes mortales'I Ausserdem würde diese
Anwendung von ifcl erst nachzuweisen sein; was Schneidewin sagt,
in ayd-gdTttav sei nach Analogie von inl yijg gesetzt, kann ich so
wenig gelten lassen als wenn jemand im Deutschen statt auf der
Erde sagen wollte auf den Menschen. Vielleicht ist zu lesen:
ovO' ccfjLBQlfav (Siy avd'QcoTtcov, Die Wiederholung des Pronomen hat
an sich nichts auffallendes (vergl. Eur. Phoen. 497: ifiol fiev — '^v-
vexa iiot öoxatg kiyetv) , hier ist sie um des Nachdrucks willen durch-
aus angemessen.
834 : akXa ^sog xoi nccl d'soyevv'qg ,
rj^sig de ßqoxol xal d'vrixoysveig.
Ueber die Verbindung d^sog xal &Boy6vrig verweist Schneidewin auf
^ : BLX evyevrig nifpvnag eix iöd'kmv xaxrj (nach unserer obigen Be-
merkung nicht ganz passend) und auf El. 589: evaeßrig xa^ evüsßöoi/
ßXaöxovtag. Die auffallende Form <d'£o;'ei/ vif g (vergl. Lobeck Phryn,
p. 646) wird dagegen mit keinem Wort berührt. Es scheint noch nie-
mand daran gedacht zu haben, dass SEOFENNEU auch anders ge-
lesen werden kann: ikXa d-eo^ xot Tcal d'sov yivvrig. Ueber das
folgende bemerkt Schneidewin, man erwartete d'vrjftol nctl &vYftoyB-
vBig oder ßqoxol nccl ß^oxoyBVBig^ doch sage auch Aeschylus Pers.706:
av&QiOTtBicc 8 av xoi, Tcrifiax ccv xv%ol ßgoxotg. Es liessen sich
mit Leichtigkeit auch aus Sophokles derartige Vertauschungen von
Synonymen anführen, wie etwa fragm. 311: xaXov q)QOVBiv xov itvjj-
xov ivd'QfOTtotg i'(S(x. Ai. 1323: iyG) yag auÖQl avyyvcifirjv Ij^oo
%Xvovxi q>XavQa av^ßaXBtv ?7tri icaxa. Oed. Gol. 623: bI ZBvg hi
Zevg xa Jiog 0otßog accgyrig. Antig. 898: (plXri fiev ri^Biv na-
xqIj 7tQoaq)LXrig ob coL Antig. 1067: vbtcvv vbxq^v afiotßovn, a.
8iBt»i5iv ^AgyBiaiciv ev fpf^ovQBtv nogaig mit Porson. 27: (ptXtQOig
dfpsvTixoig. 28: Bvvj üvvsXb'Biv Xa^Q^mg T^ßovXsro. 31 mit Mat-
tkiae: nx'^fia xovro, 33: ij S' ovxl yvovaa. 36: slg &avii iaiJH ^S^-
ninXriHTO agjaSgoog. 40: ^gysi x^Xeod-B^g. 45: svTCQOCqyogovg aymv
(svnQOoijyOQog scheint nur ein Schreibfehler von Wagner zu sein, steht
aber in der Breslau er wie in der Pariser Ausgabe). 47: vycrjgixriv
XQBniv ys xdnsateiXft^va,
248 Griechische Litteralur.
Ebendahill gehört vielleicht, wie H. Jacobi mir mittheilt, öovXog
(iBiiov olTiitov q>QOväv Menander fr. iuc. 255, wo ich Aristoph. Byz.
p. 196 olTthfig in dem Sinne von oltutog fasste.
900 — 915. Antigene setzt auseinander, sie würde gegen das
Staatsgesetz sich nicht auflehnen, weder wenn sie ein Kind, noch
wenn sie den Gatten betrauerte; denn diese Verluste Hessen sich
ersetzen; einen Bruder dagegen könne sie nicht mehr bekommen, da
ihre Eltern beide todt seien. Dass diese Reflexion eine überaus ver-
fehlte sei, fühlte schon Goethe; A. Jacob hat mit triftigen Gründen
905 — 913 als unecht verworfen, und ihm ist Schneidewin mit Recht
gefolgt. Allein auch die frühern Verse unterliegen dem Verdacht,
Das vvv de 902 mit dem sich anschliessenden Gedanken ist wohl nicht
ganz passend ; man sehe den Zusammenhang : Antigone sagt , sie hoffe
g>iki] fisv i}^eiv Ttctxql^ nQOöq>iirig öe öol^ f^^^^? 9>^i] ^^ <^o/, xaöi-
yvrjftov xccQa ' insl d-apoviag ccvtoxsiq vfiag iya SXoviSa — : ii u n aber
dich, Polynikes, bestattend, trage ich solchen Lohn davon. Vs. 904
ist überliefert: xcckoi a iyw \Cfiri(5a toig tpqovovütv ev. Um die mat-
ten Worte etwas zu beleben, hat Schneidewin den Vorschlag von
Arndt aufgenommen : Kaitoi öi y ev r/fiijtfa. Allein tfi yi gibt den
schiefen Sinn, als ob Antigone eben nur den Polynikes nach Gebühr
geehrt habe. Daher halte ich es nicht für gerathen, dem schlechten
Verse durch Conjectur aufhelfen zu wollen. Von 900 — 915 scheint
nur folgendes Sophokleisch :
htii &av6vrag avto%6iQ Vfiag iya
Slovöa TiaTWöfirfia xanixviißlovg
%oag iScDKce. ram f(Jo|' afiaqrdvsiv
Tiol ösiva roA/Kav, o) Tiaölyvtfcov Tiaji^»
Ist diese Muthmassung richtig, so wird das dia ;|r£^cov916 eine leichte
Emendation erfahren müssen: xa2 vvv Syst (le di/ Kgimv ovrca la-
ßdv^ SlsfCTQOv avvfiivaiov ktX. Bei der hergebrachten Lesart wäre
das Misverstandnis ^er nimmt mich in die Hand^ fast unvermeidlich.
923 : Tfc XQT^ fis rrjv 6vart]vov sig 0eovg ext
ßkinstv; xCv avdäv ^v(jifia%aiv; insl ys Sri xtA.
Die Worte tlv avdäv '^vfifici%ci>v bedeuten doch wohl nur: ^ wen soll
ich meinen Helfer nennen?' Demnach muss es heissen tlv ccvöäv
^fifAaxovvr ; denn ^(ifia^ov^ was Ellendt Lex. Soph. II p. 756 vor-
schlug , ist gegen das Metrum.
960: ovr(o Tag (lavlag östvov anoaxaisi av&rjQOv xo fiivog. So
Schneidewin statt avd'tjQov xs fiivog^ weil die Copula unerträglich
sei. Nun soll avd^t^Qov x6 fiivog ^inen Begriff bilden ^ die Wuthhöhe ',
wozu dsivov hinzutritt. Allein wie kann die Wuthhöhe , die doch ein
Stadium der Krankheit, hier den höchsten Gipfel wahnsinniger Ver-
blendung bezeichnet, wie kann diese r^$ fiavlag aTtoffxcc^stv , vom
Wahnsinn herabträufeln? Offenbar fliesst aus dem Wahnsinn nicht
irgend ein Stadium des Wahnsinns, sondern die Folge des Wahn-
sinus, nemlich blutiges Unheil und Jammer und Verderben. Bluti-
ges Unheil sage ich im Sinn des Dichters, denn lUvog aTtoöxa^si
Schneidew'in: Sophokles. Viertes Bändchen. . .249
kann nor bedeuten : ^ es träufelt Blut hernieder.' lieber diese Bedeu-
tung von (livog vergl. man Ai. 1413: hi yicQ d'SQfial iSv^iyysg av<a
qyviSwSt (liXcev fiivag, Aesch. Agam. 1067: tcqIv aifMxtriQOv i^ccg>(^e-
ad'ai fiivog. Statt av^^pv erwartet man einen Begriff, der mit dsivov
ungefähr synonym ist. Vielleicht ittiQOv ts (livog,
1036: i^fifiTtoXnifiat KaKnsg>6Qtiafiai naXai, Schnei dewin be-
hauptet, ixTC&po^iCfAat sei statt des sonst üblichen Simplex bloss
dem i^fifiTtoiriiicct zu Liebe gesetzt, und verweist auf seine An-
merkung zu 523. Aber wie mir scheint, kann weder die griechische
noch irgend eine andere Sprache im Gebrauch der Praepositionen so
verfahren wie Schneidewin annimmt. Wohl mag das Simplex die
Stelle eines Compositum vertreten, besonders wenn die Praeposition
sich aus dem vorhergehenden ergänzen iässt (wie Antig. 537: xcri |v^-
(istl0%fo x«l g>iQa t% airlag); der umgekehrte Fall dagegen, dass
eine Praeposition an ungehöriger Stelle eingeschoben werde, bloss
deshalb, weil dieselbe Praeposition kurz vorher an gehöriger Stelle
gebraucht'war, ist bei einem gesunden Autor ganz undenkbar. Ffir
den vorliegenden Fall hätte Schneidewin vor allen Dingen den Beweis
führen sollen dass das Simplex überhaupt möglich war: die Worte
des Kallima'chus hioi/rfiavzo (U q>oqrtev können das nicht beweisen.
Wenn ich nicht irre , bedeutet ix/iteq>6(yvusiiai * ich bin als Ballast hin-
aasgestossen'; dagegen würde n&poqrtioiiai heissen Mch bin belastef,
dies wäre aber hier nicht passend. Die andere Stelle (523) lautet:
ovTO^ (Swixd'Siv^ ikXa cv^upilstv Igjw, In- wiefern hier avfig>ileiv
statt q)ilstv stehn soll, ist schwer zu begreifen. Antigone sagt: *es ist
meine Natur , nicht den Hass , sondern die Liebe zu theilen^ d. h. ich
mag nicht den Polynikes hassen , weil Eteokles ihn hasste , sondern
die Liebe, welche ich für meine übrigen angehörigen hege, schenke
ich auch dem Polynikes, ich liebe ihn mit allen übrigen.
1063: iSvvtaQccaöovrm vcoketg
oötov iSTtaQayfioT ^ icvvsg na^yusav
« d'fJQSg ^ rtc Tttrivog olmvog tpi^tov
av6(fiov o(f(ifiv iöTuyvxov ig rcoXtv,
Schneidewin bemerkt , die Worte i(5Xi(n}%ov ig ytoXiv können nach dem
frühern jtoXeig schwerlich richtig sein; er vermuthet ig tpXoyovxov
iaxlav oder o^kfpaXov^ während Dobree iariovxov ig (fnodov (= ßoH
(lov) wollte. Dabei ist die Hauplschwierigkeit des i<Sxiov%ov ig noXtv
seltsamer Weise ganz übergangen. Die Geier und Adler pflegen nicht
in die Stadt zu fliegen, sondern in die Luft und zu ihren Nestern nach
einsamen Horsten '^); es wäre daher etwas wunderlich, wenn Tiresias
behauptete, dadurch dass eine Leiche den Vögeln zum Frass preis-
gegeben wäre , würden die Wohnungen der Menschen oder die Heilig-
thümer der Götter verpestet. Offenbar schrieb Sophokles : ifStiov%ov
*) Selbst das Wort oioovog konnte daran erinnern: nach seinem
Ursprung (von olog) bezeichnet es den einsam wohnendea yQ9;^U
iV. Jakrd, /. PMl. u. Paed, Bd. LXV. Bfl. %. ^
250 Griechische Litteratur.
ig nokov. Denn was den Menschen die Ttokig^ das ist den Vögeln der
Himmelsranm, nokog. Vergl. Aristoph. Av. 178 fgg.:
IIE. eidig %i; EU. tag v£q)ikag ys xal xov ovqccvov,
IIE. ov% ovtog ovv drptov ^atlv OQvld'tov Ttokog;
Ell, Ttokog ; xCva xqonov ; JI£. Si(mBq etnot rig Toasog.
oxtff Ö8 Ttokehai xovxo xal diiQ%txccL
änavxa , öuc xodxo ys »cckehat vvv Ttokog '
ijv ö^ oixicrjfce xovxo aal g)Qa^rid' ana^
ix xov 7c6k0V XOVXOV 7l€KkiqÖSXM Tcoktg,
Das iaxiovxog ist nun ganz anders zu fassen als man bisher meinte.
Der Ttokog heisst icxiovypg in Beziehung auf die Vögel , sofern er xctg
xmv oltovmv iaxiag S^ei, Das Wort bedeutet also heimatlich, wie
bei Aeschylus Pers. 511 : o6oi öh kotTtol kSxvxov acoxriQlag — i^kov-
oiv iKqyvyovxsg^ ov Ttokkol xiveg ig> iaxiov%ov yatav, Eur. Andrem.
283: iQrifiov ^ i(5xtov%ov avkav. Der Ausdruck: *ein beschwingter
Geier trägt das Miasma des Leichengernchs in seine Heimat, den
Himmelsraum', ist dieser Rede des Tiresias, die überhaupt durch einen
gehobenen Ton und pathetische Kühnheit hervorragt, ganz entsprechend.
1106: avayTiy 6 ov^l övöiiapftiov. Ueber dv<Sfiaxrp:iov wäre
eine Bemerkung nicht überflüssig gewesen. Wenn ich nicht irre , be-
deuten die Worte : ov (iccxrp:iov ocvdyxrj x^ övCfiaxo) ovörj , man soll
nicht den unnützen Versuch machen, gegen die Nothwendigkeit anzu-
kämpfen» So erklärt auch EUendt im Lex. Soph.: non esse con-
tf-a necessitatem pugnandum ait^ quippe omni eventus spe ^
destiMos.
1146: Ici TtvQ Ttveovxfov %oqay aorr^mv, w%Cmv gjd'eyiiaxayv iTtl-
6%07U, Die Worte w%C(av g)&£yficcx(Qv erklärt Schneidewin durch
Verweisung auf aßQOxoav iitiav eva^ovxoDv 1135. Man soll also an den
nächtlichen Jubelruf denken , mit welchem Bakchos begrüsst wird.
Allein wie kann Bakchos ein iTtlaxortog dieses Jubelrufes genannt
werden? Vielleicht ist zu lesen w%Lfov q)eyyaxcav STtlöKOTte, Die
ungewöhnliche Form statt q)6yyi<ov würde sich durch analoge Bildun-
gen hinlänglich schützen lassen. Sophokles selbst gebrauchte Öiaxog
statt öiovg fr. 305. OTtsaxeaöL statt (fTtiaai Xenophanes bei Herodian
TteQl fiovi^QOvg ki^etog p. 30, 31. p,i]kaxG)v Lycophr. 106. fiv%dxGyv
Orph. h. 73. Orac. ap. Porphyr. Euseb. Praep. euaug. VI, 3. p. 238 d.
(Ueber TtQOöcirtaxa und Siafiaxa s. Lobeck Paral. p. 176)
1256: xal xijg Syav yccq iaxl Ttov oiyijg ßccQog. *Auch zu weit
getriebenes Schweigen ist mitunter lästig.' Der matte Vers wiederholt •
mit denselben Worten nur was vorher der Chor sagt: ^ x ayav Ciyi]
ßaQV Sonst TtQoaetvut. Es scheint mir unzweifelhaft, dass die Worte
zu tilgen sind. Auch den vorhergehenden Vers halte ich für inter-
poliert. Nachdem der Chor über das stumme Abgehn der Eurydike
seine Befürchtung geäussert hat , erbietet sich der Syyekog zuzusehn
was ihr sei:
akk elcofuod'a fiij xi nai xaxdaxsrov
9lQVq)^ KCckVTtXBl TUCQÖI^ ^(lOVflivy,
Schneidewin: Sophokles. Viertes Bändchen. 251
Die folgenden Worte dofiovg naQaareCxovxeg' ev yicQ ovv Ifysig sind
sehr aberflOssig ; zu dem ev liyeig fehlt der rechte Anlass , und ich
xweifle, ob Sophol^les %uqaCxd%<[Q öofwv für iS%U%(o i$66(wv gebrau-
chen konnte.
1278^—1280: (» diiSnod^^ a>g l%o>v te k€cI Kentt^ivocj
xa ftey TT^o %Hq^v xiÖB q>iQ(ov^ ta ö iv öofioig^
ioiTuicg ipietv fucl ta% o'^bo^ul tm)i%€u
Mit diesen Worten tritt der i^ayyekog auf, um den Tod der Eurydike
zu melden. Schneidewin erklärt: ^MoiiMxg ipcstv a)g Sxoav xe xal x€-
xxrjfiivagj du scheinst .gekommen zu sein als ein wahrer Erwerber und
Besitzer von xorxa.' Es muss zunächst befremden, dass der i^ayye-
log^ der doch selbst der ankommende ist, den Kreon als den ange-
kommeneu bezeichnet. Sodann was soll das mg? "^Es kömmt jemand
als ein besitzender' kann nur heissen ipu^. S%(ov: dagegen i^xta Äg
flU^cnv bedeutet: * ich komme wie ein besitzender kömmt.' Man hat
daher mg loiTucg zu verbinden, was bei der jetzigen Trennung des
zusammengehörigen eine bedeutende Härte gibt. Weiter sagt Schnei-
win: ^die regelrechte Structur würde nach MoiiMcg i^xeiv mg ixcov xe
xai KSTcxriiiivog ein doppeltes Participium erfordert haben, xa fiev itQO
XBtqmv xaös g)iQ(ov^ xa d' iv S6(ioig otlfOfASvog xaxa. Nun aber iomag
^luMiv ins zweite Glied gerückt ist, hat Sophokles den Infin. ailfead'ai
von eoLnag ^ksiv abhängig gemacht.' Aber wie ist es möglich, statt
xa (lev 9)£^oi/, xa d O'tlßOfiBvog zu sagen: xa (lev q)iqmv^ xa 6*
o'tlfsa^atl und wer wird nicht bei der jetzigen Wortstellung SoiTiag
flKSiv mal oijfBd&at verbinden? Auch mit dem kolossalen Hyperbaton,
das Schneidewin annimmt , kann ich mich nicht befreunden. Ferner ist
der Ausdruck xic (liv nqo %uqmv (piqmv nana nicht eben fein. Endlich
scheint mir die überaus nüchterne Eintheilung von Kreons Leiden , xa
nAv 7t(f6 xHQmv^ ta d' iv öofwtg^ sehr unsophokleisch« Der mittlere
Vers ist zu tilgen und dann zu schreiben:
CO diano^^ mg i%mv xi wxl Tumxrifiivog
lotTiag iifikiv nal tax Oilf&f^at iwxa.
Das ital xaxa erklärt Schneidewin richtig: ^gar schnell, wie x«!
Xlfiv^ %al naw^ aal ficrXa.'
1336: ak)L mv i^mfiai^ xaika Cvyitaxfiv^a(iriv» An dem über-
lieferten iqm iiiv setzt Schneidewin mit Recht aus , iiiv sei hier un-
nütz. Statt iqm^Mu bot sich jedoch die einfachere Abhilfe , mit Her-
mann i^cSjxsi/ zu schreiben *), Die Verbindung des Pluralis i(^fuv mit
'*') Aehnlich ist die Verderbung bei Marcus Antoninns VI, 50t
IleiQcofisv nsi&btv avzovg* ngätts öh %ctl zcov (1. avtavy oi%6v%(ov,
oxav xris öiwxioavvrig 6 Xoyog oizmg aytf. Statt nngafisv ist nsiQiS
(ihv zu. lesen. Zu den einfach durch andere Verbindung der Buchstaben
zn heilenden Stellen gehört auch Aristoph. Av. 1340:
Ibixey ov iffsväayysl^ g bIv ayysXog,
So liest man wieder in der neusten, von Th. Bergk besorgten ilus-
fabe; wahrend es doch heissen muss 'fjfhvdayysXi^anv. Denn iptv-
ayysXiqg ist ungriechisch und lässt sich durch kA\tL<^ K^^a^.^^^ Tt^üS«»^-
252 Griechische Litteratnr.
dem Singnlaris övyiunfiyiccfti^v Ifisst sich durch zahlreiche Beispiele
rechtfertigen, wie 1092: httCxi^iBa&a 6* i| orov Xivx^ iym — aft-
(fißalXoiiat xql%(u. Eur. Ion 1250: öicmcofUiS&a — KQ€ctfi&H(fa und
ahnl., vergl. Porson praef. Hecub. p. XXXVIII. So dürfte auch bei Eur.
Cycl. 694 zu lesen sein: (idtriy yiiQ Sv TqoIov ys duTtvf^fXfiev^ sl
(11^ c halQiov q>6vov ht^mi^i^Mfifv. In dem Aber lieferten dunvQCD-
accfiriv befremdet das Medium. Wie ich nachträglich gesehn, hat be-
reits Fix das richtige erkannt.
Wenngleich noch über einzelne vom Herausgeber aufgenommene
Yermuthungen sich streiten Hess , z. B. über das ccfjteQwpQOv vor^fia $54,
so wird doch niemand anstehn, die Besonnenheit und den Takt, wo-
mit Schneidewin den Text der Antigone constituiert und vielfach re-
stituiert hat, rühmend anzuerkennen. Vielleicht sollten in einer Schul-
ausgabe die grammatischen Bemerkungen etwas reichlicher-, die kri-
tischen dagegen sparsam sein. An einer Stelle jedoch wünschte
ich eine bisher nicht gewürdigte Variante mindestens erwähnt zu sehn.
292 liest man:
Ti^wp^ KtiQct cslovttg^ ovd' imo ^vy^
XoqKfv öuialc9g A%ov &g (Sxi^ytiv ifiL
Dagegen hatte Eustathius, wie sich durch Combihation aus seinen An*
führungen (II. p. 824, 32. Od. p. 1536, 48. 1653, 5) ergibt, folgende
Lesart:
fiifwpy xtcQa öelovtsg^ ovd' imo ivytp
vwxov diTuämg ul%ov svXo^mg ^igeiv
(oder BvXoipov nach II. p. 1313, 32). In der Vulgata misfälll
das nichtssagende &g <Sxi(fyeiv ifti, ohne Zweifel die Interpolation
eines Grammatikers, der in seinem Exemplar überliefert fand : Xotpov
diKalüng slxov S'dx6q>e9g fpiquv^ und nun alexandrinische Kritik übte,
d. h. um den Fehler los zu werden , auf gut Glück selbst einen halben
Vers machte ^), wobei er über den eigentlichen Sitz des Fehlers sich
täuschte und darum gesundes antastete, das versdiriebene Xofpov da-
gegen ruhig stehtt Hess. Daher gebe ich dw von Eustathius über-
lieferten Fassung den Vorzug. Für cvilogNog ^i^siv spricht auch Schol.
Soph. Ai. 61. Aehnlich dvcXoqxi^g g>iQSi ymum Eur. Tro. 303. svkiqx^
vmtp tpi^eiv Lycophr. 776.
Der Druck ist correct; die erheblichsten Fehler dürften sein: in
der Einleitung UstergangS. 6, Zeile 3 v. n., im Text Jaßdaxldai-
(f^v 861, in den Anmerkungen ^möaiv und Anitigone 3, dtxAfj 13,
qtnctl 136, vve y^g 197, coeperuui 354, immerbin 510, Brgriff
681, bestimmt 750, Jacobs (statt Jacob) 905, 6^ OQ^^g (statt di
fertigen; man hat nur ipBvSuyyBlog , wie ipevdecXi^avSQog und ipBvdovU
gav Lucian ady. indoct. 20. 'fffBvSaid'ionsg Bustath. Opusc. p. 238,
92. 'ipBvdoiAOvaxog Bust. Opusc. p. 238, 94. ^^ivdotnxog Eust. II. p.
889, 24 u. 8. w. Dagegen ist das Verbum 'tpBvdayyeXito durch «va/ys-
Xki und %ayiayysXin, roilstandig gesichert.
^) Ueber ähnliche Gewaltstreiche der alten Diorthoten rergl. Ari-
Mtopb, Byx. p, 6^.
MulUch : Coniectaneoram ByzanUnornm libri dno. ^3
iÖ^g) 994, ah(^a 1057, Objekt 1103, Ttqogayorsvio 1184, trieb
rascber in fiiehn (statt rascher xa fliehn trieb) 106.
PrenxUn. August Nauck.
CmUecianeorum ByzaHÜnorum tibri duo. Scripsit F» G. Ji. Mulla-
€hiu9. Berolini in libraria Ferdinand! Geelhaar (antea Enslin).
MDCCGLn. 68 S. 8.
GrOndlicbe Kenner der byzantinischen nnd der eigentlich nea-
griechischen Litteratar gibt es heatxntage wie in Deutschland so in
Europa überhaupt immer noch nur wenige. Allerdings besitzen wir
jetzt, abgesehn von den Sammlungen der Volkslieder, die grosse
Folge geschichtlicher Aufzeichnungen und die Rechtswerke des ost-
römischen Reichs in handlichen Ausgaben nach neuen Vergleichungen
der Handschriften. Der berühmte Verfasser der ^ Fragmente aus dem
Orient* hat zum Preis eines mehr denn zwanzigjährigen Kampfes letzt-
lich die Genugthuung davongetragen, dass seine viel befeindete The-
sis über den Ursprung der heutigen Griechen nach wiederholter Be-
seitigung mancher Schroffheit in praeciserer Fassung als richtig an-
erkannt wird, worüber besonders E. Curtius Feloponn. Bd. 1. S.86fgg.,
G. Finlay Medieval Greece and Trebizonde. Edinb. and London 1861
und Fallmerayer selbst in den Beilagen zu Nr. 330 und 365 der Allge-
meinen Zeitung von 1851 nachzusehn sind. Allein noch erübrigt auf
jenem Felde, einem Zeiträume von etwa tausend Jahren, gar viel zu
thun ; eine grosse Anzahl litterarhistorischer Fragen wartet noch ihrer
Erledigung (Bernhardy Grundriss der griech. Litteratur. Th. 1. S. XVII
der 2. Ausg.); das rein sprachliche Gebiet braucht noch eine weit
sorglichere Pflege als ihm bisher zu Theil geworden ist. Anziehender
freilich ist es , die ewigen Musterwerke der Poesie , Geschichtschrei-
bung, Beredtsamkeit und Philosophie aus der hellenischen Blütezeit
zum Gegenstande immer neuen Genusses nnd geistigen Gewinns zu
machen; geteuscht wird seine Hoffnung finden, wer in dieser byzan-
tinischen Zeit noch schöne Herbstblumen griechischer Classicitfit und
mitten in der Barbarei des Mittelalters am Hofe zu Constantinopel
eipen reinen und eleganten Atticismus sucht. Doch auch das entartende
und sich mit fremden Elementen verfälschende Byzantinisch und Neu-
griechisch bietet in seiner eigenthümlichen Weiterbildung oder Er-
starrung für den aufiiierksamen Forscher gar manchen Reiz und selbst
vielfachen Gewinn für die Sprache der bessern Periode. Wie in den
Hellenen unserer Tage das griechische Blut trotz der Mischung mit
zahllosen Barbarenstämmen nicht völlig versetzt ist, und wie sich in
Anlagen, Neigungen und Sitten vielfache Spuren alter ureigner Art
des dassischen Bodens bewahrt haben , ebenso tönen in der theilweise
noch so sehr verwilderten Sprache Anklänge früherer Tage dnteh.^
254 Griechische LHteratur.
und es bedarf nur der kundigen Hand , um ans den überdeckenden
Schlacken die Goldkömer herauszugpraben. Dies gilt, nicht minder von
den byzantinischen Schriftwerken als von der im Munde des gemei-
nen Mannes heute noch lebenden , vielfach eine schriftmässig geword-
nen Sprache. Aus ihr ist zur Erklärung der Classiker und der In-
schriften nicht weniges zu entnehmen , wie schon L. Ross in dem sehr
lehrreichen Briefe : Beiträge zur Kenntnis und Beurtheilung , des Neu-
griechischen , an Hrn. Prof. Meier in Halle, dargethan hat, Reisen auf
den griech. Inseln des aeg. Meeres. Th. 3. $. i65rr*187.
Doch .ein weiteres Ausführen dieser Andeutungen,^ zu denen das
vorliegende Werkchen die Veranlassung bot, gehört nicht an diesen
Ort. Jenes Büchlein selbst ist die Arbeit eines Gelehrten, der sich
längst als einen der weuigen documentiert hat, die neben gründlichen
Studien des Altgriechischen (JDemocriti Abderitae operum fragmenta.
Berol. 1843. Ari^oielis de MelissOy Xenophane et Gorgia disput, cum
Eleat. philos. fragm,.lMd} tiefer in die neuere Sprache eingedrungen
sind, vergl. Demetrii Zeni Paraphratis butrachomyam. BeroL 1837^
Wir wissen nicht warufti Hr. Prof. M. , der dazu beföhigt- war wie
einer, an der Bonner Sammlung der Byzantiner keinen Theil gehabt
hat. Von ihm wären gereinigte Texte , zu deren Beschaffung noch so
viel Altgriechisch nicht ausreicht, und Commentare zu. erwarten ge*
wesen, die sich dem eines Hase zum Leo Diaconus würdig an die
Seite gestellt hätten. Auch eine andre Hoffnung , von der vor länge-
rer Zeit verlautete, scheint sich nicht verwirklichen zu. sollen.
Während, nemlich Ducanges Glossarium mediae et infimae Latinitatis
jüngst eine neue Ausgabe erlebt hat, wird noch inuner ein vermehrr
tes und berichtigtes Glossarium mediae et infimae Graecitatis dessel-
ben Verfassers vermisst. Zu diesem allerdings sehr schwierigen Un-
ternehmen hat sich Hr. M. seit Jahren beigelassen und mancherlei Vor-
bereitungen getroffen. Die Ungunst der Zeiten versagt jedoch dem
Anschein nach schon die Mittel , um nur den guten Theils noch hand-
schriftlichen Apparat durch längere Benutzung der grössern Bibliothe-
ken, wie der Pariser, herbeizuschaffen. Steht nun zn wünschen, dass
dies nicht immer der Fall sei und auch ein bemittelter Verleger auf
das Wagatück eingehe , so hat man jetzt das vorliegende Buch als eine
erste Frucht jener Studien anzusehn, der vielleicht bald mehr
nachfolgen.
Das Iste Buch cap. I behandelt eine Anzahl Stellen ans der by-
zantinischen Geschichte des Dukas und dem sogenannten Chronicon
breee (^Xqovikov Cvvrofiov) nach der neuen Recension I. Bekkers.
Dieser Meister in der Herausgabe classischer Autoren stiess hie und
da an einzelnen Formen und syntaktischen Verbindungen der spätem
Graecität an, ..oder Hess in orthographischer Beziehung unverbessert,
was einer leichten Aenderung bedurfte. Den Emendationen werden
zumeist allgemeine Bemerkungen angeschlossen, wie über das Alpha,
das nach dem Vorgange der. alten (aiuwQog^. (iccvgog und dergl.) diC;
neuern nicht wenigen Wörtern vorsetzen^ wie afia^i/ = fi'Ccxr} ist.
MuUach: Conieclaneorum Byzantinornm libri duo. 25$
p. 6, vergl. Ross Reisen. Tii. 2. S. 57 und Ulrichs Reisen und Forschan-
gen. Th. 1. S. 128 Note 32. Spasshaft ist der im Bekkerschen Text
stehn gebliebne Fehler ixov^cvtfe (er war Barbier) (lixQt Aißadekcg
statt iKovQiSivae (yon cursare) , er unternahm einen Zug. P. 8 wird
die Annahme Lobecks Faral. gramm. Gr. p. 74, das uralte Wort
fitaQrj^ die Hand, sei noch bräuchlich, zurückgewiesen, da jetzt nur
fl %dq oder xo %iqi Anwendung findet. Dagegen ist wider Lactantius
divin. inst. lY, 7 der fortdauernde Gebrauch von %qUi,v neben alü-
fpBLv erhärtet, p. 9. Weiter belegt Hr. M. aus neuern Poeten den Be-
stand alter dichterischer Ausdrücke, wie axtßctqoq und der Adjective
auf riBiq und OBtq^ die der Volkssprache abhanden gekommen sind..
P. 12. 13 ist ein (isyalvvaQiov elg xo Sytov jcicxa aus dem Elq^lo-
yvov rVenet. 1682) in 54 Versen mitgetheilt und über die Osterformel
Xqusxog ivißxri gesprochen. Cap. II. p. 14 liefert vorzugsweise Bei-
träge zur Verbesserung des Ducange. Besonders hat unrichtige Stel-
lung, der Worte in jenem Glossar neuere zu etymologischen Irthümern
verleitet. Kuno^^oi^wyg z. B. brachte J. Grimm auf ^/^cr oder oqlim
zurück; das Wort stammt aber von xaxog und Qiitxov^ dem
italienischen risico. Unrecht hat auch Korais, wenn er eine Verbal-,
form möxavxaQovv annimmt, p. .15, denn statt va i^h n£(5Kavx€iQ0w ist
nach Ducange vi fiintog KavvaQOw (von cantare^ besingen, loben)
zu lesen. Cap. III. p. 15 fgg. beschäftigt sich mit metrischem. Sehr
beliebt im Mittelalter und von vielen Versificatoren gefertigt waren
anakreontische Gedichte; speciell geht Hr. M. auf die Formen kirch-
licher Lieder ein, welche kovkovXu)v und olxog (vergl. das italien.
slaf»«e) genannt werden , s. Scholiast Hephaest. p. 87 (171) sq. und
Bernhardy Grundr. Th. 1. S. 588* Eine Berichtigung erhält hiebei was
G. Hermann Elem. doctr. metr. p. 488 darüber geschrieben hat. Zum
Beleg dient der 117 Verse enthaltende und im einzelnen verbesserte
Hymnus des Sophronius auf den neugebornen Christus ans des Leo
Allatius diatribe de Symeonum scriptis^ p. 18 — ^22. Olfcog heisst ein
solches Gedicht, weil es wie ein Haus aus verschiedenen Stockwer-
ken und Theilen besteht, p. 23; oItcol sind die einzelnen Strophen,
gleichsam Wohnungen , deren Anfänge das Alphabet in der gewöhn-
lichen Folge zu bilden pflegen. Die xovxovAmx bestehn aus je 2 oder
3 Versen nach den einzelnen oIkoi^ finden sich aber nicht in jedem
oJxog^ wie überhaupt verschiedne Dichter verschiedne Formen bil-
deten, p. 29. Im 2ten Buche cap. I p. 30 — 33 ist dargethan, dass für die
Quellen des ius civile der Römer bisweilen die Vergleichung der grie-
chischen Interpreten wesentlich fördert (Digest, tit. XVI, 26: Vlpia-
nus Hb, 16 ad EdicL Partum non esse partem rei furtit>ae^ Scaevola
libro undecimo Quaesiionum scribit). Cap. II. p. 33: Als durch die
Rreuzzüge und vielfache Handelsverbindungen die Griechen mit der
Cultur und den Rittergedichten des Abendlandes bekannter geworden
waren, legten sich ihre Poeten vielföltig auf die Nachahmung der
Franzosen und Italiener. Eine gute Anzahl solcher Productionen wird
aufigeffihrt. Hr. M. erinnert vor allen an den Erotokritos (vergl. BrandU
256 Griechische Litteratur.
Niltheilangen über Griechenland. Th. 3. S. 50--^) des Kretensers
Vincenzio Comaro, welcher durch Kenntnis des menschlichen Her-
sens , Geschick in der Erzählung und sprachliche Lieblichkeit die frtt-
liern weit überragt. Auch von den Arabern und andern orientalischen
Völkern entlehnte man manches. Daher ist es bisweilen siAwierig
anzugeben, welchen Quellen die griech. Romane und Gedichte des
Mittelalters im ganzen oder einzelnen entnommen sind. So kommen
dort unter allerlei Aberglauben vielfach Zauberringe vor, welche
ebenso durch die Araber wie aus alten einheimischen Erinnerungen
an den Ring des Gyges ttberliefert sein können. Gelegentlich ist hie-
be! auch der Talismane (tsliiffuna) und der Vampyre (ßaviTiokaKceg,
ßornntokanccjs oder ßovQuolaTUcg) gedacht. Im nfihern bespricht Hr.
M. weiter das schwerlich einem französischen oder italienischen Mu-
ster nachgebildete Gedicht über OkmQMg und IHaviia Oloigi], wel-
ches I. Bekker in den Schriften der Berliner Akademie 1845 bekannt
gemacht hat, freilich getreu nach der Handschrift, aber auch mit allen
Fehlern einer solchen. Es sind deshalb hier p. 37 — 40 die ersten 103
Verse abgedruckt und wie zu diesen «o -zu einer Anzahl anderer des-
selben Poems, p. 41 — 60, Verbesserungen und Erlenterungen nicht
minder sprachlicher als sachlicher Art mitgetheilt. Aus ihnen be-
merken wir, um bekannteres wie über alg^ ivag = tig p. 41 nur zu
berühren, die Note zu ifM^gxoasv für i^iOQqxo^ p. 43. 44, indem
nach neugriechischer Weise statt der verlornen Media und Passiva
viele Verba in activer Form passive Bedeutung haben. P. 47 findet
sich allerlei über den Accusativ statt des Nominativs und den Nomi-
nativ statt der obliquen Casus (tov ivriQ^ b avöqaq^ ^ ^Bwqtav^ ij
ywaiTta^ yvvalxag p. 48), vergl. Boss: zur Vergleichnng der Nomi-
nativformen im Griechischen und Lateinischen in der Zeitschr. für die
Alterthumswiss. 1851 Nr. 49. 50; ebenso über andre Unregelmässig-
keiten der 3. Deolination, z. B. das epirotische Ix^vav für /%'9tiv, da
sonst oijfciQiov^ 'tIfcrQi gesagt wird, p. 49, Boss Beisen. Th. 3. S. 161*
P. 50 geschieht auf Anlass der Form ro XafinQOTaxo des Aristophanes
in den Acharnem 104 Erwähnung : oi Xij^i xqviSo %awe7t^fo%x 'lao-
vw(ov Itj^H XQvöoVj xawoTCQontx Tcov, ov), s. auch Boss a. a. 0.
S. 164. P. 51 handelt Hr. M. von der Form oro^für avtog^ wozu auch
Inschriften bis in die Zeiten Augusts hinauf Belege geben , nur dass
die Herausgeber , selbst noch Franz , das Ypsilon in der Begel hinein-
corrigiert haben. P. 53 wird zu oTuloyiq&fj ^^fvas schon Antiphon
braucht) für anBlayqiSaro bemerkt, dass, wie die Nengriechen gewöhn-
lich das Passivum für das verschwnndne Medium setzen, so hierfür
einzelne Beispiele schon im Alterthume vorkommen. Ein solches ist
6ä(MM itovrfiri statt htovr^iScito oder htovrflB (Corp. inscr. Graec. n.
4132) in einer uralten corcyraeischen Grabschrift neuern Fundes, p.
53. 54. Da der ganze Titel in sechs Hexametern mit seinen merkwür-
digen Digammen (Tlcrtf/cxfo, n^^svJFog) nach der Bestaura tion von
Franz samt der betreifenden Litteratur wiederholt ist, so sei nachge-
tragen, dass. ein Facsimile und eine Ergänzung ausserdem bei Bangab6
Grote : History of Greece. 257
antiquit. Hell^niq. I n. 318. p. 382 steht und dass Hr. Aufrecht im
2. Heft d. Zeitschr. f. vgl. Sprachforschung (Berlin 1851) S. 118fgg. das
interessante Stück behandelt hat. Ebenso ist mit der Bekanntmachung
eines hier p. 57 nebenbei angeschlossnen römischen Epitaphs aus Ma-
tranga Anecd. Tom. I praef. 37 Schneidewin snvorgekommen , Götting.
gel. Anz. 1851. S. 923: Ihtovdoipogov rode 6ij(ia kIvtoI tsv^avro tQO^
(p^g ^cfiösKitavg Moiqw olfiov a(ieißoiAivov. Gelehrt ist die Nach-
weisung aber den Gebrauch von novqrteiSla^ courioitie und Adject.
KOVQvißfig^ Adverb. Kav(fTi0Ma^ p. 55. 56. Ob p. 56 xl = xal^ was
jetzt gang und gäbe ist, schon bei Böckh Corp. inscr. Graec. n. 1249^>
IL 17 anerkannt werden darf, scheint sehr fraglich. Hr. M. spricht dabei
über xa/, wekhes zwischen zwei Verbis dem zweiten die Kraft eines
Particips verleiht, z. B. ^to^ötv ütloiav x^^crov d. i. ^«oo^ovtfi To-
QWiSt) nXotov iQx6(isva¥. Endlich sei noch dlie Bemerkung über 6 BTtl
TQeatiifig^ p. 58. 59, die über yXwiog statt ^^Xvxv^ p. 59, und die über
Verstümmlungen wie üccf^vta ''= zeaaaQaxowa erwähnt. • Vorstehen-
des wird hinreichen um den manigfachen Inhalt von Hrn. Mullachs
Arbeit erkennen zn lassen. ~Ein dreifacher Index, index graecug p.
61. 62, index laiinut p. 63, index tcriptarum p. 63. 64 erhöht die
Brauchbarkeit des auch fiusserlieh vom Verleger hübsch ausgestatteten
Büchleins. Ref. aber schliessl diese Anzeige mit einer Hinweisung
auf die so eben ihm zugekommeneii ^Beitrige zur Sprach- und Alter-
thumsforschnng aus jüdischen Quellen. Von Dr. Mich. Sachs. Is Heft.
Berlin , Veit u. Comp. 1851.' Hier finden sich gar manche interessante
Notizen über byzantinische, zum Theil aus orientalischen Sprachen
hergenommene Worte. Doch genauere Besprechung bleibt einem des
Morgenlandes und seiner Zungen kundigem vorbehalten.
Schulpforte. K. Keil.
lieber griechische Geschichtsforschung vom Perserkriege bis
zum Ende des peloponnesischen.
Unter den neueren Werken, welche der Erforschung und Dar-
stellung der griechischen Geschichte gewidmet sind, nimmt die
History of Greece von Geqrge Grote
noch immer die wohlverdiente erste Stelle ein. Dieses Werk ist seil
langen Jahren , und zwar mit der Üeberzeugung , dass es ausserordeat»
liches leisten würde, erwartet worden, selbst von unserm Niebahr.
Nach seinem Erscheinen ist ihm eine dem entsprechende glänzende
Anerkennung zu Theil geworden. Noch bevor der Verfasser das ge-
steckte Ziel völlig erreichen konnte , sind von den ersten Bänden raseh
258 Alte Geschichte.
eine zweite und dritte Auflage nöthig geworden; es ist ein Erfolg,
welchen selbst ein Henry Hallam mit seinen Werken nicht hat errei-
chen können, ein Erfolg, wie ihn in unserm eignen Vaterlande ein
Werk von diesem Geiste ernster wissenschaftlicher Forschung — und
diesem Umfang schwerlich hätte erwarten dürfen. Von Böckhs Staats-
hanshaltung ist erst jetst die zweite Auflage erschienen.
Von der hohen Bedeutung dieses Buchs überzeugt, beeilte ich
mich, sobald nur die ersten Bande desselben erschienen waren, von
demselben in diesen Neuen Jahrbüchern '*') eine möglichst ins Detail ein-
gehende Anzeige zu geben. Ich fürchtete , das englische Werk würde
bei seinem für unsere Verhältnisse wenigstens enormen Preise — die
ersten 8 Bände kosten 56 Thaler — in Deutschland wenig Käufer fin-
den, am wenigsten in den Kreisen, die allein Lust und Fähigkeit be-
sitzen sich die Frucht dieser Forschungen anzueignen und weiter
nutzbar zu machen. Noch weniger, glanbte ich, würde ein deutscher
Buchhändler es wagen dürfen, eine Uebersetzung von demselben zu
reranstalten. Ich hoffte daher den Dank meiner Amts- und Studien-
genossen zu verdienen, wenn ich von dem wesentlichen Inhalt des
Groteschen Werks eine allgemeine Mittheilung gäbe und zugleich
Geist und Richtung seiner Forschungen möglichst genau bezeichnete.
Diese Besorgnisse sind jedoch zum Theil nicht erfüllt worden.
Im Verlage der Dykschen Buchhandlung ist nemlich mit einer Ueber-
setzung des Werks der Anfang gemacht und diese Arbeit bereits weit
genug vorgeschritten , um der Hoffnung Raum zu geben , dass dieselbe
nicht ebenso in der Mitte stocken bleiben werde, wie dies mit der
griechischen Geschichte von Thirlwall der Fall gewesen ist. Der Ue-
bersetzer ist Hr. Dr. Meissner. Der Preis der Uebersetzung wird
noch nicht die Hälfte vom Preise des Originals erreichen. Allerdings
ist derselbe auch so noch sehr ansehnlich, da nach mathmasslicher
Schätzung die ersten acht Bände des Originals , welche bis zum Tode
des Sokrates hinabgehn, in der deutschen Bearbeitung 24 Thlr. kosten
würden. Die Sache würde sich aber doch erschwingen lassen , wenn
man nur gewis sein dürfte, dass dieselbe uns einen wirklichen Er-
satz für das englische Werk böte. Wäre dies nieht der Fall , so wäre
der Schaden um so grösser, als durch eine misrathene Uebertragung
dem Erscheinen einer bessern Arbeit offenbar würde der Weg ver-
schlossen werden.
Der Uebersetzer selbst beruft sich nun allerdings auf die freund-
liche und nachsichtsvolle Theilnahme, welche seiner Arbeit von allen
Seiten her sei gespendet worden. Er citiert selbst die briefliche Aeus-
serung des Hrn. Verfassers, dass er seine Gedanken vollkommen und
treu in ihrer neuen Sprache wiedererkenne. Ich habe alle Achtung
vor Hrn. Grotes Urtheil; indes wenn die eigne Prüfung uns gestattet
ist und diese Prüfung uns überzeugen sollte, dass die Arbeit des Hrn.
») Vergl. Bd. 57. S. 271-290. Bd. 58. S. 168-187. Bd. 59. S.
373--389. Bd. 60. S. 3 - 20.
Grote : History of Greece.
259
Dr. Meissner schlecht wäre , so müssten wir Hrn. Grotes Auetoritat
hier einmal unbeachtet lassen. Die Artigkeit gegen den Uebersetzer
hat ihn vermuthlich bestimmt, über die Uebersetznng sich mit weniger
Entschiedenheit zu äussern. Nach vielfacher Yergleichung kann ich
nur dem Urtheil beistimmen, welches im Litterarischen Centralblatt
1851 S. 846 über eine andre Bearbeitung eines englischen Werkes von
demselben Verfasser ausgesprochen ist. Es ist, mit. wenigen Worten,
eins der gewöhnlichen Fabrikate , mit denen wir nur zu reichlich be>
dacht werden, und ich möchte niemand rathen , sich vertrauensvoll die-
ser Uebersetzung zu bedienen , wenn er nicht die Fähigkeit besitzt,
sich aus den verkehrten Ausdrücken und confusen Gedanken des deut-
schen Buchs das Original zu reproducieren. Ich glaube zwar, jeder wer
Dennis Städte und Grabstätten Etruriens oder Kapitän
Lynch Jordanreise in der Uebersetzung des Hrn. Dr. Meissner
gelesen hat, würde dem eben gefällten Urtheile ohne weiteres glau-
ben ; indes warum soll ich nicht meine Leser mit eignen Augen sehn
lassen? Ich bemerke, dass ich das Englische nach meinem Exemplar
der ersten Originalausgabe eitlere. Die Uebersetzung ist freilich auf
Grund der zweiten Ausgabe angefertigt ; indes wird jeder leicht sehn,
dass das keine Bedeutung hat.
^ursprünglich von nicht gesehe-
nen- Händen ins Dasein gerufen,
und von Daten , auf die sich nie-
mand beziehn kann, existierte er in
dem umlaufenden Gespräche des
Volks.'
*das freiwillige Erzeugnis' ( — r
es ist vielmehr von dem bewusst-
und absichtslosen die Rede.)
^sie verschafften der Neugierde
Nahrung, lösten vage Zweifel und
begeisterten das Streben des Jahr-
hunderts.'
^ihr Polytheismus erkannte Ein-
wirkung unsichtbarer Personen an,
die mit den verschiedenen Oert-
lichkeiten und Abtheilungen der
physischen Welt für dasselbe er-
klärt und vermengt wurden.'
Mie Alterthümer jedes Standes
aber waren göttliche und heroi-
sche , welche wohl die Lineamente
der gewöhnlichen Menschen wie-
der hervorbrachten , sich aber um
ihr Maass und ihre Grenzen gar
nicht kümmerten.'
Diese Belege lassen sich unendlich vervielföltigen, ohne dass
Vol. I. p. 460 raised original-
ly'by hands uu$een and fram data
unassignable ^ if existed ßrst in
ihe shape of floaiing iaUt among
ihe people.
i
ebds. ihe spontaneous growth
of ihe Grecian mmd.
ebds. ihey fumished alimetU io
ihe curiosiiy^ and Solution to ihe
eague doubis and aspirations of
ihe age.
p. 469 ihetr polyiheisme — re-
cognisedpresiding agencies of un-
Seen beings in ihe differeni loca-
liiies and depariments of the phy-
sicai World.
ebds. bui ihe aniiquities of
every State foere divine and he-
roic^ reproducing the lineaments^
bui disregarding the measure and
ihe limiis^ of ordinary humanity.
'260 Alte Geschichte.
mim mühsam danach zu suchen brauchte ; diie Darstellungsweise des
Hrn. Verf. hat ohnehin, wie vortrefOich sie in anderer Hinsicht ist,
doch etwas breites und mühsames und der Leser ist oft genöthigt, eine
Reihe von Sätzen mehrmals zu lesen um klar zu sehn, worauf der
Verf. eigentlich hinaus will ; durch die Uebersetzung wird die Leetüre
des Buchs noch erschwert, so' dass man keinen Abschnitt zu lesen
wagen darf, ohne zum Original seine Zuflucht zu nehmen. Meine Le-
ser werden mir, nachdem ich mich dieser unerfreulichen Verpflichtung
in ihrem Interesse erledigt habe, gestatten, zu den Leistungen Hrn.
Grotes selber zurückzukehren.
Wie oben bemerkt, ist von diesem theilweise schon eine zweite
und dritte Auflage erschienen.
Es ist durchschnittlich nicht die Weise der ausgezeichneten eng-
lischen Autoren, die neuen Auflagen ihrer Werke als gfinzlich umge-
arbeitete den Lesern vorzuführen. Sie glauben es diesen schuldig zu
sein, ihnen gleich das erstemal die vollendete und reife Frucht ihrer
Studien darzubringen. Siejsiehn es dann späterhin selbst vor, dem
ursprünglichen Werke die besondern Zusätze, sogpar in einen eignen
Band zusammengefügt, beizugeben, anstatt einen von Grund aus, neuen
Bau zu unternehmen. Hrn. Grotes Werk gehört, wie aus dem obigen
geschlossen werden kann, in die Reihe derer, welche nicht der Au-
genblick geboren hat; die neuen Auflagen enthalten demnach hie und
da dankenswerthe Znsätze, aber keine neue Schöpfung. So haben
ihm die Rambies and RecoUeeUons von Oberst Sleemann Veran-
lassung zu glücklichen Vergleichungen zwischen griechischem und
indischem Alterthum geboten. Am dankenswerthesten sind jedoch
zwei Anhänge der 3. Auflage , in denen Hr. Grote einige Angriffe zu-
rückweist, die Oberst Mure in seinem neusten Werke: einer Ge-
schichte der griechischen Sprache und Litteratur, gegen dessen Skep-
ticismus gerichtet hatte. Man kann den Erörterungen Grotes nicht
folgen, ohne ihnen ebehso viel Belehrung als Anregung und Genuss zu
danken, selbst wenn man sich verhindert sieht ihnen beizustimmen.
Es wird, glaube ich, keiner weitern Entschuldigung bedürfen, wenn
ich einige Augenblicke bei diesen Anhängen verweile.
Grote hatte nemlich die historische Zuverlässigkeit der alten
Genealogien und anderweitiger angeblicher Urkunden in Zweifel ge-
zogen, und dagegen andern, wie z. B. dem Verzeichnis der olym-
pischen Sieger eine wirkliche fides zugestanden. Oberst Mure rügte
dies Verfahren nun als eine Willkttriichkeit, um so mehr da z. B.
die Reihenfolge und Abstammung der alten spartanischen Könige be-
reits von Herodot anerkannt werde , während dagegen auf die olym-
pischen Verzeichnisse sich erst Timäus berufe. In dem ersten der
oben erwähnten Anhänge dringt nun Grote darauf, man möge doch
ohne diese Berufung auf Herodot und Timäus diese Urkunden allein
für sitch betrachten , und durch Vergleichung der altern mit den Jün-
gern ihre qualitative Verschiedenheit und hiernach ihren Anspruch auf
historische Geltung feststellen. Diese Beobachtung führt nun Hrn.
Grote : History of Greece. S61
Grote zu folgendem Ergebnis: in Verzeichnissen, wie es das der Olym-
pioniken., dus der athenischen Archonten, das der Sieger in den Kar-
neen zn Sparta sind, — Verzeichnisse, deren Zahl sich dann bis ins
unendliche gesteigert hat — , zeigt sich nirgend das Bestreben mit
der Gegenwart an eine mythische Vorzeit anzuknüpfen, Göttern und
Heroen einen Platz in der Reihe der Ahnen zu verschaffen , bestehende
Institutionen, politische wie religiöse, recipierte Vorstellungen, wel-
cher Art dieselben sein mögen , auf ein bestimmtes Datum zurückzu-
fahren, auf ein specielles Factum zu gründen; weder der Glaube noch
die Phantasie sind dabei irgend wie als thitig zu erkennen ; es han-
delt sich nur um ein wirkliches und rein menschliches Bedürfnis, wel-
ches befriedigt werden soll. Diesen prosaischen, praktischen und
verstfindigen Charakter trägt das olympische Verzeichnis gleich von
dem ersten in der Reihe, von Koröbus an. Das ist es, was ihm für
die Benutzung als geschichtliche Quelle eine ganz andere Bedeutung
gibt.
Der zweite Anhang hat die Agrammatie in Sparta zum Gegeii-
stande. Grote hatte bestritten, dass die yqi^ijuna — sonderbar klingt
dafür der Ausdruck * Buchstaben' in der Uebersetzuog, es ist viel-
mehr schlechtweg unser * Lesen und Schreiben' -r- in dem spartani-
schen Jugendunterrichte je eine Stelle gehabt bitten, und sich hiebei
ganz besonders auf Isokrates Aensserung berufen , die Spartaner seien
vodovxov a^saleXsifiiUvoi %^g oioiv^ Ttatdslag xal q>tlo0og>lagy nöxs
ovdh yQaiifuna lutv^avoviSiv. Mure stellte dieser Behauptung nun
Beispiele aus den bekannten Zeiten der Geschichte entgegen, aus
denen eine factische Bekanntschaft der Spartaner mit der Kunst des
Lesens und Schreibens könne gefolgert werden , so z. B. die Briefe
des Demarat (Herod. VII, 239) und des Pausanias (Thuc. I, 128) , die
allerdings sehr lakonische Depesche, welche Hippokrates nach der
Schlacht bei Kyzikus an die Behörden zu Sparta sendet (Xen. Hell.
I, l), die Namensverzeichnisse von Heloten, die geschriebenen Ver-
trage u. s. w. Grote hingegen gibt sich die ersinnlichste Mühe, diese
Beispiele entweder überhaupt zweifelhaft zu machen oder doch den
Schlttss, den Oberst Mure daraus gezogen hat, als fibereilt darzu-
stellen. Dagegen sucht er nun theils die Auctoritfit des Isokrates zu
kräftigen, theils durch Xenophon, Aristoteles und selbst Plato zu
unterstützen. Ich muss offen bekennen , dass bei dieser Art von Ge-
fecht nicht viel herauskommt. Plutarch sagt uns im Leben des Lykurg -
mit dürrem Worten gerade das , was das einfachste und natürlichste
scheint : Lesen und Schreiben hatten die jungen Spartaner ivetuc t^
XQSÜxg gelernt, des Bedürfnisses wegen, und also auch nicht weiter als
es das Bedürfnis erforderte. Grote kennt natürlich die Stelle sehr wohl,
aber er legt nur kein Gewicht darauf, weil nach seiner freilich irrigen
Annahme Plutarch bei dieser Biographie aus Quellen einer spitern
Zeit geschöpft habe, aus Autoren, die mit Agis und Kleomenes etwa
gleichzeitig waren. Ich habe bereits früher erklärt, woher dieser
Irthum entstanden ist. Plutarch nennt oft eine Mai««^ k^Nn^^^^^^^^
202 Alte Geschichte.
•
allerdings benutzt hat, aber nar io Einzelheiten; den Hanptautor aber
pflegt er nicht zn nennen, und dies ist für den Lykurg gerade Epho>
ras. Wenn man dies berücksichtigt, so erhfilt jene Notiz bei Flntarch
ein ganz anderes Gewicht. Ich habe, wie gesagt, schon früher auf
diese Eigenthümlichkeit Flntarchs aufmerksam gemacht. Wie man
sich dieselbe auch erklären mag, so ist es doch ausserordentlich
wichtig, dass man sie eben kennt und benutzt.
Ich werde jetzt die Untersuchungen des Groteschen Werkes durch
Band Y — ^VlII, welche den Zeitraum von dem Zuge des Xerxes bis
zum Tode des Sokrates umfassen, in einer ähnlichen Weise vorfüh-
ren, wie ich dies früher bei den vier ersten Bänden gethan habe, und
dabei zugleich, kürzer oder ausführlicher, an ähnliche historische
Arbeiten erinnern, um daraus den Schluss ziehn zu lassen, in wei-
chem Verhältnis unser Geschichtswerk zu denselben stehe und inwie-
fern durch dasselbe unsere Wissenschaft gef5rdert sei.
Das 38. Capitel beginnt mit der Zeit, welche unmittelbar auf die
Schlacht von Marathon folgt, und reicht bis zu der grossen Musterung
des persischen Heeres bei Doriskus ; es enthält also die grossen Vor-
bereitungen zu dem Kriege Seitens der Ferser. Ich muss gleich hier
einige Worte über die historische Kritik des Hrn. Verf. voraussenden.
Wir haben bekanntlich über den Zeitraum, in den wir nunmehr hin-
eintreten, verschiedene und vielfach einander widersprechende Be-
richte: Herodot, Diodor, Justin, Flutarch sind nicht immer im besten
Einklänge miteinander ; die Aufgabe des Geschichtsforschers ist aber
die historische Wahrheit, welche nur ^ine sein kann, zn gewinnen.
Der Verf. verfährt nun hiebei folgendermassen: tf fragt bei jedem
einzelnen Factum die Autoren , welche darüber berichten , und wählt
nach seinem Ermessen und Urtheil diejenige Relation heraus, welche
ihm die meiste Wahrscheinlichkeit hat. Es ist wohl zu erwarten, dass
ihm hier der eine , dort der andere als der zuverlässigere erscheinen
werde. Dagegen zeigt sich nicht, dass er seine Zeugen nnd Gewährs-
männer überhaupt und im allgemeinen einer solchen Früfung unter-
worfen hätte. Hiedurch bekommt die Kritik immer etwas zufölliges
und nnzuverlässiges. Es ist wie wenn jemand durch Krankheit auf
lange Zeit verhindert würde , das Leben draussen zu beobachten , und
darauf angewiesen wäre ,* sich der Beobachtung anderer Personen zu
bedienen. Man kann voraussetzen, dass diese Personen, wenn sie
dasselbe Ereignis referieren sollen, so gut voneinander abweichen
werden , wie unsre Historiker. Wird nun der kranke , den es ernst-
lich verlaugt die Wahrheit zu hören , nicht aber seine Neugier oder
eine Leidenschaft zu befriedigen, die jedesmaligen Berichte bloss ab-
wägen und aus ihnen den probabelsten auswählen, oder Wird er zu-
gleich hiermit die Natur seiner Referenten studieren ? Thut er das letz-
tere , so wird es ihm leicht begegnen , dass er den sehr wahrschein-
lichen Bericht des einen verwirft, und dagegen dem sonderbaren und
unwahrscheinlichen eines andern beipflichtet , weil er von der Schärfe
ifes Auges und der innern Wahrscheinlichkeit des letztem mehr als
Grote: History of Greece. 283
von diesen Eigenschaften des erstem überzeugt ist. Das unwahr-
scheinliche ist oft gerade das wirkliche. Natürlich wird das eine nicht
sein können ohne das andere. Die Prüfung der allgemeinen Glaub-
haftigkeit und die des einzelnen wahrscheinlichen werden sich in glei-
cher Weise bedingen, ergänzen, rectificieren , wie überhaupt in der
menschlichen Erkenntnis die Wege, welche vom einzelnen und vom
allgemeinen ausgehn, gemeinsam und miteinander verfolgt werden
müssen , um zum Erkennen des wahren zu gelangen. Es ist dies mei-
nes Erachtens so unzweifelhaft, dass nicht genug zu bewundern ist,
wie wenig hierauf geachtet zu werden pflegt. Doch hierüber ein an-
deres mal. Bei Grote habe ich mich umsonst bemüht ein sicheres Be-
wusstsein über die Auctorität zu finden, welche jeder Autor verdient.
Bei diesem Verfahren aber kann das Resultat seiner Untersuchungen
nur als ein dem Zufall zugehöriges angesehn werden. Dagegen tritt
nun bei ihm in die leer gelassene Stelle ein anderes Kriterium. Wie
scheinbar unbefangen und unparteiisch auch diese Geschichtsbehand-
lung sich geben mag, sie steht doch unter dem Einfluss gewisser po-
litischer Ueberzeugungen, welche der Verf. zu seiner Forschung mit-
gebracht hat. Wir werden unten sehn, wie die geschichtliche Wahr-
heit, so wie sie, was sehr oft geschieht, diese Ueberzeugungen
berührt, alteriert und corrumpiert wird. Für diese Dinge werden wir
unten vielfach Gelegenheit haben Beweise beizubringen.
Was nun den vor uns liegenden Abschnitt anlangt, so hat der
Verf. vielfach die richtigen Ansätze dazu gemacht, die Glaubwürdig-
keit des Herodot zu würdigen, aber es bleibt eben auch bei diesen
Ansätzen ; der Verf. gibt seine Principien auf, wenn es ihm so zusagt.
So bemerkt er die grosse Aehnlichkeit, welche das 7. Buch des He-
rodot mit dem 2. Buch der Iliade habe , den Traum , dort an Xeries,
hier an Agamemnon gesandt; — die Aufzählung der Nationen, wel-
che zum Kampf aufgeboten werden ; — Artaban erinnert an Nestor ;
— es ist ein höheres Walten, aus dem Herodot den. Krieg herleitet,
der so viel Unglück über Asien bringen sollte. So schrieb Herodot,
so dichtete Aeschylus , so glaubte das Volk. Es wäre sonst ganz na-
türlich gewesen , dass Xerxes die Pläne seines Vaters wieder aufge-;
nommen, selbst seine Regierung grossartig, glänzend zu erölTnen ge-
wünscht hätte. Wie nahe hätte es nun dem Verf. gelegen, sich über-
haupt zu vergewissern, von welcher Natur dieHerodoteische Geschichte
war! War sie das Ergebnis einer Thukydideischen Forschung? oder
war sie die Weise, wie diese Kriege im Volke lebten? Bald lässt
der Verf. nun den Herodot bei den Personen, die den König begleitet
hatten, etwa den Nachkommen des Demarat, die in seiner Nähe wohn-
ten , specielle Erkundigungen einziehn , bald wieder aus der Anschau-
ung und aus dem Glauben jener Zeit manches hineingetragen werden.
Wie die Sache an sich plausibel erscheint, das ist das Kriterium.
Unsere deutschen Historiker sind in dieser Beziehung consequenter.
Dass z. B. ein Pferd einen Hasen geboren habe, ist eine nach der
That erdichtete Vorbedeutung; dass aber Xerxes den HftUftw^^^n ^^
i64 Alte Geschichte.
die ersten Brücken zerstört sind, mit Ruthen peitschen lässt, ist nicht
unglaubhaft , denn die Alten haben öfters derartige leblose oder doch
yernunftlose Gegenstände belohnen und bestrafen lassen. Die Ge-
schichte mit Pylhius an sich ist wahrscheinlich , aber sein Reichthum
abertrieben; die Zahlen, welche die Musterung bei Doriskus ergibt,
bezweifelt er nicht eben, wenn er auch nicht mit Heeren glaubt, He-
rodot könne die Angaben aus dem persischen Kriegsministerium er-
halten haben. Die Unterredung, welche Xerxes hier mit Demarat hat,
glaubt Grote, habe wirklich stattgefunden; aber Worte und Gedanken
habe der Schriftsteller aus dem Volksglauben ergänzt. Ich habe für
meine Person die Ueberzeugung, dass Herodot diese Kriege eben nur
so wiedergibt, wie sie im Volke lebten, wie sich aus den vielen und
bunten Erzählungen darüber nach einem Menschenalter eine einheit-
liehe Vorstellung gebildet hatte ; als Herodot schrieb , waren die ver-
schiedenen Elemente, die grossen Ereignisse, viele einzelne Erdich-
tungen, der Glaube des Volks an die unmittelbare Mitwirkung der
Cr&tter und dergl. bereits zu einer einigen Masse verdichtet, welche
bereits nicht mehr in ihre Bestandtheile aufgelöst werden konnte ; im
grossen und ganzen spiegelte sich der Geist, in welchem damals ge-
kämpft war, getreulich ab, eine Kritik des einzelnen zu geben war
nicht Herodots Absicht. Die geschichtliche Kritik war damals noch
nicht durch Thnkydides erweckt worden ; sie hätte , selbst wenn sie
bereits da gewesen wäre, doch unbenutzt bleiben müssen. Dies vor-
ausgesetzt, sind uns über diesen Krieg alle abweichenden oder eig-
nen Nachrichten, die etwa Diodor uns darbietet, von einem sehr
gifOssen Gewicht, zuinai wenn es uns möglich ist, die Quelle zu ent-
decken, aus der ein solcher Autor geschöpft hat, und wenn es sich
ergeben sollte, dass in ihm etwa ein Ephorns verborgen wäre, —
was für mich wenigstens unzweifelhaft ist. Doch wir dürfen nicht
vergessen, dass es hier nicht der Ort ist Untersuchungen zu führen,
sondern über Untersuchungen zu berichten.
Das 39. Capitel gibt nun die Ereignisse bis zur Schlacht von
Thermopylae in Griechenland, zunächst den Krieg zwischen Athen
und Aegina. Grote lässt diesen Krieg bald nach der Schlacht von
Marathon beginnen und sich bis 481 hinziehn, nach den ersten grossen
Kämpfen in Räubereien und Plünderungen , denen endlich die Furcht
vor dem nahenden persischen Heere ein Ende macht. Hiermit stehn
dann die grossen Rüstungen der Athener zur See und die innern po-
litischen Verhältnisse, die sich in Aristides und Themistokles kund
geben , zusammen. Bekanntlich ist dies eine der dunkelsten Partien in
der Geschichte; wir können es nicht umgehn hier ein wenig länger zu
verweilen. Dem Verf. sind, ein sehr grosser Nachtheil für sein Werk,
die ^historisch-philologischen Studien' von K. W. Krüger unbekannt
geblieben, welche unter anderm eine Episode über das Archon-
tat des Themistokles und die Zeit, in welcher die Er-
bauung des Firaeeus angefangen, darbieten, meines Erachtens
das gründliohBXt und durchdachteste über diese Gegenstände , wenn
Grote: history of Greece. M5
man auch verhindert sein solile dem Resultate dieser Untersuohnng
beizupflichten.
Thukydides sagt an der Stelle, wo er von der Vollendung
des Hafenbaues spricht: vtt^^xto d' avrov ngoxe^ov htl t^ iTidvov
a(fXijg f^g xor ivuxvxov ^Ad'fivalotg fiQ^s. Grote versteht diese Worte
nicht von dem Archontenamte des Themistokles, sondern vielmehr
von seiner Strategie, die ebenso gut eine aQX'q könne genannt werden,
und lässt die Befestigung des Piraeeus also im Frühling 480 beginnen,
dann aber, als der Feind wider alles Erwarten rasch und Widerstands^
los vorrückte, wieder ausgesetzt werden. Dies ist ohne Zweifel
durchaus falsch. Der Ausdruck t^v ivucvalav rolg ^Ad-rivcUoig i(fxh^
ccQxeiv geht nur auf das Archontenamt und zwar auf das eines Epony-
mus , wie Krüger a. a. 0. S. 14 hinreichend gezeigt hat. Die Frage
ist nur, wann dies Archontat des Themistokles anzusetzen sei. Die
Fasten bieten uns Olymp. 71, 4 = 493 v. Chr. einen Themistokles als
Archon. Sollte dies nicht unser Themistokles sein? Böckh hatte
sich hierfür entschieden. Er bemerkte überdies, aus einer Stelle dts
Fhilochorus müsse als einer der Nachfolger des Themistokles ein Ar-
chon Kebris entnommen werden , und diesen ohne Zweifel verdorbe-
nen Namen erkannte er in dem Archon Hybrilides des Jahrs Ol. 73, 3
an. Hiergegen tritt Krüger anf : das Jahr des Arehontates des The-
mistokles sei später zu setzen; denn 1) es sei an sich anwahrsehein-
lich, dass die Athener, dies rührige Volk, ein begonnenes so wiohti-
ges Werk so lange hätten liegen lassen ; 2) wenn Themistokles bereiii
493 Archon und ein Archon von so bedeutendem Einflüsse war, wie
konnte Herodot (VII, 143) so viel später von ihm den Ausdruck av^^
ig TtQmovg vecsörl naquov gebrauchen? 3) wie konnte, wenn die
Athener schon damals anfiengen Schiffe zu bauen, Thukydides sagen,
^QO ti^g SiQ^ov (Sxqaxuig hätten die Athener nnr ßQccxia besessen, da
sie doch, den jährlichen Bau von 20 Schiffen vorausgesetzt, binnen
kurzem hätten zu einer bedeutenden Seemacht gelangen müssen ? Yoa
den Jahren nun zwischen Marathon und Salamis sind uns die Archon-
ten von 487, 486, 482, 481 unbekannt. Von diesen Jahren entscheidet
sich Krüger, um 481 für Kebris zu gewinnen, für 482. Anf jene Ein-
würfe Krügers hat in neuerer Zeit zu antworten unternommen
Theod. Finck : de ThemistocUs aetate vita ingemo rebusque
gestis (Gottingen, Yandenhoeck und Ruprecht 1849)
und sich mit Böckh für das Jahr 493 entschieden. loh werde kiirs,
hier und dort ergänzend, über Fincks Ansieht referieren.
Er nimmt die Angabe als zuverlässig an, Themistokles habe ein
Alter von 65 Jahren erreicht; indem er nun voraussetzt, derselbe eei
469 gestorben, so erhält er als sein Geburtsjahr 534, so dass also TIm-*
mistokles zu der Zeit, wo Miltiades bei Marathon siegte, nichl Mekr
ein viog, sondern ein gereifter Mann war. Hiermit stimmt aaeh, wti
wir anderweitig über ihn lesen. In der Sohlacht bei Marathon Um/fUi
er neben Aristides (Flut. Arist. 5). Wenn dieser unter den 8tnu
/V. Jakrb, f. PkU, u. Paed. Hä, LXV. Bft. Z. ^&
266 Alte Geschichte. >
legen als Führer seiner Phyle, der Antiochis, erscheint, so liegt es
sehr nahe, aus der Art und Weise, wie Plutarch die beiden Männer
hier verbindet, zu schliessen, Themistokles habe ebenso seine Phyle,
die Leontis, befehligt, und sei auch mit unter den zehn Strategen der
marathonischen Schlacht gewesen. Auch Grote hält dies nicht für
unwahrscheinlich. Hiermit muss man nun verbinden, wie Themisto-
kles unmittelbar nach jener Schlacht als bedeutender Staatsmann ge-
gen Miltiades in die Schranken tritt: inQu^s vavta^ sagt Plutarch
(Them. 4), MiXrwdov XQccvi^iSag ivxiXiyovxogj mg ttSxoqBl Skrjfsi^ßqo--
zog. Bei Plutarch erscheinen überdies Themistokles und Aristides
ziemlich von gleichem Alter ; gehört der letztere der Hetaerie des Kli-
sthenes zu, so dürfen wir auch bei Themistokles voraussetzen, dass
er etwa um dieselbe Zeit, mindestens 24 Jahr alt, sich in das öffent-
liche Leben gewagt und in eine Hetaerie begeben habe. Das Herodo-
teische vsca<Stl igtavg n^movg TtaQicov würde ich also, wenn man durch-
aus den Ausdruck veoxSTl urgieren will, darauf beziehn, dass Themisto-
kles nicht zu den alten edlen Geschlechtern gehörte, sondern selbst
erst sich zu Einfluss und Ansehn emporgehoben hatte. Doch ich glaube
eben, bei Herodot, der so wenig das Bedürfnis einer chronologischen
Geschichtserzählung fühlt, ist ein solcher Ausdruck nicht machtig ge-
nug uns zu nöthigen, dass wir das Emporkommen des Themistokles
bis unmittelbar vor den Zug des Xerxes hinabrücken. Bei Plutarch
muss mau überdies bestimmt annehmen, dass der Bau der Schiffe
gleich nach der Schlacht bei Marathon , noch bei Lebzeiten des Mil-
tiades ; noch während der Regierung des Darius begonnen habe , und
die specielle' Erwähnung von 100 Schiffen , die damals zuerst in An-
griff genommen wurden , flösst mir besonderes Vertrauen zü Plutarch
ein, sowie ich denn auch aus den Worten ri^v dtavo^irpf iaaavteg
den SchlMss ziehe, dass die Yertheilung der Einkünfte von Lanrion
wirklich jährlich stattgefunden habe und nun zu jährlichem Bau neuer
Schiffe das Geld verwendet sei. Noch mehr gewinnt dies alles an
innerer Wahrscheinlichkeit, wenn wir uns in die lebendigen Verhält-
nisse jener Zeiten versetzen. Die durch Klisthenes bewirkte Neuge-
staltung des Staats erweckte natürlich ein reges Leben in Athen; die
Tyrannis war vertrieben, die alte Aristokratie gesprengt, aber im
Schoosse des Demos traten sofort die Parteien hervor und suchten
durch Hetaerien in ihre Bestrebungen Einheit und Macht und das Ruder
des Staats in ihre Hände zu bringen. Aristides und Themistokles wa-
ren unter denen, welche diese Bahn betraten. Es ist mir nicht un-
glaubhaft, dass der Reformator Klisthenes einen Aristides in seiner
Hetaerie hatte; ein Klisthenes musste bald, wenn die demokrati-
sche Bewegung vorwärts drängte und über das Ziel hinaus strebte,
welches er ihr gesetzt hatte, als antidemokratisch erscheinen, wie
denn zu Kimons Zeit geradezu von der Aristokratie des Klisthe-
nes die Rede und das Streben der damaligen Conservativen darauf
gerichtet ist, die Klisthenische Verfassung zu erhalten. Themistokles
nun gehört- zu denen die weiter streben; ich denke mir, er ist schon
Grote: history of Greece. 267
als Archou der Führer seiner Partei gewesen , damals wo er den Bau
des Piraeens begann. Die von Persien drohende Gefahr brachte den
Miltiades empor. Der Sieg, den dieser errungen, erweckte die ent-
gegengesetzte Partei zu grosser Kraftanstrengnng , und damals, zwi-
schen der Schlacht von Marathon und dem Sturz des Miltiades , war
es , wo Themistokles den Bau der Flotte erwirkte. Das war es , wa-
rum die Tropaeen des Miltiades ihm den Schlaf raubten; es handelte
sich nicht nur um persönliche Eitelkeit bei ihm, sondern um politische Be-
deutung ; dem Bau der Flotte gegenüber mochte auch der Piraeeus noch
ausgesetzt bleiben ; die Kräfte Athens waren noch nicht stark genug,
um beides zugleich ins Werk zu setzen. Man konnte sich begnügen;
wenn man den Hafen gegen den ersten Angriff gesichert hatte. Dar-
auf würde ich das Thukydideische incriQTtro cdrov beziehn. Ich denke
mir, in dem allen wird man nur das Handeln eines consequenten , sei-
nes Ziels sich klar bewussten Mannes erkennen. Jedesfalls aber ge-
hören die Befestigung des Piraeeus und die Flotte nicht zusammen,
sondern jene fällt mehrere Jahre früher als diese. Was nun aber den
aeginetischen Krieg betrifft, so ist dieser, wenn man Herodot folgt,
vor dem Zuge des Datis und Artaphernes ausgebrochen. Herodot
sagt (VI, 93) : ^Ad^alot^i fiiv <J^ Ttoleftog iSvvijfmo TtQog Atyivrftag^
ÖS niqdriQ zo ianrcov htolss kxL , worauf der Zug der Perser be-
richtet wird. Dieser Krieg dauerte, wie man hier aus dem Plnsquam-
perfect und aus den Worten (VII, 144) ovtög b Ttokeiiog üvtfrag Sömae
tote tr^v 'Ekkceda zu sehliessen berechtigt ist, fort, als bereits die
Schlacht von Marathon geschlagen war. (Finck will von einem aegi-
netischen Kriege zwischen den Schlachten von Marathon und Salamis
überhaupt nichts wissen , ja er verlegt die Anfänge dieses Kriegs noch
in das vorhergehende Jahrhundert.) Aber er dauerte eben^ wie sol-
che Kriege geführt zu werden pflegen , unter Kapereien und Kflsten-
verheerungen fort, ohne dass es zu grossen Schlachten kam. Daher
ist es denn erklärlich, dass Themistokles einerseits den Krieg mit
Aegina vorwenden konnte, um die Athener zum Bau einer Flotte zu
treiben, andrerseits es doch nicht zum wirklichen Gebrauch dieser
Flotte kam. Die endliche Beilegung dieser Feindseligkeiten mag dann
immerhin erst durch Themistokles, Angesichts der nahenden Gefahr,
bewirkt worden sein. Dies ist die Vorstellung, die ich von diesen Ver-
hältnissen habe, und ich wünschte sehr durch diese Andeutungen zu
neuer Aufnahme dieser Untersuchungen anzuregen.
Der aeginetische Krieg veranlasst Hrn. Grote zu einer zwar nur;
beiläufigen, aber doch wichtigen Bemerkung. Bei dem Beginn des-
selben ist von der Aristokratie zu Aegina — den Jtcexieg — eine
schwere Versündigung gegen die z/ijfti^^ d'eiSfMHpoQog verübt wor-
den, die Herodot (VI, 91) erzählt. Dieses ayog iti^aacf^cci. ovx ol-,
01 te iyivovto iTttfiifxavßifievot , aX)L Mcp&nficiv ixTteöovteg jt^te^ov Ix
t^g vrfiov^ ^ (S(pt lieoDv yavia^m tifv ^eov. Die Vertreibung der A^-
gineten von ihrer Insel geschah im Anfang des peloponnesischen Kriegs.
Die Spartaner räumten ihnen zur Nutzung die Thyreatis ein. Hiet
268 Alte Geschicfate.
Wohnten sie aber nur bis 434, wo sie durch einen Ueberfall der von
Kythera heimkehrenden Athener vemiehtet wurden. Herodot, schliesst
Grote , hätte die obigen Worte nicht schreiben können , wenn er be-
reits von diesem letzten Ung^lflck der Aegineten gewusst hätte, und
gewinnt hieraus eine Zeitbestimmung für die Abfassung seines Buchs.
Herodot, sagt er, schrieb su einer Zeit, wo die allgemeine Erbitte-
rung gegen Athen aufs höchste gestiegen war, und schrieb eben in
der Absicht, dieser Zeitstimmnng gegenüber die unsterblichen Ver-
dienste Athens in ihr vollstes Licht zu setzen. Der Grandtext seiner
Geschichte ist, dass Griechenland seine Freiheit einzig und allein den
Athenern zu danken habe. Grote deutet auch auf die merkwürdige
Schonung hin, welche Herodot den Argivern zu Theil werden lasse,
wie rücksichtsvoll er VII, 152 ihrer gedenke. Man muss der feine»
Beobachtung Grotes alte Anerkennung zu Theil werden lassen: der
Historiker habe jene Rflcksidit nur genommen um der einfluss^reiche»
Stellung willen, die Argos damals durch seine neutrale Stellung zwi-
schen den kriegführenden Mficfaten einnahm, eine Stellung, in der es,
wohin es sich wandte , einen entscheidenden Einfluss ausüben musste.
Ich habe diese Ansichten unsers Verfassers um so lieber mittheilen
wollen , weil sie sich in überraschender Weise denen nähern , welche
Jos.Ruhino: de mortis HerodoH tempore disputatio (Vor-
rede xu dem Sommerkatalog der Marburger Umrersität von 1848)
ausgesprochen hat. Dionysins sagt von Herodot, er habe seine Ge-
schichte TtecQenrelvag (lix^t xw üskoTtowriaiccxciv. Nachdem schon
Ley in einem Programm hierauf Gewicht gelegt, fasst sie auch Ru-
bino so, nach Dionysius reiche Herodot bis in die ersten Zeiten de»
peloponnesischen Kriegs. Bei Herodot finde sich in der That kein
Ereignis erwähnt, welches nach Artaxerxes, also nach 424, falle. Ru-
bino lässt daher Herodot nach Artaxerxes und zwar imierbalb der
sieben Monate, welche zwischen dem Tode des Artaxerxes und der
Thronbesteigung des Darius Nothus liegen, sterben. Idi enthalte mich
hierüber eines nähern Eingehns , da ich auf das verweisen kann , was
bereits von Bahr in diesen Jahrbüdiern (Bd. LVL S. 3 — 11) hier-
über mitgetheilt ist.
Nächstdem aber tritt uns in diesem Capitel bereits die Grundan-
sicht entgegen, welche den Verf. bei seiner Geschichtsauffassung ge-
leitet hat, wie ich wenigstens glaube, vielfach auf Kosten der ge-
schichtlichen Wahrheit. Nach dem Fall des Miltiades, sagt Grote,
sind Themistokles und Aristides die einflussreichsten Personen in
Athen. Die besonderen Ursachen ihrer Nebenbuhlerschaft kennen wir
nicht, eine derselben ist jedoch wohl die Umgestaltung Athens zu einer
Seemacht, welche Themistokles betrieb, während Aristides den old-
fashioned Hellenism^ the undisturhed unifomUty of life, and nar~
row ränge of active daty and experience vorzog, wie es auch die
spätem Philosophen thaten. (Beiläufig bemerkt, war die Fortent-
wicklung des demokratischen Princips und die politische Parteistel-
lung der Grund, und die Hinführung auf das Meer das Mittel zur Er-
Grole: hislory of Greece. 209
reichuBg jenes Zwecks, wie das ArisUdes auch sehr gut gefühlt hal^
wenn er sagt, er und Themistokles verdieaten alle beide den Tod —
weil sie ihre Parteixwecke höher «teiltea als das wahre Wohl des
«Staats.) Diese ungünstigen Urtheile der Philosophen über die Demo-
kratie und den vavuTtog oxkog sind dem Verfasser ein wahrer Dorn
im Auge ; er ergreift daher mit Freuden eine Stelle in den Memora-
bilien (III, 5, 19), wo der jüngere Perikles sagt, dass die vav%b%oL
«war nu^itq%ovat xol^ igteazÄctv^ o£ de imkitai xal ol tnatug^ di do-
XOVÖ& Tuclonayad'la itqoxeiK^d'ui, xmv Tcoknw^ M7tei^4at4xtol ddi nav-
tfav. Dies ist eine Aeusserung, auf die Grote grosses Gewicht legt
und auf die er öfter wieder surückkommt Die so verachteten vavti-
Hol sind gehorsam, die onkhai sind ungehorsam, sind revolutionär.
Es ist nicht eben zu verwundern , dass man in Deutschland auch diese
Entdeckung mit Freuden begrüsst und Grote glanbensvoU nachge>
sprochen hat — wie dies s. B« im eriilen Jahrgang der deutschen
Monatsschrift irgendw^o geschehn ist Ich war frappiert, dass Xeno-
phon dies solle gesagt haben. Was sagt nun Xenophon? Die vctvxt-
xol sind evrcKXTO^, ebenso findet man bei den yvfi^viHol aymvsgj
ingleichen bei den Chören Gehorsam gegen die Vorsteher. Warum
uun nicht ebenso bei den Hopliten und Rittern? Der Grund liegt nicht
darin , dass die Athener überhaupt nicht evtmxxoi wfiren , sondern weil
bei den Kitharisten, Choreuten und Schiffern Leute die «^i^ haben, wel-
che ihr Fach verstehn und als solche anerkannt werden , zmv 6i ifr^*
rrjymv oi iclausxoL avxoaxedui^ovaiv. Man gebe ihnen , ist die Folge-
rung, nur auch sachverständige Führer , so wird es mit* Hopliten und
Rittern auch besser stehn. Also der Grund hier des Gehorsams , dort
des Ungehorsams liegt nicht in den Personen, welche gehorsam oder
ungehorsam sind, sondern in der Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit der
Führer. Dies ist der Zusammenhang der Stelle, die Grote ganz aus
ihrem Zusammenhang gerissen und dadurch das gerade Gegentheil
aus ihr herausgelesen hat, ohne zu beachten, dass die edlen vavxntol
nicht allein auf das Lob der evxa^la Anspruch haben, sondern das-
selbe mit den Flöten- und Kitharspielern theilen müssen. Die Philo-
logie ist nicht die starke Seite des Verfassers ; ich würde auch nicht
so viel Gewicht darauf legen, wenn nicht auf ein solches Fundament
ein umfassender Neubau alter Geschichte sollte aufgeführt werden.
Es gäbe manches einzelne, was der Erörterung bedürfte; indes
der Raum hindert mich darauf einzugehn. Nur was die Einnahmen aus
Laurion betrifft, möchte ich auf Grotes Ansicht aufmerksam machen.
Die Benutzung dieser Gruben, meint er, sei wohl erst seit Klisthenes
begonnen, weil erst durch ihn das Bewusstsein gesicherter und ge-
setzlicher Zustände gegeben sei. Die Summen, die durch diese Gru-
ben in den Schatz kamen, waren l) die Kaufgelder, welche bei der
Eröffnung einer Grube ein für allemal entrichtet wurden, und 2) die
jährlichen Renten. Die zehn Drachmen, welche davon an jeden Bürger
sollten gezahlt werden, waren natürlich nicht die ganze Summe, welche
auf den Bau der Kriegsflotte verwandt wurde. Hiergegen ist nun Finok
270 Alte Geschichte.
der Ansicht, dass der Bau der Flotte saccessiv geschah und das^
jährlich 20 neue Schiffe gebaut wurden , indem er nach dem Vorgänge
anderer eine sich auf eine spätere Zeit beziehende Aeusserung Dio-
dors hieher zieht.
Capitel 40 — 42 behandeln die Schlach.ten von Thermo-
pylae und Artemisium, die von Salamis und endlich die
von Plataea und Mykale.
Ich habe so ^ben mich über die Schwäche der philologischen
Seite dieses Werks geäussert ; um so glänzender tritt die Auffassungs-
nnd Darstellungsgabe des Verfassers hervor, sobald er sich in einem
Kreise bewegt , für den ein praktischer Blick sich eignet. Er hat für
alle Verhältnisse der praktischen Lebens ein scharfes Auge , sobald
die Klarheit des Urtheils nicht durch politische Vorurtheile getrübt
wird. Es ist ein Vorzug, den der Engländer vor uns Deutschen und
selbst vor den Franzosen voraus hat. Selbst bei Erzählungen, die
durch ein so bekanntes und so oft durchwandertes Gebiet führen,
folgt man dem Verf. mit Spannung und mit Genuss.
Die Griechen waren nach Tempe vorgerückt, blieben aber nur
einige Tage daselbst und zwar l) weil Xerxes mit seiner Flotte ihnen
Truppen in den Rücken werfen konnte, 2) weil es noch einen andern
Weg durch das Gebirge gab , den Xerxes wirklich wählte. Es ist dem
Verf. auch unerklärlich, warum die Griechen diesen Fass unbesetzt
gelassen hatten; es wäre doch für die Vollendung der griechischen
Rüstungen so wichtig gewesen , den Feind an der Grenze aufzuhalten.
Nun stellt sich* Leonidas mit einem kleinen Heer an den Thermopylen
auf, und zwar hatte er sowohl den Fass am Meere wie den obern be-
setzt, Aber er hatte nicht die Mittel dauernden Widerstand zu lei-
sten. Warum Hess man ihn , zumal in dieser wichtigen Fosition, ohne
Unterstützung? Die Antwort des Verf. ist: es war der Monat, in dem
man die olympischen Spiele, in Sparta die Kameen feierte. Xerxes
zögert mehrere Tage diese Stellung anzugreifen, weil er erwartete
einen heftigen Widerstand zu finden ; er rechnete auf Bewegungen im
Rücken des Leonidas; er hoffte, die Griechen würden auch diesen
Fass ohne Schwertstreich räumen^ wie sie Tempe geräumt hatten.
Er musste sich endlich doch zum Angriff entschliessen. Dass dieser
lange erfolglos blieb, erklärt sieh aus der Localität wie aus der ver-
schiedenen Bewaffnung. Als Hydarnes den obern Fass genommen,
entlässt Leonidas seine Bundesgenossen. Dass er die Thebaner ge-
waltsam zurückgehalten, wie Herodot erzählt, bezweifelt Grote. Die
Thebaner , welche ihn nach Thermopylae begleitet hatten, gehörten zu
den patriotisch gesinnten ; sie waren von den Gewalthabern aus den
Gegnern der medisierenden ausgewählt worden, um sie gewissem
Tode zu weihn. Leonidas Verfahren hätte also keinen rechten Zweck
gehabt; er hätte echt hellenische Fatrioten mit sich ins Verderben
gerissen. Blieben sie also, so blieben sie freiwillig: Diese Bemer-
kung ist sehr richtig. Diodor, der die 400 Thebaner cejeo rtjg erigag
^uqIöoq mitziehh lässt, weiss auch nichts davon, dass man sie mit
Grote : history of Greece. S7l
Gewalt zuräekgrehalten hätte, sondern lässt sie mit abEiehn; Herodot
dagegen betrachtete dies thebanische Contingpent als medisch gesinntf
and erzählt dem entsprechend, dass es von Leonidas zurückgehalten
wird und sich hernach den Persern ergibt. Es ist jedesfalls unrichtig,-
wenn man aus zwei entgegengesetzten Berichten ^ineu machen und
dazu den Anfang von Diodor, den Schluss aber von Herodot entneh-
men will.
Der Verlast dieses Passes war sehr schmerzlich. Die Stellung
der Flotte wurde dadurch unhaltbar; Boeotien und die benachbarten^
Länder giengen verloren; die Athener mussten über Hals und über
Kopf ihr Land räumen , und ihr Verlust war bei der Eile gewis dop-
pelt gross. Der Verf. erinnert an den Schaden , den sie 431 und in
den folgenden Jahren hatten, wo sie doch nicht das Land zu raamen
brauchten und die Müsse hatten alles bewegliche in Sicherheit zu
bringen; er erinnert an die ähnlichen Lagen 1688 und dann 1821 and
1822, wo die Athener wieder in Aegina, Salamis und zu Korinth
Schutz suchen mussten. Die Räumung des Landes war eine fast totale,
wie die geringe Zahl der eingebrachten Gefangenen zeigte. So folgt
der Verfasser dem persischen Heere bis Athen und Salamis. Hier ist
es nun wo der Verf. es bezweifelt, dass die Perser den Ausweg aas
der Salaminischen Bucht, welcher sich zwischen Salamis und Megaris
befindet , besetzt haben sollten. Bei Herodot steht das allerdings nicht
ausdrücklich ; aber die Worte avijyov fiev ro an hni^g xi^ag xv-
xXovfievOi TtQog riiv 2alce(uvaj avrjyov Sh ot a(ig)l rijv Kiov xb xal
Kvv6(Savqw9 vsTctyfiivoi können doch nur so verstanden werden. Der'
westliche Flügel der Flotte zog sich nach der Stadt Salamis, welche
damals nach dem Meere zugewendet lag, an der Südküste der Insel
hin; der östliche, welcher bei Keos und Kynosura aasserhalb der^
Bucht gelegen hatte , längs der attischen Küste in die Bucht hinein,
und stellte sich hier der griechischen Flotte gegenüber auf. Nur so
ist es erklärlich , wie Aristides , als er von Aegina nach Salamis hin-
überkam, auf einen Theil der persischen Flotte stossen konnte. Die
persische Flotte löst sieh auf, der König geht zurück. Nun folgt daf
Jahr 479: die Athener müssen zum zweitenmale ihr Land räumen.
Mardonius lässt den Athenern nach Salamis hinüber neue Friedensan-
träge machen, wobei sich das bekannte Ereignh» mit Lykidas zuträgt.
Diese selbe Geschichte wird schon das Jahr vorher über einen ge-
wissen Kyrsilus berichtet. Es ist an sich unwahrscheinlich, <la8s sich
ein solches Ereignis sollte zweimal zugetragen haben ; dann aber ist
jedesfalls, wie Grote mit Recht urtheilt, die Erzählung des Herodot
von Lykidas die wahrscheinlichere. Xerxes war nicht in der Lage^
mit den Athenern um Frieden zu unterhandeln ; was dem Mardoniaf
freistand, passte nicht füglich für Xerxes. Die weitere Erzählung gibt
Grote lebendig , klar. Die Stellung der beiden Heere vor Platae« we-
sentlich in derselben Weise, wie sie bei Kiepert bezeichnet ist.
Der Verf. unterbricht hier den Gang seiner Erzählung, nm die
sicilischen Ereignisse bis zur Vertreibung der Geloni-
%n Alte Geschichte.
f ehen Dysaslie und Einselsung republicanisoher Yer-
fassangea nachxuholeii , was im 43. Capitel geschieht. Die Ver-
Mtiiisie werden in sehr lichtvoller und ansprechender Weise darge-
stellt : Uebergang ans der Aristokratie durch die Tyrannis tu Verfas-
swigen But wechselnden demokratischen Elementen. Im 5. Jahrhun-
dert ist in allen Stidton der Insel die Aristokratie im Vollbesitz der
Herschaft, die alten Geschlechter, welche ihren Ursprung von den
ersten BegrOndem der St&dte herleiteten und sich im Besitz des ur--
sprfinglich occupierten Landes befanden, von ihnen abhängig, gleich
wie Heloten, Mariandynen und Penesten, gewisse eingeborne siculi-
sehe Tribus, dann neben beiden ein Demos, allmählich sich bildend,
heranwachsend, nach gleichen Rechten strebend, ans Handwerkern
and kleinen Grundeigenthttmem bestehend. Es kann nicht fehlen, dass
im Laufe von mehrem Generationen eine solche Aristokratie sich auf-
löst, dass edle Geschlechter verarmen und aus ihnen Demagogen her-
Torgehn , dass aus irgend was für Ursachen in der Mitte der Aristo-
kratie selbst Zwietracht und Parteiung ausbricht. Dies wird dann der
Anlass zu Tyrannenherschaften, deren wir um das J. 500 in fast allen
griechischen Städten der Insel sehn, in Rhegium, Zankle, Himera,
Selinus, Gela, Leoutini. Ueber alle erhebt sich dann Gelon, dem ein
Streit zwischen Gamoren und Demos auch Syrakus in die Hände lie-
fert. Aristoteles erwähnt in seiner Politik, dass der Demos in Syra-
kus vor der Tyrannis des Gelon durch seine ivct^la und ava^Uc zu
Grunde gteng. Grote meint, Aristoteles habe die Zeit vor Gelon mit
deijenigen verwechselt, welche der Dionysischen Tyrannis vorauf-
gieng. Denn die Austreibung der Gamoren sei kein Act von lawless
democracff gewesen; nach dieser Vertreibung aber habe der Demos
keine Zeit gehabt sich zu constituieren , da die Besetzung der Stadt
durch Gelon unmittelbar darauf gefolgt sei. Es ist immer misslich,
gerade einem Aristoteles eine solche Verwechslung aufzubürden. Ari-
stoteles hat eine atcc^la des Demos vor Augen, welche den evTtOQOig
Verachtung gegen den Demos einflösst und diesem dadurch verderb-
lich wird. Dies passt nicht für die Zustände , welche unmittelbar der
Tyrannis des Gelon, aber ebenso wenig für die, welche der des Dio-
nysius vorhergiengen. Aristoteles hat also frühere Zeiten vor Augen
gehabt, in denen der Demos durch seine axa^la den Gamoren erlag.
Dann hat sich der Demos noch einmal wieder aufgerafft und die Ga-
moren verjagt, was dann endlich die Stadt in die Hände des Gelon ge-
bracht hat. Gelon ist als Tyrann allerdings kein Feind der Aristokra-
tie; aber Grote geht doch andrerseits zu weit, wenn er behauptet,
die von Gelon angestrebte Verfassung sei Ihat of Patricians and clients^
wühoui any Plebs^ gewesen. Wir wissen nicht, dass er den Demos
KU Syrakus irgendwie zu vernichten gestrebt hätte, wie er es aller-
dings mit dem des besiegten Megara that.
Das 44. Capitel enthält die Ereignisse, welche den gros-
sen Siegen über die Perser unmittelbar folgen. Zu-
nächst die Wiederaufrichtung der Mauern Athens in erweitertem Um-
Grote: history of Greece. 273
fong, wobei der Verf. sich an Forchhammer und Kiepert anschliesst.
Theopomp wollte noch von einer Bestechung: der Ephoren wissen,
welche Themistokles ang^ewandt habe. Grote bezweifelt diese jedoch,
nicht weil er sie an sich fttr anwahrscheinlich hält, sondern weil
Thakydides nichts davon berichtet. Dann die Befestigung des Piraeeus,
die Unternehmungen gegen die Perser, woran sich der Hochverrath
des Pausanias knüpft, und die Bildung einer athenischen Hegemonie;
der Zug des Leotychides gegen die Aleuaden und die Bestechung des
Königs ; im Innern Athens der Fortschritt des demokratischen Princips
und der Sturz des Themistokles.
Es ist sehr zu beklagen , dass der Verf. hier keine Notiz genom-
men hat von den Untersuchungen , welche bei uns über die chronolo-
gische Feststellung dieser Ereignisse angestellt sind. So setzt er noch
den Fall des Pausanias in 467, die Klage der Spartaner gegen den be-
reits exostrakisierten Themistokles in 466, und dem entsprechend den
Tod des Aristides. Er fühlt es selbst, dass er den neunjährigen Zeit-
raum , welcher seit dem ersten Yerrathe des Pausanias verflossen ist,
nicht recht auszufüllen im Stande ist, und behilft sich damit, that ihe
Sparkms were habiluaUy slow in their movements and that tke su-
spect regent may perhaps communicated mth partisans in manif
parts of Greece, Unter den Untersuchungen unserer Gelehrten neh-
men die von Krüger die erste Stelle ein; an diese reihen sichGust.
Wagner de Themistocle exuie in der Zeitschr. f. die Alterthumsw.
1847 Nr. 14 — ^16. 25.26 und Finck in der oben angef. Abhandl. Finck
knüpft daran an, dass Themistokles, als er 476 die olympischen Spiele
besuchte und dort jene huldigende Anerkennung empfieng, noch in
Athen lebte; 473, wo die Perser des Aeschylus aufgeführt wurden,
könne er dagegen schon nicht mehr in Athen gewesen sein , wie aus
dem Stücke hervorgehe. Nun sage Nepos über Aristides Tod: de^
cessit fere post annum quartum^ quam Themistocles Atkenis erat ex-
pulsus, Aristides Tod könne nicht später als 470 fallen. So erhält
Finck das Jahr 475 als das, in dem Themistokles verbannt ist. In das
Jahr 474 setzt er dann die Entdeckung von Pausanias Yerrath und die
Bestrafung desselben. Noch im Jahre 474 flieht Them. nach Kerkyra und
von da zu Admet und weiter nach Asien , wohin er 473 kommt. Die
Zeit von 473 bis 472 verwendet er dazu, die persische Spradie zu
erlernen; in 469 fällt sein Tod und zwar, nach Fincks Ansicht, ein
freiwillig gewählter. Bekanntlich lässt nun eine grosse Zahl von Hi-
storikern den Themistokles zu Artaxerxes, eine eben so grosse Zahl
dagegen zu Xerxes kommen. Finck versucht diesen gordischen Kno-
ten dadurch zu lösen, dass er annimmt, Artaxerxes habe seinem Va-
ter mehrere Jahre hindurch als eine Art von Mitregent zur Seite ge-
standen. Was nun aber den Charakter des Themistokles betrifft, so
gibt Grote zu, er möge sich durch seine Zweideutigkeit und durch
üeine Habsucht in Miscredit gesetzt haben ; dazu sei dann gekommen,
dass die Spartaner, denen er auf das äusserste verhasst war, allen
Einfluss aufboten ihn zu stürzen. Ein solcher Mann musste.^ «unal
874 Alte Geschichte.
al« erst Pausanias überführt war, leicht der Verrätherei verdächtig
erscheinen. Aof die Auctoritfit des Diodor nimmt Grote an , Themi-
stokles sei bereits vorher des Medismus angeklagt, dann aber freige-
sprochen worden ; hierauf sei er exostrakisiert und nach Argos gegan-
gen , and nun nach des Pausanias Sturz von den Spartanern zum zwei-
tenmal eine Anklage gegen Themistokles in Athen erhoben, der die
endliche Katastrophe des Themistokles gefolgt sei. Nur darin ver-
wirre sich Diodor, dass er die erste and die zweite Anklage
nach dem Untergang des Pausanias setze. Grote ist offenbar geneigt,
die zweite Anklage auf Medismus für begründet zu halten ; er macht
darauf aufmerkaam , wie sehr günstig gerade Argos gelegen gewesen
sei , um seine ehrgeizigen PUne zu verfolgen ; auch den Vorwurf der
Habsucht weist er nicht zurück. Es ist das wesentlich übereinstim-
mend mit dem, was Bfitther in seiner Geschichte der politischen
Hetaerien in Athen (1840) ausgesprochen hat , S. 22 : seine Kühnheit
sei auch in frevlen Uebermuth ausgeartet; seine Persönlichkeit sei
auch von niedrigen Leidenschaften, nicht bloss von Ruhmgier sondern
auch von Habsucht umfangen gewesen; in der Verbannung habe er
seine Kraft, die den Staat errettet, auch auf Kosten des Vaterlandes
zeigen wollen. An diesem Widerspruch sei er zu Grunde gegangen,
sei es dass er sich selbst getödtet habe , sei es dass er durch diese
innern Kämpfe aufgerieben sei. Hören wir dagegen Finck, den be-
geisterten Apologeten des Themistokles : die schwarze Seele der Spar-
taner, die zu allem flhig waren, suchte den Themistokles zu stürzen
und Athen zu schaden , und es wäre nur eine levis iniwia gewesen,
wenn die Athener dafür, dem Rath des Themistokles folgend, die spar-
tanische Flotte in Gythium verbrannt hätten , was ja später Tolmides
doch gethan hat (freilich im Kriege, nicht gegen Eidgenossen!). An die
Habsucht des Themistokles ist ebenso wenig zu glauben : er hat weder
von den dreissig Talenten, die er von Euboea erhielt, das meiste für
sich behalten, noch nach dem Rückzug der Perser von den In-
seln Geld eingetrieben. Ebenso hat er die Aufforderung des Pau-
sanias, sich mit ihm zu vereinigen, zurückgewiesen und endlich
dem Vaterlande treu sich selbst den Tod gegeben. Bei dieser Gele-
genheit macht Finck eine Bemerkung, die sich auch mir immer aufs
neue aufgedrängt hat. Bei Plntarch lesen wir nemlich , es sei Aristi-
des gewesen, welcher allen Bürgern ohne Unterschied den Zugang zu
deii Aemtern eröffnete. Finck bemerkt, dies gebe- einen unerklärli-
chen Widerspruch in der gesamten politischen Thätigkeit des Aristi-
des; dagegen passe diese Massregel für Themistokles ; ihm gebühre das
Verdienst, den Bürgern ohne Unterschied die gleiche Berechtigung
erworben zu haben. Grote hält an der Nachricht Plutarchs fest : es
sei selbst die Ueberzeugung des Aristides gewesen, dass man dem
Volke das volle Hecht nicht mehr verweigern dürfe ; eben hierdurch
habe er sich in so hohem Grade Gunst und Vertrauen erworben. Noch
habe freilich der Verwirklichung des Rechts dies im Wege
srestanden^ dass die Wahl noch nicht durch Aas Loos ^^scVOksi %«v.,
Grote : bistory of Greece. 275
worin allein der wahre Wille des Volks zu seinem Rechte komme.
Dagegren erfolgte schon jetzt die Feststellnngr des Geschftftskreises der
Afchonten, die nanmehr zu rein richterlichen Behörden umgebildet
wurden, ingleichen die Einsetzung einer Reihe neuer Beamten —
Astynomen und Agoranomen, Metronomen, Sitophylakes und dergl.,
wie sie die neuen Verhfiltnisse Athens mit sich brachten. Es sind dies,
mitten am hellen lichten Tage der Ge»ehlchte, sehr dunkle Verhfilt-
nisse , in denen man sich leicht labyrinthisch verwirren kann , obwohl
es nicht an einem Faden fehlt, welcher durch diese Irgange hindurch-
fähren könnte , wenn man nur seine idealen Vorstellungen sowohl von
dem Demos als von dessen Führern aufgeben und in die Wirklichkeit
sich herniederlassen wollte.
Es ist natürlich, dass ein Volk, wie das athenische, in grossen
Momenten wie von 6inem Geiste beseelt ist. Bei Marathon kämpft
Themistokles neben Aristides, und bei Salamis sehn wir abermals
Themistokles , Aristides, Kimon, Xanthippns eins. Sind aber diese
grossen Momente vorbei, so bricht der Parteigeist, der einmal da ist,
mit Macht wieder hervor. Man sollte nicht mehr von dem Volke,
sondern von der momentan darin herschenden Partei reden, um das
arme Volk nicht in namenlose Widersprüche kommen zu lassen. So
wie die Freiheit gegeben. ist, stürzen sich die Hetaerien über dieselbe
her, um sie zu ihrem Besten und in ihrem Interesse auszubeuten.
Grote kennt nur Hetaerien, welche auf das Verderben des Staats, auf
den Untergang ^r Freiheit berechnet sind, die im oligarchischen
Sinne ; obwohl ein Blick in Plutarch genügt , um zu zeigen, dass
Themistokles und Perikles ebenso gut ihre Hetaerien gehabt haben,
wie Kimon und Thukydides; Dies ist meines Erachtens evident von
Büttner bewiesen und unter andern auch von K. Fr. Hermann in
einer sehr schönen Beurtheilung, die in den Berliner Jahrbüchern
(1842) steht, anerkannt worden. Man mag nun sagen, diese Hetaerien
seien im Dienste der Freiheit gewesen; jedesfalls sind sie etwas, was
nicht da sein sollte, und Aristides hat daher, als die Hetaerie des
Klisthenes aufgelöst war , der er angehört hatte , in gar keine Hetaerie
wieder eintreten wollen , weil er dadurch in seiner Freiheit gebunden
und genöthigt war , Dinge zu thun und zu lassen , die er sonst nicht
würde getfaan oder nicht unterlassen haben. Das Wohl des Ganzen
musste hinter diesen Parteibestrebungen zurückstehn. Man mag sagen,
solche Vereinigungen waren nöthig, um das Volk einigermassen mit
sicherer Hand zu leiten ; ich meine , man soll nicht den Staat in die
Hände eines Volks legen , das einer solchen Leitung bedarf. Das Volk
ist so wie so 'doch nicht wahrhaft frei und entscheidend ; es ist wie
ein unmündiger Souverain. In Athen nun ist die Partei,, zu der The-
mistokles gehört, nach der marathonischen Schlacht sehr emporge-
kommen. Miltiades ist verurtheilt, Aristides im Exil, eine Flotte wird
gebaut, Themistokles steht 480 an der Spitze Athens. Aber schA^VBc
nächsten Jahre sind Aristides und Xa\\X\i\Y^u'^ — ^^0^ ^ss«äx SaX ^
Gegner des Themistokles , nur lum ÄX\w^ ^^% ^\VC\%Äfe% ^^ '^«s»^ ^"^^
276 Alte Gesohichte.
bunden — Feldherrn der Athener; bei den weitem Kriegen gegen Per-
eien ist Kimon der gefeierte Feldherr. Man wird doch nicht glauben,
dass Themistokles diesem freiwillig so glänzende Lorbeern zuge-
standen habe? oder dass der Bau des Piraeeus mit solchen Triumphen
zu vergleichen sei? Bis zur Schlacht am Eurymedon ist die Aristo-
kratie im Steigen, und Themistokles tri£Fl jetzt das gleiche Loos,
welches den Aristides zehn Jahre früher betroffen hatte. Es ist hierbei
ganz unnöthig davon zu sprechen, dass etwa Themistokles sich nicht
bewahrt habe , so wenig wie von dem zum Ueberdruss breitgetretenen
Undank des Volks. Er wird durch eine Partei gestürzt, das Volk ist
das willenlose Werkzeug der einen wie der andern Partei. Es ist dies
allerdings eine etwas prosaische Ansicht von den Dingen, die sich
sehr schlecht dagegen ausnimmt, wenn etwa Büttner sagt: ^weil das
Volk in der absoluten Demokratie selbst die alles bestimmende Macht
sein wollte , so erkannte es den überlegenen Geist des Themistokles
nur so lange an, oder eigentlicher, liess ihn nur so lange gewähren,
als die Noth und das Bedürfnis der Zeit ihn unentbehrlich machte ' ;
aber sie hat den Vorzug der Wahrheit. Ebenso verhält es sich mit
dem Enthusiasmus Fincks für Themistokles. Themistokles ist eine
grosse , tüchtige , edle Natur ; seine Thaten sind unsterblich ; er hat
Athen die Richtung gegeben, in der es gross und herlich geworden
ist. Dass er nicht gewesen ist wie Aristides; dass er sich nicht hat
fangen und opfern lassen wie Sokrates ; dass er schwach gewesen ist
und bei den Feinden Athens Rettung gesucht hat, — thut seinen Ver-
diensten keinen Eintrag; aber der Mann einer Partei und das Haupt
einer Hetaerie ist er doch gewesen. Hat nun Aristides wirklich jenen
Antrag gestellt, dass das Volk ohne Unterschied zu allen Aemtern
solle den Zugang haben dürfen, so halte ich das für eine Massregel,
die darauf berechnet war, seine Partei populär zu machen oder zu er-
halten, in einem Augenblicke, wo die Gunst des Volks sich zu wen-
den begann , und es wundert mich dabei nur das 6ine , dass Themisto«
kies sich mit einer solchen Proposition hat durch Aristides zuvor-
kommen lassen. Was endlich die Ansicht Grotes anlangt, dass die
Archonten auch jetzt noch nicht erloost seien, so widerstreitet sie
der bei uns geltenden , dass von Selon bis Klisthenes die Archonten
aus den Pentakosiomedimnen durch Cheirotonie, von Klisthenes bis
Aristides durch das Loos , von da ab durch das Loos aus allen Bürgern
gewählt worden, worüber Wachsmuth hellen. Alterthumsk. I. S. 547
Anm. 56 nachzusehn ist. Ich will dabei nicht eben viel Gewicht le-
gen auf Pausanias I, 15, 3 , wo es von dem Polemarchen Kallimachus,
der mit bei Marathon war, heisst: og nole[iaq%Hv ^^ijto, denn das
kann eine Ungenauigkeit des Ausdrucks sein ; aber es ist doch unmög-
lich Zufall, dass Perikles nicht Archon geworden ist, während wir
hier doch Themistokles , Aristides , Xanthippus und zwar gerade in so
bedeutenden Jahren in diesem Amte sehn, den Aristides nach der
Schlacht bei Marathon und den Xanthippus nach der von Salamis.
Hierzn kommt noch^ dass bei den späletn Y>eac\itiM\VXftt^ ^wiOa^wsö.
Grote : history of Greece. 277
der Archonten dies Amt füglicher durch das Loos vergeben werden
konnte als in jenen Zeiten, wo nach der ganz riditigen Ansicht Grotes
richterliche und verwaltende Functionen noch nicht geschieden und
den Archonten ein gut Theil der letztern, die doch nicht. jedermanns
Sache sind, überlassen waren.
Capitel 45 betrachtet die Greeian confederacy under
Athens. Die erste Vereinigung der Griechen, welche sich an Athen
anschlössen , ruhte auf der Anerkennung der Freiheit und Selbständig-
keit der einzelnen Bundesglieder. Die Schlüsse wurden auf Bundes-
tagen gefasst, natürlich unter überwiegendem Einfluss Athens; Athen
führte dieselben aus. Es verstand sich ebenso von selbst, dass man
nicht jedem Bundesgliede gestatten konnte, nach Belieben auszuschei-
den und sich der Vortheile des Bundes zu erfreuen, ohne die Lasten
desselben tragen zu helfen. Aber bei diesen nothwendigen Ein-
schrinkungen wäre es doch möglich gewesen, die Freiheit der ein-
zelnen zu wahren und eine kräftige einheitliche Leitung ohne Unter-
drückung zu schaffen. Dies würde dem Verf. als das wünschenswer-
theste erschienen sein, und er beklagt es schmerzlich, dass die
Hegemonie zur o[q%i^ wurde , wiewohl die erste Anregung hierzu von
den Bundesgenossen selber, nicht von Athen ausgieng. Die Sache ist
sehr wahr , obwohl der Verf. den Begriff der ag^q schärfer fasst, als
es z. B. Thukydides thut. Dass wir übrigens von der Art und Weise
des Uebergangs nichts bestimmtes wissen, ist sehr natürlich, da die
Sache sich von selber machte. Ob eine solche Symmachie, wie der
Verf. sie sich denkt, von Daner sein konnte, will mir nicht recht ein-
leuchten. Ich glaube vielmehr, dass die kräftigste Einheit, aber ohne
Ueberbürdung und ohne Unterdrückung, das erwünschteste gewesen
wäre. Die erstere wurde von den Athenern wohl erstrebt, aber die
letztere nicht vermieden.
Die Kriegsereignisse dieser Zeit sind uns wenig bekannt. Thu-
kydides, sagt der Verf., kennt zwischen der Bildung der athenischen
Hegemonie und dem Abfalle von Naxos nur 3 Ereignisse : die Erobe-
rung von Eion , die Besetzung von Skyros , die Eroberung von Kary-
stus. Sollten diese Jahre — die allerdings für den Verf., der die
Belagerung von Naxos 466 setzt, zahlreicher sind als für uns — nicht
mehr Inhalt an kriegerischen Unternehmungen gehabt haben? Der
Krieg war mit den Schlachten von Mykale und Plataea nicht beendet;
Uerodot deutet (VII, 106 f.) daraufhin, dass der Krieg gegen Penien
einen ununterbrochenen Fortgang gehabt habe; überall in Thrakien,
am Hellespont und in Kleinasien gab es persische Basatzungen, welche
bezwungen werden mussten ; die Eroberung dieser Plätze war um so
schwerer , da die Griechen in der Belagerungskunst noch wenig er-
fahren waren. Ich kann mich nicht von der Dichtigkeit dieser Ver-
muthung Überzeugen. Erstens haben wir nur einen vierjährigen Zeit-
raum vor uns. Sodann meine ich, dass die Perser gar niclii «& x>»k
Besatzungen hatten. Sie hiellen A\e %\\^TmOskN:\%&\fcXi ^^w^^
wie Byzanz, Sestos, Doriskas und «Äou, n^^Vää ^cäV^^ösäxh^bbsi^^
278 Alte Geschichte.
Pässe beherschten, und diese wurden hartnäckig vertheidigt; die
vTue^ot in den andern Orten haben vermuthlich gar keine Belagerung
abgewartet. Das seltsamste bei Herodot ist, dass Maskames und seine
Nachkommen sich in Doriskus behaupteten, und dass alle Versuche,
die bis auf Herodots Zeit gemacht waren , ihn von dort zu vertreiben,
erfolglos waren. Hätte übrigens Thukydides von einem solchen avve-
Xmg jtolBfjLSiv der Athener gegen die Perser etwas gewusst, wie es
Grote denkt, so würde er es hier ebenso gut erwähnt haben, wie er
es bei der Expedition der Athener gegen Aegypten erwähnt.
Sparta sieht dies Emporkommen mit Unzufriedenheit, aber es
fügt sich darein wie in eine Sache, die nicht zu ändern ist. Es ist
überdies , wie der Verf. bemerkt , moralisch schwer geschlagen : durch
Pausanias Verrath, durch Leotychides Bestechlichkeit. Wie hätte es
sonst dem Synoecismus von Elis, der um diese Zeit geschieht, so ruhig
mit zugesehn? Es sucht sich durch Theben zu kräftigen, dem es trotz
seiner medischen Gesinnung, trotz der sonstigen Abneigung der Spar-
taner, andern Städten eine Art von Superiorität zuzugestehn, die Ob-
macht über die boeotischen Städte erhält. Nun kommt noch dazu das
Erdbeben und der Abfall der Heloten. Kimon bestimmt die Athe-
ner zur Hilfe, nicht ohne grossen Widerspruch; aber noch dringt sein
Einfluss durch. Wie zu erwarten, nimmt Grote nur eine einmalige
Hilfesendung an. Die schimpfliche Rücksendung des athenischen Heers
führt den Sturz Kimons herbei. Kimons Politik war: Aufrechthaltung
des Bündnisses mit Sparta auf den Grundsatz der Parität, Friede unter
den griechischen Staaten , Krieg gegen Persien , im Innern Festhalten
an der Verfassung, wie sie durch Klisthenes geordnet ist, und Wi-
derstand gegen die weitre Entwicklung des Demokratismus. Der Verf.
spricht mit Anerkennung und Mässigung von Kimon ; es ist erfreulich
zu sehn, wie er den Mann gelten lässt, dessen Politik er misbilligt,
doppelt erfreulich, wenn man sein Urtheil mit denen von Büttner und
Fi nck zusammenstellt. ^ Kimon' sagt der erstere * suchte als Haupt
und im Interesse einer Partei , welche .ausserhalb des lebendigen Volks-
geistes stand, die innere und äussere Politik Athens zu lenken. Durch
den äussern Krieg wollte er ohne Zweifel den Thätigkeitstrieb des
Volks von der Beschäftigung mit den innern Angelegenheiten ablenken
Er ist den Lakedaemoniern zugethan und verkennt also die höhere Be-
deutung des athenischen Geistes dem lakedaemonischen gegenüber.
Er ist also der Mann einer Partei, welche ausserhalb des schon einig
gewordenen Volksgeistes stehend denselben zu unterwerfen trachtet,
also eigentlich nur eine Faction ist. Er ist insofern ein Feind der
wahren Freiheit Athens gewesen. Da gerade zur Erreichung seiner
Zwecke die Mittel des redlichen Staatsmanns nicht ausreichen konnten,
so musste er Mittel der Art ergreifen , zu. denen die Factionen immer
ihre Zuflucht nehmen müssen. Er konnte sich nur eine Partei aus sol-
chen Leuten bilden, die nicht Aristokraten in seinem Sinn, sondern
Oligarchen der schlechtesieü Art waren, wie die (vermeinten, aber
n/eAi erwiesenen!) Verräther von T«inagT«i. Xäc\i "\^ Äat ^^^%^ ^^%
Grote : bistory of Greece. 279
Volks musste er sich eine Partei durch solche Mittel verschaffen, wie
sie der scheinbaren Würde seines Charakters wenig ziemten ; er musste,
in Ermangelung sittlicher Mittel, den Eigennutz für sich wirken lassen.
Der Grundzug in seinem Charakter ist eine eitle und leidenschaftliche,
auf handgreiflicher Selbsttäuschung beruhende Einbildung, klüger und
besser als sein Volk zu sein.' Ich kann mich hier begnügen diese
Sätze aus Büttners Buch zu citieren, da dieselben in der Schrift von
Wilhelm Fischer : Kimm. Eine Rede. Basel 1847
bereits eine sehr gründliche und leidenschaftslose Prüfung und resp.
Widerlegung erfahren haben. Mit noch schwärzeren Farben mahlt F i n c k
die nefaria scelestaque facinora des Kimon u. Leobotes, welche als An-
kläger gegen den Themist. auftraten, S. 90. Nach Kimons Sturz wird das
alte Bündnis, welches von den Perserkriegen her mit Sparta bestan-
den, gelöst, neue Bündnisse mit Argos, mit Thessalien geschlossen^
übrigens der Krieg mit Persien eifrig fortgesetzt. Die AUiener bauen
den Megarern ihre langen Mauern, beginnen selbst den Bau ihrer eig-
nen Verbindungsmanern. Es entbrennt der Krieg gegen Aegina und
dessen Verbündete ; ein spartanisches Heer erscheint in Mittelgriechen-
land und siegt bei Tanagra. Diese Schlacht, sagt Grote, war für die
Athener doch vortheilhaft. Perikles bewirkte die Zurückberufung des
Kimon. Es war eine Zeit der Versöhnung, herzlicher Einigkeit, wie
sie nur etwa nach der Schlacht bei Salamis oder nach dem Sturz der
Vierhundert stattgefunden hat. Nun folgt die Schlacht bei Oenophyta
und der herschende Einfluss Athens auf das mittlere Griechenland, der
Höhestand Athens, welcher dauert bis zur Schlacht von Koronea.
Diese Zusammenstellung Grotes ist sehr schön , aber nicht haltbar. Die
Niederlage bei Tanagra war nicht von der Schwere, dass die Athener
zu so ausserordentlicher Theiinahme für Kimon gestimmt wären. Hier-
zu kommt , dass Kimon gleich nach seiner Rückkehr (ai^q noxzl^fiv)
den 5jährigen Frieden mit Sparta schliesst, was 451 — 50 geschah, so
dass die Rückkehr nicht kann unmittelbar auf jene Sohlacht gefolgt
sein. Hierzu kommt noch, dass Ephialtes den Areopag stürzt in der
Abwesenheit des Kimon, &g tcccUv hd ctQoteCccv i^iitkeviSe. Diodor
setzt diesen Sturz Olymp. 80, 1, und seine Angabe bestätigt sich
dadurch, dass die Orestie des Aeschylus, die den Sturz des Areopag
voraussetzt, Ol. 80, 2 auf die Bühne gebracht ist. Es is( also auch
Kimon nicht unmittelbar nach dem Feldzuge nach Ithome exostrakisiert
worden, sondern diese Expedition hat nur den Einfluss des Kimon ge-
brochen und seinen Sturz vorbereitet. Hierüber hat Vi scher S. 58
eine sehr schöne Untersuchung geführt, durch die der künstliche
Bau Grotes zusammenfällt. Wenn eine Zeit zu einer Versöhnung der
Parteien geeignet war , so war es der Verlust so grosser Streitkräfte
in Aegypten und das Drohn einer neuen Gefahr, während die alte, die
von Sparta, noch über Athens Haupte schwebte.
Kimon zog noch einmal gegen den «Wäw'^^SxAtä'^^^^n «t'^«jöstf«i
von da Dicht wieder heim, aber die 1?tuOdl\ %«vbä% liQ>%% ^^^^ «sXn>&
SSO Alte Gesohiohte.
Jahre von dieser Seite her ein danernder Friede. Grote erklärt sich
fdr den Kimonischen Frieden, gegen Dahlmann. Seine Gründe
sind in der That sehr schwach : l) es haben wirklich zwischen Athen
und Persien alle offenen und directen Feindseligkeiten aufgehört, Cy-
pern ist von Athen aufgegeben, Amyrtaeus sich selber überlassen;
2) die Satrapen erheben bis zur Niederlage der Athener in Sicilien
von den Städten keine Tribute , es erscheinen keine persischen Schiffe
in den griechischen Gewässern , der König gilt nicht mehr als Herr
der Küste. Dass Thukydides den Frieden nicht nennt, ist ohne Ge-
wicht; er konnte ihm nicht von grosser Bedeutung erscheinen, weil
er eben nur das bestehende sanctionierte ; den spätem erschien er in
einem ganz andern Lichte , als zumal die Spartaner die Griechen Klein-
asiens dem Könige Preis gegeben hatten. Diesen sehr leichten Grün-
den gegenüber kann ich auf unsern Krüger hinweisen, der mei-
nes Bedünkens die Sache erledigt hat, wie denn z. B. auch Vis eher
sich ebendahin erklärt. Es ist natürlich bei einem so vielfach durch-
gesprochenen Gegenstande nicht wohl möglich, noch neue Argumente
beizubringen. Thukydides kennt den Frieden nicht. Krüger bemerkt,
dass beim Abfall von Samos Pissuthnes offen und direct Partei nimmt
gegen die Athener und selbst eine persische Flotte erwartet wird;
beim Beginn des peloponnesischen Kriegs schicken die Athener wie
die Spartaner Gesandte an den König, um von ihm Unterstützung zu
erhalten ; Aristens und seine Gefährten sachen wirklich nach Asien zu
gelangen, Blit(og ^asucv tov ßcKiiXia %qri^axi xb %aqi%eiv nal |t;fi-
nolB^auv^ dann wird Artaphernes mit Briefen von dem König an die
Athener gefangen genommen. Sollten diese und andre Veranlassungen
den Historiker nicht bestimmt haben anzudeuten, dass ein Frieden
zwischen Athen und dem Könige bestanden habe? Auch Thuk. VÜI, 5
hätte die Aufhebung des Friedens wohl auf bessere Weise angedeutet
werden können als dadurch, dass Tissaphemes gemahnt wird die
alten fpOQOt einzutreiben. Lassen wir uns an dem factischen Frieden
genügen , der von beiden Mächten ohne Convention gehalten wird, bis
das grosse Unglück der Athener dem Könige den Muth gibt, mit
Athens Feinden sich zu verbinden.
Im 46. Capitel ist die Rede von den constiiutional and
judicial changes at Athens under Perihles^ der Fortent-
wicklung des demokratischen Princips. In der Klisthenischen Verfas-
sung waren die Beamten wie der Areopag noch im Besitz grosser
Macht geblieben, richterliche und verwaltende Functionen noch nicht
geschieden. Der nächste Fortschritt nach den Perserkriegen ist nun
der, dass die Aemter allen Classen der Bürger zugänglich werden.
In der Wirklichkeit aber werden dieselben nach wie vor durch die
vornehmen besetzt. In den nun folgenden 20 Jahren wächst das Be-
wusstsein des Volks so , dass die Ernennung durch das Loos hinzutritt.
Grote will es ungesagt lassen , ob Perikles die Loosung einführte , ge-
. nag- dass es um diese Zeit geschah. Jedesfalls aber waren es Perikles
aad Ephialtea ^ welche die Gerichte umgeBVa\\»\Äii. \>«t kc«^^^«.^ ^«t-
Grote : history of Greece. 281
liert darch Ephialtes seine discreHonary censorial power so wie seine
anderweiten richterlichen Functionen, und bleibt nur im Besitz
der fpovixd. Die Magistrate verlieren gleichfalls ihre richterliehe
und Strafgewalt; sie haben fortan nicht mehr das Urtheil zu sprechen,
sondern die Klage so weit eu führen, dass sie den Dikasterien ge-
schworner Richter vorgelegt werden kann. Die aite Heiiaea, das
grosse Volksgericht, an weiches der vernrtheiite vom Spruch des
Richters appellierte, wird nunmehr in Dikasterien organisiert, welche
sofort in erster und letzter Instanz entscheiden. Für alle diese Yer-
hfiltnisse hat der Verf., wie man bei seiner langjährigen parlamenta-
rischen Thfitigkeit von vorn herein erwarten kann , ein sehr gebildetes
Urtheil. Er erkennt die Macht der Beamten als eine Hemmung des
Demokratismus; die Conservativen in Athen streben daher mit allen
Mitteln jene Macht unverkürzt zu erhalten. Wir unsererseits müssen
allerdings dieselbe als eine nothwendige Schranke der Demokratie an>
sehn, nach deren Niederreissnng eigentlich der Gesetzlosigkeit und
Tyrannei des Demos die Bahn eröffnet ist. An der Spitze derer, wel-
che die Vollendung der Demokratie anstreben , steht Ferikles , an der
Spitze der Gegner Kimon. Von dem erstem gibt Grote eine geistvolle
Schilderung. Sein Freund Ephiaites wird al» arm, aber rechtlich,
tfafitig dargestellt , vielleicht von grösserm Einflnss als Pelrikles , weil
von rücksichtsloserer Cousequenz , daher ihn die Gegner durch Meu-
chelmord über die Seite schafften. Den Abschluss dieser Ordnungen
macht die ygccgni TcaQcivoficavj ein über dem Haupte derer schweben-
des Schwert, die etwa auf dem Wege der Gesetzgebung die Verfas-
sung beseitigen wollen. Gewis eine richtige Ansicht, da die Oligar-
chen, so wie sie mit ihren Plänen hervortreten, zu allererst diese
yQcitpfi 7ta^€cv6(Mov abschaffen. Ich bemerke hierbei , dass eine Ähn-
liche Ansicht über die heliastischen Dikasterien von Bergk auf der
Jenaischen Philologenversammlung vorgetragen ist. Wenn aber Ari-
stoteles sagt: va öinaörti^icc {uC^ofpoqu %cni(ftffii IleQMkijg^ so kann
das niemand interpretieren, wie Grote thut: ^er setzte die Dikasterien
ein und wies ihnen einen Sold an ' , sondern so , dass die Dikaste-
rien bereits vor dieser Veränderung da waren und von Ferikles nicht
eingerichtet 9 sondern nur zu besoldeten gemacht worden sind.
Die Demokratie hat nun ihre anscheinende oder wirkliche Vollen-
dung erreicht. Der Verf. legt ein sehr grosses Gewicht auf diese Ver-
änderungen (X)ap. 47) und die ihnen verdankten Segnungen. Ein gros-
ser Theil der Bürger ist zu richterlichen Functionen berufen , ein thä-
tiges Interesse am Staat in allen erweckt; za jeder dieser Thätigkeiten,
zu Wasser wie zu Lande ^ in den Dikasterien wie in den Ekklesien,
zeigt sich das athenische Volk tüchtig und also berufen und berech-
tigt. Der Verf. kommt hier wieder zurück auf die oben erwähnte €v-
ra^ia des vavrmog ixXog und lässt sich in Lobeserhebungen ein, die
seltsam contrastieren mit den Aeusserungen, denen wir b«iT%inS«:^i<iS.^K^
begegnen , wenn er etwa sagt U , Gb owt^ cpvUl 'o^^CVa^ «wAuiv ^ ^A«^
ill, as olop oxlog q>$lei: itoulv ^ odet d\e .^\e\\^T^% ^wi^w»«» «»
a: Jahrb. /. Pm, u. Paed. Brf. LXV. Hft. ^. ^
282 Alte Geschichte.
Volke bezeichnet: Xoym fihf driiumqatlu^ ^ifW ^^ ^^ ^^ n^onov
avdqog a^if ^welche Stellen sich zahllos, and nicht etwa allein aus den
Komikern , vermehren lassen. Der Verf. muss doch selber zugestehn,
dass diese innerlich so freie Stadt ihre Bundesgenossen immer mehr
zu Unterthanen, die Hegemonie zur i^xri machte, und ihre eigne Macht
auf Unterdrflckuttg gründete und zu Unterdrückung verwandte. Die
Bundestage haben aufgehört, welche Sparta doch treulich inne hielt;
die Bundescasse ist nach Atiien verlegt; die Bandesgelder werden von
den Athenern verwandt wie es ihnen beliebt, jedesfalls nicht zu Nuta^
und Frommen der Verbündeten. Der Verf. ist weit entfernt dies zu
billigen ; aber er ist doch geneigt es zu entschuldigen , da Athen seine
Bandespflichten erfüllte, den Perser im Schach hielt, das Meer für Han-<
del und Schiffahrt sicherte ; es konnte den Bundesgenossen gleich sein,
durch welche Mittel Athen dies erreichte. Er vergleicht die uQX'^i der
Athener mit der sp&tem der Spartaner (was beiläufig gesagt eine
grosse Unbilligkeit ist, da er das damalige Verfahren der Spartaner
und der Athener hätte vergleichen sollen). Ich wünschte, dem Verf.
hätten bereits die Tributlisten Böckhs vorgelegen; der grosse
Hass der Bundesgenossen gegen Athen und die grossen Sympathien,
welche man den Spartanern entgegenbrachte, wovon Tbukydides
spricht, würden ihm als vollständig erklärlich erschienen sein. Die
Freiheit, welche sich so als Despotie erweist, sollte billig doch eini-
ges Bedenken erregen. Der Verf. aber ist so für den Demos einge-
nommen, dass er selbst das fffi^tpusfia tcSv Mßya^i(ov unter die regu-
laiions setzt, welche die Athener zum Vortheil ihrer Unterthanen vor-
nahmen. Wir dürfen voraussetzen , die antidemokratische Partei würde,
wenn sie ihren Grundsätzen treu geblieben wäre , im Besitz der Her-
sehaft die Zügel weniger straff angezogen, den Bundesgenossen ihre
ursprüngliche fireiere Stellung gelassen, die ipoQOi vermindert haben.
Thukydides wenigstens , als er die sämtlichen Gegner des Perikles zu
einer einheitlichen Opposition, zu einem kräftigen Zusammenhalten
gebracht hatte, machte gerade dies, die Verlegung der Bandescasse nach
Athen, die Verwendung der Gelder zu Gunsten Athens, dem Perikles
zum Vorwurf; er hätte gewünscht, dass man damit gegen Persien ge-
kriegt hätte. Er griff die Demc^atie hier an ihrer verwundbarsten
Stelle, an ihrer Achillesferse an, und solche ViTorte drangen auch in
die Ohren und in die Herzen der Bundesgenossen. Der Kampf zwi-
schen den beiden grossen Parteien muss sehr heftig geworden sein ;
denn die Exostrakisieruug des Thukydides zeigt uns ganz offenbar den
Bruch, der nur so geheilt werden konnte. Es stand wieder eben auf
dem Punkte wie damals, wo Aristides, dann Themistokles , dann Ki-
mon ins Exil gehn mussten. Es ist meines Erachtens eTne grosse
Kurzsichtigkeit, wenn man den Thukydides und seine Gesinnungsge-
nossen nur als eine Faction betrachtet, welche der grossen Einheit
des Volks sich störend entgegenzustellen versucht; sie repraeseutie-
reu eiae sehr wohl berechtigte Seile des athenischen Staatslebens.
I^ass ThukydideB die OalnikismuspTobepTOVOC\w\\«8TO^\%\«VÄ^%,^w»
Grote : bistory of Greece. 28S
unbegründete Vermntbang Grotes, die in Piatarcbs Worten (6 üe^Ml^
— ig TOP aymva wxvaCTag %al dwnivdw&icag) gar keinen Halt bat.
Gerade dieselben Worte würden passen , wenn Perikles den Ostrakis-
mns veranlasst hatte , ja sie würden wegen des activen xoratfrcr; noch
besser hierza passen. Doch ich bescheide mich gern nicht zo wissen,
was ich nicht weiss. — Es ist hier aber überdies der Ort zu einer
Bemerkung für die kommenden Partien. Der Verf. braucht sehr häufig
das Wort aristokratisch, oligarchisch, ohne zu bedenken wasier damit
sagt. Das demokratische Princip entwickelt sich in Athen und geht so
durch verschiedene Stadien hindurch. Was nun in jedem dieser
Stadien der Fortentwicklung desselben in den Weg tritt, ist ohne Um-
slände oligarchisch. Oligarchisch ist, was nicht mit dem jedesmaligen
Demokratismus eins ist. Es ist gerade so, wie die französuche Na-
tion es gemacht hat in ihrer Revolution, wo sie alle, vonPolignac an
bis zu Danton herunter, nach und nach den Namen der Aristokraten
bekommen haben. Ich weiss recht wohl, dass die Athener in dieser
Beziehung nicht besser und nicht schiechter gewesen sind als die
Franzosen, dass sie den Klistheues zur Zeit des Kimon bereits als
Aristokraten ansahn, und ich bin überzeugt, Perikles würde einem
Kleon auch als Aristokrat haben gelten müssen ; aber ein Historiker
muss nicht sprechen wie der Demos oder le peuple^ sondern muss
wissen, was ein Aristokrat, was ein Oligarch begrifflich ist, und dar-
nach seine Ausdrücke wählen, oder er muss befürchten, dass er das
allerheterogenste unter diesen Namen bringt und eben dieselbe Per-
son heut als Demokraten und morgen als Oligarchen bezeichnet Sol-
che Parteinamen verderben das sachliche Verständnis. Wenn man die
Merkmale des Oligarchen aus Aristoteles nehmen will , so ist nicht zu
begreifen, wie man Kimon, Thukydides, Nikias Oligarchen nennen
will; sie tragen diese Merkmale gar nicht an sich. Ich glaube, diese
Bemerkungen werden zur richtigen Auffassung zorflekleiten. — Thuky-
dides wurde verbannt, und dadurch dem Staate die gefihrdete innere
Einheit wiedergegeben, was der Zweck dieses Instituts war. Ver-
muthlich geschah dies 1 oder 3 Jahre nach dem Frieden. Im saausehen
Kriege wird wieder ein Thukydides als Feldherr genannt; Grote hält
diesen für einen nicht weiter bekannten Bürger gleiches Namens.
Etwa um diese Zeit lässt Grote auch von Athen die Einladung zu einen
panheUenischen Congress zu Athen ergehn, welche K. 0. Müller vor
460 angesetzt hatte. Der Verf. bedauert, dass dieser Congress nicht in
Stande kam; es hätte sich eine Yersöhnimg daraus ergeben können.
Ich meines TheiU habe nie re^t an diesen ganzen Congress i^auben
mögen, theils wegen der sonderbaren Form der Einladung, theilweilieh
keinen rechten Zweck dabei erkenne ; ist die Einladung aber wirklich
ergangen, so bin ich der Meinung, dass die Spartaner und Boeot^r
sehr vernünftig gehandelt haben davon fern zu bleiben.
Es bricht unn der Aufruhr in Samos ans, über den PluA»^ ^j^Sa
abweichend von Thukydides bemliUV. (at^^XA vk^viX^^« ^«säjö«*».^«*
PiaUirckiB^en JRelatioDen nocbUn, m« e»a9f|«ralAd v««^^ wmv^»^ ^
S84 Alte tiesehichle.
tke day genommen sein. Er wftgt die Differenzen sorgfältig gegen-
einander ab. Er bemerkt hierbei, l) dass die Athener ihre ganze
Kraft gegen Samos brauchten , so dass das mit abgefallene Byzanz un-
angegriffen bleiben musste, 2) dass der Aufstand sich nicht weiter
verbreitete, woraus denn, wohl etwas zn rasch, der Sdiluss gezogen
wird, die Unzufriedenheit mit Athen' könne nicht so fibergross gewe-
sen sein, 3) dass die Samier sich um Hilfe nach Sparta wandten, wo
jedoch die Korinthier den Grundsatz der Nichteinmischung in die An-
gelegenheiten eines Bundes aufstellten; dass die Athener nicht darauf
ausgpiengen, die Demokratie zur herschenden Verfassung im Bereich
ihres Bundes zu machen — die Revolution , durch welche die Gamo-
ren gestürzt werden, erfolgt erst später, also ist die Demokratie jetzt
wenigstens nicht zu dauernder Herschaft gelangt — . Man darf hierbei
nicht vergessen, dass die Spartaner gleichfalls demokratische Yer-
fassangen wie z. B. in Megara , später in Phlius , unter ihren Verbün-
deten duldeten. Es folgen nun Jahre einer schönen gldcklicben Ruhe.
Die Bundesgenossen fügen sich unter Athens Hersohaft. Es ist, sagt
Grote, nicht sowohl Hass als Indifferenz, was sie fühlen. Athen gibt
sich nicht die Mühe, die zu gewinnen, welche es zwingen kann.
Gleichwohl ist das Volk im allgemeinen den Athenern geneigt ; der
Widerstand gegen Athen gebt in Lesbos, Chios, Thasos, Akanthus,
Mende, Amphipolis von einigen wenigen Verschwomen aus. Die
Dinge , welche ihnen natürlich lästig fielen , waren 1) der Tribut, über
den nun Böckhs unvergleichliche Forschungen vor uns liegen; wir
sehn daraus, die Tribute sind schwer gewesen; 2) die Gewaltsam-
keiten einzelner Bürger ; 5) die Verpflicbtnng, eine grosse Anzahl von
Processen nach Athen zur Entscheidung zu bringen, lieber diesen
letztem Punkt sind allerdings die Urtheile sehr verschieden. ^ Hätte
Athen' sagt Bö'ckh (Staatsh. I S. 319 2e Ausg.) *wie andere Staaten
nur seine eigenen Rechtshändel geschlichtet, so würde ein Richtersold
weniger nöthig gewesen sein. Die Bürger wären bei ihren Geschäften
geblieben, emsig nnd arbeitsam. Aber zum grössten Schaden der
Bundesgenossen hatte Athen sich über diese die Gerichtsbarkeit ange-
liiasst, damit sie ganz in seiner Macht wären.' Wie nun Grote? Es
ist bei einem jeden Bunde, sagt er, nöthig, dass unter den Bundes-
gliedem Streitigkeiten auf rechtlichem Wege abgemacht werden. Am
geeignetsten hierzu wäre nun allerdings ein Bundesgericht gewesen ;
da aber der Bundestag in Delos aufgelöst war, so war Athen das na-
türliche und nothwendige Forum für seine Unterthanen. Diese Ge-
richte in Athen nun können denselben nur vortheilhaft gewesen sein.
Natürlich kam nicht jede Klage nach Athen; wir wissen nicht, wie
weit die Bandesglieder ihre eigne Gerichtsbarkeit behielten. Capital-
sachen, politische Klagen u. s. w. werden vor einen athenischen Ge-
richtshof gehört haben. Die Hauptsache war jedoch, Streitigkeiten
jswhcben zwei Städten, wie zwischen Milet und Samos, zwischen
Bargera verschiedener Städte , ZYaschen attieii\«c\i€k\i Mt^ern und einer
Bandesg^enösBeuBUidlj zwischen deu ?ÄT\e\eii e\^w «väl^Vb»^ ^Xä^v
Grote : history of Greece. 285
reohUich cii gebuchten. Der Verf. erinnert auch daran, dass es über-
all athenische Klernchen gab, die mit den eingebomen in Colliaionen
kommen konnten. Kurs , es war eine unvermeidliche Nothwendigkeit
die Sache so cu ordnen. Und wurden nicht die Bundesgenossen vor
dieselben GeriGhtshöfe" verwiesen wie die Athener? So etwa Grote.
Ich muss es dem Leser überlassen, die Sophistereien eines solchen
Raisoinements, mit dem sehr wohl der vollendetste Despotismus eines
Staats über den andern gerechtfertigt werden kann, zu würdigen.
Dieser Friedenszustand wird nun unerwarteter Weise durch Epi-
damnus und Potidaea gestört. Cap. 48 beginnt mit der Blokade Poti-
daeas und geht bis zum Ende des ersten Kriegsjahrs. Perikles beherscht
mit seinem Geiste noch immer Athen. Aber er steht schon nicht mehr
ganz sicher da. Er selber zwar bleibt noch unangetastet; aber gegen
Anaxagoras, Phidias, Aspasia richten sich Angriffe, die ihn mit tref-
fen sollen. Wie nahe hätte es dem Verf. gelegen , näher auf die
Grösse wie auf die Gefahr einer solchen Stellung einzugehn! Ich bin
unermesslich weit entfernt, einen Perikles einem Mirabeau parallelisie-
ren zu wollen; aber ihre Stellung ist doch ganz analog. Hinter dem
einen wie hinter dem andern lauert bereits ein Geschlecht, das an
ihren Platz zu treten begierig ist. Der Krieg war nicht zu vermeiden ;
Perikles trägt nicht die Schuld desselben. Es war nicht Athen, sagt
Grote, welches den Frieden brach, sondern die Feinde Athens, wel-
che Potidaea zum Abfall reizten, welche Athen mit hoehmüthigem
Ansinnen herausforderten. Athen mochte ehrgeizig und herschbegie-
rig sein; seit dem 30jährigen Vertrag hatte es das wenigstens nicht
bewiesen: die Athener sind nicht der angreifende Theil. Nun werden
die Kriegsereignisse schön erzählt; der Verf. ist auf dem praktischen
Boden zu Hause, es fehlt nicht an vielen feinen Beobachtnngen , auf
deren Mittheilung.ich sehr ungern Verzicht leiste. Dann folgen Cap.
49 das zweite u. dritte Kriegsjahr; die Pest, die Misstimmnng gegen Peri-
kles , die sich in einem Process gegen ihn entlud. *Eati rfiUvr^ tov
ßü}v tov' neQiKkiovg y sagt Plato (Gorg. p. 515), nloniiv oevtov nave-^
'^nfpLoavxo^ oXfyov 6h twl d'avaTOv hC^rfiotv^ was beiläufig bemerkt
ein politischer Process gegen jemand war, dem man nicht beikommen
kann. Eine Entsetzung vom Strategenamte hält auch Grote nicht für
wahrscheinlich, weil Thnkydides sie verschweige. Er denkt sich
die Sache, um die abweichenden Nachrichten zu vereinigen, so. Die
Strategen traten ihr Amt in der Mitte des Jahrs an, wie die übrigen
Beamten. Im Juli 430 wäre also die Strategie A%s Perikles zu Ende
gewesen. Um seine Wiedererwählung zu hindern, richteten seine
Feinde kurz vorher jenen Process gegen ihn. Er wurde wirklich nicht
wiedererwählt, was als eine Art von Entsetzung angesehn werden
konnte, dann aber nachträglich doch wieder gewählt, zum Ersatz etwa
für einen ausscheidenden. Dies ganze Raisonnement aber ist sehr un-
zuverlässig. Der Verf. setzt dabei voraus , dass die Strate^^^ra^ '%!».
ersten Hekatombaeon ihr Amt anlralevi; ^cä iV^et v^^.^»LN«^Vws|»V^^ft^S»'-
l?le Feldherrn sind, wie es die SacVie mW i\^ \iTv\i^\ «, \%*.XceN«ie^S^^
S66 Alte Gesehiehte.
hindurch anunterbrochen im Amt und treten dasselbe zuTerlässig im
Frabjahr an. So finden wir es denn auch wirklich von der Schlacht
von Marathon au ; inmitten des Feldzugs wird nicht gewechselt. Lfingst
haben hierüber Sei die r und Krüger das richtige gesehn. £s er-
hellt aber auch aus Thukydides in Betreff des Ferikles. Perikles er-
lebte vom Kriege 2 Jahr 6 Monate und starb also im Spätherbst 429,
und zwar als Stratege. Fiele jener Process nun etwa um Jnli 430, so
müsste er darnach noch zweimal Strateg geworden sein, was Thuky-
dides gewis nicht unterlassen hatte anzudeuten, während er, indem
er sag^: v&tegov d (nvd'ig ov TtokX^^^ &tQcevfiyov e^kovto^ bezeich-
net, dass er im Lauf der neuen Strategie gestorben seL Der Tod des
Perikles veranlasst den Verf. noch einmal einen Blick auf die Laufbahn
desselben zurttckzuthun. Plutarch hatte diese in zwei Theile geson-
dert: in der ersten, sagt er, oorrumpierte er das Volk, um Macht zu
erwerben; wie er diese erworben, benutzte er sie auf eine unabhän-
gige und patriotische Weise. Das Urtheil des Thukydides würde sich,
wenn Plutarch Recht hätte, nur auf diese letztere Periode beziehn. In-
des Grote weist auch von jener erstem den Vorwurf Plutarchs zurück.
Dass er die Macht der Magistrate, des Areopags verminderte, die
neuen Dikasterien einrichtete, die Diobelie u. dergl. hat Thukydides
wenigstens nicht als Corruption angesehn. Büttner geht noch wei-
ter: diese Diobelie sei eben darauf berechnet gewesen, den strafbaren
und corrumpierenden Bestechungen der Aristokraten ein Ziel zu setzen.
Allerdings, fährt Grote fort, musste Perikles sich anfangs an eine Par-
tei anschliessen, und es ist wohl möglich, dass Bphialtesin derselben
mächtiger war als er ; jene Umänderungen möchten , wenn Perikles sie
förderte , mehr auf Rechnung seiner Partei zu stellen sein. Dies ist
eine schlimme Aushilfe, mit der Perikles, wenn wir ihn befragen
könnten , nicht im entferntesten zufrieden sein würde. Ich meine, sein
Leben und seine Grundsätze sind von Anfang bis zu Ende wie ans
^inem Guss; er ist darin, wie — Friedrich der Grosse, bewusst, klar,
consequent ; er hat keinen Schritt zurückgethan. Wer einmal die Ent-
wicklung des demokratischen Princips bis ans Ende wollte, musste
alle jene Veränderungen wollen. Ueberdies haben wir eine sehr be-
stimmte Nachricht, dass von vorn herein Perikles der dominierende
Geist wer , aber durch seine Freunde die Sachen betreiben liess. Doch
es ist unnöthig, dass wir hierbei länger verweilen; ich möchte nur
auf eine geistvolle Behandlung dieser Partien der athenischen Ge-
schichte hinweisen, welche in dem Programm des Gymnasiums zu
Cleve 1850 erschienen ist, nemlich auf die
Historischen Apologien yon Dr. Mor, Fleischer. 48 8. 4.
Der Verf. steht etwa auf dem Standpunkte von Büttner und Grote.
Wie die Verhältnisse Spartas, seine Isoliertheit, sein Festhalten am alten
u. 6. w. theils im dorischen Charakter überhaupt, theils in der speciel-
len Situation derSpartaner begründet sind, so ist umgekehrt auch die
I^emokratie kein Zufall^ kein Einfall, kein Abfall., sondern eine Nothwen-
digkeit für Athen; eine Aristokratie hälV© Vü KX\i^\i %\^V^ %^\i«\\ «vcl-
Grole: history of Greece. 887
mal das Bewuflstaein erwacht war, nicht halten können. Herr Flei-
scher rechtfertigt es nun , wenn also 4ie Demokratie eine Nothwendig-
keit war 9 dass die einielaen Schritte in ihrer Verwirklichung gethan
werden. Zunächst dass die gewaltige Macht des Areopags , doppelt
gewaltig durch die Unbestimmtheit seiner nicht gesetzlich formalisierten,
sondern nur durch altes Herkommen und traditionelle Auctorität sanctio-
oiertea Functionen, gebrochen wurde. Der Verf. zweifelt nicht an der
ehreawerthen Gesinnung eines Aeschylus , Kimon , die das alte Insti-
tut in Schutz nahmen; er fordert aber, dass man bei Ephialtes und
Perikles nicht von Ranken schlechter Politiker spreche, die das athe-
nische Volk nur in ungewohnte Bahnen ziehn, die alte Sitte zerstören,
den Respeet vor der alten Auetoritat vernichten , den Voiksredner zum
Herrn des Staats machen wollen. Was den Heliasten- und Ekklesia-
stensold, die Diobelie, den Rathsherrusoid anlangt, so schliesst sich
der Verf. an Büttner an. Die Unterdrückung der Bundesgenossen, fahrt
er fort, ist nicht der Demokratie eigen, sondern ist von dem ari-
stokratischen Sparta ganz ebenso geübt worden. Dieses Streben
nach Centraiisation bildet den andern Fol zu jenem Streben nach In*
dividualisierung. Die Herschaft Athens über seine Bundesgenossen ist
nichts anderes, als wie das ganze griechische Leben auf der Basis der
Sklaverei ruht; sie war eine Nothwendigkeit für Athen und die Bedin-
gung seiner Grösse; sie war durch die Zersplitterung und den Farti-
cularismus der griechischen Welt mit doppelter Nothwendigkeit ge-
boten. ^ So wie Athen aus der aiten patriarchalischen Rohe und Ab«
geschlossenheit herausgetreten ist, so wie sich seine historischen
Keime unter den gegebenen Bedingungen zu entwickeln beginnen, so
muss es auch die Linie der abstracten Gerechtigkeit überschreiten, es
kann nicht anders.' Mit gleichem Recht kämpfen die andern Griechen
unter der Aegpide Spartas für ihr Recht, ihre Freiheit, ihre Existenz.
Man aolUe also, was mit solcher Bestammtheil durch die Natur und die
ganze Entwicklung der Hellenen vorgeschrieben war , nicht als eine
moralisoke Schuld den Athenern oder den Spartanern oder dem Peri-
kles aufbürden. Doch wir kehren zu Grote zurück.
Das dO. Cap. reicht vom Anfange des vierten Kriegs-
jahres bis zu den revolutionären Bewegungen in Ker*
kyra. Hier tritt «ns zuerst der Abfall von Lesbos entgegen. Die
Gründe zu diesem Abfall, welche der lesbische Abgeordnete bei den
PeloponneMcrn vorbringt, sind sehr schwach; es war kein rechter
Grund dazu vorhanden. Dies erklärt, sagt Grote, l) die Theilnahm-
losigkeit des Demos, 2) die barbarische Bestrafung, vi^elche Athen
hernach beschloss. Mir scheint auch hier eine falsche Vorstellung •
vorzuliegen. Ich gebe zu, dass die in Lesbos regierenden für Sparta
mehr Sympathie fühlten.; folgt hieraus nun , dass nicht das sehnsüch-
tige Verlangen da war, die alte volle Freiheit wiederzugewinnen und
die schwere Last abzuwerfen , welche auf Lesbos lag? Es war nach
Thukydides nicht Oligarchie odeT l>«iBkQ\LX«M\^ .^ ^%Sk ^"^ Wd^ss^ \s^
oder von Athen wegtrieb, sondeiu olm^ ^taLÖM\OöXwAN^\»MW»%^^
288 Alte tiesohiohle.
liebe zar Freiheit, — d. h. im Anfang des Kriegs; denn späterhin trüb-
ten sich allerdings- die Motive durch Beimischang von Parteiinteresse.
Wenn also in Lesbos der Demos die Waffen gegen die alten Bürger
kehrt, so kann man daraus nicht auf Sympathien desselben für Athen
schliessen. Es sind Banden, die losgelassen in anarchischer Lust
wüthen Und so wenig für Athen wie für Sparta etwas empfinden, wie
auch daraus erhellt, dass die Athener bei ihrem ersten Beschlüsse
nicht etwa die alten Bürger, sondern alle Mytilenaeer überhaupt, oaot
rißmötVf EU tödten befehlen. Die Athener werden sehr gut gewusst
haben , was sie thateA ; sie hätten sicherlich nicht Freunde und Feinde
verwechselt. Eben so unrichtig ist, dass Grote die Strenge der Athe-
ner so motiviert. Lfisst sich eine solche Motivierung auch bei Melos
anwenden? Würde Athen milder gewesen sein, wenn die Lesbier
triftigere Ursachen znm Abfall gehabt hätten ? Bei Gelegenheit dieses
Ereignisses tritt bei Thukydides zuerst Kleon auf die Bühne. Die Art,
wie der Verf. denselben fasst, fordert unsere ganze Aufmerksamkeit.
Der Verf. hat , wie ich bereits oben angedeutet habe , eine sehr
vortheilhafte Vorstellung von dem Demos zu Athen und seinen Len-
kern; es ist eine grosse Aehnlichkeit zwischen seinen Ansichten und
denen Fleischers. Man kann nicht sagen, dass der Demos von
Athen in geistvollerer Weise gegen die Angriffe der alten wie der
spätem vertheidigt werden kann, als es hier geschehn ist. Der Demos
in Athen ist kein Pöbel , wie ihn unsere neuern Zeiten zumal in den
grossen Städten darbieten. Es sind die Söhne der Männer, welche die
grossen Perserschlachten geschlagen haben, sagt Fleischer, aufge-
wachsen in Einfachheit, Massigkeit, Frömmigkeit und strenger Sitte
und Zucht. Diese Söhne haben dann das kleine Athen hoch erhoben,
grosse Flotten geschaffen, einen weiten Handelsverkehr begründet,
ihre Stadt zum Mittelpunkt der gesamten griechischen Cultur gemacht
und zwar durch ihre eigne Kraft, ihren eignen Genius. In diesem
Demos keimten die tiefsinnigen und erhabenen Gedanken , hier wuch-
sen die geschickten und fleissigen Hände, hier fand die Kunst ein ge-
bildetes richtendes Publicum. Alle arbeiteten hieran mit, alle fanden
in diesem Schaffen ihren Genuss und ihren Lohn. Dies Volk ist kein
Pöbel. Und sagt man nun, Perikles habe die Athener zu dem allen
geleitet, so ist doch selbst die Art und Weise, wie er in den Besitz
dieser Macht gelangt war, wie er sich in demselben erhielt, ein ehren-
volles Zeugnis für dies Volk. Es war seine Redlichkeit, Einsicht, Be-
redtsamkeit, Vaterlandsliebe, worauf sich seine Macht stützte. Auch
die Art, wie dies Volk über sich den Spott der Komoedie ergehn lässt,
ist nicht die Weise des Pöbels. Selbst über das Misvergnügen , dass
die ersten Kriegsjahre und besonders die Pest hervorriefen, und den
scheinbaren Wankelmuth des Volks sollte man weniger hart urtheilen.
Dies alles ist sehr war, aber die alten, welche den Verhältnissen
näher standen, urtheilten nicht so; sie sahen in dem Demos nur, was
maa darin zu sehn erwarten darf: eine Masse ^ die eher der o^yq als
der yt^cififf Raum gibt^ im Augenblick des \3iig\^c\i« scvnw^ \sltä^\v\j\\v-
Grote : history of Greece. 289
gen Fahrern zürnt,' im Giüek sich leicht überhebt, bei Unffilien ver-
zagen möchte , es gern hört , wenn ihr jemand n^ag ^doui^ spricht,
nnd sich anch darein findet , wenn ihr ein Mann wie Perikles iis i^ui-
aei. %al jCQog oifyqv etwas erwidert, kurz zum Staatsregiment nicht
befähigt und berufen ist. Man muss bei Thukydides die Darstellung,
welche in den Reden von der athenischen Demokratie gegeben wird,
von den Zügen, die im Lauf der Erzählung vorkommen, wohl schei-
den. In jenen erstem gibt er die ideale Demokratie , in den letztern
haben wir die wirkliche vor uns. Es mag nun das zur Entschul-
digung für diesen Demos gereichen, dass er sich von Perikles hat be-
herschen lassen; aber das ist, wie schon oben bemerkt, der Fehler,
dass das Volk dieser Leitung bedarf. Denn was man anch darüber
sagen mag, so wie es den Perikles verloren hat, ist es seines schützen-
den Genius beraubt. Ich denke es ist gut, wenn Kinder ihren Eltern
folgsam sind; aber es ist viel besser, wenn sie die Kraft des Willens
und der Einsicht gewinnen , selber einmal das rechte zu erkennen und
zu thun. Der Unterschied aber zwischen Perikles und den Demagogen,
welche ihm folgten, und zwischen dem Demos unter Perikles und
nach Perikles ist gar nicht zu verkennen. Der Demos war unter Peri-
kles nur dem Schein nach mündig gewesen*; denn er wurde unmündig,
als er den Perikles verloren hatte. Diesen Unterschied erkennt Grote
nicht an, und es ist interessant zu sehn, wie Fleischer in seiner Be-
urtheilung des Kleon wesentlich hiermit übereinstimmt.
Bis dahin, sagt Grote, waren es die alten grundbesitzenden Fa-
milien gewesen , welche an der Spitze des Staats gestanden hatten ;
jetzt kam eine andere Classe von Leuten empor, die durch Handel,
Fabriken u. s. w. reich geworden waren. Zu diesen gehörten die
Kleon, Eukrates, Lysikles, Hyperbolus, welche Perikles bis dahin
niedergehalten hatte. Es ist dieselbe Erscheinung wie im Mittelalter,
wo die Macht auch vom Landadel an die Kaufleute und Industriellen
kommt. Das ist meines Erachtens ein ganz falscher Gesichtspunkt.
Erstens ist dieser Unterschied zwischen Landadel und Kaufleuten in
Griechenland gar nicht so da gewesen wie im Mittelalter; die altedlen
Geschlechter haben frühzeitig Handel getrieben und Gelderwerb nicht
für unvereinbar mit ihrem ritterlichen Leben gehalten. Zweitens ist
z. B. Themistokles , der, so viel ich weiss, nicht zum erbgesessenen
Adel gehörte, Staatslenker gewesen. Ueberdies, hätte ein solcher
Gegensatz stattgefunden , sollte er der scharfen Beobachtung des Thu-
kydides entgangen sein? Der Unterschied zwischen Perikles und
Kleon ist nicht Landadel oder Kaufmann, sondern Staatsmann oder
Demagog , wobei ich Demagog fasse , wie Aristoteles den Begriff fasst,
wenn er sagt , der Demagog sei dem Demos gegenüber dasselbe , was
der Schmeichler dem Könige. Kleon ist also nicht zu betrachten als
der Vertreter der gewerblichen Interessen, die nunmehr zur HerschafI
kommen, sondern wie ihn Thukydides gefasst hat, als Re|^raeaQ«LtA».t.
der schlechten Demagogen, die mvLnmc^t ^CÄ\\ÄVL\k«iX«sv%«^^^w^^^
rikhs leer gelassen hat. Wenn i^vki to^Yi \xi ^«« TääV ^\^ Vi,i?^«^
290 Alte Geschichte.
welche wir über ihn hören, Urtheile von Gegnern sind, wie kommt
es denn , dass nicht eine vereinzelte Stimme zn seinen Gunsten auf uns
gekommen ist? Die Komiker, sagt Grote, haben kein Gewicht; sie
haben alles herontergeiogen. Dies ist allerdings eine sehr falsche
Aeusserung, die niemand thun wird, der die alte Komoedie in ihrer
Totalität aufgefasst hat. Indes ich will sie einmal gelten lassen ; wie
aber kann mau glauben, Thukydides spreche parteiisch von Kleon,
weil er dem Kleon vermnthlich sein Exil zu verdanken habe ? Thu-
kydides würde weder mit Themistokles noch mit Perikles in 6iner He-
taerie gestanden haben; wie bewundernd spricht er gleichwohl von
ihnen! Wie sollte er nun gegen Kleon, so viel Jahre nach dessen
* Tode, ein so hartes Urtheil gelallt haben, wenn dies Urtheil unge-
recht , wenn es der allgemeinen Stimme über ihn widersprechend ge-
wesen wäre? Zudem ist Kleon mehr als dieser ^ine Demagog;
er ist der Repraesentant jener Schaar von Volksführern und Volks ver-
derbern ; sollte Thukydides seinen Hass gegen Kleon so weit ge-
trieben haben, von diesen allen so scharf, so ungerecht zu denken?
Es bleibt doch wahr, diese Demagogen tcoi crvtol (läHov ovzsg %al
OffeyofUVQi xov Tcgmog iKaCxog yfyvec^a^ itgaitovro %€c& tiöovag tc5
di}fiO %al TOT iCQccy(ia%a Mtäivai^ und es ist mir durchaus ein Räth-
sel , wie Grote es anfangen will , neben Demosthenes einen Kleon zu
stellen. — Schon Büttner hatte über Kleon ein, wie es mir scheint,
sehr maass volles und gerechtes Urtheil gefällt; an dieses hätte sich
der Verf. anschliessen sollen. Man mnss, sagt Buttner, den Kleon
trotz seiner niedrigen Gesinnung nicht als gemeinen Possenreisser an-
sehn. Aber er hat keinen bestimmten politischen Gedanken, sondern
sucht nur sich in der Gunst des Volks zu erhalten; er sucht nicht
den Willen des Volks zu bestimmen, sondern macht sich allen Launen
desselben dienstbar; er tritt aus der Zahl seiner bisherigen politischen
Freunde, um ganz sich mit der Hefe des Volks zu verbinden, wie
Grote sagt, um sich ganz und frei dem Dienste des Staats zu widmen.
Sehn wir nun Grote. Er geht von den Verhältnissen aus, in denen er
selber lebt. Er denkt sich eine Opposition der Regierung gegenüber,
und erkennt die grosse Wichtigkeit, welche eine Opposition für die
Regierung selber und für den Staat. hat. Wenn keine Opposition da
wäre, denkt er, müsste man eine schaffen. Sie ist es, welche den
Handlungen der Regierung beobachtend folgt , mit ihrem scharfen kri-
tischen Auge die Blossen, die Misgriffe der Regierung erspäht, und
diese dadurch zur Gewissenhaftigkeit, Vorsicht nöthigt und von selbst-
süchtigen, dem Gemeinwesen verderblichen Plänen zurückschreckt.
Solch ein Mann der Opposition ist Kleon; als Oppositiousredner hat
er seine Stelle im Staate und wirkt heilsam für denselben; er muss
aber nichts weiteres erstreben, muss nicht selbst regieren wollen.
Das hat Kleon gethan , aber sehr gegen seinen Willen ; es ist allein
die Malice seiner Gegner, welche ihn in diese falsche Stellung ge-
bracht hat Jedonnano sieht auf den ersten Blick, wie haltlos diese
AnsicbUsL In Athen ist, wenn man von einet Ow^*^^^^^ "f *^^^ ^^
Grote:Thi8tory of Greece. 291
diese bei den Männern der aristokratischen oder besser eonservativen
Partei sn snchen ; der Demos und seine Führer sind die regierenden.
Leute wie Nikias und Demosthenes sind die ausführenden, deren sieh
die Demagogen bedienen, erstens weil es in ihrem Interesse liegt,
nicht vom Platze zn weichen, um nicht aus der Gunst des Volks ver-
drängt zu werden, und zweitens weil sie unfähig sind zu allen guten
und rechtlichen Dingen. Gesetzt aber auch, man könne diese Sehaar
als Oppositionsmänner betrachten, so ist doch nicht vorauszusetzen,
dass Männer von Ehre unter allen Umständen Opposition bilden , wie
diese Leute es thun , sondern dass sie gegen gewisse Grundsätze an*
kämpfen, die den ihrigen widersprechend sind, oder aber wir sind
gezwungen, sie, wie es Aristoteles gethan hat, für servile Schmeich-
ler der Menge zu halten. Sehn wir aber ihre Handlungen an : sind sie
es nicht gewesen, welche den Perikles anklagten? und unfeinen Grund
hin, den man, wenn Thnkydides Glauben verdient, für schmähliehe
Verleumdung halten muss. Ist nicht Kleon höchst wahrscheinlich der-
jenige , welcher den Heiiastensold von 1 Obolus auf 3 erhöht hat, Qud
das zur Zeit des Kriegs? Wir sind leider über die Einführung des
Ekklesiastensoldes nicht genug unterrichtet, ich glaube jedoch, dass
sie in dieselbe Zeit zu setzen ist. Ich setze hiermit selbst die Art und
Weise, wie man Lesbos bestrafte, in Verbindung. Das Land wurde
an 2700 Kieruchen gegeben, und diese fanden sich mit den Lesbiem
dahin ab , dass diese für jeden Kleros 2 Minen zahlten. Es sind dies
90 Talente jährlich. Grote meint nun , diese Kieruchen seien eine Art
Garnison gewesen , welche als eine Art von Soldanweisung diese Kle-
ren bekommen habe. Sie seien nicht in den wirklichen Besitz dieser
Grundstücke gekommen, sondern hätten nur, so lange sie dort in
Garnison gestanden , den Niessbrauch gehabt. Wie hätte Athen zu einer
Zeit, wo der Schatz bedeutend zusammengeschmolzen war, auf jähr-
lich 90 Talente Verzicht leisten sollen? Später habe der Staat diese
Verloosung wieder aufgehoben. Ich will zugeben, dass der Staats-
schatz sehr angegriffen war, obschon ich es aus der ausserordent-
lichen Beisteuer, welche damals von den Unterthanen eingetrieben
wird, nicht gerade schliessen möchte. Aber dass Kleruchie je etwas
derartiges bedeuten könne, ist mir, eh es mir sicherer bewiesen wird,
unglaublich. Soldaten zur Garnison pflegt man nicht durch das Loos
auszuwählen , wie es hier geschah. Ferner aber ist eine solche Gar-
nison zu stark; als Belagerungsheer wäre es mehr denn zu viel ge-
wesen. Die Sache verhält sich aber, wenn man sie unbefangen an-
sieht , ganz einfach und klar. Die Athener konnten den Lesbiem einen
90^0^ auflegen; dieser würde aber 1) in die Staatscasse geflossen
sein und 2) wohl nicht 90 Talente erreicht haben. Statt dieses q»^
legten sie ihnen diesen Tribut auf, der nun den durch das Loos er-
korenen Bürgern als eine Art von Rente zu gute kommen sollte. Die
Kieruchen konnten ruhig in Athen bleiben und hier diese Rente vec-
zehren. Diese Rente hinderte sie ii\c^\^^«wBk «v^ ^%^x^«^%^^^»"&^
diemMte tbaten oder sonst in 6VeikWvc^\^«Bi ^wifcVv^si««^ ^«t«^-. ^ä»sö^^
S02 Alte Geschichte.
den davon gezahlten Sold zu geniessen. Die lesbischen Städte be<
hielten ihre bürgerlichen Einrichtungen, blieben stadtische Gemeinwesen
nach wie vor, die Bürger blieben im Besitz ihres anderweitigen Ver<
mögens. Mit diesem Verhältnis stimmt auch die Antiphontische Rede
de caede Herodit völlig übereiu. Ich meine, diese Kleruchie war
ganz im Sinne jener Demagogie , welche den Staat zn einer leichten
und ergiebigen Erwerbsquelle für die einzelnen Bürger machte.
Ueber die Hinrichtung der Plataeer urtheilt Grote streng und ge-
recht. Natürlich werden wir dabei immer von der Yorstellungsweise
der alten ausgehn müssen. Demnächst enthüllen die Greuelscenen von
Kerkyra das tiefe sittliche Verderben und die Wuth der Parteien. Bei
Grote fallt der Schatten nur immer auf die Oligarchen. Der Demos ist
in seinen Augen nicht der angreifende Theil ; im Demos ist conserva-
tive Gesinnung, die vornehmen sind die selbstsüchtigen Revolutio-
näre. Es ist die einseitigste Parteilichkeit, welche der Verf. überall
an den Tag legt und die gegen die ernste Strenge des Thukydides
wunderbar absticht.
Im 51. Capitel tritt uns Nikias entgegen, den der Verf. im
ganzen recht gut charakterisiert hat, so weit es seine vorgefassten
Meinungen möglich machen. So nennt er ihn ohne weiteres einen Oli-
garchen. Ich habe schon oben über den Misbrauch gesprochen, der
mit diesem Parteinamen getrieben wird. Oligarch ist dem Verf. und
denen , die auf dem gleichen Standpunkte stehn , jeder der in der con-
sequenten Durchführung des . demokratischen Prinoips nicht so weit
geht, als ein anderer zu gehn für gut findet. So wird Nikias ein Oli-
garch, der kein einziges Kennzeichen von einem Oligarchen an sich
trägt; er sucht sich durch jedes rechtliche Mittel die Gunst des Volks
zu verschaffen, er sucht dem Volke durch Glanz in seinen Liturgien
zn gefallen, er wacht mit einer Aengstiichkeit über seinen Wandel
and über sein Leben, deren Perikles sich dreist hatte überheben kön-
nen , er lässt sich nicht bloss in keine aristokratische Verbindung ein,
sondern vermeidet selbst den Schein derselben; — aber er ist reich,
er wünscht den Frieden , er wünscht Versöhnung mit Sparta , er ist
nicht Freund von den Demagogen , die reichen hoffen auf ihn und sei-
nen Beistand, das reicht aus ihn zum Oligarchen zu stempeln. Zur
Zeit des Hermokopidenprocesses , wo alles voll Verdacht gegen die
heimlichen Oligarchen ist, nennt niemand den Namen des Nikias; auf
der Expedition nach Siciiien gibt er durch seine Zögerung selbst dem
frechsten Sykophanten keinen Anlass ihn zu verdächtigen ; er ist doch
ein Oligarch, allerdings nur heimlicher; denn die Oligarchie ist noch
in ihrem staie of quiescence and iorpidity; später wird sie kühn,
herausfordernd und angreifend. Das heisst , so viel ich sehe , allem
richtigen Verständnis der Geschichte den Krieg erklären. Es ist eine
teuschende Vergleichung zu sagen : Perikles habe in seinem sichern
Bewusstsein des Umgangs mit der Aspasia pflegen dürfen, Nikias da-
grcffen mit Aengstiichkeit auf die Moralität seines Lebens achten müs-
0ea, Perikles sei von Philosophen und MnftlWn ., ^\Vaw nä^\^^\-
Grote : history of Crreece. 29S
sagem umgeben gei/vesen, yfie Louis XIV von seinen Beichtvätern.
Das ist .alles wahr, Nikias ist kein Perikles; Nikias ist einer kühnen
entschlossenen Politik nicht fähig , und er ist darnm oft genug von den
Komikern verspottet worden ; aber er ist kein Oligarch. Er ist , dar-
auf kommt Grote wieder zurück, ministeriell, Kleon gehört dagegen
zu der Opposition und hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Hand-
lungen der Regierung zu beobachten, zu benrtheilen und zu denuncie-
ren. Doch es ist unnöthig bei diesen Träumereien noch länger zu
verweilen , da wir , wenn wir den positiven Daten unserer Historiker
folgen, weder über die Person noch aber die politische Thätigkeil
des Nikias in Zweifel sein können. In einer unbefangenen , sich an
jene Data anschliessenden und aus ihnen herleitenden Weise ist eine
Untersuchung aber Nikias begonnen worden in
Schmidts Commentaiioräs de vita Niciae Atheniensis pars prior
(Progr. des Joachimsthalschen Gymnasiums vom Herbst 1847. 43 S. 4)
der wir eine baldige Vollendung wünschen mflssen. Ich habe den In-
halt dieser Abhandlung hier nicht kritisch ins einzelne verfolgt, da
dieselbe bereits in einer umfassenden Weise in diesen NJahrb. Bd. 51.
S.81 ff. beurtheilt ist; sie gibt aber die Belege für die anerkannte o^cn^
des Nikias , um deren willen Aristoteles ihn mit Thukydides und The-
ramenes als ßHnarot xcav TtoXtzwv nal ncer^ixiiv i%ovT€g evvotttv xal
(piMuv ^qag xhv dfjfiov hinstellte, und Thukydides besonders seinen
Tod als einen unverdienten bezeichnete. Der Spott der Komiker ge^
gen seine Aengstlichkeit rührte aus einer andern Ursache her als der
gegen Kleon ; diesen suchten sie zu vernichten , jenen aus seiner
Schüchternheit zu einem grössera Selbstvertrauen, zu kühnem und
entschlossenem Auftreten gegen die Volksverderber herauszutreiben;
Leider besass er nicht die Kraft, durch eine Perikleisohe Beredtsam-
keit diese Leute niederzukämpfen. Dass Nikias auch als Feldherr mit
mehr als Vorsicht handelte, ist zuzugeben. Aber es fehlte ihm. auch
nicht an warnenden Beispielen. Perikles war für unverschuldetes Un-
glück in schwere Geldbusse genommen; Sophokles nnd Pythodor
mussten in die Verbannung gehn , weil sie vermeintlich übereilt Si-
cilien aufgegeben hatten ; Eurymedon wurde aus demselben Grunde in
eine Geldbnsse genommen; Laches musste als gemeiner Soldat deii
Feldzug in Boeotien mitmachen ; Faches tödtete sich vor den Augen
seiner Richter selbst. Es war nicht zu verwundem , dass Nikias so
sicher als möglich zu gehn strebte, dass er vor gewagten Unterneh-
mungen zurückschrak, dass er den Frieden dem Kriege vorzog. Man
wird mit Vergnügen Schmidt weiter durch eine Reihe von glück-
lichen und erfolgreichen Unternehmungen des Nikias folgen. Von der
Selbstsucht des Nikias, die Büttner in seinem ganzen Leben nnd
Streben findet, und worin er besonders den Unterschied zwischen ihm
und Perikles 'findet, ist in der That nicht mehr zu entdecken alt li«L
irgend einem andern Bürger. Et d.TiAt|> «vöil taOo\ ^^^ ^ ^^^sä ^a«
Rednerbühne noch zu FeldherrntaaWvik ^ ww^^riL WvS^ «^^' "^^^^^^
294 Alle Gesdiidite.
er saeht sich nicht za bereichern, sondern ist bereit aus seinen Mit-
teln ^osse Opfer zu bringen; er setzt seine Person nicht gern der
wechseWollen Laune der Volksgunst, wohl aber der Gefahr der
Schlacht aus. Wo ist nun die Selbstsucht? wo die Feindschaft gegen
das Volk? Einsig und allein darin, dass er Sicherung wünscht gegen
die Tyrannei des Demos und das Treiben der Demagogen, dass er
dem in unabsehliche Weite sich hinsiehenden Kriege, der die reichen
and besitieuden belastet, durch einen ehrenvollen Frieden ein Ende
lu machen strebt, dass er von der sich auflösenden Sitte und Zucht
in der Weise surackkehren möchte, dass er der wachsenden Irreli-
giosität gegenüber an dem alten Glauben festhält.
Das 62. Cap. bringt uns die Ereignisse vor Fylos, das siebente
Kriegsjahr. Der Verf. ers&hlt die Ereignisse auch hier vortrefflich,
trflbt aber auch hier durch seine Politik sich das Urtheil. Die Sparta-
ner sind auf der Insel eingeschlossen, der grosse Preis des Sieges;
Sparta thut alles, um sie zu retten; es schickt Gesandte um Frieden
nach Athen. Das Benehmen Kleons gegen diese kann auch Grote nicht
billigen; er nennt dasselbe a greai abuse of publieittf^ fügt aber be-
gQtigend hinzu : noi nnknown in modern , though mare frequent in
ancieni^ poUtical life. Aber dass die Athener die günstige Gelegen-
heit aus den Händen Hessen? Ein Uebersohätzen der günstigen Chan-
cen, die mau vor sich zu haben glaubt, ist bei jeder Verfassung mög-
lich ; es ist nicht die Schuld der Demokratie ; Napoleon und der eng-
lischen Aristokratie ist es nicht besser gegangen. Der Verf. erinnert
in einer Rede Burkes an die Stimmung Englands, als die Engländer
jenen Sieg bei Long Island über die Amerikaner gewonnen hatten.
Kleons Absicht war, den Zustand, wie er vor dem 30jährigen Frieden
war, wiederherzustellen; ich gebe zu, dies waren die Forderungen
Kleons ; wenn man aber fragt : war ein Erreichen dieses Zieles denk-
bar? hatten die Spartaner selbst die Hacht diesen Zustand wieder zu-
rückzuführen? und die Antwort lautet nein, so ist es natürlicher an-
zunehmen, Kleon wollte den Frieden nicht und stellte daher Been-
gungen, von denen er im voraus wusste, dass sie von den Spartanern
nidbt konnten bewilligt werden. Nun zog sich die Belagerung uner-
wartet in die Länge , und es folgt nun jene Scene in der athenischen
Volksversammlung, wo Kleon wider seinen Willen genöthigt wird,
das Commando in Pylos zu übernehmen. Ich bitte die Leser, den
Thukydides sich hier . vor Augen zu halten , um dann zu sehn , was
Grote daraus macht Die Strategen, sagt er, fordern Unterstützung;
Kleon ist nicht abgeneigt ihnen diese zu bewilligen, aber er findet
an dem , was sie gethan haben, zu tadeln ; das und das, sagt er, würde
ich an eurer Stelle gethan haben. Diesen unschuldigen Ausdruck grei-
fen nun seine Gegner auf, welche, deplorabljß Hmidy ignorant and
reckless of tke public inierest^ nur darauf denken, wie sie den Kleon
stürzen wollen. Kleon geht zurück; so habe er es nicht gemeint; in-
ife0 Im Volke gelbst sind Stimmen, welche ihn ermuthigen , die Sache
jeaea zum Trott dock zu übernebmeD Netzi^cXi «» ^Q^^ ^i\?)»<G^
Grote : history of Greece. 295
zieh nicht xurück , du wirst dieh mit Ehren aus der Affaire siehn und
wir werden dir beistehn. Wenn jemand dabei zu tadeln ist, so sind
es Nikias und seine Freunde. Sie teuschten sich. Sie hatten erwartet,
dass die Spartaner sich vertheidigen würden bis auf den letzten Mann,
wie bei Thermopylae. Nun kam alles ganz anders. Die Athener haben
also keineswegs die levitjf or folly gehabt, einen Mann, den sie als
unfähig anerkannten , an die Spitze eines schwierigen Unternehmens
zu stellen , in der Absicht that ikey might amuse ihemsehes »ttk kis
blunders, Kleon war wider seinen Willen von einer misgünstigen und
beschränkten Partei zum Strategen gemacht, und hatte sich glänzend
bewährt. Grote bedauert, dass wir nicht wissen, wie man ihn nun
bei seiner Rückkehr begrüsste; er bedauert noch mehr, dass Athen
diese Höhe des Glücks nicht zu einem vortheilhaften Frieden benutzte.
Allein die Stimmung in Athen war einmal kriegerisch. So Grote. Es
ist kaum nöthig zu zeigen , dass dies dem Bericht des Thukydides völ-
lig widerstreitet; wie soll man aber voraussetzen, dass Thukydides
über diese Scene geteuscht wäre oder gar hätte teuschen wollen?
Kleon hatte den Frieden hintertrieben und fürchtete die Rechenschaft
dafür, wenn der Winter herankäme und die Blokade aufgegeben wer-
den müsste. Er schob die Schuld auf die in Athen anwesenden Stra-
tegen, dass sie nicht die geeigneten Mittel ergriffen, um die einge-
schlossenen Spartaner zu fangen. Er erklärte, wenn er Feldherr wäre,
würde er die Leute schon in seine Gewalt bekommen. Die Strategen
treten ihm das Commando ab, und er erklärt sich bereit dazu, zieht
erst zurück, als er sieht, dass Ernst daraus werden soll. Mikias
Schuld war nicht Böswilligkeit, sondern dass er dem Kleon diese Ge-
legenheit gewährte sich wirklich auszuzeichnen. Er hat genug dafür
herhalten müssen bei den Komikern; aber nie sprechen sie in Aus-
drücken von ihm , wie sie (kote gebraucht hat. Wir sehn ihn vielmehr
gleich nachher wieder im Commando und ungesohwächt an Anaehn.
Das Volk aber hat dabei einmal gethan, olov oxXog gfiXtinomv.
Mit dem achten Kriegsjahre (Cap. 53) kommt mehr Flanmässigkeit m
den Krieg ; die Athener setzen sich in Kythera fest , versuchen einen
Angriff auf Megara, entwerfen einen combinierten Angriffsplan auf
Boeotien , die Spartaner schicken den Brasidas nach dem Norden hin^
auf, wo er als Befreier auftritt. Grote erkennt das grosse Talent und
die ganze Persönlichkeit des Brasidas gern an, aber er leugnet, das«
die Unterthanenstädte Athens eine Neigung zum Abfall von Athen ge-
habt hätten. Es war eine entschiedene Minorität, die den Abfall bcK
trieb, etwa wie die in Plataea, welche die Thebaner einÜMs; die
Masse der Bürger fühlte keinen Hass gegen Athen; sie hatten ihre
Ernten draussen im Felde; das war es, was sie bestimmte in den Ab-
fall zu willigen. Wir können ebensowohl fragen, was sie zurOok-
hielt sich offen dem Befreier ansusohliessen. Aus Thukydides erhellt,
dass sie l) die Kräfte Athens fürchteten. Die meisten dieser Orte, la-
gen am Meere , waren so gut wie vMra\%T \ V\^ %^J^^«Ä ««. 'Vj^m^ ^»^
Atbenenkiü widerstehn, denen \h\tt \«liX *\8>^ ^«* iÖMl,*eNRSöK^ ^^
206 Alte Geschichte.
Schäften hatte erliegen müssen, ganz zuletzt das starke Lesbos, ohne
dass die Spartaner vermocht hätten es zu retten ? Es war nichts natur-
licher, als dass sie Bedenken trugen den Abfall zu wagen, bei dem
die Aussicht auf Erfolg so gering, die zu erwartende Strafe aber
furchtbar streng war. 2) Alle diese Orte waren auf den Verkehr zur
See angewiesen; gesetzt auch, sie vertheidigten ihre Mauern, so wur-
den sie durch Beschlüsse, wie es das iffrifpuSfUt rmv MsyaQimv war^
von dem Meere und von allen Hfifen und Märkten im Bereich der athe-
nischen Herschaft ausgeschlossen, ein Verlust, der .doch die Höhe des
q>6i^ sicherlich unermesslich überstieg. 3) Wenn man auch Be-
freiung von der gegenwärtigen Herschaft würde gewünscht haben , so
wusste man doch nicht, wessen man sich von Sparta zu gewärtigen
hatte; würde ihnen die Autonomie gewährt werden? würde Sparta
nicht versuchen ihnen oligarchische Verfassungen aufzudrängen?
4) Endlich kamen auch Parteimotive hinzu, welche bestimmend wirk-
ten, s. Thuk. IV, 108. Als die Städte erfuhren, was die Spartaner zu
gewähren bereit waren, fielen sie schaarenweise ab. Bei dieser Ge-
legenheit erscheint auch unser Historiker Thukydides als athenischer
Feldherr. Bekanntlich rettete er nur Eion; Amphipolis war bei seiner
Ankunft schon verloren. Thukydides wurde dafür mit der Verban-
nung bestraft. Die Geschichtschreiber behandeln ihn als einen un-
schuldig leidenden; Grote dagegen ist der Ansicht, dass er seine Strafe
wohl verdient habe. Thukydides, sagt er, stand mit seinem Geschwader
in Thasos, aber gewis nicht zum Schutz dieser durchaus nicht be-
drohten Insel , sondern um in diesen Gewässern das Interesse Athens
wahrzunehmen. Er wusste , dass Amphipolis bedroht war ; er brauchte
bloss die Brücke zu besetzen , um die Stadt zu erhalten. Ob die Strafe
des Exils für eine solche Versäumnis zu hart war, darüber darf man
nicht rechten; wenn man aber die Grösse des Verlustes erwägt, so
wird mau sich überzeugen, dass die Strafe keinem Athener , ja keinem
Griechen würde zu hart erschienen sein. So Grote. Ich halte diese
Deduction für ganz falsch.- Ich setze voraus, dass Thukydides hier
wahr berichtet hat. Die Eroberung von Amphipolis erfolgte im Win-
ter; %€ifia>v r^v xorl wtiveupev^ sagt Thukydides. Die Athener hatten
nan hier zwei Feldherrn, Eukles und Thukydides, die ein gemein-
schaftliches Commando hatten. Eukles blieb in Amphipolis , Thuky-
dides gieng mit der Flotte nach Thasos, um dort zu überwintern. In
Amphipolis oder Eion konnte er nicht bleiben, weil möglicherweise
der Fluss sich' mit Eis belegen konnte, wo dann die Flotte verloren
war. Das Unternehmen des Brasidas war ein glänzender coup de main;
er hatte die Brücke gewonnen, eh noch die in der Stand eine Ahnung
von der Sache hatten. Ist also jemand tadelnswerth, so ist es Eukles,
dass er die Brücke nicht stärker besetzt hielt.
Das 54. Capitel führt nun den Krieg bis zum Frieden des Nikias.
Der einjährige Friede (423 — 122), in dessen Anfang der Abfall von
Skione und Mende fäüi. Ferdikkas entzweit sich mit Brasidas und er-
fve/si den Athenern durch seine VerWndu»geii\ul\ÄWi^\\w^^««^H«\0\-
Grote: history of Greece. 297
>
tigen Dfenst, dass die Thessaler die für Brasidas bestimmten Ver-
starknngen nicht durchlassen. Der Waffenstillstand läuft den 14. Ela-
phebolion ab ; mit Rücksicht auf die Heiligkeit des Festes aber lässt
mau ihn stillschweigend noch bis zu den Pythien fortdauern. So
Grote , wesentlich mit A r n o 1 d in der Erklärung von Thuk. V, 1 Ober-
einstimmend. Dann wird der Krieg wieder aufgenommen. Kleon gehl
ab, um Amphipolis wieder zu gewinnen. Der Verf. bestreitet hier die
Ansicht derer, welche den Kleon gleich Brasidas für einen Freund
des Kriegs halten. Wie konnte der Krieg einem Mann wie Kleon an-
genehm sein? Die Fortsetzung des thrakischen Kriegs war eineNoth>
wendigkeit für Athen; Perikles würde hierauf ebenso gedrungen ha-
ben wie Kleon; überdies hatten die Spartaner selbst während des
Waffenstillstandes gezeigt, dass sie weiter um sich zu greifen trach-
teten. Dass aber Kleon selber das Commando übernahm? Hatte ihn
etwa sein Glück bei Pylos aufgebläht? Er war ja, sagt Grote, in den
folgenden Jahren nicht Feldherr gewesen ; es ist auch nicht zu bewei-
sen, dass er sich zu diesem Commando gedrängt haben sollte; er
hätte es vermuthlich lieber gesehn , wenn Nikias oder sonst ein er-
fahrner Feldherr die Truppen geführt hätte , aber diese lehnten ver-
muthlich den Befehl ab. Das sind Yermuthungen ohne- allen Grund. Der
einjährige Friede hatte den Athenern keinen Vortiieil gebracht; das
brachte natürlich Kleon und seines gleichen wieder in die Höhe. Die
Chance stand sehr ungünstig , fährt Grote fort : ein unerfahmer Feld-
herr, ein aufrührerisches Heer. Der Verf. unterlässt es nicht, hierbei
von der Insubordination der Hopliten zu reden , was , denke ich , ge-
nugsam widerlegt ist. Er geht selbst so weit den exilierten Thukydi-
des zu verdächtigen : the local influence of the banished Thucydides
would no longer be at the sereice of Athens — much less of the ser-
t>ice of Klean, Das sind schlimme Insinuationen, die maa beweisen
muss ; sonst wird die Geschichte zur Verleumderin. Denn man kann
sich ebensowohl an einem verstorbenen versündigen wie an einem
lebenden. Die weitem Ereignisse bis zur Schlacht werden, unter-
stützt durch eine der schönen Karten , welche dem Werke beigegeben
sind , gut erzählt. Der Tod des Kleon gibt dem Verf. Anlass , noch
einmal auf dessen Leben znrückzubHckeu. Kleon . war nicht gewinn-
süchtig , sondern nur ein Mann of tiolent temper and fierce political
antipathies — a bitter Speaker — and sometimes inhonest in his ca-
lumnies against adversaries^ wie das die Weise der grossen Opposi-
tionsredner immer gewesen ist. Das äusserste des Misverständnisses
ist meines Bedünkens, dass Grote, was ihre innerliche Politik anbe-
trifft, den Kleon mit dem Cato Censorius auf 6ine Linie stellt.
Ich muss , um nicht die Grenzen einer Anzeige zu überschreiten,
von jetzt rascher vorgehn. Cap. 55 und 56 führen die Geschichte vom
Friedendes Nikias bis zur Schlacht von Mantinea. Be-
sonders lichtvoll sind die Wirren, welche dem Frieden Cq^j^^^^cm^-
einandergesetzt. Dann folgt ©ine C\iM«to«t'\«X^ ^^^ WvVVNvv'^^^'^^^
Grote erkennt seine Begabung , aiainen l&nAi %ä\ i&i«t ^% Vö«^ ^^««^ "^^
JY. Jahrb. f. Phü. u. Paed. Bd. t.XV. Hfl, ^.
296 Alte Geschickte.
Charakter, an ernsten sittlichen Grundsätzen. Alkibiades hätte der
Demokratie zugehört wie Perikles y wenn er den Grundsätzen seines
Vaters hätte folgen wollen , der sein nahes Verhältnis zu Sparta auf-
gegeben hatte; gleichwohl wäre der Sohn gern in Athen der Führer
der Philolakonen geworden, aber die Spartaner zogen es vor, sich an
Nikias zu halten. Es hatte ihm nichts geholfen, dass er sich der Ge-
fangenen von Sphakteria angenommen, dass er fär den Frieden und
fflr das Bündnis mit Sparta gesprochen , die Rückgabe der Gefangenen
betrieben hatte ; so schlug er sich denn auf Seiten der Argiver. Hier
wirft der Verf. einen Blick auf den Gang des Kriegs zurück. Die Po-
litik des Perikles beim Beginn des Kriegs war die gewesen, sich auf
das Meer und auf Vertheidigung zu beschränken. Nach der Einnahme
von Sphakteria gehn die Athener zum Angriff über; sie suchen Me-
gara und Boeotien zu gewinnen. Dieser Versuch läuft höchst unglück-
lich ab ; wie ganz anders gelingt dem Brasidas sein Auftreten in Chal-
kidike ! Die Athener suchen das verlorne um jeden Preis wiederzu-
erhalten, Kleon durch Krieg, Nikias durch Frieden; beides umsonst;
sie haben selbst ihr bestes Unterpfand, die gefangenen Spartaner, hin-
gegeben. Sie hätten nun den unter Kleon mislungenen Versuch mit einem
stärkern Heere, unter einem bessern Feldherm wiederholen müssen;
Alkibiades aber leitete sie auf einen andern, falschen Weg. Er be-
trachtete das Innere der Peloponnes als die verwundbarste Stelle der
Spartaner ; er hoffte für seinen Ruhmdurst hier mehr Befriedigung als
bei einer Expedition in eine entfernte barbarische Gegend (?wo Bra-
sidas sich unsterblich gemacht?); es schreckte ihn auch wohl die
Kälte, die er vor 12 Jahren dort ausgestanden (lächerlich!). Nun
wird die Schlacht von Mantinea mit den Ereignissen, die ihr vorangehn
und nachfolgen , gut geschildert. In diese Zeit fällt die Exostrakisie-
rung des Hyperbolutf , für den der Verf. ähnliche Sympathie wie für
Kleon hat, nur dass jener geistig untergeordneter ist. Den Schluss
macht der Zug gegen Melos. Der Verf. gibt zu , dass das Verfahren
gegen die Melier über alle Maassen ungerecht gewesen sei ; aber die
Art und Weise, wie bei Thukydides die Verhandlung geführt werde,
habe Thukydides allein zu vertreten; die Athener würden nicht so,
würden wenigstens sophistisch gesprochen haben. Thukydides habe
in diesem seinem Dialoge ein^Bild von dem gewaltsamen Sinne ge-
ben wollen , welcher die Athener vor ihrem ebenso ungerechten wie
verderblichen Zuge gegen Sicilien erfüllte. Ich will hiergegen nicht
streiten , aber Grote glaubt doch sonst den Reden, welche Thukydides
einschiebt, wenn sie ihm bequem sind. Es war wenigstens der Geist
rohester, härtester, das Recht verhöhnender Gewalt, in dem diese un-
erhörteste aller Barbareien verübt wurde. Cap. 57 zeigt uns , wie in
Sicilien auf den Sturz der Tyrannenhäuser eine glückliche Zeit folgte.
In dem 50jährigen Friedenszustand erblfihn auf der Insel Macht , Wohl-
stand, geistige Regsamkeit. Hierhin wenden die Athener ihr Auge.
Alkibiades war die Veranlassung des \3iiIwii«äwäwi% .^ ^\Va«ls aber war
^^, der demselben durch seinen WidewVand wäI \cä«ä %t^i%*wS\%«^
Grote: history ofGreece. S99
Charakter gab; er bewirkte, dass so grosse Kräfte dar &uf verwandt
wurden, dass das Misliugen desselben den Ruin Athens herbeifahren
musste. Gegen den Vorwurf der kurry^ pas$ion and ignarance^ der
den Athenern hierbei gemacht wird, nimmt er sie auch jetzt in Schutt.
Der Verf. billigt das Unternehmen nicht, er tadelt den Alkibiades
streng. Wie hätte Athen, selbst wenn der Zug einen glücklichen Er-
folg gehabt hätte , eine so maasslos wachsende Herschaft Eusanmen-
halten sollen? Wie verkehrt ist das ganse Princip, Athen bedörfe
neuer Eroberungen, um die alten zu behaupten! Gegen Amphipolis
hätte sich Athen wenden sollen.
In Gap. 58 — 60 vvird nun der Zug bis zur Verniehtang der athe-
nischen Expedition dargestellt. Eh er beginnt, geschieht in Athen
die Verstümmlung der Hermen. Ueber die dadurch in Athen hervor-^
gerufene Aufregung urtheilt Grote sehr besonnen. Die Hermen ge-
nossen einer hohen Verehrung, sie hatten selbst in ihrer Form etwas
ehrwürdiges. Wenn es uns seltsam scheint, dass solche trißes and
absurdities so viel Aufsehn machen können, so muss man sich nur in
die religiösen Empfindungen der Griechen hineinversetzen. In den
PerserkriegeU' ist die grösste Klage immer , dass die Tempel zerstört
sind; das ganze staatliche Leben roht auf einem religiösen Grunde;
durch diese Entweihung waren sie des Schutzes und Segens der Göt-
ter beraubt. Dies Verbrechen lässt überdies auf eine grosse wohl or-
ganisierte Verschwörung schliesaen. Der Zweck der Verschwörung
war 1) den Alkibiades zu stürzen, 2) den Zug nach Sicilien aufzu-
schieben oder vielleicht ganz zu beseitigen. Denn dieser Frevel
konnte als ein böses Omen für das ganze Unternehmen erscheinen;
wurde dies hintertrieben , so wurde Alkibiades zurückgeschoben. Der
Verf. sucht selbst, weil Teukrus seine Denunciation von Korinth aus
offerierte, einen Zusammenhang mit Korinth und Megara. Indes es
war alles zu weit vorgeschritten, um jetzt stehn zu bleiben;^ die Flotte
segelt ab. Hier sind nun die Feldherrn schwankend. Lamachus Plan
war, wie Grote mit Recht glaubt, der beste; es siegte endlich der
des Alkibiades , welcher zwischen den entgegengesetzten des Lama-
chus und Nikias die Mitte hielt. In die Untersuchung, welche über die
Verstümmlung der Hermen eingeleitet wurde, dürfen wir Grote nicht,
folgen. Sehr passend aber zieht er das papistische Complott in Eng-
land und die Verurtheilung des Hrn. von Abbeyille (1766) in Frank-
reich zur Vergleichung herau, um zu zeigen, dass dergleichen Aufre-«.
gungen und Ungerechtigkeiten überall stattfinden können. Den Glanz-
punkt des Werkes bildet die Darstellung der Belagerung von Syrakus,
die 414 beginnt. Hier ist Grote vollendet meisterhaft. Für die
Darstellung der Localitit wird Cavallaris schönes Schrifichen be-
nutzt. Ich kann hier nicht ins einzelne eingehn. Der Verf. aber zeigt,
wie richtig Lamachus, der die Seele des Kriegs war, den Angriff auf
Syrakus begonnen , durch die vortrefflich angele^tevi^ «l^^x Vkv^ss«. ^«s^-
vollendet g-ebliebenen Linien 8ytä\l\» \om U^X^xi \äsää ^Jä^^wjömssäk^
bgiie, wie alles den glücklißhBVen lS.Tto\% V^'R«^ V\^^*- ^^«ä»* "«»^^
300 Alte Geschichte.
nicht das begonnene zu vollenden. Er liess den Gylippus Sicilien er-
reichen, er liess ihn nach Syrakus hineinkommen, den einzigen Weg-
aber Euryalus und Epipolae, der so leicht zu vertheidigen war.
Gylippus bringt einen neuen Geist in Syrakus , er föhrt die Syrakiisa-
ner zum Angriff und zum Siege, er bereitet alles selbst zum See-
kampfe vor, er sichert durch trefOiche Vertheidigungslinien die Ver-
bindung mit dem Innern. Nikias mnss in Athen Unterstützung fordern.
Jetzt hätte den Athenern ein Kleon Noth gethan , um auf die Verkehrt-
heit aufmerksam zu machen , dass ein Nikias im Commando blieb. E»
war schon ein Misgriff die Belagerung fortzusetzen , aber es war in-
sanity dies unter Nikias zn thun. Die Athener aber bleiben fest bei
dem Unternehmen; sie bewilligen reiche Unterstttt:&ung; kein Wort
des Verdachts wird gegen Nikias laut. Nun langt Demosthenes im
grossen Hafen an. Als sein gut angelegter Angriff auf Epipolae schei-
tert, will er die Belagerung aufheben; Nikias weigert sieh, einen Um-
schwung in Syrakus hoffend^ — wirkliche fatuity — , bi« alles ver-
loren ist.
Capitel 61 und 62 führen uns die Ereignisse vor , welche der
Auflösung der athenischen Armee in Sicilien folgen, bis zu der oli-
garchischen Revolution der Vierhundert und der Wiederherstellung-
der Demokratie. Athen hatte seine besten Bürger in> Sicilien verlo-
ren, hatte eine feindliche Garnison im eignen Lande, hatte zu den alten
Feinden neue hinzubekommen. Der Grosskönig lässt durch seine Sa-
trapen wieder die alten Tribute einfordern ; die Unterthanen der Athe-
ner, selbst Euboea, wenden sich an Sparta mit dem Erbieten des
Abfalls , wenn man denselben durch Zusendung von Hilfe veranlassen
wolle. Die Feinde der Athener scheuen sich nicht mehr ihnenauf den»
Meere zu begegnen. Wie verschieden ist eine jetzt erfolgende See-
schlacht bei Naupaktus von jenen alten, in denen Phormio siegte 1
Tissaphern^s und Pharnabazus bitten wetteifernd, die Spartaner möch-
ten mit einer Flotte in Chios oder am Hellespont auftreten. Alkibta-
des Einfluss entscheidet su Gunsten des Tissaphernes. Grote hält auch
hier an der Vorstellung fest, die Masse der Bevölkerung in den Städten
sei nicht von Hass gegen die athenisdie Herschaft erfüllt gewesen ; es
sei der Oligarchie in Chios eigentlich nmr durch eine Teuschung ge-
lungen, den Abfall zu bewirken. Es ist nicht tm. leugnen, die oUyoL
hatten hier alles zum Abfall vorbereitet und die ganze Angelegenheit
in ihre Hand genommen; an andern Orten wird uns das nicht berich-
tet; bei Eretria z. B. muss man schliessen, dass das ganze Volk mit
den Spartanern sympathisiert habe. Derartige Veränderungen gehn
mit Nothwendigkeit von wenigen aus ; ihre Popularität erweist sich
dann darin, dass sie von allen acceptiert und aufrecht erhalten wer-
den. — In Athen selber werden sehr wichtige Schritte gethan , um
die Kräfte des Staats zu sammeln, um in die ganze Verwaltung eine
grössere Besonneuheii und Solidität zu bringen (Thuk.VIII,l). Unter
den neuen Einrichtungen nimmt die Einseli-img Act Ytö\wlV^^ eine der
ersten Stellen ein, Wus Thnkydides von den ?ro\i\i\«iÄ w^^..^ \«X ^^\ä
Grote: history of Greece. 301
durflig; es ist nicht za verwundern, dass die Ansichten der gelehrten
über dieselben sehr auseinandergehu ; darin aber stimmen sie wenig-
stens aberein, dass ein TtQoßovXsvew in ihrer Function gelegen habe,
dass das ganze Institut ein mehr oder weniger antidemokratisches ge-
wesen sei. Grote bestreitet es nicht gerade, es habe nichts an das
Volk gebracht werden können , bevor die Probulen dazu ihre Einwil-
ligung gegeben; er meint aber, in den Worten des Thukydides liege'
das nicht nothwendig. Der Zweck , glaubt er , sei nicht gewesen eine
controlierende Behörde zu schaffen, sondern vielmehr den Weg zur
Auffindung neuer Hilfsmittel zu erleichtern. Uebrigens habe diese Be-
hörde nur kurze Zeit in Athen bestanden , nur zu einer Zeit ganz be-
sonderer Noth und Entmuthigung. Er stimmt hierin wesentlich mit
BQttner überein^ nach dessen Ansicht die Probulen zur Zeit der oli-
garchischen Revolution der Vierhundert nicht mehr bestanden haben.
Büttner meint selbst, das Eingehn dieser Behörde möge wohlgesinnte
Bürger zu dem Glauben gebracht haben , dasfi für Athen nur in einer
entschiedenen Aristokratie Hilfe zu hoffen sei. Aus Arist. Rhet. III,
18, 6 erhellt jedoch , dass die Probulen wirklich mit der Einsetzung
der 400 zu thun gehabt haben. Da« genauste hierüber bietet noch
immer W. Wattenbach: de quadringentorum Aihenisf actione (Berlin
1842), welcher übrigens einen Zusammenhang zwiischen diesen Probulen
und der folgenden Oligarchie bezweifelt und jeden Schluss aas dem
Namen Probulen auf eine oligarchische Natur ihres Amtes zurückweist.
Die Veranlassung zu jener Revolution nun erzählt Grote klar und
schön. Er hebt den Undank hervor, mit dem die Spartaner dem Alki-
biades für seine überaus grossen Verdienste lohnten, und vergleicht
damit das Verfahren der Demokratie. Jene befehlea Mord, diese ruft
ihn heim, um ihn vor geschwome Richter zu stellen. Alkibiades ist
übrigens in seinen Augen noch immer jener charakterlose selbstsüch-
tige Mensch, wie ihn Phryuichus, a clear-tighted and sagacious man^
hut personaUy hostile io Alcibiades and thoroughly seeing through
his character and projects^ erkennt. Alkibiades gibt die erste An-
regung zu jener Oligarchie, die hernach ohne ihn und wider ihn ins
Leben gerufen wird. Zwischen den 6vyyQag)etg und den Probulen
nimmt Grote keinen Zusammenhang an. Die Grundzüge der neuen
Verfassung werden bei Thukydides scharf bezeichnet. Der Verf. fügt
noch hinzu , dass die 5000 in der Wirklichkeit gar nicht existierten,
sondern nur eine auf Imponieren berechnete unbekannte Grösse waren ;
l) wurde dadurch das gehässige der Oligarchie gemindert, wenn eine
so grosse Zahl stimmberechtigter Bürger genannt wurde, 2) aber er-
schien hierdurch die Macht der Oligarchen grösser, als sie es in der
That war. Er stellt sodann eine ernste Betrachtung an, wie es doch
kam, dass die Demokratie so jählings zusammenbrach. Ihre innere
Kraft, ihr Selbstvertrauen war durch die Niederlage auf Sicilien,
durch das Unglück, das sie von allen Seiten bedrohte, gebrocheoiv
hierzu kam die freventliche GewaVl ^w Wx^^ccO^äti., "^ää ^«ä.'^«^<ö<ää^-
mord systematisch handhabten. \ot iV\^\si\i\^'öt^<i.\v^\^^\^^'ä«^^^'^^^^
302 Alte Geschichte,
aber die Seite; diese bildeten the viial movement of all tkal wai tu-^
telary and public-spivited in democracy. Aggressive in respect to of-
ßcial delinquents ^ they tvere defensive in respect to the public and
tke Constitution. Wir hätten wohl gewünscht, dass der Verf. die in>
nere Auflösung des Demos in diese Betrachtung' mit aufgenommen und
uns, um mit Thukydides zu sprechen, von dem Mangel an evrikeucy
(fOHpifoavvti ^ evra^Ca^ von dem Untergange der wahrhaft patriotischen
Gesinnung und von dem Verderben, welches überall dem Partei- und
Hetaerienwesen folgt , ein lebendiges Bild entworfen hätte. Indes die
sittliche Macht im Volke erhebt sich, wie Bfittner so schön ausein-
andersetzt, noch einmal, bricht die Oligarchie und setzt die Demo-
kratie , aber mit der Beschränkung wieder ein , welche dem Thuky-
dides jene Worte grosser Anerkennung entlockt (Thuk. VIII, 97).
Nach des Verf. Ansicht soll die Zahl der 5000 keine dauernde Be-
schränkung enthalten ; sie wurde sofort als eine überschreitbare hin-
gestellt durch den Zusatz, es solle jeder zu ihr gehören wer eine
Rüstung besitze ; es war eine indefinite expression for a suffrage ex^
tensive^ but not universal. Diese Zahl bildete einen milden Ueber-
gang von der Oligarchie zu der alten Verfassung, welche nach Ver-
lauf von noch nicht Einern Jahre in ihre volle Thätigkeit wieder ein*
gesetzt ist , wie das ein Volksbeschluss bei Andok. de myster. 93 — 99
zeigt. Grote erklärt sich also gegen Hermann, der jene Wiederher-
stellung der unbeschränkten Demokratie, without any proöf^ erst
später , nach der Rückkehr des Alkibiades , erfolgen lasse. Die Auf-
hebung der Besoldung blieb jedoch , vermuthlich wegen Erschöpfung
der Gassen. Wiefern und innerhalb welcher Grenzen die Besoldung
während dieser 7 Jahre wieder eingeführt wurde , ist nicht zu sagen.
Doch erkennt der Verf. an , dass die Diobelie in dieser Zeit fortbe-
standen hat. Die Ansicht Grotes nähert sich hier sehr derjenigen,
welche
Wilhelm Vischer: Untersuchungen über die Verfassung von
Athen in den leiten Jahren des peloponnesischen Krieges ( Ba-
sei 1844)
ausgesprochen hat. Wachsmuth, Forclihammer , Peter, Scheibe und
Ros(^her hatten, mehr oder weniger Gründe beibringend, behauptet,
die gemässigte Demokratie habe bestanden bis zur Oligarchie der
Dreissig. Vi seh er prüft zuerst die Beweise für diese Ansicht und
zeigt durch genaue Erwägung derselben , dass nur der negative , sehr
bedenkliche , von dem Stillschweigen der Autoren über jene Rückkehr
zur absoluten Demokratie hergenommne übrig bleibe. Er geht sodann
zu dem positiven Beweise über, dass wirklich die alte Demokratie in
der Zwischenzeit durchaus in Geltung gewesen sei, dass die Be-
schränkungen in der That nicht mehr stattgefunden haben, welche
Thukydides als solche namentlich erwähnt hat. Diese sind l) die Be-
schränkang der höchsten Gewalt auf diejenigen ^ o% onXa TtaQixovxcci,
Von vorn herein wsir durch diese Besl\mmu\i% ^\^ Ti^^^ ^^^ %«^\*
Grote : history of Greece. 908
w^t aberschritten, und der Uebergang zum alten unbeschränkten Bür-
gerrecht angebahnt. Aber auch bei den wchi naqex'^iuvoi kann es
nicht sein Bewenden gehabt haben. Dieser politische Körper wird
nirgends mehr erwähnt, dagegen in dem Process gegen die Feldherrn
der dfjfiog oder auch l^^i^vcobi Ttavieg^ wie denn überhaupt der gause
Process der Weise der Demokratie aus Kleons Zeit aufs Haar ähnlich
sieht. 2) war die Soldzahlung aufgehoben und zwar jede, mit Aus-
nahme der (StQoxsvofUvoi. Die Diobelie ist wieder in roUem Gange,
wie uns Inschriften tehren; man muss vielmehr erwarten, dass der
Sold wieder eingeführt sei« Die Klage des Aristophanes in den Ekkie-
siazusen, als der edle Myronides den Staat leitete, habe niemand es
gewagt um Sold den Staat zu verwalten, hat keine Pointe, wenn kurz
vorher 7 Jahre lang der Sold sistiert ist. Die 2 Obolen in den Frd>
sehen möchte Vischer von einem aaf 2 Obolen reduderten Richter*
solde fassen; eine andere Stelle Vs. 1465 dagegen muss jedesfalls eine
Anspielung hierauf enthalten. 5) Thukydides erwähnt auch die Nie-
dersetzung von Nomotheten, freilich ohne irgend eine nähere Andeu-
tung über dieselben, ob sie als dne ausserordentliche i^xA anzusehn
sind oder nur besonders erwähnt werden, weil sie zu ausserordent-
licher Zeit ernannt sind. Wäre das erstere der Fall , so könnte ver-
muthet werden , dass sie di^ Restauration der alten Verfassung ver-
mittelt hätten. Wirklich finden wir bereits unter Archon Glankippus
410^—409 das Gesetz des Demophantus, welches die Demokratie zu
sichern bestimmt ist. Alkibiades hatte bei Kyzikns gesiegt, den Athe-
nern waren neue Hilfsquellen eröffnet und in der Siegesfrende mag,
wie einst nach den Perserkriegen, jede Schranke des allgemeinen
Bürgerrechts niedergebroehen sein. 4) endlich gibt V